Samstag, 19. April 2008

Imbécile, Paris, 18.04.08



Konzert: Imbécile von Olivier Libaux (mit Barbara Carlotti, JP Nataf, Bertrand Belin, Armelle Pioline)
Ort: Le Café de la danse, Paris
Datum: 18.04.2008
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: 70-80 Minuten

"Imbécile" (Idiot, Dummkopf) ist ein musikalisches Theaterstück mit Stars der französischen Chansonszene. Geschrieben hat es Olivier Libaux, der auch für die Gitarrenparts verantwortlich ist. Die Lieder auf der 2007 auch in Deutschland erschienenen CD werden gesungen von der reizenden Blondine Barbara Carlotti, dem zauselbärtigen JP Nataf, der auf der Bühne die Rolle des Imbécils einnimmt, Philippe Katerine und Helena Noguerra. Die beiden letzten Akteure nehmen aber nicht an dem Theaterstück teil, sondern werden ersetzt durch Bertrand Belin und Armelle Pioline (Holden).

Die Besetzung:

- Fernand: Bertrand Belin
- Thérèse: Barbara Carlotti
- Hélène: Armelle Pioline
- René: JP Nataf

Nun, wie kam ich überhaupt dazu, ein musikalisches Theaterstück zu besuchen? Ich dachte immer, daß sei nichts für mich?! - Ganz einfach: Ich wurde freundlicherweise eingeladen und nahm dankend an. Man muß ja auch einmal seinen Horizont erweitern und das Theater nimmt zudem nach wie vor einen wichtigen Platz im Pariser Kulturleben ein.

In gespannter Erwartung machte ich mich also Richtung Café de la danse auf, daß im trubeligen Bastille-Viertel liegt. In dieser Location hatte ich u.a. schon Low, Bright Eyes und zuletzt den glänzenden Syd Matters gesehen. Ein schöner Raum, dieses Café de la danse, obwohl es mehr nach einem Vorlesungsraum der gemütlichen Sorte als nach einem Café aussieht. Heute war es sogar noch gemütlicher als sonst, denn überall auf dem Boden waren Teppiche ausgelegt, man sah einen altmodischen Sessel, eine Stehlampe, einen Plattenständer, eine Garderobe und vor allem einen festlich gedeckten Tisch mit Kerzen, Weinflaschen und hübschen Gläsern. In der ersten Reihe sitzend, fühlte ich mich wie im heimischen Wohnzimmer.

Kurze Zeit später ging es los.
In der Hauptrolle des unglücklich verliebten Imbécile, der französische Chansonsänger und Rauschebartträger JP Nataf (René). Mit seinem zotteligen Look hätte man ihn für einen Clochard halten können, wenn man sich aber in französischen Künstlerkreisen ein wenig auskennt, weiß man, daß auch gebildete und gutgestellte Menschen diesen Stil pflegen. Armelle Pioline, die kleine, durchtrainierte Sängerin von Holden spielte die Rolle der Hélène und ist verheiratet mit dem leicht versnobten und arroganten Fernand, der von Bertrand Belin gespielt wurde. Komplettiert wurde die Runde von der Sängerin mit der zur Zeit schönsten Stimme Frankreichs, Barbara Carlotti, in der Rolle der Thérèse, der Ex - Freundin von René.

In der Anfangsszene deckt Hélène den Tisch und verkündet ihrem gelangweilt-gereizten Gatten Fernand, daß ihre englische Freundin Margaret zu Besuch kommen würde, was ihn gar nicht begeistert. Er hat keinen Bock auf Margaret, aber er muß schließlich gar nicht leiden. Margaret kommt nämlich nie. Ob sie ihr Flugzeug verpasst hat, aufgehalten wurde, oder ihr etwas zugestoßen ist, man erfährt es nicht. Das spielt aber keine große Rolle, denn das Witzige an dem Stück sind die Dialoge zwischen Fernand, Hélène und den später hinzugestoßenen René und Thérèse. Sie sinnieren über ihr Alter nach, fragen sich, ob sie die besten Jahre schon hinter sich haben und in ihrem Leben die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Vor allem René leidet, er hat Liebeskummer und ist noch nicht über seine letzte Trennung hinweg. Da können ihn seine Freunde nicht so richtig trösten, obwohl sie alles versuchen, um ihn abzulenken. Es würde zu weit führen und wahrscheinlich auch langweilen, daß ganze Stück im Detail zu erzählen. Herauspicken will ich aber zwei Momente. Da gibt es zum Einen dieses köstliche Lied "L'amour à la française", dessen Text hochgradig komisch ist. Ein Auszug: "Non, mon vieux oublie ton anglaise ce s'ra mieux pour ton pantalon vois plûtot une boulonnaise une fille de Besançon mon vieux, l'amour à la française c'est vraiment le pompon pour c'qui est d'une bonne baise nous français on est champions." Nein, mein alter Freund, vergiss deine Engländerin, das wäre besser für deine Hose, sieh dich lieber nach einem Mädchen aus Besançon um, mein alter Freund, die französische Liebe ist immer noch der Gipfel, wenn es um einen guten Fick geht, sind wir Franzosen Weltmeister.

Die Franzosen sind die Champions der Liebe, hahaha, durch zahlreiche Studien belegt (in denen die Deutschen immer schlecht abschneiden) und amüsanterweise waren am gestrigen Abend zahlreiche schwangere Pariserinnen im Publikum...

In einer anderen lustigen Szene wurde über die 1980 er Jahre diskutiert und wie toll und kreativ die doch gewesen seien ( René, JP Nataf). Auf das Thema kamen sie, weil René aus Versehen ein Glas Wein auf seine schöne Hose gekippt wurde und er behelfsmäßig eine blaue, extrem enganliegende Jogginghose anzog, die ihn an die 1980er Jahre erinnerte. Als Beispiel für die Kreativität dieses Jahrzents wurden zahlreiche Bands genannt, die aber alle aus England kamen: Joy Division, Bauhaus, XTX, Clash, etc. "Und was hatten wir in Frankreich?" - Indochine!

Hach, es war köstlich, es wurde geulkt, getanzt und gesungen und obwohl das Stück gewollterweise keinen Tiefgang hatte, war es keineswegs dümmlich, sondern reich an typisch französischem Esprit. Und Barbara trällerte wieder schön wie ein Vogel...

Ob die damit auch noch einmal nach Deutschland kommen? Zumindest bei Spiegel-Online wurde das Stück und die Musik schon einmal in der Rubrik "abgehört" sehr lobend erwähnt und mit vielen Punkten bedacht.



Hier kann man schon einmal ein qualitativ hochwertiges Video zur Einstimmung ansehen.

Mehr Fotos gibt es hier





* Gerne hätte ich auch an diesem Tag die Rückkehr der Breeders gesehen, aber ich hatte mich zu spät um Karten bemüht.

Mir wurde aber aus zuverlässiger Quelle eine Setlist ihrer Tour 2008 zugeschickt. Hier ist sie:

Setlist Breeders, Paris:

01: Tipp City
02: Huffer
03: Bang On
04: Shocker
05: Divine Hammer
06: Night Of Joy
07: No Aloha
08: Pacer
09: We're Gonna Rise
10: Son Of Three
11: Walk It Off
12: New Year
13: Cannonball
14: Happiness Is A Warm Gun (Beatles Cover)
15: Iris
16: I Just Wanna Get Along
17: Saints
18: Safari
19: Overglazed
20: Here No More
21: Fortunately Gone
22: German Studies

Und so urteilte der Spiegel-Online in seiner Rubrik "abgehört" über "Imbécile"



1 Kommentare :

oliver r. hat gesagt…

Hier mal der Kommentar von Spiegel-Online im Wortlaut:

"Imbécile", das kann so viel heißen wie "dumm" oder "schwachsinnig", manchmal bezeichnet es aber auch einfach nur einen Blödmann. Das ist Olivier Libaux ganz sicher nicht. Der im besten Sinne des Wortes umtriebige Musiker und Produzent hat den französischen Pop mit seiner eklektizistischen Band Nouvelle Vague in den letzten Jahren kräftig durchgeschüttelt. Nach den Transformationen angelsächsischer Popsongs ins Frankophone, markiert "Imbécile" Libauxs beherzte Rückkehr zum Chanson. Dafür inszenierte er gleich alles, was man unter Aufbietung aller verfügbaren Klischees als Blaupause eines französischen Films bezeichnen könnte - nur als Musical: Zwei Ehepaare treffen sich an einem lauen Sommerabend in einem luxuriösen Haus am Meer und werden ganz furchtbar melancholisch, als sie nach vielen Flaschen Rotwein auf die wichtigen Dinge des Lebens zu sprechen kommen, all den verpassten Chancen hinterhertrauern und feststellen, dass sie am Ende eben alle nur Narren sind. Das singende Personal ist mehr als erlesen: Der schräge Popstar Philipe Katerine und seine tatsächliche Ehefrau, das singende Ex-Model Héléna Noguerra sowie die in Frankreich populäre Sängerin Barbara Carlotti und JP Nataf, ehemals Sänger der legendären Rockband Les Innocents. Zusammen ist ihnen ein wundersames und faszinierendes Neo-Chanson-Konzeptalbum gelungen, das zwischen Burleske und Tristesse hin und her-schwankt wie ein trauriger Tor. (7) Andreas Borcholte

Quelle: Spiegel Online vom 17. Juli 2007

 

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