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Mittwoch, 3. August 2016

Ana Tijoux, Karlsruhe, 02.08.16

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Konzert: Ana Tijoux
Ort: Tollhaus im Rahmen des Zeltivals, Karlsruhe
Datum: 2. August 2016
Zuschauer: etwa 500


Die letzte Woche im Zeltival ist schon angebrochen. Für mich die Woche mit den meisten notierten Terminen. Die chilenische Sängerin Ana Tijoux war unter den ersten Bestätigungen für den Sommer 2016 im Tollhaus. Ich hatte mich deshalb schon vor längerer Zeit ein wenig mit ihr und ihrer Musik auseinandergesetzt und mir das Konzert in den Kalender geschrieben. Vor allem um einer alten Liebe willen für aufmüpfige südamerikanische Musik. Die ganz große Liebe ist zwar schon ein bisschen her, aber noch stehen ein paar Lieblingsplatten von Gogol Bordello und Ska-P im Regal und warum dann nicht einer Fortschreibung dieser Tradition einen Abend widmen?


Beim ankommen wurde mir schnell klar: 
 1) es wurde ringsum ganz schön viel spanisch gesprochen, 
 2) es war ganz gut besucht und 
 3) auf der Bühne war ganz ordentlich was vorbereitet. 
Das sprach in meiner Erwartungshaltung für eine fröhliche Partyfeier. Schließlich kamen unter großem Beifall insgesamt drei Bläser, ein Mann an der Tasten, ein Schlagzeuger und ein Gitarrist auf die Bühne bevor auch die Sängerin ihren Platz am Mikro einnahm. Also das ganz große Besteck.


Würden die Bläser eher druckvoll punkig unterstützen oder eine gewisse jazzige Richtung vorgeben - oder vielleicht auch mal so mal so eingesetzt werden? Die Frage war schnell beantwortet, als auch im zweiten Song des Programms - Vengo - ein jazziger Ton klar dominierte und einem von mir im Vorfeld als Knallersong und Ohrwurm empfundenen Highlight den Glanz nahm. Das ist ja sicher alles Geschmackssache und der punkige Druck wird sicher anderen als schrecklicher Krach auf die Nerven gehen. Aber für mich ist eben dieses Art Jazzmusik des kleinsten gemeinsamen Nenners nicht nur langweilig sondern auch ärgerlich.


Daran änderten auch recht vorhersehbare Soli der Bläser und des Gitarristen nichts und auch nicht stadiontaugliche Rufe ins Publikum: How are you feeling? Ja, es wurde getanzt, aber es wurde keine richtige Party und am interessantesten für mich waren tatsächlich die visuellen Projektionen am Bühnenhintergrund... Allen, die einen tollen Abend im Tollhaus hatten, sei das von Herzen gegönnt - und ich freue mich, wenn dort immer wieder solche Acts ins Programm geholt werden, denn bisher hatte ich damit nur die besten Erfahrungen. Aber der Abend war nicht meins. 


Setlist:
01: Mi Verdad
02: Vengo
03: A veces
04: Shock
05: Idrissa
06: Yo me voy
07: Sacar la voz
08: Calaveritas
09: Luchin
10: Todo lo solido
11: En paro
12: Los peces
13: Las cosas
14: Creo en ti
15: Antipatriarca

16: Bis (Z)
17: 1977 (Z)
18: Somos Sur (Z)


Montag, 1. August 2016

Enno Bunger, Karlsruhe, 30.07.16

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Konzert: Enno Bunger und Band
Ort: Tollhaus in Karlsruhe (im Rahmen des Zeltivals)
Datum: 30. Juli 2016
Dauer: 105 min
Zuschauer: 150


Ich bin ein analytischer Mensch und versuche möglichst viele Dinge in Ursache und Wirkung zu verstehen. Ich denke im Großen und Ganzen bin ich ganz gut darin, aber warum mich ausgerechnet die Musik von Enno Bunger so fängt, kriege ich auch nach dreieinhalb Jahren noch nicht wirklich heraus. Denn ich mag nur wenige Sänger, noch weniger deutsche Texte und Singersongwriter-Material als Band, da ist bei mir definitiv das Ende der Geduld erreicht (zumal das häufig genug im angebrüllt werden endet).


Ich habe jedoch den Verdacht, dass es vor allem daran liegt, dass ich Enno Bunger seine Lieder abnehme als wahr und zutiefst ehrlich und ich live seine schwarzhumorigen Ansagen liebe, in denen er eine innere Distanz aufblitzen lässt, die mir zutiefst sympathisch ist. Dieses Vertrauen wurde bei der TV-Noir-Tour (gemeinsam mit Me and my drummer) 2013 begründet und hat einige Entwicklung und Überraschungen durchgemacht. Seine Texte sind halt auch ziemlich gut und musikalisch packte er schon so das eine oder andere Kleinod für mich aus. 
 

Als es beim Maifeld 2013 ein Finale mit Onno Dreier und Akkordeon im Publikum gab, bei dem keine Auge trocken blieb oder bei der Seebühnenregatta in Mannheim 2014 auf einmal überraschend die Bungersche Musik mit Bums und einer Hundertschaft Künstler auf der Bühne zelebriert wurde und es einfach nur toll und passend war zum Beispiel. Oder kurz bevor es mit dem aktuellen Album richtig ernst wurde, im Wohnzimmerformat einfach alles passte.
 

Das sind Erlebnisse und "Guthaben-Punkte", wegen derer ich mir das Finale dieser Tour in großer Besetzung "mit Synthies und Strobos" beim Zeltival Karlsruhe auf keinen Fall entgehen lassen wollte. Im aktuellen Quartett durch Nils Dietrich (Schlagzeug), den so vielseitigen Philipp Makolies (Gitarre) und Onno Dreier (Synth) verstärkt. Dabei die große Geste, wo es passt, aber nie musikalisch zugekleistert. Oft wurde mit Herzschlag-Rhythmus gearbeitet. Natürlich gab es auch ein paar Geschichten. Z.B. über die Anfangszeit und Konzerte in Karlsruhe im Radio Oriente, wo auf der Bühne mehr Leute als im Publikum waren. 


Seitdem ist viel geschehen. Außer in halbfertigen live-Fassungen hatte ich von der neuen Platte noch nicht recht Notiz genommen. Das wurde nun nachgeholt, denn die Setlist umfasste alle neuen Lieder, dazu noch ein paar meiner Lieblingslieder und alles in allem wurde fast zwei Stunden ziemlich Gas gegeben. Sehr gepackt haben mich tatsächlich die beiden ersten Songs, auch wenn sie mich durch das fast Sprechgesangs- und zum Teil Mantra-mäßige eigentlich hätten abschrecken können. Bis zum Song Herzschlag war ich ziemlich beglückt. 


Dann gab es eine Phase, wo ich gewisse Längen empfand und nicht mal mein wirklich Lieblingslied Am Ende des Tunnels kriegte mich so richtig - leider auch nicht andere Lieblinge wie Regen und Ich möchte noch bleiben, auf die ich innerlich schon als Gänsehaut-Finale gewettet hatte. Dafür brachte Wo bleiben die Beschwerden noch einmal mein Herz zum lauter schlagen. Nun gut, immerhin die erste Hälfte des Konzerts war für mich wirklich großes Kino gewesen!


Es sind Tourdaten der leiseren Töne im Dezember versprochen (siehe unten) und davor kann man es noch beim Golden Leaves Festival in Darmstadt probieren.

Setlist:
01: Renn!
02: Scheitern
03: Zwei Streifen
04: Pass auf dich auf
05: Blockaden
06: Abspann
07: Roter Faden
08: Herzschlag
09: Heimlich
10: Nicht immer alles jetzt
11: Am Ende des Tunnels
12: Die Flucht
13: Wo bleiben die Beschwerden?
14: Regen
15: Neonlicht

16: Klumpen (Z)
17: Ich möchte noch bleiben (Z)
18: Hamburg (Z)



Aus unserem Archiv:
Enno Bunger, Montabaur, 20.10.14
Enno Bunger, Montabaur, 20.10.14
Enno Bunger, Mannheim, 10.08.14
Enno Bunger, Mannheim, 10.08.14
Enno Bunger, Frankfurt, 11.11.13
Enno Bunger, Mannheim, 31.05.13
Enno Bunger, Offenbach, 09.05.13
Enno Bunger, Stuttgart, 19.03.13
Enno Bunger, Karlsruhe, 31.01.13
Enno Bunger, Darmstadt, 27.01.13





Samstag, 9. Juli 2016

Alejandra Ribera, Karlsruhe, 08.07.16

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Eröffnung des Zeltivals mit Alejandra Ribera
Ort: Tollhaus in Karlsruhe
Datum: 8. Juli 2016
Dauer: 60 min
Zuschauer: etwa 1000


Dass endgültig Sommer geworden ist, daran werde ich jedes Jahr auf Schönste erinnert durch den Beginn des Zeltivals. Die vier verrückten Wochen, wo sich das Tollhaus von seiner ganz besonders einladenden Seite zeigt. Dieses Jahr hatte ich die Vorfreude-Veranstaltungen noch weitestgehend links liegen gelassen, aber den offiziellen Auftakt mit Alejandra Ribera wollte ich mir doch gern ansehen.


Das Team des Tollhauses macht ja prinzipiell eine ganze Menge Sachen richtig gut. Im Rahmen des Zeltivals legen dann alle noch eine Schippe drauf und wenn dann auch noch so ein Bilderbuch-Sommerwetter obendrauf scheint, ist es nicht übertrieben, das Ergebnis paradiesisch zu nennen. 


So lag über dem Gelände - trotz ausverkauftem Haus - eine Gelassenheit und Heiterkeit, die das wahre Markenzeichen von einem gelungenen Festival für mich ist.  Eine Mischung von Fans, die der konkreten Musik wegen da waren, wie Leuten, die sich dem Tollhaus verbunden fühlen und sich dann bei solchen Gelegenheiten einfinden, um die anderen zu sehen und sich das Neuste zu erzählen. Sie alle fanden ihren Platz und waren letztlich auch eingeladen durch das dafür gewählte musikalische Programm.


Auch auf der Bühne war es eine Mischung aus verschiedensten Einflüssen. Die Stimme von Alejandra Ribera mal keltisch raunend, mal spanisch nuschelnd, doch als Sängerin immer ganz und gar im hier und jetzt auf das Publikum und den Song hin fokussiert mit allen Fasern des Körpers bis in die Zehenspitzen. Innig und werbend und ihr Herz entblößend. Zunächst ließ sie auch die Musik ganz für sich sprechen bevor sie sich ein Herz fasste und sehr nervös etwas deutsch ausprobierte - um dann doch lieber auf englisch auszuweichen (nachdem klar war, dass das Publikum sie dann auch versteht).


Ich hatte viel Freude dabei, die Körperlichkeit ihres Gesangs ganz nah zu sehen und auch daran dem Mann am Kontrabass auf die Finger zu schauen. Der Herr an der Gitarre von mir aus links wirkte im Trio recht abgeklärt und wie der Ruhepol - zu ihm gingen denn auch immer wieder die Blicke der beiden anderen, wenn es drauf ankam oder sich nicht ganz richtig anfühlte.


In Summe fand ich das sehr sympatisch und vermutlich auch sehr konsensfähig, es fehlte mir aber der rechte Biss bzw. die Stelle, wo mich ein Lied mal so richtig einfängt, dass ich aufhöre zu beobachten.



Tourdaten:
9./10.07. Rudolstadt TFF
28.07.     Riehen Stimmen Festival
30.07.     Nürnberg Bardentreffen
31.07.     Friedrichshafen Kulturufer
11.09.     Witzenhausen  Tag des offenen Denkmals



Mittwoch, 12. August 2015

Tina Dico, Karlsruhe, 04.08.15

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Konzert:  Tina Dico mit Band
Ort: Tollhaus in Karlsruhe im Rahmen des Zeltivals
Datum: 4. August 2015
Dauer: 105 min
Zuschauer: knapp 800


Alle Fotos von Gerold und Mann - vielen Dank! (*)

"...You need to let yourself have fun" (Tina Dico)

Ich denke, das hat an diesem Abend ganz gut funktioniert. Sowohl auf der Bühne als auch im Publikum war das Konzert mit der Dänin fröhlich und kurzweilig. Ihre CD In the Red hatte vor fast zehn Jahren den Weg in meine Musiksammlung gefunden, aber live waren wir uns noch nicht begegnet. Was wohl auch daran liegt, dass sie zu Hause als Tina Dickow ein mit Preisen überhäufter Star ist und in Deutschland als Tina Dico eher wenig unterwegs ist. Im Vorfeld des Konzertes im Tollhaus hatte ich noch gesehen, dass sie bald Solo in Deutschland auf Tour sein wird (Daten finden sich unten!) und nun denke ich - wahrscheinlich wird mir das noch viel besser gefallen.


An diesem Abend im Tollhaus war sie mit einer für sie eher mittelgroßen Band in Karlsruhe zu Gast. Ihr isländischer Ehemann Helgi Jonsson begleitete Sie am Klavier und Keyboard und trug noch ein paar herrliche Posaunentöne bei (und Gitarre nicht zu vergessen!),  Dennis Ahlgren hielt die zweite Gitarre (und Banjo) und Marianne Lewandowski setzte das Rhythmus-Fundament. Alle mussten auch ab und zu mitsingen. 


Im Moment ist Tina Dico mit ihrer neuen Platte unterwegs - Whispers entsprang der Arbeit an einem Soundtrack und so sind auch einige der Songs gar nicht aus weiblicher Perspektive erzählt. Aber in gewisser Weise sind sie natürlich trotzdem "typisch" Tina Dico und fügen sich im Set zwischen die bekannten Hits und stillen Lieblinge älterer Platten ohne aufzufallen.


Das Publikum war jedenfalls vom ersten Moment an sehr aufmerksam und auch begeistert dabei und es war wohl der eine oder die andere dabei, die schon andere Auftritte von ihr erlebt hatten und sich "auskannten". Als Tina Dico den Song Copenhagen ankündigte sprach sie gar von einem Ritual. Was heißt, dass das Publikum seinen Teil fleißig mitsingen muss, um die je eigene Heimatstadt dabei zu feiern. Das wiederholte sich später bei No time to sleep und bei Count to ten. Sehr angenehm fand ich, dass sie zu fast allen Liedern ein bisschen zu erzählen hatte und dabei auch als eine sehr nahbare und sympathische Person erschien.


Das Programm wurde in drei Formen dargeboten. Locker flockige Bandformation, anschließend ein Solomittelteil in dem auch Titel gewünscht werden durften (was ein herrliches Durcheinander erzeugte) und - nach einer kleinen Verschnaufpause - ein quasi akustisches Bandset, das im Abschluss dann wieder in die Bandformation vom Anfang umgebaut wurde. Abgesehen davon, dass dies natürlich zur Kurzweiligkeit beigetraten hat (sicher auch für die Musiker) war es die Möglichkeit, die Musik in verschiedenen Farben zu erleben und freilich habe ich nach dem Konzert ein bisschen überlegt, was nun die passendste Farbe für meinen Geschmack war. Und am authentischsten erschienen mir hier wirklich die Lieder zur Gitarre - von den anderen Liedern hatte ich das Gefühl, dass das Richtung Radiohit driftet, der mir nicht so viel zu sagen hat (was natürlich ganz subjektiv ist).


Also vielleicht dann im Oktober hier ein Bericht vom Konzert in Mannheim oder Ludwigsburg!
 
Setlist:
01: The Woman Downstairs
02: Whispers
03: Nobody's Man
04: Craftsmanship And Poetry
05: You Don't Step Into Love
06: Sacre Coeur
07: Copenhagen
- Solo -
08: Room With A View
09: Friend in a Bar
10: Suzanne (Leonhard Cohen cover, mit Helgi Jonsson Posaune)
11: Walls (mit Helgi Jonsson)
- Pause -
12: The Other Side
13: Old Friends
14: In Love And War
15: No Time To Sleep
16: Drifting
17: Count To Ten

18: Someone You Love (Z)
19: In the red (Z)



Tourdaten:
04.08. Karlsruhe, Zeltival
05.08. Bad Vilbel, Burgfestspiele (Wasserburg)
06.08. Kassel, Kulturzelt Kassel
07.08. Würzburg, Hafensommer
08.08. Friedrichshafen, Kulturufer
02.09. Bochum, "Zeltfestival Ruhr" (solo)


akustische Solotour:
06.10. Mannheim, Capitol
07.10. Köln, Gloria
08.10. Köln, Gloria
09.10. Hannover, Pavillon
10.10. Erfurt, Alte Oper
11.10. Berlin, Heimathafen Neukölln
12.10. Berlin, Heimathafen Neukölln
20.10. Erlangen, Markgrafentheater
21.10. Ludwigsburg, Scala
22.10. Koblenz, Kuppelsaal auf der Festung Ehrenbreitstein
23.10. Oldenburg, Kulturetage
24.10. Osnabrück, Rosenhof
25.10. Lüneburg, Vamos! Kulturhalle


(*) ... eigentlich war fotographieren nicht erwünscht... Deshalb hier auch nur ein paar Schnappschüsse von etwas weiter vorn als ich selbst gesessen habe.

Calexico, Karlsruhe, 10.08.15

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Konzert: Calexico
Ort:  Tollhaus in Karlsruhe im Rahmen des Zeltivals
Datum:  10. August 2015
Dauer: 120 min
Zuschauer: etwa 1200

  
Verrückt, wie man sich auf ein Konzert freuen kann, nur weil die bisher einzige Livebegegnung so beglückend war... Calexico setzten dieses Jahr den musikalischen Schlusspunkt des Zeltivals und waren nach zwei Jahren mit ihrem neuen Album Edge of the sun zurück in Karlsruhe. Aber vielleicht noch verrückter ist es, dass mir die Musiker schon wie gute Bekannte - fast Freunde vorkamen, nur weil ich ihnen schon einmal zwei Stunden ganz fasziniert zugeschaut hat: Joey Burns mit seiner Akustikgitarre und DER Stimme, Jairo Zavala der Mann links außen für E-Gitarre und Pedal Steel und den unnachahmlichen Hüftschwung, Jacob Valenzuela und Martin Wenk an den Trompeten und Vibraphon (und je einmal auch Akkordeon), Ryan Alfred ganz weit rechts am Bass, Sergio Mendoza zwischen den ganzen Tasteninstrumenten und der überragend coole Mann am Schlagzeug John Convertino


Und anscheinend ging es nicht nur mir so, denn noch bevor das Konzert überhaupt begann, war die Stimmung hervorragend und nicht einmal die tropischen Temperaturen konnten dem Abbruch tun. Das musikalische Programm würde wohl ohnehin zu unseren verschwitzten Gesichtern passen und es zeigte sich: auch auf der Bühne floss der Schweiß für die nächsten zwei Stunden in Strömen. Die eigentliche Faszination der Livepräsenz von Calexico finde ich schwer in Worte zu fassen. Aber in unserer kleinen Gruppe vor der Bühne waren wir uns einig: Calexico sind live überragend gut und mitreißend und bekehren auch jeden, der nicht auf Mexiko-Trompeten und Wüstenrock steht für die Dauer des Konzertes, dass er etwas wunderbares geboten bekommt.


Sicher ist eine Zutat hierfür die Meisterschaft jedes einzelnen Musikers, die auch gezeigt werden darf - meist an vielen verschiedenen Instrumenten und beim Satzgesang. Dann die kongeniale Zusammenführung von nord- und südamerikanischem Weltgefühl (mit einer Prise Europa gewürzt) und die dabei in jeder einzelnen Note mitschwingende Wahrhaftigkeit. Dazu die sympatische Präsenz von Joey als Primus inter Pares, der obendrein dem Publikum das Gefühl gibt, eigentlich das überhaupt wichtigste zu sein an diesem Abend - und man glaubt ihm tatsächlich, dass er das wirklich so meint.


Für diesen Abend im Tollhaus durfte ein seltener gespieltes (aber ehrwürdiges) Lied den etwas nachdenklichen und passend heißen Anfangspunkt setzen: Frontera/Trigger - der Blick ging hier ins Weite, so wie ich das an Calexicos Musik so schätze. Anschließend wechselte die Stimmung souverän auf Indiepop mit einem neuen Song: Falling from the Sky und das ebenfalls brandneue Cumbia de Donde schlug den dritten Pflock im Genrespektrum ein mit einem Sprung nach Mexiko. Eine hitzige Rumba mit Trompeten und betörendem Wechselgesang - auch das in bewährter und eigener Calexico-Manier. Immer wieder ein Höhepunkt für mich der Klassiker Roka, der mit sehnsuchtsvollem Bogen für mich Gänsehaut pur verursachte und ein großes warmes Glücksgefühl. Dieser Bogen wurde mit dem neuen Miles from the Sea fortgeführt, im Dreiertakt und mit dem Akkordeon in Martin Wenks Armen.

Das ist aber nicht Martin Wenk :)
Im Dreiertakt wiegend und träumerisch ging es weiter: Sonic Wind rief wieder wunderbar sehnsuchtsvoll mit gedämpften Trompete und Pedal Steel in die Ferne. Hingegen mitreißend tänzerisch präsentierte sich das rein instrumentale Coyoacán zum rotem Mond am Bühnenhintergrund. Aber melancholisch sehnsuchtsvoll war anschließend Moon Never Rises (beide Titel vom aktuellen Album).  Nun war es Zeit für einen Tempowechsel und ordentlich mitklatschen. Splitter präsentierte sich als Pop mit Vibraphon und machte dann wieder Raum für Wüstenrock Drenched. Ein wirklicher Höhepunkt im hervorragenden Programm war für mich Bullets & Rocks. Die flirrende Stimmung  bot die Gelegenheit für eine einmalig inniges Trompetensolo, das immer wieder ins eigene Echo spielte und sich tief in meine Erinnerung einbrannte.


Calexicos Stärke als kongeniale Band wurde für Fortune Teller zurückgestellt, wo Joey Burns nur vom Bass begleitet auch solo zeigte, dass es letztlich die Güte des Songwritings ist, was mich so bezaubert - und diese Stimme! Traurig und melancholisch mit Pedal Steel jammernd kam anschließend Inspiracion - Jacob Valenzuela Lied. Und die trockene Wüste zurück mit Beneath the City of Dreams  und Alone Again Or - eine Paradenummer für Jairo Zavala als Gitarrero. Das heizte die Stimmung ordentlich auf und der Wechselgesang für  Puerto wurde vom Klatschen des Publikums angefeuert bevor das offizielle Set derart hitzig zu Ende war.
 


Aber natürlich war das nicht das Ende des Konzertes. Statt dessen gab es noch zweimal Zugaben. Fast schon traditionell wurde Chris Cacavas für den ersten Song auf der Bühne willkommen geheißen - diesmal für Angel of Death (ein Hank Williams cover). Und nach den heißen orientalischen Rhythmen vom aktuellen Roll Tango wurde ebenso fast schon traditionelle ausführlichst Güero Canelo in einer wilde feiernden Rumba mit ordentlich Hüftenkreisen und jeder Menge exzessiver Solos an den Instrumenten zelebriert. Und das Publikum wurde nicht müde beim mitsingen.
 


Zu Beginn der zweiten Zugabe gab es zunächst eine kleine ungeplante Einlage, denn aus der ersten Reihe wurde eine Kinderzeichnung auf die Bühne gereicht und Joey versprach, sie seinen Kindern mitzubringen und eine Brieffreundschaft anzuregen. Musikalisch wurde noch einmal mit Corona auf den Mexikanischer Marktplatz beim Volksfest eingeladen bevor Follow the River  sehr ruhig und verträumt wie ein Versprechen im Abschied auf mich wirkte.


Die Zuschauer im Tollhaus waren glücklich und kühlten in großer Zahl im Garten noch etwas ab. Mir fehlten Para und Minas de Cobre als Lieblingssongs. Aber was soll man machen. Es bleibt die Hoffnung, dass es nach sechs so erfolgreichen Besuchen in Karlsruhe hoffentlich auch ein siebtes Konzert mit den sieben Tausendsassas geben wird!


Setlist:
01: Frontera/Trigger
02: Falling From the Sky
03: Cumbia de donde
04: Maybe on Monday
05: Roka  (Danza De La Muerte)
06: Miles from the Sea
07: Sonic Wind
08: Coyoacán
09: Moon never rises
10: Splitter
11: Drenched
12: Bullets & Rocks
13: Fortune Teller
14: Inspiración
15: Beneath the City of Dreams
16: Alone again or (Love cover)
17: Puerto

18: Angel of Death (Hank Williams cover with Chris Cacavas)
19: Roll Tango
20: Güero Canelo

21: Corona (The Minutemen cover)
22: Follow the river

Calexico Livemitschnitt in Ancienne Belgique Brüssel 27.04. 2015


Tourdaten: 
06.08. Isny
07.08. Jena
08.08. Luhmühlen
10.08. Karlsruhe
19.08. Nürnberg       
22.08. Winterthur

30.10. Brüssel
01.11. Utrecht
02.11. Bastschkapp Frankfurt
03.11. Posthof Linz
04.11. Museumquarter Wien
06.11. Metropop Festival Lausanne
10.11. Werk 2 Leipzig
18.11. Konzerthaus Dortmund
19.11. Columbiahalle Berlin


Alle Fotos:
 

Aus unserem Archiv:
Calexico, Karlsruhe, 10.07.13
Calexico, Stuttgart, 04.07.13
Calexico, Paris, 16.09.12
Calexico, Paris, 14.10.08
Calexico, Paris, 08.09.08



Montag, 3. August 2015

Sophie Hunger, Karlsruhe, 02.08.15

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Konzert:  Sophie Hunger
Ort: Tollhaus in Karlsruhe im Rahmen des Zeltivals
Datum: 2. August 2015
Dauer: 110 min
Zuschauer: etwa 1500


Ich bin heute Nachmittag wieder ein Stück gewachsen. So begrüßte Sophie Hunger uns an diesem Abend sichtlich guten Mutes. Gewachsen war seit unserem letztem Treffen hier im Tollhaus in jedem Fall die Zahl der Zuhörer. Aber das scheint so ein Ding mit dem Publikum im Tollhaus zu sein: Wenn etwas gefällt, dann kommt man wieder - und bringt Freunde mit! Zumal es an diesem Sommerabend alles so wunderbar passte:  Der Garten, die Restwärme der Abendsonne und die  Erwartung, mit einem musikalischen highlight dem lauen Sommerwochenende im Abschied noch das gewisse Etwas zu geben.


Nach wenigen Shows im Mai hatte Sophie Hunger bisher vor allem Festivalauftritte (z.B. in Montreux und Montréal) mit ihrem allerneusten Album Supermoon und war ob der zeitlichen Einschränkungen dort wohl ganz besonders in Spiellaune: Karlsruhe, wir sind ja heute unter uns und spielen deshalb ganz viele Lieder! Darauf hatten auch vor der Bühne alle große Lust und was dann in den nächsten knapp zwei Stunden passierte, war einfach nur herrlich zu nennen. Zumal sich für mich wirklich dieses "wir-sind-unter-uns-Gefühl" einstellte - so intim wie sonst nur die Wohnzimmerkonzerte wirken. Klingt zusammen mit 1500 anderen Leuten echt absurd, war aber mein wichtigster Eindruck des Konzertes. Die Kongenialität ihrer Band war mir noch sehr präsent und es fühlte sich fast an wie gute Bekannte wieder zu treffen: Alberto Malo am Schlagzeug, den Pianisten Alexis Anérilles (auch Gesang, elektronisches, Trompete und Flügelhorn) und Simon Gerber am Bass, als Mitsänger und am Ende sogar mit Klarinette. Neu hingegen war der Belgier Geoffrey Burton, der eine effektlastige E-Gitarre beisteuerte und auch für einen etwas veränderten Sound stand.


Mit Supermoon begann das Konzert sehr intim (also mit der von mir am meisten geliebten Facette von Sophie Hungers musikalischen Spektrum) - Sophie spielte akustische Gitarre. Der Song hat wirklich eine sehr originelle Klangfarbe und taugt, den Anfangsakzent für so ein Knallerkonzert zu setzen. Ich musste eine winzige Sekunde lächeln, weil ich wohl unversehens in ein "Christophkonzert" geraten war, die "immer" mit dem Titelsong bzw. ersten Song der aktuellen Platte beginnen - bei meinen Konzerten passiert das nämlich nie! Das Publikum war jedenfalls vom ersten Moment an gebannt und folgte jedem einzelnen Song enthusiastisch. So auch dem Wechsel an den kleinen Flügel für Fathr, das der vertrauten Popsongstruktur sehr nah kam, jedoch live in Teilen sehr druckvoll und fast hymnisch aber auch sehnsuchtsvoll dargeboten wurde. Tatsächlich war ab diesem Moment mein Eindruck, dass das Programm aktuell rockiger ist und dabei auch schräg und frickelig und deshalb nur noch in wenigen Passagen als Jazz-Spielart erscheint. So war die kraftvolle Basslinie bei Love is not the answer (to everything) wunderbar und auch wie sich Sophie und Geoffrey mit ihren Gitarren gegenüber anfeuernd aufspielten. 


Anschließend bot Heharun dann wieder eine dieser intensiven und geheimnisvollen (souligen?) Pianoballaden, wo das Flügelhorn die zweite Stimme übernehmen durfte über einem klaren Schlagzeug- und Bassgerüst (und einer nur ganz leis quengelnde Gitarre). Ich sagte schon, dass mir dies das liebste ist? Im weiteren Verlauf wurde aber Shape für mich zu DEM intimen Moment, wobei hier auch die Herrenstimmen im Background beitrugen. Innerlich rollte ich mich für dieses Lied zum Fötus zusammen und hätte mich am liebsten eine Ewigkeit nur noch von diesem Lied trösten lassen um alle Trauer hinter mir zu lassen.

Sehr mochte ich aber auch diese typischen Aufmerker wie z.B. die hervorragende Bearbeitung von Purple Rain, das gar nicht recht endete, sondern von einem harten deutschen Lied abgelöst wurde. Oder (vom neuen Album) Spaghetti mit Spinat - ihre "Rache" an schönen Menschen, das man wohl Blues nennen darf, wenngleich es mit einer Rhythmus-E-Gitarre gegeben wurde, die ganz flach im Ton war (was eigentlich eher nicht Bluestypisch ist).


Und wer mag es nicht, alte Lieblinge wieder zu hören wie z.B. an diesem Abend Spiegelbild  und Das Neue. Die mir ja eigentlich so lieb sind, weil sie so sperrig und doch so eingängig sind. Und Das Neue durfte in einem wahren Exorzismus - einer jazzigen Bandexplosion mit Alexis Anérilles an den Tasten sein würdiges Finale finden, was im Anschluß eine ausführliche Bandvorstellung nötig machte. Hinter all die damit verbundene Heiterkeit wurde das hingetupfte Le Vent Nous Portera gesetzt, das sich einfach nicht abnutzt. Mad Miles wirkte anschließend wie ein harmloser Popsong wurde aber durch eine dramatische und verzerrte E-Gitarre wieder aus der Schublade geschubst. We are the living war eigentlich eine ganz schön druckvolle fast krachige Nummer, die sich auch nicht in Pop oder Jazz einordnen mochte, sondern eher tänzelnd von Kante zu Kante hopste.


Nach 75 min verabschiedete sich die Band mit The Capitalist von der Bühne. Das Stück begann mit im Satzgesang brummen, wurde aber ein echter Fetzer. Sophie Hunger wechselte mehrfach zwischen Stehmikro und Piano. Schließlich überließ sie der Band die Bühne für eine kleine musikalische Orgie. Aber allen war klar: Die geben gern noch mehr und so wurde euphorisch applaudiert. Der erste Zugabenblock begann mit dem ersehnten Walzer Für Niemand und fügte noch zwei Stücke an vom neuen Album: The Age of Lavender (erinnerte mich sehr an Suzanne Vega) und ein total abgespacte und treibende Hillibilly Nummer Superman Woman, die allen in die Beine fuhr. Eigentlich ein Rausschmeißer, aber die eingeweihten wussten natürlich - auch nach einer Zugabe geht bei Frau Hunger normalerweise mehr. Die anderen konnten es nach dem Anfangsversprechen hoffen.


Nach nur kurzer Wartezeit gab es tatsächlich noch einen zweiten Zugabenblock. Craze sei eigentlich ein altes Lied ihrer Band Fisher, das sie nur etwas überarbeitet habe, nachdem sie von einem Fan darauf angesprochen worden war. Natürlich wirkte anschließend der Song 1983 wie der perfekte Rausschmeißer und viele feierten immer noch absolut textsicher mit.



Aber nach etwas längerem Bitten kam Sophie Hunger noch einmal auf die Bühne mit Akustikgitarre und sang uns eines der sehr ruhigen Lieder und beendete das Konzert schließlich fast noch im Lied mit Das ist der perfekte Moment - Gute Nacht Karlsruhe - ein souveräner Schlusspunkt hinter einem perfekten Konzertabend.

Ich radelte wenig später in den eindrucksvollen Mondaufgang und fragte mich, welche Schicksalskonstellation beiden Künstlern, die mich am für mich deshalb sehr denkwürden 1. März 2013 umgeblasen hatten ausgerechnet Supermoon als Namen für ihre Musik eingegeben hat - seit Herbst 2014 ist ja Meursault nun Supermoon...


Konzertmitschnitt La Cigale, 19. Mai 2015
Bericht zum gleichen Konzert von Lebe Lieber Lauter mit grandiosen Fotos

Tourdaten:
01.08. Oberammergau – Heimatsound Festival
02.08. Karlsruhe - Zeltival
08.08. Luhmühlen - A Summer's Tale
09.08. Würzburg - Würzburger Hafensommer
28.08. Berlin - Pop-Kultur
04.09. Nürnberg - Serenadenhof
05.09. Leipzig - Parkbühne
13.10. Saarbrücken - Garage
21.10. Mannheim - Alte Feuerwache
22.10. Ulm - Roxy
30.10. Wiesbaden - Schlachthof
05.11. Dresden - Alter Schlachthof
11.11. Münster - Skaters Palace
12.11. Leverkusen - Leverkusener Jazztage
16.11. Stuttgart - Im Wizemann
20.11. München - Alte Kongresshalle



Aus unserem Archiv:
Sophie Hunger, Haldern, 09.08.13 (Rockpalast)
Sophie Hunger, Paris, 21.07.13
Sophie Hunger, Mannheim, 02.06.13
Sophie Hunger, Stuttgart, 20.04.13
Sophie Hunger, Karlsruhe, 01.03.13
Sophie Hunger, Berlin, 19.02.13
Sophie Hunger, Paris, 29.01.13
Sophie Hunger, Berlin, 19.11.12
Sophie Hunger, Paris, 10.11.12
Sophie Hunger, Paris, 09.03.12
Sophie Hunger, Paris, 06.12.10
Sophie Hunger, Paris, 02.06.10
Sophie Hunger, Köln, 29.09.09
Sophie Hunger, Köln, 09.05.09
Sophie Hunger, Paris, 23.03.09



Sonntag, 2. August 2015

Patti Smith and her band perform Horses, Karlsruhe, 21.07.15

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Konzert: Patti Smith and her band perform Horses
Ort: Tollhaus in Karlsruhe im Rahmen des Zeltivals
Datum: 21. Juli 2014
Dauer: 90 min
Zuschauer: etwa 1400 (ausverkauft)



Zeit ist ein seltsames Medium. Sie ist uns tief eingeschrieben erzählen wir uns doch die Geschichte unseres Lebens sortiert in vorher und nachher. Aber verstehen kann ich sie nicht. Vor allem nicht die Gleichzeitigkeiten. Denn ich bin heute die Frau mit vielen Lebenserfahrungen aber in meinem Kern bin ich noch immer noch das junge Ding, das ins Leben hinaus drängte - oder doch fast. Mit dem Plan, ihr Debüt Horses nach vierzig Jahren 1:1 die Bühnen zu bringen, hat Patti Smith u.a. auch diese Zeitklammer mutwillig sichtbar gemacht. Ihr sperriges Debüt im Licht einer ganz anderen Zeit zum scheinen zu bringen, zumal in der Kompromisslosigkeit, die wir nur der Jugend zubilligen - dazu gehört wohl etwas Übermut, auch wenn man Patti Smith ist.


Unserer Zeit wird ja nachgesagt, sie sei besessen von Jugendlichkeit und so schnellebig. Aber das ist wahrscheinlich nur ein Teil der Wahrheit, denn dieses Konzert war schon lange ausverkauft und man konnte vom ersten Ton an spüren, wie sehr der überwiegende Teil des Publikums hier mit Patti Smith die gar nicht gealterten Songs und deren nicht gealterte Wahrheiten feiern wollte. Sie wurde getragen von Applaus, tanzenden und mitsingenden Menschen und einer entspannten Freundlichkeit, die so wunderbar an diesen Ort an einem herrlichen Sommerabend passte. Das schienen sowohl Patti als auch ihre Musiker Lenny Kaye (Gitarre), Jay Dee Daugherty (Schlagzeug)(beide auch bei den Original-Aufnahmen dabei), Tony Shanahan (Bass und Keyboards und inzwischen auch schon 20 Jahre Teil der Band) sowie Jack Petruzzeli (Gitarre, Bass und Keyboards) sichtlich zu genießen, denn sie spielten in Bestform auf und besonders Patti Smith nahm ich jeden Moment ab, dass die poetischen Texte und die zum Teil ausufernden musikalischen Exkursionen für sie jetzt so wahr und sie selbst sind wie vor 40 Jahren.


Dabei wirkte sie nicht wie eine entrückte Ikone. Sie spuckte mehrfach im hohen Bogen auf die Bühne und wischte sich den Schweiß ins T-Shirt. 

Mit dem Namen des Programms war die Setlist für die erste Stunde allen klar. Es begann mit der Hymne Gloria (ein Klassiker von Van Morrison), dem sommerlichen fast poppigen Redondo Beach und hatte in dem sprechgesanglichen Birdland einen ersten intensiven Knaller. Mit dem populären Klassiker Free Money war schließlich die erste Seite des Albums schon aufgeführt. Für Break up gab es von der Bühne den Wunsch, doch kräftig mit zu singen. Anschließend war Land ein wilder Traumtrip, in dem sie sich nicht genau an die vor 40 Jahren gebannte Version hielt und die schließlich durch das wieder aufnehmen von Gloria "erlöst" wurde. Nach diesem Kraftakt nahm sich Patti Smith in Elegie Zeit für das Gedenken an verstorbene Freunde und Weggefährten. Immer wieder brandete hier spontan Applaus bei bestimmten Namen auf.


Nach etwa einer Stunde war schließlich die versprochene Aufführung von Horses wunderbar gelungen und im Publikum war die Erwartung gespannt, was für den Abend noch vorbereitet worden war. Zunächst war dies Ghost dance, für das Patti auch erstmals zur Gitarre griff. Anschließend wurde bis zum Finale ordentlich Druck und Stimmung gemacht - fast ein bisschen Anarchie verbreitet, wobei Patti eine kleine Pause bekam, bevor sie beschwörend für Because the night und People have the power zeigte, was nach wie vor in ihr steckt. Mit der Zugabe My Generation machte die Klammer des Albums Horses endgültig zu (es war die B-Seite von Gloria und ist auf meiner Horses-CD-Fassung ein Bonustrack). 

Sie entließ ihre 1400 Zuschauer aufgeputscht und glücklich in die Sommernacht: You are fucking free! 



Setlist:
01: Gloria (Them-cover)
02: Redondo Beach
03: Birdland
04: Free Money
05: Kimberly
06: Break it up
07: Land/Gloria
08: Elegie

09: Ghost Dance
10: Rock&Roll/Waiting for the Man/
  White Light/White Heat (Velvet Underground cover)
11: Because the night
12: People have the power

13: My Generation (The Who cover, Z) 


Tourdaten:
12.07.2015 Lörrach, Stimmen Festival
13.07.2015 München, Tollwood Festival
16.07.2015 Singen, Hohentwiel Festival
21.07.2015 Karlsruhe, Zeltival
22.07.2015 Winterbach, Zeltspektakel
07.08.2015 Luhmühlen, A Summer's Tale Festival
08.08.2015 Dresden, Junge Garde
11.08.2015 Berlin, Tempodrom 


Aus unserem Archiv:
Patti Smith and her Band, Haldern, 09.08.14
Patti Smith and her Band, Stuttgart, 05.08.14
Patti Smith and her Band, Breitenbach am Herzberg, 01.08.14


Andere Berichte:
Ankündigung vom Tollhaus
Daniel Nagel/Johannes Rehorst für Regioaktive & Fotostrecke
Peter Disch über den Abend in Lörrach 
Jens im gig-blog über das Konzert in Winterbach





 

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