Posts mit dem Label Schwedenpop werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schwedenpop werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 9. Februar 2018

Hater, Paris, 19.01.18

1 Kommentare

Konzert: Hater
Ort: Olympic Café, Paris
Datum: 19.01.2018
Zuschauer: etwa 100
Photos par Laurence Buisson ©, merci !



Erstes Konzert des Jahres. Auf dem Programm standen die jungen Schweden Hater, die aktuell auf Europatour sind und glücklicherweise einen Abstecher nach Paris machten. Am Morgen waren sie bereits um 6 Uhr aus Groningen aufgebrochen um in Paris noch etwas von dem Nachmittag zu haben. Wie der Drummer schmunzelnd erzählte waren sie unter anderem auf dem Sacré Coeur, ein Klassiker im Touriprogramm.




Hater kommen aus Malmö und sind zu viert unterwegs. Drei Jungen (Adam, Mans, Lukas) und ein Mädel, das erfreulicherweise das Quartett anführt. Caroline Lahndal heisst sie und sieht aus wie man sich landläufig eine typische Schwedin vorstellt. Recht gross, blond, blauäugig, hübsch. Ein lebenslustiges Mädel, das sowohl durch ihr charmantes Lächeln auch durch ihren süsslich infantilen Gesang bezaubern konnte.


Die gespielten Songs stammten von der Debüt EP Radius (2016), dem Album You Tried (2007) und der aktuellen EP Red Blenders und waren fast durchgängig Uptempo, Balladen suchte man im Programm vergeblich (falls man denn danach gesucht haben sollte). Gestoppt wurden sie am Anfang nur durch die Technik, denn Soundprobleme sorgten für eine längere Pause, die der bebrillte Drummer durch Stand up Comedy überbrückte. "Habt ihr Haustiere?" fragte er ins Rund um zu schlussfolgern: Falls ja, dann habt ihr wenigstens treue Freunde."



Danach flutschte es, die Stücke waren alle eingängig und wurden mit viel Druck gespielt, Sängerin Caroline zeigte durchaus Biss und Feuer, sie war nicht nur die nette, süsse Blondine. Ich bin sicher sie mag Kurt Cobain, sie hatte irgendetwas aus der Grunde Ära an sich.

Highlights waren Mental Heaven, das sehr dreampoppige First Time  und das sehr schnelle Radius, aber auch das Material von Red Blenders wie zum Beispiel das melancholisch-romantische Blushing wusste zu gefallen.

Wenn es etwas zu kritisieren gab, dann dass die Band noch ein wenig "grün" ist. Sie spielen noch nicht lange zusammen, können noch lernen und professioneller werden und auch mehr ihren ganz eigenen Stil entwickeln.

Das Ganze war aber einfach unverschämt charmant und melodisch, so dass das Fazit insgesamt auf jeden Fall positiv ausfiel.

Setlist:  

Blushing
Evan
Rest
Mental Haven
First Time
Cry Later
You tried
Radius
7
Mans
Heavy Hearts
#
#

Hier gibt es zwei Livevideo aus Paris:
http://www.ilovesweden.net/videos/concerts/hater-l-olympic-cafe_1141.html



Samstag, 1. Dezember 2012

First Aid Kit, Paris, 28.11.12

0 Kommentare


Konzert: First Aid Kit (Idiot Wind)
Ort: Le Trabendo
Datum: 28.11.2012
Zuschauer: volle Hütte, bestimmt 600
Konzertdauer: First Aid Kit 75 Minuten



Die Story des Konzertes der beiden nach wie jungen schwedischen Schwestern Söderberg alias First Aid Kit ist relativ schnell erzählt. Genau wie auf dem aktuellen Album The Lion's Roar ragten drei Songs besonders hervor: Der Titeltrack, der melodische Ohrwurm Emmylou und das auf Plate mit Conor Oberst eingespielte Stück King Of The World.


Conor kam heute nicht extra aus Omaha angeflogen, aber dafür gesellte sich Vorgruppensängerin Amanda Bergman aka Idiot Wind, ebenfalls aus Schweden,  zu den Söderbergs hinzu und schmetterte gemeinsam mit ihnen die Songzeilen aus voller Kehle. Eine von ein paar Highlights eines Konzertes, das mir über die gesamte Spieldauer von 75 Minuten aber doch etwas zu brav und zu rund ausfiel. Gesanglich war das eine fabelhafte Leistung, aber die Struktur der Lieder war doch recht herkömmlich,  Überraschungen, oder neue, spezielle Liverversionen, gab es keine. Fein säuberlich wurde das Programm runtergespult, hübsch gesungen und Gitarre bezw, manchmal sogar Autoharp gespielt und das Publikum ordentlich unterhalten. Das war für jeden etwas und so war dann die Zusammensetzung des Publikums auch dementsprechend gemischt. Zu den vielen blonden blauäugigen Schwedinnen (von denen es nie genug geben kann) gesellten sich auch ein paar ältere Semester, die wohl auf Grund der Harmoniegesänge an CSNY oder passenderweise an Emmylou Harris erinnert wurden.

Auch hinsichtlich des Auftetens von Klara und Johanna gab es nichts zu meckern. Johanna ließ ein paar sehr gut formulierte Vorstellungs-und Dankessätze auf französisch vom Stapel und mit sehr viel Geschick und Geschäftssinn wurde auch auf die Deluxe Edition von The Lions Roar passend zum Weihnachtsgeschäft hingeweisen. Das brachte die Leute zum Schmunzeln und verleitete wohl auch einige dazu, hinterher am Merch zuzuschlagen und das Machwerk zu ergattern, das mit 3 neuen Bonussongs (einer davon wurde heute gespielt), einer Live DVD, einem Poster (wow!) und einem Gitarrenplektrum (noch mehr wow!) aufwarten kann.

Und dennoch, meine Euphorie hielt sich in Grenzen: Hauptkritikpunkt: die meisten Songs von First Aid Kit klangen nach wie vor sehr stark nach den Fleet Foxes, die die beiden Mädels zu Beginn ihrer Karriere werbewirksam auf youtube gecovert hatten und dadurch entdeckt wurden. Zwar ließ man heute den Tiger Mountain Peasant Song weg und ersetzte ihn durch America,  ein Cover von Paul Simon ("the best singer/songwriter in the world", wie die Schwedinnen einstimmig meinten), aber sowohl hinsichtlich des Schlagzeugrhythmusses (es spielte heute auch ein Drummer für mehr Wucht) als auch der Art und Weise wie die Stimmen eingesetzt wurden, gab es mehr als deutliche Parallelen zu den Musikern aus Seattle. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis First Aid Kit wirklich ihren eigenen Stil finden. Paradoxerweise klang sogar ihr Cover eines Stückes von Fever Ray (When I Grow Up) eher nach den Fleet Foxes als nach der schwedischen Elektropopmusikerin.


Erwähnen wir aber noch einmal besonders die stärksten Momente. Unbestritten toll die in jeder Hinsicht perfekt vorgetragene Hitsingle Emmylou, bei der Klara ganz hervorragend sang, The Lions' Roar, bei dem die langen dunkelblonden Haare von Johanna in Headbanger-Manier durch die Luft wirbelten und das oben erwähnte King Of The World. Zusätzlich wusste die a capella Ballade Ghost Town zu gefallen, bei der man die Schwestern endlich einmal eng zusammen sah. Ansonsten waren sie mir immer zu weit auseinander. Gemütlicher und herzerwärmender wäre es gewesen, wenn sie immer weniger Sicherheitsabstand zueinander eingehalten hätten.

Unter dem Strich also bei Abwägung aller Pros und Kontras ein ziemlich gutes Konzert, das ich mit 7 von 10 Punkten bewerten würde. Da die beiden Schwestern aber noch so wahnsinnig jung sind und sie zweifelsohne sehr viel Talent haben, ist da in Zukunft noch Luft nach oben. 

Setlist First Aid Kit, Le Trabendo, Paris

01: In The Morning
02: Blue
03: Hard Believer
04: Our Own Pretty Ways
04: Marianne's Son
06: New Year's Eve
07: Ghost Town (akustisch)
08: To A Poet
09: Wolf 
10: When I Grow Up (Fever Ray)
11: Emmylou
12: I Met Up With The King
13: The Lion's Roar

14: America (Paul Simon)
15: Sailor Song
16: King Of The World (mit Idiot Wind)



Sonntag, 23. September 2012

Amanda Mair, Paris, 21 & 22.09.12

2 Kommentare

Amanda Mair
Orte: Le Môtel und L'Institut Suédois, Paris
Daten: 21 & 22.09. 2012
Zuschauer: Môtel: etwa 30, Institut Suédois gut 200
Konzertdauer: jeweils etwa 35 Minuten



Hätte ich das Debütalbum der extrem jungen Schwedin Amanda Mair (wie alt ist sie? 17? 18?) vorher gehört, wäre ich höchstwahrscheinlich nicht zu ihren beiden kurzen Pariser Konzerten an diesem Wochenende gegangen. Viel zu glatt und poppig ist das Ganze geworden, ohne jede Ecke und Kante, überzuckert und mainstreamlastig produziert. Allein schon das Cover, wie eine Werbung für ein Deo!



Vielleicht war dies auch der Grund, daß das ursprünglich in der 500 Zuschauer fassenden Flèche d'or zusammen mit Helio Sequence (USA) geplante Konzert am Freitag weger schwacher Vorverkaufszahlen gecancelt wurde. Zum zweiten Mal in diesem Jahr im Übrigen, denn schon vor ein paar Monaten war Amanda Mair (damals mit La Sera) hier angesetzt gewesen, bevor der Gig kurzfristig abgesagt wurde.



Die arme Amanda, nun musste sie ersatzweise mit dem winzigen Le Môtel vorlieb nehmen. Ein eher ranziger Ort, in dem sich in der Regel kleine französische Indiebands vor ein paar Freunden abmühen und erste Erfahrungen sammeln. Allerdings auch eine Kultstätte, weil hier viele Musiker verkehren, die Location als After Show-Ort sehr beliebt ist und hier auch schon Asse wie Liz Green, Loney Dear, Mina Tindle und Peter Doherty gespielt haben.



Als ich gegen 21 Uhr ins Môtel eintrat, spielte Amanda auf der winzigen Bühne gerade ihr erstes Lied auf ihrem elektrischen Piano. Die Köpfe der bereits anwesenden Leute vor mir erschwerten mir den Blick auf die Sängerin. Erst später konnte ich erkennen, wie puppig das Küken aussah. Aber Pluspunkte für niedliches Aussehen wollte ich heute, wie auch sonst, keine verteilen.



Mir fiel ziemlich bald unangenehm auf, daß viele Leute, die auf den Sofas rumhingen, laut plapperten. Das war in diesem winzigen Raum besonders störend, da man teilweise Schwierigkeiten hatte, den Gesang und die Ansagen zwischen den Songs zu verstehen. Dabei war die Stimme von Amanda wirklich schön. Den in der Presse oft gebrachten Kate Bush-Vergleich konnte ich allerdings nicht nachvollziehen, ich hörte wenn überhaupt gewisse Parallelen zu Frida Hyvönen, vielleicht auch deshalb, weil beide Pianistinnen sind. Allerdings waren die Texte von Amanda weit von dem herrlichen Zynismus und der Ironie von Frida entfernt. Ihre Lieder drehten sich um den typischen Liebeskummer bei Teenagern und ähnliche Themen. Allerdings muss man bedenken, daß Amanda beim Schreiben der Lyrics teilweise erst 15 Jahre alt gewesen ist und man insofern kaum ein reifes Songwriting erwarten kann. Milde im Urteil ist also gefragt und es wäre ungerecht, Amanda Mair jegliches Talent abzusprechen. Ich traue es ihr durchaus zu, in den nächsten Jahren bessere Texte zu schreiben und auch interessantere Arrangements hinzukriegen. Die Stimme ist da, das Gefühl auch und das Pianospiel wußte ebenfalls zu betören.



In der Vergleich zum Album reduzierten Variante gab es ein paar Lieder mit Potential. Skinnarvisberget, ein Lied über einen Berg (klar!) bei Stockholm und Leaving Early gehörten sicherlich dazu. Letztgenannter Titel hatte wirklich eine gute Melodie und zumindest die Qualität eines "guilty pleasure".



Am nächsten Tag spielte Amada dann das Ganze nochmal im äußerst gut besuchten schwedischen Kulturinstitut. Diesmal musizierte sie an einem wundervollen klassischen Konzertflügel und nun konnte man auch ihre Stimme deutlich besser und nuancierter hören. Die Leute standen dicht an dicht, hörten bis auf wenige Ausnahmen still und bedächtig zu und spendierten der jungen Dame ordentlich Beifall. Hier wurde nochmal deutlich, daß Amanda Mair Talent hat und zukünftig definitiv in der Lage sein wird, bessere Alben zu produzieren. Sie müsste sich mit den richtigen Leuten umgeben, vielleicht mal Loney Dear oder Anna Ternheim zu Rate ziehen und fragen, wie die ihre Songs schreiben. In der schwedischen Musikszene gibt es so viele gute Künstler, da muss es doch möglich sein, der hübschen Amanda auf die Sprünge zu helfen, oder etwa nicht?

Setlist Amanda Mair, Le Môtel, Paris:

01: Doubt
02: You've Been here Before
03: House
04: Before
05: Leaving Early
06: Sense 
07: Skinnarviksberget




Donnerstag, 29. März 2012

Dum Dum Girls & Masquer & Mensch, Paris, 27.03.12

2 Kommentare

Konzert: Dum Dum Girls & Masquer & Mensch
Ort:Le Divan Du Monde, Paris

Datum: 27.03.12

Zuschauer: etwa 400

Konzertdauer: Dum Dum Girls 50 Minuten, die beiden anderen etwa 40 Minuten



Alle sprachen sie nur von der neuen Bassistin der Dum Dum Girls. Obwohl, was heißt hier schon "alle"? Die lüsternen Männer natürlich, ich mittendrin. Die glotzten die dunkelhaarige Schönheit namens Malia an, bis ihnen die Augen aus dem Kopf fielen. Wenn sie nicht gerade die Gitarristin Jules begafften und hofften, daß sie sich umdreht, damit sie ihren Hintern begutachten konnten. Der fiel nämlich halb aus dem schwarzen Slip raus.

Ja, es gab wirklich viel zu sehen, bei den vier heißen Dum Dum Girls aus Kalifornien. Trendiger Fummel, lange Beine, wohlgeformte Hinterteile und eine laszive Bühnenshow zogen die Blicke an. Übrigens nicht nur die der Männer, auch viele Frauen im Publikum standen auf das coole Image der Girlgroup.

Stellte sich natürlich sofort die Frage, ob bei soviel Modenschau auch die Musik was taugte? Und glücklicherwiese konnte ich zumindest für den heutigen Abend guten Gewissens: "ja" sagen. Zwar hatte ich auch live Probleme, über die banal-süßlichen Texte hinwegzusehen, erfreute mich aber an der ungemein zackigen Darbietung, der ungewöhnlich hohen Spielfreude der Dum Dum Girls und dem Punch der tollen Schlagzeugerin Sandy, die von hinten massiv Druck machte und die Mädels vorne pausenlos anpeitschte. Da war wirklich Zug drin, wurde einem keine Sekunde zum Verschnaufen gegeben. Die vier Girls feuerten die Songs ab wie aus einem Maschinengewehr, spielten tight und dynamisch auf und kommunizierten sogar bisweilen untereinander, ein Novum für mich. Sängerin Dee Dee und Gitarristin Jules lieferten sich ein paar Phasen wilde Gitarrenduelle und erhöhten die ohnehin schon hohe Temperatur im gut gefüllten Divan Du Monde noch einmal um ein paar Grad. Die Kameras der Fotografen klickten unablässig, jeder wollte den Schuß schlechthin landen.

Und die Songs erfuhren live noch eimal ein uplifting, kamen wirklich gepfeffert rüber. Waste Away und Bhang Bhang, I'm Burnout hießen die Highlights, die auch eine kitschige Schnulze wie Teardrops On My Pillow vergessen machten.

Das Allerbeste hatten sich die Kalifornierinnen aber für die Zugabe aufgehoben. Coming Down berauschte durch seine melodisch-sphärischen Gitarren wiklich ungemein, vor allem auch durch die super Passage, in der Dee Dee langgezogen "here I go" intonierte und dabei ihren Mund bis zur Schmerzgrenze aufriss.

Dann war Schluß und ich um die Erkenntnis reicher, die Dum Dum Girls zu früh abgeschrieben zu haben. Vielleicht halten die sich tasächlich doch länger, als ich dachte.

Vor den Dum Dum Girls waren aber noch zwei andere Acts an den Start gegangen.

Eröffnet hatten Masquer, ein gemischtes Duo aus Schweden, das passablen, aber nicht weltbewegenden Neo New Wave im Stile der 1980 er Jahre spielte. Kicki Hamlos am Keyboard und Pelle Lundqvist an der Elektrischen verrieten stilistisch ziemlich schnell, daß sie viele Platten von The Cure und New Order gehört haben müssen. Keine schlechten Referenzen, aber leider war hier alles relativ leicht vorhersehbar und ohne die Lieder vorher zu kennen, war mir immer schon nach ein paar Takten klar, wohin die Reise gehen würde.

Mensch, ein weibliches Duo aus Paris (Vale Poher + Bassistin) waren da schon einfallsreicher, erweiteren ihren Post Punk Sound um noisige und garagige Momente und boten ein fetziges Set ohne Schnörkel. Leider war aber der Akzent der Sängerin im Englischen sehr stark ausgeprägt, so daß der Gesamteindruck darunter etwas litt. Zum Abschluß spielten die beiden ein instrumentales Joy Division Cover (She's Lost Control) zu Ehren des Organisators des Festivals, Stéphane Amiel.

Unter dem Strich ein gelungener Abend im Divan Du Monde, der seinen Abschluß in einer Kneipe im verruchten Pigalle Viertel fand, wo man dann auch noch einmal die Dum Dum Girls sehen konnte. Verflucht, die neue Bassistin ist wirklich zu süß!

Aus unserem Archiv:

Dum Dum Girls, Paris, 23.07.10
Dum Dum Girls, Barcelona, 28.05.10
Dum Dum Girls, Paris, 20.05.10



Samstag, 28. Januar 2012

Mo' Fo' Festival, Saint Ouen bei Paris, 27.01.12, mit Loney, Dear u. Radical Face

3 Kommentare

Konzert: Mo' Fo' Festival 2012 mit Loney, Dear, Radical Face u.v.a.
Ort: Mains d'Oeuvres Saint Ouen bei Paris
Datum: 27.01.2012
Zuschauer: relativ gut besuchte Veranstaltung
Konzerte von 18 Uh 30 bis 24 Uhr


Och, menno! Verpennt! Da lege ich mich abends noch für 10 Minuten aufs Bett, lese ein wenig und aus den 10 Minuten wird ein 90 minütiger Tiefschlaf. Resultat: ich breche viel zu spät zum Mo' Fo' Festival vor den Toren von Paris auf und verpasse ausgerechnet meinen Liebling Loney, Dear! Aber die Müdigkeit, die ich durch die unzählbaren nächtlichen Konzertbesuche in den letzten 5 Jahren aufgebaut habe, ist nun nur noch schwerlich zu kaschieren und kompensieren. Ich bin oft platt wie 'ne Flunder, ausgelaugt, kraftlos. Eine Runde Mitleid? Nö, ist schon ok. Denn der Spaß, den die Konzertbloggerei nach wie vor macht, wiegt die Nachteile locker wieder auf. Dennoch frage ich mich manchmal, ob es sich wirklich lohnt, so viel Energie in die Sache zu investieren. Fast immer beantworte ich mir die Frage allerdings nach 10 Minuten selbt: ja, es lohnt sich!

Gedanken dieser Art gehen sicherlich nicht nur Bloggern, sondern auch sehr vielen Indiemusikern durch den Kopf. Lohnt es sich wirklich für solch kleine Gagen und solch mickrige CD-Verkäufe durch die ganze Welt zu touren? Massenweise Kraft zu lassen, in schäbigen Hotles, oder im Tourbus zu pennen, ständig müde und ausgepowert zu sein?

Fragen, die sich Emil Svanängen aka Loney Dear sicherlich auch schon gestellt hat. Bei seinem letzten Konzert in Paris hatte er wirklich schwer zu kämpfen. Er war nur mit seiner Backgroundsängerin Susanna erschienen, musste selbst neben der Gitarre die Trommel betätigen und die für ihn ungewohnte Looptechnik verwenden. Dabei unterliefen ihm viele Fehler und er tat mir fast ein wenig leid. Heute in Saint Ouen bei Paris hatte er aber immerhin wieder eine richtige Band am Start. Drummer Ola Hultgren (Ane Brun, Thus:Owls. etc.) war genauso an Bord wie Susanna und ein Bassist. Von dem Set der vier Musiker bekam ich aber durch meine Pennerei auf dem Bett nur noch zwei Lieder mit. Wengistens erklag noch Violent (I knever knew one like you"), eine funkelnde Perle von Dear John (2009), bevor I Dreamed About You das nicht sehr lange (nur 9 Lieder) Konzert beschloß.

Setlist Loney, Dear, Mo' Fo Festival 2012:

01: Name
02: I Was Only Going Out
03: My Heart
04: Everything Turns To You
05: Young Hearts
06: Loney Blues
07: D Major
08: Violent
09: I Dreamed About You




Nach kurzem Umbau nahmen drei Amerikaner die Bühne ein. Ihr Name: Radical Face. Live eine Band, ansonsten aber eher das Projekt des Singer/Songwriters Ben Cooper. Ein kräftiger, erdig wirkender Bursche mit Karohemd, uncoolen Turnschuhen und Beinahe-Glatze. Man hätte ihn bedenkenlos für einen Kanadier halten können, aber er kommt aus Jacksonville, Florida, einer Stadt, zu der er trocken bemerkte: "there are a lot of alligators and old people. That's it actually."

Nun ja, nach dem heutigen Konzert konnte man hinterher gut und gerne sagen: aus Jacksonville kommen blutrünstige Alligtoren, unter Rheuma leidende Rentner mit ordentlich gefülltem Geldbeutel und ... Radical Face! Der Auftritt war nämlich spitze und zwar durchgängig! Wer das 2007 er Album Ghost (erschienen auf dem tollen Berliner Label Morr) kannte, erwartete verhuschten, melancholischen Dream Pop mit folkiger und bisweilen leicht experimenteller (die Geräusche) Note, wurde aber mit einem im Vergleich zur Konserve erfreulich knackigen und indierockigen Auftritt beglückt. Ohne das melancholische Element zu verlieren, gingen die drei Amerikaner beherzt zur Sache und ließen es ab und an richtig krachen. Ben sang auch fester und eindringlicher als auf den Studioversionen und das fetzige Schlagzeug sorgte zusätzlich für Dynamik. Dennoch war das Konzert vor allem eines: nahegehend. Man spürte viel Verletztlichkeit im Gesang und den Texten von Cooper, obwohl er bei den Ansagen zwischen den Liedern immer mal wieder Witzchen machte* und oft lächelte, hatten wir es hier mit einem schwermütigem Zeitgenossen zu tun, der sich durch seine Musik vermutlich selbst therapiert. Weinerliche und gerade deshalb hochgradig tolle Musiker wie Elliott Smith, Bright Eyes oder Villagers kamen einem in den Sinn, aber auch amerikanische Collegerockbands standen Pate für den Sound von Radical Face.

Songtechnisch wurden sowohl Stücke von Ghost als auch von The Family Tree: The Roots und den EPs gebracht. Am stärksten fand ich Winter Is Coming, weil es da einfach alles gab, was das Herz begehrte. Melodica, eine wunderschöne sanft-traurige Melodie, einen gefühlvollen Gesang und furiose Gitarren.



Dabei war das später gespielte Welcome Home der eigentliche Hit (eine folkige Mitsinghymne), für den wohl viele gekommen waren. Aber streiten wir uns nicht, das Konzert war gleichmäßig gut und hinterher brauchte ich unbedingt das mir fehlende Album The Family Tree: The Roots, das es für schlappe 10 Euro am Merch zu erweben gab.


Wo wir wieder bei der eingangs gestellten Frage wären: warum machen Musiker das? Um drei CDs bei einem kleinen Festival zu verkaufen nach Europa zu kommen und eine Gage einzustreichen, mit sie vielleicht gerade ein mittelmäßig prickelndes Hotel bezahlen können? - Weil sie Idealisten sind, genau wie wir Blogger (ich lob mich gerade selbst, habt ihr's gemerkt?). Schön, daß es solche Lebenskünstler gibt, sonst wäre die Welt voller Steuerberater und Anwälte. Oder so.

Setlist Radical Face, Mo' Fo' Festival 2012:

01: A Pound Of Flesh
02: Wrapped In Piano Strings
03: Ghost Towns
04: Black Eyes
05: Doorways
06: Winter Is Coming
07: Severus And Stone
08: Always Gold
09: Welcome Home


* "Mo' Fo' Festival? I thought it meant Mother Focker Festival. But I learned that it stands for More Folk Festival."

Aus unserem Archiv:

Loney, dear, Paris, 19.11.11
Loney, dear, Paris, 03.07.10
Loney, dear, Paris, 02.07.10
Loney, dear, Haldern, 14.08.09
Loney, dear, Paris, 03.03.09
Loney, dear, Paris, 18.01.09
Loney, dear, Köln, 12.11.08
Loney, dear, Haldern, 08.08.08
Loney, dear, Frankfurt, 11.05.08
Loney, dear, Paris, 12.11.07
Loney, dear, Haldern, 04.08.07
Loney, dear, Paris, 15.05.07

Konzerttermine Radical Face:

01.02.2012: Paradiso, Amsterdam (mit Benjamin Francis Leftwich)
02.02.2012: Vera, Groningen
(mit Benjamin Francis Leftwich)
03.02.2012: Prinzenbar, Hamburg (mit Benjamin Francis Leftwich)
04.02.2012: Nordportal, Baden, Schweiz, One Of A MillionMusikfestival
04.02.2012: Roter Salon, Berlin
(mit Benjamin Francis Leftwich)
05.02.2012: Stadtgarten, Köln (mit Benjamin Francis Leftwich)
07.02.2012: Atomic Café, München (mit Benjamin Francis Leftwich)



Sonntag, 16. Oktober 2011

Ane Brun, Paris, 15.10.11

0 Kommentare

Konzert: Ane Brun (Linnea Olsson)

Ort: Le Trianon, Paris

Datum: 15.10.2011
Zuschauer: mindestens 800

Konzertdauer: Linnea Olsson etwa 30 Minuten, Ane Brun satte 110 Minuten


Wow! Das war ganz fantastisch! Ane Brun und ihre Band spielten im wundervollen Trianon (das renovierte Theater, in dem kürzlich bereits Alela Diane geglänzt hatte) und legten eine formidable Show aufs Parkett. Die in Schweden lebende Norwegerin ist auf dem Weg zum Star, mit jedem Album ein wenig mehr. Über kurz oder lang wird sie weltweit noch größere Locations füllen. Zu Recht, denn sie ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich gut, das hat sie heute eindrucksvoll bewiesen. Die Schweden sollten Ane Brun ein- und die käsige Lykke Li ausbürgern, dann hätten sie was für die Musikkultur in ihrem Lande getan! Aber die Brun will ja Norwegerin bleiben, dies ist ihre Heimat, wie sie betonte und dann prompt auch ein Lied in ihrer Muttersprache folgen ließ.

Du Gräter Sa Store hieß es und war einer der vielen Höhepunkte eines fulminanten Sets, das bereits mit dem bildhübschen Opener These Days einen Traumstart hinlegte.

Die Brun war kurz nach dem Einlaufen ihrer mehrköpfigen Band zunächst mit einem schwarzen Cape über dem Kopf erschienen, das aber in der weiteren Folge von ihr abgelegt wurde. Oben trug sie eine hellblaue Seidenbluse und unten eine extrem hoch sitzende und weit geschnittene Hose. Der Look hatte etwas Gothisches, erinnerte aber auch an eine trauernde Witwe. Ihre In-Szene-Setzung war packend, die Mimik ausdrucksstark und die Lichtshow perfekt zur weltentrückten Stimmung passend. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen, ich bin sicher, daß die Bühnenklamotten von einer Designerin geschneidert wurden, die Choreografie vorher einstudiert wurde und hinsichtlich des Lichts konnte man am Ende der Show erfahren, daß Ane Brun hierfür extra eigene Leute eingesetzt hatte. Ein aufwändiges, kostspieliges, gut geöltes Spektakel, das höchste Professionalität von allen Beteiligten erforderte. Freunde amateurhaften Charms und Spontaneität kamen hier vermutlich nicht auf ihre Kosten, aber mir persönlich gefiel es nach etlichen kleinen Clubkonzerten mit den vielen kleinen liebenswürdigen Pannen zur Abwechslung auch einmal ganz gut, eine durchinszenierte Show zu erleben. Zumal trotz der phasenweisen Opulenz die herzerwärmenden, intimen Momente nicht fehlten. Zwar gab es gleich zwei Drummer (darunter Ola Hultgren von Loney, Dear), aber von einem wuchtigen Donnersound konnte man dennoch nicht sprechen. Die Schlagzeuger varrierten vielmehr sehr schön ihr Spiel und waren auch für viele kleine feine Momente zuständig. Triangel, Glöckchen, Schneebesen, kein Gimmick wurde ausgelassen, um Magie und Subtilität herbeizuzaubern. Und dann war da natürlich das absolut wundervolle Cellospiel von Linnea Olson, die zuvor das Vorprogamm bestritten hatte. Sensationell wie sie strich, zupfte und klopfte und die herrlichsten Wohlklänge aus ihrem Saiteninstrument in die Höhe steigen ließ. Linnea sang auch tatkräftig im Background mit, genau wie die Hut tragende Keyboarderin Jennie Abrahamson und zusammen mit Anes kraftvoller Stimme entstanden göttliche Harmoniegesänge. Aber nicht nur die Damen in der Runde bezauberten, sondern auch der junge Herr am Piano, der so manche ohrwurmige Melodie erklingen ließ und ab und zu auch Akkordeon spielte.

Letztlich also eine Mannschaftsleistung, zu der nichtsdestotrotz die Anführerin Ane Brun den Löwenanteil beitrug. Ohne ihre herrliche Countrystimme wäre das Konzert nur halb so gut geworden. Mal brüchig, mal glockenklar, dann aber auch wieder fest und powervoll, ihr Kehlchen war in jeder Situation perfekt und jederzeit betörend.

Stilistisch wurde auf gelungene Weise variiert. Es gab episch aufgebaute Songs voller Dramatik (The Light From One), aber auch reduzierte Balladen (Words) und stimmungsvolle Popsongs (Do You Remember, sehr sixtieslastig) kamen nicht zu kurz.

Gegen Ende hin wurde das ohnehin schon hochkarätige Set immer besser und besser. Die allererste Zugabe, ein Cover des Alpahville Hits Big In Japan, war hinreißend und stärker als das Original und Lied 19, The Light From One einfach unwiderstehlich.Die brüchige Stimme von Ane und das einfühlsame Piano gingen eine solch betörende Hochzeit ein, daß mein Puls deutlich schneller schlug. Der Song verdichtete sich dramatisch, der Chorgesang wurde lauter und lauter und zum Schluß spielten nur noch die beiden Drummer weiter, während Ane und die anderen schon längst die Bühne verlassen hatten.

Die Norwegerin kam aber noch einmal wieder, performte noch zwei weitere Stücke und setzten mit dem Kleinod Undertow den Schlußpukt unter ein absolut denkwürdiges, stark bejubeltes (standing ovations!) Konzert, in das Linnea Olson glänzend eingeleitet hatte.

Von ihrem Auftritt möchte ich in Kürze auch noch etwas mehr berichten. Stay tuned und geht vor allem zu den Konzerten in Köln und Hamburg!

Setlist Ane Brun, Le Trianon, Paris:

01: These Days
02: One
03: Worship
04: Words
05: To Let Myself Go
06: Puzzle
07: This Voice
08: Don't Leave
09: Oh Love
10: Dirty Windshield
11: Life Line
12: Humming
13: What's Happening
14: Do You Remember?

15: Big In Japan (Alphaville)
16: Changing Of The Seasons/Treehouse
17: Du Gräter Sa Store
18: Ballon Ranger
19: The Light From One

20: The Fall
21: Undertow

Zur Einstimmung das absolut tolle Video von Valerie Toumayan

Ane Brun - The Light From One (live at Cirkus Stockholm) from valerie toumayan on Vimeo.



Aus unserem Archiv:

Ane Brun, Paris, 17.11.09
Ane Brun, Paris, 19.04.08
Ane Brun, Köln, 14.04.08


Foto: Archiv. Aktuelle Pics und ausführlicher Bericht in Kürze.

Ausgewählte Konzerttermine Ane Brun (ohne Gewähr):

17.10.2011: Botanique, Brüssel
18.10.2011: Melkweg, Amsterdam
19.10.2011: Stadtgarten, Köln
20.10.2011: Café Keese, Hamburg




Sonntag, 19. Juni 2011

Prince Of Assyria, Paris, 15.06.11

2 Kommentare

Konzert: Prince Of Assyria

Ort: Le Café de la Danse, Paris
Datum: 15.06.2011
Zuschauer: etwa 250
Konzertdauer: um die 90 Minuten


Ich müsste lügen, wollte ich behaupten, daß ich das Konzert von Prince Of Assyria im Pariser Café de la Danse am Anfang mit Aufmerksamkeit und Spannung verfolgt hätte. Bleiben wir also lieber gleich bei der Wahrheit: ich habe mich gräßlich gelangweilt, schlimmer noch, ich bin eingeschlafen und zwar tief und fest!

Ninos Dankha, ein aus dem Irak stammender Schwede, war hierfür verantwortlich. Der Bart-und Brillenträger, der unter dem Moniker Princee Of Assyria fungiert, lullte mich mit seinem melancholischen Zeitlupenpop à la Tindersticks förmlich ein. Man stelle sich die Band von Stuart A.Staples noch fünf mal lahmer und lethargischer vor, als sie ohnehin schon ist, um sich eine Idee vom Stil von Prince Of Assyria zu machen. Das reine Narkoleptikum!

Zusammen mit zwei Mitmusikern am Piano und Cello zelebrierte Dankha die Kunst der Anästhesie ohne Spritze. Mein Schnarchen hat man wahrscheinlich noch in den oberen Rängen des Café de la Danse ghört, obwohl ich in der ersten Reihe saß (oder besser lag). Dann aber rüttelete ich mich wach, latschte nach oben, um mir eine Cola in den durstigen Rachen zu gießen und kam etwas frischer wieder runter. Das Publikum zeigte sich unterdesse erstaunlich angetan von den durchgängig getragenen Songs des Skandinaviers. Frenetisch jubelten sie, wenn der Mann mit der Baritonstimme seine Stücke beendet hatte. Ich fragte mich, ob sie ein anderes Konzert als ich hörten, oder ob ich einfach so müde war, daß ich nicht auf meine Kosten kam. Ich schaute meinen Freund Michael an, der sich ebenfalls gräßlich langweilte...



Dann aber fand ich den Sänger von Minute zu Minute sympathischer. Total lustig, wie er sich fast wie ein kleiner Junge freute, wenn das Publikum applaudierte. Herrlich selbstironisch, als er Achsel zuckend fragte: "Wollt ihr wirklich noch mehr? Seit ihr noch nicht gelangweilt?" Nicht mehr gelangweilt hätte es für mich heißen müssen, denn nun plötzlich fing ich an, das Konzert zu genießen. Es galt nun nicht mehr "Sleep Tight" (der Titel eines Songs), sondern Tears Of Joy (ein anderes Stück). Nun ja, fast. Freudentränen habe ich zwar keine vergossen, aber ich konnte den einfühlsamen Balladen so einiges abgewinnen. Erinnerten sie nicht an die ruhigen Stücke von The National? Oder auch an Nick Cave? Und war nicht das Cellospiel herzerwärmend, die Texte nahegehend ("love is not negociable"), überhaupt Prince Of Assyria eine wirklich interessante Entdeckung? Doch! Es war einfach meine Schuld, daß ich so müde und apathisch in dieses Konzert gegangen bin.

So zog ich am Ende doch noch ein positives Fazit und bin inzwischen sogar so neugierig geworden, daß ich das Album Missing Notes (2011) haben muss. Hört euch mal die Songs auf der MySpace Seite von Prince Of Assyria in Ruhe an, da gibt es wirklich Perlen (Whatever You Want, Another Love Song, Tears Of Joy) zu entdecken. Wer waren noch einmal Stuart Staples? Matt Berninger?

Setlist Prince Of Assyria, Café de la Danse, Paris:

- quasi alle Songs seines Debüts Missing Notes + 2 Cover des assyrischen Sängers Ashur Bet Sargis.



Samstag, 11. Dezember 2010

Rebekka Karijord, Paris, 10.12.10

0 Kommentare

Konzert: Rebekka Karijord

Ort: Galsrock, Paris

Datum: 10.12.10

Zuschauer: 16 Konzertdauer: etwa 35 Minuten


Ich necke gerne einmal meinen Pariser Konzertgängerfreund Michael, wenn ich ihm (natürlich völlig zu recht) unterstelle, daß er überall dort aufkreuze, wo eine schöne Frau spielt. Er guckt dann immer etwas säuerlich und behauptet steif und fest (hi hi), daß er nur wegen der Musik und der Stimme gekommen sei. Da muss ich dann immer heftig schmunzeln und mich innerlich ermahnen, nicht weiter zu sticheln. Zumal ich ihn ja nicht zufällig treffe, sondern weil ich ebenfalls den zarten Folk-Ladies hinterherjage. Bei mir ist das aber kein Stalken und auch keine erotische Schwärmerei. Natürlich nicht. Schließlich bin ich glücklich verheiratet und brauche deshalb auch keine dieser Sexpuppen, die auf dem Weg zu Galsrock im Pigalleviertel zum Verkaufe angepriesen werden. Es ist vielmehr ein ästhetisches Empfinden, daß mich zu den zerbrechlichen Folksängerinnen treibt. Wenn eine Dame auf einer Harfe spielt, oder auf einem Piano klimpert, ist das für mich der Gipfel der Anmut und Eleganz. Noch wichtiger als die reine Ästhetik ist aber der Trost, den mir weibliche Stimmen spenden. Angefangen hat diese Hingezogenheit mit Sandy Denny. Bis vor wenigen Jahren konnte ich mit dem Hippietum und den klassichen Folkeusen nicht viel anfangen. Als ich aber 2004 Like an Oldfashioned Waltz von Sandy Denny gehört habe, war ich völlig hin und weg. Wieviel Schönheit und Güte, aber auch Leid und Melancholie in dieser Stimme lag! Ich kaufte CDs von ihr und ihrer Band Fairport Convention und erlag auch Klassikern wie Late November und Who Knows Where The Time Goes. Sandy ist lange tot (sie ist sehr tragisch und jung gestorben), aber glücklicherweise gibt es ein paar zeitgenössische Sängerinnen, die würdige Nachfolgerinnen sind. Rachael Dadd bespielsweise, aber auch Mia Doi Todd, Nina Nastasia, Sharron Kraus oder Serafina Steer. Mit Serafina Steer (auf dem Foto) verbindet die heute in Paris auftretende Rebekka Karijord das Spielen auf einer Harfe. Rebekka zupft zumindest bei einigen Lieder auf diesem erlesenen Instrument, wenn sie auch ansonsten eher Pianistin ist.

Los ging das Ganze gegen 21 Uhr 30. Nur ein paar Mitbürger, die ebenfalls auf skandinavische Musik abfahren, hatten sich in dem auf weibliche Musikerinnen spezialisierten Laden Galsrock eingefunden. Unter ihnen Valerie Toumayan, ihres Zeichens brillante Videofilmerin mit Herz für Schweden. Gerade erst hat sie ein wunderbares Dokumentarwerk namens Sounds Of Stockholm fertiggstellt, in dem sie unter anderem Those Dancing Days, Ane Brun und Friska Viljor porträtiert. Neben Valérie war auch David da, der den schönen Blog Starsareunderground betreibt. Ansonsten befanden sich höchstens 10 weitere Leute in dem Laden. Deshalb wartete Rebekka auch noch etwa 15 Minuten mit dem Beginn, stellte dann aber fest, daß es bei dieser sehr intimen Runde bleiben sollte.



Sie starte mit einem Stück auf dem Piano. Bei der traumhaft schönen Ballade Wear It Like A Grown wurde man unverzüglich Zeuge ihrer phänomenalen Stimme. Fest, schwebend, hypnotisierend, nuancenreich und mit einem warmen Timbre versehen. Das Lied kannte ich genauso wenig, wie die anderen Stücke, die folgen sollten. Bei der Karijord war ich noch Novize, was CDs angeht, obwohl sie inzwischen bereits 3 Alben auf der Habenseite verbuchen kann. Allerdings ist nur der aktuelle Opus The Noble Art Of Letting Go in Frankreich erschienen, die beiden Vorgänger bekam man wohl nur in Skandinavien. Als Skandinavierin bezeichnet man dan wohl auch am besten Rebekka Karijord, weil sie in Norwegen aufwuchs, dann aber nach Schweden rübermachte. Insofern gibt es Parallelen zu ihrer Kollegin Ane Brun, die ebenfall aus Norwegen stammt, aber seit Jahren Schweden ihre Heimat nennt. Bloß, daß die Brun keine Harfe spielt. Rebekka schnappte sich dieses feine Saiteninstrument, um das betörende Paperboy vorzutragen. Das zarte Pluckern beruhigte mich außerordentlich. Ich schloß die Augen und überließ mich ganz der Stimme von Rebekka und ihrem grazilen Spiel. Gerne hätte ich noch zwei Stunden zugehört, aber nach etwa 35 Minuten war dann leider auch schon Schluß. Zuvor hatte die Musikerin aber auch noch mit einem gut gemachten Cover geglänzt. Smells Like Teen Spirit klang bei ihr ganz anders als bei Kurt Cobain, aber nicht weniger intensiv und aufrüttelnd.



Insgesamt ein toller Showcase! Lohnt sich immer wieder, bei zarten Folksängerinnen auf der Matte zu stehen, gelle Michael?

Setlist Rebekka Karijord, Galsrock, Paris:

01: Wear It Like A Crown
02: This Anarchistic Heart
03. Paperboy
04: Smells Like Teen Spirit
05: The Noble Art of Letting Go
06: Everlasting



Donnerstag, 9. Dezember 2010

Sister Fay, Paris, 08.12.10

0 Kommentare

Konzert: Sister Fay

Ort: Au P'tit Bonheur La Chance (18, rue Laplace, Paris 5ème)
Datum: 08.12.2010
Zuschauer:18
Konzertdauer: mindestens 90 Minuten


Das Schnee-Chaos hat nun auch Paris erreicht. Am heutigen 8. Denzember 2010 wurde der Eiffelturm für Besucher geschlossen, Flüge gestrichen und Busse verkehrten nur unregelmäßig. Ein Tag, um sich ins Bett zu legen und die Decke über den Kopf zu ziehen. Nach erledigter Arbeit tat ich dies dann auch und wurde nach gut einer Stunde Tiefschlaf erst gegen 19 Uhr 30 wieder wach. Zu spät, um den Showcase von SuperBravo in der Boutique Galsrock zu sehen, den ich eigentlich eingeplant hatte. Was jetzt? Zu Hause bleiben? Oder zu Frankie Rose and The Outs ins Point Ephémère marschieren? Da fiel mir ein, daß mir mein Musikfreund Ollie Fury in der Früh eine nette E-mail geschickt hatte, in der er auf ein Konzert einer Freundin in einer kleinen Pariser Bar verwies: "It's quirky, jazzy and really good", so sein vollmundiger Kommentar.

Na das klang doch reizvoll, oder etwa nicht? Und das Beste war, daß Sister Fay erst um 21 Uhr beginnen sollte, ich hatte also noch genügend Zeit, pünktlich zu erscheinen. Trotz massiver Rücken-und Nackenschmerzen, die mich seit drei Tagen quälen und mir vor allem das Schreiben am Computer zur Hölle machen, begab ich mich Richtung Pantheon, in dessen Nähe die Bar lag. Au P'tit bonheur la Chance, na das war schon einmal ein schöner Name! Der Weg dorthin war aber nicht ungefährlich, mehrere Male hätte ich mich fast auf die Fresse gelegt, weil die Bürgersteige glatt und vereist waren. Trotzdem kam ich heil an und erfuhr von den netten Barmännern, daß das Konzert unten im Gewölbekeller stattfinden würde. Ich war der erste Gast, außer der Künstlerin Frida Andersson aka Sister Fay und Ollie Fury war noch niemand da. Das gab mir Zeit, die Location ein wenig zu inspizieren. Ein stimmungsvoller Raum bot sich meinem neugierige Auge. Es gab grüne Ledersitzbänke, Hocker in der gleichen Farbe und kleine runde Tische, hinter denen man es sich bequem machen konnte. Der Gewölbekeller selbst würde sich vorzüglich als Weinlokal eignen, aber Service und eine Speisekarte gab es hier unten seltsamerweise nicht. Stattdessen hatte Frida selbstgemachtes Popcorn mitgebracht, das sie großzüg in kleine Schalen schüttete und an den Tischen verteilte. Die Getränke holten sich die Leute oben an der Bar und kamen mit vollen Biergläsern wieder runter. Es war fast wie eine kleine private Fete, zumal das nun eintrudelnde Publikum, oft Schwedinnen (hurra!), quasi in Gänze aus Freunden der Sängerin bestand.



Gegen 21 Uhr 30 legte die niedliche Blondine dann ganz allein auf ihrer Akustischen los. Sofort fiel ihre hohe, sehr kindliche Stimme auf. Sie sang lieblich und süß wie ein kleiner Vogel und mischte ihrem Geträller eine jazzige Retronote bei. Die Songs schienen aus einer anderen Zeit zu stammen, sie hatten einen herrlich altmodischen Charme. Schwer, da nicht weich zu werden und der Sirene zu verfallen. Wieder einmal wunderte ich mich, welch große Talente in kleinen Bars der französischen Kapitale beste Unterhaltung zum Nulltarif bieten. Aber wer war überhaupt diese junge Sängerin, von der auch ich zuvor nie gehört hatte? Wie sie auf ihrer Homepage schreibt, stammt sie aus Helsingbörg in Schweden und hat gerade ihr erstes Album Beating The Big Drum veröffentlicht. Smart und tatendurstig wie sie ist, hat sie dazu gleich ihr eigenes Label Can You Dig Records gegründet und eine gute Freundin gefunden, die ihr ein herrliches Artwork gestaltet hat. Man sieht eine kindlich anmutende Zeichnung der Sängerin mitsamt Gitarre und kleinen Vögelchen, die sie von unten anpiepsen. Wirklich zu süß, das! Ein weiterer Beleg dafür, daß bei Sister Fay alles von Hand und mit Liebe zum Detail gemacht wird. Die Atmosphäre in der Bar war enstprechend entspannt (na gut, mein Nacken war eigentlich saumäßig verspannt, aber das ist eine andere Geschichte), feierlich und herzlich. Es wurde viel geschmunzelt (teilweise beim Vortragen der Lieder), auf schwedisch und englisch kommuniziert und manchmal auch vereinzelt mitgesungen. Das gefiel selbst dem Hund von Ollie Fury, oder war er nur auf das Popcorn scharf?



Das Album Beating The Big Drum wurde in Gänze gespielt. Es besticht nicht nur durch den betörend-süßen Gesang von Frida, sondern auch durch witzige und charmante Texte ("I want to be pregnant, but I don't want to have a child"). Auffällig war, daß die Lieder allesamt recht lang waren und in der Regel keinen Bubblegum-Refrain hatten. Highlight für mich: Little Bird Broken.

Aber die junge Schwedin hatte nicht nur das Albummaterial für uns zu bieten, sondern auch ein ganz neues Lied (das sie angeblich erst am heutigen Tage geschrieben hat), einen Chanson auf französisch (der auf schwedisch komponiert worden war, und dann von ihrem Nachhilfelehrer ins Französische übertragen wurde) und sogar einen schwedischen Titel namens Tillsammans pa en cayuco (Christoph bitte übersetzen!). Toll!

Der Abend klang vergnüglich ud gesellig aus. Ollie Fury trug noch einen Song vor und auch sein englischer Kumpel (wie heißt der Kerl, er war alles andere als übel!) durfte mal ran, bevor Sister Fay den Evergreen von Aretha Franklin (You make me feel like) A Natural Women neu und fast gelungener als das Original vertonte.

Schön!


Setlist Sister Fay, Au Petit Bonheur La Chance, Paris

01: No Reason For Reason
02: Special
03: Yellow Windows
04: North Of The Northern Hemisphere
05: Caught Up In Action
06: Three Blocks Ahead
07: The Big Drum
08: Cool Water
09: Fat, Pale Hands (neu)
10: Le Petit Bonhomme Vert
11: Cat Calling
12: One Way To The Other
13: Little Bird Broken

14: Stick Around
15: Tillsammans pa en cayuco(swedish visa)
16: Natural Woman (A. Franklin Cover)




 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates