Dienstag, 27. Oktober 2026

Abhirup Roy & Deepsankar Bhattacharjee, 17.10.2026, Karlsruhe

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Konzert: Abhirup Roy an der Tabla & Deepsankar Bhattacharjee an der Sitar
Ort: Wohnzimmer im Europaviertel
Datum: 17. Oktober 2026
Dauer: 70 min
Zuschauer: 24

 
 
Bericht von Renate, Fotos von Matthias (vielen Dank!)
 
Kennengelernt hatten wir Abhirup Roy und Deepsankar Bhattacharjee bei einem ihrer Konzerte bei Gabriele in Kirchfeld. Beeindruckt waren wir von den Klängen und Rhythmen, die so ganz anders auf uns wirkten als unsere westliche Musik und diesen so virtuos spielenden Händen der Musiker. So viele Töne mehr als unsere Ohren es gewohnt sind! Dazu werden die Saiten sanft gezogen. So gehen die Töne ineinander über und fügen sich zu einem wunderbaren Klangerlebnis.
 

Auf unsere Einladung zum Konzert meldeten sich einige ab, weil es nicht ihre Musik sei. Wer aber kam, kannte sich aus, wollte genau diese Musik erleben, oder kam bewusst, um sich auf etwas Neues einzulassen. Belohnt wurden beide.

Die ersten Minuten stimmte Deepsankar akribischen die über 20 Saiten seines Instruments – ein Prozess, der in der indischen Musik wohl ein Teil der Performance ist und das Publikum akustisch einstimmt.

Dann gab er uns einen kleinen Einblick in die Raga-Musik: Sie wird traditionell in Tempeln gespielt, heutzutage auch in kleinen und großen Konzerthäusern und auf Festivals. Sie wird den verschiedenen Tages- oder Jahreszeiten zugeordnet. 
 

Wir lauschten aufmerksam den zunächst fremden Klängen, bis dass wir immer tiefer in sie eintauchten und die spirituelle Kraft des Ragas spürten. Für die, die den Raga das erste Mal live erlebten, erweiterte sich an diesem Abend der Horizont der Hörgewohnheiten. Beim Raga gibt es keine kurzen, voneinander getrennten Songs, sondern eine fortlaufende Entwicklung in drei Teilen:
 
Alap: Deepsankar begann völlig ohne Rhythmus, die Saiten der Sitar zu zupfen und zu ziehen, während Abhirup die Augen schloss und den meditativen Klängen folgte.
Jod & Jhala: Nun wurde es rhythmischer, die Tonfolge immer schneller, während die Tabla noch schwieg. Westliche Musik kommt meist schnell auf den Punkt, ein Raga nimmt sich Zeit.
Gat / Bandish: Abhirup puderte sich immer wieder die Hände. Gespannt warteten wir auf seinen Einsatz. Dann änderte sich die Dynamik radikal, strukturierter Rhythmus wechselte sich mit Improvisationen ab. 

Sitar und Tabla forderten sich gegenseitig heraus. Nur ein kleiner Teil der Musik ist vorgegeben, 95 % improvisiert. Es war ein Wechselspiel, vielleicht eine Geschichte. Wie greifen sie ineinander, ohne Dirigent. Führt einer und der andere folgt, wie beim Tanzen, oder gibt es in Tonfolge oder Rhythmik ein Zeichen wie es weitergeht? Oder sind es Blickkontakte, minimale Bewegungen oder Kommentare, die die beiden ohne Verzögerung synchronisiert und auf den Punkt bringt?
 
 
Zum Ragaspieler wird man geboren, stammt meist aus einer Musikerfamilie und bekommt schon als Kleinkind Unterricht von einem Meister und es braucht alle Kraft, so dass es bei diesem einen Instrument bleibt, wenn man es professionell machen will. Abhirup spielt die Tabla in dritter Geberation, begann mit 2,5 Jahren mit dem Unterricht, Deepsankar spielt die Sitar in fünfter Generation, begann mit 3,5 Jahren mit dem Unterricht. Abhirups Komposition und das gleichnamige Album „The Other Half“ brachten ihm 2024 die Auszeichnungen in den Kategorien „Best Composer“ und „Best Original Score“ bei den Global Music Awards ein. Das Werk zeichnet sich durch eine Verschmelzung von traditioneller indischer klassischer Musik und zeitgenössischen, cineastischen Klängen aus. Durch seine über zehnjährige internationale Arbeit und seine künstlerischen Erfolge wurde Abhirup dieses Jahr von der Recording Academy als stimmberechtigtes Mitglied für die Grammy Awards benannt.

Beide touren durch Indien, USA und immer im Herbst durch Europa, geben Konzerte und sind Meister ihrer Kunst. Ihre Schüler kommen oft von weit her zu Ihnen nach Kolkata. Sie bieten online-Unterricht an, einige Schüler kommen zu ihnen und bleiben eine Zeitlang.

Wenn man meint, dass in Indien alle Raga hören, liegt man falsch. Auch in Indien ist diese Musik neben indischem Pop, Bollywood-Filmmusik usw. eher eine Nische. 

Auf die Frage, ob jemand etwas über die Musik erfahren möchte, kam der jüngste Konzertbesucher (8J.) und ließ sich die Instrumente zeigen. Ein Geschenk.

Nach dem Konzert waren die beiden Musiker genauso wie wir beseelt von dem schönen Konzert. Sie wollen im kommenden Jahr wieder zu uns kommen und das nehmen wir sehr gerne an.




Mittwoch, 7. Oktober 2026

"Come as you are" Festival - Effenaar/Eindhoven - 03.10.2026

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Konzert: "Come as your are"-Festival
Ort: Effenaar/Eindhoven
Datum: 03.10.2026
Dauer: 1 Tag
Zuschauer: ca. 1.400 ausverkauft


Tagesfestivals in kleineren Hallen sind in Deutschland ja nahezu unbekannt. In den schönen Clubs unserer niederländischen Nachbarn sind sie fester Bestandteil der Szene-Kultur. Thematisch unterscheiden sich die Konzertserien wie "Fuzz-Club", "London-Calling" und hier das "Come as you are"-Festival in Eindhoven natürlich erheblich. Was bleibt, ist eine tolle Atmosphäre, mit vielen Newcomern am Nachmittag, und größeren, etablierteren Acts am Abend.  

"Fiep" sind so eine tolle Newcomer-Band aus dem unendlichen Amsterdamer Kosmos. Ich durfte sie bereits beim Misty Fields Festival bewundern, und auch heute haben sie nichts von ihrem Charme und den guten Indiesongs verloren. TIP: Nightshop


Nach einer klassischen, frittierten Stärkung am extra aufgebauten Pommesstand dann eine kleine Überraschung: "Republica" sind zurück. Ausgestattet mit zwei echten Welthits, gibt es eine lupenreine Zeitreise in die 90er. Einige der neuen Bandmitglieder/innen waren da allerdings noch gar nicht geboren. Frontfrau Saffron Sprackling und der bereits sehr gut gefüllte Saal haben Spaß und schwelgen bei "Drop that gorgeous" und "Ready to go" in Erinnerungen.

Im Anschluss wird es dann für mich etwas emotional. Die "Afghan Whigs" sind eine der Bands, die mich niemals langweilen. Seit 1992 habe ich unzählige Konzerte besucht und mich immer wieder von ihrem souligen, intelligenten Rock mitreißen lassen. Frontmann Greg Dulli schreibt auch nach der langen Pause der Band immer noch fantastische Songs, die auch heute Abend gegen die alten Kracher sehr gut bestehen können. 



Seit Ewigkeiten werden nochmal Schätze aus ganz alten Zeiten ausgepackt. "What jail is like", "I`m her slave" und "My enemy" sind unzerstörbare Klassiker und zeigen die Whigs live wieder als rollenden Zug, den keiner aufhalten kann. Dazu die Highlights der neuen Platte. Das groovende "Duvateen", "House of I" und "My lover". 

Diese Tour spart sich die, sonst auch immer tollen Streicher und Bläser. Zum Jubiläum gibt es die rockige Version der Band zu bewundern. Leider war die Spielzeit aufgrund des Festivalrahmens auf 60 Minuten begrenzt. Ich hätte noch stundenlang lauschen wollen.


"Shame" haben es danach etwas schwerer. Ihr Post-Punk wirkt etwas beliebiger als in ihren Anfangstagen. Dazu kommen große technische Probleme, die zu mehreren Unterbrechungen führen. Da kann keine Stimmung aufkommen.

 
Als besonderes Schmankerl präsentiert das Festival dann zu später Stunde noch eine Stunde "Nirvana" live. In Perfektion vorgetragen von der niederländischen Band "Paceshifters". Diese touren mit diesem Konzept durch niederländische Clubs, haben aber auch schon selber diverse Alben veröffentlicht. Es macht höllischen Spaß, diese Klassiker live zu erleben. Die Wucht und pure Energie sind in jeder Sekunde spürbar.  


Es war wieder ein wunderschöner, perfekt organisierter und entspannter Tag in Eindhoven. Lasst Köln links liegen und besucht mehr Konzerte und Festivals in den Niederlanden. Es lohnt sich.



Mittwoch, 26. August 2026

Lowlands Festival - Biddinghuizen/NL - 20.-24.08.2026

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Konzert: Lowlands Festival
Ort: Biddinghuizen/NL
Datum: 20.08.-24.08.2026
Dauer: 4 Tage
Zuschauer: ca. 60.000


Gastautorin Sonja berichtet:


 „Here We Go Again“ Lowlands 2026: Für mich war Lowlands in diesem Jahr mehr als nur ein Festival. Es war eine persönliche Reise und eine Herausforderung. Zum ersten Mal fuhr ich nicht im Team, sondern alleine. 

Was sich zunächst ungewohnt anfühlte, wurde schnell zu einer besonderen Erfahrung. Ich musste mich auf mich selbst verlassen, neue Menschen kennenlernen und durfte feststellen, dass man auch alleine Teil von etwas Größerem sein kann. 

Gleichzeitig steht das Lowlands Festival  selbst vor Herausforderungen. Eine neue Leitung, wirtschaftlicher Druck und die Frage, wie sich ein Festival immer  weiterentwickeln kann, ohne dabei seine Identität zu verlieren. 

Zwischen großen Erwartungen, einem vielfältigen Publikum und dem Anspruch, an Bewährtem festzuhalten und zugleich Neues zu wagen, muss sich das Festival immer am eigenen, extrem hohen Anspruch messen lassen. 


Die Reise begann am ersten Tag etwas holprig. Das medizinische Team rettete zunächst mein Festivalwochenende, dafür noch einmal ein riesiges Dankeschön. Somit konnte der erste Festivaltag ruhig und gefühlvoll mit dem irischen Newcomer Dove Ellis starten. 

Zwischen Indie-Folk, sanften Gitarren und seiner außergewöhnlichen, fast schwebenden Stimme entwickelte sich schnell eine ganz besondere Atmosphäre. Auch wenn ich leider nur die letzten drei Songs erleben durfte, war sofort zu spüren: Hier entsteht gerade etwas Besonderes. Ellis hat eins DER Alben des Jahres (auch wenn es im Dezember 2025 erschien) geschaffen, und ist eine echte Entdeckung.


Der Kontrast zu COBRAH hätte nicht größer sein können. Ihre Show war eine wilde, kinky Mischung aus Clubmusik, Industrial-Electro und provokanter Performance. Harte Beats, hypnotische Hooks und eine selbstbewusste Bühnenpräsenz machten den Auftritt zu einem körperlichen Erlebnis. Hier blieb wirklich niemand lange still stehen.

Mit Blood Orange wurde es anschließend wieder musikalischer und atmosphärischer. Zwischen R&B, Indie, Funk und Art-Pop entstanden warme, volle Klangwelten, die deutlich ruhiger wirkten, aber trotzdem eine enorme Sogwirkung entwickelten. 


Danach übernahmen die Viagra Boys und brachten ihre ganz eigene, mittlerweile gut bekannte Festival-Attitüde mit. Zwischen Post-Punk, dreckigen Gitarren, treibenden Beats und jeder Menge schrägem Humor wurde es laut, wild und herrlich chaotisch. Genau, diese Mischung aus Punk-Energie und absurdem Charme macht die Viagra Boys live so besonders. 

Den Abschluss machten für mich FCUKERS und damit vermutlich einer der heißesten Newcomer des Festivals. Das New Yorker Duo verbindet House, Garage, Breakbeats und den Sound der 90er- und 2000er-Clubkultur mit einer ordentlichen Portion Indie-Attitüde. 

Ihre Songs sind direkt, tanzbar und gemacht, um live zu funktionieren. Genau das spürte man auch im Publikum: Energie bringt das Zelt zum schwingen und bildet einen perfekten Abschluss für diesen völlig diversen ersten Festivaltag.


Good Morning Lowlands, Tag zwei startete mit dem Ziel Boys Noize um 3:30 Uhr noch zu erleben. Doch zwischen Start und Ziel kann viel passieren. Der Start beginnt mit Violet Grohl musikalisch stark. Sie stand selbstbewusst auf der Bühne und wirkte dabei überhaupt nicht so, als müsste sie sich hinter ihrem berühmten Namen verstecken. 

Auch Keo sorgten mit Ihren rohen Gitarren, eingängigen Melodien und 90er-Grunge-Einflüssen für einen energiegeladenen Sound, der Freude machte. Mein persönliches Highlight war an diesem Tag aber eindeutig der Auftritt von Geese im Bravo, dem zweitgrößten Dome des Festivals.

Die Band spielte fast ohne Spots auf der Bühne, und genau das machte den Auftritt so besonders. Die Songs klangen live viel verzerrter, rauer und intensiver als auf dem Album. Vor allem die Stimme von Cameron Winter ging mir direkt unter die Haut. Es war einer dieser Auftritte, bei denen ich irgendwann einfach nur noch dastand und mich von der Musik mitreißen ließ und überrascht war, als es plötzlich vorbei war. Ja, Geese hatten einen Hype. Aber diese Band wird zurecht auch noch eine lange Zukunft haben.  


Danach ging es mit einem kurzen Sprint für einen kurzen Abstecher ins Alpha. Der New Yorker "Shane Boose", besser bekannt als Sombr, ist gerade einer der spannendsten jungen Künstler zwischen Dance und Alt-Pop. Seine Musik begann als Bedroom-Pop, bevor Songs wie „12 to 12“ und „undressed“ ihn in kürzester Zeit international bekannt machten. Ich wäre aufgrund der super Stimmung auch gerne länger geblieben, doch dafür war keine Zeit. 

Relativ kurz vorab erst angekündigt spielten Royal Blood im Heineken-Zelt. Jetzt wurde es wieder laut und körperlich. Das britische Duo schafft es mit Bass, Schlagzeug und Gesang, einen unglaublichen Druck zu erzeugen. Der Sound drückte, die Energie war sofort da, und langsam fragte ich mich nicht mehr, ob ich bis 3:30 Uhr durchhalte, sondern nur noch, wie. 

Und dann war es tatsächlich so weit. Nach einem kurzen Abstecher zum Adonis (der großen Gay und Trans Disco auf dem Gelände) ging es zu Boys Noize ins Bravo. Hinter dem Namen steckt der deutsch-irakische Produzent Alexander Ridha, der seit über zwei Jahrzehnten für einen ungewöhnlichen, düsteren Mix aus Electro, Techno, House und Hip-Hop steht. Genau das bekam ich jetzt zu spüren: Die Beats waren hart, treibend und völlig kompromisslos. 

Eigentlich war ich längst zu müde, aber daran war plötzlich nicht mehr zu denken. Der Sound ging direkt in den Körper und ich tanzte mich noch einmal völlig frei. Aus dem „Schaffe ich das überhaupt bis 3:30 Uhr ? war plötzlich eine Party bis 4:30 Uhr morgens geworden. Erst danach war wirklich keine Energie mehr da. „Good Morning Lowlands“! und ab ins Bett.

Uups, schon der letzte Tag! Und dabei gibt es noch so viel zu entdecken: Kunstinstallationen wie „Chasing the Dot“ von Philip Vermeulen, die mit Licht, Farbe und Wahrnehmung spielt, den Wellnessbereich, das Kino und vieles mehr. Leider schafft man einfach nicht alles. 


Aber gerade an diesem letzten Tag gab es noch einmal unvergessliche Momente, die diese Reise besonders machten. Zum Aufwachen und Ankommen: Anaiis, die französisch-senegalesische Sängerin und Songwriterin aus London, verzaubert mit ihrer warmen Stimme und einer Mischung aus Soul und R&B und sorgt damit für die erste Gänsehaut des Tages.

Nach einer kurzen Stärkung an einem der unzähligen Foodstände ging es für die nächsten vier Stunden ins Alpha. Für zwei Konzerte, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide auf ihre ganz eigene Art herausragend waren. 


Turnstile waren pure Energie: wild, rau, körperlich und voller Lebensfreude. Kaum ein Moment zum Durchatmen. Dafür Springen, Tanzen, Moshpits und eine unglaubliche Verbundenheit im und mit ihrem Publikum. Selbst Crowdsurfing im Rollstuhl wurde hier möglich. 

Das sind die Momente die für mich perfekt zeigen, was diese Musik auslösen kann: Freiheit, Gemeinschaft und pure Freude. Zwischen Turnstile und Lorde der berühmte Sonnenuntergang im Alpha. Jedes Jahr aufs Neue schafft dieser Moment eine ganz besondere Atmosphäre. Wenn die Sonne langsam verschwindet, das Licht weicher wird und für einen Augenblick alle einfach innehalten, fühlt sich ein Festivalabend plötzlich ganz besonders an.


Und dann kam Lorde. Ich war ehrlich gesagt gespannt, denn natürlich kennt man ihre Songs, aber wie würde das live funktionieren ? Die Antwort kam mit voller Wucht. Eine außergewöhnlich intensive Show zwischen Intimität und großer Inszenierung: bewegliche Würfel wurden zu Videowänden und Bühnen, dazu Licht, Kamerabilder aus unmittelbarer Nähe und eine Choreografie, die ihre Songs immer wieder in völlig neue Bilder übersetzte. 

Besonders diese Nähe hat mich gepackt: Lordes Gesicht riesengroß auf den Screens, ungefiltert und ganz nah, während sie gleichzeitig über die Bühne tanzte und mit voller Energie in ihren Songs aufging. Es fühlte sich weniger wie ein klassisches Popkonzert und mehr wie ein perfekt inszeniertes Gesamtkunstwerk an. Und irgendwann war dieser Moment da, in dem aus „mal sehen, wie sie live ist“ ein „wow, das werde ich so schnell nicht vergessen“ wurde. 

Die letzten Akkorde, die Lichter und dieser eine Moment, in dem man noch einmal auf ein intensives Wochenende zurückblickt. Plötzlich zählen keine Zahlen, keine Zweifel und keine offenen Fragen mehr. Es bleibt nur dieses Gefühl von Freiheit, Gemeinschaft und Dankbarkeit. Denn genau dieses Gefühl ist es, das uns immer wieder an diesen magischen Ort zurückbringt.

Lowlands ist soviel mehr als ein paar große Bühnen auf der grünen Wiese. Hier verbinden sich Kultur und Subkultur, Unterhaltung und Wissenschaft, Fakten und Emotionen zu einer Stadt mit 60.000 Einwohnern. Diesen Anspruch in der Zukunft mit der gleichen Leidenschaft fortzuführen, wird die große Herausforderung für die nächsten Jahre.     

Lowlands 2027……. „Here we go again“!


Dienstag, 11. August 2026

Haldern Pop Festival 2026, Rees-Haldern, 05.08.-08.08.2026

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Konzert: Haldern Pop Festival
Ort: Rees/Haldern
Datum: 05.08.-08.08.2026
Dauer: 4 Tage
Zuschauer: fast ausverkauft



Zum bereits 43. Mal lädt das Dorf am Niederrhein die Welt zu sich ein. Unter  dem Begriff "Pop" wird seine ganz eigene Sicht des diesjährigen Status Quo präsentiert. 

Als einer der Headliner für die drei vollgepackten Tage dieses Vorhabens wurden "The Notwist" ausgewählt. So vorhersehbar und logisch diese Wahl erschien, es steckt etwas mehr dahinter.

"The Notwist" spielen am Freitagabend ein wirklich epochales Konzert auf der Mainstage. Die Band besteht seit 1989, also fast 37 Jahre. Das klingt weder Hip, noch spannend. Genau wie das Festival hat aber auch die Band diverse Häutungen in den ganzen Jahren durchlaufen. Früher wild und ungestüm, dann voller Experimentierfreude und Überraschungen. Es folgten ruhigere Phasen und auch etwas orientierungslos mäanderte es einige Weile vor sich her, bevor es seit der Corona Zeit wieder künstlerisch und live steil bergauf geht. 

1000 Stile, 1000 Melodien, 1000 Talente. Das verbindet diese beiden Lieblingsprojekte. 


Ich weiß nicht, ob "Geordie Greep" (der ehemalige Sänger von "Black Midi") vom Backstage des Spiegelzeltes am Nachmittag schonmal sehen wollte, wer da vor ihm so auftritt. Er hätte vermutlich geschmunzelt, als die Schweizerin "Nathalie Fröhlich" dort ihre ganz eigene Version von Pop präsentierte. 

Das Publikum, wenn auch nicht identisch, feierte beide Auftritte wie eine Messe. Die Eine auf der Bühne im Bikini, die Anderen in gebügelten Hosen und Hemden. 

In der Frage, was Pop ist, zählt für das Haldern Festival nicht, ob es im Studio einen Glücksfall gab oder ein Produzent einen Song zum Hit destilliert hat. 


Wer in Haldern auftreten darf, ist auf der Bühne zu Hause. Er wird jedes Publikum überzeugen, egal ob als ausufernder Prog-Rock oder Solo am Piano in der Kirche. So wächst das Festival immer mehr in der stilistischen Breite, statt auf überteuerte Headliner und mehr Zuschauer zu schielen.

Das macht es aber auch so schwer, neue Besucher*innen für einen Besuch zu begeistern. In der deutschen Monokultur der Festivals muss es eine klare Erzählung geben. Wo Genregrenzen überschritten werden, gibt es oft Unmut und Schulterzucken. 


Wer aber einmal erlebt hat, wie bereichernd es sein kann, hierzulande noch fast unbekannte Acts wie "Heidi Curtis" (Americana Rock), "Erotic Secrets of Pompeii" (Artrock), "Nectar Woode" (Soul) und "Sara Parkman" (Folk aus einer anderen Welt) innerhalb von nur drei Stunden zu erleben, der kann am Zeltplatz viel berichten und zehrt noch lange davon.  


Und so lohnt es sich in den Tagen nach dem Festival noch einmal tiefer in die Playlisten der tollsten Auftritte zu versinken, und die gewonnenen Eindrücke zu vertiefen. "Friko", mit ihrem hymnischen, melodischen und mitreißenden Sound zum Beispiel. Oder die unglaublich talentierten Songschreiber*innen des Kollektivs von "Ugly". Und natürlich, der mit Ansage tolle Auftritt von "Westside Cowboy", deren Platte erst in den nächsten Tagen erscheint. Viele  Vorschusslorbeeren wurden schon verteilt.

Und auch das ist nur in Haldern möglich: "Bonnie Prince Billy", eigentlich gesetzt für den späten Abend auf der Hauptbühne, spielt lieber mittags in der Dorfkirche. In früheren Jahren hätte so eine Entscheidung noch viele Diskussionen in der Community des Festivals ausgelöst. Mittlerweile gibt es so viel anderes zu bestaunen, das die meisten Besucher*innen davon kaum Notiz nehmen müssen.


Für die Postrock Fraktion und die tanzende Meute gab es ebenfalls genug zu erleben. Mit "chest.", "the 113", "Adult DVD", "Bleech 9:3" und vielen mehr, waren fast alle vielversprechenden Bands dieses Jahres am Start.

Dazu die Bands der mittlerweile schier unermüdlichen Talentschmiede des Windmill Club in Brixton. Hier dürfte das Haldern Pop schon lange ein geflügeltes Wort sein. Neben den Headlinern von "Black Country, New Road" schauten dieses Jahr auch ein weiterer "Black Midi " Ableger: "My New Band Believe" (Post-Pop), "1000 Rabbits" und der DJ "Mount Palomar" vorbei. 


Warum dieser mit gleich zwei prominenten Sets, sowohl im Spiegelzelt als auch auf der Hauptbühne bedacht wurde, ist mir allerdings unklar. Während der Auftritt im Spiegelzelt noch intensiv und frisch daherkam, wirkte es auf der großen Bühne dann doch etwas beliebig.

Über die üblichen Beschwerden bei anderen deutschen Festivals braucht man hier gar nicht erst reden. Bis auf etwas Stau bei der Anreise, leistete die größtenteils ehrenamtliche Crew wieder ganze Arbeit. Der Verzicht auf das sonst übliche Becherpfand war sehr entspannend und auch das etwas größere Spiegelzelt klang wesentlich besser und fasste ca. 300 glückliche Besucher mehr pro Konzert.


Und dann war da noch der Auftritt von "The Itch" am Samstagnachmittag. Die Band war live noch nicht ganz an dem Punkt, wo Viele sie bereits verorten, aber in ein paar Jahren werden wir uns erzählen, sie in Haldern schon 2026 gesehen zu haben. 

Wie so viele andere Geschichten, die nur ein Festival schreiben kann, das keine Melodie, kein Genre und kein Talent auslässt.

Schöner als "The Notwist" in ihrem Song Teeth kann man es nicht beschreiben: "I won`t sing in vain like all the others".  


Wir sehen uns zum 44. Mal in Haldern vom 11.08.-14.08.2027. Kauft früh eure Tickets und alle bringen eine*n Freund*in mehr mit.    

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Mehr Fotos schon jetzt und in den nächsten Tagen auf Instagram: Konzerttagebuch / folgt uns.... 


Montag, 3. November 2025

My sister grenadine

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Konzert: My sister grenadine
Ort: Wohnzimmer im Europaviertel
Datum: 31. Oktober 2025
Dauer: 80 min
Zuschauer: 23
 

Bericht von Renate, Fotos von Mathias und Martin (vielen Dank!)
 
My Sister Grenadine waren neben Vince Kokot (mit Ukulele, Gitarre, Metronom, Kassettenrecorder, Blasharmonika) diesmal auch Andreas Neumann (Klarinette, Bass Klarinette, Xylophon, Keys, Objekte). Mit Rucksäcken, Taschen und einer Lastenkarre trafen sie am Nachmittag am Hauptbahnhof in Karlsruhe ein, all das Gepäck passte gerade in den Kombi. In unserem Wohnzimmer eingetroffen, wurde ausgepackt, sorgfältig Instrumente und Lautsprecher aufgebaut, Beleuchtung ausgerichtet, dann wieder etwas gedimmt, damit sie das Publikum besser sehen können. Dann ein letzter Soundcheck und Pause für die beiden Musiker. 
 


Die ersten Gäste trafen ein, zwischendurch kamen Kinder an die Tür und wollten Süßes oder Saures, ein Schild an der Tür bat um Ruhe ab 20 Uhr, die Klingel wurde ausgeschaltet, jetzt ist Bühne frei für „My Sister Grenadine“. Man hätte eine Stecknadel fallen hören, so ruhig wurde es. Das Metronom schlägt, mit deutlicher Stimme hören wir von Vince „Sonne“... „Regen“...“Jahr“, die Worte aneinandergereiht, minimalistisch, im Hintergrund Geräusche aus dem Kassettenrecorder. Zunächst eine befremdliche, dann geheimnisvolle Atmosphäre, alle sind gespannt, was jetzt kommt. Jedes Stück ist anders, mal düster, mal melodiös, mal eindringlich, mal bedrohlich, die Spannung und Aufmerksamkeit bleiben und beherrschen den Raum.
 


Vince ist nicht nur Musiker, von ihm sind auch die Texte. Vieles in englischer Sprache, weil ihm das besser mit der Musik klingt, aber Sprechtexte auch in Deutsch. Nur „leuchtende Vögel“ ist keine eigene Lyrik. Sie verarbeiten damit ein Stück von Thomas Brasch und setzen die Worte in szenische Klänge. My Sister Grenadine entstand 2007 als akustisches Projekt von Vince Kokot. Nach Stationen unterschiedlicher Besetzungen stehen Vince und Andreas Neumann (Andy) seit 2023 als Duo auf der Bühne. Andy kann Klarinette und Bass Klarinette und ist außerdem der IT‘ler und Techniker. Er schließt die Augen, dreht an Knöpfen damit der Sound genau so ist wie er ihn will. 
 
 
Plötzlich titscht ein Tischtennisball durch den Raum, danach ein anderes Objekt. Andy spielt mit scheinbar banalen Objekten und setzt sie auf den Punkt musikalisch ein. Mit wechselndem Einsatz ihrer Instrumente singen sie mal solo, mal zweistimmig, meist beide von vorne, dann geht mal Vince, mal Andy hinter das Publikum und singt und spielt von dort, um ein ganz anderes Hörerlebnis zu schaffen. Sie haben keinen Manager, aber ein imaginäres Management, das ihnen immer wieder mit Rat zur Seite steht. Sie sollen mehr „happy Musik“ spielen, dann trifft das mehr Publikum. Tatsächlich haben sie eine Kiste mit solchen eingängigeren Stücken komponiert, wie vom Management empfohlen. Damit gehen sie aber sehr bedacht um. Sie machen und sie spielen die Musik, die aus ihnen kommt, sie komponieren nicht nach Erfolgschancen. Kein Mainstream.
 

Doch aus dem Publikum ruft doch einer nach „happy musik“, und sie erfüllen diesen Wunsch. Das imaginäre Management hat auch empfohlen, die Stücke zu erklären und so dem Publikum die Story dahinter mitzugeben. Das machen sie auch und auch das kommt gut an. So erfahren wir, dass sie Hauskonzerte lieben, weil sie da in Hausschuhen auftreten können, in jedem Haus andere. Wir erfahren auch dass sie für Engagement und Einsatz gegen Rassismus stehen, wohlwissend dass es ein mühsamer Prozess ist und dass sie die Ergebnisse vielleicht gar nicht mehr erleben werden. Zum Schluss gibt es noch eine Zugabe und dann einen regen Austausch mit den Gästen, es ist ein gelungener Abend.


Setlist
Intro / poem
to a void
the journey
leuchtende Vögel (Text Thomas Brasch)
those icicles
fireworks
lee
pour les oiseaux
8:46
future flames
ballad of daylight saving
fixing a riddle

interlude / poem#ballad of joy

a trivial pursuit
emma
equinox / deutscher Herbst

shelter song (Zugabe)
 


 

Konzerttagebuch © 2010

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