Donnerstag, 7. November 2013

The National, Esch-sur-Alzette, 06.11.13


Konzert: The National
Ort: Rockhal, Esch-sur-Alzette (Luxemburg)
Datum: 06.11.2013
Dauer: The National knapp 110 min, This Is The Kit 40 min
Zuschauer: 3.000 (?)  



Sicher war ich nicht, ob das ein (musikalisch) guter Abend werden würde. Die Berichte von den beiden deutschen Konzerten von The National in Berlin und Düsseldorf waren sehr unterschiedlich, die wenigsten aber euphorisch. The National sind in einer Karrierephase (und in einer Hallengröße) angekommen, die herausragende Konzerte immer unwahrscheinlicher macht. 

Das hat nichts mit diesem albernen Indie-Reflex zu tun, alles, was mehr als 100 Leute kennen, doof zu finden. Meine abflauende Euphorie hat unter anderem mit meinem Indie-Mainstream-Geschmack zu tun. Ich mag die beiden mittleren Platten der Amerikaner am liebsten und nicht, wie es korrekt wäre, die zwei davor (die hervorragend sind, keine Frage, die aber für mich nicht gegen Alligator und Boxer anstinken können). Mit High violet und Trouble will find me konnte ich merklich weniger anfangen. Auch Trouble will find me ist noch ein schönes Album, ich höre es aber kaum, obwohl es neu ist, ich höre stattdessen Boxer oder Alligator. Bei Bands, die mir weniger wichtig sind, würde ich vermutlich schreiben, die neue Platte klänge beliebiger oder seichter als die großen Vorgänger, The National täte ich damit natürlich unrecht. Aber richtig wichtig ist mir vor allem die letzte Platte (und eigentlich auch High violet) nicht mehr. Beide gelten als Meisterwerke, ich weiß, aber eben nicht bei mir.

Das Hallenproblem ist leichter zu erklären. In Deutschland gibt es für nicht-ganz-Stadionbands kaum Spielstätten, die für Zuschauer angenehm sind. Jeder Künstler, der beispielsweise in Köln aus dem E-Werk rausgewachsen ist, muß ins Palladium, in die Philipshalle in Düsseldorf (heißt jetzt anders) oder in die Kölnarena. Nichts davon ist angenehm. Für wen es in Frankfurt nicht für die Jahrhunderthalle reicht, muß in eine der merkwürdigen Stadthallen in Offenbach oder Neu-Isenburg ausweichen, in der sonst Modellbaumessen stattfinden und eine abenteuerliche Akustik mit lustigen Echoeffekten herrscht. Das macht keinen Spaß.

Glücklicherweise konnte ich das Hallenproblem diesmal aushebeln, weil The National auch Esch-sur-Alzette im Tourkalender hatten. Die Rockhal ist wie das AB in Brüssel in den letzten Jahren zu meinem liebsten Ort für größere Bands geworden. Es gibt keine angenehmere Art, Konzerte anzusehen. Der zu diesem Zweck gebaute Komplex hat eine exzellente Akustik, tolles Licht, ein angenehmes Publikum und ein hervorragendes Programm, dafür lohnt sich die weitere Anreise immer.

Und das tat sie auch heute...


The National wirkten weder überspielt noch verkatert oder lustlos. Im Gegensatz zu Berlin redete Matt Berninger viel, er lachte, erzählte, wie der lange Aufstieg zum Backstage-Bad den eigentlichen Toilettengang zwischen Hauptteil und Zugaben überflüssig gemacht hatte, weil die vielen Treppen ihn so ins Schwitzen gebracht hätten, daß er nicht mehr musste, als er oben angekommen war.  Er schmiss seine vollen Pappbecher senkrecht in die Luft, vielleicht, weil das Aufplatschen neben ihm in der Halle mit der tollen Akustik so schön klang. Beim obligatorischen Ausflug ins Publikum bei Mr. November hörte man den Sänger irgendwann nur noch lachen, er versuchte, weiterzusingen, bekam aber erneut einen regelrechten Lachkrampf. Er hatte sich irgendwo verheddert. "Bryce, where were you? I was in trouble!" Das sei ihm schon mal passiert, da sei er in eine Dose getreten und aus der nicht mehr rausgkommen. Ganz am Anfang des Konzerts hatte sich Matt eine Kopfnuss verpasst, nicht eine der Gesten, die ich schon kannte, er boxte sich feste gegen den Kopf. Vielleicht war das eine Hallo-wach-Geste. Falls ja - sie funktionierte!


Fast alle der 22 gespielten Titel stammten von letzten beiden Alben (hurra). Dadurch fehlten mir viele meiner Lieblinge, andererseits entschädigten mich Slow show oder About today (von der Cherry tree EP). Auf die einzelnen Lieder kam es mir aber merkwürdigerweise heute gar nicht an. Das, was Fernsehdeppen gerne Gesamtpaket nennen, stimmte zu sehr, um sich über ein fehlendes Secret meeting oder Brainy aufzuregen. 


Die Lieder vom aktuellen Album empfinde ich auch weiterhin als nichtssagender als die früheren (nichts, wirklich nichts kommt an Squalor Victoria ran), das fast zweistündige Konzert war aber keinen Augenblick langweilig. Bei einer Band, die ich (fast zu) oft gesehen habe, ist das eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale. Schwachpunkt des Konzerts war vielleicht I need my girl. Demons (mit Bieranimation auf der Videoleinwand hinter der Band?) und die Zugabe Humiliation waren die besten Stücke des neuen Albums. Hard to find spielten sie laut Bryce Dessner zum ersten Mal live (was ihn bei den Zugaben noch einmal nachfragen ließ, wie es funktioniert habe). Pink rabbits übernimmt dramaturgisch die Rolle, die bisher Vanderlyle crybaby geeks innehatte, die des akustisch vorgetragenen Stücks, bei dem alle vorne in einer Reihe stehen - der Travis Moment eines The National Konzerts.


Nein, es war wirklich ein sehr gutes The National Konzert. Und damit war es sicher nicht mein letztes. Hätte ich gelangweilt auf die Uhr geguckt und auf alte Lieblinge gewartet, wäre es an der Zeit gewesen. Aber eine Runde Größerwerden mache ich sicherlich noch mit. 


Zur enorm sympathischen Vorgruppe This Is The Kit nachher noch ein Bericht!

Setlist The National, Rockhal, Esch-sur-Alzette:

01: I should live in salt
02: Don't swallow the cap
03: Sorrow
04: Bloodbuzz Ohio
05: Demons
06: Sea of love
07: Hard to find
08: Afraid of everyone
09: Coversation 16
10: Squalor Victoria
11: I need my girl
12: This is the last time
13: Abel
14: Slow show
15: England
16: Graceless
17: Fake empire
18: About today
19: Pink rabbits

20: Humiliation (Z)
21: Mr. November (Z)
22: Terrible love (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- The National, Zagreb, 02.07.13 
- The National, Paris, 25.06.13
- The National, Camber Sands, 09.12.12
- The National, Barcelona, 27.05.11
- The National, Eindhoven, 18.02.11
- The National, Paris, 23.11.10
- The National, Neu-Isenburg, 18.11.10
- The National, Wien, 18.08.10
- The National, Haldern, 14.08.10
- The National, Latitude-Festival, 16.07.10
- The National, Paris, 07.05.10
- The National, Haldern, 09.08.08
- The National, Montreux, 16.07.08
- The National, Köln, 27.11.07
- The National, Paris, 14.11.07
- This Is The Kit, Stuttgart, 27.07.13
- This Is The Kit, Reutlingen, 26.07.13
- This Is The Kit, Paris, 28.09.11
- This Is The Kit, Paris, 17.09.11
- This Is The Kit, Paris, 21.04.11
- This Is The Kit, Paris, 06.02.11
- This Is The Kit, Paris, 27.03.10
- This Is The Kit, Paris, 03.12.09
- This Is The Kit, Paris, 09.06.09
- This Is The Kit, Paris, 11.03.09
- This Is The Kit, Paris, 06.03.09
- This Is The Kit, Paris, 26.03.08
- This Is The Kit, Paris, 01.02.08




1 Kommentare :

akkordarbeit hat gesagt…

Wow, das werden ja immer weniger Songs. In Berlin noch 23, in Kopenhagen 24.

Interessant, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind. Demons empfand ich sowohl auf dem Album als auch live als schwächstes neues Stück. I Need My Girl hingegen als Highlight.

Die Alligator hat super Songs, aber den Sound finde ich wirklich nicht gut.

Naja. :-) Secret Meeting gab es erfreulicherweise in Berlin zu hören.

Ich freue mich auf Brüssel, hoffe auf eine schönere Halle (obwohl Forest National auch so riesig klingt?) und auf Brainy, About Today oder Apartment Story in der Setlist.

 

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