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Dienstag, 24. Mai 2011

Maifeld Derby, Mannheim, 21. & 22.05.11

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Neulich beim Festival der kurzen Wege
von Ursula von neulich als ich dachte

Nach zwei Jahren Planung findet gerade zum ersten Mal das Maifeld Derby Festival im Reitstadion auf dem Maifeld-Gelände in Mannheim statt. Mehr als 20 Bands spielen auf drei Bühnen, dazu gibt es ein von Philipp Käßbohrer kuratiertes Kurzfilmprogramm und Autoren-Lesungen (Lena Gorelik, Sabine Scholl u.a.).

Obwohl ich nicht allzu viele der auftretenden Bands kannte, war allein die Aussicht, Diego, Get Well Soon und Slut zu sehen, bereits den „Frühbuchertarif“ (hier „Early Horse“ genannt) von 25 Euro mehr als wert. Und von Frankfurt aus kann man auch nach Mannheim pendeln, ohne auf den Zeltplatz angewiesen zu sein.

Im Vorfeld zeigte sich dann an der einen oder anderen Stelle, dass hier ambitionierte, aber möglicherweise nicht unbedingt routinierte Festivalplaner am Werk waren: Immer wieder wurde ohne Folgen ein Zeitplan der spielenden Bands angekündigt, und auch die Campingsituation blieb so lange ungeklärt (und funktionierte letztendlich nur bei Voranmeldung der Interessenten), dass bei mir ein paar Zweifel daran aufkamen, ob der sonstige Ablauf einigermaßen klappen würde.

Gestern, am ersten Tag des Festivals, wurden allerdings die meisten Sorgen ausgeräumt. Sicher, das Parken kostet 5 EUR extra, und das Gelände ist sogar im Vergleich mit dem ebenfalls kleinen Haldern-Festival geradezu mikroskopisch, aber Letzteres hat eigentlich nur Vorteile: Vom Parkplatz zur Bändchenausgabe läuft man drei Minuten und wartet dort weitere zwei, die Security besteht aus zwei Personen und ist freundlich (und verabschiedete uns später höflich in die Nacht), und dann wäre da noch der Ablaufplan: Die Bands treten auf einer Hauptbühne im Zelt auf, direkt davor befindet sich die zweite, „Open Air“-Bühne. Die Künstler spielen auf beiden Bühnen abwechselnd, und das direkt hintereinander. Man läuft also nach Beendigung eines Konzerts draußen einfach ohne Schlange stehen nach drinnen, und dort beginnt innerhalb von fünf Minuten der nächste Auftritt. Gegenüber der mit der Zeit doch etwas zermürbenden Warterei bei größeren Festivals ist das einfach genial.

Andere Dinge sind dann nicht ganz so super, so ist das Gelände sehr sandig und ohne Wiesen. Es ist von den angekündigten LED-Luftballons im Zirkuszelt nichts zu sehen, stattdessen gibt es später dann leuchtende Farbwürfel auf einer Pferdekoppel. Das ebenfalls angekündigte „Cateringdorf mit Leckereien aus der Region“ entpuppte sich als EIN Essensstand, der von einer Landmetzgerei namens Kumpf (Get Well Soons Bassist heißt übrigens Timo Kumpf) geführt wird. Für Nicht-Fleischfreunde gibt es immerhin Käsebrötchen, Pommes Frites und eine Gemüsepfanne, was für zwei Tage mehr als ausreichend sein sollte. Dennoch wäre ein zweiter Stand sicher kein Luxus. Und die bis vor Kurzem auf dem Gelände vorhandenen Pferde kann man zwar nicht mehr sehen, aber sehr gut riechen.

Und was ist nun mit dem Musikprogramm? Nachdem wir gleich schon wieder los nach Mannheim müssen, folgt der Bericht von Tag 1 morgen.

Neulich beim Festival der kurzen Wege (Teil 2)

Kommen wir heute endlich zur Musik beim Maifeld-Derby, und zwar zunächst zu der von Tag 1.

Für uns war die Karlsruher Band Diego einer der Gründe, zum Maifeld Derby zu fahren, sie erreichte leider aber im Lineup nur einen Platz unter „ferner liefen“ und eröffnete die Zeltbühne am Freitag um 18:20 Uhr. Der nur 30 Minuten lange Auftritt fand vor kleinem, aber engagierten Publikum statt (das immerhin auf den parallel stattfindenden Extra-Überraschungsauftritt des Tages-Headliners Katzenjammer verzichtete).

Im Vergleich zum Nachtleben-Auftritt vor einigen Monaten wurde hier ein reduziertes „Best of“-Set inklusive unserer Lieblingstitel „September March“, „Lucy“ und „Grizzly Bear“ gespielt. Diego ist eine tolle Band mit schönen Songs, der man viele, viele Fans wünscht. Die ähnlich klingenden Editors und Interpol haben die ja auch in Massen.

Wegen des straffen Zeitplans musste das Publikum am Ende zwischen zwei möglichen Schluss-Songs wählen: Zur Auswahl wurden entweder ein schnelles, rockiges Lied mit orientalischem Zwischenspiel („Metz“) oder ein etwas Langsam-Pathetisches gestellt. Hätten wir gewusst, das Letzteres sich auf der Setliste als „She is“ entpuppen würde, hätten wir anders votiert.

Setlist Diego, Maifeld Derby, Mannheim:

01: The Distance Between Us
02: Echoes
03: Lucy
04: Connected
05: September March
06: Grizzly Bear
07: Galama
08: Metz
09: She Is (wurde weggelassen)

Kurz sahen wir nach dem Verlassen des Zeltes den Auftritt von Slaraffenland, die uns aber trotz Kritikervergleichen mit Efterklang nicht in ihren Bann ziehen konnten, dafür fielen uns angesichts des Bandnamens lustige Bonmots zum doch sehr überschaubaren Fresstand-Angebot (siehe gestriger Beitrag) ein.

Zurück im nun deutlich volleren Zelt spielte nun mit Ra Ra Riot eine Band aus New York, die laut Programmheft in den USA bereits überaus erfolgreich ist. Die Jungs sahen alle wie nerdige, hippe Studenten aus, die beiden weibliche Bandmitglieder warteten mit Glitzergeige und einem Bass-Skellett auf. Geboten wurde ansonsten Indiepop, der angenehm klang, aber auch nicht sonderlich gut im Gedächtnis haften blieb. Den muss man vielleicht noch einmal auf Platte nachhören.

Setlist Ra Ra Riot, Maifeld Derby, Mannheim:

Link01: Too Too Too Fast
02: Shadowcasting
03: Oh, LA
04: Do You Remember
05: Run My Mouth
06: You And I Know
07: St. Peter’s Day Festival
08: Can You Tell
09: Boy
10: Too Dramatic
11: Dying Is Fine


Unsere erste Band auf der „Open Air Bühne“ vor dem Zelt waren Flashguns. Angesichts der Festivalgröße fühlte man sich hier eher wie bei einem Stadtfest, was eigentlich ganz schön war: Man fand ohne große Probleme einen guten Stehplatz. Das Gewitter des Freitagabends war dankenswerterweise gerade vorbei, allerdings war dabei wohl irgendetwas Technisches feucht geworden: Als Flashguns die Bühne betraten und zum ersten Song „Come and see the lights“ ansetzen, fiel nämlich nach wenigen Sekunden erst einmal der Strom aus und alles stand im Dunkeln (und Leisen). Angesichts des Songtitels eine eher lustige Situation, die der Sänger mit der Verabschiedung „We’ve been Flashguns!“ kommentierte. Bevor die Band aber auch nur Anstalten machen konnte, die Bühne zu verlassen, hatte schon jemand den Sicherungskasten gefunden und alles lief wieder ohne Probleme.

Das junge Trio aus London machte laute Indierock-Musik und beherrschte aus meiner Sicht schon etwas zu viele Bühnenposen. Da hat wohl jemand eifrig bei „Guitar Hero“ geübt oder schon oft Matt Bellamy von Muse gesehen.

Die Band gab viele Titel ihres noch nicht erschienenen Debütalbums zum Besten und entschied sich dabei stets für lautere und gitarrigere Versionen.

Und im nun endgültig dicht, aber keineswegs unangenehm gefüllten Zelt wartete schon wieder die nächste Band, nämlich der Hauptact dieses Abends: Katzenjammer. Die vier Norwegerinnen spielten Balalaika, Banjo, Ukulele, Schlagzeug, Akkordeon, Mundharmonika, Hackbrett, Keyboard und Xylophon, und nach jedem Lied wurde die Instrumenteverteilung und Bühnenpositionierung neu durchgewechselt, wobei eine der Damen einmal drei Instrumente gleichzeitig bediente.

Dazu waren sie allesamt noch sehr speziell angezogen: Wir sahen eine gigantische Afroperücke, blonde Zöpfe mit Silberstern auf der Stirn, ein an das „Lady Marmelade“-Video erinnerndes Kurtisanenkostüm und überall schwingende Röcke und Schnürstiefel.

Obwohl Katzenjammer in Deutschland noch nicht in großen Hallen auftreten, merkt man ihnen zum einen an, dass sie bereits einiges an Bühnenerfahrung und –routine haben, andererseits scheint das Publikum auch zahlreiche textsichere Fans aufzuweisen. Dem begeisterten Auftritt mit engagiert vorgetragenen Folk-, Polka, Rock- und Countrysongs, dramatischen Bühnenkostümen, verrückten Frisuren und immer neuen Instrumenten kann man sich auch schwer entziehen. Dennoch: Meinen Musikgeschmack traf die durchaus sympathische Band nicht so recht, immerhin konnte ich mich aber an der riesigen Katzen-Balalaika erfreuen.

Neulich beim Festival der kurzen Wege (Teil 3)

Eigentlich war der Samstag der interessantere der beiden Festivaltage, denn nun spielten mit Slut, Get Well Soon und Hundreds gleich drei Bands, die wir tatsächlich sehen wollten. Da wir ja in Frankfurt bequem bei Bett, Dusche und Frühstückstisch genächtigt waren, reisten wir auch erst am späten Nachmittag wieder nach Mannheim und sahen dort als erste Band zunächst Mikroboy.

Die deutsche Band nahm letztes Jahr am Bundesvision Song Contest teil und kann deshalb als halbwegs bekannt eingeschätzt werden - auch, wenn ich vorab keines ihrer Lieder kannte. Für Gala-Leser wäre noch zu erwähnen, dass Sänger Michael Ludes der Freund von "unserer Lena" sein soll. Im Publikum befand sie sich dennoch nicht, dafür aber zahlreiche andere junge und vor allem weibliche Fans mit beeindruckender Textsicherheit.

Ich schätze, dass Fans von deutschsprachigen Bands Virginia jetzt! oder Fertig! Los! auch an Mikroboy gute Seite würden entdecken können. Ich konnte zumindest live an ihren Songs wenig Gefallen finden, die Interaktion mit dem Publikum wollte nicht so recht klappen, und ich und war zusätzlich noch dadurch abgelenkt, dass der Sänger und der Gitarris offenbar extradünne, weiße T-Shirts aus Mehrerpacks bevorzugen. Ja ja, ich bin oberflächlich, war aber auch zusätzlich abgelenkt: Während des Mikroboy-Auftritts traten auch die bei diesem Festival sehr spärlich vorhandenen besoffenen Idioten erstmalig in Erscheinung.

Die nächste Band (Abby) verpasste ich und schlenderte zum Essensstand, wo ich eine katastrophale Entdeckung machte: Das Veggie-Gericht des Metzgereistands (der, wir erinnern uns, der einzige Essensstand war), eine Gemüsepfanne, wurde nicht mehr angeboten. Auch die am Freitag noch vorhandenen Käsebrötchen waren nicht mehr vorhanden. Ich kaufte mir mangels Alternativen also zwei Schalen Pommes, um dann festzustellen, dass auch das Ketchup mittlerweile aufgebraucht war.

Na ja, wir waren ja auch nicht zum Essen gekommen, und im Zelt stand nun der Auftritt der tollen Ingolstädter Band Slut an. Endlich fühlte ich mich kompetent, denn ich hatte die Gruppe bereits vor einigen Jahren live gesehen und kannte auch alle ihre Alben - dachte ich zumindest, bis mich mein Freund darauf aufmerksam machte, dass ich offenbar erst bei der dritten Platte eingestiegen bin.

Verglichen mit dem Frankfurter Auftritt vor etlichen Jahren erschien mir die Band dieses Jahr selbstbewusster. Sänger Christian Neuburger erklärte mehrmals, dass es der Band (obwohl man Festivals sonst nicht sonderlich möge) großen Spaß mache, heute vor uns aufzutreten, und anders als bei Mikroboy nahm das Publikum die Komplimente auch begeistert an.

Setlisten-technisch haben wir bei diesem Konzert leider versagt, es wurden aber definitiv gespielt:

Staggered and Torn
Easy To Love
Still No one
If I Had A Heart
Die Ballade von Mackie Messer
Reminder

Leider ausgelassen wurde "Why Pourquoi".

Weiter ging es nun mit den Headlinern und, wie sich anhand der Bemerkungen während ihres Auftritts herausstellte, Organisatoren des Festivals, Get Well Soon.

Ich habe die Band in den letzten Jahre dreimal live gesehen, und es macht immer wieder Spaß. Die Arrangements von Konstantin Gropper sind stilistisch fast ebenso vielfältig und streckenweise theatralisch wie der Katzenjammer des Tages zuvor, aber hier führen musikalische Richtung und Grund-Düsterheit zu einem für mich viel angenehmeren Ergebnis.

Leider führte anscheinend weder die Tatsache, dass Get Well Soon der Festival-Headliner waren, noch der Status als Mannheimer "Lokalband" dazu, dass alle Besucher die Band auch tatsächlich sehen wollten. Zwar war das Zelt rappelvoll und der Applaus enorm, aber wann immer eine leisere Liedpassage kam (und die gab es oft), zeigte sich, dass der Gesprächs-Geräuschpegel im Publikum ohrenbetäubend war. Warum Menschen zu einem Konzert gehen, um sich dort gegenseitig ins Ohr zu brüllen, wenn sie dasselbe Gespräch auch in normalerer Lautstärke zehn Meter weiter weg führen könnten, muss man wohl nicht verstehen.

Die Band selbst hätte diesem Problem sicher mit einer etwas lebhafteren beziehungsweise lauteren Setliste bekämpfen können, andererseits hatten wohl auch die Künstler mit einem etwas aufmerksameren Publikum gerechnet.

Schwamm drüber, die Groppers haben mir auch dieses Mal wieder Freude bereitet. Lustig war auch Konstantins Ankündigung von zukünftigen Maifeld-Derbys, die von seinen Kollegen (den Festival-Organisatoren) mit einem panischen Grinsen nach dem Motto "Ach, wir machen das nochmal??" quittiert wurde.

Setlist Get Well Soon, Maifeld Derby, Mannheim:

01: We are safe inside while they burn our house
02: Seneca's silence
03: People Magazine front cover
04: We are free
05: 5 steps/7 swords
06: A voice in the Louvre
07: Listen! Those at sea sing a song on christmas day
08: Good Friday
09: Werner Herzog gets shot
10: We are ghosts
11: A burial at sea
12: Tick Tack! Goes my automatic heart
13: Angry young man
14: I sold my hands for food so please feed me

15: Red nose day (Z)
16: If this hat is missing I've gone hunting (Z)

Als letzte Band nicht des Festivals, aber unseres Besuchs trat anschließend auf der extra schwarz abgehängten Bühne Hundreds auf, ein Elektronik-Bruder-Schwester-Duo (live mit zwei Extraschlagzeugern unterwegs) aus Hamburg. Als Sängerin Eva Milner, die als einzige beim Kurz-Soundcheck die Bühne nicht betreten hatte, mit einem recht seltsamen Cape-Konstrukt erschien und abgehackte Ausdruckstanzbewegungen machte, befürchtete ich zunächst, dass dieser Auftritt für meinen Geschmack zu zickig-durchinszeniert sein würde. Neben der teils traurig-betörenden, teils auch tanzbaren Musik traten solche Überlegungen, wie auch die zum unterm Cape getragenen Sack-overall sehr bald in den Hintergrund. Hundreds machen outfitunabhängig sehr mitnehmende elektronische Musik, und wer The Notwist mag, wird hier sicher auch Gefallen, aber keine Nachahmung finden.

Schön waren auch die Lichteffekte auf der schwarzen Bühne, die bei uns zu einer großen Auswahl hübscher Silhouettenfotos führte.

Setlist Hundreds, Maifeld Derby, Mannheim:

01: Intro
02: Wait For My Raccoon
03: Machine
04: Fighter
05: Grab The Sunset
06: I Love My Harbour
07: Song For A Sailor
08: Rabbits (schien zumindest so auf der handschriftlichen Liste zu stehen)
09: Let's Write The Streets

Das war's also mit dem insgesamt durchaus erfolgreichen ersten Maifeld-Derby. Heute stand bei Facebook zu lesen, dass zu wenig Leute zum Abbauen anwesend seien und dass man sich über freiwillige Helfer freuen würde - als Gegenleistung wurden T-Shirts und Verpflegung geboten. Wetten, letztere war wieder 'ne Wurst?



Donnerstag, 19. Februar 2009

Koko von Napoo, Revolver, Ra Ra Riot, Paris, 18.02.09

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Konzert: Revolver + Guests Koko von Napoo & Ra Ra Riot

Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 18.02.2009
Zuschauer: extrem viele
Konzertdauer: Koko von Napoo ca. 30 Minuten, Revolver ca. 35 Minuten, Ra Ra Riot ca. 40 Minuten



In Paris tut sich musikalisch zur Zeit wieder eine ganze Menge. In verschiedenen Locations buhlen parallel gleich zwei Indiefestival um die Gunst der Zuschauer.

Zum einen gibt es das Festival Super! Mon Amour, das vom 11 bis 22. Februar stattfindet und in den meisten Fällen in der Maroquinerie und dem Point Éphémère seine Konzerte abhält. Gäste waren und sind u.a. Handsome Furs, Black Lips, Gang Gang Dance, Toy Fight, Women, Chair Lift und erst sehr kürzlich Essie Jain und Woodpigeon (ich berichtete hier). Darüber hinaus gab es am gestrigen Dienstag einen Überraschungsgig im Point Éphémère mit den bezaubernden Mädels von Au Revoir Simone, den ich aber leider verpasst habe.

Zum anderen läuft auch gerade das jährliche Festival Les Nuits de l'Alligator in der Maroquinerie. Gespielt haben bereits Mariee Sioux und Emily Jane White und sehr bald werden hier andere Folkperlen auftreten, darunter Vetiver, Dear Reader, Women, War On Drugs, Elliott Brood und Horse Feathers.

Und am heutigen Mittwoch gab es in der Maroquinerie ebenfalls ein sehr spannendes Konzert mit den live unglaublich starken O'Death und den gehypten Newcomern Jim Jones Revue.

Aber erneut galt: Man kann nicht überall gleichzeitig sein!

Trotz dieses enorm reichhaltigen Programmes schafften es die gastgebenden Franzosen Revolver große Publikumsmassen anzuziehen. Ob es daran lag, daß die Flèche d'or abgesehen von dem Pflichtkonsum eines Getränkes im Werte von 5 Euro nach wie vor gratis ist, oder ob das Dreierpack Koko von Napoo, Revolver und Ra Ra Riot eine solch starke Anziehungskraft hatte, kann man hierbei bewußt offenlassen. Fakt war jedenfalls, daß es vor dem Eingang eine lange Schlange bibbernder Menschen gab, die rein wollten! Auch ich war darunter und ärgerte mich ein wenig, denn aus den Mauern drangen mir schon bekannte Klänge entegegen. Sie stammten von der Pariser Girlgroup Koko von Napoo, die gerade I'm Dead spielten. Tot war ich zwar noch nicht, als ich endlich drinnen war (sonst könnte ich diese Zeilen wohl jetzt nicht mehr tippen!), aber ob des Menschenandranges doch ziemlich genervt...

Beim Konzert von Koko Von Napoo, bei dem erneut fetzige und ohrwurmige, massiv von den 80 er Jahren infizierte Popsongs (Polly, Jonbon, June!) meine Vorfreude auf ein Debütalbum anheizten, konnte man wenigstens noch atmen und sich halbwegs frei bewegen, bei Revolver dann war es aber unerträglich voll und dementsprechend heiß und stickig! Das Gros der Leute war also für Revolver gekommen und diejenigen, die erst dafür eintrudelten, hatten zuvor den Gastauftritt von Oliver Jourdan, seines Zeichnes Sängers der Pariser Garagenrocker HushPuppies, während des Konzerts von Koko von Napoo verpasst. Der schöne Latinlover sang ein paar Zeilen des trashigen 80 er Kulthits Polaroid/Roman/Photo, im Übrigen das einzige französischsprachige Lied im Programm von Koko von Napoo. Allerdings ein Cover und zwar von Ruth.

Revolver selbst hatten nur englische Songs im Gepäck. Kein Wunder, scheinen doch klassische britische Bands wie die Beatles, die Kinks und die Zombies ihre großen Vorbilder zu sein. Sie mögen aber auch amerikanische Folklegenden wie Bob Dylan und Neil Young und nach einer Mischung all dieser Idole hört sich die Musik der drei jungen Männer Ambroise, Christophe und Jeremie auch an. Sie selbst bezeichnen ihren Stil als Kammerpop ("pop de chambre"), basierend auf klassischen Renaissance- Kompositionen, bei dem besonderer Wert auf die harmonischen Chorgesänge und feine Melodien gelegt wird. Eine EP haben sie bereits auf den Markt gebracht und darauf finden sich Perlen wie Calm Down, Leave Me Alone und das beschwingte Balulalow, das mit einem tollen bababa- singalong endet. Wer Balladen wie Eleanor Put Your Boots On und Walk Away auf dem zweiten Album von Franz Ferdinand oder grundsätztlich Elliott Smith mag, sollte auch Freude an den Komospitionen von Revolver finden.

All diese erwähnten feinen Songs und noch ein paar andere, gaben sie heute zum Besten, aber es war wirklich viel zu heiß und zu eng, um die Sache entsprechend zu genießen. Revolver muss ich mir unbedingt noch einmal in einer geeigneteren Location angucken, die Jungs haben jede Menge Potential!

Viel Potential haben natürlich auch die jungen New Yorker Ra Ra Riot. Von der vielköpfigen gemischten Rasselbande hat man ja schon auf vielen Blogs Euphorisches gelesen (unter anderem auch bei uns von Christoph), aber mich mussten sie hier und heute erst einmal davon überzeugen, daß sie wirklich so gut sind, wie oft berichtet wird.

Der Auftakt ihres Sets war jedoch wirklich nicht das Gelbe vom Ei. Es gab Tonprobleme, die bereits schon dazu geführt hatten, daß der rote Vorhang ewig lange verschlossen blieb, bevor es losgehen konnte. Konsequenz daraus war, daß die liebliche Stimme des smarten Sängers Wesley Miles kaum zu vernehmen war. Sein Gesang ( der demjenigen von Ezra "Vampire Weekend" Koenig verdammt ähnelt) wurde fast komplett vom stakkatischen Schlagzeug, dem polternden Bass und den Klängen, die die beiden weiblichen Streicherinnen an Cello und Violine erzeugten, überdeckt. Es herrschte eine Kakophonie wie beim Warmspielen eines Symphonieorchesters! Alles andere als ein Hörgenuß also, aber die jungen Zuschauer in den ersten Reihen zeigten sich trotzdem begeistert und wippten ausgelassen im ständig wechselnden Takt mit. Jugendliche Ungestümheit, Frische und gutes Aussehen schienen zunächst die Hauptargumente der Band aus Syracuse zu sein. So soll sich also die Zukunft des Indiepops anhören? Ich war ob der angeheizten Erwartungen leicht enttäuscht, tröstete mich aber mit dem attraktiven Anblick der umwerfend aussehenden Cellistin Alexandra Lawn, die unmittelar vor mir fiedelte. Alles an ihr war hübsch, das Gesicht, die Rehaugen, die stilvole Kleidung (dieses rosafarbene Kleid, hach!) mitsamt ihren wundervollen Schuhen und auch die agilen Bewegungen. Allerdings schien sie ziemlich genervt zu sein, lächelnd erblickte ich sie nie, stattdessen guckte sie während der Lieder nur immer mal wieder mürrisch auf den Zettel am Keyboard, wo die Setliste aushing. Eine richtige kleine Diva war das, die sich bewußt ist, daß sie enorm hübsch ist und Männer sie anhimmeln!

Die anderen Akteure der jungen Band wirkten demgegenüber deutlich netter und heiterer. Der Sänger hatte etwas Sunnboyhaftes, die anderen Jungs wirkten wie höfliche Kunststudenten und die blonde Geigerin (Rebecaa Zeller) kam liebenswürdig und unkompliziert rüber. Immer ein schöner Anblick, so eine Geigerin, gehört ja seit dem enormen Erfolg von Arcade Fire auch irgendwie zur Standardausstattung jeder junger Band, die etwas auf sich zählt. Egal, ob die Gruppe jetzt Operator Please!, Los Campesinos!, Get Well Soon oder Woodpigeon heißt, immer gibt es ein fesches Mädel, das fiedelt, was das Zeug hält. Anstatt neben dicken, alten Männern mit Frack und Glatze in einem Symphonieorchester zu versauern, spielen die Nachwuchsgeigerinnen von heute halt eben lieber in einer Band, die auf Indie Pop macht und sich gerne trendy und arty gibt.

Aber warum auch nicht? Mit Ra Ra Riot unterwegs zu sein macht sicherlich Spaß, auch wenn die Amerikaner verständlicherweise noch hart am frühen Tod ihres ursprünglichen Schlagzeugers zu knabbern haben. Talentiert sind die Grünschnäbel ja auf alle Fälle und wenn sie ihre vielen Ideen so gekonnt auf den Punkt bringen, wie bei A Manner To Act, Ghost Under Rocks oder dem vorzüglichen Dying Is Fine, das das recht kurze Konzert (mit der wesentlich besseren zweiten Hälfte) heute stimmungsvoll abschloß, dann müssen sich ihre Eltern keine Sorgen um die Zukunft ihrer Sprößlinge machen!

Setlist Ra Ra Riot, La Flèche d'or, Paris:


01: Run My Mouth
02: Each Year
03: Oh, La
04: Suspended In Gaffa
05: Winter '05
06: St Peter's Day Festival
07: Too Dramatic
08: Can You Tell
09: A Manner To Act
10: Ghost Under Rocks
11: Too Too Too Fast
12: Dying Is Fine

- Mehr Fotos von Ra Ra Riot hier entlang!
- Ra Ra Riot im Kölner Blue Shell am 18.11.2008 hier



Mittwoch, 19. November 2008

Ra Ra Riot, Köln, 18.11.08

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Konzert: Ra Ra Riot
Ort: Blue Shell Köln
Datum: 18.11.08
Zuschauer: 39 (plus Band)
Dauer: 45 min


Die coolen Kölner Konzertgänger waren heute allesamt in der Live Music Hall, um da die noch viel cooleren MGMT zu bewundern. Ursprünglich hatte ich das auch einmal überlegt (also zu MGMT zu gehen, nicht cool zu sein). Als dann aber Ra Ra Riot aus Syracuse einen Auftritt im Luxor ankündigten, war klar, was für mich der bessere Abend sein würde. Allerdings stand ich damit ziemlich alleine da, denn aus dem Luxor wurde vor ein paar Tagen das Blue Shell, also ein viel kleinerer Club, bzw. eine Bar mit Bühne. Ein volles Blue Shell ist nicht der beste Ort für Konzerte, weil der Raum vor der Bühne schmal ist und die Bühne recht flach, man also meist nur weit vorne überhaupt etwas von den Bands sieht. Im hinteren Teil des kleinen Ladens stehen dann meist Leute an der Bar, die nicht wegen der Musik da sind und durch lautes Reden versuchen, die zu übertünchen. Vorne sieht man also zu wenig und hinten hört man zu viel - nicht perfekt, ganz sicher nicht!

Das Problem stellte sich heute ganz und gar nicht. Wir kamen nach halb neun an (Einlaß acht, Beginn neun) und waren fast allein allein. Man hatte zwar alles versucht, das traurige Bild zu verbessern, indem der Beginn auf zehn festgelegt wurde, das half aber nicht. Auch bis zehn trudelten kaum noch Leute rein.

Die angekündigte Vorgruppe, von der ich schon nicht mehr weiß, wie sie hieß, war dem Umzug über die Straße zum Opfer gefallen, es kamen dann also direkt die jungen New Yorker zu den bereits aufgestellten Instrumenten. Und die waren einigermaßen spektakulär. Ich mache mir vor Konzerten von Bands, die ich noch nie gesehen habe, nur selten Gedanken, wie sie ihren Sound wohl live umsetzen werden. Auf Platte, EP und Single, die ich von Ra Ra Riot habe, kommen oft und intensiv Streicher vor, daß auf dem Bühnchen des Blue Shell aber neben Gitarre, Bass und Schlagzeug auch Cello und Violine lagen, überraschte mich.

Sechs fast gleichgroße junge Menschen schlappten dann auf die Bühne und stellten sich recht lustig auf. Vorne standen nämlich Sänger Wes Miles, neben ihm rechts Geigerin Rebecca Zeller, links von Wes Cellistin Alexandra Lawn. Genau hinter den beiden Streicherinnen standen dann Bassist Mathieu Santos und Gitarrist Milo Bonacci, hinter Wes saß schließlich Schlagzeuger Gabriel Duquette. Bei den beiden Gitarristen habe ich jede Minute damit gerechnet, daß sie die beiden Frauen auf die Arme nehmen und mit ihnen Cheerleader-Hebefiguren vorführen. Aber Ra Ra Riot sind viel zu talentiert, um die Sportteams der Syracuse University anzufeuern (die Orangemen - unnützes Konzertwissen...).

Each year bildete den Auftakt des Konzerts. Dabei zeigten sich schon alle Elemente des Ra Ra Riot Klangs, die ruhige Stimme, ein ein- aber nicht aufdringlicher Bass, der mich im Laufe des Konzerts immer mehr faszinierte, dynamisches Schlagzeug und die Streicher, die eine sehr wichtige melodieunterstützende Rolle spielen. Die Band ist jung, sie klingt aber nicht so. Erfrischend ja, aber nicht unerfahren oder musikalisch ausbaufähig (oh, ich habe gerade wieder die Keyboarderin von Operator Please vor Augen). Ganz erstaunlich, wie ausgereift sich die Lieder schon anhören. Auf Platte ist das eine andere Sache. Da hilft ein guter Produzent sicher sehr. Und daß The Rhumb Line ein ausgezeichnetes Album ist, wird jeder schnell feststellen, der es hört. Für mich ist das Debüt eine der besten Platten der letzten Monate. Live kann das aber schnell ernüchternd sein.

Aber nichts da! Sie waren hervorragend! Es hörte sich gut ausgesteuert und sehr druckvoll an. Nach dem Eröffnungsstück gefiel mir am Anfang vor allem Oh, la und dann das zauberhafte
Winter '05, bei dem die vielen Rasseln und Glöckchen nach einem Rentierschlitten klangen.

Mittlerweile kam auch ein Keyboard zum Einsatz. Wes mußte sich zwischen seinen Kollegen durchzwängen, um nach links zu dem kleinen Gerät zu kommen.
Suspended in gaffa, das Kate Bush Cover, das auf der Debüt CD zu finden ist, hat einen Walzerrhythmus, den Wes auf dem Keyboard spielte. Die Ra Ra Riot Version ist eine prima Umsetzung des Originals. Und auch hier waren wieder Violine und Cello wahnsinnig schöne und passende Begleiter. Die Instrumente selbst waren allerdings Geschmacksache: sie waren nämlich leer, bzw. hohl. Sie hatten keinen Körper, zwischen der Brücke, die die Saiten trägt (man merkt, hier spricht der Geigenbauer), und der Metall-Umrandung war nichts. Aber sie erzeugten die Töne, die sie erzeugen sollten. Da hätten sie auch ruhig mit Hello Kitty Bildern bemalt sein können.

A manner to act sollte das einzige nicht auf dem Album enthaltene Lied sein. Das Stück ist auf der Ra Ra Riot EP enthalten. Ansonsten spielten die sechs Amerikaner alle Lieder ihres Albums. Highlights in der zweiten Konzerthälfte waren für mich
Can you tell und vor allem der Riesenhit Ghost under rocks! Abschluß war Dying is fine, die erste Single.

Ra Ra Riot spielen wundervollen Indiepop, der aber einige Kraft hat. Mir kam beim Konzert häufiger Voxtrot in den Sinn. Voxtrot mit Geige. Ich kann mir vorstellen, daß die New Yorker ziemlich groß werden. Ihre Platte hat zumindest schon einmal tolle Kritiken bekommen, vollkommen zurecht! Nur fehlende afrikanische Trommeln dürfen doch nicht die große Karriere verhindern.

Die Zugabe war dann noch eine Besonderheit. Ra Ra Riot spielten mit The hounds of love ein zweites Kate Bush Lied! Und das war eine schöne Version! Sie kommt zwar nicht an die der großartigen Futureheads heran, war aber hörenswert! Und vor allem klang das Lied durch und durch nach Ra Ra Riot.

Cool Colonia war wohl heute bei MGMT. Aber drei Dutzend Leute mit gutem Geschmack waren im Blue Shell.

Setlist Ra Ra Riot, Blue Shell, Köln:

01: Each year
02: Run my mouth
03: St Peter's Day Festival
04: Oh, la
05: Winter '05
06: Suspended in gaffa
07: A manner to act
08: Can you tell
09: Ghost under rocks
10: Too too too fast
11: Dying is fine

12: The hounds of love (Kate Bush Cover)

'Tschuldigung für die schlechten Fotos...


 

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