Posts mit dem Label Mannheim werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Mannheim werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 23. Juni 2024

The Cardigans & Shout Out Louds, Mannheim, 22.06.24

0 Kommentare

Konzert: The Cardigans & Shout Out Louds
Ort: Maimarktgelände Mannheim (Zeltfestival Rhein-Neckar)
Datum: 22.06.2024
Dauer: The Cardigans 90 min, Shout Out Louds knapp 65 min
Zuschauer: rund 1.800



Sollte ich irgendwann größenwahnsinnig werden und ein Buch über mein Leben schreiben, wird es "A life more or less ordinary" nach dem fast gleichnamigen Film mit Cameron Diaz und Ewan McGregor heißen, das steht schon ewig fest. A life less ordinary erschien 1997 und war (damals) fantastisch. Da ich ihn seit mindestens 20 Jahren nicht gesehen habe, erinnere ich mich an wenig und weiß nicht, wie gut er gealtert ist. Ich erinnere mich aber an die Musik, an den Titelsong von Ash und an die Cardigans.

Da ich in den 90er Jahren kaum Konzerte gesehen habe, hatte ich mir nie Hoffnungen gemacht, die Cardigans irgendwann einmal live zu sehen. Am nächsten kam ich dem vor einigen Jahren, als Nina Perssons Seitenprojekt A Camp in Köln spielte. Was für ein Glücksgriff, dass das Team des Maifeld Derbys in Mannheim die Schweden für ihre Zugaberunde, das Zeltfestival Rhein-Neckar buchten! Mein Glück komplett machte die Bestätigung der Shout Out Louds.


Im April waren die Shout Out Louds Headliner unseres Cologne Popfests. Dort spielten sie ihr wundervolles erstes Album Howl Howl Gaff Gaff komplett. Wir hatten schon vor Jahren versucht, die Band fürs Popfest zu buchen, waren aber auch schon da größenwahnsinnig ( -> A life more or less ordinary...). Als wir es für 2024 versuchten, war das trotz des größeren Saals auch erst noch vollkommen unrealistisch. Unsere Anfrage hatte die Band aber auf die Idee gebracht, eine kleine Jubiläumstour zur ersten Platte zu machen. Wir waren wieder im Spiel. Bis zum Popfest-Freitag mussten wir uns unzählige Male kneifen, ob die Band wirklich auf unserer Bühne stehen würde. Das Popfest-Konzert war wohl toll, ich aber viel zu hibbelig, um davon etwas mitzubekommen. Wie gut, dass es das Maifeld-Derby in Mannheim gibt!


Die erste Band des Abends, Telquist aus München, hatte ich verpasst. Mein Programm begann mit den Shout Out Louds aber auch schon um 18:30 Uhr. Anders als in Köln war nicht mehr der ursprüngliche Schlagzeuger der Band mit dabei. Für die ersten Termine wurde Eric Edman reaktiviert, diesmal war ein anderer Musiker dabei. Auch Keyboarderin Bebban Stenborg fehlte. Ihren Job übernahm Jennie Abrahamson (die 2012 bis 2014 Peter Gabriel auf dessen Welttour supportet hatte). 


Gleich war der Aufbau des Konzerts: im Mittelpunkt stand Howl Howl Gaff Gaff - von The comeback bis Seagull, gefolgt von den beiden späteren Hits Impossible und Tonight I have to leave it

Die Shout Out Louds schienen großen Spaß zu haben. Natürlich merkten sie auch, daß sie nicht bloß Vorgruppe waren. Überall wurde mitgesungen, in den ersten Reihen Konfetti geschmissen (Du hast nicht gekehrt, Jochen!). Hinterher war der Merchstand geplündert, die Platte ausverkauft. 

Puh, jetzt weiß ich noch mehr, was ich beim Popfest verpasst habe. Was für eine tolle Band (wusste ich vorher) und was für eine toll gealterte Platte (auch)!

Setlist Shout Out Louds, Zeltfestival Rhein-Neckar, Mannheim:

01: The comeback
02: Very loud
03: Oh, sweetheart
04: A track and a train
05: Go sadness
06: Please please please
07: 100°
08: There's nothing
09: Hurry up let's go
10: Shut your eyes
11: Seagull

12: Impossible
13: Tonight I have to leave it


Rund ums Zirkuszelt gab es die Ess-, Waffel- und Getränkestände vom Maifeld Derby, perfekt! Auch der Zeitplan war gut durchdacht. Weil das Konzert der Cardigans das einzige in Deutschland war, reisten dafür natürlich Leute weit an. Denen noch die Chance zu bieten, zeitig wegzukommen, ist eine von so vielen Annehmlichkeiten, die belegen, dass die Derby-Macher um Timo Kumpf es ihren Gästen angenehm machen wollen. In Deutschland ja leider alles andere als Standard.


Die Cardigans kamen um kurz nach acht auf die Bühne. Ich hatte keine Vorstellung, wie die anderen Bandmitglieder aussehen würden. Ich wusste, dass eines der verbleibenden Gründungsmitglieder einen Metal-Hintergrund hat und war überzeugt, dass das der Gitarrist mit dem umgekehrten Kreuz-Ohrring sein würde (Oskar Humlebo). Falsch. Der Bassist mit dem bunten Hemd und der Ähnlichkeit zu den Camera-Obscura-Männern war es (Magnus Sveningsson).


Die rockige Herkunft hört man live immer mal wieder raus, im Mittelpunkt steht aber natürlich Nina Perssons Stimme. Die Frontfrau trug erst einen grasgrünen Hosenanzug mit großer weißer Schleife um den Hals. Später im Konzert zog sie sich um und trug einen Spitzenrock (nein, wir werden nie ein Modeblog werden). 


In das anderthalbstündige Konzert packten die Cardigans ganze 21 Lieder, darunter ihre unzähligen Hits. Ich muss gestehen, dass ich die Platten ewig nicht mehr gehört habe, trotzdem erkannte ich viel mehr als gedacht. Ach, es war toll. Wäre Popmusik doch heute noch so gut! 

Das Konzert hätte ein viel größeres Publikum verdient, verdammt! Die Cardigans waren ewig nicht mehr in Deutschland und sind es vielleicht auch eine Weile nicht mehr. Dieses tolle Konzert zu verpassen, wäre wirklich dämlich gewesen. 

Auch die Cardigans spielten ohne Zugaben. Stattdessen liefen nach My favorite game über die beiden Leinwände "end credits", bei der neben den Bandmitgliedern auch alle anderen Teile des Teams genannt wurden, inklusive Stylistin und Fahrer. Alles in Schriftart "Cardigans", auch das stand dort. Wie liebevoll und wie repräsentativ für dieses Konzertereignis!

Setlist The Cardigans, Zeltfestival Rhein-Neckar, Mannheim:

01: Losing a friend
02: Step on me
03: Erase / rewind
04: Communication
05: And then you kissed me
06: Slow
07: For what it's worth
08: Happy meal
09: Carnival
10: Marvel Hill
11: Junk of the hearts
12: Live and learn
13: You're the storm
14: Feathers and down
15: Good morning Joan
16: Hanging around
17: Give me your eyes
18: Higher
19: Lovefool
20: I need some fine wine and you, you need to be nicer
21: My favorite game


Links:

- aus unserem Archiv:
- Shout Out Louds, Paris, 03.04.13 
- Shout Out Louds, Frankfurt, 26.03.13 
- Shout Out Louds, Wien, 22.10.10 
- Shout Out Louds, Köln, 20.08.10 
- Shout Out Louds, Frankfurt, 29.03.10 
- Shout Out Louds, Paris, 01.04.08 
- Shout Out Louds, Köln, 18.09.07 
- Shout Out Louds, Haldern, 04.08.07
- A Camp, Paris, 26.04.09
- A Camp, Köln, 13.04.09


Montag, 27. Mai 2024

Mannheim Derby - Vorbericht 2024 - 31.05.-02.06.2024

0 Kommentare

 


Konzert: Maifeld Derby
Ort: Mannheim Reitstadion
Datum: 31.05.-02.06.2024
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: ?

Der Start in die Festivalsaison beginnt traditionell beim Maifeld Derby in Mannheim. Dieses Mal an einem Wochenende mit Brückentag (zumindest in einigen Bundesländern). Aber auch sonst gestaltet sich ja eigentlich alles immer sehr entspannt auf dem großzügigen Gelände des Reitstadions am Mannheimer Maimarktgelände.

Einige Neuheiten in der Organisation gibt es schon vorab: Am Freitag und Samstag gibt es nun 5 ! und am Sonntag 4 Bühnen. Ein Nachtprogramm ergänzt das so schon extrem variable Line-Up um tanzbare Momente. Ebenfalls gibt es neben den Wochenend-Tickets mit Campingoption auch wieder Tageskarten für die Heimschläfer.

Food-und Getränke sind wieder handverlesen. Viel Leckeres aus der Region wird geboten. Doch der eigentliche Star in Mannheim war immer das Line-Up aus Newcomern und etablierten Acts, die nicht an jeder "Ecke" des Feistvalzirkus spielen.    




Beginnen wir mit den großen Namen. Am Freitag wird Roisin Murphy das Palastzelt erstrahlen lassen. Wir durften die Show bereits letztes Jahr in Bilbao bewundern. Es ist ein fabulöser Mix aus Hits, Bühnenshow und den immer augenzwinkernden Outfitwechseln dieser Ausnahmekünstlerin. Must see.

Edwin Rosen und The Vaccines werden als etablierte Acts für weitere Stimmung sorgen. Bei den Newcomern wird man definitiv über Royal Otis reden, dessen Club-Shows gerade schon in größere Hallen verlegt werden. 

Lola Young mit ihrer positiven Energie und die härteren  Klänge von Sextile runden den ersten Tag ab.

Am Samstag deuten sich viele elektronische Klänge an. Zunächst noch sparsam dosiert mit Hania Rani, danach aber werden die Bässe bei Kiasmos und Modeselektor mit Sicherheit stärker. Auch bei dem, auf Festivals in Deutschland sehr selten anzutreffenden Roosevelt, dominiert das Tanzbare.  Live ist Roosevelt immer ein Angebot, dass man nicht ablehnen sollte.

Auf der kleinen Arena-Bühne gibt es vorab einen ganz heißen Doppelpack. Sowohl Chalk (Ohrstöpsel nicht vergessen) als auch Fat Dog werden zurecht als "die" Newcomer 2024 gehandelt.       


Der letzte Tag wird dann eher ein Problem wegen der fast unvermeidlichen Überschneidungen. Tagebuch-Lieblinge Slowdive bringen die Pferde zum Ende des Abends überglücklich in den Stall. Aber der Nachmittag ist mit Brutus (Tipp), Lambrini Girls und vor allem den unfassbar guten Dry Cleaning fantastisch besetzt.

Dazu noch Chelsea Wolfe, Mannequin Pussy, die Groove-Maschine von Altin Gün und der Wahnsinn von Tropical Fuck Storm. Das wird magisch.

Kommt nach Mannheim und verbringt 1-3 Tage voller liebevoller Atmosphäre und guter Musik. Wir sehen uns.    







Mittwoch, 8. September 2021

Maifeld Derby 2021, Mannheim, 03.-05.09.2021

0 Kommentare



Konzert: Maifeld Derby 2021
Ort: Mannheim Reitstadion
Datum: 03.-05.09.2021
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: täglich ca. 1.500


„Der nächste Song handelt von Spaghetti, denn Spaghetti sind ziemlich toll“...Mit dieser liebenswerten Einleitung zu ihrer neuen Single bringt die luxemburgische Künstlerin C`est Karma, das positives Lebensgefühl des Wochenendes auf den Punkt. 


„Toll“ sind nämlich auch Festivals und so langsam nimmt die Branche wieder Fahrt auf. Der Weg zur Jubiläumsausgabe des „Maifeld Derby“ (wenn auch unter Corona- Bedingungen) glich eher einem 3-fachen Ochser als einer flüssigen Dressur (um mal bei den beliebten Pferdevergleichen zu bleiben). Verschiebungen, Absagen, Crowdfunding und andere Hilfen führten aber am Ende doch zum Ziel. Das Festival konnte also, wenn auch mit extrem kurzer Vorlaufzeit, stattfinden. 

Not macht erfinderisch; großes Palastzelt raus, Stühle und neue Bühne am Reitplatz rein. Viel war von den notwendigen Corona-Maßnahmen durch das straffe Programm und die clevere Umsetzung zum Glück nicht mehr zu spüren. Lediglich außerhalb des Sitzplatzes war noch eine Maske notwendig. Ansonsten galten die üblichen 3G-Regeln und das Einloggen mit Luca und Sogar Camping war möglich. Musikalisch gab es viel zu erleben. 

Das Maifeld Derby steht seit Jahren für musikalische Breite. Stilgrenzen werden gedehnt, „Scheuklappen“ gibt es nicht. 

Auffällig waren in diesem Jahr Bands und Künstler: innen, die nah am deutschen Schlager musizieren. Edwin Rosen und Dagobert wagen den Spagat, bringen aber dafür auch schon am Nachmittag das jeweils zahlreiche Publikum zum Tanzen (natürlich nur am eigenen Platz). 


Der Sound von Sofia Portanet ist da variabler. Zwischen 80er Pop, französischem Chanson und rockigeren Tönen zeigt sie, ebenfalls am Freitag, einen starken Auftritt. Genau wie Alex Mayr auf der zweiten, kleineren Biergarten-Bühne. Ihre im Studio mit tollem Wall-of Sound eingespielten Songs führt sie hier in intimeren, etwas schrofferen Tönen auf. Lediglich mit Bass und Schlagzeug als Begleitung verlieren die Stücke aber fast nichts von ihrer traumhaften Leichtigkeit. Besonders „Geisterbahn“ gewinnt live nochmal an Intensität. 



Weitere Gewinner des Freitags sind Schubsen aus Nürnberg mit ihrem charismatischen Frontmann Robert Krupar und punkigen Klänge sowie natürlich Cari Cari aus Österreich. Die beiden überraschen die Zuschauer mit einem elektrischen Didgeridoo und staubigen Wüstensounds (a la Tarantino) und machen den Reitplatz bei praller Sonne zur Westernstadt. 


Lewsberg aus den Niederlanden dagegen haben ihren Sound etwas verändert. Geige statt Schlagzeug macht die Songs etwas ruhiger und der brachiale Sound der Hauptbühne, auf der Drangsal seine rote Latexmaske zur Schau stellt, macht es nicht leichter ihnen zu folgen. 



Am Samstag überzeugt die Hauptbühne dann mit vier starken Auftritten: Zunächst Anika , die betont unterkühlt, mit bewusst unverständlichen Ansagen, der Sonne trotzt. Am Bass brilliert Jil März von der Band Gurr . Danach Sophia Kennedy mit Songs ihres starken, neuen Albums „Monsters“ und einer fantastischen Ausstrahlung, gefolgt von den gefeierten Efterklang , die Hit an Hit reihen. Sänger Caspar Clausen bekommt das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht, soviel Lust hat die Band, wieder auf der Bühne zu stehen. Ein bewegender Auftritt, der beide Seiten strahlend zurücklässt. 



Headliner am Samstag ist dann noch Sophie Hunger , der man in diesem Jahr als Konzertgänger wohl nur schwer entkommen kann. Sie verwandelt ihre Songs von Tour zu Tour mit wechselnder Besetzung ihrer Musiker: innen immer wieder neu. Dieses Mal sind gleich 5 weitere Sänger: innen dabei und schaffen ein wohlige Atmosphäre zwischen Musical und Gospel. Echte Emotionalität soll hier in jeder Phase kreiert werden, mich packt es an diesem Abend leider nicht.



​Am Sonntag wird es dann noch heißer. Zur Mittagszeit bleiben viele Zuschauer auf den Rängen der überdachten Tribüne, was ein großes Loch zwischen Bühne und Rängen erzeugt. Die oben bereits erwähnte C’est Karma bleibt trotzdem cool, auch wenn ihr Laptop mit Sonnenstich aufgibt und sich alles gegen Sie zu verschwören scheint. Ihre Songs sind großartig und hoffentlich hat Sie in naher Zukunft mehr Glück, sich bei großen Festivals zu beweisen.


Erste Jubelrufe und wilde Tanzeinlagen folgen dann bei Dagobert , der hat netterweise seinen Freund Kai Shanghai dabei, dessen einsamer Hit „Ananas“ zum Running Gag des Tages wird. Im Biergarten schwitzen drei junge Bands aus Österreich hintereinander: Culk , Dives und Oehl


Danach senkt sich die Sonne über dem Reitplatz und das große Finale steht an. Besser hätte der Booking-Gott es nicht planen können. De Wolff aus den Niederlanden lassen endlich auch mal die Gitarren krachen. Ähnlich wie bei den Hives stehen hier nicht die Songs, sondern die Performance im Vordergrund. Und die ist, vom roten Cord-Anzug des Sängers bis zum Gitarrensolo, das hinter dem Rücken gespielt wird, perfekt. 


Und dann sind da noch The Notwist , die dem Ganzen die musikalische Absolution erteilen. In einem wilden Ritt durch die Bandgeschichte, erzeugen sie einen Sog aus Sounds, Licht und Melodien, denen sonst wirklich nur Radiohead oder LCD-Soundsystem so auf die Bühne bringen. 


Ein wirklich würdiger Abschluss eines tollen Wochenendes, das mit dem ruhigen und bezaubernden „Consequence“ ein Ende findet. Für das nächste Jahr wird laut Veranstalter schon fleißig am Line-Up gebastelt. Bald soll es bereits Infos zum Ticketverkauf für 2022 geben. Die Vorfreude steigt bereits. 

Alle Fotos: Michael Graef

















 


Sonntag, 8. März 2020

Agnes Obel, Mannheim, 01.03.20

0 Kommentare

Konzert: Agnes Obel mit Support Marlène
Ort: Capitol in Mannheim
Datum: 1. März 2020
Dauer: 30 min + 90 min
Zuschauer: ausverkauft (etwa 500)


Dies war ein wunderbarer Konzertabend, der noch immer in mir nachklingt. Wegen der Musik, wegen der Stimmung am Ort, wegen Leuten und weil auch das erlebte in den Jahren auf dem Weg dahin so wunderschön ist. Ich werde nie vergessen, wie wir 2010 unsere Tochter in ihrem ersten Herbst in Kopenhagen besucht haben und dort im Cafè die erste EP von Agnes Obel in Dauerschleife lief. Die ganze Stadt war voller Plakate für die drei ausverkauften  Konzerte in der Oper dort an dem Wochenende. Ich hatte da schon eine Konzertreise nach Basel geplant und wieder verworfen, aber für Strasbourg im Februar 2011 würde es wohl klappen. Bis das Konzert am Mittag des Tages abgesagt wurde. 


Ich musste damals nicht lange darüber traurig sein, denn im April 2011 sahen wir die Dänin mit Anne Müller am Cello im Tollhaus in Karlsruhe mit unserer Tochter zusammen. Später dann noch in Freiburg im Herbst 2011 und in Stuttgart 2013. Seither hatte ich sie live irgendwie verpasst, aber für das Frühjahr 2020 hatte ich mich total darauf gefreut, sie an einem so schönen Ort wie dem Capitol in Mannheim zu sehen. Dort hatte ich schon einen unvergesslichen Abend erlebt und zwei weitere wunderschöne Konzerte. Es hat eine intime Atmosphäre dadurch, dass man nicht zu weit von der Bühne entfernt sitzt und es ein Kinotheater ist.


Die Vorfreude war also groß und wurde ein wenig aberwitzig, als sich herausstellte, dass eine von mir sehr geliebte Cellistin, Kristina Koropecki, die ich seit dem Sound of Bronkow 2018 mit zwei Projekten sehr ins Herz geschlossen und inzwischen einige Male gesehen hatte, zur Band von Agnes Obel gehört (und wie ich dann verstand auch schon gehört hatte in der Zeit, in der ich sie nicht live gesehen hatte). Ernsthaft kneifen musste ich mich, als noch etwas später als Support Marlène bekannt gegeben wurde. Mit ihrer Band (damals noch als Trio mit dem Namen Yippie Yeah) hatte ich sie und Kristina Koropecki im Apfelgarten am Societätstheater gesehen und anschließend nach Karlsruhe eingeladen. Zum Glück hatte das 2019 im Sommer geklappt und wir hatten uns dann am Rande eines für mich sehr denkwürdigen Konzertes von Kliffs im August in Storkow wiedergetroffen. 


Für 2020 waren wir schon im Gespräch und mit dem Kliffs-Duo hatten wir schon einen Februartermin gemacht. Und dann fiel dieser Support in Mannheim noch in meinen Schoß. Das finde ich immer noch extrem abgefahren. Kein Wunder dass auch Marlène an diesem zweiten Abend mit Agnes Obel Publikum etwas nervös war.


Aber sie hatte ja ihre wunderbar poetisch-lapidaren Texte und schräg-eingängigen Melodien dabei und konnte mit ihrem Charme das Publikum ganz auf ihre Seite ziehen, auch wenn es beim französichen Lied zweimal mit Karacho in die Hose ging. Vor dem Lied "Zu gesund" machte sie explizit zum Thema, wie sie sich für den unmöglichen Spagat zwischen Kind und Musik entschieden hat, der von einem Anruf von Agnes Obel belohnt wurde.
 


Setlist:

01: Theorie und Praxis
02: Mach dich groß
03: Grill Royal
04: Prière d'enfant
05: Zu gesund
06: Februar
 


Es gab nach dem Support etwa 30 min Pause (es wäre schön gewesen, wenn das kommuniziert worden wäre, so saßen alle wie gebannt in den Sesseln und warteten, dass es weitergeht - kaum eine traute sich aufs Klo). Schließlich kam gegen 21 Uhr Agnes Obel allein auf die Bühne und spielte solo am Klavier Words are dead. Das Licht war rötlich und sparsam und ich dachte nach der Hälft des Konzertes, dass ich wohl ganz ohne Bilder heimfahren würde, denn rotes Licht und meine Kamera können nicht zusammenarbeiten.



Für das zweite Lied kamen die anderen Musikerinnen auf die Bühne:

Anne Backer (Geige, Mellotron, Gesang)
Louise Anna Duggan (Perkussion)
Kristina Koropecki (Cello, Gesang, Synthie) 



Mir gefiel die Mischung im Programm zwischen dem gerade zehn Tage alten Album Myopia und den anderen Songs. Es war über weite Teile tröstlich und irgendwie Labsal für die Seele, aber z.B. Trojan horses fiel mir als besonders kraftvoll auf.  Ebenso fand ich Island of doom ganz besonder toll. In den Ansagen war Agnes Obel recht sparsam, kam aber bei mir wieder sehr sympatisch und gar nicht abgehoben an. Ich fand es toll zu sehen, wie die vier Frauen auf der Bühne zusammen wirkten und wie gegen Ende die Glühlampen angingen und eine ganz besondere Atmosphäre schufen.


Für die Zugabe hatte sich Agnes Obel On powdered ground  als letztes Stück aufgehoben, das mich zuletzt 2013 in Stuttgart so ganz besonders verzaubert hatte. Was für ein wunderbares Ende für so einen ganz besonderen Abend. Wer sich nun denkt: das würde ich auch gern erleben und wegen "ausverkauft" jetzt nicht zum Zuge kommt - am ersten Septemberwochenende tritt Agnes Obel auch beim Golden Leaves Festival in Darmstadt auf. Das wird sicher mindestens genauso toll wie im Capitol. Aber man sollte sich wohl mit dem Ticketkauf beeilen...


Draußen tobte sich derweilen das vierte Orkantief seit Anfang Februar aus und wir waren sehr froh, dass wir auf der Heimfahrt nicht von der Autobahn geweht wurden oder von einer Pfütze an die Leitplanke umgeleitet. Allerdings war es im Finish nochmal spannend, denn die Straßen, die in Karlsruhe westliche und östliche Teile nördlich vom Schloß verbinden, waren alle gesperrt wegen gestürzter Bäume. Was normalerweise ein kleiner Hops von 10 min gewesen wäre, dauerte dann noch einmal fast 30 min und einige Nerven.

Setlist:
01: Words are dead (Solo)
02: Dorian
03: Camera's Rolling

04: Fuel to Fire
05: Parliament of Owls
06: Trojan Horses
07: Island of Doom

08: Can’t be
09: Familiar
10: Philharmonics

11: Riverside
12: Promise Keeper
13: Broken Sleep
14: Myopia
15: Stretch Your Eyes

16: Won't you call me (Z)
17: On powdered ground (Z)
  

Tourdaten im Einzugsgebiet:
29.02. Köln
01.03. Mannheim
02.03. Hamburg
04.03. Wien

07.03. Berlin (Zusatztermin)
11.03. Groningen
12.03. Utrecht
13.03. Tilburg
16.03. Berlin
17.03. München
21.03. Luxemburg
23.03. Brüssel


Aus unserem Archiv:
Agnes Obel, Stuttgart, 07.11.13
Agnes Obel, Paris, 09.07.12
Agnes Obel, Eindhoven, 16.06.12
Agnes Obel, Freiburg, 14.11.11
Agnes Obel, Paris, 02.11.11
Agnes Obel, Paris, 09.11.10
Agnes Obel, Paris, 06.11.10
Agnes Obel, Paris, 28.10.10




Sonntag, 23. Juni 2019

Maifeld Derby, Mannheim, 14.06.-16.06.2019

0 Kommentare

Konzert: Maifeld Derby 2019
Ort: Maimarkt, Reitstadion
Datum: 14.06.-16.06.2019
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: Sa.ausverkauft


Es war das Thema des Wochenendes. Die Ankündigung im nächsten Jahr eine Pause einzulegen, war Gesprächsthema Nummer 1 im sonnigen Mannheim. 

Schon daran ist zu erkennen, wie wichtig diese Zäsur sein kann. In Gesprächen wurde deutlich, wie selbstverständlich viele Besucher eine solche Veranstaltung bewerten. Die Flut an Events und Großveranstaltungen lässt kaum doch einen Augenblick Zeit, hinter die Kulissen zu blicken, und ein Liebhaber-Event wie das Derby von anderen Globalplayern zu unterscheiden.

Fakt ist: durch den mutigen Schritt, mit Ehrlichkeit an die Probleme zu erinnern, ist eine längst fällige Diskussion (auch für viele andere kleine Festivals und Kulturveranstaltungen) in Gang gekommen, die nur gut sein kann. 

Jetzt aber zum "üblichen" Teil. Wie war es ?

An den Stärken des Maifeld Derby wurde auch dieses Jahr zum Glück kaum etwas verändert. Tolles, abwechslungsreiches Booking, kurze Wege, interessanter Foodcourt und schönes Wetter sind ja schon mal eine Bank. Der Freitag startet dann nach kurzer Eingewöhnungsphase ("Wo gibts die leckeren Specialbiere ?") etwas launig mit einer Lesung von Linus Volkmann

Ob das Maifeld Derby der richtige Ort ist, über Festivalklischees herzuziehen (Dosenravioli, Flunkyball) bleibt offen, ließ aber genug musikalische Luft nach oben. Die folgte dann gleich im Doppelpack: Gurr und Parcels, zwei gänzlich unterschiedliche Ansätze, Musik live zu präsentieren. 


Die Damen von Gurr versuchen es mit Riot-Girrrl Faktor und kurzen, knappen, punkigen Songs auf der Fakelbühne. Ebenso erfolgreich sind aber auch die Parcels, (nach ihrem Minigig 2017) die zwischenzeitlich mit ihrem extrem poppigen Sound das Zelt schon am frühen Abend mit tanzwütigen füllen können. 

Niklas Paschburg dageben ist der perfekte Gig am Parcour. Sphärische Klänge beim Sonnenuntergang, die spannende Mischung aus (fast) klassischer Musik und zeitgenössischer Elektronik, ist ja gerade ein großer Publikumsmagnet. Leider vernimmt man im Laufe des Auftritts aber immer öfter und lauter schlimme F.wörter. 


Diese kommen natürlich nicht von Herrn Paschberg, sondern aus der Kehle des politisch interessierten eng. Duos Sleaford Mods, die uns die aktuelle Geschichte ihres Landes in nicht ganz politisch korrektem Jargon schildern. Wer glaubt, der Witz der Sleaford Mods sei lange schon erzählt, sieht sich getäuscht. Die Rauhe Energie und Dringlichkeit der Ereignisse machen diesen Auftritt unverzichtbar. Musik, die dieses England jetzt braucht, erzählt ohne Pathos und schleimige Melodiebögen. 


Am Samstag sollte dieses Konzept mit Kate Tempest zum Höhepunkt des Festivals werden. Karies bieten danach ein schönen Rockentwurf in Kontrast zu den etwas langweilig wirkenden, weil zu perfekt arrangierten HotChip, was in Teilen auch auf HVOB zutraf. Hier wurde zu sehr ein, auf Festivalpublikum konzipiertes, basslastiges Feuerwerk geplant, das aber emotional leider nicht komplett überzeugen kann. 


Der Samstag startet dann so richtig mit Mavi Phoenix. Immer noch frisch und innovativ, was die junge Österreicherin da bietet, auch bei strahlender Hitze bewegt sie die Körper vor der Bühne mühelos. Doch die wahre Großmeisterin der weiblichen Worte sollte bald folgen. 


Kate Tempest betritt von einer Keyboarderin begleitet das Palastzelt und sofort ist die knisternde Spannung spürbar. Die Intensität ihrer Auftritte ist oft schwer auszuhalten und gerade auf einem Festival für viele eine echte Herausforderung. Doch ähnlich wie Sigur Ros, schafft sie es durch ihre herausragende Präsenz. selbst unkundige sofort zu fesseln und in ihren Bann zu ziehen. 

Nach einigen alten Songs präsentiert sie das, erst am Tag zuvor veröffentlichte, neue Album "The Books of Traps and Lessons" in voller Länge. Ein nicht enden wollender Tornado aus Worten steigert sich mit immer härter werdenden elektronischen Sounds bis zum Höhepunkt bei "Holy Elixir". Aber erst dann folgt das Meisterstück. 

Der letzte Song des Albums ist ihr bisher bestes, ein Mix aus Poem und hypnotischer Pianoballade. Ein Text, der auch endlich einmal einen Funken Hoffnung zulässt.


"People`s Faces": It’s hard, we got our heads down and our hackles up, Our backs against the wall, I can feel you aching, None of this was written in stone, There is nothing we’re forbidden to know, And I can feel things changing Even when I’m weak and I’m breaking, I’ll stand weeping at the train station, ‘Cause I can see your faces, There is so much peace to be found in people’s faces...

Danach fallen sich die beiden auf der Bühne in die Arme. Ein Kraftakt, der da jeden Abend aufgeführt werden muss und viele Tropfen fallen am späten Nachmittag bei den Zuhörern auf den Zeltboden, Schweiss war es diesmal nicht. Ein Ereignis. 

Danach wirkte zunächst einiges blass für mich. Die Schotten von The Twilight Sad zum Beispiel, vielleicht auch weil sie eher in einen dunklen Keller als auf eine sonnen überflutete Open Air Bühne gehören. 

Auch Baltharzar und der Crowdpleaser von wegen Lisbeth sind nicht mein Fall, daher erstmal einen leckeren Crepes mit hausgemachter Schokososse, serviert von echten Franzosen, klasse. 


Mike Skinner (The Streets) schafft dann, was den beiden anderen Headlinern nicht gelingen wollte oder sollte. Einen Konsens. Spaß trifft auf anspruchsvolle Lyrik. Selbstironie und würdevolles Altern stehen gleichberechtigt nebeneinander und schon geht die Party richtig los. Bereits beim ersten Song taucht Skinner ein ins Publikum, es sollte nicht das letzte Mal bleiben. Insgesamt wirkt der Sound bei der Reuniontour etwas glatter und poppiger. Skinner redet (oder labert) in einer Tour, egal ob der Song startet oder die Band ihre Instrumente stimmt. 

Nüchtern wirkt er hier, vielleicht sehe ich ihn so zum ersten Mal. Alle Hits werden abgefeuert, ebenso wie die ins Publikum fliegenden Sektkorken. Am Ende bewirbt er sich schon mal für die Steckenpferddressur  2021 und reitet mit einem geliehenen Pferd quer durchs Zelt in den Sonnenuntergang. Lucky Luke lässt grüssen. 

Als großer Coup spielten gegen 16:00 Uhr bereits AMK einen Surprise Slot auf dem Parcour Amour Gelände. Ein toller Fang, der viele Besucher glücklich zurückließ. 


Der Sonntag zieht einen das Derby jedes Jahr schon früh auf den Reitplatz. Die erste Fakelbühnenband ist meistens ein nicht zu verpassendes Geschenk des Bookers. Diesmal spielten die Amsterdamer der Mauskovic Dance Band zur Mittagszeit auf. Musikalisch nicht wirklich neu, aber durchaus tanzbar und ein guter Start in den Tag. 


Stonefield und Snail Mail können dagegen nicht überzeugen. Die einen spielen unentspannten Rock ohne Erinnerungswert. Bei Snail Mail sind die Songs dagegen super, aber die ständig genervte und dadurch arrogant wirkende Frontfrau Lindsey Jordan hat sich seit dem letzten Jahr leider kaum verändert. 

Ein Highlight dagegen die Postcards aus Beirut im kleinsten Zelt. Sympatischer Indie mit großen Song, da kommt bestimmt noch mehr. Danach ging es Schlag auf Schlag weiter. 

Zunächst mit Kevin Morby, der eine 8-köpfige Bigband an den Start brachte, (incl. Tenor-Sax) um sein Album "Oh my god" würdevoll in Szene zu setzen. Ein fulminanter Set, der mich oft an Wilco erinnerte. Großartig und zurecht gefeiert. 


Teenage Fanclub konnte später erstaunlicherweise nur wenige begeistern. Dies bescherte aber den, mir bis dahin völlig unbekannten, Schweizern von Black Sea Dahu eine riesige Menschenmenge auf dem Parcour, die am Ende mit stehenden Ovationen Zugaben forderten. Dabei war der, mit vielen sehr tragenden Balladen versehene Set, nicht einfach zu verdauen. Die Band trat sichtlich gerührt ab und verkaufte CD`s am Fließband vor der winzigen Bühne. 


Danach leerte sich der Parcour zunächst, was Charlotte Brandi als langjährigen Profi nicht davon abhalten konnte, ein fabulöses Set aus ihrem traumhaften Album "The Magician" aufzuführen. Neben Kate Tempest für mich das beste Konzert des Wochenendes. 


Tocotronic waren ebenfalls in bester Spiellaune, und da die neue Setlist fast nur aus Hits besteht, waren auf dem, nun staubigen Platz vor der Fakelbühne, nur grinsende Gesichter zu sehen. Die Band ist für mich seit letztem Jahr in absoluter Bestform, die Versionen von "Nach Bahrenfeld im Bus" und "Hey Freaks" bilden die perfekte Schnittmenge aus Tocos Werk zwischen Punk und intelligenter deutscher Popmusik.


Mit Faber betrat dann ein weiterer, sehr umstrittener Headliner das Palastzelt. Dazu gab es nur zwei Meinungen, echte Freude und echte Ablehnung. 

Amyl and the Sniffers brachten den Abend dann mit einem ordentlichen Punkbrett nach Hause. Der letzte Tanz war getanzt, das letzte Bier getrunken. 

Zurück blieb ein etwas mulmiges Gefühl. Wird man sich in diesem Rahmen in zwei Jahren wiedersehen ? Wenn man sich die Stimmung am Parcour ansieht, funktionieren dort viele Dinge, die auf den anderen Bühnen verpuffen. 

Vielleicht wäre ein reines Newcomer-Festival mit zwei gleichen Bühnen nebeneinander am Parcour und einem kleinen Zelt ein gelungener Neuanfang. 


Nur so eine Idee, als zum dritten Mal die Sonne hinter dem Palastzelt untergeht. Schön war es. Noch schöner wäre es 2021 wiederkommen zu dürfen. 

Fotos: Michael Graef 


 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates