Montag, 18. November 2019

Björk, Esch-sur-Alzette, 16.11.19

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Konzert: Björk (Cornucopia)
Ort: Rockhal, Esch-sur-Alzette
Datum: 16.11.2019
Dauer: gut 115 min
Zuschauer: 6.500 (ausverkauft)




Die Tour hat eine eigene Wikipedia-Seite, das wusste ich. Björk wechselt das Kostüm und es wird einen Chor und ein Flötenensemble geben. Mehr hatte ich nicht mitbekommen und ganz bewußt darauf verzichtet, irgendetwas über Cornucopia zu lesen. Das Konzert-Ticket war das zweitteuerste* meines Lebens, also wollte ich mich überraschen lassen.

Wir hatten Karten für den Golden Circle gebucht, den abgetrennten Bereich direkt an der Bühne (benannt nach den kreisförmig um Reykjavík angeordneten Super-Sehenwürdigkeiten). Die riesige Bühne war von einem Streifenvorhang verhüllt, auf dem ein Füllhorn zu sehen war, das Motto der Tour. In den nächsten anderthalb Stunden hörten wir Vogelgezwitscher vom Band. Auch wenn das nur der Ersatz für das Lieblingstape des Tonmanns war, war deutlich, daß die (eher tropischen) Vögel bereits zum Programm gehörten. 

Vor dem Vorhang war ein schmaler Streifen Bühne, im goldenen Schnitt eine kleine Vorbühne, auf der ein rundes Podest montiert war. Darauf würde, wenn alles gut liefe, Björk wohl auch einmal während des Konzerts stehen. Spannender war der zu der runden Bühne passende Ring, der genau darüber unter der Decke hing. Würde von da etwas runtergelassen? Oder jemand hochgezogen? Es fing um halb neun viel weniger spannend und doch unendlich viel aufregende an: eine Trompeterin und ein Trompeter (in Tracht) kamen auf die Bühne, stellten sich vor den Streifenvorhang und begannen ein Stück. Nur zwei Trompeten. Danach senkten sie ihre Instrumente und sangen. Es erklangen aber nicht ihre beiden sondern viel mehr Stimmen, die Menschen dazu (16 - acht Frauen und acht Männer, die Frauen in verschiedenen Trachten) traten vor den Vorhang. Es war erhaben schön. 

In der nächsten guten Viertelstunde sang der Chor verschiedene Stücke, darunter Björks Cosmogony. Þorgerður Ingólfsdóttir, die Gründerin des Hamrahlid-Chors, dirigierte die Sängerinnen und Sänger aus dem Fotograben, mit einem Strahlen im Gesicht und sang immer wieder Zuschauer an. Bei Cosmogony sah es aus, als singe sie ein Duett mit einer Frau jenseits des Gitters. 

Danach wurde irgendwann der Streifenvorhang zur Seite gezogen, wir guckten aber noch nicht auf die Bühne, es waren noch mehrere andere Schichten Vorhänge davor. Diese dienten während des Konzerts in unterschiedlichem Umfang als Projektionsflächen. Alleine das Auf- und Zuziehen der verschiedene Stoffe erforderte eine irrsinnige Choreografie. Einer der schönsten Effekte entstand irgendwann tief im Konzert. Die kaum wahrnehmbare Schicht war vor Björk und ihren Begleiterinnen und Begleitern. Das sah ich aber erst, als auf der Schicht Blütenstaub-Animationen erschienen. Diese Kombination aus Realität mit perfekter Zusatzgrafik war eines der großen Highlights des Abends. Aber davon gab es so viele!

Hallraum (Skizze)
Zurück nach 20:47 Uhr! Der Vorhang, auf dem an Anfang eine riesige Superheldinnen-Björk projeziert war und hinter dem die echte sang, ging auf und zeigte uns erstmals die ganze Bühne. Es gab mehrere Ebenen, alle Formen waren organisch rund. Rechts und links am Rand waren die Stationen des Schlagzeugers und des Keyboarders (sehr amateurhaft ausgedrückt). Die Gestelle, auf denen die elektronischen Instrumente standen, sahen aus, als habe sie Luigi Colani designt. Die rechte Ecke der Bühne nahm eine Trollhütte (Arbeitstitel) ein, in Wirklichkeit ein Hallraum, der von außen wie ein Pacman-Geist aussah. In diese Reverb-Hütte ging Björk während des Konzerts immer wieder (bei Shame is forgiveness zum ersten Mal), die Effekte auf ihre Stimme waren extrem hoch spannend und immer verschieden.

Neben Chor, Percussion, Elektronik und Björk standen eine Harfe-Spielerin und - besonders prominent - ein Flötenseptett (Viibra aus Reykjavík) auf der Bühne. 

Bei Venus as a boy kam Björk erstmals vorne auf "unsere" runde Bühne. Eine der Flötistinnen begleitete sie dabei und drehte sich während des Lieds zu ihrer Sängerin um, wieder einer dieser vielen wunderschönen Momente des Abends. Ich stand da schon lange nur noch mit offenem Mund rum und wirkte wie ein Siebenjähriger in Phantasialand. 

Bei einem der nächsten Lieder spielte der Percussionist ein Instrument, das ich bis dahin noch gar nicht wahrgenommen hatte, eine Art Wasserorgel, er ließ Wasser auf Resonanz-Flächen laufen, trommelte dann aber auch auf denen. So fantastisch wie die organische Utopie-Bühne aussah, hörten sich diese Töne an. 

Die nächsten fünf Minuten muß ich ausführlich beschreiben. Der Chor kam zurück auf die Bühne, ganz in weiß gekleidet. Es schneite. Björk kam auf die kleine runde Bühne, auf drei Seiten von Zuschauern umringt. Direkt neben sie knieten sich vier der Flötistinnen. Der Metallring, dessen Funktion wir immer noch nicht verstanden hatten, senkte sich dank riesig großer Gegengewichte am rechten Hallenrand auf Höhe der knienden Musikerinnen, die ihn zurechdrehten und daruf Flöte spielten. Der Metallkranz war eine große Querflöte - und ich heilfroh, vorher nichts davon gelesen zu haben! Während des Lieds fuhr der Kranz wieder etwas hoch, die Flötistinnen stellten sich und spielten stehend weiter, mal alle vier, mal nur einzelne. 

Bei Features creatures drehte das Viibra-Septett etwas um die Köpfe, was wie Staubsaugerrohre, in denen eine blaue Lampe den Eingang verstopft, aussah. Dahinter, davor, daneben immer wieder Animationen von Pilzen, Pflanzen, mutierten Lebensformen. Mein liebster visueller Effekt waren Animationen von den Schnüren des Streifenvorhangs, die wirkten, als seien die einzelnen Schnüre oben ausgerissen und windeten sich im Wind. Vermutlich meinte das etwas ganz anderes, es sah jedenfalls fantastisch aus. Auf dem Streifenvorhang spielten irgendwann auch Musikerinnen wie auf einer Harfe.

Björk hatte während des Großteils des Konzerts ein Kostüm an, daß riesige Kugeln an den Schulten hatte, die rechte hatte einen schrägen Schlitz, der ihre Mikro-Hand beweglich hielt. Zu den Zugaben trug sie ein Blütenkelch-Kleid. Details dazu - und zu allem anderen finden sich auf der enorm ausführlichen Wikipedia-Seite der Tour, die ich - merkt man vielleicht - bewußt noch nicht gelesen habe. 


In der Pause für den Kostümwechsel erschien Greta Thunberg auf der Leinwand und redete davon, wie sie als 75-jährige sich ihren Kindern und Enkeln gegenüber zu verantworten habe. Inhaltlich und ästhetisch passte dieses Element perfekt zum Konzert.

Setlist Björk, Rockhal, Esch-sur-Alzette:

01: The gate
02: Utopia
03: Arisen my senses
04: Show me forgiveness
05: Venus as a boy
06: Claimstaker
07: Isobel
08: Blissing me
09: Body memory
10: Hidden place
11: Mouth's cradle
12: Features creatures
13: Courtship
14: Pagan poetry
15: Losss
16: Sue me
17: Tabula Rasa

18: Future forever
19: Notget

Links:

- Björk, Reykjavík, 05.11.16 
- Björk, Reykjavík, 05.11.16
- Björk, Ferropolis, 20.07.08



* mein teuerstes Konzert war Björk in Reykjavík



Les concerts de la semaine à Paris du 18 au 24 novembre 2019

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Belle semaine encore avec plein de concerts intéressants, comme p.ex celui de la galloise Cate Le Bon à Petit Bain, qui a sorti un sublime album cette année !






18: Mega Bog, Espace B
18: Surf Curse, Supersonic
18: Omni, La Boule Noire
18: Anna Ternheim, Café de la Danse
19: Ezra Furmann, La Maroquinerie
19: Doomsquad, 1999
19: Earth, Petit Bain
20: Temples, Trabendo
20: Geysir, showcase chez Walrus
20: Baptiste W Hamon et Jean Felzine, Les Etoiles
20: Starcrawler, Petit Bain
20: Alex Beaupain, Olympia
20: Aileen Merlinn, EP 7
21: Cate Le Bon, Petit Bain
21: No Diving et Amour Courtois, La Pointe Lafayette
21: Genou Vener et Rémi Parson, International
21: Black Lips et Film Noir, La Maroquinerie, complet
22: Kazu (de Blonde Redhead) et The Rodeo, Les Etoiles
22: Tahiti 80 et The Last Detail, Café de la Danse
22: Violet Arnold & Tim Glass, La Ferronnerie
22: Soirée mixte avec Marie Flore et Dani Terreur, la Maison Pop, Montreuil
22: Chloé du Trèfle et Blondy Browne, CWB, 46, Rue Quincampoix
23: Pete Astor, Life is A Minestrone
23 et 24: Festival BBMIX, Boulogne-Billancourt
23: Louise Verneuil, 1999



Dienstag, 12. November 2019

Blood Red Shoes, Amsterdam, 09.11.19

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Konzert: Blood Red Shoes
Ort: Melkweg (alter Saal), Amsterdam
Datum: 09.11.2019
Dauer: knapp 90 min
Zuschauer: 700 (ausverkauft)



Vor zehn Jahren waren drei Berichte von Blood-Red-Shoes-Konzerte innerhalb von kurzer Zeit auf unserer Seite keine Besonderheit, das britische Duo gehörte damals zu unseren Top-Bands. Als ich sie diesen Oktober als Vorgruppe der Pixies wiedersah, standen da zwar zwei zusätzliche Personen auf der Bühne, am Stil und der Energie eines BRS-Konzerts hatte sich aber im letzten Dreiviertel-Jahrzehnt nichts verändert.* Warum also nicht wieder einmal ein komplettes Konzert der Engländer sehen? 


Als Pixies-Support hatten die Blood Red Shoes fast nur neue Lieder, also Stücke ihrer aktuellen Platte und die 2018er Single God complex gespielt. Einzig mir bekanntes Lied war Colours fade am Ende. Im ausverkauften Melkweg (alter Saal - 700) begann das Konzert genau wie die beiden Pixies-Abende mit Elijah, God complex und Mexican dress. Dreimal neu, dreimal unverkennbar Blood Red Shoes, auch wenn die zusätzlichen Instrumente Bass und Keyboard anderes befürchten ließen. Bassistin Lindsay Williams** und Keyboarder James Allix verschwanden aber nach Stück Nummer drei schon wieder und hatten lange Pause. Zehn Lieder lang Pause. Eine pragmatische Lösung, die ich so bei einem Konzert mit Gastmusikern noch nicht erlebt habe, die aber - da das Repertoire der Band sehr homogen ist - musikalisch keine Probleme bereitet hat, es gab keine Brüche, keine langweiligen Phasen.


Weil ich (in Deutschland) überdurchschnittlich groß bin, standen wir am Rand, ein Konzert-Reflex. Niemand mag den großen Typen in der ersten Reihe. Im Melkweg kam ich mir vor wie John Stockton im Kader der 1997er Utah Jazz, groß, im Vergleich zu allen anderen aber winzig. Ein anderer sofort bemerkbarer Unterschied zu deutschen Konzerten: das Publikum tanzte und pogte sehr viel mehr. Und es rief "AC/DC" rein.

Zu Vertigo vom aktuellen Album Get tragic kamen Lindsay und James zurück. Nur unterbrochen vom großartigen When we wake - ich liebe dieses langsame Ansteigen des Songs - folgten jetzt die fehlenden neuen Lieder, bevor zu den ersten anderthalb Zugaben wieder nur Laura-Mary und Stephen zurückkamen. Erst ins Ende von I wish I was someone better stiegen die beiden Verstärkungen ein. Colours fade hatte wenigstens James schon geübt, es schloss auch die Konzerte mit den Pixies ab.


Natürlich schleift sich alles ein wenig ab, es spricht aber objektiv wirklich nichts dagegen, eine Band nach 15 Konzerten auch noch ein sechzehntes mal zu sehen, wenn sie denn Spaß macht.

Setlist Blood Red Shoes, Melkweg, Amsterdam:

01: Elijah
02: God complex
03: Mexican dress
04: Light it up
05: Cold
06: Don't ask
07: The perfect mess
08: Lost kids
09: This is not for you
10: Red River
11: Je me perds
12: An animal
13: Black distractions
14: Vertigo
15: When we wake
16: Eye to eye
17: Howl
18: Bangsar

19: It's getting boring by the sea (Z)
20: I wish I was someone better (Z)
21: Colours fade (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:


- Blood Red Shoes, Luxemburg, 17.10.19
- Blood Red Shoes, Köln, 07.10.19
- Blood Red Shoes, Köln, 27.08.16
- Blood Red Shoes, Paris, 24.08.14
- Blood Red Shoes, Mannheim, 19.05.12
- Blood Red Shoes, Haldern, 14.08.10
- Blood Red Shoes, Köln, 23.03.10
- Blood Red Shoes, Paris, 09.12.09
- Blood Red Shoes, Frankfurt, 28.10.09
- Blood Red Shoes, Düsseldorf, 22.10.09
- Blood Red Shoes, Nijmegen, 19.07.09
- Blood Red Shoes, Köln, 04.11.08
- Blood Red Shoes, Highfield, 17.08.08
- Blood Red Shoes, Melt!, 18.07.08
- Blood Red Shoes, Montreux, 15.07.08
- Blood Red Shoes, Evreux, 28.06.08
- Blood Red Shoes, Berlin, 06.05.08
- Blood Red Shoes, Köln, 28.04.08
- Blood Red Shoes, Paris, 09.11.07
- Blood Red Shoes, Köln, 16.10.07
- Blood Red Shoes, Paris, 08.06.07
- Blood Red Shoes, Paris, 08. und 09.06.07
- Blood Red Shoes, Paris, 06.03.07
- Blood Red Shoes, Köln, 11.03.07


* mein Konzert 2016 hatte ich komplett vergessen. Warum führe ich eigentlich Tagebuch?
** vermutlich! Bei den beiden Support-Konzerten war die Bassistin der Savages Teil der Blood Red Shoes





Montag, 11. November 2019

Les concerts de la semaine à Paris du 11 au 17 novembre 2019

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Enormément de concerts cette semaine à Paris ! Un temps fort certainement le live de la néo-zélandaise Aldous Harding à la Cigale le mardi (photo archive: Oliver Peel ©).



11: Listener, Chaviré, Solitone, Supersonic
11: Hayden Thorpe, 1999
11: Etienne Daho, Philharmonie
11: Mannequin Pussy et Normcore, Espace B
12: Aldous Harding et Yves Jarvis, La Cigale
12: Julie Bergan, 1999
12: Dogs for Friends, le Motel
12: Aloïse Sauvage, Elysée Montmartre 
12: C.W. Stoneking (solo), Café de la Danse
12: Magon, Release Party, Secret Place
12: Electric 6, Petit Bain
12: Deerhunter, Trabendo
12: Blood Red Shoes, La Maroquinerie
13: The Tallest Man On Earth et Julie Byrne, Trianon
13: Vanille, Hasard Ludique
13: Penelope Isles et Zulu Zulu, Le Pop-up du Label
13: The Godfathers, Supersonic
14: Mathilda, Trois Baudets
14: Girls Band, Maroquinerie
14: Fink, Trianon
14: Maud Lübeck, Chroniques Amoureuses, Maison de la Poésie
14: Horstes, Seppuku, T-Shirt, Espace B
15: Mick Harvey, Les Trois Baudets
15: Jay Som, Supersonic
15: Sabine Happart, Les amours de Ronsard, Maison de la Poésie
15: Anne Gouverneur et Mélie Fraisse, FLF, Forum Léo Ferré
15: Mauvais Oeil, Cabaret Sauvage
15: The Chemical Brothers, La Seine Musicale, Boulogne
15: Blaubird et Pollyanna, MQB, Malakoff
15: Deliluh + Young Like Old Men, Petit Bain
16: Plane et La Fonta, concert privé
16: Calexico et Iron and Wine, La Cigale, complet
16: Working Men's Club, Supersonic
16: Vampire Weekend, Le Zénith
16: Camélia Jordana, La Gaité Lyrique
17: Tropical Fuck Storm et Unschooling, Badaboum
17: Kevin Morby et Bedouine, Trianon >>annulé
17: Les siestes littéraires de Bastien Lallement avec Laure Brisa, Seb Martel, Romuald et d'autres, Maison de la Poésie



Adorable, London, 02.11.19

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Konzert: Adorable
Ort: Bush Hall, London
Datum: 02.11.2019
Dauer:
Zuschauer: 425 (ausverkauft)



Heute vor 25 Jahren spielten Adorable ein Konzert in Brüssel und verkündeten auf der Bühne ihre Auflösung. Creation Records hatte die Band kurz vorher rausgeworfen, nachdem das zweite Album Fake hinter den wirtschaftlichen Erwartungen zurückgeblieben war. Mitte der 90er Jahre war eben keine gute Zeit mehr für Shoegaze-Bands, Slowdive und Ride hörten ein bzw. zwei Jahre später auf. Hauptgrund für das Adorable-Ende war allerdings das Verhältnis der Bandmitglieder untereinander. Auf der einen Seite stand Sänger Pete Fijalkowski, auf der anderen die anderen drei. In Interviews heute sagen vor allem Bassist Wil und Schlagzeuger Kevin, daß sie die Band als großen Spaß und Pete als überehrgeizigen Schleifer empfanden. Es gab keine Vermittlung zwischen diesen Lagern, die Band löste sich auf und verschwand. 


Daß solch ein Ende letztlich das ist, was in den Köpfen der beteiligten übrigbleibt, muß frustrierend sein. Egal, wie gut der Anfang war, der letzte Eindruck bleibt. Und der letzte Eindruck war dauernder Streit und dann der Schock, daß alles vorbei war. Als er eine der wenigen Ansagen an diesem Abend fast 25 Jahre später machte, drückte Pete Fij genau das aus. "Wenn wir an Adorable denken, kommt uns nur das verkorkste Ende in den Sinn, das wollten wir korrigieren."
 


Diese Korrektur sollte ein neues letztes Konzert sein, ein neugeschriebenes Ende von Adorable. Im März war Pete alleine mit akustischer Gitarre durch Deutschland getourt und hatte Lieder aus allen Phasen seiner Karriere gespielt und dazu Episoden aus seinem Leben berichtet. Der Sänger arbeitet heute in einem Pflegeheim und erzählte von seinen Erlebnissen dort. Wenn er über Adorable-Songs sprach, klangen die Anekdoten viel weiter weg und distanziert. Bei meinen beiden akustischen Konzerten in Köln und Montabaur wäre ich nie auf die Idee gekommen, ein gutes halbes Jahr später Adorable einmal sehen zu können. Der Plan war aber bereits im März fix, die Ankündigung erfolgte etwas später. Und wie so viele alte Helden schätzen auch Pete, Robert, Wil und Kevin ihre heutige Größe komplett falsch ein. Zwei Konzerte wurden angekündigt, eines zum Warmwerden in Yorkshire und eines in der wunderschönen Bush Hall in London - Kapazität 425. Die Tickets für beide Konzerte waren innerhalb von Minuten ausverkauft, es folgten eine Weile später ganz offensichtlich aus der Not heraus geplante Zusatzshows in Yorkshire (eine) und in London (zwei, eine vor und eine nach der Samstags-Show).


Wir waren beim offiziell letzten, inoffiziell vorletzten Konzert der Band, die ihr Ende zurechtrücken wollte. "Dies ist kein Neubeginn, das ist ein neues Ende", betonte Pete auch noch.

Die Bush Hall ist ein ehemaliger Tanz-Saal mit Spiegeln und Kronleuchtern, einer der schönsten Konzertsäle, die ich kenne. Wir waren von der Freitags-Show vorgewarnt worden, daß der Sound nicht perfekt gewesen sei, was nichts von der Vorfreude nahm. Wir waren auch vorgewarnt, daß es einen Film vorher geben solle, waren aber überzeugt, daß beim offiziellen Schlußkonzert der angekündigte "special guest" vorher auftreten würde und hatten spekuliert, wer das wohl sein könne (Favorit: Piroshka). 

Der Special guest war der Film, ein Kurzfilm über ein Paris nach dem dritten Weltkrieg, eine Aneinanderreihung von Bildern, die in Trümmern und am Flughafen Orly spielten, in zu leisem Französisch mit kaum lesbaren englischen Untertiteln.


Danach wurde es am Rand der Bühne hektisch. In dem kleinen Bereich zwischen Backstage-Tür und Bühnentreppe versammelten sich Freunde der Band. Creation-Gründer Alan McGee entdeckte ich nicht, den hatte ich irgendwie hier erwartet. Der Prophet im eigenen Land...: Zu meinem Erstaunen waren wohl weit mehr Gäste aus dem Ausland als aus Großbritannien da. Pete fragte dies irgendwann ab, sehr viel mehr als die Hälfte schien eine weitere Reise gehabt zu haben. In meiner Nähe standen größere Gruppen aus Italien aber auch ein guter Teil der deutschen Shoegaze-Szene war da.

Das Konzert begann mit der Single I'll be your saint und war das Best-Of, das zu erwarten war bzw. das wir erhofft hatten. Keine überraschende Erkenntnis, denn der Katalog der Band ist nach zwei Alben und ein paar Singles nicht sehr groß. Und auch wenn es ein Traum gewesen wäre, wenn Adorable einfach alles gespielt hätten, funktionieren Musiker-Hirne leider anders als Musiknerd-Träume. Wir bekamen 14 Lieder und drei Zugaben, also 17 Hits, ein Konzert das vermutlich doppelt so lang wie alle während ihrer aktiven Karriere war und wir bekamen das Gefühl, gemeinsam mit 424 Leuten in einem Raum zu sein, denen die Musik und diese Gelegenheit auch so viel bedeutete, dafür am erst Tage vorher verschobenen Brexit-Datum nach London zu reisen.


Es war durchweg brillant, kurzweilig, laut, pannenfrei (der Vorteil des vierten Konzerts nach 25 Jahren).  Wie viel Freude die Musiker daran hatten, sah man vor allem Gitarrist Robert Dillam an. Er feuerte uns immer wieder an und wirkte extrem euphorisch, es war herrlich! So weit ich weiß, hat neben Pete nur Robert auch nach Adorable Musik gemacht, für Stephen Williams (Wil - stellvertretender Institutsleiter an der Uni in Coventry) und Kevin Gritton (Direktor eine Schule in Derby) war der Ausflug in die Vergangenheit eine Spur ungewöhnlicher. 

In den letzten Tagen kam zum fantastillionensten Mal das Gerücht eine Smiths-Reunion auf. Gottseidank wird die nie stattfinden. Die wichtigen Wiedervereinigungen sind für jemanden wie mich, der die meisten seiner Lieblingsbands in den 90ern verpasst hat, die von Bands wie Lush, Slowdive, Ride, My Bloody Valentine und jetzt Adorable. Alle stilvoll, die Erwartungen übererfüllend und musikalisch relevant wie damals. Oder vermutlich viel relevanter.

Setlist Adorable, Bush Hall, London:

01: I'll be your saint
02: Vendetta
03: Favourite fallen idol
04: Glorious
05: Road movie
06: Sunburnt
07: Kangaroo court
08: Radio days
09: Sunshine smile
10: Summerside
11: Submarine
12: Sistine Chapel ceiling
13: Cut #2
14: Breathless

15: Crash sight (Z)
16: Homeboy (Z)
17: A to fade in (Z)




Dienstag, 5. November 2019

Kaltern Pop Festival 2019, Kaltern

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Konzert: Kaltern Pop Festival 2019
Ort: Kaltern
Datum: 24.-26.10.2019
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: div.


Bericht und Fotos von Denis Schinner: KalternPopFestival 2019 Auflage 5. Fünf KalternPopFestivals waren ursprünglich geplant. Dann Strich drunter und schauen was bleibt. Ein Experiment der Extraklasse. Die kleine Schwester des #hpf (Haldern Pop Festivals). 

Die Verdichtung besten (musikalischen) Geschmacks. Nicht nur eine Fülle von Konzerten, sondern eine Harmonie des ausgeklügelten LineUp‘s. Es gibt keine wirklichen Headliner, so als ob diesmal der gesamte musikalische Feingeschmack entscheiden muss, ob es weiter geht. 

Der Start nach Kaltern beginnt eigentlich schon am Freitag. "Zeche Carl" in Essen, Stefan Honig (D) als Support von The Slow Show (UK). Welch ein grandioser Einstieg in diese Woche. Stefan Honig gewohnt locker und entspannt, auch im Gespräch zwischendurch. Musikalisch sowieso herausragend. Und ja, es ist natürlich etwas anderes als mit "Tour of Tours" oder zu zweit unterwegs. Dann The Slow Show. Unglaubliche Dichte. Phantastische Harmonie und Rob‘s Bariton. Seit Jahren für mich unerreicht. Die Zeche Carl war etwas klein für meinen Geschmack. Das Konzert folglich schon lange ausverkauft und ich bin erneut hin und weg. Und diesmal nicht nur von dem grandiosen Set. 

Mit gut 700 Bildern auf den Speicherkarten geht es nach Hause. Lieben Dank an Anna! Weiter geht es mit dem WoMo Richtung Voralpen. Gut 550 Kilometer sind auf der Uhr und wir fahren in Biberach runter und landen in Schiessen. Der eigentliche Stellplatz ist dunkel und langweilig, zum drehen brauchen wir ein paar Meter und dann sehen wir es. Das Brauhaus von Schiessen. Eine ausreichend großer Parkplatz. WoMo eingeparkt und ab in die Wirtsstube. Diverse halbe Helle, Wurstsalat, Bratwurst und Kartoffelsalat später, dürfen wir auf auf dem Parkplatz stehen bleiben. Lieben Dank an Carina Hopp! Auf dem offiziellen Brauereiplatz hätten wir nicht besser stehen können. Hier die Koordinaten für diejenigen, die der hauseigenen Metzgerei einen Besuch abstatten möchten: Bräuhaus, Kirchpl. 4, 89297 Roggenburg. 


Weiter geht es am nächsten Morgen nach Füssen. Japanieren an den Königschlössern, Leberknödelsuppe in der Tourimeile Füssens, Blick auf die Alpen, Stellplatzsuche und weiter geht es am nächsten Morgen nach Meran. 

Und dabei den ersten Blick auf den Zeitplan des kpf19 riskiert. Und siehe da...ich habe wieder mal keine Ahnung wie das gehen soll. Ich werde programmtechnisch abspecken müssen. Das dichte Programm hat natürlich den Vorteil, dass sich die geneigten Zuhörer verteilen werden. Kleinere Spielorten werden davon profitieren. 

Zuletzt waren diese oft sehr voll und Besucher mussten warten oder wurden abgewiesen. Nicht so schön für ein neues Lieblingsfestival. Später auf dem Jaufenpass dann eine kleine zufällige Kaffeepause mit den Böggering/Wieseners aus dem Niederrheinischen. Ebenfalls Kalternenthusiasten. Das hat doch schon wieder Spaß gemacht 😉 Noch ein Tag in Meran und Bozen verbummelt und dann endlich  in Kaltern angekommen. 

Der erste Lagrain in der KalternPopBar zum „Lustigen Krokodil“ bei Stefan Florian und seinem Mannen. So geht Kaltern. PS: Und das am eigenen 20.Hochzeitstag. Mittwoch morgen wachen wir im WoMo mitten im Wochenmarkttrubel in Kaltern auf. 


Der Opener des ersten Tages ist zunächst klassisch. Cantus Domus in der Franziskanerkirche. Ein 35 Minuten Slot für klassisch chorale Stücke, auch mit (wein)glasigen Instrumentals, bis hin zu Bon Iver Interpretation.

Später dann Linde im Weinmuseum – ein eher experimentelles Klangarrangement des StarGaze Mitglieds Linde im Zusammenspiel etlicher Stargaze Kolleg*innen. In weiten Teilen dicht arrangiert mit (fast) allem was dieses Ausnahmeorchester zu bieten hat. Mandao Delaou - Feinste Klangvirtuosen. Im Zentrum steht hier die Schweizer Hang. Sehr spannender Aufritt. 


Woods of Birnham boten dann den ersten wirklichen Pop des Tages und hatten schon sichtlich Spaß dabei, das Publikum zu bespielen. Insbesondere die Frühgeborenen waren hin und weg. Und nebenbei. Nach Garda ist dies für mich die zweite, sehr empfehlenswerte Band aus Dresden in diesem Jahr.


Brandt Brauer Frick - drumgeschwängerte Beats. Das dritte Mal in diesem Jahr und ich kann mich nicht wirklich daran satthören. Bunspecht - Der Name ist Programm - Schöne bunte Vögel mit allerlei Hirnfusseln. Sie sind von Herz aus Romantiker und sind verrückt genug sich in dieser Welt zu verlieben. Und schließlich sei eine Briefbombe sei das romantischste der Welt, denn sie befreit dich von ihr selbst. Am Ende schreien wir AbraKadrabra und SimSalaBim bis wir alle verschwunden sind.

Letztendlich noch Ben E. Blame and Sugar Shame alias Ben Testrut und Markus Zucker. Die beiden legen nun schon seit Anbeginn der Kalterner Zeit Donnerstags im KuBa auf und machen so richtig Party. Und so zappelt er aus, der erste Festivaltag. 

Tag 2. Während sich die halbe Festivalgemeinde auf den Weg zur Weinprobe in die Kellerei Kaltern aufmacht, zieht es mich in die andere Richtung. Franziskanerkirche und Fyodor Biryuchev sowie im Anschluss Nicolas Müller & Cantus Domus. Biryuchev, ein schon recht kompletter Tastenvirtuose verzaubert den Kirchenraum in ein kleines Konzerthaus. Es gelingt ihm solo am Klavier, mit E-Piano und seinem McBook ein nahezu komplettes Orchesterarramgement aufzurufen. Unterbrochen wird das teils opulente Arrangement nur durch sein herausragendes Solospiel. Das vollzog er dann aber auch absolut entrückt, dass er von der Regie aufs Ende hingewiesen werden musste. 25 Min über der Zeit.

Nicolas Müller & Cantus Domus: Neben Covern von Justin Vernon (Bon Iver) und Elbow spielt er natürlich das neue eigene Material über Ängste, Männlichkeit und gebrochene Herzen. Und auf jede Träne wird ein Glas geleert und sagt den Skeptikern: jeder Tag hat sich gelohnt. Mein erstes wirkliches Highlight.


Some Sproud - wirklich gut gemachter Indiepop einer recht jungen Combo, der vor allem die Mädels in den ersten Reihen nicht losließ. Während Frontmann Joschi allein schon die Blicke auf sich zog, blieb die Band musikalisch eventuell unter ihren Möglichkeiten, etwas mehr Druck hätte dem Ganzen gut getan. 

Unvorbereitet wie ich war, überraschte mich danach bei Jungstötter ein stimmlich eindringlicher Gesang, den ich irgendwo zwischen Velvet Underground und Nick Cave (jetzt hängt die Latte aber extrem hoch) einordnen würde. Zwischendurch bat er noch um weniger Bühnenlicht und spielt ein vollkommen entschleunigtes Set ab. 

Priests: Wem steht der Leopardenlook, richtig: dem Leoparden. Hier kommt wieder was in Mode, was längst aussortiert gehört. Dazu Marylinstyle und bums-fertig ist der Eyecatcher. Doch dann endet die Geschichte auch schon. Musikalisch alles sauber, aber stimmlich noch mit Luft nach oben. Daran änderte auch der wiederkehrende Wechsel zwischen Frontfrau 1 und Frontfrau 2 nichts.


Lewsberg: Ich wusste ja schon, dass die fotografischen Möglichkeiten bei diesem Set begrenzt sein werden. Aber musikalisch ist dieses Kollektiv von hypnotischer Strahlkraft, dass ich die Kameras eingepackt habe und mich habe etwas treiben gelassen. Zudem erweitern sie die alte Regel, dass zwei Akkorde Punk und drei Akkorde Blues sei. Auch mit nur einem Akkord lässt sich Hypnopop basteln. 

Tag 3. Alles packen lautet die Devise. Nach dem letzten Konzert wird es mitten in der Nacht losgehen in Richtung Heimat. Aber erstmal die Matinee im Grandhotel Penegaal -Wir erinnern uns - Sissis Ballsaal!

Wie zuletzt auch findet die gefühlt komplette Festgemeinde in dem wunderschönen Ballsaal irgendwie Platz und lauscht den phantastischen Sets von Adam French, der wunderbar souligen Stimme von Odette Peters, Jack Curley, der mit dem Publikum nach Alice ruft, Wendy McNeill und ihrem creepy Lupo, zuletzt eingerahmt von den wunderbaren Stargazern, die sich selbst noch mit Bachinterpretionen hervortun und damit dem Saal die passende klassische Note verpassen. Astronautalis gesellt sich dazu und sorgt für grandiosen Klassik-HipHop. Für den Loop wird ein Drummer benötigt und Barry aus dem Publikum kommt auf die Bühne. 


Mit einem vor zwei Tagen gebrochenen Arm und endlosem Selbstvertrauen gibt er den Takt vor. Was ein Spaß zum Abschluss einer erneut grandiosen Matinee auf dem Penegal und man fragt sich zurecht...Ist das noch ein Festival ? 

Rilan & The Bombardiers - im neuen Spielort, der Aula Magna, bester Funk aus Harlem (NL) und die Aula kriegt sich gar nicht mehr ein. 


Für Fortuna Ehrenfeld ist es schon der zweite Besuch auf dem kpf. Folglich der Umzug vom KuBa ins Vereinshaus. Deutlich poesievoller und elektronischer ausgerichtet als bei den letzten von mir besuchten Konzerten, begeisterten sie mit Witz, Charme und Pyjama. Seit drei Wochen sind sie auf Tour und auch die T-Shirts gab es nur noch in XXS.

5KHD - technisch, experimentell, grell verzerrte Klangwelten. Schon sehr speziell. Und dann nochmal Nicolas Müller. Diesmal mit großem Besteck und der ersten eigenen Show mit dieser, seiner neuen Band. 

Mit seinen Texten rührt er viele zum Nachdenken und selbst in den kurzen Pausen zwischen einzelnen Songs ist der Saal seltsam ruhig. Er regt dazu an , zu trauern und zu lieben, zu fühlen und weinen. Diese Konzerte sind Herzensangelegenheiten. 

Shortparis: Der Ausklang des dritten Tages konnte entweder ruhiger, mit Adam French oder Wendy McNeill angegangen werden, oder mit den eher brachialen Elektrodrumjüngern, einer der besten russischen Livebands (arte.tv). 

Etwas viel Drama für meinen Geschmack, aber die Jungs schafften einen Abschluss über den man sicherlich noch länger nachdenken wird. Das #kpf19 endet hier für mich. 


Und es spricht vieles für eine Neuauflage im nächsten Jahr. Es gibt die ersten eigenen Motivbecher, Das Lustige Krokodil scheint nun ganzjährig zur KalternPopBar gereift zu sein und der Lottowein verspricht als Hauptgewinn Tickets und Übernachtung für das #kpf20. 

Wir freuen uns sehr und danken allen Schaffenden für diesen herausragenden Jahresabschluss!

Denis Schinner Webseite mit diversen Fotos



Night Flowers, London, 31.10.19

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Konzert: Night Flowers
Ort: Redon, London
Datum: 31.10.2019
Dauer: Night Flowers gut 55 min, Ex-Vöid gut 20 min, Foundlings knapp 30 min
Zuschauer: verkleidet!



Im März waren Night Flowers Gast beim Cologne Popfest, daher bin ich nicht ganz neutral, denn das organisiere ich mit. Die Londoner Band (mit Wurzeln in Hull) hatte ich beim Indietracks 2014 kennengelernt, 2016 als Support von Allo Darlin' an deren Abschiedswochende und beim Indietracks 2018 wiedergesehen. Um Bands wie Night Flowers in Köln spielen zu sehen, haben wir das Popfest gegründet; Genre: perfekter Indiepop.

Nach dem Debütalbum Wild notion von 2018 und einer Reihe von Singles und EPs erschien vergangene Woche die zweite Platte Fortune teller auf Dirty Bingo Records. Gefeiert wurde die Veröffentlichung an Halloween in einem Club in London. "Expect fancy dress, prizes, fortune telling and more!" hieß es in der Ankündigung. Auf das "More" war ich besonders gespannt, anders als oft gab es keine lästigen sondern sehr spannende Vorgruppen: Foundlings und Ex-Vöid, zwei Bands, die auf dem Indietracks gespielt haben, die ich da aber verpasst hatte.


Das Redon ist ein kleiner Club in einem Bahnbogen in Bethnal Green im Osten Londons. Der Club hat eine hohe Holzbühne, über der sich eine Empore befindet. Dekoriert war das Redon mit allerlei Halloween-Grusel, passend zur politischen Stimmung der letzten Monate. Neben dem Merch-Stand standen zwei abenteuerliche Maschinen, Cassandra die Wahrsagerin und ein Hirn-Auslese-Apparat. Wir machten alles mit. Cassandra druckte uns unsere Zukunft voraus, nachdem sie die Handflächen intensiv analysiert hatte (irgendwas mit "Du wirst drei Konzerte in den kommenden drei Tagen sehen und keine Zimt-Cola finden"). Das Publikum war der Fancy-Dress-Vorgabe gefolgt, wir sahen einen Wolf, einen Zirkusdirektor, eine Sowjetunion-Fahne... Schon vor der ersten Band war der Abend ein sehr großer Spaß!

Um kurz nach acht kamen zuerst Foundlings auf die Bühne. Foundlings sind Amber, Bryan, Matthew und Olly, ihre Musik "breathless indie-pop" (Steve Lamacq). Die Band hat bisher Singles und eine EP veröffentlicht und ist beim schottischen Label Last Night From Glasgow. Das kurze Set überzeugte mich sofort. Die Lieder haben einen melancholischen Einschlag und durchaus Postpunk-Elemente. Irgendwo habe ich gelesen, Foundlings klängen, als seien Fleetwood Mac auf Sarah Records erschienen. Das war toll!


Danach kam viel Neon-Gelb auf die Bühne! Die Mitglieder von Ex-Vöid hatten sich textmarkerfarben angezogen, mit Brillen und Bommel-Stirnbändern (als "sexy aliens") chic gemacht. Sängerin Alanna McArdle und Gitarrist Owen Williams waren vorher Teil der walisischen Band Joanna Gruesome, die ich ein paarmal gesehen hatte. Ähnlich wie ihre erste Band sind Ex-Vöid musikalisch schwer zu fassen. Ihre Songs sind Indiepop, der immer wieder von Punk-Elementen (Geschrei!) unterbrochen wird. Das ist viel spannender, als es klingt und machte mir großen Spaß! Leider war auch der Ex-Vöid-Auftritt viel zu kurz, die Band hat aber einfach noch nicht schrecklich viel Material.

Bei Night Flowers ist das anders. Obwohl die Band so jung wirkt, hat sie unendlich viele großartige Lieder im Programm, das Konzert in London war aber vor allem eine Album-Veröffentlichungs-Party, also stand Fortune teller im Mittelpunkt des Konzerts, Night Flowers spielten das Album komplett. Ich hatte das ein wenig gehofft, weil die Platte fantastisch ist! Was für ein Glück, sie von Anfang bis Ende hören zu dürfen! Gitarrist und Co-Sänger Greg sagte irgendwann, daß es vermutlich das einzige Mal sei, daß die Band die Platte ganz spiele.

Der Wolf und der Zirkusdirektor waren auch wieder aufgetaucht und standen als Gitarrist und Bassist auf der Bühne, Greg war existenzialistischer Clown, Schlagzeuger Zebedee Strongman und Sängerin Sophia glitzerte. Wir hatten zwischendurch immer wieder Angst, daß der Wolf von der kleinen Bühne stürzt, viel sehen konnte er durch sein Maul nicht. Und wir wollten das Konzert unbedingt komplett sehen...



Nach dem letzten Fortune-teller-Stück folgten direkt drei alte Lieblinge. Embers (Night Flowers EP), Losing the light und Hey love (Wild notion). Danach wurde beschert ("prizes"). Die Band beriet sich kurz, wer die besten Kostüme trage und kürte dann drei Siegerinnen ("third place: my mom!" - Greg). Übergangen wurde dabei das beste Outfit des Abends - Bandmanager Luke als Freddie Mercury mit Mikro-Ständer.


Glow in the dark und das perfekt passende Cheap-Trick-Cover I want you to want me beendeten das wundervolle Konzert. Night Flowers sind eine verflucht tolle Live-Band und ich ziemlich stolz, daß die bereits beim Cologne Popfest gespielt hat.

Setlist Night Flowers, Redon, London:

01: Night train
02: Lotta love
03: Merry-go-round
04: Perfect storm
05: Fortune teller
06: Carry on
07: I've loved you (such a long time)
08: No coming down

09: Embers
10: Losing the light
11: Hey love
12: Glow in the dark
13: I want you to want me (Cheap Trick Cover)

Links:

- Night Flowers, London, 10.12.16





Montag, 4. November 2019

Shakespeares Sister, Oxford, 01.11.19

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Konzert: Shakespears Sister
Ort: New Theatre, Oxford
Datum: 01.11.2019
Dauer: Shakespears Sister knapp 90 min, Dilena 30 min
Zuschauer: vielleicht 800 (halbvolles Theater)
 


Am Wochenende des Brexit nach England fahren zu wollen, war objektiv nicht unbedingt naheliegend. Aber was sollten wir denn tun? Adorable hatten den 2. November als Termin für ihr letztes Konzert* gewählt, als Theresa May noch Premierministerin war. Mit ihrem Nachfolger stieg die Möglichkeit eines ungeregelten EU-Austritts und damit unsere Sorge, wie wir am besten nach England und zurück kommen würden, ohne das Konzert zu verpassen. Wir wählten den Land- und Wasser-Weg, weil uns dann niemand Flüge streichen würde, sollte Tag X auf den 31.10. fallen. Die dadurch entstandene Flexibilität bescherte dem Konzertwochenende ein zweites Highlight: für den 31.10. kündigten auch Night Flowers ein Konzert* zur Veröffentlichung ihres zweiten Albums an. Und weil zwischen den beiden Programmen ein freier Abend lag und man das als Konzerttourist eben so macht, recherchierten wir, ob am 1. November auch irgendetwas Spannendes spielen würde und fanden Shakespears Sister. Auch das war objektiv nicht unbedingt naheliegend, in diesem "Früher" mochte ich die Band aber, warum also nicht?!

Auf dem Ticket und der Website des New Theatre in Oxford stand als Zeit 19:00 Uhr und der Hinweis, daß es unter keinen Umständen einen späteren Einlass gebe. Am besten sei man 90 Minuten vorher da. Als wir im Osten Londons losfuhren sagte die Navi-Stimme eine Ankunft für kurz nach 17 Uhr voraus, genug Zeit für Essen und pünktliches Erscheinen. Zwei Stunden später standen wir im Westen Londons und hatten zehn Meilen geschafft. Die mittlerweile beiden Navis waren sich einig, daß es furchtbar knapp werden würde. "Die Jacke lasse ich im Auto, keine Zeit, die noch abzugeben!" Wir kamen nach 3 1/2 (statt nach 1 1/2) Stunden in Oxford an, rannten zum New Theatre, kamen um fünf vor sieben an und durften noch rein ins Gebäude. Allerdings nicht auf unsere Plätze, weil erst in ein paar Minuten Einlass sein würde. Jippie. 


Hungrig und neugierig guckten wir uns im Theater um. Das Gebäude ist einer dieser riesigen englischen Konzertsäle mit drei Etagen und kompletter Bestuhlung. In einer der Bars fanden wir den Zeitplan. Shakespears Sister sollten um 20:40 Uhr auftreten, davor Delena, eine ukrainische Sängerin, die mit zwei Begleitern das, was DSDS-Fans unter Popmusik verstehen, aufführte. Wir fühlten uns beim ESC-Vorentscheid in Kiew - inklusive Umhänge-Keyboard. Puh.

Als das überstanden war, kam ein älterer Mann mit einem dieser Klapp-Gestelle, auf die man in Hotels den Koffer legen kann, und baute in der ersten Reihe einen Eisstand auf. Irgendwie passte das sehr schlüssig ins Bild.

Um zehn vor neun dann endlich unser Ausflugsgrund. Erst erschienen die Begleitmusiker, eine Schlagzeugerin, die Original-Tourbassistin von damals, ein Keyboarder und ein Gitarrist (Marco Pirroni - Ex-Adam-Ant und Gitarrist beim ersten Live-Auftritt von Siouxsie and the Banshees mit Schlagzeuger Sid Vicious - wie wir später erfuhren. Danke, Katja!), dann Siobhan Fahey und Marcella Detroit

Die erste halbe Stunde bestand ausschließlich aus Liedern der ersten beiden Platten und der neuen Single Dangerous game. Außer Heroine erinnerte ich mich an nichts. Aber der Wiedererkennungseffekt war unbestreitbar da, Siobhans Leadgesang und die immer wieder eingesetzten hohen Gesänge von Marcella, die wie ein eigenes Instrument wirken. Die Stimmen der beiden Sängerinnen sind brillant gealtert (die beiden Künsterinnen auch), mich berührte die Musik aber nicht. Dabei war das Konzert nie langweilig. Als ich das erste Mal auf die Uhr guckte, war eine Stunde vorbei - im Auto und während des Vorprogramms hatte ich hunderte Male die Uhr kontrolliert. 

Nach acht Liedern ging hinter der Bühne eine Leinwand runter und ein Foto einer Wüstenlandschaft wurde hinter die Band projeziert. Damit wurden die restlichen vier neuen Lieder umrahmt. Die Stücke, die auf einer EP (Ride again) erschienen sind, waren alle qualitativ auf dem Niveau der Lieder davor, keines wirkte wie ein schwacher Aufguss. Aber auch die verfolgte ich eher als interessierter Beobachter, nicht als Fan.

Das dritte Drittel gehörte den Hits. Meistens sind meine Hits einer Band ganz andere als die offensichtlichen. Bei Shakespears Sister war das anders, Stay, Hello (Turn the radio on) und I don't care waren ganz deutlich die besten Lieder des Abends. Und bei denen stellte sich dieses Gefühl, ganz großen Pop live zu erleben, dann auch ein. 

Obwohl mit Wave- und Punk-Hintergrund störte uns die männliche Gitarre, die immer mal wieder ins Fies-Rockige ging. Das hätte es nicht gebraucht. Aber wir waren ja auch nicht die wirkliche Zielgruppe des Konzerts. 

Die beiden Musikerinnen wirkten erfrischend nervös, kein bißchen abgehoben, schienen echten Spaß zu haben, obwohl das Konzert schlecht besucht war und schon die dritte Reihe fast leer war (die wohl mehr als doppelt so teuer war wie die vierte Reihe).

Um zwanzig nach zehn endete das Konzert mit Hello. Und auch wenn sich das vielleicht anders liest, bereue ich überhaupt nicht, Shakespears Sister gesehen zu haben. Daß mich die Musik nicht touchiert, kann ich der Band wirklich nicht vorwerfen.

Setlist Shakespears Sister, New Theatre, Oxford:

01: Goodbye cruel world 
02: Heroine
03: Dangerous game
04: Dirty mind
05: My 16th apology
06: Heaven is in your arms
07: The trouble with Andre
08: Emotional thing
09: C U next Tuesday
10: Time to say goodbye
11: All the Queen's horses
12: When she finds you
13: Black sky
14: Stay
15: Are we in love yet
16: I don't care
17: You're history

18: Catwoman (Z)
19: Hello (Turn your radio on) (Z)



Les concerts de la semaine à Paris du 4 au 10 novembre 2019

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Enormément de concerts cette semaine ! Difficile de choisir "la meilleure" soirée (si jamais ça existe). Moon Duo à Petit Bain a l'air très intéressant, j'avais toujours raté ce groupe psychédélique culte !



04: Billie Marten et Bruises, Pop-up du Label
04: Lizzo, Salle Pleyel
04: Corridor et Sofia Bolt au Point Ephémère
04: Of Monsters And Men, Trianon
05: Grant-Lee Philipps, Les Etoiles>>reporté en avril 2020
06: Moon Duo, Petit Bain
06: MorMor, La Maroquinerie
06: Jessie Reyes, La Bellevilloise
06: Superbravo, Manufacture Chanson
06: Chevalrex, Le 104
06: Last Train, Trianon
06: Gruff Rhys, Pop-up du Label
06: The Murder Capital, Nouveau Casino, complet
06: Jay Jay Johnson, et Emilie Zoé, La Gaité Lyrique
07: Showcase la Féline au Walrus
07: Babeheaven, Supersonic
07: Morjane Ténéré et Francoeur, Trois Baudets
07: Marguerite Bornhauser Paris Photo, Galérie Madé
07: Jonathan Wilson, Café de la Danse
07: Francis Lung, Pop-up du Label
07: Performance féministe de Clémence Vazard: Sois belle et Tais-toi, Mémoire de l'Avenir, 19h
07: Xiu Xiu et Camilla Sparks et Hyperculte, Petit Bain
07: Blanco White, Point Ephémère
07: B Boys, Decibelles, Sex Sux, Station Gare des Mines
08: 17 Hippies et Wallace, Café de la Danse
08: Friendly Fires, La Maroquinerie
08: Refused, Elysée Montmartre
08: Barbara Carlotti, Théâtre Luxembourg
08: Cigarettes After Sex, Olympia
08: Part Time Chimp, Petit Bain
08: Naive New Beaters, Trianon
08: Marina, Zénith
08: Showcase de Bleue Reine, Walrus
08: Les Innocents, Paul B, Massy
08: Jad Wio, Gibus Live
08: Soiree Midnight Special Records, American Art Center
10: Fontaines D.C., Bataclan, complet
10: Amiina, Philharmonie, 18h
10: Olafur Arnalds, Philharmonie
10: A La Mode, Dock B, Pantin, 14h30



Montag, 28. Oktober 2019

Les concerts de la semaine à Paris du 28 octobre au 3 novembre 2019

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Encore plein de bons concerts cette semaine à Paris. Pour ceux qui n'aiment pas le Pitchfork Festival il y a plein d'alternatives en tout cas. Follakzoid à Petit Bain mardi me parait fascinant.



Lundi 

28: Heavy Lungs, Supersonic
28: The Divine Comedy, Salle Pleyel
28: Kate Tempest, Trianon

Mardi 

29: Agent Side Grinder, Boule Noire
29: Follakzoid, Petit Bain

Mercredi 

30: Gisèle Pape, Garden With Lips, Remi Parson, Trois Baudets
30: Juan Wauters, Point Ephémère
30: The Detroit Cobras, Gibus
30: Battles, Trabendo
30: Spencer Kurt (Wolf Parade), Pop-up-du Label

Jeudi: 

31: Pond, Elysée Montmartre
31: Vendège, Café de Paris
31: Stef Chur et Bleu reine et Aneth Penny, Supersonic

Vendredi 

01: Deaf Center et Arrington de Dionyso, Ecole Nationale des Beaux Arts
01: The Division Men et Fantôme/Folk Noir, La Pointe Lafayette
01: Princess Thailand et La Chinoise, Pop-up du Label
01 et 2: Pitchfork Music Festival Paris, Grande Halle de la Villette







Samedi 

02: Julie Doiron, Café de Paris
02: Trixie Whitley, La Maroquinerie

Dimanche

03: Whispering Sons, Point Ephémère



 

Konzerttagebuch © 2010

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