Dienstag, 29. April 2008

Nick Cave, Paris, 29.04.08


Konzert: Nick Cave
Ort: Casino de Paris, Paris
Datum: 29.04.2008
Zuschauer: ausverkauft
Dauer des Grauens: knapp 2 Stunden



"Schreibst Du eigentlich nur positive Kritiken?"


Der Unterton in der Frage von Chris, einem 42 jährigen Engländer, den ich kürzlich beim Konzert von Laura Marling kennengelernt hatte, deutete mir schon an, daß er enttäuscht gewesen wäre, wenn ich mit "ja" geantwortet hätte. "Natürlich nicht", entgegnete ich, wies aber darauf hin, daß Christoph und ich uns unsere Konzerte freiwillig aussuchen und nicht von einem Musikmagazin wider Willen dorthin entsendet werden.

Chris hätte seine wahre Freude, wenn er die folgenden Zeilen ließt, denn hier und heute kann ich mit einem üblen Verriss dienen und er fällt mir noch nicht einmal schwer.

Nick Cave hat mir das zweitscheußlichste Konzert meines Lebens beschert, nur knapp hinter den traurigen Spitzenreitern in dieser Kategorie, den abgehalfterten New York Dolls, die ich leider vor zwei Jahren im Olympia erlitten habe.

An dem heutigen Konzert war aber wirklich fast alles grauenvoll. Zunächst einmal hatte ich für meine 60 € wirklich einen beschissenen Platz, aber das passte ja zu Nick's Band, den Bad Seeds (jetzt weiß ich auch, warum die so heißen, obwohl Seeds = Saat, natürlich nichts mit seats = Sitzen zu tun haben). Hinter einem Pfeiler saß ich auf dem Balkon und war eingekesselt von faltigen Rockopis-und Omis, die sich noch einmal locker machen wollten. Ein überaus biederes und unstylisches Völkchen, in den meisten Fällen schon weit jenseits der dreißig (40, 50?), aber bereit, sich einmal im Jahr noch mal ein wenig jung zu fühlen. Man konnte es an ihren feisten Fressen ablesen, daß es ihnen gefiel, "ja, so hat Rock zu klingen", dachten sie sich bestimmt und wackelten mit ihren ergrauten Köpfchen und den ungepflegten, ebenfalls grauen Dreitagebärten im Takt der saumäßig altbackenen Blues-Mucke, die da gespielt wurde. Selten habe ich zudem so spießig gekleidete Frauen bei einem Konzert in Paris gesehen, ich kam mir vor wie in einem Berliner Bus, der im Wedding unterwegs ist. Und alle so alt, grauenvoll! "Mein Gott, wie gerne wäre ich jetzt bei den Kooks oder den Hives", das war alles was ich dachte und ich hatte gut und gerne Lust, nach drei extrem lauten, leider aber auch extrem beknackten Songs zu gehen. Wieso war ich überhaupt gekommen? Nun, als junger Kerl mochte ich gerne den Film "Der Himmel über Berlin" und fand es so unglaublich cool wie der Engel (Otto Sander) bei einem Konzert von Nick Cave teilnahmslos in einem gruftigen Club rumstand und Nick Cave beim Spielen zuschaute. Ja, so stellte ich mir den Berliner Underground vor, dunkel, schmutzig, geheimnisvoll und abgefuckt. Und einer der Helden dieser Szene war Nick Cave. Seitdem sind bestimmt zwanzig Jahre ins Land gegangen und Nick Cave hat immer wieder neue Platten auf den Markt geworfen, die ich mir in unregelmäßigen Abständen gekauft, aber zugegebenermaßen selten gehört habe. Warum eigentlich, komisch nicht? Alle Musikzeitschriften diktieren es einem doch: Nick Cave ist gut, der ist Kult, basta! Also werden immer wieder Alben angeschafft, die dann in der Bude einstauben. Zuletzt erging mir das mit dem Doppelalbum "Abattoir Blues/The Lyre Of Orpheus" so, zweimal gehört und dann wieder vergessen. Bei dem letzjährigen Projekt fand ich schon den Namen so doof (Grinderman= Grinsemann?), daß ich nie in diese CD reingehört habe, "Dig , Lazarus, Dig!!! von 2008 fehlt auch in meiner Sammlung. Beziehunsgweise fehlt eigentlich überhaupt nicht, denn die Stücke, die ich heute davon live gehört habe, fand' ich fast alle zum Kotzen, das Titelstück weit voran. Meine Güte und ich hielt schon die Stones für schlimm und auf ein Konzert von diesen alten Säcken wollte ich wirklich nie gehen! Das Nick Cave ähnlich schauderhaft wie Mick Jagger ist, hätte ich allerdings nicht erwartet! Für den widerwärtigen Oberlippenbart von Herrn Cave fehlen mir ohnehin die Worte. Schnäuzer, nicht zu Unrecht auch Rotzbremsen genannt, sollte man doch wirklich lieber 70 - er Jahre Pornodarstellern, Rudi Völler, Polizisten und Soldaten überlassen, die haben bei Rocksängern nichts zu suchen.

70 - er Jahre ist sowieso ein gutes Stichwort, hier und heute gab es nämlich so einiges von dem Mief jenes musikalisch überschätzten Jahrzehnts zu bestaunen. Die Schlaghosen von Herrn Cave zum Beispiel, die aber noch zu ertragen gewesen wären, da der Mann für seine 50 Jahre noch eine wirklich knackige Figur hat und rank und schlank ist. Schlimmer sind die Mitgröhlpassagen und das Heraushängenlassen des coolen Rockers. "Motherfucker, Motherfucker, Motherfucker", wie oft will Nick das eigentlich noch sagen? Das hatte schon letztes Jahr bei Iggy Pop auf der "Fête de L'huma" unglaublich genervt. Die Posen des Australiers sind ähnlich abgedroschen, genau wie alles hier, inklusive der "I love you-I love you too!" Phrasen, die mit dem Publikum ausgetauscht werden. Aber die ergrauten und sehschwachen Besucher (warum tragen die alle Brille, es gibt doch die Erfindung der Kontaktlinsen?) fressen dem alten Nick aus der Hand, was verständlich ist, da der Großteil der Leute nur auf 2- 3 Konzerte pro Jahr geht, das muß man auskosten.

Ich hingegen tauche nur an drei Stellen auf und das ist immer der Fall, wenn Balladen angestimmt werden: Bei "Jesus Of The Moon", einem wundervollen Stück vom neuen Album, dann beim "Ship Song" (gleich im Anschluß, beste Phase des Konzerts) und einer der Zugaben "Far From Me" vom traumhaften "The Boatman's Call" Album. Zu "Far From Me" spielt Warren Ellis (seinen Zauselbart finde ich tausend mal besser als den Schnäuzer von Nick) einfühlsam Geige, nachdem er sich zuvor auch schon als Querflötenspieler wohltuend hervorgehoben hatte.

Somit kann ich dem Konzert zumindest noch etwas Postives abgewinnen und auch die allerletzte Zugabe "Stagger Lee" geht in Ordnung. Wenn ich allerdings guten Blues-Rock hören will (ich mag dieses Genre durchaus!), dann gehe ich demächst lieber zu den Black Keys, den White Stripes, oder den Kings Of Leon. Und da sind dann auch wenigstens ein paar junge Leute, denn die Jugend von heute (zu denen ich mit meinen fast 37 Jahren definitiv nicht mehr gehöre) weiß eben was gut ist, bei denen gibt es keine Nostalgie um einen Typen , der mal in dem Film "Ein Engel über Berlin" meine Kultfigur war.

Draußen vor der Türe fallen mir übrigens auf der anderen Straßenseite die blutjungen und hochtalentierten französischen Musiker "Coming Soon" auf. Ihnen wird nachgesagt, daß sie ein wenig (oder stark?) nach Nick Cave klängen. Wenn die wüßten, daß sie hundertmal frischer rüberkommen als ihr Idol! Gerne hätte ich es ihnen gesagt, aber dann waren sie auch schon verschwunden...

Setlist Nick Cave & The Bad Seeds, Casino de Paris, Paris:

01: Night of the lotus eaters
02: Dig, Lazarus, dig!!!
03: Tupelo
04: Today's lesson
05: Midnight Man
06: Nobody's Baby now
07: Red right hand
08: Jesus of the moon
09: The ship song
10: We call upon the author
11: Lie down here (& Be my girl)
12: Deanna
13: Get ready for love
14: Papa won’t leave you, Henry
15: More news from nowhere

16: The lyre of orpheus (Z)
17: Far from me (Z)
18:Hard on for love (Z)
19: Your funeral, my trial (Z)

20: Stagger Lee (Z)



Konzerttermine von Nick Cave und den Bad Seeds:

01.05.2008: Forest National, Brüssel, Belgien
03.05.2008: Dublin Castle, Dublin, Irland
04.05.2008: Academy, Glasgow, Schottland
05.05.2008: Academy, Birmingham, Midlands
07.05.2008: Hammersmith Apollo, London, London and South East
08.05.2008: Hammersmith Apollo, London, London and South East
16.05. 2008: Spektrum, Oslo, Norwegen
17.05.2008: Annexe, Stockholm, Schweden
19.05.2008: KB Halle, Kopenhagen, Dänemark
21.05.2008: Tempodrom, Berlin,
24.05.2008: Sazka Arena, Prag, Tschechische Republik
25.05.2008: Gasometer, Wien, Österreich
03.06.2008: In Music Festival, Zagreb, Kroatien
04.06.2008: Arena, Belgrad, Serbien
06.06.2008: Moni Lazariston, Saloniki, Griechenland
07.06.2008: Lycabetus Theater, Athens, Griechenland




14 Kommentare :

oliver r. hat gesagt…

So und jetzt dürfen alle alten Nick Cave Fans auf der Kommentarseite ihrem Ärger über mich Luft machen. Es werden sich eh nur die alten mindestens 35 jährigen Zausel beschweren, die glauben in Punkto Musik sei damals alles besser gewesen. Sie irren sich und sollten lieber mal zu den Hives gehen, um zu sehen wie heutzutage Garagenrock gespielt wird.

E. hat gesagt…

uiih, was für eine abfuhr!

wenn "grinderman" oder "dig, lazarus, dig" nicht dein wohlgefallen finden, verstehe ich das, aber "abattoir blues/the lyre of orpheus" zu verteufeln, ist frevel. ein hervorragendes werk!

außerdem hast du einige abstruse vergleiche am start. erklär doch mal bitte den zwischen jagger und cave! da kommst du ja vom regen in den sonnenschein!

überhaupt! stones und cave inkl. bad seeds in einen suppentopf zu schmeissen, mein lieber!!! ich bin erregt!

so, kommen wir zum entscheidenden punkt: ich trage brille!!!

oliver r. hat gesagt…

"Abattoir Blues" habe ich nicht verteufelt, lediglich zweimal gehört und dann wieder vergessen, genau wie ich das geschrieben habe. Das will nicht heißen, daß ich diese CD schlecht fand, sondern lediglich, daß ich in der Zwischenzeit Sachen fand, die mich mehr fesselten. Ich werde mir dieses Werk in den nächsten Tagen noch ein paar Mal anhören. Das gilt aber mit Sicherheit nicht für die "Dig Lazarus Dig" auf der eine Scheußlichkeit wie "Today's Lesson" (Tonight we gonna have a real good time) vertreten ist. Dieses Lied klingt eindeutig nach der "Rocky Horror Picture Show", ein Stück, das ich schon als Jugendlicher gehasst habe. Also noch schlimmer als die Stones, von denen dieses Set irgendwie einen Beigeschmack hatte, ob Du es glaubst oder nicht.

Zur Brille: Auch ich trage eine solche zuweilen, meine Frau auch. Die Erwähnung diente nur beschreibenden Zwecken, um auf überspitzte und übertriebene Weise darzustellen, daß das Publikum reichlich alt war. Falls ich Brillenträger und vor allem Dich, mein lieber Eike, verletzt haben sollte, bitte ich vielmals um Entschuldigung! Ich nehme mich bei soetwas sowieso nie aus. Ich stehe dazu: Ich bin ein alter, feister Sack, so! (un vieux con, wie die Franzosen sagen) Damit kann ich leben, auch damit, daß andere alte Säcke zu den Konzerten kommen. Aber davon gleich so viele? Spricht nicht für Herrn Cave, daß er kaum junge Leute anspricht.

Aber für mich ist der entscheidende Punkt: warum verteidigst Du Nick Cave? Wenn das kein Mainstream ist, dann weiß ich es wirklich nicht. Du läßt doch ansonsten kein gutes Haar an Mainstreamkünstlern...

E. hat gesagt…

keine panik, was die brille betrifft. ich trage meine mit stolz und nie ein mainstream-modell!

den neuen cave - mit rotzbremse oder ohne - sehe ich durchaus kritisch. ich frage mich nur, ob er uns mit der konsequenten verweigerung, seine discography linear fortzuführen, nicht etwas sagen will?

im geheimen kämmerchen lacht er sich kugelig ob der erstaunten reaktionen auf seine schweinrockadaption.

oder ist da (noch) mehr?

für ihn nimmt mich manches seiner werke ein, aber auch seine attitüde.

schließlich: verweigere ich mich doch nicht grundsätzlich dem mainstream. ich jage nur viel lieber in abgelegenen gefilden, weil mehr nährwert und die erfolge größer, genießbarer und letztlich habhafter sind (man muss sie nicht so vielfach teilen).

oliver r. hat gesagt…

Das kann es natürlich sein: Nick will uns alle nur reinlegen mit seinem Schweinerock. Das wäre dann wirklich klasse. Verhält sich vielleicht ein bißchen so wie bei Dave Grohl und seinen zahlreichen Projekten, oder wie bei den Eagles Of Death Metal. Die lachen sich innerlich kaputt, wenn sie diese ganzen Rockstarklischees auspacken und den harten Macho raushängen lassen. Bei Jesse Hughes von den Eagles Of Death Metal fand ich das beim letztjährigen Highfiel-Festival auch urkomisch.

Andererseits schon ein wenig beängstigend, daß man wohl keine Musik mehr machen kann, ohne das jeweilige Genre auf den Arm zu nehmen. Will das heißen, daß es schon alles gab und man nur noch Neues schaffen kann, indem man Altes verulkt? Rock is dead? Punk is dead? Folk is dead? Music in general is dead? Hmmm...

Zu Deiner Einstellung bezüglich des Mainstreams kann ich alles unterschreiben, bis auf einen Punkt: die Sache mit dem "habhafter" und das man so nicht mit so vielen Leuten teilen muß.

Das ist mir sowas von egal. Wenn es mir gefällt, ist es mir schnuppe, wenn da noch unendlich viele andere drauf stehen.

Schließlich muß ich Paris ja auch mit über drei Millionen Menschen teilen, die hier ständig leben und bis zu 60(!) Millionen Touristen pro Jahr (Weltrekord!). Finde ich deshalb die Stadt häßlich? Weil alle es hier mögen? - Natürlich nicht! Paris ist und bleibt wunderschön! Ob es nun die schönste Stadt der Welt ist, muß ich hingegen nicht beantworten...

E. hat gesagt…

ich teile so ungern, bin schon immer knietief im egomanenschlamm gestanden!
schokolade esse ich grundsätzlich allein. bevor meine kinder zugreifen können, ist alles alle! alles alle!
nur musik...
... die kann man, verdammt noch mal, nicht einfach weg-hören! ich würde es tun!

paris? würde ich auch nicht teilen!

oliver r. hat gesagt…

Das mit der Schokolade ist klasse! Frag mal Cécile wie es da bei uns aussieht, die muß sich auch beeilen, daß sie noch etwas abbekommt, hahaha.

Bekenne mich ebenfalls zur Gattung der Egoisten, Egomanen und Egozentriker. Man muß halt zu seinen Schwächen (Stärken?) stehen!

Anonym hat gesagt…

Servus Oliver,

natürlich melden sich da die alten Zausel über 35 - oh mein Gott, ich bin ja schon 42 - sofern sie überhaupt noch die richtigen Buchstaben auf der Tastatur treffen - oder nicht schon wegen Überalterung und schlechtem Musikgeschmack "notgeschlachtet" worden sind.

Voller Mitleid mußte ich lesen, wie du armer, armer Kerl in dieser "Rock-Gereatrie" leiden mußtest.....und dafür auch noch 60 € abgedrückt hast.

Unverschämt und dreist - was sich diese alten Menschen noch herausnehmen....tsssss
Sogar eigene Meinung!!! Sowas.

Sie sind sentimental...freuen sich einfach an einer über zwanzigjährigen (!?!?) "Live-Geschichte", die sie mit dem "alten Nick" verbindet...und finden die Musik die er macht - widerwärtiger Weise - einfach genial.

Hätten Sie dir zugehört, der fleischgewordenen Objektivität, dann hätten sie sich nicht mehr der allwissenden Jugend zumuten müssen.

...und ich alter Zausel fahr jetzt auch noch drei Tage mit meinem Sandkastenfreinderl, den ich schon seit 35 (!?!?) Jahren kenne, nach Wien....und freu mich trotz deiner "Wahrheit" schon total..als alter Zausel unter alten Zauseln zu stehen...und einfach ab und an eine Gänsehaut zu bekommen.....

Ach ja, Oliver, ein Opa wagt es... (was? muß ich da lesen...du bist verheiratet....oh wie spießig! - tsss...)...dir einen Tip zu geben:

Probiers doch mal mit "ein wenig gnädiger"...mit dir, mit uns Alten, mit dem alten Nick....das würde dir echt gut stehen....

Aber wer weiß, so verbohrt wie du urteilst...vielleicht bist du ja auch ein "alter Zausel".....du stehst ja auf paradoxe "Interventionen".....

Schönen Gruß....mit einem selbstironischen Lächeln..eh kloar!

oliver r. hat gesagt…

Hallo an Anonym:

Super, Dein Kommentar, der beste den wir hier je hatten! Macht Spass das zu lesen, ich musste sehr schmunzeln!

Objektivität können wir hier nicht für uns in Anspruch, das sind alles subjektive, aus dem Bauch raus geschriebene Berichte.

Ich war hart zu dem armen Nick, ich geb's ja zu :-)

Viel Spass bei dem Konzert in Wien, würde mich sehr freuen, wenn Du an dieser Stelle kurz schildern könntest, wie es Euch gefallen hat.

Wir hätten sogar Interesse daran, dass hier zu veröffentlchen.

Liebe Grüsse von Oliver, einem bekennenden alten Zausel :)

Ol`man hat gesagt…

„He is never early, he is always late...“

Servus Oliver,

jetzt habe ich es doch noch geschafft eine “Kritik” – ohne jegliches Haar in der Suppe – über das Nick Cave-Konzert in Wien zu “verfassen”.

Es ist dann aber doch eher ein persönlicher Review für dich geworden .....however:


Das Konzert beginnt bereits in der U-Bahn…..Station Neubaugasse… Die Assoziation zieht mir ein breites Grinsen ins Gesicht. Wehmütige Erinnerungen an Blixa…….

Die ersten Jünger steigen zu.. unverkennbar….schwarz gekleidet, mit einem klaren Blick und einem vorfreudigen Lächeln…..

„Es“ ist mehr als ein Konzert, es geht nicht nur um Musik oder eine gute Show……
“Er“ ist eine Heimat für den Schmerz und die Angst.
Und heute Abend ist es wieder mal soweit…..
Der Hohe Priester der Leidenschaft gibt sich die Ehre!

U-Bahnstation Gasometer….noch die Rolltreppe aus dem Untergrund raus....

Es starrt mich einer an.

„Was starrst du so?

Das Gegenüber grinst: „Hi, ich bin Oliver, der alte Zausel mit der Konzertkritik vom Konzert in Paris."

Mein Compagnon…“Mit wem redest du da?“

.“Ach…mit niemandem…..Harvey…oder so....aber den kennst du nicht!“…..

Ach du scheiße, jetzt kann ich mit einem Kritiker auf das Nick Concert gehen....ach, hätte ich vor Wochen nicht nach einem Konzertreview gesurft….hätte ich nicht den Drang verspürt, Nick gegen diesen fiesen Schreiberling zu verteidigen….zu spät……

In der Schlange geht’s schon los.

Anstatt mich mit dem gigantischen Gasometer und dem angebauten, geknickten Hochhaus zu beschäftigen……mich an dem Anblick…zu erfreuen...beginne ich die erste Diskussion mit Oliver.

Hinter uns stehen drei junge Girls in der Schlange...so um die 15....sie zanken sich kichernd, wer von ihnen nun die Jüngste auf dem Konzert ist.

„Hey Oli, von wegen alte Knacker, eine ganze Schlange voller junger Leute, na ja wenigstens fast.....“

Triumphgefühle...
“na und jetzt, Oliver?“.....

Oh Shit, jetzt bin ich ja schon genau so verbohrt in meinen Wertungen wie „er“ bei seinem Konzert in Paris...beschließe „es zu lassen“ und mache meinen Frieden......

Intuitiv stehe ich am selben Platz...halb rechts....an dem ich bei einem der letzten James Brown Konzerte gestanden bin...ein guter Platz....

Schmeiße noch ein Gebet für den "godfather of soul" gen Himmel, ziehe mir eine Selbstgedrehte aus der Tasche und dann geht’s los....Volle Kanne...Nick kann einfach so fantastisch Kontakt machen..sofort ist die Menge da...der vollbesetzte Gasometer hängt an des Meisters Lippen!!!.....

...und er läßt selbst ein extrem kreischendes bitch aus dem „Volk“ mitkommen....ein kleiner Star für zwei Stunden.....

Und sie haben Lust...Nick ist gut drauf und feiert mit uns eine kleine „Birthday party“...vollkommen egal, ob da tontechnisch alles astrein ist oder ob er zwischendurch mal wieder seinen Text vergisst....(„Hey Oli, ist halt auch nur ein alter Zausel“).... sie spielen hart und laut...manchmal entsteht so ein ganz spezieller „breiiger“ Soundteppich....der sich minutenlang hinzieht...wunderbar.

Ein alter österreichischer Zausel und ich beginnen lautstark, fast zeitgleich, nach „Red Right Hand“ zu gieren.

„Take a little walk to the edge of town, go across the tracks.....“

Die Erlösung…

Mein neu hinzugewonnener Wiener “soulbrother”…..haut mir von hinten fast den Arm aus dem Schultergelenk.

„He Oider, i kriag a Ganslhaut!”

“Ja, i a!”

Es ist alles gut……nachdem der Chef auf der Bühne heute seinen sentimentalen Tag zu haben scheint….schenkt er uns auch noch “Mercy Seat”, den “Ship Song”, „Let love in“, ein schön punkiges „Get ready for Love“...und noch einige Glanztaten früherer Zeiten.

Die neuen Tracks schiebt er virtuos - wie bei einem Sandwich - zwischen die Toastscheiben der Klassiker. Passt schon!

Mist, jetzt könnte ich Oliver gebrauchen, er hätte bestimmt eine Setlist geschrieben.....Scheiß drauf!

Die „Seed`s“ sind auch gut drauf. Mick Harvey, wie immer dezent im Hintergrund, und auf der anderen Seite der Bühne das perfekte Beispiel für einen „lebenden Anachronismus“, Warren Ellis.

Mit einem heftigen „Stagger Lee“ – nach sieben (!?!?!) Zugaben – schmeißt er uns dann aus dem Gasometer raus.

Bin sehr schweigsam bei der Rückfahrt in die Innenstadt....verziehe nur einmal, beim Halt U-Bahnstation Neubaugasse, die Mundwinkel.... bedanke mich bei Nick für den genialen Abend...und genieße dieses warme Music-Glücksgefühl in meinem Bauch in vollen Zügen.......wohl wissend das mich in einer halben Stunde die harte Realität wieder am Wickel haben wird.

In der versnobten Wiener Schickibar......in der wir noch drei, vier Weißbier trinken......entdecke ich meinen „harveyesken“ Begleiter Oliver am anderen Ende der Theke und proste ihm mit dem Nationalgetränk meiner Heimat friedlich, erschöpft und glücklich zu.......

.....und nie wieder, nie wieder....werde ich mich vor einem anstehenden Konzert über zurückliegende Gigs der laufenden Tour...“informieren“!

Anonym hat gesagt…

Äh... ja.
Lohnt sich eigentlich nicht,
hier seine Zeit zu verschwenden.
(Aber man glaubt ja an das Gute im Menschen.)

Finde es immer super, wenn jemand total verbohrt und uninformiert mit falscher Erwartungshaltung an eine Sache herangeht (ins Konzert, ins Kino, ins Museum, etc.) - und dann den Künstler für die Enttäuschung verantwortlich macht...!
Dem ist echt nicht zu helfen. Live and learn.
Schade ist auch, dass dann so wenig echte Kritik dabei herumkommt, sondern nur so oberflächliches Blahblah.
Ich könnte sofort akzeptieren, wenn jemand bemängelt: "Der Nick Cave vergisst ständig seine Songtexte! Muss in jedem Song 3x auf sein Textblatt gucken! Das ist total unprofessionell!"
Oder wenn man schriebe: "Der Sound war scheiße, schlecht abgestimmt..." oder derartiges.

Aber man kann nicht dem Künstler vorwerfen, wenn man lieber auf einem anderen Konzert wär'!
Da könnte ich auch in eine Pizzeria gehen und sagen: "Schmeckt alles scheiße hier, denn eigentlich hab' ich ja nur Bock auf Sushi."

Kann auch verstehen, wenn man nicht so große Lust hat "Grinderman" zu hören - aber das damit zu begründen, dass man den Namen doof findet und ihn nicht übersetzen kann (BTW: Googeln is' gar nicht so schwer.)..........?

Und was bedeutet dies?
""Today's Lesson" (Tonight we gonna have a real good time) vertreten ist. Dieses Lied klingt eindeutig nach der "Rocky Horror Picture Show", ein Stück, das ich schon als Jugendlicher gehasst habe."
- Nach WELCHEM Stück der "Rocky Horror Show" soll es denn angeblich klingen??? Ganz abgesehen davon, dass Nick Cave den Film und das Musical 100 %ig nicht leiden kann.

Anyway: Ein bißchen differenzierter und fairer geht's schon. Bitte nicht einfach hier im Internet auskotzen...

Wenn du mal irgendwann keine Lust mehr auf Spaßrock (Nichts dagegen! Hat seine totale Daseinsberechtigung!!!) + Teenie/Twen-Mucke hast und/oder musikalischen Beistand in Krisen brauchst,
dann gib Nick Cave & den Bad Seeds noch eine Chance!

Manche Alben oder Songs wird man auch nicht beim ersten Hören mögen und verstehen.
Aber es lohnt sich.

P.S.: In Berlin musste man keine 60 Euro für eine Eintrittskarte hinlegen.

Anonym hat gesagt…

P.S.:
Nick Cave spricht nicht nur alte Menschen an. Auf den Konzerten habe ich einige blutjunge Leute gesehen.....
Falls dies ein Kriterium für irgendetwas sein sollte.

Die Hives sind ja keine üble Band - aber ich käme nicht im Traum darauf, sie mit Nick Cave zu vergleichen! (Äpfel und Birnen?!)

Cave ist garantiert kein Mainstream... aber das musst du schon selber herausfinden, wenn's dich interessiert.
Es kommt natürlich drauf an, welche Kriterien du anlegst: Lautstärke, Coolness?
Oder Originalität?

Anonym hat gesagt…

Äh... ja.
Lohnt sich eigentlich nicht,
hier seine Zeit zu verschwenden.
(Aber man glaubt ja an das Gute im Menschen.)

Finde es immer super, wenn jemand total verbohrt und uninformiert mit falscher Erwartungshaltung an eine Sache herangeht (ins Konzert, ins Kino, ins Museum, etc.) - und dann den Künstler für die Enttäuschung verantwortlich macht...!
Dem ist echt nicht zu helfen. Live and learn.
Schade ist auch, dass dann so wenig echte Kritik dabei herumkommt, sondern nur so oberflächliches Blahblah.
Ich könnte sofort akzeptieren, wenn jemand bemängelt: "Der Nick Cave vergisst ständig seine Songtexte! Muss in jedem Song 3x auf sein Textblatt gucken! Das ist total unprofessionell!"
Oder wenn man schriebe: "Der Sound war scheiße, schlecht abgestimmt..." oder derartiges.

Aber man kann nicht dem Künstler vorwerfen, wenn man lieber auf einem anderen Konzert wär'!
Da könnte ich auch in eine Pizzeria gehen und sagen: "Schmeckt alles scheiße hier, denn eigentlich hab' ich ja nur Bock auf Sushi."

Kann auch verstehen, wenn man nicht so große Lust hat "Grinderman" zu hören - aber das damit zu begründen, dass man den Namen doof findet und ihn nicht übersetzen kann (BTW: Googeln is' gar nicht so schwer.)..........?

Und was bedeutet dies?
""Today's Lesson" (Tonight we gonna have a real good time) vertreten ist. Dieses Lied klingt eindeutig nach der "Rocky Horror Picture Show", ein Stück, das ich schon als Jugendlicher gehasst habe."
- Nach WELCHEM Stück der "Rocky Horror Show" soll es denn angeblich klingen??? Ganz abgesehen davon, dass Nick Cave den Film und das Musical 100 %ig nicht leiden kann.

Anyway: Ein bißchen differenzierter und fairer geht's schon. Bitte nicht einfach hier im Internet auskotzen...

Wenn du mal irgendwann keine Lust mehr auf Spaßrock (Nichts dagegen! Hat seine totale Daseinsberechtigung!!!) + Teenie/Twen-Mucke hast und/oder musikalischen Beistand in Krisen brauchst,
dann gib Nick Cave & den Bad Seeds noch eine Chance!

Manche Alben oder Songs wird man auch nicht beim ersten Hören mögen und verstehen.
Aber es lohnt sich.

P.S.: In Berlin musste man keine 60 Euro für eine Eintrittskarte hinlegen.

oliver r. hat gesagt…

Vielen Dank für die engagierten und ausführlichen Kommentare, die hier auf jeden Fall willkommen sind, auch wenn sie kritisch ausfallen!

Nick Cave kann sich glücklich schätzen, er hat Fans, die ihn verteidigen.

Ich werde ihn mir live wieder ansehen, wahrscheinlich bei der Tournee zu einem kommenden Album.

Und vielleicht ziehe ich dann ja auch ein positives Fazit...

 

Konzerttagebuch © 2010

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