Sonntag, 24. November 2013

Sigur Rós, Esch-sur-Alzette, 23.11.13


Konzert: Sigur Rós (& I Break Horses)
Ort: Rockhal, Esch-sur-Alzette
Datum: 23.11.2013
Dauer: Sigur Rós 105 min, I Break Horses 27 min
Zuschauer: mindestens 3.000



Am Wochenende fand in Esch-sur-Alzette in Luxemburg das Sonic Visions Festival statt. In verschiedenen Sälen der Rockhal traten Luxemburger und auswärtige Bands auf. Headliner am Samstag waren Sigur Rós, nachdem Freitag noch Hurts (Urteil eines Musikkenners zu deren Auftritt: "Hausfrauenpop mit Hurts, fürchterlich. Aber super für die Mitklatscher.") das Programm angeführt hatten.

Die Rockhal ist grundsätzlich schon eine der angenehmsten Hallen für große Bands (was in meiner Musikwelt ein Publikum von 2.000 bis 5.000 Zuschauern bedeutet). Bei Konzerten, bei denen es auf die Akustik ankommt, punktet sie richtig, dafür nehme ich zu gerne die längere Anfahrt hin.

Das Samstagsprogramm des Festivals war höchst abwechslungsreich. Girls in Hawaii, Frightened Rabbit oder Dear Reader traten in einem der drei Säle auf. Mir ging es aber um Sigur Rós, also entschied ich mich sehr kurzfristig für I Break Horses als Vorprogramm, weil die Schweden unmittelbar vor dem Headliner im großen Saal angesetzt waren. Als I Break Horses um 20.30 Uhr auf die Bühne kamen, begann ein Schattenspiel. Die Schweden, die eigentlich ein Duo sind, traten zu dritt hinter einem Bühnenvorhang auf. Der Vorhang war zwar ein wenig durchsichtig, man konnte aber nur Schemen erkennen, deutlicher waren die Schatten der drei Musiker. Ein wenig ungeschickt (und vollkommen unnötig) waren die Kapuzenpullis der beiden männlichen I Break Horses Mitglieder. Es sah ein wenig nach einem Ku-Klux-Klan-Treffen aus.


Optisch ein wenig eintönig, gefiel mir der Auftritt musikalisch ziemlich gut. Er war kurzweilig. Allerdings wäre es auch katastrophal gewesen, wenn die gut 25 Minuten bereits gelangweilt hätten. 


Als um kurz vor neun die höchst eintönige Fahrstuhl-Pausenmusik stoppte und Sigur Rós auf die Bühne kamen, passierte dies wieder hinter dem Vorhang. Auf den Stoff wurden die Videoprojektionen geworfen, was sicher toll aussah, wenn man weiter hinten stand. Vorne sah man weißen Stoff, der bunt flackerte, und dahinter Leute an Instrumenten und Lichter. Auch beim zweiten Stück Vaka von ( ) blieb es dabei: hören statt sehen, ein wenig so wie diese Kopfhörer-Konzerte, die seit einiger Zeit in sind.


Erst mit den ersten lauteren Schlagzeug-Tönen von Brennisteinn vom aktuellen Album Kveikur fiel das Stoffdings. Warum ich darum jetzt so viel Aufhebens mache, weiß ich auch nicht genau, schließlich sah das Bühnenbild genauso aus wie beim End Of The Road Festival im Spätsommer. überall Instrumente, dazwischen blanke Glühbirnen auf Ständern unterschiedlicher Höhe, deren Lichtintensität wechselte. Auch wenn diese Lichtkonstruktion vermutlich teurer ist, als sie aussieht, schafft diese Dekoration mit einfachen Mitteln eine wundervolle Stimmung. Das gefiel mir sehr gut.


Für die Musik gilt das natürlich umso mehr. Ich verstehe jeden, der mit den Isländern nichts anfangen kann, wenn man sie aber mag, liebt man solche Auftritte. Der Klang war perfekt abgestimmt, die Instrumente wunderbar auszumachen. Jedes Glöckchen war zu hören. Und von allem gab es eine ganze Menge. Elf Musiker habe gezählt, vielleicht waren es auch mehr. In dem Labyrinth aus Lichtern und Instrumenten war es schwer, einen Überblick zu bekommen. Und unnötig. Die Musik war ergreifend schön, es wäre eigentlich sogar nicht furchtbar schlimm gewesen, wenn der Vorhang noch da geblieben wäre.


Im Publikum waren erstaunlich viele Sigur Rós Fans. Wir waren uns zwar hinterher einig, daß es übertrieben ist, bei den Isländern mitzusingen (was erstaunlich viele taten!), aber schon nach den ersten Takten wurden viele Lieder mit Szenenapplaus bedacht. 


Die meisten gespielten Stücke stammten vom tollen aktuellen Album Kveikur. Allerdings hatte Takk von 2005 fast den gleichen Stellenwert im Set, wärend von Kveikurs Vorgänger Valtari mit Varúð nur ein Stück gespielt wurde. Von den neuen Sachen gefiel mir neben dem zackigen Brennisteinn Stormur mit weiblicher Zweitstimme besonders gut! Der Frauengesang kam von einer der zusätzlichen Musikerinnen, ich glaube einer Posaunistin. Neben einem Bläserensembler waren wieder Streicher links im Bühnenhintergrund dabei. Die Bläser hatten am Ende von Hrafntinna einen großen Auftritt.


Zwei Sachen gefielen mir nicht. Bei Kveikur hielt Sänger Jónsi den letzten Ton wenig lang. Das mag technisch toll sein, ich mag solchen Effekthaschereien aber nicht. Ich hatte mich je bewußt gegen einen Samstagabend mit "Supertalent" und für echte Talente entschieden, da brauche ich auch keine solchen Spielereien. Schlimmer waren aber die offenbar unvermeidbaren Mitklatschorgien. Ich habe mich bei einigen Konzerten in den letzten Wochen massiv dafür geschämt, daß die Künstler beim Betreten der Bühne keinen Applaus bekamen (bei Savages beispielsweise - eine schlimme Unsitte, die von ganz schlechter Kinderstube zeugt), diese Oktoberfest-Ausgelassenheit wärend eines Lieds ist aber natürlich genauso schlimm. In der Rockhal ging das multinationale Publikum bei Hoppipolla (das in Með Blóðnasir überging) und bei Festival so richtig aus sich raus. Puh...


Nach knapp 80 Minuten bedeutete das Mitklatsch-Festival das Ende des regulären Sets. Die erste Zugabe Ágætis byrjun leitete der Sänger mit "we haven't played this song for a while and probably won't play it anymore." Ágætis byrjun spielten Sigur Rós mit zwei akustischen Gitarren. Die letzte Viertelstunde (oder mehr!) gehörten dem fantastischen Popplagið vom dritten Album ( ). Es hätte ein solches Ende nicht mehr gebraucht, um ein tolles Konzerterlebnis zu sein, es rundete die anderthalb Stunden vorher aber noch einmal ab. 

Ich finde es enorm schwer, über Sigur Rós Konzerte zu schreiben, man merkt das. Das wird mich aber nicht davon abhalten, die Isländer noch möglichst oft zu sehen! Vielleicht ist mein Vonlenska dann irgendwann auch gut genug, um auch mitsingen zu können.

Setlist Sigur Rós, Sonic Visions Festival, Esch-sur-Alzette:

01: Yfirborð
02: Vaka
03: Brennisteinn
04: Glósóli
05: Stormur
06: Hrafntinna
07: Sæglópur
08: Varúð
09: Hoppípolla
10: Með Blóðnasir
11: Rafstraumur
12: Kveikur
13: Festival

14: Ágætis byrjun (Z)
15: Popplagið (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Sigur Rós, Rom, 28.07.13
- Sigur Rós, Best Kept Secret Festival, 23.06.13
- Sigur Rós, Wien, 04.09.12
- Sigur Rós, Paris, 15.11.08
- Sigur Rós, Köln, 11.08.08



0 Kommentare :

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates