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Montag, 31. August 2015

Interpol, Stuttgart, 26.08.2015

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Konzert: Interpol
Vorband: Abay
Ort: Theaterhaus, Stuttgart
Datum: 26.08.2015
Dauer: Interpol 70 / Abay 40 Minuten
Zuschauer: etwa 900

Bericht von Fabian / Fotos von Jens (weitere folgen)


Ziemlich dunkel hier für einen Sommertag im Theaterhaus - die einzige Vorstellung im "ollen Bunker" (Max Goldt) in Stuttgart-Feuerbach ist heute das Konzert von Interpol im größten der vier Säle. Gleich beim Betreten des Foyers begegnen mir Leute mit Agent Side Grinder- und Deine Lakaien-Shirts und weitere szenige Kennzeichen. Ist aber nicht wirklich verwunderlich hier auf Gothics zu treffen, sind Interpol doch für ihre Melancholie in Text und Melodie, dem Auftreten und dem kühlen Post-Punk-Sound auch in der schwarzen Szene als größere Indie-Band durchaus beliebt, genauso wie Editors oder Hurts, die auf gängigen "schwarzen" Festivals wie z.B. M'era Luna in den Headlinerpositionen spielen und dort sehr gut ankommen, alle haben so ein paar düstere Nuancen in ihrer Gesamtheit. Haut halt in die gleiche Kerbe. 
Im Theaterhaus selbst ist's auch nicht verwunderlich, fanden hier schon Konzerte von Bands wie ASP und dergleichen statt. Trotzdem interessant, wie sich auf Popkonzerten Szenen im Gros des Publikums mischen und doch ein bisschen auffallen. Schließlich ist Interpol doch eine recht große und internationale Band, die mit ihrem Sound prägte und ein breites Publikum anspricht. Mainstream ist hier nicht als Negativbegriff gemeint. Auch nicht, als ich mich vor der Bühne zwischen einem Typ mit Gandalf-Tattoo und einem U2-360°-Shirtträger wiederfinde. Ok, Interpol waren auf dieser besagten U2-Tour Support, daher passt das ja auch ein bisschen. 
 Gerade ist das New Yorker-Trio + 2 auch weiterhin auf großer "El Pintor"-Tour, was angesichts der Setlist ein bisschen witzig ist, dazu später mehr. Vier "richtige" Konzerte spielen sie in Deutschland, es wirkt aber eher so, als hätte man diese als sinnvoller Lückenfüller zwischen den zahlreichen Festivalterminen nutzen wollen. Gut, so kommen ein paar Leute mehr auch noch auf ihre Kosten, ohne Interpol als eine von vielen Bands auf einem Festival sehen zu müssen. Ist ja tatsächlich nicht jedermanns Sache. Aber gleichzeitig weiß man: Sommer bedeutet gleichzeitig auch Sommerloch - und das gilt oft auch für Konzerte - da auch Musikliebhaber dann lieber den Tag am See verbringen. Daher ist heute nicht sooo viel los, das liegt neben dem eher ungünstigen Termin vermutlich auch am hohen Ticketpreis (40 Euro), das können sich vor allem jüngere Leute, die heute weniger anzutreffen sind, tendenziell nicht leisten. Ob der Preis für Interpol als große Band gerechtfertigt ist, das ist eine andere Frage. 
Im Gespräch mit einem langjährigen Konzertgänger hatte ich's davon, ob Interpol nicht den Zenit erreicht hätte. Aber es ist weiterhin die Band, die wir immer mochten. Deshalb hin und schauen, wie es wird. Um Punkt 8 geht's dann im noch nicht wirklich gut gefüllten Saal (die meisten Leute befinden sich noch vor dem Theaterhaus oder im Foyer) mit der Berliner Tour-Vorband ABAY los. Nicht ganz unbekannt, handelt es sich um das aktuelle Projekt vom ehemaligen Blackmail-Sänger Aydo Abay, gleichzeitig dem Namensgeber der fünfköpfigen Band. Die Koblenzer Blackmail waren und sind durchaus eine deutsche Indie-Größe und spielten mit neuem Sänger erst vor einiger Zeit genau hier als Support von Madsen. Wenn man das vergleicht, hat Aydo Abay als Support von Interpol durchaus die Punkte auf seiner Seite. No offense, Blackmail. 
Mit balladeskem Klavierpart starten ABAY sanft und hauen im nächsten Moment voll rein. Grelles Licht, verzerrte Gitarren, Soundwand, äußerst wuchtig und das alles ein bisschen plötzlich. Als Apocalyptic Post-Pop beschreiben sie selbst ihren Sound, nach den ersten etwas gefälligen Songs denke ich vor allem an Placebo, was ein Typ hinter mir auch äußert. An sich keine schlechte und unpassende Referenz bei diesem breitwandigen Alternative Rock-Sound, mit dem man erstmal nichts falsch machen kann. Witzigerweise erinnert Aydo Abay auch etwas an Brian Molko. Nicht nur von der Körpergröße, sondern auch wegen seiner markanten, wohlklingenden und kraftvollen Stimme, die hier positiv hervorzuheben ist und ABAY im doppelten Sinne ein Gesicht gibt. Das Publikum nimmt's dankend an, auch der Saal füllt sich nun nach und nach. An Blackmail erinnert es logischerweise etwas, Aydo Abay muss das vielleicht öfters hören. Insgesamt aber leider nicht so außergewöhnlich. Es fehlen Höhepunkte und es ist vor allem erwartbar: Ruhige Piano-Parts über die Aydo Abay singt lösen krachige Gitarren ab. Man nickt zu härteren, recht glatten Popsongs ohne Pose, die dem geneigten VISIONS-Leser gefallen dürften, mit. 
Die Musiker sind ohne Zweifel alles erfahrene Leute, Profis eben - so klingt ABAY teils recht groß und ausfüllend, Stichwort Stadionsound, was heute ganz gut reinpasst. Es wird viel geklatscht und zugehört. Nachdem sich Aydo Abay in den ersten 25 Minuten zwei, dreimal bedankt hat, richtet er das Wort ans Publikum und an Interpol, denen er den nachfolgenden Song widmet und sie als "netteste Band die er kennenlernen durfte" bezeichnet. Nachdem er während eines Songs schon den Drummer fotografierte und weil er das sonst nie so machen würde, möchte er nun ein Foto vom Publikum machen. Das ist ein bisschen merkwürdig, weil das immer so einen Bruch gibt, die anderen Bandmitglieder stehen rum und es ist eigentlich ein Move, den man von diesen Bands mit Starallüren kennt. Aber Aydo Abay ist ein korrekter Typ, er wird es der Erinnerung wegen gemacht haben. Denn wann hat man schon mal die Möglichkeit mit Interpol die Bühne zu teilen. 
Später am Abend wird er es u.a. auf seinem Instagram-Account hochgeladen haben, in der man auch seine Plattensammlung bestaunen darf. Mittendrin: "El Pintor" von Interpol. Die "typisch Interpol"-klingende Anagram-Platte mit den roten Händen (die nächste tolle Hände-Platte kommt übrigens im Oktober von Die Nerven) erschien beinah exakt vor einem Jahr, nach längerer Pause und interner Umstrukturierung, Weggang des Bassisten und Soloprojekten fand sich die Band, naja, eigentlich nicht neu, aber sie sind wieder im Game. Heute sieht man die Cover-Hände in riesig als Backdrop, die Platte an sich ist heute aber nicht so wichtig, auch wenn das Konzert unter dem Tour- und Plattentitel "El Pintor" steht. Viel mehr erwarten die Leute ihre Band wieder zu sehen, die Hits mitzusingen und in der wirklich einzigartigen Melange aus Paul Banks alles und allem durchdringender Stimme und dem elektrisierenden, sägenden Gitarrensound zu baden. Das wissen die genau. Und Interpol-Konzerte sind ein bisschen wie Schweben. 
 ABAY haben sich nach einem insgesamt doch recht soliden 35-Minuten-Set verabschiedet. Kurz davor konnte man noch einen Gitarrenslide mit Wulle-Bierflasche sehen und hören, direkt danach trank der Gitarrist aus besagter Flasche, beeindruckend. Eine ABAY-Setlänge später geht das Licht aus, die fünf in schwarz gekleideten Herren betreten unter Jubel ganz ruhig die Bühne, die jetzt durch rotes Licht geflutet wird, die Hände strahlen nun ganz bedrohlich. Es ist wirklich ein sehr stilvoller und gesitteter Auftritt der Band. 

Ohne großes Tamtam geht es direkt mit dem flotten Oldie "Say Hello to the Angels" los, der eigentlich auf der gesamten Tour der Opener ist und für die Struktur der straighten Setlist Interpols steht, die nur selten und wenn dann minimal verändert wird. So hört man heute vor allem eben keine "El Pintor"-Songs, sondern zur Freude der Fans eher die ersten beiden Platten, Songs aus der selftitled "Interpol" gibt's dagegen gar nicht. So ist es bei drei "El Pintor"-Singles plus "My blue Supreme" eben weniger ein "El Pintor"-Konzert, es fühlt sich mehr als ein Potpourri aus Hits der letzten grob 15 Jahre an. Ist aber nicht schlimm. So folgt die neueste und wohl letzte Singleauskopplung "Anywhere", die "Narc" und dem zweiten El Pintor-Song "My blue Supreme" die Hand gibt. In den kommenden sehr knappen eineinhalb Stunden (70 Minuten) ziehen Interpol das Set professionell durch, danken artig, sagen sonst nicht so viel, drehen auch nicht ab, alles ganz cool und vor allem nicht abgehoben, was für's Konzert ganz zuträglich ist. Es gibt ein bisschen "Lichtshow", die das ganze atmosphärisch untermalt, ansonsten ist der Fokus ganz klar die Musik. Die Leute im mittlerweile okay gefüllten Theaterhaus-Saal (Sommerloch & 40 Euro sind dann doch für ein paar zu viel gewesen) sind ähnlich gelassen - und eben nicht ausgelassen, sondern ganz bei der Band. Der Platz zum Tanzen oder rhythmischem Dazubewegen wäre da, wird aber schlussendlich selten genutzt - was nicht heißt das es nicht gut war. Vielmehr wird freudig genickt, zugehört und geklatscht wenn es vorbei ist. 
Die großen Stadionmomente kommen dann beim frühen "Evil" und sonst nur bei der einzigen Publikumsinteraktion durch die Band, ein wenig geplant und ausgeführt von Gitarrist Daniel Kessler, auf: Mitklatschen. Alle eigenen Versuche eines frenetischen Fans aus der ersten Reihe um die anderen mitzunehmen, scheitern. Ansonsten genießen die Leute die minimalistisch struktierten und druckvollen Gitarrenwände, die im Zusammenspiel mit Paul Banks Stimme eben so toll anzuhören sind, das man vorerst keine Ausbrüche braucht. Innere natürlich bestimmt ein paar. Die vier "El Pintor"-Songs drängeln sich gut ins Live-Set, "All the Rage back home" schafft es als wohl größter Hit der neuen Platte beständig in die Zugaben, "Everything is wrong" besticht mit tollem verzerrtem Basslauf. Paul Banks selbst soll ja vornehmlich Bass bei Entstehung der Songs gespielt haben, nachdem Carlos Dengler ausgestiegen ist. Der letzte Block des Hauptteils ist dann Zucker und markiert für mich den großen - und eigentlich einzigen Höhepunkt des Konzerts. Eingeleitet mit "Pioneer to the Falls", das den ganzen Saal totenstill werden lässt, als Paul Banks komplett allein "Show me the dirt pile and I will pray that the soul can take, three stowaways. In a passion it broke I pull the black from the gray, but the soul can wait. I felt you so much today." singt, jeder den Atem anhält und an seinen Lippen klebt. Es ist ein bisschen Magie im Raum - neben der unverkennbar surrenden und leicht genölten Stimme Banks, die bei Interpol so entscheidend ist. Mit "Slow Hands" folgt noch ein Hit und Highlight, passend dazu das flackernde Licht in den "Antics"-Farben. Der schnell nach vorn preschende Song bringt die Menge letztmalig zum kurzzeitigen Ausflippen, den Break kurz vor Ende nutzt Daniel Kessler um zum Mitklatschen zu animieren. Willkommen in der Indie-Disco, die direkt in den 6-Minuten-Brecher "PDA" mündet und das Konzert mit langen Instrumentalparts und ein bisschen Postrock vorerst enden lässt. 
 Endgültig Schluss ist dann mit "Obstacle 1", dieser alte Song ist eine wahre Schönheit (Wenn man schon mit "I wish I could eat the salt off your last faded lips" beginnt) und im Verlauf des Lieds bohrt sich Paul Banks Stimme immer tiefer in die Herzen und inneren Sehnsüchte, während Schlagzeug, Bass und Gitarre herrlich verschachtelt ein aufwühlendes und dramatisches Ende finden, das dann doch recht abrupt kommt. Das Konzert ist vorbei und vielleicht ein Ticken zu kurz geraten, hat mit "Obstacle 1" aber noch ein großes Ende gefunden. Enttäuscht wirkt aber niemand so richtig, auch wenn das heute kein Wahnsinnsabriss war und das Konzert ein, zwei Höhepunkte mehr hätte vertragen können. (Auch am Merchstand: Hässliche Shirts und eine CD - damit lässt sich mehr Geld machen, denn T-Shirts kann man nicht runterladen (Audiolith-Weisheit) - LPs gab's nur bei ABAY.) 
Der große Knall fehlte so ein bisschen. Aber es war mindestens zufriedenstellend und schön. Interpol sind weiterhin eine tolle Band. 

 Setlist Interpol, Stuttgart:
01: Say Hello to the Angels
02: Anywhere
03: Narc
04: My blue supreme
05: Evil
06: Length of Love 

07: Rest my chemistry 
08: Everything is wrong 
09: The New 
10: Take you on a Cruise 
11: C'mere 
12: Pioneer to the Falls 
13: Slow Hands 
14: PDA 

15: Untitled (Z) 
16: All the Rage back home (Z) 
17: Obstacle 1 (Z)


Montag, 31. März 2014

Misuk & Dominik von Gerwald, Stuttgart, 15.02.2014

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Konzert: Misuk & Dominik von Gerwald
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 15.02.2014
Dauer: Misuk etwa 85 Minuten / Dominik von Gerwald etwa 35 Minuten
Zuschauer: ca.100


Bericht und Fotos von Fabian aus Stuttgart


Wenn man bestimmte Musik ganz grob gesagt als Brecht-Pop bezeichnen müsste, würde sie nirgendwo in Stuttgart einen geeigneteren Platz als im Merlin finden. Musik von heute mit den Werken des Augsburger Dramatikers zu verbinden und dieses Experiment aufzuführen ist schon auf dem Papier eher was für's Kulturzentrum, aber im Merlin nichts Exotisches, denn es findet beides das ganze Jahr hier statt. Heute eben komprimiert in einem Abend aus Kontrasten, Sitztanz, Interpretation, Erhalt bedeutender Werke, Provokation und vielleicht sogar einem Bildungsauftrag für knapp 100 Leute, die das Merlin besuchen. 
Diesen 'Bildungsauftrag' darf man aber nicht wörtlich sehen, sondern eher mit Augenzwinkern. Als Verein und öffentlich geförderter Kulturstätte hat das Merlin einen solchen auch und dient sicher nicht nur als Tempel für Popfreaks. Heute bilden Misuk, die vierköpfige Band, deren Fokus Bertolt Brechts Werk ist und die mit ihren Liedern die große Bedeutung dieses Manns unterstreichen und erhalten wollen. Denn die Songs basieren ausschließlich auf den Texten Brechts, man möchte sie in einem neuen, zeitgemäßen Gewand darstellen, was Sängerin Eva Gold gleich zu Beginn erwähnt. Bei einem solchen Abend, sind bestimmt auch Deutschlehrer anwesend. Ohne Zweifel lernt man heute einiges dazu, was man sich für den Unterricht abgucken kann, um Brecht oder andere Literaten der Jugend schmackhafter machen, wenn schon Mathesongs auf Youtube funktionieren. Es geht Misuk aber nicht zwangsläufig um die Jugend, sondern stets um Brecht, der primär für alle da ist. So schließen sich viele Kreise, denn natürlich kommt die Band aus Augsburg, Brechts Geburtsort und auch der Bandname ist eine Wortschöpfung von Brecht. Gegründet wurde Misuk im Rahmen des hiesigen Brecht-Festivals, das immer zum Geburtstag des Dramatikers stattfindet, also gerade vor einigen Tagen erneut. Selten touren sie, denn jedes Bandmitglied ist mit vielen Nebenprojekten beschäftigt, ansonsten bringen sie Brecht in die Clubs. Das scheint eine schwere Aufgabe, der ebenfalls Augsburger Popsänger Oliver Gottwald (Anajo, 2011 im Merlin gewesen) ist sich mit Brecht nicht so vertraut, bezeichnet Misuk aber als guten Pop. Augsburgconnection. 
Wie Brecht in Popsongs stattfinden kann, zeigten schon Rammstein ("Haifisch"), Samy Deluxe ("Poesiealbum") oder auch Gisbert zu Knyphausen in "Verschwende deine Zeit" und bauten seine Zeilen bruchstückhaft in ihre Songs ein. Aber nur Brecht? Die Band selbst weiß um die Sperrigkeit, die sie nach kurzem Instrumental-Intro aufzeigen, aber mit äußerst vielseitigem Sound und Genresprüngen abwechslungsreich gestalten. Gitarrist und Bassist Girisha Fernando, Keyboarder Lilijan Waworka und Drummer Stefan Brodte sind Profis an ihren Instrumenten, was allein schon die Tatsache beweist, Brecht-Texte zu vertonen. Die ausgesprochen gute Rhythmusgruppe treibt nach vorn, stützt die langen, kopflastigen Zeilen und gibt ihnen mit Jazz und Disco-Elementen Tempo und eingängige Beats. Sperrig gestaltet sich auch Golds variable Stimme, die mal energisch, schrill, operettenhaft oder nur gesprochen an die von Nina Hagen erinnert, aber viele Ausdrücke beschert, was den Texten ein Gesicht, einen passenden Körper gibt. Zusätzlich beeindruckt auch Golds Textsicherheit. All diese Texte ohne Fehler auswendig vorzutragen ist unglaublich. Sicher hilft es, dass der Text in einem Lied verbunden ist, doch die Texte muss man trotzdem kennen. Und das tut sie hervorragend. Der Zugang ist dennoch schwierig, wenn das der Versuch ist, Brecht zugänglicher zu machen. Hervorstechend ist aber die Art und Weise, wie die Texte in „Vom Geld“ oder „Das Lied vom Schuh“ performt werden. Und jene Zeilen Brechts, die schon Gisbert zu Knyphausen verwendete, sind bei Misuk heute im Gesamtwerk von der „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ zu hören. 

Gegen Ende spielen Misuk "Surabaya Johnny", das auch die deutsche Indierock-Legende Element of Crime live performt. Das „Solidaritätslied“ wird zum Mitsinghighlight und Eva Gold ist freudig-enthuasiastisch über die Bereitschaft im Publikum. Gold ist neben ihrem variablen Ausdruck, der deshalb auch mal kantig sein kann, immer charmant. Doch Kunst muss in gewissen Maße auch anecken. Brecht ebenso. 

Und auch der heutige Support Dominik von Gerwald, der dies im gesamten Vorprogramm eindrucksvoll beweist. Der kommt jedoch weder aus Augsburg, noch hat er etwas mit Brecht zu tun. Möglicherweise mag er ihn, doch die Musik und Show des eigentlichen Backnangers, der jetzt in Tübingen lebt und als Sänger der Stuttgarter Americana-Folkband Yasmine Tourist auch dem Merlin bekannt ist, hat nur eins mit Brechts Werken gemein: Sie eckt hier und da an. So sehr, das heute einige den Saal verlassen. Das war bei Brecht auch so. Den Zuschauern wird er am Ende dennoch mehr als Misuk im Kopf bleiben. Dass Gerwalds Auftritt bei einem Abend, der Popmusik mit Brecht-Texten verspricht, nur anecken wird, war im Vorfeld schon klar, denn seine neue Soloperformance hat nichts mit Yasmine Tourist, braver Liedermacherei oder gar Brecht zu tun. Neue Performance von Dominik von Gerwald heißt folgendes: Als Sänger von Yasmine Tourist spielte er ab und an Sologigs mit der Akustikgitarre. Seit Anfang diesen Jahres, genauer seit Releaseparty von Kollege Philipp Eißler (BRTHR) im 1.Stock, verschleiert er sich komplett schwarz, spricht kein Wort, spielt nur seine Songs mit Samplings, Hall und Rauschen. Man merkt: Die Maske ist zwar Teil des Ganzen, aber eigentlich soll sie die Aufmerksamkeit komplett auf die Musik lenken, ähnlich wie bei Peter Licht. Doch ein Musiker wird niemals nur durch seine Musik bewertet. Auch das Aussehen, das Auftreten und die Interaktion spielen eine Rolle. Mit der Verschleierung erschafft Gerwald zwar Distanz, aber gleichzeitig 


Aufsehen, denn es ist ein besonderes Merkmal, ein Reizpunkt. Sein Auftreten mit beinah gänzlichem Wegfall von Publikumseinbeziehung umso mehr. Bei Leuten, die von Künstlern in den Arm genommen werden wollen, macht er sich unbeliebt, doch diese geben sich auch mit gefälliger Musik zufrieden ohne wahrhaftig spannende Projekte entdecken zu wollen. Gerwald will nur Musik machen und nicht labern. Das einzige was er heute sagt, ist "The next song ist about killing Huckleberry Finn", eine kühlen Ansage, die wieder ein bisschen provoziert, aber einen unheimlich schönen Song folgen lässt. Es ist sicher Gerwalds Stimme, die auch im Fokus dieses Songs steht, aber genauso die komplette Aufmerksamkeit, die man dieser dramatischen Hymne widmet. Ein Mann allein mit Gitarre kann so viel Strahlkraft im dunklen Raum erzeugen. 
Nach einer halben Stunde Spielzeit spricht er erneut: „Vielen Dank“ - und wünscht einem Publikum, das ihn teilweise links liegen ließ, tatsächlich viel Spaß bei Misuk. Das ist anständig und respektvoll. Freunde werden sie vielleicht nicht, aber man gibt sich die Hand. Sicher hätte das Merlin auch einen 'harmlosen' und lieben Singer/Songwriter einladen können. Vielleicht wusste man auch gar nicht um die große Wandlung des Dominik von Gerwald, schließlich macht er das live erst zum dritten Mal, Yasmine Tourist waren erst letzten Sommer hier zu Gast. Oder die gute Merlin-Bookerin Bärbel Bruns, die das Publikum heute begrüßt, wusste wie so oft genau Bescheid und wollte diesmal nicht den bekannten, warmen Platz im Bett anbieten, sondern auch mal das Dornennest, obwohl es nicht mal so schlimm ist. Genug Punkte sprechen dafür, Gerwalds Show reizvoll und interessant zu finden. Für die, die sich daran stören: Offen zu sein, über den Tellerrand zu schauen, ist das Beste. Heute verlassen eben ein paar den Raum, das ging im 1.Stock raumbedingt schlecht und da waren diese eher mit Bier statt Musik beschäftigt, im Merlin hört das Publikum prinzipiell zu. Und es hört verzerrte Gitarren, laute Trommelschläge, die vom beklebten Macbook gesampelt werden und die raumfüllende Stimme Gerwalds. In einer völlig anderen Umgebung als der im 1.Stock (und einer besseren Anlage als dort), sehen völlig andere Leute, die an den Tischen sitzend gefangen wirken (wer aufsteht, fällt auf) Dominik von Gerwald musizieren. Heute schließt er alle Songs im Gegensatz zum 1.Stock-Gig ab, statt sie von einer Noise-Feedbackwolke in die nächste zu lenken. Aber es ist weiterhin mal brachial, dann fast Stadionrock mit dem Song, dessen Refrain mit „I don't care“ endet und später wieder sanfter. Ruhige und klagende Balladen treffen auf ungestüme Schrammel-Songs, die manchmal ein bisschen The Mars Volta oder Radiohead sind, die er einst gecovert hat. Hier geht Gerwald in seinem breiten und umfangreichen Sound von dumpfen Synthies, düsteren Gitarrenriffs und einigen aggressiven Werken ohne bisherige Titelbezeichnungen auf und bewegt sich auf der dunklen Bühne wie ein Panther im Käfig. Das war zwar nicht Brecht, aber Rilke. Und die Titel seiner Songs weiß bisher nur er selbst, auf der Bühne redet er nicht darüber. Seine EP „Tough Beach“ soll jedoch bald erscheinen. Kombiniert mit dem eher braven, gesitteten Publikum, die Brecht hören wollten und sichtlich wenig mit Gerwald anfangen können, ist es ein amüsantes Bild mit Kontrast. Doch man muss sich drauf einlassen um die Größe zu erkennen, den Umfang, der sich mit Misuk auf alle Fälle messen lässt. Misuk ist zwar nicht musikalisch oder optisch besonders auffällig, aber durch Sängerin Eva Gold hervorstechend. Auch sie ist auf der Bühne nicht immer gefällig und sanft, sie eckt auch mal an. Komisch, dass es hier das Publikum aushält. Zwei komplett verschiedene Herangehensweisen treffen sich an diesem Abend, das macht es so interessant. 

Der Abend zeigt, dass Brechts Texte immer noch ankommen, angenommen werden und interpretiert werden. So viel wie sie enthalten, sind sie heute noch gültig und inhaltlich fordernd. Misuk greifen diese Stimmung auf und vertont sie, es ist neben dem Pop auch ein wenig Theater mit Gestik und Mimik, denn die Texte sind der Grundstein, sie sollen vorgetragen werden. So wird auch das Denken der Leute umgekehrt, Songtexte sind bei Musik nur Beiwerk, kaum relevant, durch "Lorem Ipsum" zu ersetzen, was in allein in der künstlerischen Gesamtbetrachtung eines Werks völliger Unsinn ist. Subjektiv wäre nur die klassische Geschmacksfrage, ob man persönlich einen Song wegen der Musik gut findet, aber den Text weniger. Objektiv kann man ihm aber fairerweise immer Größe zollen. Bis auf kleine Ausfälle tat das heute fast jeder.


Dienstag, 4. Februar 2014

Oile Lachpansen, Stuttgart, 02.11.2013

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Konzert: Oile Lachpasen
Ort: ein Wohnzimmer in Halbhöhenlage, Stuttgart
Datum: 02.11.2013
Dauer: vielleicht 90 Minuten
Zuschauer: um die 40

Bericht und Fotos von Fabian (gefuehlsbetont):


Wohnzimmerkonzerte sind für Musiker wohl das Schönste und gleichzeitig Schwierigste überhaupt. Einerseits macht die Intimität solche Konzerte besonders einzigartig, da im Wohnbereich der Zuhörer gespielt wird und die Band näher am Hörer ist. Da berührt einen die Musik beinahe wörtlich. Andererseits ist es eine neue Erfahrung, anders als in einem öffentlichen Club, auf die Leute einzugehen und ihr Zuhause samt Freunden, Nachbarn und Familienmitgliedern mit einem Konzert zu bereichern. Da kommt es tatsächlich darauf an, wie gut der Musiker auf ein eingeschworenes Kollektiv wirkt, es überzeugt und sich in das traute Heim einfügt. Wer das schafft, hat gewonnen, es wäre die Krönung. Einer, der dies ohne Zweifel beherrscht, ist der Dresdner Akustikpunk-Singer-Songwriter Oile Lachpansen. Anfang November 2013 trug ihn ein gefülltes Stuttgarter Wohnzimmer mit einem Ausflug nach Lachpansia beinahe auf Händen. Und das wundert im Prinzip überhaupt nicht. Dieser Samstagabend in Stuttgart ist der Abschluss einer zweiwöchigen Tour, die den 34-jährigen von Ü50-Konzerten bis zu Homecomingshows führte. Mit Bart, Koffer und Gitarre fuhr er allein mit dem Zug durch’s Land, seine Tour hat er selbst gebucht. Musiker, Mercher, Produzent, Fahrer und Manager in einem – und dabei keinen Schweiß auf der Stirn, sondern ein gelöstet Lächeln im Gesicht, als er seine Koffer ins Zimmer hieft und die heutige ‘Bühne’ neben dem Kamin begutachtet. 

Er ist ein Profi im ‘Business’ des DIY-Punks, in dem es kein Business gibt, aber Strukturen und ein Netzwerk, das er aus langjähriger Szene-Beteiligung mit Selfmadelabel Katze Platten oder als Songwriter und Gitarrist unzähliger Bands wie den Deutschpunkkombos Sichelzecken und MOFA gut kennt. Mit letzteren war der eigentliche Kölner schon in den MTV-Videocharts, als er mit seinen drei Freunden und Mitmusikern in Tennisanzügen ihren Hit Tiger performten. Bis vor kurzem wurde es dann lange still um MOFA und Oile, der neben den Bands immer eigene Songs schrieb und Konzerte spielte. Nun ist er wieder in voller Fahrt mit zwei (!) neuen Alben im Gepäck. Der heutige Gig kommt ihm in vielen Dingen gelegen: Ein Wohnzimmerkonzert als Tourabschluss klingt gemütlich, so anstregend eine Tour auch ist. Doch Oile beklagt sich nicht, lernt seine Gäste kennen, stößt auf einen guten Abend an. 
Er sieht die guten Dinge zuerst, auch heute wird er sein Bestes geben. In einem familiären Umfeld zu spielen ist sein Vorteil, da genau diese Werte auch für ihn wichtig sind. Knapp 40 junge und ältere Leute sind gekommen, sitzen auf dem Boden, stehen in der Küche, trinken Bier dabei. “Noch 5 Minuten!”, hört man’s durch den Raum schallen, die liebevollen Ausrichter und Gastgeber haben wie immer alles im Griff. Oile nimmt einen letzten Zug an der Zigarette, schnappt sich einen Stuhl und spielt den passendsten Song um ein Konzert zu beginnen: Lachpansia. “Guten Abend, da bin ich mal wieder, wie geht’s, seid ihr auch so gespannt? Was heut abend aus uns noch so wird, wie wir klarkommen und wie wir uns verstehen, ob am Ende noch irgendwer stehen kann.” Es ist nicht nur sein Konzertintro, sondern auch das Introlied seiner vorletzten und gleichnamigen Selfmadeplatte Lachpansia, die im Februar als Download über Bandcamp erschien. Sofort hat der Abend ein Rahmen, die Gespräche verstummen, es ist ein gelungener Kniff, so einen Eröffnungssong. Das ist vielleicht nicht nur ein Konzert, das ist vielleicht schon eine Show. Mit dem Intro begrüßt er die Gäste in seiner Welt Lachpansia, die nicht als verschlossener Kokon zu verstehen ist, vielmehr beschreibt sie den Zustand während eines Oile Lachpansen-Konzerts. Höflicher Applaus folgt zugleich, Oile schrammelt umgehend Feld. Das ist es, was mit Akustikpunk gemeint ist, denn diese Powerchords könnte er auch locker bei MOFA zocken, deren Songs heute auch eine Bühne bekommen. 
Er ist der erste ‘Punk’ im Stuttgarter Wohnzimmer. Wer jetzt klischeehaft an Anarcho, Iro und Krach denkt liegt falsch, Oile schrammelt und wird manchmal mit der Stimme lauter. Die Toten Hosen haben Wohnzimmer professionell zerlegt. Oile bringt die Menschen zusammen, es sind offene Musikfreunde, die mit Eifer und Leidenschaft sich heute versammeln, Leute wie Oile, die hier schon Indie, Deutschpop oder Jazzkünstler sahen. 
Doch bevor er die spielt, löst Oile eine Frage, die einigen Zuschauern auf der Zunge brannte. “Ich heiße Sebastian.”, erklärt er, Oile Lachpansen sei aus diffusen Gründen entstanden und blieb dann einfach, den Punk im Oi! behalten und einen Eulenkopf trägt er auf den Tourplakaten. Mittlerweile spielt er immer mehr mit dem Begriff und die Skeptiker, die sich erstmal weniger unter einem ‘Oile’ vorstellen konnten, steckt er zugleich mit den nächsten Nummern in seine Tasche. 
Nach ‘Familienzukunftssong’ With Kid, Wir haben eins gemeinsam (für Leute, die etwas haben, was andere nicht haben, z.B. Wohnzimmerkonzerte) und Minirock, der bockstarken Hymne darüber, dass man Liebe nicht mit Lippenstift, Selfies in der Vogelperspektive und Netzstrümpfe kaufen kann, tragen sie nun das Lachen wie Oile selbst im Gesicht. Eine gewisse Unsicherheit kann bei Künstlern, die Wohnzimmerkonzerte spielen durchaus bestehen. In dieser Intimität wird man angreifbarer, doch Oile braucht nicht mal eine Rüstung. Das liegt nicht nur an seiner Art, die Menschen gut zu verstehen, sondern auch, ihnen im Konzertmoment die Hand zu reichen. Denn wer kennt diese Situationen wie in Kommunikationsproblem nicht? Oile steht, abgedroschen gesagt, mitten im Leben und hat als Musikfan mit Label und hunderten Konzerten genug erlebt, um sein erfahrungsreiches Leben in bildhafte Worte zu packen, die zu authentischen Songs werden, zu denen man anerkennend nickt und bestätigend grinst. Deren Witz und Nonchalance hält das ganze Set über an. Oft sind sie lustig, aber wenn, dann nie von der Ernsthaftigkeit entfernt, was der ‘Protestsong’ Opa und die Lieder kurz vor der Pause zeigen. Es ist wohl Oile’s sozialkritischstes Lied, das in direkter Sprache die Missstände der Welt aufzeigt. Auch hier kein Widerspruch, man ist sich einig, Zeit um darüber zu reden haben alle in der obligatorischen Wohnzimmerkonzert-Pause. 


Die gute Stimmung bleibt bestehen, alle sind mit neuen Bier in der Hand beim ‘Fliegersong’ Auf 3, einer sehr alten Nummer, die später von MOFA in laut gespielt wurde, wieder voll dabei. Gerade Auf 3 beschreibt eine dieser typischen Stimmungen in den Songs von Oile Lachpansen. Diesmal ist es Leichtigkeit, das neben nachdenklichen, traurigen und lustigen Darbietungen das Liedgut grob beschreibt. Denn so sehr sein Künstlername manchmal durchschimmern lassen könnte, dass es hier nur um Witzeleien geht, hat Oile Lachpansen einige tiefgehende, ruhige Nummern dabei, die im Wohnzimmer nochmals mehr wirken. So zum Beispiel Red Lodge und vor allem Irgendwo, das er für seine Eltern schrieb. Inspiriert wurde er durch die Fernsehsendung Die strengsten Eltern der Welt. Lachen füllt den Raum, Sendungen wie diese kennt und erträgt man im Privatfernsehrprogramm zu oft. Im nächsten Moment tritt der starre Blick und glasige Augen ein, als Oile in rührender Weise seine Eltern ehrt. Zum Tränenabwischen gibt es den Mofa-Klassiker Aufgebaut und nachdem Oile für einen Gefühlscrashkurs in zwei Stunden sorgte, krönt er das Konzert mit einem Mitsing-Lied. Dafür eignen sich gerade Wohnzimmerkonzerte super, denn dort wirken solche Aktionen niemals aufdringlich. So gleicht die Bitte bei Es geht mir gut miteinzusteigen und zum Song nicht nur Spaß und Melodik zu addieren keiner Aufforderung, denn die Herzen sind schon längst erobert. Oile wird von den begeisterten Gästen aufgefangen. Konzerte, bei denen alles stimmt, sind nicht nur eine Sache von perfektem Musizieren. Es ist die allumfassende Atmosphäre, wenn Publikum und Musiker eins sind. Selbst den etwas unangenehmen Part, als der Hut zur Bezahlung rumgeht, löst Lachpansen äußerst galant. Kurz bevor der Gastgeber seinen vorbereiteten Hut durch die Runde gibt, grätscht Lachpansen sanft ein und zieht seinen, eine blaue Minnesota Timberwolves-Cap, und leitet zu seinem Klassiker Zahltag über. Es könnte kaum passender sein, auch für diese Situation hat er einen Song. Im Volksmund heißt es, bei Geld hört die Freundschaft auf. Gerade im Schwabenland, das den Ruf des gemeinen Sparers hat, schafft es Oile Lachpansen diesen Schritt binnen Sekunden im Konzertverlauf glanzvoll zu meistern. “Auch Oile will mal seine Kinder ernähren”, singt er, während die Kasse klingelt. Ein früher Kinderwunsch, der Song ist von 2006, heute knüpft With Kid konkret an das Thema an. Kein Wunder, dass das gesamte Wohnzimmer nun lautstark eine Zugabe fordert, die Oile mit Magnet, einem äußert speziellen Song, auch gibt. Es ist der wohl älteste an diesem Tag, er stammt von den Sichelzecken, man hört einen Rundumschlag seiner Karriere. 
“Ich weiß gar nicht, was ich noch spielen kann” lacht er und spielt mit Durchgeknallt zu Zweit einen allerletzten, den er von seinen eigenen Tracklisten aussucht. Es tritt dieselbe lebhafte Stimmung ein, die schon den ganzen Abend anhält, nur Lachpansia ist bis zum nächsten Konzert erstmal ein Reich der Stille, nur auf den CDs ist es erhalten, die er mitsamt Layout alle selbst gebastelt hat und nun am Merchtisch verkauft. Gelernt haben heute 40 mehr als zufriedene Konzertbesucher, dass Lachpansia bei weitem kein künstlich aufgeladener Emotionsbegriff ist, sondern Leidenschaft. Vom Manager zum Fahrer, dann Musiker und nun Mercher – nun ist der Allrounder Oile geschafft, nippt am Bier, der Schweiß perlt auf der Stirn. Doch der zeigt diesmal ausschließlich, wie gut die Show war. Er ist einer von den Guten, würde er bei MOFA wohl abgewandelt singen.


Setlist Oile Lachpansen, Stuttgart:

01: Lachpansia
02: Feld
03: Kommunikationsproblem
04: With Kid
05: Wir haben eins gemeinsam
06: Minirock
07: Opa und die Lieder 
08: Das sind so Sachen
- Pause -
09: Auf 3
10: Mangel an Softskills
11: Red Lodge
12: Aufgebaut (MOFA-Song)
13: Zahltag
14: Irgendwo

15: Magnet (Sichelzecken-Song) (Z)
16: Es geht mir gut (Z)

17: Durchgeknallt zu Zweit (Z)

Mittwoch, 8. Januar 2014

My year in lists - Konzerte des Jahres (Fabian von gefuehlsbetont)

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Kollege Fabian vom Blog gefuehlsbetont schrieb im letzten Jahr auch immer wieder als Gastautor für das Konzerttagebuch und ist vielleicht der leidenschaftlichste und reisefreudigste Konzertgänger im Stuttgarter Raum. Sein Jahresrückblick erinnert an besondere Momente, verpasste Gelegenheiten, schmerzhafte Verluste, schöne Festivals und seine besten Konzerte 2013:
 

Eigentlich war 2013 ein sehr diffuses Musikjahr für mich. Auf der einen Seite lernte ich erneut Musiker_innen kennen, die mir aufgrund ihres Werks und Schaffens völlig neue Wege und Impulse aufzeigten, mich inspirierten und bereicherten, auf der anderen Seite gab es natürlich wieder Enttäuschungen und 2013 wurde für mich auch ein Jahr von vielen verpassten Konzerten, die ich sehr gerne besucht hätte. Aber wie der großartige Volker Strübing bei einem seiner Poetry Slam-Vorträge mal sagte: "In einem unendlichen Universum gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Egal, wie viel du erlebst, du wirst unendlich viel verpassen." Das Verpassen ging schon am 4. Januar los und zog sich bis zum Jahresende. Matula am 4.1. in Tübingen, Instoregigs bei den Stuttgarter Plattenläden Ratzer Records und Second Hand Records mit Dispatch, State Radio, Human Abfall, das wunderbare Husum Harbour, das Reeperbahnfestival mit dem Fußballspiel von GHvC gegen Young Rebel Set, Summer of Riesenlöve in Trier im Juni, das Southside-Festival mit einem grandiosen Line-Up (u.a. Sigur Rós, The National, Turbostaat, Smashing Pumpkins, Portishead, Editors, Kashmir, Marteria), die Geburtstagsshows von Olli Schulz und Bernd Begemann und das Abschlusskonzert von letzterem im Hamburger Knust. Schmerzhaft war auch der Verlust vieler Festivals wie dem BootBooHook, Utopia oder Omas Teich sowie der ungewissen Zukunft vom legendären Kultclub Molotow in Hamburg. Sehr speziell hat mich der Wegfall von den Stuttgarter Waggons getroffen, in denen wöchentlich DIY-Konzerte stattfanden und Künstler freie Ateliers betrieben. Das sollte uns zu denken geben. 

Zum erfreulichen Teil: 90 Musikveranstaltungen, darunter Konzerte und Festivals verschiedenster Formen in Hallen, ausrangierten Eisenbahnwaggons, (Reit-)Stadien, ehemaligen Schwimmbädern, Kneipen, Kulturzentren, Vereinen, Jugendhäusern, Clubs, Wohnzimmern und Kirchen führten mich nach Zürich (CH), Feldkirch (AUT), Mannheim, Heilbronn, Karlsruhe, Berlin, Bonn, Köln, Düsseldorf, München, Erlangen und viele Male nach Stuttgart oder in dessen Großraum. Auch hier möchte ich noch einmal deutlich machen, dass ich von der These, dass in Stuttgart konzerttechnisch nichts los sei, nichts halte. Es gibt zahlreiche Gegenbeweise dafür - und leidenschaftliche, arbeitsintensive Konzertveranstalter. 

Am häufigsten sah ich dieses Jahr Stefan Honig (7x), Die Nerven (5x), Thees Uhlmann (3x), Ben Schadow (3x), Sea+Air (3x), sowie die Auftritte der Song/Kabarettshow Gorbunov&Kienzler (10x). 

 Meine besten Konzerte im Jahr 2013 (Reihenfolge chronologisch, ohne Wertung):

Element of Crime, Freiheiz München, 10.04.13 
Tocotronic, Erlangen E-Werk, 11.04.13 
Pascow/Captain Planet/Mofa, KeinKultur-Festival Bonn, 27.04.13
CocoRosie, Maifeld Derby Mannheim, 31.05.2013 
The Notwist, Maifeld Derby Mannheim, 31.05.2013 
The Burning Hell, Flint Ludwigsburg, 11.07.13 
Die Nerven/Die Selektion, Wagenhallen Stuttgart, 01.08.13 
Hello Piedpiper!, Versöhnungskirche Sindelfingen, 14.09.13 
Kettcar, Berlin Independent Night, 28.09.2013 
Sea+Air/Honig, Kreuzkirche Nürtingen, 27.11.13 
Adolar, Real Motherfuckin X-MAS Festival, LKA Stuttgart, 19.12.13 

Sehr speziell waren in vielerlei Hinsicht das Konzert von Andy Burrows vor nicht mal zehn Leuten im Stuttgarter Goldmarks im April, der Auftritt von der 60s-Legende Barry McGuire als mit Abstand jüngster Besucher sowie der Songslam mit Frank Spilker. In besonders schöner Erinnerung bleiben mir die Auftritte von Ben Schadow, vor allem seine Wohnzimmer/Gartenkonzerte. Letztere durfte ich auch mit Achim Erz und dem Mofa-Sänger und Akustikpunksongwriter Oile Lachpansen und Tigeryouth im November erleben, die von großer Leidenschaft geprägt waren.


Montag, 9. Dezember 2013

Neonlicht Festival, Karlsruhe, 07.12.2013

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Konzert: Messer, Love A, Die Nerven, Idle Class, No Weather Talks
Ort: Club Stadtmitte, Karlsruhe
Datum: 07.12.2013
Dauer: No Weather Talks, Idle Class ca 30 min; Die Nerven ca 45 min; Love A ca 50 min, Messer 60 min
Zuschauer: am Ende 100-150


Bericht und Fotos von Fabian von gefuehlsbetont  


 Wie oft hat man schon "Wenn dir diese Band gefällt, wird dir jene auch gefallen!" von Freunden oder bei Werbungen jeglicher Form gehört? Das Schöne dabei ist, dass es sogar sehr oft zutrifft. Eigentlich ein genialer Coup von den Machern vom Karlsruher HC-Festival New Noise und dem jubez, dies aufzugreifen und ein Bandabend zu kreieren, der diesen Aspekt scheinbar als Kern der Veranstaltung trägt und unweigerlich von Fans und Liebhabern für ebensolche gestaltet wurde. Er trägt den Namen "Neonlicht-Festival" und findet am 7.12.2013 im Club Stadtmitte in Karlsruhe statt. Ein tolles nachträgliches Nikolausgeschenk, ein Ausrufezeichen in der badischen Punkszene, die mit der Alten Hackerei und der Halle14 schon eine gute Basis haben. Das Neonlicht-Festival ist, wie sagt man so schön, ein Pflichttermin. Denn betrachtet man die Zusammenstellung des Line Ups, das aus den Bands Messer, Love A, Die Nerven, Idle Class und No Weather Talks besteht, treffen die Veranstalter exakt den Nerv (kleiner Witz am Rande) der Leute, die sich für die derzeitigen Perlen von ausdrucksstarkem, charkeristischem und anregendem Punkrock mit eigener Note interessieren. 
In der Stadtmitte zeigt sich heute wunderbar auf, wie vielschichtig Punkrock ist. Darüber hinaus sind sich die meisten dieser Bands schon öfters begegnet, miteinander befreundet, Labelmates (Messer und Die Nerven beim Münsteraner This Charming Man Records) oder kommen aus der gleichen Stadt. (Idle Class/Messer aus Münster). Schon wieder Münster! Dass Love A dort gestern mit Turbostaat spielten schließt den Kreis. Die Nerven spielen mit letzteren einen Tag später in Essen. So klein ist die Welt, so vernetzt sind diese ganzen tollen Gruppen. All das vereint das Neonlicht-Festival, das seinen Namen nicht ohne Grund trägt. Es ist der Name der ersten Single-Auskopplung aus "Die Unsichtbaren", dem aktuellen Album von Messer, die heute als letztes spielen. Headliner, so etwas gibt es beim Punkrock hoffentlich nicht. 
Schade aber, dass gerade bei so einem Glanzstück von Festival im überschaubaren Rahmen bis zur dritten Band des Abends, der Stuttgarter Noisepunkband Die Nerven, nur etwa 20 Leute im Raum sind, um No Weather Talks und Idle Class zu sehen. Nicht, weil man auch für sie bezahlt hat, sondern weil sie zum Festival dazugehören. Man hätte ihnen für ihre ausdauernden und energischen 2x30 Minuten-Gigs ein ähnlich großes Publikum gewünscht wie es ihre Nachfolger hatten. Man hatte es hier nicht mit irgendwelchen Einheizern zu tun, die sich auch als solche bezeichnen würden. Die Hamburger No Weather Talks eröffneten den Abend, reisen sonst quer durch Europa und vergessen dabei die hiesige Gegend nicht. Letztens mit Feine Sahne Fischfilet gespielt, war das Poppunk-Quintett gestern auf dem Burning Ice Fest in Mönchengladbach. Heute in Karlsruhe fit, gewohnt schnell und laut, die Band jung und dennoch erfahren, als Teil von einigen anderen Bands - besonders eindrucksvoll ist hierbei die Vergangenheit von Sängerin Fred, der einzigen musizierenden Dame heute Abend, die damals bei der Electroband Juri Gagarin mitwirkte. Idle Class bedanken sich sogar bei den wenigen, äußerst verhaltenen Leuten, die ihren agilen Punk nickend genießen. 
Ist es wirklich zu früh? Es tut ein wenig weh, die Löcher im Publikum klaffen jeder Band im Blick, Idle Class liefern professionell ab, bieten No Weather Talks Paroli, die jetzt vor der Bühne stehen und schöne Zeilen wie "My worst enemy is my memory" hören. Hymnisch ist das alles ein bisschen bei der Münsteraner Band, die erst vor kurzem mit den Uncle M-Labelkumpels KMPFSPRT auf Tour war. Die tragen ihre Leidenschaft auf den Shirts, treten vom Mikro weg und füllen den Raum a capella mit ihren Stimmen, Bassmann Benny teilt sich größtenteils die Zeilen von Sänger Tobi, der sie dann einfach unverstärkt in den Club schreit. Bock haben sie, der heute eine halbe Stunde später an eine deutliche Handvoll mehr Leute hätte übertragen werden können. Denn als Die Nerven die Bühne betreten, geht nicht nur wie auf der Box geschrieben das (Neon)Licht aus, auch der Raum füllt sich urplötzlich, fast wie bestellt. 
Die Nerven reden nicht viel, sie würden auch niemals bitten, das Publikum einen Schritt nach vorn zu machen oder - ganz entfernt heute - mitzuklatschen. Entertainment, das ist nicht ihre Art. Sie überzeugen so, wie sie sind. Es klingt abgedroschen, aber die, die sie mögen, sind bereits begeistert von all den scharfen und kantigen Riffs, der kühlen Wut, der Ekstase, die sich von der Bühne auf die Menge überträgt und am Ende dann doch alle überzeugt haben sollte. Ein satter Sound, den die drei jungen Stuttgarter kreieren, einer, der sich über viele Monate weiterentwickelt hat. Seinen rohen Kern hat er nicht verloren, doch blüht er jetzt auf, da es beinah schon perfekt aufeinander abgestimmt ist. Die Band ist ein eingespieltes Team, Drummer Kevin Kuhn wirkt während seines exzellenten Spiels wie im Wahn, der große Max Rieger trägt heute ein Kleid, Bassist Julian Knoth ein Kolossale Jugend-Shirt. 

 
Abseits ihres Gigs sind es ruhige, angenehme Zeitgenossen, die auf der Bühne mal eben 45 Minuten Atmosphäre formen, beinahe auf Knopfdruck und herrlich beißend, aufwühlend und schwerelos. Mit 'alten' Songs wie Opener "Für Jahre", "Schrapnell", "Die Bösen" oder "George Michael", des aktuellen Werks "Fluidum" und dessen Vorgänger "Asoziale Medien" haut das Stuttgarter Trio erstmal drauf, zur Hälfte des Sets kündigen sie bei den bekannt knappen Ansagen neues Liedgut an, dass bei den letzten Gigs schon ab und an zu hören war und Teil des im Februar erscheinenden Album "FUN" sein wird. Arg viel verändert hat sich nicht, muss es aber auch gar nicht. Es gefällt außerordentlich gut, so gut, dass nach dem 'Hit' "Der letzte Tanzende" einige lautstark noch eine Zugabe fordern. Der Zeitplan negiert, ein verdientes Kompliment ist es allemal. Die Nerven bleiben eine der spannendsten Bands aktuell. Das tut Stuttgart wirklich gut. 
Jene Landeshauptstadt BW's findet neben diversen Messer-Seitenhieben und Wortspielen von Love A-Sänger Jörkk Mechenbier auffallend oft in Ansagen statt. Er sieht in dem zeitgleich stattfindenden Hardcore Winterfest im dortigen Jugendhaus West, in dem seine Band im Mai spielte, eine Konkurrenz zur heutigen Veranstaltung. Doch 70km sind eine sichere Distanz, das Programm verschieden genug und der Raum mittlerweile gut gefüllt. Mechenbier zögert nicht die verbliebenen Leute, die hinten an der Bar stehen, mit einer kurzen Bitte nach vorne zu bewegen. Sie folgen seinen Worten, neben dem hitreichen Set ist er heute der Schwätzer, der Clown, der liebenswürdige alte Mann, der austeilt und einsteckt.
Seine Worte finden in Songs geschrien wie in Ansagen gealbert großen Gefallen, diese tollen, treffenden Parolen, die er gestenreich beschreibt, finden im Publikum ein lautes Echo. Zurecht, diese Zeilen kann man gut skandieren, weil sie es sind. 
Die durchgängig schrill-klingende Gitarre und agile Bassläufe bestimmen die überwiegend angewandte Songstruktur, daher ist eben auch fast jeder Love A-Song ein Hit. "Ramones", "Juri", "Windmühlen", "Entweder", "Originell", man kommt nicht mehr mit, gefehlt haben sicher noch ein paar. Auch eignen sich die Songs perfekt für Mechenbiers konstantes Necken der Gruppe Messer, die direkt nach ihnen auftreten wird. Denn z.B. mit "Braindecoder" ("Was haben Sie gesagt, als ihre Frau zum ersten Mal mit dem MESSER aus der Küche kam?") nennt er sie direkt beim Namen. Einer muss ja für die Lacher sorgen, am Ende liegt er allen dankbar in den Armen, nachdem er komplett verschwitzt nach seinem verhedderten Mikro fischt, alle anderen Bands anerkennend auf der Bühne grüßt und Love A mit "Zaunmüllerei" noch eine geforderte Zugabe spielen dürfen, obgleich sie "Messer nichts abschneiden" wollen. 
Damit gibt er das Mikrophon wie ein Staffelstab an Hendrik Otremba weiter. Gleich beim Umbau sorgt seine Band Messer für eine Überraschung, da die eigentlich vierköpfige Münsteraner Postpunkkombo heute um ein Mitglied erweitert wird. Neben dem Schlagzeug bedient es diverse Perkussionsinstrumente, möglicherweise handelt es sich bei dem jungen Mann um Manuel Chittka, der auf der frisch erschienenen Messer-Platte "Die Unsichtbaren" an eben diesen Instrumenten mitwirkte. Jenes Album macht gerade zurecht Wirbel, das soll es ja auch, verdientermaßen. Messer stehen heute, Headliner hin oder her, nicht umsonst als letzte Band auf der Bühne. Ein Höhepunkt, zu dem die künstlichen Nebelwolken passen, von denen Jörkk Mechenbier kaum angetan war. Ein bisschen düstere Stimmung zum Beginn "Lügen", eine äußerst bekannte Nummer. Otrembas markante Stimme hallt durch den Raum, rauchend bewegt er sich auf der Bühne umher, ziellos, wie im Wahn, während es passend rauscht, klopft und schallt, die Basslines zur Bewegung drängen. Diese Dramatik, die sich aus den kantigen Strukturen, der perfekten Rhythmik und dem unverwechselbaren gesungenen Worten verbindet, ist spürbar und existent, sie macht Laune und erhält diese schöne Besonderheit an der Gruppe Messer. 


 Jörkk Mechenbier schätzt das sicher auch, die Sticheleien sind Teil seiner Würdigung. Am Ende wird ihm mit "Die kapieren nicht" noch ein Song gewidmet. Er sei in Ordnung, sagt Otremba. Das war heute alles. Heute haben sich tatsächlich alle Bands lieb und finden sich gegenseitig gut, das Publikum steigt da mit ein. Liebe ist besser als Hass, da sind sich sicher alle einig.


Mittwoch, 18. September 2013

Hello Piedpiper, Sindelfingen, 14.09.2013

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Konzert: Hello Piedpiper
Ort: Versöhnungskirche Goldberg, Sindelfingen
Datum: 14.09.2013
Dauer: 65 Minuten
Zuschauer: 15


 Bericht und Foto von Fabian von Gefuehlsbetont:



“Hallo Sindelfingen!”. Fabio Bacchet begrüßt den überschaubaren Kreis an Publikum gewohnt freundlich, wenn auch ironisch. Denn in der geräumigen Versöhnungskirche Goldberg (Sindelfingen) befinden sich heute nur 15 Personen, doch Fabio alias Hello Piedpiper merkt gleich nach seinem beinahe standartisiertem Konzertbeginn mit den Songs Birdsongs = Warsounds, dem Titeltrack seines einzigen Albums und The pawn that beats the drake an, dass es egal sei, ob nun hundert oder 10 Leute dabei sind. 
Alle Anwesenden haben sich im ausreichend bestuhlten Saal in der ersten Reihe niedergelassen und es entsteht ein äußerst persönliches Konzert an einem sehr speziellen Ort. Dabei ist es nicht mal der Kontrast zwischen Club- oder Kirchenkonzert, der einen gewissen Reiz mit sich bringt. Musik im Gottesdienst ist kaum wegzudenken, oftmals finden außerhalb der Reihe religiöse Musikveranstaltungen oder klassische Konzerte in Kirchen statt. In Deutschland gibt es mit der Kulturkirche Köln oder St. Peter in Frankfurt/Main auch zwei Kirchen, die regelmäßig typische Clubkonzerte veranstalten. Im Prinzip profitieren beide Seiten. 
Der Sound in einem solchen Gebäude füllt den ganzen Raum, es klingt wärmer und voller. Die Atmosphäre und die Wirkung von Kirchen beeindruckt, man ist automatisch ruhig, hat freundlichen Respekt. So ein Raum wirkt ganz anders auf einen – und er bringt Menschen mit den selben Interessen an einen Ort. In der Versöhnungskirche wird sich üblicherweise zum Gottesdienst getroffen – oder regelmäßig zu Konzerten. 
Erst vor kurzer Zeit fand in der Martinskirche Stuttgart ein Konzert mit Solo-Projekt von Chuck Ragan, dem Sänger der amerikanischen Punkrockband Hot Water Music statt. Er ist eins mit seinen Fans, die aus seiner Musik viel Kraft schöpfen. Vergleich erkannt? Man spricht von der Fangemeinde, der Club, die Kirche, die Venue sind Orte der Zusammenkunft. Hello Piedpiper feiert sie mit seinem aufmerksamen Publikum, das über eine Stunde ein bemerkenswertes Set geboten bekommt. 
Er passt sich an, der Mikrophonständer mit einem rot-gelben “Sonnen- und Sternetuch” geschmückt, steht Fabio Bacchet vor dem Altar mit jeder Menge Elektronik. Diese Elektronik, allen voran seine Loopstation, sind elementar für seine Liveauftritte. Lange schienen sie aus der Welt, verpönt, grenzüberschreitend verwendet. Hello Piedpiper könnte nicht auf sie verzichten und verwendet sie klug. Den schlechten Ruf des Loops dürfte man auf seinen Konzerten schnell wieder ablegen, denn der 33-Jährige Kölner weiß, wie man sie bedient. Per Fuß bastelt er mehrstimmige wie hymnische Background-Chöre, die er live aufnimmt und im richtigen Moment abspielt, um einen opulenten Gesamtsound zu generieren. Tonspur für Tonspur schichtet er auf den Song, während Fuß, Kopf und Hände beschäftigt sind. Das alles mit geschlossenen Augen, Rhythmusgefühl und Nonchalance. 
Hello Piedpiper ist eine Ein-Mann-Band, die mit Stimme, Gitarre, Melodika und Schellenkranz alles aus sich rausholt ohne erschlagend zu wirken. Dazu sind die melodischen Folksongs in ihrem Gewand zu leichtfüßig und treibend. Was auf Platte schon gut funktioniert, wird live perfektioniert. Die Lieder gewinnen durch die Hilfe des Loops an Dynamik, Songs wie Not waving but drowning am Ende des Sets steigert sich bis ins Unermessliche. Fabio holt aus seinen Songs das Maximum heraus, spielt sie konzentriert und mit Freude, obwohl er oft von ernsten und politischen Themen singt. Die Texte geben in ihrer Ausführung weniger Anlass zur Freude, aber die Beobachtungsgabe von Hello Piedpiper, der ausschließlich auf Englisch singt, imponiert, macht nachdenklich. 
Ab und an fordert er, versteckt den Schmerz zwischen den Zeilen. Während er diese Songs präsentiert, fühlt man mit – Fabio erklärt oftmals die Themen seiner Songs, die verschiedene Ursprünge haben. So handelt War von der Vorstellung eines Kriegs der Menschen gegen die Natur, The pawn that beats the drake ging von den Aufständen im Iran aus. Es sind sich alle im Raum bewusst, was auf dieser Welt geschieht, falsch läuft und geändert werden sollte, die Thematik liegt wahrheitsgemäß schwer im Raum und in den Köpfen. Fabio verpackt sie mit der vollen, teils klagenden Stimme treffend, löst die ernste Lage der Songs im Beifall mit seiner angenehmen Art und zeigt bei Life in Autarky oder The taciturn fool andere Seiten auf. Letzteres spielt er komplett ohne Verstärkung. Er stöpselt das Instrumentenkabel aus, tritt vom Mikrophon weg und macht einen Schritt in den Saal. Seine Stimme füllt weiterhin den Raum. Im Kerzenschein des kalten Gebäudes bittet Fabio das Publikum dann, für einen neuen Song die Augen zu schließen. Man soll während des Hörens an einen Klischee-Westernfilm denken, die Klänge untermalen Steppe, Saloons und Pferde. 
Es könnte der Soundtrack eines traurigen, aber hoffnungsvollen Films sein, als Fabio gegen Ende des Songs noch Melodika spielt. Ein weiterer neuer Song hat er während seiner laufenden Tour geschrieben, die er bis Jahresende quer durch die Republik per Zug bestreitet. Nach dem tollen Debut Birdsongs = Warsounds könnte ein Nachfolger also möglich sein. 
 Nach einer Coverversion von Sixto RodriguezSugar Man und Like the lion in the morning time ist mit dem reizenden 60′s-Hits Teenager in Love von Dion & the Belmonts, das er vor zwei Tagen noch mit Peter & Kerry und Mire Kay in Darmstadt spielte, Schluss. Lächelnd, beseelt entlässt Hello Piedpiper die Zuschauer in den Abend. ‘Cause each night I ask the stars up above: Why must I be a teenager in love?


Setlist Hello Piedpiper,  Sindelfingen:

01: Birdsongs = Warsounds 
02: The pawn that beats the drake 
03: The Fear 
04: "Western-Song" (Augen schließen) 
05: War 
06: The taciturn fool 
07: Of people and land theft 
08: Life in autarky 
09: "New song" 
10: Not waving but drowning 

11: Sugar Man (Sixto Rodriguez-Cover) (Z) 
12: Like the lion in the morning time (Z) 
13: Teenager in love (Dion and the Belmonts-Cover) (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Hello Piedpiper, Karlsruhe, 07.06.2013  (Wohnzimmerkonzert bei Gudrun) 
- Hello Piedpiper, Köln, 22.10.2012

 


Samstag, 24. August 2013

Casper, Feldkirch, 15.08.2013

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Konzert: Casper
Vorband: Trümmer
Ort: Poolbar, Feldkirch
Datum: 15.08.2013
Dauer: Casper 75 Minuten / Trümmer etwa 30 Minuten
Zuschauer: etwa 1.000

Bericht von Fabian von Gefuehlsbetont:  


Naturgewalt trifft auf Liveshowgigant: Im idyllischen Rahmen unter Bergen legte Casper in seiner laufenden Festivaltour einen Zwischenstopp in Feldkirch ein, um das Abschlusskonzert in der Poolbar zu spielen. 
Im ländlichen Raum begeistert er die überwiegend jugendliche Masse und sorgt im sommerlichen Ambiente für ein gewohnt intensives, wenn auch überraschungsarmes Konzert und liefert dem Poolbar-Festival einen würdigen Abschluss. 
Der Himmel glänzt golden, die Stadt trägt Nirvana-Tanktops oder Mit Verachtung-Shirts, während sich eine Schar an gut gelaunten Menschen vor dem Alten Hallenbad tummelt. 
Derweil spaziert die Band des Abends noch in der Stadt herum. Star-Allüren sind hier Fehlanzeige, so besucht Band-Fokus Casper alias Benjamin Griffey regelmäßig Fans auf den Campingplätzen, wenn er im Sommer auf Festivals spielt. Heute ist er zu Gast in Feldkirch, eine überschaubare und geschichtsträchtige Kleinstadt in Vorarlberg, Österreich. 
Vor dem Konzert treffen sie niemanden in der hiesigen Pick up-Bar an, in der Poolbar später knapp tausend Konzertwütige. Nach sechswöchigem bunten Festivalprogramm der Poolbar, mit Konzerten von Tocotronic, Bad Religion, Kate Nash oder Friska Viljor findet dieses mit Casper nun ein Ende. Dieser hat bereits einen Lauf, spielte schon auf Rock am Ring, splash! oder dem Deichbrand und wird einen Tag später direkt zum Frequency fahren. 
Auf den Leinwänden der Poolbar-Halle werden die Highlights der letzten Wochen gezeigt, viele Anwesende waren mehrfach zu Besuch. Dies zeigt, wie gut das breitgefächerte Programm der Poolbar angenommen wird und Menschen trotz großer Unterschiede der einzelnen Szenen zusammenbringt. Wer könnte dies besser aufzeigen als Casper, der einst in Hardcorebands sang, zum Rap fand und dessen Musik von Indie-Bands geprägt ist. 
Mit seinem Meisterwerk XOXO begeisterte er vor zwei Jahren szenenüberschreitend, riss die Ketten des Raps auseinander und zog Massen an. Nun schmückt das neue Casper-Backdrop den Raum, dem Cover des neuen Albums Hinterland, das am 27.09.2013 erscheint. Einen Song daraus spielte er bereits auf dem diesjährigen splash!, dem wohl bedeutendsten deutschen Hip Hop-Festival, die neue Single Im Ascheregen wurde bereits veröffentlicht. Dennoch verzichtete er in Feldkirch auf diese, dafür ist der splash!-Auftritt dann doch zu besonders, um anderen Terminen ebenfalls neues Material zu präsentieren. Nach XOXO ist die Erwartungshaltung und freudige Anspannung unter Fans wie Kritikern hoch. 
Dass nach vielen Touren zum letzten Album die Live-Qualitäten keineswegs verblassen, zeigte auch der Auftritt in Feldkirch. Um 21 Uhr lässt seine Band mit einem instrumentalen Intro früh erahnen, wie der Abend werden wird. Benjamin Griffey springt in die Mitte, wechselt oft die Seiten und sofort sind alle Stimmen da: Auf und Davon dient seit längerem als Opener, vor zwei Jahren begeisterte man im dunkelblauen Nebel mit Wolfsmasken mit Der Druck steigt, einem äußerst feinen Beginn für ein Konzert. Diesen nutzt Casper nun für die Zugaben – so auch heute. 



Wer Casper noch nie live sah, bekommt in Feldkirch wie auch auf allen anderen laufenden Festivalterminen ein Standardset, das es in sich hat. Klar XOXO-geprägt, aber auch Medleys (Alles verboten, Mittelfinger hoch, Guten Morgen Herzinfarkt) und Songs aus alten Tagen (Unzerbrechlich, Hin zur Sonne) sind mit dabei. Trotzdem würden kleine Variationen der Setlist gut tun. So fehlen Songs wie Die Welt steht still oder Alaska, die es vor einiger Zeit noch live zu hören gab. Auch 230409 wäre denkbar. 
Die Band und Casper selbst haben Spaß – doch es fordert auch Professionalität, jeden Tag vor anderen Leuten das exakt gleiche zu spielen. So ist Casper, wie er selbst vor Unzerbrechlich erwähnt, vom verkannten Underground-Emo-Rapper zum Berufsmusiker geworden. Waren die Clubs vor einigen Jahren nur spärlich besucht, sind sie heute brechend voll. Die Leinwände in der breiten Halle werden auf einmal notwendig, wenn Dirigent Casper sagt, was zu tun ist. Er hat die Masse fest im Griff, weiß, wie er sie kriegt. Nur werden seine immergleichen Ansagen wie „Habt ihr Bock?“, „Schreit so laut ihr könnt!“, „Alle springen jetzt!“ irgendwann lästig, zumal Casper das Publikum auch ohne ständige Imperative mit seiner Musik begeistert und zur Ekstase bringt. 
Das steckt bereits in der Intensität seiner Aufnahmen, ein zusätzliches Aufwirbeln wäre kaum nötig. Genauso wie den Schrei-Wettbewerb bei Mittelfinger hoch, der mit dem alten ‘Unentschieden’-Witz seitens der Band zwar in Ironie trieft, aber gähnend langweilig geworden ist. Bei Michael X bittet er dann um Ruhe und verlässt nach dem aufwühlendsten Song im Set die Bühne. 
Anders geht das die heutige Vorband Trümmer an, die wie Casper von Landstreicher Booking betreut wird. Diese begrüßt den noch halbvollen Saal freundlich, aber unspektakulär mit “Es ist 20.30 Uhr – Zeit für ein bisschen Punkrock.” und macht damit gleich eine Ansage. 


Im dritten Song Scheinbar nehmen sie eben jenes ermüdendes Publikumsentertainment ein wenig auf die Schippe, als sie sich sehr überschwänglich nach dem Wohl im Publikum erkundigen und dabei nur eine Verbindung zum folgenden Song herstellen, der mit der Zeile “Scheinbar geht es allen gut” die Antwort von Paul Pötschs Frage erneut wiedergibt. Neben durchaus poppig-eingängigem, selbsternannten Punkrock erinnern Trümmer in ihrer Formation als Trio mit roten Instrumenten an frühe, weniger protestierende Tocotronic (Auch wegen der Trümmer-Songtextzeile “Ich starte die Revolte”) und an verbissenere Die Sterne, Mikroboy oder Ja, Panik
Mit ihrem deutschsprachigen Indie-Rock und der Herkunft Hamburg ist für eine Verbindung zur vielbesagten Hamburger Schule schon einiges gegeben, die junge und nonchalante Band hätte sicher auch kein Problem mit dieser Einordnung. Die Haltung ist eher die: Wir spielen euch ein paar Songs und ihr fühlt euch gut dabei, wir haben genauso Spaß. Der Band kann man die Freude am Musizieren deutlich ansehen, sie spielen druckvoll und brillieren mit frischem Indie-Sound, der von Paul Pötschs kantiger Stimme umgarnt wird. 
Zudem ist die Band äußerst adrett gekleidet und liefert zu ihrem beinahe overdressed-wirkenden Outfit stabilen Pop mit guter Lyrik, stets auf der Suche nach Wegen, Gründen oder dem Sinn und sorgen dennoch für tanzbare Momente. Nach üblichen dreißig Minuten Spielzeit beenden Trümmer ihr Set mit In all diesen Nächten und skandieren gemeinsam mit dem Publikum Cas-per im “oh-oh”-Chor am Ende des Songs. Dieser Song ist zudem das einzige Fundstück im Internet, denn mehr als dieses Youtubevideo findet man nicht. 
Leider wirkt das bisher anwesende Publikum vom guten Auftritt der Band weniger angetan, sondern unbeteiligt und gelangweilt. Dies ist eine fast schon typische Erscheinung bei Casper-Konzerten, die von hartgesottenen Fans belagert werden und sich bis auf Benjamin Griffey’s eineinhalb Stunden kaum für etwas anderes interessieren. So haben die einen exzellente Wartemusik und die, die sich öffneten, einen überzeugenden Trümmer-Auftritt gesehen schnell vergessen, sobald Casper auf der Bühne steht und sich seinem Publikum trotz Massenbegeisterung liebevoll widmet, ihm Komplimente macht, Wasser verteilt und auf viele einzelne eingeht, von deren Freude er sichtlich angetan ist.
 Gemeinsam singen sie für Keyboarder Konrad Happy Birthday am heutigen Tage. Das ist wiederrum der Casper, in den sich die Mädchen verlieben. Lässig, cool und nie arrogant – er zeigt ihnen, dass Überheblichkeit und Egozentrik nicht sexy ist. Kein Wunder, dass er als Sprachrohr der Jugend gilt, was man auch am jungen Alter des Publikums feststellt. Die leichte Kehrseite sind die vielen, treu ergebenen 14-jährigen Fangirls in der ersten Reihe, die Griffey bindungslos und abgöttisch verfolgen. 
Diese junge und leidenschaftliche Schar himmelt den bodenständigen 30-Jährigen wie einen Popstar an, er ist Idol und Kultfigur zugleich. So sehr es auch nicht passt, wird der Bielefelder sie nicht los werden. Doch zumindest tut es gut, dass eben jene Mädchen qualitativ hochwertiger und inhaltsstarker Musik folgen und sich nicht an schiefe Figuren im gleichen Genre hängen. 
Casper hingegen ist fast schon ein fürsorglicher Vater und vermittelt die Größe seiner persönlichen Helden an die Kids weiter: So lernen sie nicht nur Turbostaat (Michael X), Bruce Springsteen und Joy Division (Kontrolle/Schlaf) oder The Smiths (XOXO) kennen, sondern auch den Sound von Odd Future bei Rock’n'Roll, Kanye West bei Guten Morgen Herzinfarkt und Cas in Paris sowie Jay-Z. Wenn das nicht reicht, liegen sich nach dem fulminanten So perfekt-Radiohit bei Don’t look back in Anger alle in den Armen, selbst Trümmer sind auf der Bühne zum Mitsingen zurück. Casper, ein bekennender Oasis-Fan, singt lautstark und mit weicher Stimme. Jetzt ist wirklich alles perfekt.


Setlist Casper, Feldkirch:

01: Auf und Davon 
02: Casper Bumayé! 
03: Die letzte Gang der Stadt + Ms. Jackson (OutKast) 
04: XOXO 
05: Unzerbrechlich 
06: Das Grizzly Lied 
07: Rock'n'Roll / Alles verboten 
08: Blut sehen 
09: Medley (Cas in Paris, Guten Morgen Herzinfarkt, Mittelfinger hoch) 
10: Hin zur Sonne 
11: Lilablau 
12: Michael X 

13: Der Druck steigt (Z) 
14: So perfekt (Z) 
15: Don't look back in anger (Oasis Cover) (Z) 


Links:
- aus unserem Archiv:
- Thees Uhlmann und Band feat. Casper, Mannheim, 01.06.2013
- Trümmer, Frankfurt, 12.02.2013 
- Casper, Trier, 10.12.2011




Samstag, 27. April 2013

Tocotronic, Erlangen, 11.04.2013

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Konzert: Tocotronic
Vorband: It's a musical
Ort: E-Werk, Erlangen
Zuschauer: voll, ca. 800
Datum: 11.04.2013
Dauer: Tocotronic 110 Minuten, It's a musical 35 Minuten

von Fabian von Gefuehlsbetont aus Stuttgart

 


Tocotronic mögen es üppig. Das zeigt nicht nur das neue Album Wie wir leben wollen, das Ende Januar erschien und wegen seiner Aufmachung und seinem Klang zurecht für erneutes Staunen sorgte, sondern auch wegen der langen Tour durch viele Konzertsäle in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ich kann mich kaum über mangelnde Termine in Süddeutschland beschweren, erstreckt man diesen Begriff über ein weites Feld. So waren für mich Besuche in Heidelberg, Stuttgart, Erlangen, Offenbach, Freiburg, München und Würzburg möglich – mangels Zeit- und finanziellen Gründen schaffte ich es ‘nur’ nach Stuttgart und Erlangen.
Nachdem ich schon in Stuttgart die Ehre hatte, diese großartige Band unter neuem Motto „Wie wir leben wollen“ zu erleben, trat ich den Weg nach Erlangen an. Das Stuttgarter Konzert musste sich erstmal setzen, Tocotronic im “neuen” Gewand zu erleben ist immer eine interessante Erfahrung. Das, was man schätzt, also vor allem Dirk von Lowtzows Bühnenauftritt, den Pathos und das Überschwängliche, war nie fort. Das verzaubert jeden Auftritt, das will man auch, das kickt. Doch Tocotronic meinen es ernst mit der Tour und mit ihrem neuen Werk. Die neue Platte ist nicht einfach nur ‘die neue Platte’, es fühlt sich wie ein neuer Abschnitt an, ein neuer Meilenstein, den Tocotronic dementsprechend gestalten und auf Tour präzise umsetzen. Sie zeigen damit, wie wichtig ihnen das jetzige Werk ist – das erneut beweist, dass Tocotronic keine schlechten Alben schreiben können. Das, was ich an der „Schall & Wahn“-Tour schätzte, nämlich eben genau das: Die vielen in sich verschmolzenen Songs, die Wut und der Lärm, wird bei der jetzigen „Wie wir leben wollen“-Tour deutlich wärmer und biegsamer. Mit dem ersten Konzert nach der Festivaltour im letzten Sommer, die vom Set eher ein Potpourri an Hits aus 20 Jahren war, musste ich mich bei Vorfreude, Krankheit und schwierigem Publikum erst einer neuen, fordernden Tocotronic-Platte und ein eben solches Konzert noch “gewöhnen” und erstmal finden. Die Entscheidung, nach Erlangen für ein zweites Konzert der Tour zu fahren, entschied sich als goldrichtig. Es war ein großer Genuss zu wissen was passiert und das schon ein Monat verstrichen war.
Die Distanz zwischen München und Erlangen habe ich maßlos unterschätzt, so wunderte ich mich stark, als ich bemerkte, dass dies über 200km sind. Dennoch lohnte sich die Reise, beschwingt mit einem tollen Element of Crime-Konzert im Kopf empfängt mich die Studentenstadt Erlangen mit Regen. Das E-Werk, in dem das Konzert stattfindet, ist ein super Laden. Tolles Programm, guter Sound, schöner Raum, nicht zu groß und nicht zu klein – und einen Balkon gibt’s auch. Ich bin gerne dort, weil diese Stadt nicht erschlägt und vollgestopft ist und mit vielen interessanten Ecken einlädt. Das E-Werk ist das Highlight und eine Anlaufstelle vieler toller Bands.
Auch freute ich mich tatsächlich über ein Wiedersehen der Vorband It’s a musical, die auf der gesamten Tocotronic-Tour Support sind. Das Elektropop-Duo aus Berlin machte es mir in Stuttgart noch ein wenig schwer, in Erlangen wirken sie frisch und nehmen mich offen in den Arm, spielen insgesamt vom Gefühl her befreiter. Ich spüre, wie sie sich über den Auftritt freuen. Das Publikum ist wohl wie jeden Abend: Zwischen Ultras, die nur Tocotronic sehen wollen und interessiertnickenden Indie-Menschen ist alles dabei. Hinten viel Gerede, vorne wird mehr zugehört. Als dann mitten im Song Rick McPhail auf die Bühne schlurft, um Gitarrensoli zu spielen, gibt es natürlich großen Jubel. (Ja, ich war logischerweise auch begeistert) Auch Ella Blixt und Richard Kretzschmar können sich nur fasziniert kopfschüttelnd angucken. Dieser Mann ist der helle Wahnsinn. Als wäre nichts gewesen, schlurft er wieder zurück. Legende da, Legende weg. It’s a musical kicken heute einfach. Das macht Laune, dieser 80′s-Sound. Schlagzeuger Robert grüßt zudem einen David im Publikum, dessen Band Wyoming man auf seinen Rat auschecken sollte. Gesagt, getan und Recht gegeben: Die sind wirklich gut! (Hier klicken) Das ist eine Sache, die ich weiterhin an Tocotronic schätze: Sie laden grundsätzlich Bands ins Vorprogramm ein, die sie selbst auch mögen. Mit Dillon auf der letzten Tour bekam das Publikum einen Popdiamanten zu hören, mit It’s a musical nun eine Band, die definitiv Qualität hat und Freude macht. Der Abend fängt gut an!


Doch es wird noch besser, oder: Noch krasser und abstruser. Bereits mit der heutigen Bühnenorganisation erlebe ich eine gewisse Unordnung, da sich die Crew bei Showbeginn immer noch beratend auf der Bühne befindet, während der Pro Asyl-Imagefilm beginnt und vom Publikum überhaupt nicht wahrgenommen wird. So wird auch nicht nach Ende dieses wichtigen Films wie in Stuttgart geklatscht, sondern nur gewartet, bis das Licht ausgeht. Schade. Mit dem Konzertintro „Gesang der Jünglinge“ von Stockhausen sorgen Tocotronic auch heute wieder für große Verwirrung im Saal. Während ich mich darüber amüsiere, ärgere ich mich im nächsten Moment abermals über Proleten. Diesmal schreit jemand “Haltet die Fresse und spielt Gitarre” durch den Raum. So sehr ich auch abgöttischer Fan dieser Band bin, werde ich solches Verhalten nie verstehen können. Dafür gibt’s keine Anerkennung, das ist auch keine Frage der Ungeduld oder des Geschmacks, sondern des Anstands. Zwei Minuten später stehen die vier Männer “aus Hamburg und Berlin” lächelnd einem vollen E-Werk gegenüber, das sie mit großem Jubel empfängt. Kapellmeister Lowtzow begrüßt Erlangen, Fürth und Nürnberg (!) gewohnt schwungvoll und enthustiastisch. Mit Opener „Im Keller“ beginnt ein furioses Konzert wie eine Fahrradtour: Fährt man gerade noch die Faulenzerroute mit schönem Landschaftsblick, wird der Boden plötzlich ruppiger. Mountainbike.
Rock ‘n’ Roll will never die.
Denn Tocotronic stellen ihr Set im Gegensatz zu Stuttgart vor einem Monat an einigen Stellen um: Mit „Macht es nicht selbst“ findet nun doch ein Song des sehr guten „Schall & Wahn“ einen Platz im Set und auch zu Beginn gibt es eine entscheidende Veränderung: Mit den drei ersten Stücken entzünden sie die Ekstase: Die neue Single „Ich will für dich nüchtern bleiben“ haut nicht nur auf Platte gut rein, sondern ist auch Wegbereiter für einen ersten Klassiker-Befreiungsschlag im Publikum – die Freude schwappt mit dem ersten Akkord förmlich über, nachdem Dirk von Lowtzow “Rock ‘n’ Roll will never die” ins Mikrophon säuselt und die Fotografen aus dem Graben verscheucht. Er guckt zornig aber bestimmt und will jetzt nur noch sein Publikum sehen. Es strahlt ihn an und singt „Drüben auf dem Hügel möcht’ ich sein im letzten Abendsonnenschein.“ Es ist ein Moment, in dem man die Welt umarmen könnte. Es gibt nur diesen Moment und die Musik, das vollkommene Glück, die Faust in der Luft und die Stimme überschlägt sich. Tocotronic haben alles richtig gemacht. Nachdem es den ‘Hügel’ in Zürich nur als Bonbon nach dem Outro (!) gab, bauen sie es nun direkt zu Beginn ein. Weil’s im Freudentaumel der alten Zeit so schön ist, bleiben sie mit „Meine Freundin und ihr Freund“ gleich dort. Das Publikum nimmt dankend an. Danach ist erstmal Ruhe und Zeit für großes Drama und das “tuntigste Lied” „Vulgäre Verse“.
Schließlich soll das Publikum ja auch nicht verwöhnt werden – obwohl sich der Besuch jetzt schon für die meisten gelohnt hat. Doch Tocotronic präsentieren natürlich ihr neues Werk: Da ist „Vulgäre Verse“ ein Lied, das aneckender nicht sein könnte. Kaum ein Song auf dem neuen Album sticht so heraus wie dieses. Lotzows feminine Stimme besingt eine Diva auf großer Bühne – „Ich geistere zurückgezogen / In möbliertem Revier / Keinem Fuß mehr auf deutschem Boden / Nur nächtliches Telefonieren“ – die Worte könnten es nicht besser beschreiben, der Hall strotzt, die Stimme schwebt, der Schatten schwindet. Mit dem Wegfall von „Exil“, das in vorigen Sets noch enthalten war, bei dem It’s a musical nochmals für die Background-Chöre auf die Bühne durfte, erschlägt das Set nicht allzu sehr mit Songs des neuen Albums. Das Set ist ausgeglichen und hat dennoch eine erkennbare Note. Mit „Abschaffen“, zu dem die Müncher Elektropunkband Frittenbude einen Remix baute, „Die Revolte ist in mir“ und „Warm und Grau“ formt das Konzert den Rahmen der „Wie wir leben wollen“-Tour.


Neben mir boxt sich ein jüngerer Kerl mit konstant grimmigen Gesicht durch die Masse, in dem die Revolte scheinbar tatsächlich steckt. Ich kenne das und fühle mit, lächle aber lieber. Dirk von Lowtzow schreit heute lieber, was mich kurz aus der Fassung bringt. Wer schon auf einem Tocotronickonzert war, kennt die große Sympathie und Wertschätzung von Dirk von Lowtzow gegenüber dem Publikum, der ständig dankt und ausschweifend erzählt. Heute ist tatsächlich irgendwas in der Luft, dass diesen Abend eine sehr raue, aber interessante Note gibt. Denn Lowtzow bricht während „Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools“ kurz vor dem ersten Refrain ab und schimpft laut auf den Tonmann. Bevor alle sich kurz ungläubig ansehen, entschuldigt er sich beim Publikum und spielt den Song nochmals. Generell spürt man heute mit dem Verscheuchen der Fotografen, eben genannter Aktion und einem “Halt’s Maul, Deutschland!”-Ruf passenderweise nach „Aber hier leben, nein Danke“ eine besonders ausgeprägte Wut bei Lowtzow. Diese gibt dem Konzert aber den gewissen Arschtritt. Tocotronickonzerte bringen auch immer wieder neue Erfahrungen mit sich.
Danach gibt es nur noch einmal einen finsteren Blick Richtung Tonmann, als dieser die Monitorboxen nach Punkexzess wieder korrekt platziert. Jan Müller bedankt sich mit einem Lächeln um den Frieden wiederherzustellen. Das ‘Vampir-Lied’ „Auf dem Pfad der Dämmerung“ muss ebenfalls wiederholt werden – Musikgott McPhail sitzt nicht an der Orgel und schlägt nach Beginn die Hände über dem Kopf zusammen. “Er wird halt überall gebraucht” – wie wahr, was Arne Zank da anmerkt.
Kurz vor Ende des Hauptteils sorgen Tocotronic dann nochmals für große Gänsehaut. Dirk von Lowtzow, wieder strahlend, grüßt mit Übersong „Hi Freaks“ alle Fans bis Bamberg. Sechs Minuten weitere Ekstase. Hi. Freaks. Look. at. me. Die Fortsetzung offener Münder, glücklicher Gesichter, gereckter Fäuste und einem lauten “Jaaaa!”-Schrei folgt mit der ersten Zugabe: Aus einer herrlich großen Lärmwolke formt sich „Freiburg“ – Erlangen kollabiert und ist alleine, weiß es und findet es sogar cool. Es ist das Dankeschön einer Band, die es seit zwanzig Jahren verdient hochgelobt zu werden. Der Titelsong des neuen Werks schließt die Zugabe ab, bevor Dirk von Lowtzow seine Zigarette mit der ersten Reihe teilt, wieder lächeln kann und Frieden mit Erlangen schließt, einatmet und nein, nicht den Tod besingt, sondern “einen Engel”. „17“. Das melancholische Finale eines großen Konzerts, „17“ entlässt mit einem doch sehr abschließenden Gefühl, das mich immer wieder mitnimmt. Keine Ekstase, nur für ein paar Sekunden still stehende Herzen und innere Leere.


Setlist, Tocotronic, Erlangen: 

01: Im Keller 
02: Ich will für Dich nüchtern bleiben 
03: Drüben auf dem Hügel 
04: Meine Freundin und Ihr Freund 
05: Vulgäre Verse 
06: This Boy is Tocotronic 
07: Sag alles ab 
08: Aber hier leben, nein Danke 
09: Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools 
10: Abschaffen 
11: Alles wird in Flammen stehen 
12: Auf dem Pfad der Dämmerung 
13: Die Revolte ist in mir 
14: Macht es nicht selbst 
15: Jackpot 
16: Hi Freaks 
17:Warm und grau 

18: Freiburg (Z) 
19: Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen (Z) 
20: Wie wir leben wollen (Z) 
21: 17 (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:
- Tocotronic, Stuttgart, 12.03.2013
- Tocotronic, Wien, 29.03.2010
- Tocotronic, Köln, 04.03.2010
- Tocotronic & Klee, Köln, 07.06.2008
- Tocotronic, Highfield Festival, 17.08.2007 





 

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