Montag, 18. November 2013

The National, Brüssel, 17.11.13


Konzert: The National
Ort: Théâtre du Vaudeville, Brüssel (Club 69)
Datum: 17.11.2013
Dauer: 100 min
Zuschauer: maximal 300 



"Congratulations! You've won 2 tickets to The National's show on Sunday." Das kam überraschend. Mitgemacht hatte ich auch nicht, weil ich mir große Chancen auf das Konzert ausgerechnet hätte, es hätte mir nur toll in den Kram gepasst. Brüssel liegt (grob) auf dem Rückweg vom Crossing Border Festival in Den Haag und das Konzert in Esch-sur-Alzette vor zwei Wochen hatte meine Begeisterung für The National neu geweckt.

Das Konzert in einem winzigen Art-Déco-Theater mitten in der Brüsseler Innenstadt hatte ein flämischer Radiosender veranstaltet. Die Karten für diese "Club 69" Reihe wurden von Studio Brussel (69x zwei Tickets) und über The National verlost. Weil man bei Gewinnspiel-Konzerten nie weiß, wie die Veranstaltung sein wird (nur ein Showcase, penetrant viel Werbung für den Veranstalter?) wich meine Skepsis nur scheibchenweise. Ist der Saal wirklich so schön wie auf den Bildern? Spielen sie ein ganzes Konzert? Hat die Band Lust? Aber sie wich. Und sie wurde durch riesige Begeisterung ersetzt. Es war ein irre tolles, enorm intimes* Konzert. 


Das Theater erreicht man durch eine Einkaufspassage  ganz in der Nähe des Grand-Place. Dem Passagen-Zugang merkt man nicht an, welche Perle hinter dem kleinen Eingangsbereich liegt. Das eigentliche Theater ist einer der schönsten Säle, in denen ich bisher Konzerte gesehen habe - und er ist vor allem niedlich klein. Weil wir trotz der aufregenden Perspektive auf dem Balkon nicht sitzen wollten, entschieden wir uns für Plätze unten im Parkett. In einem Raum dieser Größe bedeutete das für mich, meine Kamera immer wieder schnell vom Bühnenrand wegzunehmen, wenn Bryce Dessner einen Schritt nach vorne machte (im Gegenzug hätte ich ihm aber die Schnürsenkel verknotet).

The National traten um 20.15 Uhr auf die Bühne, in voller Live-Band Stärke, also mit den beiden Bläsern, und mit normalem Setup. Es war keine Akustik-Show. Und auch wenn ich das während des Konzerts wegen der ausgezeichneten Akustik nicht bemerkt hatte, war der Auftritt nicht leiser als andere.Auch das, was ich von der Setlist zwischen Bryce Dessners Effekten erkennen konnte gab Gewissheit, daß es ein echtes Konzert werden würde. Auf der Liste standen jede Menge Titel (als erste Zugabe ein Wortfetzen, der auf "of" endete und bei mir kurz und intensiv die Hoffnung aufkommen ließ, es könnte sich um Rains of Castamere aus dem Game Of Thrones Soundtrack handeln - das Theater wäre für den zweiten Liveeinsatz des Stücks perfekt geeignet gewesen - "...of" stellte sich aber leider als Fireproof heraus, vielleicht ganz gut so, ich hatte kein Kettenhemd unter der Jacke).


Das Konzert begann für mich überraschend mit dem non-Album Stück Exile vilify. Ich wusste nicht, daß The National dieses Lied, das Teil des Soundtracks eines Computerspiels ist, zur Zeit spielen. Danach kam mit kurzer Unterbrechung durch das wundervoll düstere Secret meeting ein Block vom aktuellen Album Trouble will find me, das mir eine Spur zu gefällig ist. 

Eigentlich wäre der Abend deshalb für mich nichts gewesen, denn neben einigen eingeschobenen Ausnahmen, waren noch mehr aktuelle Lieder im Set als in Luxemburg. Aber weil ein Konzert mehr als die Summe der gespielten Songs ist (fürs Poesie-Album!), machte diese für mich schlechtest mögliche Setlist überhaupt nichts aus. Auch Lieder wie das zwar schöne aber sehr langweilige I need my girl machten in diesem Rahmen Spaß (dabei kratzt Bryce Dessner mit einer zweiten Gitarre über den Boden und erzeugt damit einige Effekte - auch er scheint das Lied also langweilig zu finden)! Von meinen beiden Lieblinge Alligator und Boxer fanden sich im Programm gerade mal drei Titel. Aber geschenkt! Vermutlich hätten The National heute selbst mit ein paar Toto- oder Nickelback-Covern bei mir punkten können (die ich natürlich nicht erkannt hätte!). Die Konzertsituation war einfach zu gut für Nörgeleien. Der wundervolle Saal, das komplett laufkundschaftfreie Publikum, das herrlich mitgröhlte, die Band, die riesigen Spaß hatte, nichts hätte das versauen können.


Neben Secret meeting war Afraid of everyone in der ersten Konzerthälfte besonders gut. Aber auch die beiden neuen Don't swallow the cap und Sea of love überzeugten mich. Das richtig neue Lean, das die Band vor ein paar Tagen in Manchester erstmals gespielt hat, war dagegen unspektakulär, fast langweilig und lässt erahnen, daß das Songwriting weiter den Weg weg von den wilden, von Ausbrüchen geprägten Stücken, hin zu ruhigen Liedern geht.

Die zweite Konzerthälfte hatte die deutlich besseren Lieder. Bloodbuzz Ohio und Sorrow, Humilitaion und Fake empires (wobei die frühere Live-Version um Klassen besser war) gehörten zu den großen Höhepunkten, Mr. November und Terrible love als Zugaben direkt nacheinander, also sechs, sieben Minuten Dauerausrasten von Matt Berninger ohnehin! Als die Band anschließend zum Bühnenrand kam (und jetzt schon fast unangenehm nah stand - sie roch aber nicht streng), um wie auf der letzten Tour das unvermeidbare Vanderlyle crybaby geeks zu spielen, dachte ich, das ich auch diesen übertrieben seichten Song noch gut wegstecken würde - ich mag diese Lagerfeuer-Live-Nummer überhaupt nicht. Allerdings funktionierte sie hier auch plötzlich so viel besser. Das Stück war ein grandioser Abschluß. Und ich mag es eigentlich wirklich nicht!


Dieses spezielle Publikum (mich eingeschlossen) zu begeistern, war zugegebenermaßen nicht schwer. Vielleicht machte das der Band auch so viel Spaß. Sie mussten niemanden überzeugen. Matt Berninger konnte nicht ins Publikum steigen, gerade bei Mr. November schien ihn das zu verunsichern. Er brach das Lied kurz nach dem Start ab, Aaron Dessner rettete mit einer eleganten Gitarrenschleife diesen Abbruch und Matt erklärte: "I wasn't feeling that  version!" Sie starteten neu und der Frontmann schlug sich sein Mikro unzählige Mal (naja, dreimal) mit Wucht an den Kopf. Die National-Mikros sind aber mittlerweile stabil, seit Esch hat Matt keines mehr gekillt. 


Bei Fake empire stieg eine Frau neben mir auf eine Kisten am Bühnenrand, um auf ihr sehr tolles Fake empire T-Shirt hinzuweisen. Bryce bemerkte das schnell und lachte breit. Später flog ein Brief nach vorne, im Gegenzug reichte Matt einer Frau in der ersten Reihe vor den Zugaben seine aktuelle Flasche Weißwein. Scheinbar bat sie auch um ein Glas, der Sänger ging nämlich noch mal an seine Bar vor dem Schlagzeug und lieferte eines nach. Eine andere Frau hatte eine Weinflasche als Geschenk mitgebracht, mehr Eindruck machte aber eine Bierflasche die ein Zuschauer neben mir Matt reichte. Er nahm sie, beschwerte sich aber: "wer bringt denn Bier in eine Weinbar? - Ach, gib sie mir doch! Für später!"

Mit ein wenig Distanz weiß ich auch die schlechte Setlist wirklich zu würdigen. Wenigstens bleibt so eine kleine Chance, noch einmal ein vergleichbares The National Konzert zu sehen. Hätte die Band fünf, sechs Lieblingslieder gespielt, hätte ich sie mir zukünftig nicht mehr ansehen können!


Setlist The National, Théâtre du Vaudeville, Brüssel:

01: Exile vilify
02: I should live in salt
03: Don't swallow the cap
04: Secret meeting
05: Demons
06: Sea of love
07: Hard to find
08: Afraid of everyone
09: I need my girl
10: This is the last time
11: Lean (neu)
12: Bloodbuzz Ohio
13: Sorrow
14: Humiliation
15: Pink rabbits
16: Graceless
17: Fake empire

18: Fireproof (Z)
19: Mr. November (Z)
20: Terrible love (Z) 
21: Vanderlyle crybaby geeks (Z)

Links:

- mehr Fotos vom Konzert
- aus unserem Archiv:
- The National, Esch-sur-Alzette, 06.11.13
- The National, Zagreb, 02.07.13 
- The National, Paris, 25.06.13
- The National, Camber Sands, 09.12.12
- The National, Barcelona, 27.05.11
- The National, Eindhoven, 18.02.11
- The National, Paris, 23.11.10
- The National, Neu-Isenburg, 18.11.10
- The National, Wien, 18.08.10
- The National, Haldern, 14.08.10
- The National, Latitude-Festival, 16.07.10
- The National, Paris, 07.05.10
- The National, Haldern, 09.08.08
- The National, Montreux, 16.07.08
- The National, Köln, 27.11.07
- The National, Paris, 14.11.07

* ich hasse mich für solche Musikjournalisten-Floskeln!
 


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