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Donnerstag, 10. September 2015

Sound of Bronkow Tag 1, Dresden, 04.09.15

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The Sound of Bronkow Music Festival 2015 Tag 1 
 für mich mit den Konzerten von
   The Gentle Lurch (60 min)
   Erdmöbel (90 min)
Ort: Societaetstheater Dresden
Datum: 4. September
Zuschauer: knapp 300


Wie hatte ich mich dieses Jahr wieder auf das Festival des Labels Kumpels and Friends in Dresden gefreut! Ein Grund hierfür war, dass sage und schreibe vier Bands angesagt waren, die ich unbedingt sehen wollte und dann noch das Sahnehäubchen Erdmöbel obenauf platziert war. Dies neben einer ganzen Zahl weiterer interessant klingender Bands und der einmaligen Atmosphäre in und um das Societaetstheater. Zufällig begann nun mein Festival mit einem erhofften Highlight: The gentle Lurch. Ich hatte bisher nur einmal das Glück gehabt, sie live zu erleben und seitdem war mir die aktuelle Platte Workingman's Lurch sehr ans Herz gewachsen. Ein Wiedersehen war also wirklich überfällig und es war auch etwas spannend, ob sich wohl der absolvierte Aufenthalt in Übersee auswirken würde...


Der kleine Saal war kurz vor Beginn des Konzertes gut besetzt und füllte sich anschließend bis an den Rand und darüber hinaus. Vor der Tür wurden schließlich sogar Leute abgewiesen, weil die Kapazität erschöpft war. Das Interesse war also nicht nur bei mir groß! Ich finde es schon ein bisschen mutig, ein Konzert mit einer englischen Gedicht-Rezitation zu beginnen. Aber es war sofort ruhige Aufmerksamkeit da und es wurde der Auftakt zu regelrechtem Übermut in der folgenden knappen Stunde. Auf der Bühne waren die vertrauten Gesichter von Cornelia Mothes an den Tasten, Frank Heim und Lars Hiller an diversen Saiteninstrumenten, wie auch Ronny Wunderwald als Schelm und Künstler an den Drums. Ein neuer Bassist, Johannes Till war schon wunderbar integriert. Außerdem war zusätzlich Ludwig Bauer (mir insbesondere aus dem Weihnachts-Konzert mit Sea of Love noch vertraut) mit einigen Aufgaben betraut (leider saß er etwas zu weit links als dass er es auf eines meiner Bilder geschafft hätte).


Die Musik ist ja prinzipiell so ein bisschen ein schlingern und stampfen. Ein Etwasmussmanjafürsherzetun (*). In Gedanken kann man am Lagerfeuer sitzen oder mit dem Pferd die Weite Nordamerikas durchstreifen. Dabei den Blick wahlweise in die Ferne schweifen lassen oder ins Innere versenken. Live wurde aber so richtig Dampf drauf gegeben und Fahrt aufgenommen - umsteigen vom Pferd in die Eisenbahn würde ich sagen. Das Publikum und die Band schaukelten sich an der gegenseitigen Begeisterung hoch und teilten wohl eine unvergeßliche und besondere Show miteinander. 
Das Set endete mit dem fast euphorischen Don't tell, my brother. Und ein ungeschriebenes Festivalgesetz verletztend, überzeugte das tobende Publikum die Band zu einer Zugabe, die eine echte Liebesgabe wurde. Ein neues Stück mit Neles Gesang. Es rieselte Konfetti und keiner verließ den Raum ohne ein seeliges Lächeln im Gesicht.

 
Setlist:
01: Workingmans lurch
02: Some pieces of advice to the Golden Bream
03: The Darkest Grove Of Pines
04: On how to tamp leaks
05: Nesting
06: Cannot
07: The Night when frank got drunk for the first time, age 23 +
08: Our bodies become the ground
09: Don't tell, my brother

10: From behind (Z) 



(*) Wie es Luitpolt Löwenhaupt in der Weihnachstgans Auguste so schön sagt...

Tourdatum:
10. Sept 2015 – Wärmehalle Süd – Leipzig 


Erdmöbel tauchten an meinem Horizont auf mit dem Album no. 1 hits. In Bezug auf die Bandgeschichte war das schon reichlich spät. Irgendwie blieb das hängen im Ohr und im Herzen. Allerdings fehlte dazu noch immer das Liveerlebnis und deshalb hatte ich mich gefreut, als sie für das diesjährige Sound of Bronkow angekündigt wurden. Das würde bestimmt ein Spaß!


Tatsächlich war das, was Markus Berges, Ekki Maas, Wolfgang Proppe und Christian Wübben zusammen mit ihrer Bläsersektion Henning Beckmann (Posaune) und Christa Becker (Flöte) (für drei Songs war überdies Kristin Kroneberger die Frau an der Bratsche) veranstalteten vielleicht eher ein Tanztee als ein Indie-Rock-Konzert, aber das störte wohl keinen, weil die Texte mit dem abgedrehten Humor sich unter die Haut bohrten und weil lächeln und tanzen einfach so viel Spaß machen.


Und als geborene Entertainer mit so vielen Jahren Bühnenerfahrung hatten sie das Publikum eins fix drei um den kleinen Finger gewickelt. Und wenn es bei Blinker auf nüchterne Zuschauer vielleicht schon sehr albern gewirkt haben mag, es war ein Riesenspaß!



(*) amazon wusstes noch: Sie haben diesen Artikel am 1.6. 2007 gekauft...

Setlist:
01: Anfangs Schwester heißt Ende
02: 77ste Liebe
03. Club der Senkrecht begrabenen 
04: Gefäße
05: Am Arsch, Welt, kannst du mich kaputtschlagen
06: Für die nicht wissen wie
07: Dawei, Dawei
08: Genau wie ich es mir wünsche
09: Fremdes
10: Busfahrt 
11: Kung Fu Fighting
12: Ausstellung über das Glück
13: Wort ist das falsche Wort
14: Vergnügungslokal mit Weinzwang
15: In den Schuhen von Audrey Hepburn
16: Blinker
17: Das Leben ist schön
 

18: Die Devise der Sterne (Z)
19: Nah bei dir (Z)  



Tourdaten:
03. Dezember  München Milla Club
04. Dezember  Plauen Malzhaus
05. Dezember  Kassel Theaterstübchen
09. Dezember  Duisburg Grammatikoff
10. Dezember  Hamburg Knust
11. Dezember  Worpswede Music hall
12. Dezember  Berlin Frannz club
17. Dezember  Köln Kulturkirche Nippes
18. Dezember  Köln Kulturkirche Nippes
20. Dezember  Darmstadt Centralstation


Aus unserem Archiv:
Sound of Bronkow 2015 Tag 2
The Gentle Lurch, Reutlingen, 25.07.14
Sound of Bronkow 2014 Tag 3
Sound of Bronkow 2014 Tag 2
Sound of Bronkow 2014 Tag 1
Sound of Bronkow 2013 Tag 3
Sound of Bronkow 2013 Tag 2
Sound of Bronkow 2013 Tag 1
Sound of Bronkow 2012 Tag 3
Sound of Bronkow 2012 Tag 2
Sound of Bronkow 2012 Tag 1

Alle Fotos vom Festival:


Samstag, 15. Februar 2014

Erdmöbel, Stuttgart, 13.02.2014

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Konzert: Erdmöbel
Ort: Schauspiel des Staatstheaters, Stuttgart
Datum: 13.02.2014
Dauer: 114 Minuten
Zuschauer: bedauerlich wenige; vllt. 200



Ja, dieser eklige Februarregen, irgendwie möchte man ihn für die vielen leeren Reihen im Schauspiel des Stuttgarter Staatstheaters verantwortlich machen. Da spielt die Kölner Indie-Pop-Institution Erdmöbel nach Jahren wieder in der Schwabenmetropole und kaum einer geht hin. Ein trauriges Bild, das Mastermind, Sänger und Gitarrist Markus Berges, Bassist Ekki Maas und Co allerdings nicht weiter zu stören scheint. Man vermisst zwar Die Röhre, jenen legendären Club in einem Tunnel, der Stuttgart 21 weichen musste, spielt aber ein derart mitreißendes Set, dass man glaubt, in einem vollen Saal zu sitzen. Es wird gesungen, rhythmisch geklatscht, und ja, hier und da auch getanzt. All das Ausdruck der Wertschätzung, die der Band entgegenschlägt. Knapp zwei Stunden lausche ich aus bequemen Theatersitzen wunderbar 60s infiziertem Pop mit Bläserunterstützung und kryptischen Versen voller Sätze und subtiler Weisheiten, die man am liebsten auf Postkarten oder Tassen drucken möchte. 


Nachdem mir die Musik Erdmöbels auf dem Sampler zum 15. Geburtstag des deutschen Rolling Stones im Herbst 2009 erstmals begegnete und die ich mit der Veröffentlichung von „Krokus“ wenig später zu lieben begann, verstrichen einige Jahre bis zu meiner ersten Live-Begegnung. Wie gut, diese ausfallen würde, konnte ich im Vorfeld freilich nicht ahnen, und so bin ich verblüfft, wie kurzweilig das fast zweistündige Set ist. 

In annähernd 20 Jahren Bandbestehens beschenkte Erdmöbel Pop-Deutschland reich mit erfüllenden Alben, die von der überschäumenden Kreativität Markus Berges' nur so strotzen und von Ekki Maas' feinem Händchen für die passende Produktion veredelt wurden. Mittlerweile auf einem eigenen Label veröffentlichend, begeisterte vergangenen Herbst „Kung Fu Fighting“ als harmonisch stimmiges, stilsicheres Album. Passend zum pinkem Kirschblüten-Cover erscheint die Gruppe auf der dazugehörigen Tour geschlossen in rosa gekleidet. Das reicht von Ekki Maas' Sakko bis zum Pullunder des Posaunisten Henning Beckmann, ist konsequent und passt zur gerne ins Groteske abdriftenden Lyrik von Markus Berges. Im Hintergrund prangt in heller Beleuchtung das flamingofarbene Blütenmeer. Auf der Setlist stehen neben Klassikern und Fanfavoriten viele Stücke der aktuellen Platte und schon die Eröffnung mit „Peng“ strahlt in den sattesten Farben. Berges, Maas, Wolfgang Proppe (Keyboards), Schlagzeuger Christian Wübben und die ergänzende Bläsersektion um Beckmann und Christa Becker an der Querflöte schöpfen aus einem großen Soundregister und nutzen die akustischen Vorteile eines Theaters für einen Abend im Zeichen des Wohlklangs. „Ausstellung über das Glück“ und „77ste Liebe“, es sind Lieder, die man im Kopf mitsingt, die glücklich machen.
Harmonisch, unheimlich melodiös ist das alles und mit einer intensiven Spielfreude serviert. Dazu singt Markus Berges mit seiner sonoren Stimme seine fantastischen Texte und nimmt den ganzen Saal ein. Ob dort 600 oder nur 150 Zuschauer sitzen, ist völlig egal. Alles umgreifend, nimmt einen die Präsenz des Sängers ein. „Wer will geschenkt ein Herz aus Herzmaterial? / Ich! meins flackert so fatal / Wie Neon vorm kaputtgehen / Deshalb, Süße, und trotzdem heirate mich.“ Die Liebeslieder kommen ohne Kitsch aus, nichts ist hier plakativ. Das subtile Spiel mit Worten und Bildern ist das Geheimnis der Lyrik. Ohne je ins Dadaistische zu verfallen, umschifft Berges gängige Konzepte. Die Rechtfertigung aller Lobeshymnen der Musikpresse schwingt in jeder Zeile mit. 


 Die augenzwinkernde Hommage an die Ruhrpott-Satirepunks von Eisenpimmel aus Duisburg in „Bewegliche Ferien“ kommt in einem chicen Theater ausgezeichnet zur Geltung. Als der Sänger mit der bekannten, großen Brille vor dem Titeltrack des aktuellen Albums, „Kung Fu Fighting“, den Zuschauern „Knutschzwang“ auferlegt, tauen diese langsam auf. „Stuttgart ist nicht nur die Stadt der Wut, sondern auch die Stadt der Zärtlichkeit“, scherzt Berges am Vorabend des Valentinstags und erntet Applaus. Ohnehin sind seine und die Ansagen seines Bassisten stets sympathisch, häufig von angenehmer Komik.
„Wir dachten immer, es würde sich bei ihr um eine Erfindung handeln“, berichtet Ekki Maas, bevor „Vivian Maier“, die Songhommage an die gleichnamige Hobby-Fotografin, gespielt wird. „Jetzt lief ein Dokumentarfilm über sie auf der Berlinale an, sie war echt.“ Der anschließende Anti-Oktoberfest-Song „Wurzelseliger“ in der vermutlich einzigen deutschen Stadt ohne Oktoberfest ist mit seinen grandiosen, satirischen Versen ein Höhepunkt. „Immer, wenn wir so weit in den Süden fahren, denken wir, es wäre Bayern. Aber das ist ein Irrtum. Ihr habt kein Oktoberfest hier? Ihr habt den Cannstatter Wasen. Stimmt.“ 


Die Bläser tun ihr übriges für den voluminösen Sound, der jedes Lied zur fantastisch klingenden Ode verzaubert, selbst, wenn es sich um bittere Abrechnungen handelt. Akademiker lieben, so das gängige Klischee, den Scharfsinn in Erdmöbel-Stücken. Und das zurecht. Fraglos ist „Gefäße“ einer der besten Songs des aktuellen Albums und auch live kann er seine treibende Qualität entfalten. Ekki Maas, derzeit mit beeindruckendem Vollbart und Hut, konterkariert mit melodiösen, vordergründigen Spiel das gängige Vorurteil des einfältigen Bassisten und wechselt immer wieder zwischen vier Instrumenten – vom Höfner Violinbass hin zur Gibson.
Zu „Im Club der senkrecht Begraben“ werden die Zuschauer zum kollektiven Mitsingen der Refrain-Zeile aufgefordert und spätestens jetzt verzeichnet die Aufforderung zum Tanzen im bestuhlten Saal erste Erfolge. Bandklassiker wie „In den Schuhen von Audrey Hepburn“ und „Das Leben ist schön“ beschließen das reguläre Set. „Blinker“ mit stroboskopartigen Blitzen ist großartig. „Schadensersatzschreiben, dann bitte per Mail“, entschuldigt sich Berges bei potentiellen Epilepsie-Patienten. 


„Vergnügungslokal mit Weinzwang“ und vor allem mein liebster Erdmöbel-Song „Dreierbahn“ sind großartige, würdige Zugaben bevor „Nah bei dir“ zur garantiert kitschfreien Mitsinghymne erhoben wird. Erneut kehrt die Band – diesmal ohne Bläserverstärkung – für eine letzte Zugabe zurück. „Anfangs Schwester heißt Ende“ ist der angemessene Schlusspunkt. Ein schönes Lied. Vertraut, verspielt, verspielt, vertraut und nicht zu laut. Wirklich. Erdmöbel ist am Ende so viel mehr als Indie-Pop für Studienräte. Es ist die deutsche Band auf die man sich im Zweifelsfall einigen kann. Draußen hat es aufgehört zu regnen. Das Leben ist schön und wird schöner mit jedem neuen Song des großartigen Markus Berges, mit jedem Konzert seiner Gruppe.



Setlist Erdmöbel, Stuttgart:

01: Peng
02: Ausstellung über das Glück
03: 77ste Liebe
04: Cardiff
05: Bewegliche Ferien
06: Jetzt
07: Kung Fu Fighting
08: Vivian Maier
09: Wurzelseliger
10: Dawai, Dawai
11: Wort ist das falsche Wort
12: Gefäße
13: Jede Nacht
14: Im Club der senkrecht Begrabenen
15: In den Schuhen von Audrey Hepburn
16: Erster Erster
17: Blinker
18: Das Leben ist schön

19: Vergnügungslokal mit Weinzwang (Z)
20: Dreierbahn (Z)
21: Nah bei dir (Z)

22: Anfangs Schwester heißt Ende (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- 13.12.2013, Erdmöbel, Köln 
- 30.10.2013, Erdmöbel, Frankfurt am Main
- 08.09.2012, Erdmöbel, Köln
- 03.12.2011, Erdmöbel, Frankfurt am Main
- 30.10.2011, Erdmöbel, Hachenbuch
- 10.10.2010, Erdmöbel, Frankfurt am Main


Sonntag, 22. Dezember 2013

Erdmöbel, Köln, 18.12.13

2 Kommentare

Konzert: Erdmöbel
Ort: Kulturkirche, Köln
Datum: 18.12.2013
Dauer: Erdmöbel 120 min, Friedemann Weise 30 min
Zuschauer: ausverkauft



von Ursula von neulich als ich dachte

Schon verrückt, dass man heutzutage einfach per Bahn von Frankfurt innerhalb einer Stunde nach Köln düsen kann. In meiner Jugend wäre das nicht möglich gewesen, aber nun kann ich um 18 Uhr das Büro verlassen und bereits gegen halb 8 durch Nippes irren und diese Kulturkirche, von der immer alle reden (in ihr finden durchaus öfter einmal poppige Konzerte statt), suchen. 

Als die Kirche schließlich gefunden war, bot sich mir ein Bild, das ich sonst nur von der Christmette kenne: Noch keine Veranstaltung im Gange, aber alle Bänke in der weihnachtlich mit glitzernden Kugeln und Lichterketten geschmückten Kirche dicht besetzt von gut gelaunten Besuchern in allen Altersklassen. Lediglich der ausgiebig genutzte Kölschverkauf im Eingangsbereich ließ erahnen, dass die Leute nicht zum Gottesdienst erschienen waren. 

In dem ganzen Gewühl noch einen Sitzplatz zu finden, erwies sich als schwierig, von diesem aus letztendlich die Bühne zu erspähen, als unmöglich. Die ergatterte Sitzbank befand sich nämlich nicht im Mittelschiff, sondern lief parallel zur Wand, was zu dem Problem führte, dass sich noch später kommende Zuschauer einfach davor und damit direkt in die Sicht zur Bühne stellten. Immer mehr Gäste drängten sich in den Gängen, beziehungsweise quetschten sich auf Biermission an einem vorbei, und meine Stimmung sank bereits kontinuierlich, als auch noch der ansässige Pfarrer verkündete, dass nun als Support erst einmal Friedemann Weise auftreten werde - den kannte ich bereits von einem früheren Erdmöbel-Konzert und hatte keine sonderlich positiven Erinnerungen. 

Herr Weise war ebenfalls nicht allerbester Laune und sagte sich, nachdem er die Ankündigung durch den Pfarrer als zu unenthusiastisch zurückgewiesen hatte, gleich noch einmal selbst gebührend an. Zunächst hatte ich den Eindruck, der Sänger habe bei seiner Anreise aus Köln Ehrenfeld an einem Glühweinstand vorgeglüht und sei somit angetrunken, nachdem er aber bei seinem verdächtig schleppendem Tonfall wohlartikuliert war und blieb, litt er wohl nur unter der Erkältung, die ihn nach eigenen Angaben quälte. 

Ich weiß nicht, ob es meinen niedrigen Erwartungen oder der bessere Songauswahl lag, aber an diesem Abend überzeugte mich Weise viel mehr als bei der früheren Gelegenheit. Der Versuch, den Ausdruck "Narzißtische Persönlichkeitsstörung" singbar zu machen, ist immerhin beeindruckend, ein Popsong über Abmahnanwälte originell und einige der Zwischengags (etwa, während niemand mitsang, den letzten Refrain eines Lieds mit "und jetzt ich alleine!" anzusagen, später folgte noch "und jetzt die Verrückte da vorne!") waren tatsächlich ziemlich lustig, unterhaltsam und kurzweilig. 

Ein noch unvollendeter Song, der eine Aufzählung zahlreicher Tourauftrittsorte nebst der Erlebnisse des Sängers dort beinhaltet, wurde anscheinend von Ekki Maas mit Insterburg & Co. verglichen, was Weise mit "Wenn dich das an die erinnert, bist du zu alt" kommentiert wurde. Ob die kirchenkritischen Kommentare des Sängers zu Heiligenbildern oder auch missbrauchten Messdienern beim Pfarrer sonderlich gut ankamen, ist nicht bekannt - immerhin wurde nur über die katholische Kirche gelästert. 

Setlist Friedemann Weise, Kulturkirche, Köln: 

01: Narzißtische Persönlichkeitsstörung 
02: Ein Hundejahr 
03: Abmahnanwalt 
04: Toursong (unvollendet) 
05: Keine Songwriter 
06: Weißt du noch 
07: Tina, geh' nicht in die Sekte 


Nun war es Zeit für den Hauptact, Erdmöbel betraten mit dem Bekleidungsmotto "rosa" und weiteren Christbaumkugeln an den Gitarren- und Basshälsen die Kirchenbühne, nur Christian Wübben war zunächst als Nikolaus verkleidet, legte sein Outfit aber schnell wieder ab. Markus Berges hat sich von dem Vollbart, den er Ende Oktober in Frankfurt trug, zwischenzeitlich getrennt, allerdings wäre der zurückgebliebene Clark Gable-Schnurrbart auch überdenkenswert. Nach dem Opener Cardiff erfuhren wir die Abendplanung: Es sollte bei Kung Fu Christmas zwei Konzertteile geben, nämlich zunächst Kung Fu und dann Christmas. 

Konzertteil eins konzentrierte sich dann auch hauptsächlich auf Songs aus dem aktuellen Album Kung Fu Fighting und sparte ältere Lieder wie Wurzelseliger oder Dreierbahn, die sonst im Programm stehen, aus. Zunächst ging es aber weiter mit dem älteren Ausstellung über das Glück und dem Hinweis auf ein am Schlagzeug installiertes Instrument (Chimes), mit dem man durch Entlangstreichen ein zartes, weihnachtliches Klimpern erzeugen konnte und das an diesem Abend reichlichen Einsatz finden sollte. Wir erfuhren auch, dass Sting dieses Teil angeblich in jedem seiner Songs verwendet. Wolfgang Proppe behauptete darüber hinaus, entdeckt zu haben, dass sich Tonleitern besondern weihnachtlich anhören, weshalb es diese äußerst freigiebig einsetzte und in zahlreiche Songs einbaute. 

Als nächstes folgte das von eifrigem Mitgesang unterstützte Club der senkrecht Begrabenen, sowie Vivian Meier. Zum Kung Fu Fighting-Titelsong wurde im Hintergrund der Bühne das mich etwas verstörende zugehörige Kuss-Video gezeigt. Nach Gefäße, ebenfalls vom neuen Album, folgte mit Wort ist das falsche Wort laut Ekki Maas das traurigste Lied des Vorgängeralbums Krokus - beim Konzert im Frankfurter Nachtleben hatte er behauptet, es sei sein Lieblingslied dieses Albums, aber das eine schließt das andere ja auch nicht aus. Mit In den Schuhen von Audrey Hepburn spielte die Band danach einen der sehr wenigen älteren Songs, um dann mit Blinker wieder in die Gegenwart zurückzukehren und den "Kung Fu-Teil" des Abends abzuschließen. 

Konzertteil zwei bestand, da Erdmöbel seit geraumer Zeit jedes Jahr eine Weihnachtssingle veröffentlichen, hauptsächlich aus diesem Repertoire, auf das nur im Rahmen der Weihnachtskonzerte in der Kulturkirche zurückgegriffen wird. Los ging es hier mit der Aufforderung an das Publikum, man solle möglichst schnell alle deutschen Bundeskanzler aufsagen. Die Liste ("Merkel Schröder Kohl Schmidt Brandt Kiesinger Erhard Adenauer") gehört zu Muss der heilige Nikolaus sein, zu dem Wolfgang Proppe ans Akkordeon wechselte und bei dem, wie auch zu allen folgenden Weihnachtsliedern, wiederum das Video eingespielt wurde. 


Nach Der letzte deutsche Schnee spielte man mit Erster Erster einen Song, der zwar thematisch in die Jahreszeit passte, aber gar keine Weihnachtssingle ist sondern vom Album Krokus, bei Fräulein Frost konnte man im Video die ganze Band erfrieren sehen und bei Lametta kam als Gastsängerin nicht die eigentliche Co-Interpretin Maren Eggert sondern Suzie Kerstgens von Klee mit auf die Bühne. Sie hatte sich passend zum Rosa-Bekleidungsmotto der Band ein pinkes Oberteil angezogen und trug ihren Christbaumschmuck in Form eines weihnachtlich goldenen Sterns im Ohr. Zum darauf folgenden Last Christmas wurde erklärt, dass es laut Wolfgang Proppe die Melodie des Todes enthalte. Begleitend zu dem Song wurden aus den Klingelbeuteln der Kirche ans Publikum Bonbons verteilt, was Markus Berges vor der aktuellen Weihnachtssingle Ding Ding Dong (Jesus weint schon), die vermutlich an diesem Abend ihre Live-Premiere feierte, zu der Frage veranlasste, ob wir denn auch mit vollem Mund mitsingen könnten. 

Das klappt dann sehr gut, Friedemann Weise und Suzie Kerstgens kehrten auf die Bühne zurück und bildeten mit einigen Publikumsmitgliedern eine Background-Sing- und Tanzgruppe. Vorher hatte Ekki Maas das aus dem Video zum Lied bekannte "Bitte folgen!"-Schild gezückt und angedroht, dass wir nun gemeinsam zwar nicht bis zum Eigelstein, aber zumindest um die Kirche wandern würden. Nach unzähligen Wiederholungen des Ding Ding Ding Dong-Refrains erhielten die beiden Gaststars Geschenke (Whiskey für Suzie und Blumen für Friedemann) und das Konzert war offiziell beendet, doch das Publikum ließ sich nicht beirren und sang so lange allein den Refrain weiter, bis die Band zurückkehrte. 

Durch die Anwesenheit von Suzie Kerstgens bot es sich für Erdmöbel natürlich an, den Song zu spielen, den sie mit der Band aufgenommen hatte, und so folgte nun Vergnügungslokal mit Weinzwang. Nachdem sich Suzie mit Umarmungen von den Bandmitgliedern verabschiedet hatte, rief jemand aus dem Publikum Das Leben ist schön!, was dann prompt anschließend gespielt wurde. Mit Nah bei dir, einem Song, der fast schon traditionell Erdmöbel-Konzerte abschließt, endete der Konzertabend dann nach zwei Stunden wirklich, wobei die Band hinterher noch eifrig mit dem Signieren von allem möglichen beschäftigt war und dank des Heimatauftritts natürlich auch viele der Gäste persönlich kannte. 

Auch wenn Erdmöbel sich nicht sicher waren, zum wievielten Mal sie ihren Weihnachtsauftritt in der Kulturkirche absolvierten, hatte uns der Pfarrer bereits in der Ankündigung mitgeteilt, dass es auch kommendes Jahr wieder einen geben wird. Wie versierte Christmettenbesucher wissen wir dann auch, dass man für die guten Plätze besonders früh erscheinen muss. 

Setlist Erdmöbel, Kulturkirche, Köln: 

01: Cardiff 
02: Ausstellung über das Glück 
03: Club der senkrecht Begrabenen 
04: Vivian Meier 
05: Kung Fu Fighting 
06: Gefäße 
07: Wort ist das falsche Wort 
08: In den Schuhen von Audrey Hepburn 
09: Blinker 
10: Muss der Heilige Nikolaus sein 
11: Der letzte deutsche Schnee 
12: Erster Erster 
13: Fräulein Frost 
14: Lametta (mit Suzie von Klee) 
15: Last Christmas 
16: Ding Ding Dong (Jesus weint schon) 

17: Vergnügungslokal mit Weinzwang (mit Suzie von Klee) (Z)
18: Das Leben ist schön (Z)
19: Nah bei dir (Z) 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Erdmöbel, Frankfurt, 30.10.13
- Erdmöbel, Köln, 08.09.12
- Erdmöbel, Frankfurt, 03.12.11
- Erdmöbel, Hachenburg, 30.10.11
- Erdmöbel, Frankfurt, 10.10.10

- Fotos: Dirk von Platten vor Gericht

 


Freitag, 1. November 2013

Erdmöbel, Frankfurt, 30.10.13

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Konzert: Erdmöbel
Ort: Mousonturm, Frankfurt
Datum: 30.10.2013
Dauer: 120 min
Zuschauer: ca. 150



von Dirk von Platten vor Gericht

Bin ich also der Versuchung doch erlegen! Eigentlich wollte ich keinen weiteren Auftritt der Band Erdmöbel mehr besuchen, damit meine eigentliche Lieblingsband Oasis, von denen ich in näherer Zukunft keine weiteren Konzerte erwarte, nicht in meiner persönlichen Konzertstatistik von diesen überholt wird. Mein Hilferuf bei der Vorstellung von Kung Fu Fighting von Platten vor Gericht wurde nicht erhört, niemand lud mich gestern zu sich nach Hause oder auf ein alternatives Konzert ein, so dass ich der Dreifachverlockung (keine Champions League im Fernsehen, Erdmöbel im 100-km-Umkreis und ein Platz auf der Gästeliste) nicht widerstehen konnte. 


Über Facebook hatten Erdmöbel noch am gleichen Tag mit den Worten „Kommt alle und bringt alle mit!“ zum Besuch ihres Konzertes aufgefordert. Also habe ich mein Bestes gegeben, um mein kleines Auto bis unters Dach mit Konzertwilligen zu füllen. Die Ausreden lauteten jedoch: Grippe, aufs Kind aufpassen (gleich zweimal) und zu viele Erdmöbel-Konzerte in den letzten Jahren. Bis auf letztere konnte ich alle Argumente akzeptieren, aber meine Freundin steht aktuell bei 3 besuchten Erdmöbel-Konzerten und ist von meinen 14 noch so weit entfernt, wie der Kölner Dom vom Frankfurter Messeturm. 

Beim Betreten des im letzten Jahr neu gestalteten Mousonturms hatte ich große Bedenken, dass es den anderen Besuchern bei der Begleitungsakquise ähnlich ergangen war wie mir, denn 20 Minuten vor dem eigentlichen Konzertbeginn versammelten sich gerade einmal 10 Personen in der Konzerthalle. Doch die Besucher des Künstlerhauses Mousonturm scheinen an die Abläufe der Theaterproduktionen dieses Hauses gewöhnt, strömten erst kurz vor 21 Uhr in den Konzertsaal und füllten ihn noch angemessen. 


Nahezu pünktlich betraten die Musiker die Bühne, deren Hintergrund ein Ausschnitt aus dem aktuellen Plattencover zierte. Passend dazu waren alle Bandmitglieder (größtenteils) rosa gewandet. Diesen Dresscode trieb Wolfgang Proppe (Keyboards) mit seinen rosa Stricksocken auf die Spitze – dachte ich, bis ich seinen pinken Glitzerring sah, der ihm auch prompt den Beinamen „Liberace“ einbrachte. Aber auch Markus Berges (Gesang, Gitarre) Plektrum sowie Ekki Maas’ (Bass) Button waren in dieser Farbe gehalten - eine Liebe zum Detail, die sich auch in der Musik der Band widerspiegelt. 

Das Konzert wurde mit Peng eröffnet, was wirklich kein Knaller-Auftakt war. Danach (oder zumindest nach dem bald folgenden Cardiff) „ging es“ - gegensätzlich zu einem Erdmöbel-Text - „immer bergauf“. Den Großteil des Sets bestritten Erdmöbel mit Songs aus den letzten beiden Alben: Kung Fu Fighting wurde bis auf Zollstockbad komplett dargeboten, Krokus mit immerhin sechs Titeln bedacht. 


Von den neuen Titeln gefielen mir in ihren Live-Versionen vor allem Gefäße, das mit einem langen instrumentalen und sehr rhythmischen Intro zelebriert wurde, so dass Markus das Publikum zum Ausdruckstanz aufforderte, und Henning Beckmann und Christa Becker, die erstmals mit Erdmöbel auf Tour ist, ausreichend Raum für Solos an Posaune bzw. Querflöte gab, sowie Club der senkrecht Begrabenen, das die Besucher zum Mitklatschen und –singen animierte (was weniger fürchterlich war als es hier klingt). 

Bei Kung Fu Fighting wurde das Publikum in Anlehnung an das dazugehörige Video zum Knutsch-Contest aufgefordert, den auf der aktuellen Tournee Münster, die Heimatstadt der Band, mit einer Rate von 70-80% anführte. Da konnte Frankfurt nicht mithalten - vielleicht aber bei der Reaktion des Publikums auf der nach oben offenen Entzückungsäußerungsskala, wenn die Wahl-Kölner ältere Titel wie Dawai Dawai oder In den Schuhen von Audrey Hepburn ankündigten. 


Bei Jede Nacht übernahm Christian Wübben (Schlagzeug) - zumindest im Refrain - den Gesangspart der in Los Angeles weilenden Gastsängerin Désirée Nosbusch. Vielleicht hätte man hier Christa Becker fragen können, ob sie singen und die Flöte einmal zur Seite legen kann. Auch das ursprünglich sehr gitarrige Wurzelseliger war mit diesem Instrument doch etwas gewöhnungsbedürftig. 

Bewegliche Ferien wurde den – wenn auch nicht so titulierten – Assi-Punks von Eisenpimmel gewidmet. Über einen Artikel („Currywurst mit Vollidioten“) in der Intro über die Band musste ich vor Jahren Tränen lachen – hier lohnt sich die Internetrecherche. Die Liedtitel der Duisburger wollte Ekki bei der Ansage nicht preisgeben, so dass ein Zuschauer mit Komma lecka bei mich unten bei aushelfen musste. Ich hätte noch Bier zu mir hinzufügen können. Bier ist ein gutes Stichwort, denn Erdmöbel wollten nach dem Konzert noch alle im „Moseleck“ treffen und fragten sich und uns, ob es in Frankfurt auch ein Oktoberfest gebe und ob dort Äppelwoi getrunken werde. 


Doch zuvor sollten noch Blinker, dessen „blinkt, blinkt, blinkt...“-Textpassagen, die noch deutlich länger ausfielen als auf Platte und die Vorstellungsrunde der Bandmitglieder sehr gelungen integrierte, von Stroboskop-Flackern untermalt wurden, sowie Das Leben ist schön das Hauptset beschließen. 

Auf der Setliste standen zunächst 17 nummerierte Titel und danach noch acht weitere in loser Reihenfolge. Erster Erster wurde noch in den Hauptteil integriert, und man durfte gespannt sein, welche der noch ausstehenden, vermutlich zur Auswahl gedachten Titel, noch gespielt würden. Bis auf Arbeiten alle! Mit gleich zwei Blocks zu je drei Songs belohnten Erdmöbel die lauthals nach Zugabe rufenden Frankfurter. Wobei mir persönlich der erste mit Anfangs Schwester heißt Ende, Vergnügungslokal mit Weinzwang und Dreierbahn besonders gut gefiel. 



Den Abschluss eines schönen Konzertabends bildete die unvermeidliche Coverversion Nah bei dir, die sicherlich allen Anwesenden auch noch auf dem Nachhauseweg im Kopf herumgegeistert ist. 

Am 18. Dezember geben Erdmöbel ein Konzert in der Kulturkirche in Nippes, das liegt auch innerhalb der 100-km-Grenze und Fußball wird dann vermutlich auch nicht gespielt. Selbst wenn ich nicht auf der Gästeliste stehen sollte (gestern habe ich dies zumindest mit dem Kauf von zwei Schallplatten ausgeglichen), so war ich doch noch nie auf einem Weihnachtskonzert von Erdmöbel.... 


Setlist Erdmöbel, Mousonturm, Frankfurt:

01. Peng 
02. Ausstellung über das Glück 
03. 77ste Liebe 
04. Cardiff 
05. Bewegliche Ferien 
06. Jetzt 
07. Kung Fu Fighting 
08. Vivian Maier 
09. Wurzelseliger 
10. Dawai Dawai 
11. Wort ist das falsche Wort 
12. Gefäße 
13. Jede Nacht 
14. Club der senkrecht Begrabenen 
15. In den Schuhen von Audrey Hepburn 
16. Erster Erster 
17. Blinker 
18. Das Leben ist schön

19. Anfangs Schwester heißt Ende 
20. Vergnügungslokal mit Weinzwang 
21. Dreierbahn

22. Die Devise der Sterne 
23. Snoopy T-Shirt 
24. Nah bei dir 



Weitere Erdmöbel-Konzerte: 

01.11.13: Tübingen, Sudhaus Tübingen 
02.11.13: Karlsruhe Durlach, Festhalle Durlach 
07.11.13: Hannover, Musikzentrum Hannover 
08.11.13: Krefeld, Kulturfabrik Krefeld 
18.12.13: Köln, Kulturkirche Köln 
15.02.14: Lage, Evangelische Dorfkirche Heiden


Montag, 10. September 2012

Erdmöbel, Köln, 08.09.12

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Konzert: Erdmöbel
Ort: Kranhaus Eins, Köln
Datum: 08.09.2012
Zuschauer: ca. 450

Dauer: knapp 2 Stunden


Neulich beim Silent Kranhaus Konzert mit Erdmöbel
von Ursula von neulich als ich dachte
Konzerte auf Dächern haben in der Popmusikgeschichte ja eine gewisse Tradition. Auch Erdmöbel, die bereits zweimal auf dem Dach der Kölner Volkshochschule aufgetreten sind, wollten nach über zehn Jahren wieder einmal ein solches geben, und als spektakuläre Location boten sich die Kranhäuser am Kölner Rheinufer mit ihrer Aussicht über Stadt und Umgebung besonders an. Aus Perspektive der Band absolut erstrebenswert, keine Frage, aber wo sollte nur das Publikum hin? Auf dem Dach konnten nur 20 Zuhörer untergebracht werden, der Rest musste also ans Rheinufer. Von dort aus kann man die Band auf dem 65 Meter hohen Dach aber natürlich eher erahnen als sehen und hören, folglich wurde eine Lösung in Form von Funkkopfhörern und Plasmabildschirmen gefunden.

Eigentlich fand ich diese Idee aus Zuschauersicht ziemlich doof: Eine Band auf einem Dach, das ich nicht richtig sehen kann, bringt mir in etwa so viel, wie ein Fernsehauftritt, den ich mir auch daheim auf dem Sofa ansehen könnte. Weniger negativ eingestellte Menschen würden diese ungewöhnliche Konzertsituation dagegen als kommunikatives Experiment beschreiben, Markus Berges erklärte der Welt:

Die Band ist ganz oben, sieht ewig weit, ist aber dort in der Höhe gefangen. Das Publikum ist ganz unten im schönen Rheinauhafen, aber frei, und wir sind alle übertrieben weit voneinander entfernt und uns durch die Kopfhörer doch ganz nah.

Letztlich ließ ich mich dann doch überreden, an dem Konzert teilzunehmen, immerhin ist Köln ja meine Lieblingsstadt, den Rheinauhafen kannte ich noch nicht und das Wetter war ebenfalls phantastisch.

Vor Ort galt es zunächst, die Abendkasse mit der Kopfhörerausgabe zu identifizieren, denn der Zuhörerbereich des Konzerts war nicht abgegrenzt und somit das schon vorhandene Publikum zunächst schwer von den restlichen Spaziergängern zu unterscheiden. Mit einem Bierstand und nur vier recht kleinen Flachbildschirmen war das Areal auch sonst nicht sonderlich auffällig. Nach und nach tauchten aber immer mehr Kopfhörerbesitzer auf und platzierten sich wartend vor den Bildschirmen, und kurz nach 8 begann der Auftritt tatsächlich mit „Dreierbahn“.

Die Situation, dass eine Gruppe von Menschen auf Kopfhörern dasselbe hört, wirkte sicher für einen Großteil des Publikums anfangs hemmend, und so wurde das bei „Dreierbahn“ an und für sich von Publikumsseite erforderliche „Jippie!“ nur sehr vereinzelt ausgerufen. Das Arrangement brachte aber auch seine Vorteile mit sich: Menschen picknickten, streckten sich lang auf dem Rücken aus oder nahmen die Hörer kurz ab, um mit ihren Nachbarn zu sprechen: Das klappt alles bei regulären Bandauftritten weitaus schlechter. Unterhaltsam waren auch die das ganze Konzert lang vorbeigehenden Spaziergänger, die teils verwundert stehen blieben, vom Rad fielen, mitsangen oder sich kurz einen Kopfhörer ausliehen.

Die Band selbst wurde nicht müde, uns von der großartigen Aussicht zu berichten, die sie von oben genossen, und die einzelnen Mitglieder traten immer wieder an den Dachrand, um sich uns zu zeigen. Auch dort oben muss die Situation, dass der Großteil des Publikums weder sicht- noch besonders gut hörbar ist, ungewöhnlich gewesen sein. Dafür führte der Jubel von so weit unten und die exponierte Stelle nach eigenen Angaben zu Größenwahngefühlen.

Nach weiteren Titeln aus der Frühphase von Erdmöbel („Lang schon tot“, „Wurzelseliger“) folgte der schon von der letzten Tour bekannte Akustikblock. Die gespielten Versionen waren wie gewohnt interessant, aber die große Distanz zum Publikum ließ selbstverständlich nicht dieselbe Intimität aufkommen, die man von regulären Clubauftritten gewohnt war. Dennoch sagte Markus, dass ihm „Der blaue Himmel“ noch nie so gut gefallen habe wie an diesem Abend.

Wegen der allgegenwärtigen Präsenz des Köln-Panoramas erfuhren wir zudem neue Details: Nach „Busfahrt“ nannte Ekki gegenüber Markus das Kölner Krankenhaus, in dem sich die Geschichte des Liedes ereignet haben muss, was diesen nicht unbedingt erfreute. Er kündigte an, jetzt schnell „Dawai Dawai“ spielen zu wollen, bevor Ekki auch biographische Details zu diesem Lied ausplaudern könne.

Nach drei Titeln aus dem letzten Album „Krokus“ folgte die Coverversion „Wieder allein, natürlich“, die wohl ins Set aufgenommen wurde, weil sich zu Beginn des Songs jemand von einem Hochhaus stürzen möchte. Weitere Hochhausbezüge waren die Androhung eines Sturzes gegenüber dem Düsseldorfer Posaunist Henning Beckmann, der über den Kölner Dom gelästert hatte, und der Verweis auf eínen Bunjee-Sprung durch Wolfgang, den die restliche Band gesehen hatte.

Für die folgenden fünf Titel von „Für die nicht wissen wie“ bis „In den Schuhen von Audrey Hepburn“ nahm das Set deutlich an Tempo auf und animierte zahlreiche Zuhörer zum Mittanzen auf der Uferpromenade, einige spielten Luftposaune oder Luftschlagzeug. Den Abschluss bildete das Cover „Nah bei dir“, das als Hommage an den erst letzte Woche verstorbenen Coautor Hal David gespielt wurde. Hier fielen endgültig die Hemmungen in Bezug auf die Kopfhörersituation und die große Entfernung zur Band, es wurde ausgiebig mitgesungen.

Im Verlauf des Konzerts stellten die Erdmöbel beim Blick über die Stadt fest, dass ihre Lieder vermutlich mehr Köln-Bezüge hätten als die der Höhner (passenderweise feierten diese quasi gegenüber am Tanzbrunnen gleichzeitig ihr 40jähriges Bühnenjubiläum). Sie erzählten, dass die Höhner zu Beginn ihrer Laufbahn in Hühnerkostümen aufgetreten seien und kündigten an, dass Erdmöbel sich diesen Gag für das Ende ihrer Karriere aufsparen.

Zum Ende dieses Auftritts folgten im Zugabenteil noch vier weitere Titel, auch wenn stimmungsmäßig der Zenith nun bereits leicht überschritten war. Einen passenden Abschluss stellte „Anfangs Schwester heißt Ende“ dar, nach dem die Musiker mit dem Aufzug nach unten zu den wartenden Fans fuhren.

Alles in allem ein interessantes und einzigartiges Konzerterlebnis vor toller Kulisse, was aber nicht bedeuten soll, dass ich demnächst alle meine Lieblingsbands aus großer Entfernung mit Kopfhörern sehen möchte.

Setlist Erdmöbel, Krankaus Eins, Köln:


01: Dreierbahn
02: Lang schon tot
03: Russischbrot
04: Wurzelseliger
05: Der blaue Himmel
06: Lied über gar nichts
07: Busfahrt
08: Dawai dawai
09: Ausstellung über das Glück
10: 77ste Liebe
11: Wort ist das falsche Wort
12: Wieder allein, natürlich
13: Für die nicht wissen wie
14: Fremdes
15: Erster Erster
16: Das Leben ist schön
17: In den Schuhen von Audrey Hepburn
18: Nah bei dir

19: Vergnügungslokal mit Weinzwang (Z)
20: Snoopy-T-Shirt (Z)
21: Die Devise der Sterne (Z)
22: Anfangs Schwester heißt Ende (Z)

Links:


- aus unserem Erdmöbel-Archiv:
- Erdmöbel, Frankfurt, 03.12.11
- Erdmöbel, Hachenburg, 30.10.11
- Erdmöbel, Frankfurt, 10.10.10

 

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