Montag, 3. August 2015

Sophie Hunger, Karlsruhe, 02.08.15


Konzert:  Sophie Hunger
Ort: Tollhaus in Karlsruhe im Rahmen des Zeltivals
Datum: 2. August 2015
Dauer: 110 min
Zuschauer: etwa 1500


Ich bin heute Nachmittag wieder ein Stück gewachsen. So begrüßte Sophie Hunger uns an diesem Abend sichtlich guten Mutes. Gewachsen war seit unserem letztem Treffen hier im Tollhaus in jedem Fall die Zahl der Zuhörer. Aber das scheint so ein Ding mit dem Publikum im Tollhaus zu sein: Wenn etwas gefällt, dann kommt man wieder - und bringt Freunde mit! Zumal es an diesem Sommerabend alles so wunderbar passte:  Der Garten, die Restwärme der Abendsonne und die  Erwartung, mit einem musikalischen highlight dem lauen Sommerwochenende im Abschied noch das gewisse Etwas zu geben.


Nach wenigen Shows im Mai hatte Sophie Hunger bisher vor allem Festivalauftritte (z.B. in Montreux und Montréal) mit ihrem allerneusten Album Supermoon und war ob der zeitlichen Einschränkungen dort wohl ganz besonders in Spiellaune: Karlsruhe, wir sind ja heute unter uns und spielen deshalb ganz viele Lieder! Darauf hatten auch vor der Bühne alle große Lust und was dann in den nächsten knapp zwei Stunden passierte, war einfach nur herrlich zu nennen. Zumal sich für mich wirklich dieses "wir-sind-unter-uns-Gefühl" einstellte - so intim wie sonst nur die Wohnzimmerkonzerte wirken. Klingt zusammen mit 1500 anderen Leuten echt absurd, war aber mein wichtigster Eindruck des Konzertes. Die Kongenialität ihrer Band war mir noch sehr präsent und es fühlte sich fast an wie gute Bekannte wieder zu treffen: Alberto Malo am Schlagzeug, den Pianisten Alexis Anérilles (auch Gesang, elektronisches, Trompete und Flügelhorn) und Simon Gerber am Bass, als Mitsänger und am Ende sogar mit Klarinette. Neu hingegen war der Belgier Geoffrey Burton, der eine effektlastige E-Gitarre beisteuerte und auch für einen etwas veränderten Sound stand.


Mit Supermoon begann das Konzert sehr intim (also mit der von mir am meisten geliebten Facette von Sophie Hungers musikalischen Spektrum) - Sophie spielte akustische Gitarre. Der Song hat wirklich eine sehr originelle Klangfarbe und taugt, den Anfangsakzent für so ein Knallerkonzert zu setzen. Ich musste eine winzige Sekunde lächeln, weil ich wohl unversehens in ein "Christophkonzert" geraten war, die "immer" mit dem Titelsong bzw. ersten Song der aktuellen Platte beginnen - bei meinen Konzerten passiert das nämlich nie! Das Publikum war jedenfalls vom ersten Moment an gebannt und folgte jedem einzelnen Song enthusiastisch. So auch dem Wechsel an den kleinen Flügel für Fathr, das der vertrauten Popsongstruktur sehr nah kam, jedoch live in Teilen sehr druckvoll und fast hymnisch aber auch sehnsuchtsvoll dargeboten wurde. Tatsächlich war ab diesem Moment mein Eindruck, dass das Programm aktuell rockiger ist und dabei auch schräg und frickelig und deshalb nur noch in wenigen Passagen als Jazz-Spielart erscheint. So war die kraftvolle Basslinie bei Love is not the answer (to everything) wunderbar und auch wie sich Sophie und Geoffrey mit ihren Gitarren gegenüber anfeuernd aufspielten. 


Anschließend bot Heharun dann wieder eine dieser intensiven und geheimnisvollen (souligen?) Pianoballaden, wo das Flügelhorn die zweite Stimme übernehmen durfte über einem klaren Schlagzeug- und Bassgerüst (und einer nur ganz leis quengelnde Gitarre). Ich sagte schon, dass mir dies das liebste ist? Im weiteren Verlauf wurde aber Shape für mich zu DEM intimen Moment, wobei hier auch die Herrenstimmen im Background beitrugen. Innerlich rollte ich mich für dieses Lied zum Fötus zusammen und hätte mich am liebsten eine Ewigkeit nur noch von diesem Lied trösten lassen um alle Trauer hinter mir zu lassen.

Sehr mochte ich aber auch diese typischen Aufmerker wie z.B. die hervorragende Bearbeitung von Purple Rain, das gar nicht recht endete, sondern von einem harten deutschen Lied abgelöst wurde. Oder (vom neuen Album) Spaghetti mit Spinat - ihre "Rache" an schönen Menschen, das man wohl Blues nennen darf, wenngleich es mit einer Rhythmus-E-Gitarre gegeben wurde, die ganz flach im Ton war (was eigentlich eher nicht Bluestypisch ist).


Und wer mag es nicht, alte Lieblinge wieder zu hören wie z.B. an diesem Abend Spiegelbild  und Das Neue. Die mir ja eigentlich so lieb sind, weil sie so sperrig und doch so eingängig sind. Und Das Neue durfte in einem wahren Exorzismus - einer jazzigen Bandexplosion mit Alexis Anérilles an den Tasten sein würdiges Finale finden, was im Anschluß eine ausführliche Bandvorstellung nötig machte. Hinter all die damit verbundene Heiterkeit wurde das hingetupfte Le Vent Nous Portera gesetzt, das sich einfach nicht abnutzt. Mad Miles wirkte anschließend wie ein harmloser Popsong wurde aber durch eine dramatische und verzerrte E-Gitarre wieder aus der Schublade geschubst. We are the living war eigentlich eine ganz schön druckvolle fast krachige Nummer, die sich auch nicht in Pop oder Jazz einordnen mochte, sondern eher tänzelnd von Kante zu Kante hopste.


Nach 75 min verabschiedete sich die Band mit The Capitalist von der Bühne. Das Stück begann mit im Satzgesang brummen, wurde aber ein echter Fetzer. Sophie Hunger wechselte mehrfach zwischen Stehmikro und Piano. Schließlich überließ sie der Band die Bühne für eine kleine musikalische Orgie. Aber allen war klar: Die geben gern noch mehr und so wurde euphorisch applaudiert. Der erste Zugabenblock begann mit dem ersehnten Walzer Für Niemand und fügte noch zwei Stücke an vom neuen Album: The Age of Lavender (erinnerte mich sehr an Suzanne Vega) und ein total abgespacte und treibende Hillibilly Nummer Superman Woman, die allen in die Beine fuhr. Eigentlich ein Rausschmeißer, aber die eingeweihten wussten natürlich - auch nach einer Zugabe geht bei Frau Hunger normalerweise mehr. Die anderen konnten es nach dem Anfangsversprechen hoffen.


Nach nur kurzer Wartezeit gab es tatsächlich noch einen zweiten Zugabenblock. Craze sei eigentlich ein altes Lied ihrer Band Fisher, das sie nur etwas überarbeitet habe, nachdem sie von einem Fan darauf angesprochen worden war. Natürlich wirkte anschließend der Song 1983 wie der perfekte Rausschmeißer und viele feierten immer noch absolut textsicher mit.



Aber nach etwas längerem Bitten kam Sophie Hunger noch einmal auf die Bühne mit Akustikgitarre und sang uns eines der sehr ruhigen Lieder und beendete das Konzert schließlich fast noch im Lied mit Das ist der perfekte Moment - Gute Nacht Karlsruhe - ein souveräner Schlusspunkt hinter einem perfekten Konzertabend.

Ich radelte wenig später in den eindrucksvollen Mondaufgang und fragte mich, welche Schicksalskonstellation beiden Künstlern, die mich am für mich deshalb sehr denkwürden 1. März 2013 umgeblasen hatten ausgerechnet Supermoon als Namen für ihre Musik eingegeben hat - seit Herbst 2014 ist ja Meursault nun Supermoon...


Konzertmitschnitt La Cigale, 19. Mai 2015
Bericht zum gleichen Konzert von Lebe Lieber Lauter mit grandiosen Fotos

Tourdaten:
01.08. Oberammergau – Heimatsound Festival
02.08. Karlsruhe - Zeltival
08.08. Luhmühlen - A Summer's Tale
09.08. Würzburg - Würzburger Hafensommer
28.08. Berlin - Pop-Kultur
04.09. Nürnberg - Serenadenhof
05.09. Leipzig - Parkbühne
13.10. Saarbrücken - Garage
21.10. Mannheim - Alte Feuerwache
22.10. Ulm - Roxy
30.10. Wiesbaden - Schlachthof
05.11. Dresden - Alter Schlachthof
11.11. Münster - Skaters Palace
12.11. Leverkusen - Leverkusener Jazztage
16.11. Stuttgart - Im Wizemann
20.11. München - Alte Kongresshalle



Aus unserem Archiv:
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