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Dienstag, 14. Januar 2014

Slut, Köln, 13.01.14

1 Kommentare

Konzert: Slut
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 13.01.2013
Dauer: Slut 100 min, And The Golden Choir 40 min
Zuschauer: nicht ausverkauft (aber recht gut gefüllt)


Im August erschien ein neues Slut-Album (Alienation), das stilistisch eine Veränderung zu seinen Vorgängern darstellt. Anders klingen die Stücke durch "diese neuen Computerg'schichten", erklärte Sänger Christian Neuburger nach den ersten beiden Liedern des Konzerts. Auch die Herangehensweise ans Album war ungewöhnlich. Slut wollte mit fünf Produzenten in verschiedenen Städten jeweils zwei Lieder aufnehmen. Bei Tobias Siebert (Sänger von Klez.e und Gitarrist von Delbo) fand man in Berlin aber einen so guten Partner, daß aus den geplanten zwei Titeln fünf wurden und Tobias gleich als Support-Band und zusätzlicher Live-Musiker angeheuert wurde.

Ich habe Alienation bisher kaum beachtet - ich komme zu wenig zum Plattenhören (und höre dann immer nur Lush, The Organ oder die Smiths) - die erste Hälfte des Konzerts, die fast ausschließlich aus neuen Songs bestand, war also eine erste Chance, die Lieder konzentriert zu hören. Dabei waren die Computerg'schichten zu bemerken, sie waren aber alles andere als ein Bruch. Wenn so alle Band-Weiterentwicklungen funktionierten, würde ich heute auch die Editors noch mögen. Von den sechs Stücken, die den Anfang des Konzerts bildeten und die alle von Alienation stammten, überzegten mich Anybody have a roadmap mit enorm vielen Trommlern auf der Bühne und das auf Platte auf den ersten Blick* unscheinbare Never say nothing ganz besonders. Zwei große Knüller!

Mit Remote controlled endete der Alienation Block vorerst. Andy von Lookbook und seine beiden weitestgehend instrumentalen Plattennachbarn Big mistake und Swingquest stellten aber nur theoretisch einen Bruch dar. Daß die drei quasi zusammengehörenden Lieder ohne Pause gespielt wurden, war nicht überraschend. Aber auch sonst gingen viele Songs ineinander über, es sei denn Christian sah Bedarf, Stücke zu erläutern. Den Hintergrund des Alienation-Titelsongs erklärte es ausgiebig. Vor einigen Jahren habe ihr damaliges Kölner Label der Band einen Marketing-Experten geschickt, mit dem Slut in Ingolstadt bayerisch essen gehen sollte. Dabei erklärte der Experte, der hoffentlich heute nicht im Gebäude 9 war (vermutlich haben solche Label-Marketing-Experten aber eh keine Zeit für Konzerte, da sie ja Bands beraten), daß der Name Slut problematisch sei und die Band sich doch "Slut aus Ingolstadt" nennen solle. Nach "lyrics slut" zu googlen ist wirklich kein Vergnügen, allerdings sind Namesänderungen von Bands aus Vermarktungsgesichtspunkten natürlich nichts, über das Künstler, die wir mögen, ernsthaft nachdenken würden. Also schickte Slut den Experten nach dessen bayerischen Wiener Schnitzel zurück nach Köln. Mit Alienation hat diese Geschichte insofern etwas zu tun, daß das Lied von Ingolstadt handelt. Zwar eine weite Überleitung - aber sowohl beim Konzert, als auch jetzt zu schön, um sie auszulassen.

Die nächsten sechs Lieder waren das, was der Musikexpress eine Slut-Werkschau nannte, Stücke aus allen Phasen der langen Bandgeschichte, darunter StillNo1 mit wundervollem Coldplay-Piano, der Kracher If I had a heart oder... ach, das sind natürlich alles Hits! Nach gut 80 Minuten beendete ein letztes Alienation Lied den Hauptteil - Holy end, der ruhige Schlußpunkt des Albums. Dabei stand nur noch die halbe Mannschaft auf der Bühne, darunter Produzent Tobias. Überhaupt spielte der Klez.e- bzw. Delbo-Mann eine wichtige Rolle während des Konzerts. Er übernahm immer wieder Hauptrollen und bewegte sich so sicher über die Bühne, wie es Gastmusiker eigentlich gewöhnlich nicht tun.

Zu den Zugaben, die wegen einer Anreise-Verzögerung der Band erst um kurz vor halb zwölf begannen, wurden wieder alle Gitarren und Krachmacher benötigt. Das herrlich laute Dreigroschenoper-Cover von Sluts 2006er Platte war - so ungern ich das über Cover sage - einer der Höhepunkte des Konzerts! Aber auch Easy to love von Nothing will go wrong waren vorzüglich. Den Abschluß bildete das laut Christian ewig nicht mehr gespielte Hope. Überprüfen kann ich das nicht, es existieren kaum Slut Setlisten im Internet. Hier ist eine (für die diebischen Kollegen):

Setlist Slut, Gebäude 9, Köln:

01: Silk road blues
02: Anybody have a roadmap
03: Broke my backbone
04: Never say nothing
05: All show
06: Remote controlled
07: Andy
08: Big mistake
09: Swingquest 10: Alienation
11: If I had a heart
12: StillNo1
13: Stagged and torn
14: Why pourquoi (I think I like you)
15: Homesick
16: Reminder
17: Holy end

18: Die Moritat von Mackie Messer (Kurt Weill Cover) (Z)
19: Easy to love (Z)
20: Hope (Z)

Mein erstes Konzert des Jahres wird nicht wie sein Vorgänger 2013 am Ende das beste gewesen sein, es war aber sehr gut - im Gegensatz zu meiner Kondition. Wie schnell man doch die Fähigkeit verliert, bis spät (und lange) aufmerksam zu sein, nach einer jahreszeitlich bedingten Konzertpause! Heute fiel der Support And The Golden Choir dem zum Opfer. Ich mochte Tobias Sieberts Set zum Teil sehr. Mir gefiel auch die Idee, daß er sich von je einer selbstbespielten Schallplatte pro Lied selbst begleiten ließ ("ich habe mir die Band gespart"). Dabei war ihm immer wieder wichtig, daß er trotzdem live spiele - ein kleines Stückchen Unsicherheit, von dem danach, vor allem beim Slut-Auftritt, nichts mehr zu spüren war. Aber über 40 min hielt meine Aufmerksamkeit nicht. Aber das ist sicher nur mir anszulasten.

Links:

- aus unserem brandneu überarbeiteten Archiv:
-
Slut, Wien, 04.10.13
- Slut, Mannheim, 21.05.11
- Slut, Mannheim, 21.05.11
- Slut, Wien, 12.11.10
- Slut, Köln, 10.11.10
- Slut, Bielefeld, 15.03.08

Fotos später!

* ein Blick-Äquivalent fürs Hören gibt es wohl nicht? Ein Fall hierfür.



Dienstag, 8. Oktober 2013

Waves Vienna Festival, Wien, 04.10.13

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Konzert: Waves Vienna Festival, Tag 2
Ort: Flex, Wien
Datum: 04.10.2013
Dauer: Nowhere Train 45 min, My Heart Belongs To Cecilia Winter 45 min, Slut 65 min
Zuschauer: ca. 250



von Ursula von neulich als ich dachte 

Das Wiener Flex besteht bereits seit den Achtziger Jahren. Der am Donaukanal in einen verlassenen U-Bahn-Schacht gebaute Club war die zweite Spielstätte des Waves Vienna, die wir aufsuchten, und der Kontrast zum Odeon hätte kaum größer sein können: Während es am Vorabend keinerlei Einlasskontrolle gegeben hatte (abgesehen vom Blick aufs Festivalbändchen natürlich), man aber dafür mit Gehörschutz und Programmheftchen versorgt worden war, gab es im Flex nichts dergleichen, dafür aber seitens der zahlreichen Security-Mitarbeiter einen intensiven Blick in die Taschen der Besucher. 

Damit hatte ich nach der Erfahrung des Vorabends nicht gerechnet und hatte mir deshalb am Nachmittag noch zwei Gläser Marmelade der Luxusmarke Meinl gekauft - die nun prompt nicht mit hinein durften. Ich weiß nicht, ob es am generell harmlosen Ruf von Marmelade lag, am österreichischen Patriotismus (ich hatte nicht nur bei Meinl gekauft, sondern auch noch die sehr heimatverbundenen Sorten "Marille" und "Powidl" erworben) oder der betreffende Securitymensch einfach ein Marmeladenfreund war. Jedenfalls wurde mir angeboten, die Gläser für die Dauer meines Aufenthalts einzusperren, während einer Besucherin hinter mir, die irgendeine Flüssigkeit dabei hatte, und die zögerte, diese wegzuschütten, lediglich gesagt wurde, sie könne auch gerne draußen bleiben. 

Innen entpuppte sich das Flex als kleiner als erwartet, und als (noch) ziemlich leer. Die erste Band des Abends Nowhere Train hatte aber ausreichend eigene Fans mitgebracht, so dass ihr schon bald nach unserem Eintreffen beginnender Auftritt dennoch von Beginn an bejubelt wurde. Die siebenköpfige, austro-amerikanische Folkband war mit all ihren Instrumenten (Banjo, Mandoline, Akkordeon, Kontrabass, Hawaiigitarre, 12 String Guitar, Bassdrum) kaum auf der recht kleinen Bühne unterzubringen. Optisch orientierte man sich an Mumford & Sons (Liam Gallagher würde sagen "an den Amish People"), musikalisch zeigte die gebotene Folkmusik aber deutliche Country-Einflüsse. 

Bereits beim zweiten Lied (das erste war Nowhere Train gewesen, eine Art Theme Song also) wurde das Publikum aufgefordert, mitzuklatschen, beim dritten gab es eine Art Klatschchoreographie, später kam dann mit Get Right Friends noch ein A-Capella-Song, bei dem sich die Band am Bühnenrand aufreihte und das Publikum mitsingen durfte beziehungsweise sollte. 


Wer mich ein bisschen kennt, weiß, dass ich meist die Flucht ergreife, wenn Mitklatschen oder gar Mitsingen eingefordert werden, und auch Folkmusik begeistert mich nur selten. Dennoch waren Nowhere Train eine sympathische und unterhaltsame Truppe, deren sichtbare Begeisterung für die eigene Musik sich mühelos aufs Publikum übertrug. Die Tatsache, dass fast jedes Bandmitglied in einem Song die Lead Vocals übernahm sorgte zusätzlich für Abwechslung. 

Besonders lustig (auch für die Band) war die Situation, als an die letzte Zeile des Songs With A Lot Of Love spontan "I broke the fucking pedal" angefügt wurde - ab diesem Zeitpunkt war die Bass Drum nicht mehr mit von der Partie. Mit Outrageous durfte die Band am Ende sogar noch eine Zugabe geben. 

Setlist Nowhere Train, Waves Vienna Festival, Wien: 

01: Nowhere Train 
02: Annabelle 
03: Walking Man 
04: Rules Of Engagament 
05: To All My Demons 
06: With A Lot Of Love 
07: Black Air 
08: Get Right Friends 
09: Ashes 

10: Outrageous (Z) 


Der nächste Auftritt kam von My Heart Belongs To Cecilia Winter aus der Schweiz. Man könnte die einzelnen Bandmitglieder schon lange vor dem Auftritt beim Aufbau beobachten, und mein Begleiter stellte fest, dass der Sänger gar nicht so verrückt aussähe, wie man das sonst bei ihm gewöhnt sei. Er hätte sich keine Sorgen machen müssen, denn beim "echten" Konzertbeginn hatte er dann nicht nur eine Art Brille aus Glitzermakeup angelegt, sondern trug unterm T-Shirt auch eine Art Engelsflügel. 

Witzigerweise begann auch diese Band ihr Konzert mit einem nach sich selbst benannten Song. Von den weiter hinten positionierten Bandmitgliedern (neben Schlagzeuger Kusi Gerber war dort auch ein wohl für die aktuelle Tournee engagierter Zusatzkeyboarder am Werk) konnte man dank der nun vorhandenen dichten Nebelschwaden auf der Bühne praktisch nichts sehen. Die Publikumsaufmerksamkeit konzentrierte sich folglich meist auf den verkleideten Thom Luz und Betty Fischer, beide sangen die meisten Lieder auch gemeinsam.

Thom erklärte gleich bei der Publikumsbegrüßung, dass sich mit dem Auftritt im Flex und der Positionierung vor dem Headliner Slut gleich zwei seiner Wünsche von der To-Do-Liste des Lebens erfüllt hätten - nun müsse er nur noch einen Baum pflanzen und wahre Liebe finden. Hierfür nehme er auch gerne Hilfe aus dem Publikum entgegen. Trotz der später mehrfach wiederholten Sympathiebekundung fürs Flex blieben die Publikumsreaktionen aber relativ verhalten. Wir hatten bereits seit Nowhere Trains Auftritt nahe bei der Bühne gestanden, vor uns wäre aber durchaus noch Platz gewesen. Trotzdem ging niemand an uns vorbei. Anscheinend waren wir also die größten anwesenden Fans von My Heart Belongs To Cecilia Winter. Traurig, weil ich die Band vorher eigentlich gar nicht richtig kannte. 

Die Band hatte kein neues Album zu promoten und spielte Lieder aus den beiden bereits erschienenen Our Love Will Cut Through Everything und Midnight Midnight. Bei Airplane Window kam eine Art Hackbrett zum Einsatz, während im Hintergrund Betty und Kusi an zwei Instrumenten spielten, die ich überhaupt nicht einordnen konnte. Es klang auf jeden Fall nach Glockenspiel, wirkte aber eher wie eine Pfeifenorgel ... 

Nach diesem sehr schönen Song erklärte Thom, der besinnlich-traurige Teil des Abends sei nun beendet, jetzt komme der lustig fröhliche. Das geschah auch so und kulminierte schließlich bei You You You darin, dass Kusi mit nacktem Oberkörper und einer Umhängetrommel nach vorne kam - wo er natürlich kräftig auf die Trommel eindrosch - und Betty mit zwei Glöckchen wedelte. Kurz vorher hatte Thom bereits Silberschnitzel aus einer Art Kanone geschossen, wie ich sie bereits bei den Flaming Lips gesehen hatte. 

Ein ebenfalls gelungener Auftritt. Mein Herz konnten sich My Heart Belongs To Cecilia Winter zwar noch nicht ganz erspielen, aber es hat Spaß gemacht, ihr Konzert zu besuchen. 

Setlist My Heart Belongs To Cecilia Winter, Waves Vienna Festival, Wien: 

01: My Heart Belongs To Cecilia Winter 
02: Battle Scar 
03: The Wind That Moves The Clouds 
04: Future 
05: Airplane Window 
06: Never Ever Mountain 
07: Eighteen 
08: When The Devil Speaks My Name 
09: Battle Cry 
10: Objects In The Mirror Are Closer Than They Appear 
11: You You You 


Nun war es also Zeit für Slut, die nicht nur als einzige Band des Abends nicht von der uns mittlerweile vertrauten Stimme vom Band angekündigt wurden, sondern auch darauf verzichteten, ihr Set mit einem nach sich selbst benannten Song zu eröffnen (ich glaube auch nicht, dass sie ein Lied namens Slut haben).

Der Sänger Christian Neuburger erklärte gleich zu Beginn, die Band freue sich, beim Waves Vienna auftreten zu dürfen, denn gerade die Öffnung nach Osten (Teile des Festivals finden auch in Bratislava statt, und viele osteuropäische Gruppe treten auf) mache die Sache interessant. Außerdem habe man heute ihren Produzenten Tobias Siebert aus Berlin als Gitarrist dabei, denn ausgerechnet Sluts einziges österreichisches Mitglied weile aktuell in Thailand. Leider konnte ich per Webrecherche kein österreichisches Slut-Mitglied identifizieren, vermute aber, dass René Arbeithuber abwesend war. 

Slut haben aktuell mit Alienation ein neues Album, das ihnen live anscheinend noch nicht so leicht von der Hand geht, denn Anybody Have A Roadmap musste zweimal begonnen werden, weil man am Anfang "nicht bis vier sondern bis sechs" zählen muss. Der wahrnehmbar guten Laune der Band schadete das aber nicht. Live konnte man die auch auf der Platte hörbaren Parallelen der Band zu Radiohead erkennen, denn zeitweise waren alle Bandmitglieder bei diesem Song mit trommeln beschäftigt, wie es die britische Band letztes Jahr auch bei There There getan hatte. 

 Tatsächlich wurden auch nur fünf Titel von Alienation gespielt, der Rest des Sets setzte sich aus älteren Titeln zusammen. Die Instrumente wurden dabei zwischen den Bandmitgliedern häufig gewechselt. Überrascht war ich, als beim vorletzten Lied, Reminder, Christian Neuburger ganz verschwunden zu sein schien, aber immer noch hörbar sang. Tatsächlich spielte er nun im hinteren Teil der Bühne Keyboard, und dort war es auch jetzt noch sehr neblig. Zu dem Song wurde von Tobias Siebert auch eine riesige Rassel geschwungen, die ich ebenfalls nur schemenhaft erkennen konnte. 

Mit Holy End (ebenfalls mit Neuburger am Keyboard) und den Worten "Sie waren ein sehr gutes und aufmerksames Publikum" endete passenderweise das Set, aber Slut kehrten anschließend für zwei Zugaben zurück. Die Ansage zur Ballade von Mecki Messer verriet uns, dass das Brecht-Projekt der Band nach wie vor sehr am Herzen liegt, anschließend wurde mit Easy to Love quasi der Tophit gespielt, nach dem seitens des Publikums auch bereits verlangt worden war. In einer kurzen Pause des Songs, in der die relative Stille im Publikum hörbar wurde, sagte Neuburger "So gefällt mir das!" 

Uns auch, das Konzert hatte Spaß gemacht und eine Art Slut-Retrospektive geboten. 

Setlist Slut, Waves Vienna Festival, Wien: 

01: Staggered And Torn 
02: Time Is Not A Remedy 
03: Anybody Have A Roadmap 
04: Remote Controlled 
05: Still No 1 
06: Rocket 
07: All Show 
08: If I Had Heart 
09: Next Big Thing 
10: Interference 
11: Reminder 
12: Holy End 

13: Die Moritat von Mecki Messer (Z) 
14: Easy To Love (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Slut, Mannheim, 21.05.11
- Slut, Mannheim, 21.05.11
- Slut, Wien, 12.11.10
- Slut, Köln, 10.11.10
- Slut, Bielefeld, 15.03.08

Fotos: Dirk von Platten vor Gericht



Dienstag, 24. Mai 2011

Maifeld Derby, Mannheim, 21. & 22.05.11

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Neulich beim Festival der kurzen Wege
von Ursula von neulich als ich dachte

Nach zwei Jahren Planung findet gerade zum ersten Mal das Maifeld Derby Festival im Reitstadion auf dem Maifeld-Gelände in Mannheim statt. Mehr als 20 Bands spielen auf drei Bühnen, dazu gibt es ein von Philipp Käßbohrer kuratiertes Kurzfilmprogramm und Autoren-Lesungen (Lena Gorelik, Sabine Scholl u.a.).

Obwohl ich nicht allzu viele der auftretenden Bands kannte, war allein die Aussicht, Diego, Get Well Soon und Slut zu sehen, bereits den „Frühbuchertarif“ (hier „Early Horse“ genannt) von 25 Euro mehr als wert. Und von Frankfurt aus kann man auch nach Mannheim pendeln, ohne auf den Zeltplatz angewiesen zu sein.

Im Vorfeld zeigte sich dann an der einen oder anderen Stelle, dass hier ambitionierte, aber möglicherweise nicht unbedingt routinierte Festivalplaner am Werk waren: Immer wieder wurde ohne Folgen ein Zeitplan der spielenden Bands angekündigt, und auch die Campingsituation blieb so lange ungeklärt (und funktionierte letztendlich nur bei Voranmeldung der Interessenten), dass bei mir ein paar Zweifel daran aufkamen, ob der sonstige Ablauf einigermaßen klappen würde.

Gestern, am ersten Tag des Festivals, wurden allerdings die meisten Sorgen ausgeräumt. Sicher, das Parken kostet 5 EUR extra, und das Gelände ist sogar im Vergleich mit dem ebenfalls kleinen Haldern-Festival geradezu mikroskopisch, aber Letzteres hat eigentlich nur Vorteile: Vom Parkplatz zur Bändchenausgabe läuft man drei Minuten und wartet dort weitere zwei, die Security besteht aus zwei Personen und ist freundlich (und verabschiedete uns später höflich in die Nacht), und dann wäre da noch der Ablaufplan: Die Bands treten auf einer Hauptbühne im Zelt auf, direkt davor befindet sich die zweite, „Open Air“-Bühne. Die Künstler spielen auf beiden Bühnen abwechselnd, und das direkt hintereinander. Man läuft also nach Beendigung eines Konzerts draußen einfach ohne Schlange stehen nach drinnen, und dort beginnt innerhalb von fünf Minuten der nächste Auftritt. Gegenüber der mit der Zeit doch etwas zermürbenden Warterei bei größeren Festivals ist das einfach genial.

Andere Dinge sind dann nicht ganz so super, so ist das Gelände sehr sandig und ohne Wiesen. Es ist von den angekündigten LED-Luftballons im Zirkuszelt nichts zu sehen, stattdessen gibt es später dann leuchtende Farbwürfel auf einer Pferdekoppel. Das ebenfalls angekündigte „Cateringdorf mit Leckereien aus der Region“ entpuppte sich als EIN Essensstand, der von einer Landmetzgerei namens Kumpf (Get Well Soons Bassist heißt übrigens Timo Kumpf) geführt wird. Für Nicht-Fleischfreunde gibt es immerhin Käsebrötchen, Pommes Frites und eine Gemüsepfanne, was für zwei Tage mehr als ausreichend sein sollte. Dennoch wäre ein zweiter Stand sicher kein Luxus. Und die bis vor Kurzem auf dem Gelände vorhandenen Pferde kann man zwar nicht mehr sehen, aber sehr gut riechen.

Und was ist nun mit dem Musikprogramm? Nachdem wir gleich schon wieder los nach Mannheim müssen, folgt der Bericht von Tag 1 morgen.

Neulich beim Festival der kurzen Wege (Teil 2)

Kommen wir heute endlich zur Musik beim Maifeld-Derby, und zwar zunächst zu der von Tag 1.

Für uns war die Karlsruher Band Diego einer der Gründe, zum Maifeld Derby zu fahren, sie erreichte leider aber im Lineup nur einen Platz unter „ferner liefen“ und eröffnete die Zeltbühne am Freitag um 18:20 Uhr. Der nur 30 Minuten lange Auftritt fand vor kleinem, aber engagierten Publikum statt (das immerhin auf den parallel stattfindenden Extra-Überraschungsauftritt des Tages-Headliners Katzenjammer verzichtete).

Im Vergleich zum Nachtleben-Auftritt vor einigen Monaten wurde hier ein reduziertes „Best of“-Set inklusive unserer Lieblingstitel „September March“, „Lucy“ und „Grizzly Bear“ gespielt. Diego ist eine tolle Band mit schönen Songs, der man viele, viele Fans wünscht. Die ähnlich klingenden Editors und Interpol haben die ja auch in Massen.

Wegen des straffen Zeitplans musste das Publikum am Ende zwischen zwei möglichen Schluss-Songs wählen: Zur Auswahl wurden entweder ein schnelles, rockiges Lied mit orientalischem Zwischenspiel („Metz“) oder ein etwas Langsam-Pathetisches gestellt. Hätten wir gewusst, das Letzteres sich auf der Setliste als „She is“ entpuppen würde, hätten wir anders votiert.

Setlist Diego, Maifeld Derby, Mannheim:

01: The Distance Between Us
02: Echoes
03: Lucy
04: Connected
05: September March
06: Grizzly Bear
07: Galama
08: Metz
09: She Is (wurde weggelassen)

Kurz sahen wir nach dem Verlassen des Zeltes den Auftritt von Slaraffenland, die uns aber trotz Kritikervergleichen mit Efterklang nicht in ihren Bann ziehen konnten, dafür fielen uns angesichts des Bandnamens lustige Bonmots zum doch sehr überschaubaren Fresstand-Angebot (siehe gestriger Beitrag) ein.

Zurück im nun deutlich volleren Zelt spielte nun mit Ra Ra Riot eine Band aus New York, die laut Programmheft in den USA bereits überaus erfolgreich ist. Die Jungs sahen alle wie nerdige, hippe Studenten aus, die beiden weibliche Bandmitglieder warteten mit Glitzergeige und einem Bass-Skellett auf. Geboten wurde ansonsten Indiepop, der angenehm klang, aber auch nicht sonderlich gut im Gedächtnis haften blieb. Den muss man vielleicht noch einmal auf Platte nachhören.

Setlist Ra Ra Riot, Maifeld Derby, Mannheim:

Link01: Too Too Too Fast
02: Shadowcasting
03: Oh, LA
04: Do You Remember
05: Run My Mouth
06: You And I Know
07: St. Peter’s Day Festival
08: Can You Tell
09: Boy
10: Too Dramatic
11: Dying Is Fine


Unsere erste Band auf der „Open Air Bühne“ vor dem Zelt waren Flashguns. Angesichts der Festivalgröße fühlte man sich hier eher wie bei einem Stadtfest, was eigentlich ganz schön war: Man fand ohne große Probleme einen guten Stehplatz. Das Gewitter des Freitagabends war dankenswerterweise gerade vorbei, allerdings war dabei wohl irgendetwas Technisches feucht geworden: Als Flashguns die Bühne betraten und zum ersten Song „Come and see the lights“ ansetzen, fiel nämlich nach wenigen Sekunden erst einmal der Strom aus und alles stand im Dunkeln (und Leisen). Angesichts des Songtitels eine eher lustige Situation, die der Sänger mit der Verabschiedung „We’ve been Flashguns!“ kommentierte. Bevor die Band aber auch nur Anstalten machen konnte, die Bühne zu verlassen, hatte schon jemand den Sicherungskasten gefunden und alles lief wieder ohne Probleme.

Das junge Trio aus London machte laute Indierock-Musik und beherrschte aus meiner Sicht schon etwas zu viele Bühnenposen. Da hat wohl jemand eifrig bei „Guitar Hero“ geübt oder schon oft Matt Bellamy von Muse gesehen.

Die Band gab viele Titel ihres noch nicht erschienenen Debütalbums zum Besten und entschied sich dabei stets für lautere und gitarrigere Versionen.

Und im nun endgültig dicht, aber keineswegs unangenehm gefüllten Zelt wartete schon wieder die nächste Band, nämlich der Hauptact dieses Abends: Katzenjammer. Die vier Norwegerinnen spielten Balalaika, Banjo, Ukulele, Schlagzeug, Akkordeon, Mundharmonika, Hackbrett, Keyboard und Xylophon, und nach jedem Lied wurde die Instrumenteverteilung und Bühnenpositionierung neu durchgewechselt, wobei eine der Damen einmal drei Instrumente gleichzeitig bediente.

Dazu waren sie allesamt noch sehr speziell angezogen: Wir sahen eine gigantische Afroperücke, blonde Zöpfe mit Silberstern auf der Stirn, ein an das „Lady Marmelade“-Video erinnerndes Kurtisanenkostüm und überall schwingende Röcke und Schnürstiefel.

Obwohl Katzenjammer in Deutschland noch nicht in großen Hallen auftreten, merkt man ihnen zum einen an, dass sie bereits einiges an Bühnenerfahrung und –routine haben, andererseits scheint das Publikum auch zahlreiche textsichere Fans aufzuweisen. Dem begeisterten Auftritt mit engagiert vorgetragenen Folk-, Polka, Rock- und Countrysongs, dramatischen Bühnenkostümen, verrückten Frisuren und immer neuen Instrumenten kann man sich auch schwer entziehen. Dennoch: Meinen Musikgeschmack traf die durchaus sympathische Band nicht so recht, immerhin konnte ich mich aber an der riesigen Katzen-Balalaika erfreuen.

Neulich beim Festival der kurzen Wege (Teil 3)

Eigentlich war der Samstag der interessantere der beiden Festivaltage, denn nun spielten mit Slut, Get Well Soon und Hundreds gleich drei Bands, die wir tatsächlich sehen wollten. Da wir ja in Frankfurt bequem bei Bett, Dusche und Frühstückstisch genächtigt waren, reisten wir auch erst am späten Nachmittag wieder nach Mannheim und sahen dort als erste Band zunächst Mikroboy.

Die deutsche Band nahm letztes Jahr am Bundesvision Song Contest teil und kann deshalb als halbwegs bekannt eingeschätzt werden - auch, wenn ich vorab keines ihrer Lieder kannte. Für Gala-Leser wäre noch zu erwähnen, dass Sänger Michael Ludes der Freund von "unserer Lena" sein soll. Im Publikum befand sie sich dennoch nicht, dafür aber zahlreiche andere junge und vor allem weibliche Fans mit beeindruckender Textsicherheit.

Ich schätze, dass Fans von deutschsprachigen Bands Virginia jetzt! oder Fertig! Los! auch an Mikroboy gute Seite würden entdecken können. Ich konnte zumindest live an ihren Songs wenig Gefallen finden, die Interaktion mit dem Publikum wollte nicht so recht klappen, und ich und war zusätzlich noch dadurch abgelenkt, dass der Sänger und der Gitarris offenbar extradünne, weiße T-Shirts aus Mehrerpacks bevorzugen. Ja ja, ich bin oberflächlich, war aber auch zusätzlich abgelenkt: Während des Mikroboy-Auftritts traten auch die bei diesem Festival sehr spärlich vorhandenen besoffenen Idioten erstmalig in Erscheinung.

Die nächste Band (Abby) verpasste ich und schlenderte zum Essensstand, wo ich eine katastrophale Entdeckung machte: Das Veggie-Gericht des Metzgereistands (der, wir erinnern uns, der einzige Essensstand war), eine Gemüsepfanne, wurde nicht mehr angeboten. Auch die am Freitag noch vorhandenen Käsebrötchen waren nicht mehr vorhanden. Ich kaufte mir mangels Alternativen also zwei Schalen Pommes, um dann festzustellen, dass auch das Ketchup mittlerweile aufgebraucht war.

Na ja, wir waren ja auch nicht zum Essen gekommen, und im Zelt stand nun der Auftritt der tollen Ingolstädter Band Slut an. Endlich fühlte ich mich kompetent, denn ich hatte die Gruppe bereits vor einigen Jahren live gesehen und kannte auch alle ihre Alben - dachte ich zumindest, bis mich mein Freund darauf aufmerksam machte, dass ich offenbar erst bei der dritten Platte eingestiegen bin.

Verglichen mit dem Frankfurter Auftritt vor etlichen Jahren erschien mir die Band dieses Jahr selbstbewusster. Sänger Christian Neuburger erklärte mehrmals, dass es der Band (obwohl man Festivals sonst nicht sonderlich möge) großen Spaß mache, heute vor uns aufzutreten, und anders als bei Mikroboy nahm das Publikum die Komplimente auch begeistert an.

Setlisten-technisch haben wir bei diesem Konzert leider versagt, es wurden aber definitiv gespielt:

Staggered and Torn
Easy To Love
Still No one
If I Had A Heart
Die Ballade von Mackie Messer
Reminder

Leider ausgelassen wurde "Why Pourquoi".

Weiter ging es nun mit den Headlinern und, wie sich anhand der Bemerkungen während ihres Auftritts herausstellte, Organisatoren des Festivals, Get Well Soon.

Ich habe die Band in den letzten Jahre dreimal live gesehen, und es macht immer wieder Spaß. Die Arrangements von Konstantin Gropper sind stilistisch fast ebenso vielfältig und streckenweise theatralisch wie der Katzenjammer des Tages zuvor, aber hier führen musikalische Richtung und Grund-Düsterheit zu einem für mich viel angenehmeren Ergebnis.

Leider führte anscheinend weder die Tatsache, dass Get Well Soon der Festival-Headliner waren, noch der Status als Mannheimer "Lokalband" dazu, dass alle Besucher die Band auch tatsächlich sehen wollten. Zwar war das Zelt rappelvoll und der Applaus enorm, aber wann immer eine leisere Liedpassage kam (und die gab es oft), zeigte sich, dass der Gesprächs-Geräuschpegel im Publikum ohrenbetäubend war. Warum Menschen zu einem Konzert gehen, um sich dort gegenseitig ins Ohr zu brüllen, wenn sie dasselbe Gespräch auch in normalerer Lautstärke zehn Meter weiter weg führen könnten, muss man wohl nicht verstehen.

Die Band selbst hätte diesem Problem sicher mit einer etwas lebhafteren beziehungsweise lauteren Setliste bekämpfen können, andererseits hatten wohl auch die Künstler mit einem etwas aufmerksameren Publikum gerechnet.

Schwamm drüber, die Groppers haben mir auch dieses Mal wieder Freude bereitet. Lustig war auch Konstantins Ankündigung von zukünftigen Maifeld-Derbys, die von seinen Kollegen (den Festival-Organisatoren) mit einem panischen Grinsen nach dem Motto "Ach, wir machen das nochmal??" quittiert wurde.

Setlist Get Well Soon, Maifeld Derby, Mannheim:

01: We are safe inside while they burn our house
02: Seneca's silence
03: People Magazine front cover
04: We are free
05: 5 steps/7 swords
06: A voice in the Louvre
07: Listen! Those at sea sing a song on christmas day
08: Good Friday
09: Werner Herzog gets shot
10: We are ghosts
11: A burial at sea
12: Tick Tack! Goes my automatic heart
13: Angry young man
14: I sold my hands for food so please feed me

15: Red nose day (Z)
16: If this hat is missing I've gone hunting (Z)

Als letzte Band nicht des Festivals, aber unseres Besuchs trat anschließend auf der extra schwarz abgehängten Bühne Hundreds auf, ein Elektronik-Bruder-Schwester-Duo (live mit zwei Extraschlagzeugern unterwegs) aus Hamburg. Als Sängerin Eva Milner, die als einzige beim Kurz-Soundcheck die Bühne nicht betreten hatte, mit einem recht seltsamen Cape-Konstrukt erschien und abgehackte Ausdruckstanzbewegungen machte, befürchtete ich zunächst, dass dieser Auftritt für meinen Geschmack zu zickig-durchinszeniert sein würde. Neben der teils traurig-betörenden, teils auch tanzbaren Musik traten solche Überlegungen, wie auch die zum unterm Cape getragenen Sack-overall sehr bald in den Hintergrund. Hundreds machen outfitunabhängig sehr mitnehmende elektronische Musik, und wer The Notwist mag, wird hier sicher auch Gefallen, aber keine Nachahmung finden.

Schön waren auch die Lichteffekte auf der schwarzen Bühne, die bei uns zu einer großen Auswahl hübscher Silhouettenfotos führte.

Setlist Hundreds, Maifeld Derby, Mannheim:

01: Intro
02: Wait For My Raccoon
03: Machine
04: Fighter
05: Grab The Sunset
06: I Love My Harbour
07: Song For A Sailor
08: Rabbits (schien zumindest so auf der handschriftlichen Liste zu stehen)
09: Let's Write The Streets

Das war's also mit dem insgesamt durchaus erfolgreichen ersten Maifeld-Derby. Heute stand bei Facebook zu lesen, dass zu wenig Leute zum Abbauen anwesend seien und dass man sich über freiwillige Helfer freuen würde - als Gegenleistung wurden T-Shirts und Verpflegung geboten. Wetten, letztere war wieder 'ne Wurst?



Sonntag, 22. Mai 2011

Get Well Soon und andere, Maifeld Derby, 21.05.11

7 Kommentare

Konzert: Get Well Soon
Ort: Maifeld Derby, Mannheim
Datum: 21.05.2011
Zuschauer: nicht ausverkauft, bei Get Well Soon war das Zelt aber ziemlich voll
Dauer: knapp 90 min


Daß das Get Well Soon Konzert, von dem ich gerade zurückgekommen bin, mein bislang schlechtestes war, lag an vielem, allerdings nicht an der Band. Stattdessen am dauerhaften Hintergrundkrach, der mich an den Kölner Hauptbahnhof erinnerte; an den beiden stark betrunkenen Typen vor mir, die sich mehr oder weniger spannende Geschichten zubrüllten; an dem furzenden Bartträger hinter mir; an dem Kerl im braunen Hemd, der irgendwann dessen Platz einnahm und das Mädchen neben sich lautstark angrub; an den giggelnden Mädchen rechts; den drei Idioten links vorne, die über jede leisere Musikphase froh waren, weil sie dann nicht so schreien mussten. Am meisten lag es aber vermutlich an mir, daß ich mir den Auftritt einer Lieblingsband von solchen Widrigkeiten (furzend, giggelnd, angrabend, schreiend) versauen ließ.* Ich weiß ja auch, daß es spießig ist, daß ich mich darüber aufrege, aber das hilft nicht.

Get Well Soon waren Headliner des Maifeld Derbys, eines kleinen aber sehr schönen Festivals auf dem Maimarkt Gelände in Mannheim. Ich hatte noch nie Konzerte in Mannheim gesehen, kannte die Stadt in diesem Zusammenhang auch nur aus Ankündigungen für Bon Jovi Openairs (was vieles während Get Well Soon erklären würde). Dieses erste Maifeld Derby wurde von Timo Kumpf und Maxxi Schenkel organisiert. Neben Bands aus dem Umfeld der Mannheimer Popakademie, aus dem ja auch Konstantin Gropper stammt, hatte man Gruppen wie Slut, 31knots oder Hundreds verpflichtet, die aus einem "Get Well Soon and Friends" ein ausgewachsenes Festival machten.

Das Gelände liegt extrem zentral zwischen mehreren Autobahnen und ist Reit- und Messezentrum. Den hinteren Teil nutzen die Organisatoren für die beiden Hauptbühnen. Die große war in einem Dreimast-Zirkuszelt, das man für diesen Zweck aufgebaut hatte. Wie man es geschafft hatte, den authentischen Pferdegeruch darin zu erzeugen, ist mir ein Rätsel! Gibt es Raumsprays "Pferd"? Neben dem Zelt lag draußen eine kleinere Bühne. Abwechselnd spielten auf beiden Bühnen Bands, ohne jeden Leerlauf, sodaß die Zeit sogar knapp wurde, vom Zelt zur kleinen Bühne zu wechseln.

Vor dem Zelt verkaufte die Landmetzgerei Kumpf (und ich dachte, alle Musiker seien Veganer) köstliche Bratwürste. Das - und die drei Getränkestände (Apfelwein, Bier, Cola) - war zwar nicht das Cateringparadies schlechthin, erfüllte aber seinen Zweck vollkommen. Und die Würste waren wirklich ausgezeichnet.

Mein Festival begann mit Mikroboy aus Berlin, die aber nach Hamburg klingen (wollen). Vor allem Sänger Michi Ludes hat sich einen ordentlichen Nord-Akzent antrainiert, was verständlich ist, da er aus dem Saarland stammt. Da ich hier keinen Klatsch schreiben darf, erwähne ich Michis Wohl-Beziehung zu Lena Meyer-Landrut (die heute Geburtstag hat), nicht weiter. Kann man ja auch ergooglen. Zu Mikroboy ist damit aber auch schon fast alles gesagt. Ich fand die Band nicht furchtbar spannend, sie tat auch nicht weh, war also gut erträglich, das Bedürfnis, ihre Platten (eine neue erscheint im Juni) zu kaufen, hatte ich aber nicht.

Bemerkenswert am Mikroboy Auftritt waren aber auch die ersten ungewöhnlichen Leute im Publikum. Zwei (hoffentlich!) angetrunkene Typen mit einer mini Diskokugel an einer Stange, Alufolienbändern und nackten Oberkörpern, tanzten nämlich einmal quer durchs Zelt, um dann in der zweiten Reihe alles zu geben.

Nach einem nebenher erlebten Auftritt von Abby (die besser waren, als ich gedacht hatte!), bei dem das Blockflötensolo am Ende toll war, kam mit Slut im Pferdezelt die erste Band, wegen der ich da war. Slut spielen nach eigenem Bekunden ungerne Festivals. Mit kaltem Bier und dem Versprechen, die Zuschauer seien sehr nett, habe man sie aber nach Mannheim gelockt.

Offenbar spielten sie nicht gegen ihren Willen, denn das Konzert war hervorragend. Ich habe mich mit den neueren Sachen von Slut wenig, mit der Band allgemein eine Weile nicht beschäftigt, war aber schnell erobert. Mit Slut ist es wie mit manchen Bands aus der deutschen Provinz, man neigt gerne dazu, sie dramatisch zu unterschätzen. Was kann schon aus Ingolstadt, Weilheim oder Mannheim kommen? Das kann doch nichts taugen. Unsinn! Slut sind hervorragend, haben ein immens gutes Repertoire und waren auch bei meinem zweiten Konzert live fabelhaft! Da ich mich zu wenig gut mit ihren Liedtiteln auskenne, habe ich mich auf meine Mitschrift verlassen, um die Setlist zusammen zu bekommen. Dabei hatte ich nicht erwartet, daß "Slut" bei google nicht nur musikalischen Bezug herstellt...

Setlist hin oder her, Slut waren hervorragend, der Auftritt sollte das beste Konzert des Festivals sein!

Warum das der von Get Well Soon nicht sein konnte, hatte ich wohl erwähnt. Die Band konnte den Krach im Zelt nicht laut genug überspielen. Beim Soundcheck hatte man wohl unterschätzt, wie laut das Publikum in einem Zelt sein kann. Das war extrem schade, denn unbestritten sind Get Well Soon die mit Abstand sehenswerteste Band des Festivals. Aber vor allem bei den vielen ruhigen Stücken des Abends war die Unruhe grausam. Als Konstantin Gropper gegen Ende vor Tick Tack! Goes my automatic heart bat, Maxxi und Timo (die wie alle anderen Bandmitglieder außer den Geschwistern für die erste Hälfte des Lieds von der Bühne gehen) ein paar ruhige Augenblicke zu verschaffen, war das sehr diplomatisch, aber für mich unverkennbares Zeichen, daß auch der Sänger genervt war. Geholfen hat es leider nicht.

Die Liedauswahl war durchaus so, wie man sie bei einem solchen Heimfestival erwarten konnte, nämlich ein best of, ergänzt durch Good Friday vom Wim Wenders Soundtrack Palermo Shooting.

Besonders gut gefiel mir dann am Ende noch, daß Get Well Soon beim letzten Stück (If this hat is missing I've gone hunting) noch Freunde auf die Bühne baten, mitzusingen (wir meinen, Wallis Bird erkannt zu haben). Unter anderen Umständen wäre das Konzert so wie immer gewesen, nämlich großartig. Ich habe es mir versauen lassen, den sehr positiven Gesamteindruck des Festivals hat das aber nicht getrübt. Hoffentlich stimmte die Ankündigung von Konstantin, daß es auch im kommenden Jahr ein Maifeld Derby gebe!

Setlist Get Well Soon, Maifeld Derby, Mannheim:

01: We are safe inside while they burn our house
02: Seneca's silence
03: People Magazine front cover
04: We are free
05: 5 steps/7 swords
06: A voice in the Louvre
07: Listen! Those at sea sing a song on christmas day
08: Good Friday
09: Werner Herzog gets shot
10: We are ghosts
11: A burial at sea
12: Tick Tack! Goes my automatic heart
13: Angry young man
14: I sold my hands for food so please feed me

15: Red nose day (Z)
16: If this hat is missing I've gone hunting (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Get Well Soon, Wien, 23.11.10
- Get Well Soon, Rüsselsheim, 09.07.10
- Get Well Soon, Dortmund, 05.05.10
- Get Well Soon, Paris, 16.03.10
- Get Well Soon, Heerlen, 07.03.10
- Get Well Soon, Frankfurt, 02.03.10
- Get Well Soon, Paris, 26.01.10
- Get Well Soon, Wiesbaden, 22.08.09
- Get Well Soon, Bonn, 04.07.09
- Get Well Soon, Paris, 06.05.09
- Get Well Soon, Nijmegen, 25.04.09
- Get Well Soon, Paris, 14.10.08
- Get Well Soon, Wiesbaden, 30.08.08
- Get Well Soon, Melt!, 20.07.08
- Get Well Soon, Evreux, 28.06.08
- Get Well Soon, Frankfurt, 15.04.08
- Get Well Soon, Köln, 09.04.08
- Get Well Soon, Berlin, 21.09.07
- Get Well Soon, Haldern, 02.08.07


* Wenn ich nicht so müde wäre, würde ich einige der Dialoge gerne wiedergeben. Vielleicht morgen, dazwischen liegt aber eine Nacht, die gewöhnlich den Großteil des Ärgers wegspült.



Sonntag, 14. November 2010

Slut & Pelzig, Wien, 12.11.2010

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Konzert: Slut, Pelzig
Ort: B72, Wien
Datum: 12.11.2010
Zuschauer: bummvoll, 250 Leute
Konzertdauer: Pelzig 40 Minuten, Slut 90 Minuten



Aus Ingolstadt, der kleinen bayrischen Großstadt, kommt ja so einiges. Nach Beliebtheit bei den „Ösis“ – in aufsteigender Reihenfolge – gereiht: die EADS-Machenschaften namens Eurofighter, schnelle und teure Autos von Audi und zu bester Letzt: Slut.


Die deutsche Band mit dem sympathischen Wuschelkopf Christian Neuburger als Frontmann darf getrost als Wegbereiter und –begleiter des englischsprachigen Alternative im deutschsprachigen Raum bezeichnet werden, aber auch als Band, die sich stetig weiterentwickelt und zunehmend auch von herkömmlichen Formaten weg bewegt. Vor ein paar Jahren erarbeitete man etwa Lieder des Brecht-Freundes Kurt Weill und gab die Interpretationen auch im Theater zum Besten. Letztes Jahr wilderte man wieder in literarischen Kontexten und begleitete Juli Zeh auf einer kleinen Tour zu ihrem Buch Corpus Delicti mit eigens dafür komponiertem Material.


Und dieses Jahr? Dieses Jahr begaben sich Slut, ganz im Stile großer Legenden, auf die Spuren ihrer Frühzeit, wie es so schön heißt: „back to the roots“, und legten ihre lange seit Jahren vergriffenen ersten beiden Werke „For Exercise And Amusement“ und „Interference“ neu auf. Und machten sich aus diesem Anlass auf, die seit fast einem Jahr Absenz regelrecht nach Slut dürstenden Bühnen des deutschen Landes und seiner südlichen Nachbarschaft zu beehren.


Und ganz offensichtlich hatte auch die Zuseherschaft die Ingolstädter bereits vermisst, denn der Vorverkauf für diese besondere Tour lief ganz hervorragend. Natürlich in München und auch in Wien, wo bereits einen Monat im vorhinein alle Karten vergriffen waren. Der Teenbeatclub, der wieder als Veranstalter auftrat, hatte nämlich seine Liebe zu den Lokalen am Gürtel manifestiert und das B72 für diesen Abend auserkoren, welches nun mal nicht unbedingt zu den größten Locations zählt. Diese bewusst erzwungene Intimität stieß natürlich auf wenig Gegenliebe bei all jenen, die keine Karte ihr Eigen nennen durften, auf umsomehr dafür beim Publikum des Abends. Und Slut machen es einem ja auch wirklich leicht, sie zu mögen: Melancholische, aber zügige Gitarrenmusik, eingängige Melodien und die charakteristische Neuburger-Stimme zeichnen für eine große Fangemeinde verantwortlich.


Ob zu dieser auch jene Dame (ganz offensichtlich vom horizontalen Gewerbe) gehörte, die etwa drei Stunden vor Konzertbeginn im B72 auftauchte und etwas verwirrt auch sofort wieder ging, ist unbekannt. Vielleicht hat sie auch die wörtliche Übersetzung des englischen „slut“ zu wörtlich genommen…


Bei Pelzig gibt es keine Übersetzungsschwierigkeiten, die Schwesterband von Slut ersetzte an diesem Abend The Strange Death Of Liberal England, die bis dahin als Support fungiert hatten, sich an diesem Abend aber lieber alleine ins Flex wagten. Die Besucherzahlen dort sollten dieser Entscheidung eher nicht Recht gegeben haben…


Pelzig jedenfalls waren ganz offensichtlich glücklich mit dem erschienenen Publikum und spielten nach anfänglichen technischen Problemen ein zackiges Set runter. Dass ihre Musik ähnlichen Einschlags wie die von Slut ist, hat wohl auch damit zu tun, dass sich im Kader von Pelzig (ich muss bei dem Namen immer an ein Schnabeltier denken, an was denkt ihr???) zwei Kollegen von Slut befinden. Nur der glatzköpfige/kürzesthaarige Sänger hatte wenig mit Chris von Slut zu tun (auch haarmäßig nicht), er spielte auch kein Instrument, bediente sich dafür des Öfteren eines Megafons.


Waren eigentlich alles recht hübsche Songs, so wirklich nachhaltig im Gedächtnis wollte sich bei mir aber keines einnisten, nur Stuck In gefiel mir ganz gut. Das kannte ich allerdings schon davor. Nach knapp 40 Minuten machten sich Pelzig dann an die schwerste Übung dieses Abends und kämpften sich von der Bühne durchs Publikum in Richtung wohlverdientes Abendessen.


Auch das gemeine Fußvolk war hungrig, hungrig nach der zweiten Ingolstädter Band des Abends. Der Appetit sollte rasch gestillt werden. Schon auf dem Weg zur Bühne empfing das Quintett Jubel. Nach Ground (von For Exercise And Amusement), Interference (vom gleichnamigen Album) und dem gebührenden Applaus machte sich Neuburger daran, die Erwartungshaltungen vor der Bühne zu evaluieren, man werde heute „vornehmlich, aber nicht ausschließlich“ aus den zwei ersten Werken zum Besten geben. Ergebnis der Evaluation: Programm angenommen.


Mit dem Auftrag des Volkes ausgestattet, wie es in der politischen Berichterstattung so eloquent heißt (in Wien wurde an diesem Tag übrigens die erste rot-grüne Stadtregierung der Geschichte besiegelt), machten sich Slut an die Verwirklichung ihres Wahlversprechens und das besser als man es in Österreich gewohnt ist.


Abwechselnd und zu gleichen Teilen kamen die beiden genannten Alben zum Zug und dieses alte, bereits über zehn Jahre alte Material klang frisch wie nur irgendwas. Man könnte an dieser Stelle von einer zweiten Jugend sprechen, man könnte aber auch – noch pathetischer – von einer Wiederauferstehung dieser live zuvor selten gespielten Songs sprechen. Muss man aber nicht. Man kann sich (als noch in der ersten Jugend Steckender) einfach darüber freuen, dass man Dokumente einer Zeit miterleben darf, die man ohne Slut zu kennen verbracht hat.


Als kleine Leckerbissen boten Slut all jenen, die vorrangig den aktuellen Werkkatalog kennen, zwischendurch Songs jüngeren Datums, etwa Homesick und das in einer großartig reduzierten Version vorgebrachte Staggered And Torn. Beide wurden begeistert aufgenommen, aber das wurden eigentlich alle Songs.


So verging eine Stunde, die kurzweiliger nicht hätte sein können und in der es im prall gefüllten B72 noch um eine gefühlte Pudelmütze heißer wurde und mit Cloudy Day kam man zum Ende. Der richtige Song, um die Wetterlage zu beschreiben, aber in Wien war der Kuchen noch nicht gegessen, nach frenetischen Klatsch, Ruf- und Pfifforgien brach noch einmal die Sonne zwischen den Wolken hervor und das tolle If I Had A Heart wurde ausgepackt, dass ganz hervorragend gelang. Zwei weitere Songs hatte man noch in petto, bevor schweißüberströmt der nächste Anlauf, die Bühne zu verlassen, gewagt wurde. Es blieb bei dem Versuch, was Slut alles andere als störte, man bedankte sich bei Wien und sprach dann: „Achtung Theater!“


Ein ganz essenzieller Song aus dem Schaffen wurde also ausgepackt, es wurde der Dreigroschenoper und ganz besonders Kurt Weill gehuldigt, als Die Moritat von Meckie Messer unter anfänglicher mithilfe des Publikums angestimmt wurde. „Und der Haifisch, der hat Zähne…“


Ein zahnloser Auftritt war das heute mitnichten, schön, dass Bands sich hin und wieder noch auf ihre Anfangszeiten zurückbesinnen, besonders wenn aus diesen Zeiten so großartige Musik stammt, wie sie Slut eben gemacht haben.

Die Ingolstädter Hierarchie wurde also gefestigt, vor EADS und Audi brauchen Slut wirklich keine Angst zu haben. Zumindest nicht in Wien.


If I had a heart, I would give it to slut. Thank you Slut, thank you Teenbeatclub, goodnight Vienna.


Setlist Slut, B72, Wien (noch im Entstehen, sachdienliche Hinweise zur Vervollständigung werden freudig erwartet):


01: Ground

02: Interference

03: I Know

04: Soda

05: Homesick

06: Medea

07: Wait

08: Bussova

09: Staggered And Torn

10: Wishes

11: Evergreen

12: Rocket

13: Cloudy Day


14: If I Had A Heart (Z)

15: Blow Up (Z)

16: Easy To Love (Z)

17: Die Moritat von Mackie Messer (Kurt Weill “Cover”)


Aus unserem Archiv:


Slut, Köln, 10.11.2010


Donnerstag, 11. November 2010

Slut & The Strange Death Of Liberal England, Köln, 10.11.10

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Konzert: Slut (& The Strange Death Of Liberal England)
Ort: Luxor, Köln
Datum: 10.11.2010
Zuschauer: leider nicht ausverkauft aber recht voll
Dauer: Slut 90 min, TSDOLE knapp 40 min


Es ist spät geworden, Slut beendeten erst um Mitternacht ihr Programm im Luxor. Als wir um halb neun am Luxor ankamen, war das abzusehen, die Türen waren nämlich noch geschlossen. "Slut lassen sich immer Zeit mit dem Soundcheck," lernte ich aus gut informiertem Munde, ich selbst hatte die Ingolstädter bisher nicht live gesehen. Langer Soundcheck klingt aber auch nach gutem Klang, und besonders im Luxor nehme ich dafür gerne ein paar Extraminuten vor der Tür in Kauf.

Als Vorgruppe trat endlich wieder einmal eine Band auf, wegen der ich auch bei einer miesen Hauptgruppe gekommen wäre: The Strange Death Of Liberal England aus Portsmouth, die ich 2007 schon einmal nebenan im Blue Shell gesehen hatte. Obwohl mich Konzert und EP damals mächtig beeindruckt hatten, habe ich The Strange Death Of Liberal England leider
zwischenzeitlich aus den Augen verloren. Vollkommen zu unrecht, wie ich merkte, als ich gestern die EP wieder einmal gehört habe.

TSDOLE* betraten um 21.15 Uhr zu fünft die Bühne. Während der neue Schlagzeuger David Lindsay sehr weit hinten saß, hatten sich die vier anderen vorne in einer Reihe aufgebaut: Gitarrist William Charlton ganz links, daneben Sänger Adam Woolway, Bassistin Kelly Jones und Keyboarder Andrew Wright. Dessen elektrischen Gerätschaften standen auf einem Tisch oder Podest, der mit einer britischen Fahne bedeckt war.

Vermutlich ist auch bei Konzerten der Eindruck der ersten Sekunden wichtig für das spätere Gesamturteil. Ich glaube zwar nicht, daß es TSDOLE darauf angelegt hatten, sie begannen aber so furios, wie ich selten einen Konzertstart erlebt habe.
Like a curtain falling stammt wie fast alles an diesem Abend vom ersten, vor ein paar Wochen veröffentlichten Longplay-Album Drown your heart again. Like a curtain falling war nicht nur ergreifend schön, es wurde uns auch richtig um die Ohren geschmettert. Der triumphale Gesang, den man Adams Stimme am Anfang der Lieder nicht zutraut, die zackigen Rhythmen, dazu eine Energie auf der Bühne, die sich darin zeigte, daß William ganz hibbelig wirkte und Adam mehrfach schubste, das war extrem hörens- und sehenswert. Damit war der Abend schon nach vier Minuten im positivsten Sinne gelaufen.

Das erste Stück ging in Flagships über, bei dem alle vier, die vorne standen gemeinsam sangen, nein schrien. Auch dieses Lied muß sich hinter niemandem verstecken, das könnten selbst Arcade Fire nicht besser schreiben und vortragen.

Arcade Fire fallen einem natürlich ein, wenn man TSDOLE hört. Aber auch Bands, die einen hibbeligen Sound erzeugen, Los Campesinos! zum Beispiel, kamen mir da in den Sinn, wegen der komplexen aber trotzdem eingängigen Melodien auch andere Lieblingen wie I Like Trains oder alle Spencer Krug Bands.

Auch wenn es nach dem Schwung der ersten beiden Lieder zunächst ein wenig ruhiger wurde, verflachte das Konzert kein bißchen. Die acht mir neuen Lieder waren ausnahmslos fabelhaft, die Platte, wie ich hinterher merkte, ist es auch. Ich weiß nicht mehr, wann mich zuletzt eine Band so tief beeindruckt hat!

Neben den Rempeleinlagen von William fand ich ein paar andere Szenen besonders toll. The Strange Death Of Liberal England spielten nämlich immer wieder Instrumente weit von den Mikros entfernt. Mal waren es die Glockenspiel-Klöppel, die Andrew im Hintergrund aufeinander schlug, mal sang Adam zwei Meter hinter dem Mikro, großartig!
Hoffentlich dauert es nicht wieder drei Jahre, bis ich sie sehe, diemal werde ich ihrer Musik aber auch in der Zwischenzeit viel mehr Aufmerksamkeit widmen.

Setlist The Strange Death Of Liberal England, Luxor, Köln:

01: Like a curtain falling
02: Flagships
03: Come on you young philosophers!
04: A day another day
05: Lighthouse
06: Rising sea
07: Autumn
08: Shadows
09: Flickering light

In der Umbaupause war ich mir sicher, daß der Rest nicht gegen die Vorgruppe anstinken könnte, wie auch?! Der Rest war eben Slut, mit dem Schwerpunkt Lieder der ersten beiden Alben For exercise and amusement und Interference, die gerade wiederaufgelegt werden.

Auch bei Slut hatte ich vorher vergessen, wie sehr ich deren Musik eigentlich mag. Und als dann fast abwechselnd Stücke der ersten beiden Platten gespielt wurden, fiel mir auch wieder ein, wie viele Hits die Bayern im Repertoire haben.

Auch Slut waren zu fünft auf der Bühne, auch wenn man den spärlich beleuchteten Schlagzeuger Matthias Neuburger kaum sah. Während Sänger Christian Neuburger an seinem Platz blieb, wechselten die anderen, Gitarrist Rainer Schaller, Bassist Gerd Rosenacker und Keyboarder René Arbeithuber ein paarmal die Plätze.

Sehr schnell wurde mir bewußt, daß die alten Stücke der Band, die sie nacheinander abfeuerten, nichts an ihrem Reiz verloren haben und frisch wie vor zig Jahren
sind. Und, daß sich das Warten in der Költe gelohnt hatte, der Sound war nämlich hervorragend abgemischt, trotz der Lautstärke.

Der Hauptteil des Konzerts wurde mit den versprochenen alten Sachen bestritten. Lediglich Homesick und Stagged and torn gehörten nicht in diese Reihe, passten aber natürlich gut zu ihren älteren Geschwistern. Meine Lieblinge waren live Medea und vor allem Soda. Aber es nahm sich alles wirklich nicht viel...

Im folgenden Zugabenblock spielten Slut drei Stücke neueren Datums, leider also nicht Virus, auf das ich bis dahin vergeblich gewartet hatte. Die Bayern kamen aber noch einmal zurück und spielten mit Next big thing etwas Neues, bevor eines der Stücke der Dreigroschenoper EP, natürlich Mackie Messer kam. Und dann, happy end an einem Abend der wahrlich keines mehr benötigte, auch noch Virus.

Setlist Slut, Luxor, Köln:

01: Ground
02: Interference
03: I know
04: Soda
05: Homesick
06: Medea
07: Wait
08: Bussova
09: Stagged and torn
10: Wishes
11: Evergreen
12: Rocket
13: Cloudy day

14: If I had a heart (Z)
15: Blow up (Z)
16: Easy to love (Z)

17: Next big thing (Z)
18: Die Moritat von Mackie Messer (Kurt Weill Cover) (Z)
19: Virus (Z)

Links:

- TSDOLE, Köln
- TSDOLE, Paris

Fotos folgen!



Donnerstag, 4. November 2010

Konzertankündigung Slut

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Konzertankündigung: Slut
Orte & Daten


Geht es nach der Fachjournaille und den Feuilletons, so sind Slut eine deutsche Band, die so gar nicht deutsch klingen mag. Das ist ja auch etwas Gutes, denn so ist der potenzielle Empfängerkreis der Slut'schen Musik gleich um einiges größer. Wäre ja auch schade, wenn man die Autos mit den vier Ringen aus Ingolstadt (wo Slut herkommen) nur in Deutschland fahren könnte!
Am Besten fahren Slut dennoch in deutschsprachigen Gefilden. Und so touren sie nach der abgeschlossenen Corpus Delicti-Tour mit Juli Zeh, die auch einen höchst anregenden Abend im Wiener WUK enthielt, gleich wieder. Unter anderem auch in Wien, wo der geschätzte Teenbeat Club bereits jetzt ein volles Haus vermelden kann.
Slut haben sich auch wieder was Feines ausgedacht, es dürften ihnen die Konzerte klassischen Zuschnitts etwas fad geworden sein, und geben ausschließlich (?!) Songs ihrer ersten beide Alben For Exercise And Amusement und Interference zum Besten.


Ausgewählte Konzerttermine von Slut (ohne Gewähr):

08.11.2010: Lido, Berlin

09.11.2010: Logo, Hamburg

10.11.2010: Luxor, Köln

12.11.2010: B72, Wien

13.11.2010: Feierwerk, München



 

Konzerttagebuch © 2010

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