Mittwoch, 5. November 2008

Blood Red Shoes, Köln, 04.11.08


Konzert: Blood Red Shoes (& 1984)
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 04.11.2008
Zuschauer: sehr viele (fast ausverkauft)
Dauer: Blood Red Shoes 50 min, 1984 40 min


Heute hatte ich verschiedenste Optionen, den Abend zu verbringen. Ich hätte zu Hause die Vorberichte der Wahl Liebling der Deutschen gegen Hockey-Mum sehen können (sehr langweilig) oder Bremens Niederlage gegen Athen (fast genauso langweilig), vielleicht in Köln Vampire Weekend (extrem langweilig) oder zum sechsten Mal die Blood Red Shoes (auch langweilig?).

Ich hatte wirklich in den letzten Wochen ab und zu Bedenken, ob ich nicht vorschnell war, wieder eine Karte für das Duo aus Brighton zu kaufen. Schließlich hatte ich Laura-Mary und Steven in den letzten anderthalb Jahren bereits fünfmal gesehen, alleine zweimal im Gebäude 9. Auf der anderen Seite war aber keines der Konzerte langweilig, ich wollte es also noch einmal riskieren...

Fünfmal Blood Red Shoes - damit hatte ich mehr Auftritte der Engländer gesehen als von französischen Bands, obwohl Konzerttagebuch un site Web franco-allemand ist. Mehr als Soko, Les Rita Mitsouko oder Herman Dune fallen mir nicht ein. Der Weg nach Köln scheint aus Kanada oder Schweden deutlich kürzer zu sein als aus Paris oder Lyon. Die Blood Red Shoes hatten aber solche
Exoten als Vorgruppe dabei, 1984 aus Straßburg. Ich kannte von denen bisher nichts, hatte aber ein paar euphorische Kommentare bei last.fm gelesen.

Kurz nach neun erschienen dann drei Musiker im schon ganz gut gefüllten Gebäude 9. An der Rückwand flatterte eine Projektionsfläche, auf der Animationen des Bandnamens abliefen. Ehrlich gesagt war ich ziemlich skeptisch. Diese Zweifel waren aber sofort weg, als 1984 erst einmal angefangen
hatten. Die Lieder der Elsässer klangen nach einer ordentlichen Portion Joy Division, ohne wie eine der vielen einfallslosen Coverbands zu wirken. Ganz im Gegenteil, 1984 empfand ich als extrem erfrischend, obwohl das Adjektiv nicht zu düsterer, sich teilweise sehr hart anhörender Musik passt. Faszinierend waren vor allem die satten Gitarren, denn obwohl nur eine im Linup war (die von Etienne Nicolini), hätte man auch denken können, die Franzosen benutzten drei Gitarristen. Neben Joy Division kamen mir auch die Strokes ab und an in den Sinn, wobei - ich wiederhole mich - 1984 sehr eigen im besten Sinne des Wortes klangen. Da konnte ich auch sehr wohlwollend über das wilde Gepose von Bassist Bruno Palagatti hinwegsehen.

Auf der Leinwand liefen immer komplexere Animationen, bis hin zu Videos und Konzertbildern der Band, die den Eindruck machten, als wären sie live, auf denen hatte aber Etienne ein anderes Hemd an - sie waren aber perfekt synchron zum Auftritt der Band. Ein Lied spielten die sehr sympathisch wirkenden Franzosen in ihrer Muttersprache, wobei mir das vermutlich nur schwer aufgefallen
wäre, hätten sie es nicht angekündigt. Schwer, weil innerhalb der düsteren Klanggebilde die Stimme eher abstrakt wirkte (juchuu, eine schöne Musikjournalistenfloskel) und nicht etwa, weil auch die englischen Lieder den so niedlichen französischen Dialekt gehabt hätten. Denn das ging. Aber ganz konnten 1984 nicht verbergen, woher sie kommen. Aus "higher and higher" wurde irgendwann "'eier and 'eier".

Wir schwärmen hier ja oft von französischer Indie- und Alternativemusik. Ich darf das heute auch einmal - und mache es sehr gerne. Das war gut!

Setlist 1984, Gebäude 9, Köln:

01: The missing voice
02: Tiptoe
03: L'homme aux os
04: Territory
05: The wait
06: Skandiska
07: Cache-cache

Der Umbau für die Blood Red Shoes ging recht zügig vonstatten. Stevens Schlagzeug stand schon von Beginn an auf der Bühne, wie üblich rechts und quer zum Publikum. Laura-Mary braucht nur Mikro, Kabel und ein paar Effekte. Damit die Roadies aber noch etwas zu tun hatten, stellte man zwei Stehlampen Modell Castrop-Rauxel auf. Die Leinwand der Franzosen wurde durch ein großes schwarzes Tuch mit Bandlogo ersetzt, Laura-Mary bekam ein Glas Wein und das dritte Mal Blood Red Shoes im Gebäude 9 konnte beginnen.

Zum ersten Mal hatte ich das Duo aus Brighton im Gebäude 9 im März 2007, gemeinsam mit 20 anderen Besuchern. Diesen ersten Headline-Gig der beiden hätte ich sicher auch verpasst, wenn mich nicht Oliver vorher angerufen hätte, um mir die Band nahezulegen. Sehr eindringlich, denn ich ging hin und war sofort begeistert. Das nächste Konzert ein Jahr später war an gleicher Stelle dann schon sehr gut gefüllt, und auch diesmal waren trotz der starken Konkurrenz (Athen, Hockey-Mum und langweilige Ex-Hype-Band in der Live Music Hall) wieder sehr viele gekommen, ein paar mehr als im April, denke ich.

Geändert hatte sich, daß die Stimmung viel ausgelassener als zuletzt war. Durch die vielen Festivalauftritte, das fleißige Touren allgemein, haben sich Laura-Mary und Steven offenbar eine echte Fanbasis erspielt - vollkommen zu recht natürlich! Bei all dem vielen Spielen hatte ich nur große Bedenken, daß neue Lieder komplett fehlen würden. Aber gleich nach dem Eröffnungsstück
Doesn't matter much wurden diese weggespielt, denn Steven (Ringelhemd und übliche Wuschelfrisur) kündigte gleich ein neues Lied names It is happening again an. Das war zwar beim ersten Hören kein riesiger Hit aber auch keine Niete.

Kurz später (naja kurz... immerhin spielten sie in der Zeit die beiden Knaller Try harder und
Say something say anything) ein weiterer neuer Song. Sehr neu offenbar, denn Steven erklärte: "It doesn't have a name, yet." Namenlos (mit Laura-Mary Refrain "So nice") war schon ein größerer Knüller und ganz zweifelsfrei ein echtes Blood Red Shoes Lied. Das Highlight des Abends war aber dann das dritte neue Stück, das etwas später kam. Count me out ist schlichtweg brillant! Durch Kuhglocken hat es einen etwas anderen Schlagzeugklang. Daneben begeisterte mich eine wundervolle Melodie, die sicher zum popigsten gehört, was die Blood Red Shoes bisher geschrieben haben.

Der Rest des Programms war Bekanntes und Geliebtes. Das gilt nicht bloß für die Stücke sondern auch für die Bühnenpräsenz der beiden. Steven drosch wie üblich auf sein Schlagzeug ein, sang inbrünstig und streckte immer mal wieder die Arme hoch. Laura-Mary, die unfassbar coole Rock'n'Roll-Queen, spielt dazu Gitarre, läßt sich vom Industrieventilator die Haare verwuscheln und singt zauberhaft - oder sie schreit ab und zu wie am Spieß. Die Stimmen der beiden, deren Wechselspiel so verlockend ist, waren perfekt aufeinander abgestimmt, die Lieder klangen bestens. Besonders fiel mir das auf, als nach dem regulären Teil die Zugaben
kamen, und Laura-Mary beim Schlußsong ADHD ins offenbar runtergeregelte Mikro schrie, diese Schreie aber recht leise und perfekt zum Lied passend rauskamen. Für mein Laienohr war das blendend ausgesteuert!

Neben dem überragenden Count me out waren diesmal I wish I was someone better und Take the weight meine Lieblinge. Ach, waren die beiden (Musiker) wieder toll. Vor allem waren sie keine Spur langweilig, ich werde sie also auch wohl ein viertes Mal im Gebäude 9 sehen!

Setlist Blood Red Shoes, Gebäude 9, Köln:

01: Doesn't matter much
02: It is happening again (neu)
03: Try harder
04: Say something say anything
05: Neu (und noch ohne Namen)
06: It's getting boring by the sea
07: Forgive nothing
08: Count me out (neu)
09: This is not for you
10: You bring me down
11: I wish I was someone better

12: Take the weight (Z)
13: ADHD (Z)

Links:

aus unserem kleinen BRS Archiv:

- Interview mit Laura-Mary Carter beim Melt! Festival
- Blood Red Shoes, Highfield-Festival, 17.08.08
- Blood Red Shoes, Melt!, 18.07.08
- Blood Red Shoes, Montreux, 15.07.08
- Blood Red Shoes, Evreux, 28.06.08
- Blood Red Shoes, Berlin, 06.05.08
- Blood Red Shoes, Köln, 28.04.08
- Blood Red Shoes, Paris, 09.11.07
- Blood Red Shoes, Köln, 16.10.07
- Blood Red Shoes, Paris, 08.06.07
- Blood Red Shoes, Paris, 08. und 09.06.07
- Blood Red Shoes, Paris, 06.03.07
- Blood Red Shoes, Köln, 11.03.07

- mehr Fotos aus dem Gebäude 9



4 Kommentare :

Jan Carew hat gesagt…

Gebäude 9 war in der Tat mal wieder ein Ohrenschmaus. Herzlichen Dank auch für die schnellen feinen Bilder vom Abend!

oliver r. hat gesagt…

Hatte ich doch irgendwie geahnt, daß mir diese 1984 etwas sagen! Jetzt weiß ich es wieder: Sie waren im Mai bereits Vorgruppe von Blood Red Shoes in der Pariser Maroquinerie und haben natürlich auch schon in der Flèche d'or gespielt.

Ich wünsche den deutschen Garagenrockfans jetzt aber auch John & Jehn und The Underground Railroad. Beste Musik made in France!

Christina hat gesagt…

...raise your 'ands...'eier and 'eier! Das war mein Höhepunkt gestern :) Die Franzosen! Warum bloß singen sie nicht einfach auf französisch, mmmh? Klingt doch eh viel besser!

oliver r. hat gesagt…

Interessante News:

Die Pariser Band Sheraff wird für einige Daten im November in Frankreich für die Blood Red Shoes eröffnen. Erst vor ein paar Tagen hatte ich auf diesem Blog über Sheraff berichtet!

 

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