Donnerstag, 10. April 2008

Get Well Soon, Köln, 09.04.08


Konzert: Get Well Soon
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 09.04.2008
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: 80 min


Ausverkauft, wow! Get Well Soon war vor sieben Monaten nicht die Band, bei der ich damit gerechnet hatte, daß sie so schnell und während der Woche das Gebäude 9 füllen würde. Nicht, weil ich ihr musikalische Qualitäten abgesprochen hätte, ganz im Gegenteil, ich hielt die Band um Konstantin Gropper schlichtweg für überqualifiziert dafür. Die durchweg positiven Stimmen zum Debütalbum haben aber wenigstens bei Get Well Soon für Gerechtigkeit gesorgt und überragende Qualität nicht mit mäßigem Publikumserfolg entlohnt.

Knackig voll war es also. Das ist in den meisten Kölner Clubs unerträglich, im Gebäude 9 ist es dann aber noch unerklärlich heiß; mollige Temperaturen mögen zwar an kalten Wintertagen angemessen sein, aber doch nicht in einem Club, in dem alleine die Anzahl der Besucher den Raum noch in Kürze um einige Grad aufheizen.

Als hätte er das subtropische Klima geahnt, hatte Florian Horwath, der Kopf der Vorgruppe, seinen weißen Sommeranzug aus dem Schrank geholt. Bei „Florian Horwath“ hatte offenbar nicht nur ich an einen Solokünstler gedacht. Viele sahen erstaunt nach vorne, als sich da eine ausgewachsene Band aufbaute. Der Bandleader fehlte da noch, wie seine Kleidungswahl war aber auch sein Timing perfekt. Seine Mitmusiker standen fertig aufgebaut, als Florian Horwath sich durchs Publikum kämpfend aus dem Saal auf seinen Platz begab. Als er schließlich angekommen war, standen neben ihm ein ein Keyboarder, ein Bassist, ein Gitarrist und ein Percussionspieler (Percussionist? Percussionier?).

So eine rechte Meinung über die Musik, die dann folgte, habe ich mir noch nicht gebildet. Es passte stilistisch ganz sicher zu Get Well Soon, war in sofern auch gut gewählt. Einige der Lieder gefielen mir auch reht gut, verliebt habe ich mich aber nicht. Das plänkelte eine Weile so vor sich hin. Florian Horwath spielte mal Gitarre, schlug bei ein, zwei Liedern auf ein einzelnes Becken, das neben seinem Platz stand, ein und spielte als spektakulärstes Instrument eine E-Zither. Vor dem letzten Lied fing Gitarrist Gerhard (?) an, Geschichten über ihre beiden CDs zu erzählen, die es beim Merchandising gebe. Das seien nämlich sehr schöne Platten und wenn wir die beide kauften, wäre es für alle Beteiligten gut. Im Booklet der neuen CD seien außerdem „schöne Fotos vom Florian, dem einzigen Mann, „wegen dem (*) ich meine sexuelle Orientierung wechseln würde.“ In dem Stil. Das wurde dem Percussion-Spieler zu bunt, er zeigte „dem Gerhard“, man wolle weiterspielen. 35 Minute dauerte der Auftritt, das war nicht langweilig, hat mein musikalisches Leben aber auch nicht verändert.

Get Well Soon dagegen möchte ich aus diesem nicht mehr missen. Im September hatte ich Gelegenheit, Konstantin Groppers Projekt in einem kleinen Club zu sehen. In Berlin war da PopKomm, unser Ziel war ein grandioser City Slang Abend mit Los Campesinos!, Malajube, den Stars, Caribou und Menomena. Leider sagten Los Campesinos! dann unmittelbar vorher ab (zumindest offiziell, es gibt da auch andere Versionen), der Berlinausflug verlor ein Highlight. Aber er gewann dann mit Get Well Soon auch ein unerwartetes am nächsten Abend dazu.

Nach ihrem Auftritt hatten da die Bandmitglieder ihr damaliges Gesamtwerk, ein paar extrem liebevoll selbstgebastelte EPs auf dem Boden sitzend verkauft. Weil mich die Musik so gepackt hatte, habe ich die auch alle erstanden und bis zum Erscheinen der CD immer wieder gehört. „Rest now, weary head! You will get well soon“ erschien dann, wurde zurecht überall CD der Woche (SWR3) oder des Monats (Musik-Klatschpresse) und enthielt neben de liebgewonnenen Liedern mit den langen Namen vor allem zwei wundervolle Dinge, mit „Prelude“ und „Coda“ den musikalischen Rahmen um das Werk, sowie eine aufgedruckte Garantie, in der sich die Band für das verbürgt, was sie da abgeliefert hat!

Beim Stimmen und Abstimmen der Instrumente durch die Bandmitglieder ging mein Herz bereits auf. Es wurden so viele Mikros aufgebaut, zwei Trompeten eingespielt, die wichtige Geige (die sehr modern war, sie war nämlich eigentlich ein Geigenskelett, ohne durchgängigen Boden) platziert und allerlei Gitarren aufgebaut. Außer den fehlenden Integralhelmen erinnerte mich vieles wohlig an Arcade Fire 2005 an gleicher Stelle. Die Künstler verschwanden wieder wieder Backstage und ein mir unbekanntes französisches Duett (vermutlich Gainsbourg, evt. mit Brigitte Bardot) erklang. Sehr schön, das wahnsinnig schöne Einleitungsstück folgte aber erst danach, „Prelude“ mit dem Thema „Rest now, weary head! You will get well soon“, ein herzerweichend schönes Stück Musik, das leise beginnt, am Ende aber auch richtig laut wird. Klanglich liefert „Prelude“ schon alles ab, was Get Well Soon so faszinierend macht, die unglaublich komplexen Sounds, die Vielstimmigkeit. Neben Konstantin Gropper und seiner Schwester Verena, die Geige spielt, einen der wichtigen Gesangsparts hat und am Ende noch das Glockenspiel bediente, waren zwei Trompeter (die auch Gitarre spielen und singen), ein Schlagzeuger, ein Bassist sowie
ein Keyboarder, der ansonsten ein Akkordeon spielte) an dem Zustandekommen dieser große Musik beteiligt. Vor allem die beiden Trompeten gemeinsam sind phänomenal!

Gleich zu Beginn gab Konstantin vor, daß die Band das Album spiele. Wie schön! Unangekündigt eine Platte live gespielt zu bekommen, habe ich vorher noch nicht erlebt. Überraschend war dadurch zu Beginn das Programm natürlich nicht, wenn man die CD kennt (sollte das nicht der Fall sein, bitte ich, dies ganz dringend nachzuholen!).


„Prelude“ folgt(e) „You/Aurora/You/Seaside“ mit, wie ich finde, mexikanisch
klingenden Trompeten. Und mit tobendem Applaus anschließend! Bei den ersten Takten von „Christmas in adventure parks“ machte jemand im Publikum ein Schnarchgeräusch (vielleicht war das auch nur ein nach Schnarchen klingendes Niesen). Der Bandleader lächelte kaum merklich und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Nach "
People Magazine front cover" wurde es ernst... "So, ich möchte das nächste Lied Charlton Heston widmen, der sich ja in seiner Rente stark gemacht hat für so eine Art Bürgerinitiative. Das ist jetzt auch vorbei." Köstlich! Es folgte natürlich "If this hat is missing I've gone hunting" mit dem Refrain "Shoot, baby, shoot."

Bei "
I sold my hands for food so please feed me" zeigten Get Well Soon, daß sie auch richtig (post)rocken können. Am Ende des Lieds bearbeiteten Konstantin Gropper und sein Gitarristenkollege ihre Instrumente in wilde Bewegungen und erzeugten einen herrlich melodischen Krach.

Nach "
We are safe inside while they burn down our house" (großartig, diese Titel!) kam eine Unterbrechung des Albumsets. Die Band spielte zwei von den EPs stammende Stücke. Als erstes kam das wundervolle "Listen! Those lost at sea sing a song on Christmas Day", gefolgt von "Visconti, 1972", das Konstantin Gropper als "Visconti, 1973" ankündigte. Sie haben es wohl eine Weile nicht gespielt.

Premiere feierte auch das anschließende
"Born slippy nuxx", mit dem wir wieder bei der Platte waren. "Das ist ne Menge Text. Wir haben das noch nie live gespielt aber es wird!" Mein Glück war komplett, als dabei noch ein Glockenspiel zum Einsatz kam. Habe ich die Band schon gelobt?... Anschließend wurde ein Lied vom Album verschluckt, "Your endless dream" stand nicht auf dem Programm.

"Witches!..." der aktuellen Single, mit herrlichem Gesang von Verena Gropper, folgten die letzten beiden Stücke der Platte "Wer das Album kennt, der weiß, wir kommen jetzt zum Schluß," kündigte der Sänger "Lost in the mountains (of my heart)" an und bedankte sich. "Wir spielen zum ersten Mal vor ausverkauftem Haus." Und ganz sicher nicht zum letzten Mal!

Ewig langen Applaus später kamen aber natürlich noch Zugaben, zunächst "Your teenage FBI", dann "Dear Tempest-Tossed! Dear Weakened!", das wieder in lauten Wänden von drei Gitarren endete.

Was für eine mit unglaublich viel Talent gesegnete Band! Ich bin vollkommen sicher, daß Get Well Soon bald auf den großen Bühnen aller bedeutenden europäischen Festivals spielen werden. Und dann können wir sagen, wir haben das erste ausverkaufte Konzert dieser phänomenalen Band gesehen. In Köln - und nicht in London.

Se
tlist Get Well Soon, Gebäude 9, Köln:

01: Prelude
02: You/Aurora/You/Seaside
03: Christmas in adventure parks
04: People Magazine front cover
05: If this hat is missing I've gone hunting
06: Help to prevent forest fires
07: I sold my hands for food so please feed me
08: We are safe inside while they burn down our house
09: Listen! Those lost at sea sing a song on Christmas Day
10: Visconti, 1972
11: Born slippy nuxx
12: Witches! Witches! Rest now in the fire
13: Ticktack! Goes my automatic heart
14: Lost in the mountains (of my heart)

15: Your teenage FBI (Z)
16: Dear Tempest-Tossed! Dear Weakened! (Z)

* O-Ton


Links:

- Get Well Soon live bei der popkomm 2007 in Berlin
- und in Haldern 2007
- Fotos aus dem Gebäude 9

Konzertbesucher von Get Well Soon könnten auch mögen:

- Efterklang (in Paris)
- Arcade Fire (diverse Male)
- The Kissaway Trail (in London)
- Loney, dear (verschiedene Konzerte)
- Divine Comedy (Köln & Paris)

[Anmerkung] Für die Germanisten unter unseren Lesern hier die Entstehungsgeschichte: Dieser Text wurde auf einer zu langen Zugfahrt geschrieben und ist daher ebenso geworden.




5 Kommentare :

Sparklingphotos hat gesagt…

War wirklich ein tolles Konzert! Unser Bericht und Fotos zum Gig wird dann auch in den nächsten Tagen auf Sparklingphotos.de folgen! War schön, dich wiedergesehen zu haben :-)

Viele Grüße und viel Spaß heute
Micha :-)

Katharina hat gesagt…

Toll war's! Ich habe mich zum Glück in letzten Minute noch überreden lassen, hinzugehen. :)
Aber wenn mich nicht alles täuscht, hieß der Support Florian Horwath und nicht Thomas. ;)

Christoph hat gesagt…

Natürlich heißt der Florian. Wie peinlich. Immerhin hatte ich es bei den Labels richtig gemacht. Florian: 'Tschuldigung! :-)

Stefan hat gesagt…

Da hast Du Dich ja mal wieder selber übertroffen ;-). Ganz toller Bericht - und ein ebensolches Konzert! :-) Danke!

Anonym hat gesagt…

Ach was...ich schreibe nur auf Zugfahrten! Das ist wenigstens mal sinnvolle Ausnutzung ansonsten vertaner Zeit. Und man sieht es dem Bericht nicht an...

Hat das "Your Teenage FBI" Lied irgendwas mit "Teenage FBI" von Guided By Voices zu tun?? (ich vermute ja, dass sie am Dienstag nicht so lange spielen werden und ich das Lied nicht hören werde)

 

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