Samstag, 2. November 2013

Barry McGuire & John York, Stuttgart, 22.09.2013


Konzert: Barry McGuire & John York
Ort: Theaterhaus, Stuttgart
Datum: 22.09.2013
Dauer:etwa 140 Minuten
Zuschauer: um die 400 (vermutlich ausverkauft)

 

Dem rauen Protestsong „Eve of Destruction“, der 1965 weltweit die Spitzenposition der Charts erreichte, verdankt Barry McGuire die wenig schmeichelhafte Betitelung als One-Hit-Wonder: Die Güte dieses Songs und die authentische Revue-Show „Trippin' the 60s“ mit Musik und Anekdoten gemeinsam mit dem einstigen The Byrds-Mitglied John York rechtfertigt meine Entscheidung zum Konzert des 77-Jährigen im kleineren Saal 2 des Stuttgarter Theaterhauses zu gehen bereits im Vorfeld. 
Es ist der Tag der desaströsen Bundestagswahl, beim Betreten des komplett bestuhlten Theatersaales sieht es so aus, als erreiche die CDU die absolute Mehrheit der Sitze. Im Auditorium blickt man in enttäuschte, traurige und auch wütende Gesichter der ergrauten 68er Generation. Gefühlt befindet man sich an einem „Eve of Destruction“ – wenn auch ohne apokalyptische Bilder, dafür mit einem Sitzverhältnis der CDU wie zu Zeiten Adenauers. 
Mit Walrossbart, Glatze und leuchtenden Augen betritt kurz darauf Barry McGuire die Bühne und spielt mit wenigen Akustik-Akkorden und tiefer Stimme die düstere Grundstimmung hinweg. Um kurz vor acht verwandelt sich das Theaterhaus in eine Hippie-Kathedrale mit einem Prediger, der um seinen musikalischen Nachlass kämpft. Während McGuire die Selbstdarstellung sucht, Geschichten erzählt, die den Eindruck erwecken, er habe tatsächlich bei der Entstehung zahlreicher Hits der Zeit eine entscheidende Rolle gespielt, glänzt John York am rechten Bühnenrand als heimlicher Star des Abends. Der hagere End-60er mit den langen, schütteren grauen Haaren, der in seiner gerade einmal knapp einjährigen Zeit als Mitglied der Byrds an „Ballad of Easy Rider“ mitwirkte, steuert das Programm mit reizenden Fingerpicking und schönen Harmonien sicher durch den Abend und rettet immer mal wieder allzu nostalgische Situationen vor dem Tritt ins Fettnäpfchen. 
McGuire, der immer ein Vorreiter christlicher Rockmusik war und vor allem in den 70ern-80ern für wirklich scheußlich-kitischige Nummern verantwortlich war, trat Anfang der 60er erstmals mit The New Christy Minstrels in Erscheinung, einer Band so belanglos wie der Name es erwarten lässt. Das Interessanteste an der langlebigen Formation ist der hohe Verschleiß an Musikern: Über 300 Mitglieder habe die bis heute existierende Band Gerüchten zufolge verschlissen, darunter große Namen wie Gene Clark oder Kenny Rogers. „Green, Green“ ist bis heute einer der größten Hits der Band. Gesungen wurde er damals von McGuire, der heute das lange, zweigeteilte Set damit beginnt. 
Man mag auf die Hippie-Folklore schimpfen, doch bezaubert McGuire mit großer Ehrlichkeit und einer aufrichtigen Leidenschaft, wie sie wenige seiner Zeitgenossen heute noch aufbringen können. Auf die Darbietung eigener Songs wird weitgehend verzichtet, Bob Dylans „The Times They Are A-Changin'“ geht fließend in „Blowin' In The Wind“ über. Natürlich ist das unfassbar kitschig, künstlerisch nicht wirklich überraschend oder gar interessant. Die schlichte Schönheit der Konzerts offenbart sich immer wieder erst in McGuires Anekdoten, die unsäglicherweise immer wieder ins Deutsche übersetzt werden. 
Der 77-Jährige gefällt sich in der Rolle des kumpelhaften Oberlehrers, dessen Ausführungen Spaß machen, weil er dabei war. In den 60ern hätten lange Zeit alle Songs gleich geklungen, verallgemeinert der noch immer agile Hüne lächelnd, um die Innovationen der Byrds zu loben, deren Dylan-Cover „Mr. Tambourine Man“ und „Turn, Turn, Turn“ folgen. Der geschickte Zug, „Eve of Destruction“, das man in einem Take aufgenommen habe, im direkten Anschluss zu spielen, passt zu McGuires offensichtlichen Kampf um den eigenen Nachlass. Sich mit Großtaten anderer in eine Reihe zu stellen, erhebt das eigene Werk. Ein wenig geht es ihm da wie Joan Baez, doch hinkt der Vergleich im Hinblick auf die Relevanz. Dass er immer wieder betont, kein Protestsänger gewesen zu sein, erscheint in Anbetracht der Wirkung dieses Songs naiv, aber auch Bob Dylan sperrte sich bekanntlich vehement gegen eine solche Vereinnahmung. 


Natürlich ist nichts an McGuires Schaffen für Nachwelt von Interesse mit Ausnahme seines einen überlebensgroßen Hits, auch wenn seine Beteiligung am Erfolg anderer überraschenderweise immens ist: „California Dreaming“ wurde ursprünglich von ihm aufgenommen, The Mamas And The Papas fungierten damals als Backround-Chor seines Albums, bevor sie selbst eine beispielslose Karriere hinlegten. Aus freundschaftlicher Verbindung zum Komponisten des Stücks verzichtete er auf eine eigene Single-Veröffentlichung, sodass der Weg frei war für den enormen Erfolg der späteren Hippie-Ikonen und ihn auch ihn Creeque Alley, das wenig überraschend Teil des Sets ist, Referenz erwiesen.
Mit Mama Cas Elliot verband ihn seitdem eine enge Freundschaft, die er in rührenden Details schildert. Die aufrichtige Ehrerbietung an die zeitlebens mit ihrem Körper und ihrer Ausstrahlung unglückliche Mama Cas, deren Abmagerungskur – und nicht etwa, wie häufig postuliert, ein verschlucktes Schinkensandwich – ihren Tod herbeiführte, ist ein großer Augenblick. Wo McGuires Drogenanekdoten als glorifizierte Relikte einer vergangenen Zeit antiguiert wirken, ist sein tiefgründiges Lob eine Ode an die Schönheit und die Musik. Wenig verwunderlich bleibt „Dream A Little Dream Of Me“, das die todtraurige Cas nach McGuires Intervention 1968 doch aufnahm, als schönster Moment des Abends in Erinnerung. 
Ansonsten hangelt sich McGuire mit starker Unterstützung Yorks durch Standards der 60er, spielt „San Francisco“, „Johnny B Goode“ und erzählt immer wieder vom Graskonsum, während gealterte Fans Ausdruckstänze aufführen, sich jung fühlen. Das ist dann ein bisschen wie in „Sommer in Orange“ ein ewiger schwäbischer Hippie-Traum. Die 60er scheinen ein einziger Teppich aus grünem Samt gewesen zu sein, folgt man dem heutigen Protagonisten. Für die Aufarbeitung der Schattenseiten der Ära waren andere zuständig. McGuires Weltbild erstrahlt in klaren Kontrasten, für Lou Reed müssen Performer wie er das absolute Feinbild gewesen sein.
Dass nicht alles so rosig war, wie es in der ersten Hälfte erschien, erklärt er erst nach der Pause und einer soliden Version des Creedence Clearwater Revival-Evergreens „Proud Mary“: Er habe viele Freunde durch Drogen und sexuelle Krankheiten verloren, merkt er an und macht sein Überleben, seine erstaunliche Konstitution am geschickten Verzicht auf harte Drogen und Orgien fest. Dass er aufgrund einer gewissen Enthaltsamkeit ein scheinbar differenziertes Bild auf der Zeit zeichnen kann, macht einen weiteren Reiz der Konzerts aus, der in seiner positiven Nachwirkung auch nicht durch „Country Roads“ gänzlich getrübt werden kann. 


Egal wie sympathisch ein Künstler erscheinen mag, Grenzen gibt es immer, die man nicht überschreiten sollte. Einen fast 80-Jährigen dafür weiter schelten, mag ich dennoch nicht. Es sei seine letzte Tour durch Europa gewesen merkt er an, bevor nach tosendem Applaus „Happy Road“ den Abend nach weit über zwei Stunden beschließt. 
McGuire und York verneigen sich, der ausverkaufte Saal steht, McGuire – nun im Tanktop(!) – wirkt glücklich und erschöpft, seine hundertmal erzählte Geschichte kommt immer noch an, der Kampf um das Andenken als One-Hit-Wonder einer längst vergangenen Zeit wird von kleinen Erfolgen gekrönt, die Leute vergaßen für kurze Zeit selbst das Wahlergebnis für wenige Stunden, angenehmer Eskapismus.


Setlist Barry McGuire & John York:

01: Green, Green
02: The Times They Are A-Changin' (Bob Dylan-Cover)
03: Blowin' in the Wind (Bob Dylan-Cover)
04: Mr. Tambourine Man (Bob Dylan- / The Byrds-Cover)
05: Turn, Turn, Turn (The Byrds-Cover)
06: Eve of Destruction
07: California Dreamin' 
08: San Francisco (Scott McKenzie-Cover)
09: Creeque Alley (The Mamas And The Papas-Cover)
10: Johnny B Goode (Chuck Berry-Cover)
11: Dream A Little Dream Of Me (Mama Cas Elliot-Cover)
PAUSE
12: Proud Mary (Creedence Clearwater Revival-Cover)
13: Get Together (Dino Valenti- / Nick Drake-Cover)
14: If I Were A Carpenter (Tim Hardin-Cover)
15: City Of New Orleans (Steve Goodman- / Arlo Guthrie-Cover)
16: Please, Don't Take My Sunshine Away (Traditional)
17: Woodstock (Joni Mitchell-Cover)
18: Dancing In The Street (Martha & The Vandellas-Cover)
19: The Loco-Motion (Little Eva-Cover)

20: Country Roads (John Denver-Cover) (Z)
21: Happy Road (Z) 


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