Dienstag, 15. April 2008

Nina Kinert & Ane Brun. Köln, 14.04.08


Konzert: Nina Kinert & Ane Brun
Ort: Blue Shell, Köln
Datum: 14.04.08
Zuschauer: etwa 3/4 voll
Konzertdauer: Philipp Poisel 20 min., Nina Kinert 30 min., Ane Brun 70 min.


Auf diesen Abend hatte ich mich lange gefreut, denn bisher hatte ich keine Gelegenheit, die norwegische Sängerin Ane Brun einmal live zu erleben. Das Konzert war schon ewig vorher angekündigt worden, ich hatte also viel Zeit für Vorfreude. Gesteigert wurde diese durch Anes neue Platte "Changing of the seasons", die man in Schweden im März bestellen konnte.

Die Norwegerin lebt in Schweden und gehört zu der aufregenden Stockholmer Musikszene. Im Gegensatz zu der (auf diesem sehr sverigephilen Blog) naheliegenden Referenz Anna Ternheim, klingen Ane Bruns Lieder deutlich zerbrechlicher, auch wenn ich diese Journalistenfloskel eigentlich vermeiden wollte. Dabei liegen Anes Wurzeln in einer Gegend, wie sie in Köln erzählte, in der man rauhe, grobe Musik erwartete, ihr Vater stammt von einer Insel vor der Nordwestküste Norwegens, mitten im Atlantik.

Wie Ane diesen speziellen Sound live umsetzt, hatte mich besonders interessiert.

Im Blue Shell hatte ich bisher zwei Konzerte gesehen,
Jack Peñate und The Strange Death of Liberal England. Beide haben zwar musikalisch Spaß gemacht, wegen Hitze, Überfüllung (Jack Peñate) und nervig laut quatschendem Kneipenpublikum aber netto deutlich weniger Vergnügen bereitet.

Nicht lange nachdem ich angekommen war, stieg ein junger Mann mit Gitarre auf die Bühne und begann mit einem kurzen Set. So schüchtern wie der Sänger, wirkte seine Musik auch zunächst. Er stellte sich als Philipp Poisel aus Stuttgart vor und spielte richtig schöne Lieder nur mit seiner akustischen Gitarre. Bei einem der Stücke schlug er dann aber so kräftig auf die Gitarre, daß einem Angst und Bange wurde, daß gleich Saitenfetzen durch die Gegend flögen - das gefiel mir besonders. Die fünf (?) Lieder gefielen mir gut, es war eine schöne Einstimmung. Leider auch ein Vorgeschmack, wie unruhig es werden sollte, denn bei Philipp hörten zehn Leute zu, die restlichen da schon Anwesenden standen hinten und benahmen sich, wie man sich in einer Kneipe benimmt, vor allem so laut. Daß da auf der Bühne
eben kein Bon Jovi von Band lief, schien egal zu sein, man konnte ja dagegen anbrüllen.

Zwanzig Minuten später mußte zwar nicht viel umgebaut werden, Philipp Poisel hatte ja nur eine Gitarre gebraucht. Es sah aber trotzdem so aus, als würden noch Instrumente gestimmt, als plötzlich die Frau, die ganz hinten auf der Bühne das Keyboard "stimmte", anfing, ein Lied zu singen. Nina Kinert hatte ihr Set begonnen, vollkommen ohne große Show vorher. Zu ihr gehörten ein Schlagzeuger, ein Gitarrist und eine Kontrabaß-Spielerin. Die ersten beiden Lieder spielte Nina Kinert am Keyboard. "Golden rings" und "Art is hard" stammen, wie ich lernte, von ihrem bereits dritten Album "Pets & friends". Mir gefielen beide schon einmal ganz ausgezeichnet. Auch bevor die brünette Schwedin zum ersten (von mehreren) Malen auf den Merchandising Stand mit CD Verkauf hinwies, hatte ich schon entschieden, die aktuelle CD ganz dringend haben zu müssen. Solch entschiedene Plattenwerbung
hatte mich im Blue Shell schon einmal ganz mächtig aufgeregt, gestern überhaupt nicht, wer braucht schon Objektivität, wenn die Verkäuferin so charmant ist?

Ab dem dritten Lied "Love affair" spielte Nina dann Gitarre. Damit war sie jetzt auch nicht mehr im Hintergrund versteckt, so daß man ihr Bühnenoutfit erkennen konnte. Erst dachte ich, sie trüge ein schwarzen Kaputzen-Cape. Auch das erinnerte mich sehr wohlig an Anna Ternheim. Es war aber wohl ein Kurzmantel, hochgeschlossen und unten ballonartig. Die Brillanz der Musik war offensichtlicher. Ich hätte da noch stundenlang zuhören mögen. Ninas Kontrabassistin hatte zwischenzeitlich zum E-Bass gewechselt. Der Platz, den sie damit gemacht hatte, wurde vor dem fünften Lied von einem zweiten Schlagzeuger namens Christian eingenommen. "Combat Lover" hieß das und ist seitdem eines meiner Lieblingslieder. Das Stück ist auf Platte wundervoll, wie ich
nachher feststellte, live war das jedoch vollkommen irre. Das Lied hat einen treibenden Rhythmus, der durch die beiden Schlagzeuger fantastisch vorgetragen wurde. Dazu die Stimmen von Nina und der Bassistin, die perfekt harmonierten. Ein Traum!

Das Abschlußlied "I shot my man" stand dem in nichts nach. Hier spielte Christian dann Xylophon, was mir zu meinem Glück noch gefehlt hatte! Auch das war ein echtes Vergnügen für die Ohren, auch wenn das Blue Shell sicher nicht der perfekte Ort für Konzerte ist, bei denen der Klang eine zentrale Rolle spielt. Und auch, wenn es natürlich wieder extrem nach Kneipe klang, was an lautem Hintergrundgeräusch allgegenwärtig war. Warum zum Teufel gehen Leute zu einem Konzert, für das sie Eintritt bezahlen, wenn sie sich dann über den Slomka-Rausschmiß oder die neue Frisur von der Arbeitskollegin unterhalten? Nur, weil es da so schön warm ist? Ich würde das gerne verstehen. Es war ja nicht so, daß man nicht wußte, wer da auftritt, und der Eintritt 2 Euro kostete. Auch bei Ane Brun war es hinten ganz schrecklich laut. Ane und Anna Ternheim scheinen sich ja zu kennen, vielleicht sollte die Schwedin der Wahlstockholmerin einmal Tips geben, wie man einen Saal schnell ruhig bekommt, in Heidelberg hatte Anna Ternheim nämlich eine nervende Frau rausschmeißen lassen! Danach war Ruhe. Und die lärmenden Leute sollten vielleicht künftig lieber zu Adam Green gehen.

Jedenfalls war Nina Kinert für mich eine unglaubliche musikalische Bereicherung. Nicht für den Abend, insgesamt! Bei dieser halben Stunde Konzerterlebnis möchte ich es nicht belassen!

Setlist Nina Kinert, Blue Shell, Köln:

01: Golden rings
02: Art is hard
03: Love affairs
04: Pets & friends
05: Combat lover
06: I shot my man

Es dauerte wieder nicht lange, bis umgebaut war. Die Temperatur im Blue Shell war schon richtig mollig, der Raum vor der Bühne dicht gedrängt. Durch diese Menge
kämpfte sich dann eine nicht enden wollende Menge an Musikern, unfassbar. Auch Nina Kinert und ihre Bassistin gehörten dazu. Es bauten sich dann auf der Bühne ein Schlagzeuger mit langen blonden Haaren, die Bassistin (wieder mit der klassischen Version ihres Instruments), eine Violinistin, ein Gitarrist, ein Keyboarder, Nina Kinert als zweite Stimme und Ane Brun mit Gitarre auf. Erstaunlich, wie das auf der kleinen Bühne funktionierte, es tat es aber. Alle Musiker hatten ein Blütenblatt oder einen Seestern auf ihre Kleidung geklebt, auch Nina auf ihre Capejackensache. Darunter war es offenbar schrecklich heiß, sie zerrte einige Male gequält an dem nicht furchtbar atmungsaktiv aussehenden Stoff rum.

Es ist nicht überraschend, daß der Sound durch die vielen Instrumente eine herrliche Tiefe hatte. Ich kann mir Ane Brun zwar auch gut akustisch vorstellen, mit der Streichergruppe, den zusätzlichen Sängerinnen (und Sängern) und den anderen Instrumenten als Begleitung zur filigranen Stimme der Norwegerin, hatte das aber einen
ganz besonderen Reiz. Es war so herrlich orchestral. Wie schön könnte solch ein Konzert erst in einem akustisch besseren Saal sein?

Ane begann mit "Raise my head" von "Changing of the
seasons", dem neuen Album, das in Schweden auf Platz zwei der Charts eingestiegen ist. Von dieser Platte stammten die meisten der gespielten Lieder des Abends. Nur "Armour", das als Zugabe vorgesehen war, wurde nicht mehr gespielt, ansonsten das komplette Album. Die übrigen Lieder stammten alle von "A temporary dive", der zweiten Platte (von 2005).

Das Konzert war schlicht (und im wahrsten Sinne des
Wortes) traumhaft. Ane Bruns Lieder sind wunderschön. Ihre Stimme klingt manchmal ansatzweise nach Björk oder CocoRosie, ohne auch nur ansatzweise vergleichbar anstrengend zu sein. Es ist also Kunst, die man genießen kann und die man nicht der Kunst wegen ertragen muß.

Ganz besonders gut gefielen mir der Titelsong "The
changing of the seasons", "The treehouse song" oder "The fall" vom aktuellen Album und natürlich Songs wie "Rubber & soul" und "Balloon ranger" vom Vorgänger. Wobei es diesmal wirklich wenig sinnvoll ist, etwas hervorzuheben, weil das Konzert auf einem Niveau stattfand, es gab keine Lieder, die abfielen gegenüber anderen.

Leider mußte um elf Schluß sein (die Nachbarn vermutlich). Damit entfielen zwei der geplanten Zugaben. Aber das kann man ja nachholen...

Setlist Ane Brun, Blue Shell, Köln:


01: Raise my head
02: Round table conference
03: The puzzle
04: To let myself go
05: This voice
06: My star
07: Ten seconds
08: Lullaby for grown-ups
09: Changing of the seasons
10: Linger with pleasure
11: Balloon ranger
12: Gillian
13: The treehouse song
14: The fall
15: Don't leave

16: Rubber & soul (Z)
17: Song no. 6 (Z)

Links:

- mehr Fotos

Konzertgänger von Nina Kinert & Ane Brun könnten auch mögen:

- Anna Ternheim (mehrfach, in Paris, Köln, Heidelberg, Paris, Köln...)
- Cat Power in Paris
- CocoRosie (mehrfach in Paris)
- Get Cape. Wear Cape. Fly in Köln



11 Kommentare :

cécile hat gesagt…

Christoph, der Vorgruppenliebhaber, da isser wieder!, lol

Schon verblüffend, wie Du es schaffst, einem Act der 30 Minuten gedauert hat, genauso viel Platz zu widmen wie der Hauptgruppe, die mehr als doppelt so lang gespielt hat :-)

Aber, Du machst es ja schon in der Überschrift deutlich: "Nina Kunert & Ane Brun", diese Gleichgewichtung sagt schon viel aus.

Und ich kann Dich schon ein bißchen verstehen, was man von Nina Kinert auf MySpace hören kann, ist sehr charmant.

War das bei Dir sozusagen Liebe auf den ersten Blick, ja?

Hinweise auf den Verkauf von CDs am Merchandising Stand finde ich übrigens nie nervig, im Gegenteil. Künstler - gerade wenn sie noch recht unbekannt sind - begehen in meinen Augen einen professionellen Fehler, wenn sie das nicht tun. Schließlich wollen sie nach wie vor CDs verkaufen und das ist vollkommen in Ordnung. Wovon sollen sie sonst leben?

cécile hat gesagt…

Und Cécile ist in diesem Fall Oliver, lol
War mit ihrem Konto online...

Christoph hat gesagt…

Die Reihenfolge ist mir doch egal! :-) Nina Kinert verdient Aufmerksamkeit, daher habe ich die ihr gewidmet. Die halbe Stunde war wirklich sehr gelungen. Bei Ane Brun hatte ich das erwartet, bei der "Vorgruppe" hat es mich auf dem falschen Fuß erwischt. Beide Künstler waren großartig, warum sollte man dann einem weniger Platz widmen?

Zu den CD Verkäufen gebe ich Dir teilweise recht. Deine Aussage stimmt natürlich exakt so. Allerdings wüßtest Du - hättest Du Circus Dingenskirchen vor TSDOLE erlebt - was ich meine :-)

E. hat gesagt…

auf die beurteilung von kinert war ich gespannt, denn ich hatte sie unlängst erst ins auge gefasst und war durchaus angetan. deine konzertkritik, christoph, bestätigt meine ahnung, dass sie und ich... danke!

Christoph hat gesagt…

... daß sie und Du... nicht zu einander passen?

Das hoffe ich nicht! Ich habe ihre Platte gestern gekauft und einige Lieder gehört. Auf CD ist vieles ruhiger, was gestern durch die beiden Schlagzeuger besonders dynamisch war. Aber beides hat seinen Reiz, auch wenn mir die Liveversion von "Combat lover" besser gefallen hat.

E. hat gesagt…

am 12. april schrieb ich zum neuen album "von der folkqueen zur popprinzessin", also, ganz sicher bin ich mir nicht.
dein bericht machte aber appetit auf mehr.

Christoph hat gesagt…

Ja, das hatte ich bei Dir gelesen. Kennst Du die aktuelle CD schon? Da klingt manches schon sehr folkig. Allerdings anderes auch popiger, dein Satz war also schon sehr treffend. Die sechs Livestücke waren aber viel lauter, intensiver und ergreifender als ihre CD Versionen. Ein tolles Erlebnis!

Claudia hat gesagt…

kontrabassistin? das war doch ein cello..
die quatschenden leute zu adam green schicken halte ich für eine absolut hervorragenede idee :)

Adrian Marmy hat gesagt…

in der Tat: es war ein Cello.
Diese Cellistin ist übrigens wieder dabei bei der aktuellen Tour von Ninva und Ane. Und auch wenn sie auf den ersten Blick unscheinbar scheint... sie ist nicht minder charmant :)

Christoph hat gesagt…

Ja, da hatte ich mich wohl ganz anständig verguckt.

Danke für den Hinweis!

Ich sehe Ane Brun und Nina Kinert Anfang der Woche in Köln. Das wird sicher wieder toll. Allerdings ohne Philipp Poisel, der ist ja mittlerweile deutlich gößer geworden.

oliver r. hat gesagt…

Es ist die gleiche Cellistin, die auch in der Band von Frida Hyvönen spielt:

http://www.flickr.com/photos/oliverpeel/3376730923/in/set-72157615775072324/

 

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