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Montag, 18. November 2019

Björk, Esch-sur-Alzette, 16.11.19

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Konzert: Björk (Cornucopia)
Ort: Rockhal, Esch-sur-Alzette
Datum: 16.11.2019
Dauer: gut 115 min
Zuschauer: 6.500 (ausverkauft)




Die Tour hat eine eigene Wikipedia-Seite, das wusste ich. Björk wechselt das Kostüm und es wird einen Chor und ein Flötenensemble geben. Mehr hatte ich nicht mitbekommen und ganz bewußt darauf verzichtet, irgendetwas über Cornucopia zu lesen. Das Konzert-Ticket war das zweitteuerste* meines Lebens, also wollte ich mich überraschen lassen.

Wir hatten Karten für den Golden Circle gebucht, den abgetrennten Bereich direkt an der Bühne (benannt nach den kreisförmig um Reykjavík angeordneten Super-Sehenwürdigkeiten). Die riesige Bühne war von einem Streifenvorhang verhüllt, auf dem ein Füllhorn zu sehen war, das Motto der Tour. In den nächsten anderthalb Stunden hörten wir Vogelgezwitscher vom Band. Auch wenn das nur der Ersatz für das Lieblingstape des Tonmanns war, war deutlich, daß die (eher tropischen) Vögel bereits zum Programm gehörten. 

Vor dem Vorhang war ein schmaler Streifen Bühne, im goldenen Schnitt eine kleine Vorbühne, auf der ein rundes Podest montiert war. Darauf würde, wenn alles gut liefe, Björk wohl auch einmal während des Konzerts stehen. Spannender war der zu der runden Bühne passende Ring, der genau darüber unter der Decke hing. Würde von da etwas runtergelassen? Oder jemand hochgezogen? Es fing um halb neun viel weniger spannend und doch unendlich viel aufregende an: eine Trompeterin und ein Trompeter (in Tracht) kamen auf die Bühne, stellten sich vor den Streifenvorhang und begannen ein Stück. Nur zwei Trompeten. Danach senkten sie ihre Instrumente und sangen. Es erklangen aber nicht ihre beiden sondern viel mehr Stimmen, die Menschen dazu (16 - acht Frauen und acht Männer, die Frauen in verschiedenen Trachten) traten vor den Vorhang. Es war erhaben schön. 

In der nächsten guten Viertelstunde sang der Chor verschiedene Stücke, darunter Björks Cosmogony. Þorgerður Ingólfsdóttir, die Gründerin des Hamrahlid-Chors, dirigierte die Sängerinnen und Sänger aus dem Fotograben, mit einem Strahlen im Gesicht und sang immer wieder Zuschauer an. Bei Cosmogony sah es aus, als singe sie ein Duett mit einer Frau jenseits des Gitters. 

Danach wurde irgendwann der Streifenvorhang zur Seite gezogen, wir guckten aber noch nicht auf die Bühne, es waren noch mehrere andere Schichten Vorhänge davor. Diese dienten während des Konzerts in unterschiedlichem Umfang als Projektionsflächen. Alleine das Auf- und Zuziehen der verschiedene Stoffe erforderte eine irrsinnige Choreografie. Einer der schönsten Effekte entstand irgendwann tief im Konzert. Die kaum wahrnehmbare Schicht war vor Björk und ihren Begleiterinnen und Begleitern. Das sah ich aber erst, als auf der Schicht Blütenstaub-Animationen erschienen. Diese Kombination aus Realität mit perfekter Zusatzgrafik war eines der großen Highlights des Abends. Aber davon gab es so viele!

Hallraum (Skizze)
Zurück nach 20:47 Uhr! Der Vorhang, auf dem an Anfang eine riesige Superheldinnen-Björk projeziert war und hinter dem die echte sang, ging auf und zeigte uns erstmals die ganze Bühne. Es gab mehrere Ebenen, alle Formen waren organisch rund. Rechts und links am Rand waren die Stationen des Schlagzeugers und des Keyboarders (sehr amateurhaft ausgedrückt). Die Gestelle, auf denen die elektronischen Instrumente standen, sahen aus, als habe sie Luigi Colani designt. Die rechte Ecke der Bühne nahm eine Trollhütte (Arbeitstitel) ein, in Wirklichkeit ein Hallraum, der von außen wie ein Pacman-Geist aussah. In diese Reverb-Hütte ging Björk während des Konzerts immer wieder (bei Shame is forgiveness zum ersten Mal), die Effekte auf ihre Stimme waren extrem hoch spannend und immer verschieden.

Neben Chor, Percussion, Elektronik und Björk standen eine Harfe-Spielerin und - besonders prominent - ein Flötenseptett (Viibra aus Reykjavík) auf der Bühne. 

Bei Venus as a boy kam Björk erstmals vorne auf "unsere" runde Bühne. Eine der Flötistinnen begleitete sie dabei und drehte sich während des Lieds zu ihrer Sängerin um, wieder einer dieser vielen wunderschönen Momente des Abends. Ich stand da schon lange nur noch mit offenem Mund rum und wirkte wie ein Siebenjähriger in Phantasialand. 

Bei einem der nächsten Lieder spielte der Percussionist ein Instrument, das ich bis dahin noch gar nicht wahrgenommen hatte, eine Art Wasserorgel, er ließ Wasser auf Resonanz-Flächen laufen, trommelte dann aber auch auf denen. So fantastisch wie die organische Utopie-Bühne aussah, hörten sich diese Töne an. 

Die nächsten fünf Minuten muß ich ausführlich beschreiben. Der Chor kam zurück auf die Bühne, ganz in weiß gekleidet. Es schneite. Björk kam auf die kleine runde Bühne, auf drei Seiten von Zuschauern umringt. Direkt neben sie knieten sich vier der Flötistinnen. Der Metallring, dessen Funktion wir immer noch nicht verstanden hatten, senkte sich dank riesig großer Gegengewichte am rechten Hallenrand auf Höhe der knienden Musikerinnen, die ihn zurechdrehten und daruf Flöte spielten. Der Metallkranz war eine große Querflöte - und ich heilfroh, vorher nichts davon gelesen zu haben! Während des Lieds fuhr der Kranz wieder etwas hoch, die Flötistinnen stellten sich und spielten stehend weiter, mal alle vier, mal nur einzelne. 

Bei Features creatures drehte das Viibra-Septett etwas um die Köpfe, was wie Staubsaugerrohre, in denen eine blaue Lampe den Eingang verstopft, aussah. Dahinter, davor, daneben immer wieder Animationen von Pilzen, Pflanzen, mutierten Lebensformen. Mein liebster visueller Effekt waren Animationen von den Schnüren des Streifenvorhangs, die wirkten, als seien die einzelnen Schnüre oben ausgerissen und windeten sich im Wind. Vermutlich meinte das etwas ganz anderes, es sah jedenfalls fantastisch aus. Auf dem Streifenvorhang spielten irgendwann auch Musikerinnen wie auf einer Harfe.

Björk hatte während des Großteils des Konzerts ein Kostüm an, daß riesige Kugeln an den Schulten hatte, die rechte hatte einen schrägen Schlitz, der ihre Mikro-Hand beweglich hielt. Zu den Zugaben trug sie ein Blütenkelch-Kleid. Details dazu - und zu allem anderen finden sich auf der enorm ausführlichen Wikipedia-Seite der Tour, die ich - merkt man vielleicht - bewußt noch nicht gelesen habe. 


In der Pause für den Kostümwechsel erschien Greta Thunberg auf der Leinwand und redete davon, wie sie als 75-jährige sich ihren Kindern und Enkeln gegenüber zu verantworten habe. Inhaltlich und ästhetisch passte dieses Element perfekt zum Konzert.

Setlist Björk, Rockhal, Esch-sur-Alzette:

01: The gate
02: Utopia
03: Arisen my senses
04: Show me forgiveness
05: Venus as a boy
06: Claimstaker
07: Isobel
08: Blissing me
09: Body memory
10: Hidden place
11: Mouth's cradle
12: Features creatures
13: Courtship
14: Pagan poetry
15: Losss
16: Sue me
17: Tabula Rasa

18: Future forever
19: Notget

Links:

- Björk, Reykjavík, 05.11.16 
- Björk, Reykjavík, 05.11.16
- Björk, Ferropolis, 20.07.08



* mein teuerstes Konzert war Björk in Reykjavík



Montag, 12. Februar 2018

Belle & Sebastian, Esch-sur-Alzette, 11.02.18

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Konzert: Belle & Sebastian
Ort: Rockhal, Esch-sur-Alzette
Datum: 11.02.2018
Dauer: Belle & Sebastian knapp 110 min, Pictish Trail 35 min
Zuschauer: vielleicht 800 (nicht ausverkauft)



Kurz vor Ende des Konzerts hatte ich die große Chance, eine der Lücken in meinem perönlichen Belle & Sebastian Livekatalog zu schließen. Stuart Murdoch merkte, daß nach der einen geplanten Zugabe (Like Dylan in the movies) noch genug Begeisterung für ein weiteres Lied da war. Er beriet sich kurz mit Stevie Jackson und Sarah Martin, hatte aber keine Idee, also bat der Sänger um Vorschläge. Ich leide an Reinruf-Phobie, hatte aber am Mittag während Olympia einmal meine B&S-Lieblingslieder, die ich noch nicht gesehen habe, zusammengetragen und hätte diese Liste abbauen können. Dummerweise fiel mir nur das schlecht reinzurufende I love my car ein. Außerdem brüllten mich die viele Briten im Saal nieder, verstehen konnte man nichts, vor allem nicht meinen Wunsch. Bei Stuart kam aber doch von irgendwo das schöne, in dieser Situation aber vollkommen unspektakuläre I want the world to stop an (pinkes Album), Hashtag Perlen vor die Säue. Weil er dann aber feststellte, daß er den Text nicht mehr kann und das Sarah mitteilte, ergab sich meine zweite Chance. "Photo Jenny!" Allerdings hatten sich Sarah und Stuart da schon darauf verständigt, daß sie ihm mit dem Text helfe. Also keine Photo Jenny für mich, über die kann sich dann vielleicht das Züricher Publikum heute abend freuen. Mist!

Seit 2016 ist die Herausforderung größer geworden, noch neue alte Belle & Sebastian Songs live zu hören. An zwei Abenden hatte die Band in der Royal Albert Hall die Geburtstage der ersten beiden Alben (grau und rot) gefeiert und diese komplett gespielt. Bessere Konzerte der Gruppe aus Glasgow werde ich wohl nicht mehr sehen, so viele selten gespielte Lieblinge und Deep Cuts (nerd.). Ein paar dieser Songs hatten es schon in mein Konzert nach der RAH geschafft und auch heute gab es wieder einen ganzen Schwung alter Perlen und - verglichen mit den Sets der letzten Jahre - überraschender Songs. The boy done wrong again oder Stay loose, We rule the school, I don't love anyone und Wrapped up in books.  Auch das ursprünglich mit Norah Jones eingesungene Little Lou, prophet Jack, ugly John von der vorletzten Platte Write about love spielt die Band jetzt regelmäßig. Daß ich das Lied und das pinke Album kaum kenne, merkte ich daran, daß ich sicher war (und das komisch fand!), daß Stevie Jackson den Gesangspart von Norah Jones singen würde, später setzten dann aber auch Sarah Martin noch ein und war dann wohl die eigentlich Norah.

Belle & Sebastian stecken gerade in der Veröffentlichung dreier EPs (How to solve our human problems I bis III). Die Platten eins und zwei sind bereits erschienen, Nummer drei kommt am Freitag. Dummerweise und sehr amateurhaft hatte ich die Dreierbox vorbestellt, kannte also fast nichts von den neuen Liedern. Auch wenn ich gewöhnlich sehr schlecht vorbereitet zu Konzerten gehe, wollte ich hier doch wenigstens auf der Hinfahrt die beiden EPs hören und kaufte sie digital. Beruhigenderweise ist auch auf How to solve... wieder ein Lied, das so gut ist, daß es sofort hängenbleibt (We were beautiful). Die Band befindet sich ja in einer Phase, in der nicht mehr jedes Album eine If you're feeling sinister ist. Wenn aber auf jeder Platte oder EP Stücke wie Nobody's empire, I didn't see it coming oder We were beautiful sind, gibt es keinen Grund, sich von einer Lieblingsgruppe aus Relevanzgründen zu verabschieden, auch wenn I'm a cuckoo und vor allem The boy with the Arab strap für mich nicht mehr spannend sind. 

Die EPs, die eine Art Hommage an die frühen EPs vor Tigermilk und If you're feeling sinister sein sollen, standen im Mittelpunkt des Sets. Neben We were beautiful spielte die Band das gute I'll be your pilot, das von Sarah Martin gesungene The same star und der Stevie Jackson Song Sweet Dew Lee. Ich vertrete seit einiger Zeit die Theorie, daß der schlacksige Gitarrist in seinem Vertrag die Garantie stehen hat, ein eigenes Lied in jedem Konzert spielen zu dürfen. Auf der Tour zur letzten Platte war das das schlechteste Stück der Band (ever) Perfect couples noch gesetzt. Die ersten Male spielte man den Song auch in einer endlos langen Version, da wurde mein Fantum sehr auf die Probe gestellt. Von Konzert zu Konzert büßte Perfect couples Strophen ein, der heutige Auftritt war mein erster ohne. Stevies Ersatz ist leider auch eher lang als gut. Zwar wohl eher in der Sechs- als in der Neun-Minuten-Liga und besser als Perfect couples, wenn man während eines Konzerts kurz zum Auto oder zum Pizza-Stand im Vorraum muß, ist das der Zeitpunkt.

Belle & Sebastian spielten zum ersten Mal in Luxemburg, sie waren aber gut vorbereitet. Stuart bat irgendwann darum, ein paar vorbereitete Fotos zu zeigen, darunter zwei Postkarten, eine von den Betonbauten des Centre Européen. Ein Bild zeigte die luxemburgischen Sieger des ESC, die allesamt nicht aus Luxemburg stammen. Der Sänger nannte France Gall und ihren Titel Poupée de cire, poupée de son. Leider spielten sie es nicht! Dabei haben B&S diesen Song früher gecovert - herzerweichend schön!

Bei The Boy with the Arab strap wurden wieder Gäste zum Tanzen auf die Bühne gebeten. Mit denen saß Stuart dann später am Bühnenrand und interviewte sie. Daß kaum jemand aus Luxemburg selbst da war und stattdessen viele Briten, Spanier und Deutsche hatte er schnell mitbekommen, die Luxemburger fragte er, ob sie alle aus dieser befestigten Innenstadt stammten. Luxemburg sei ein Dorf als Land, ein sehr schönes Bild. Immerhin hatte die Band offenbar kein Problem, einen einheimischen Trompeter zu finden, denn Max war offenbar Teil des technischen Riders und kommt aus Esch.

Sie hätten einen tollen Job, erklärte Stuart irgendwann. Und das merkt man ihm auch nach zweiundzwanzig Jahren noch an (er werde bald vierzig, behauptete er allerdings auch). Sie spielten Konzerte und stiegen danach in den Bus. "And when we wake up we're in a... Switzerland." Und Sonntag in einem Frankfurt, und da sehen wir uns wieder. Ich bin dann fürs Reinrufen besser vorbereitet. #photojenny
 

Setlist Belle & Sebastian, Rockhal, Esch:

01: Nobody's empire

02: I'm a cuckoo
03: We were beautiful (neu)
04: The boy done wrong again
05: Wrapped up in books
06: Sweet Dew Lee (neu)
07: Sukie in the graveyard
08: We rule the school
09: I'll be your pilot (neu)
10: Little Lou, prophet Jack, ugly John
11: The same star (neu)
12: Stay loose
13: I don't love anyone
14: The boy with the Arab strap
15: The party line
16: The stars of track and field

17: Like Dylan in the movies (Z)
18: I want the world to stop (Z)

Tourdaten Belle & Sebastian:

16.02.18: Muffathalle, München

17.02.18: Admiralspalast, Berlin (ausverkauft)
18.02.18: Batschkapp, Frankfurt

Links:

- aus unserem Archiv:
-
Belle and Sebastian, Utrecht, 01.09.17
- Belle and Sebastian, London, 23.06.16
- Belle and Sebastian, London, 22.06.16
- Belle and Sebastian, Ásbrú, 02.07.15
- Belle and Sebastian, Ásbrú, 02.07.15
- Belle and Sebastian, Barcelona, 29.05.15
- Belle and Sebastian, Paris, 31.10.14
- Belle and Sebastian, Larmer Tree Gardens, 01.09.13
- Belle and Sebastian, Barcelona, 27.05.11
- Belle and Sebastian, Minehead, 11.12.10
- Belle and Sebastian, New York, 30.09.10
- Belle and Sebastian, Latitude-Festival, 17.07.10



Foto: Archiv (leider keine vom Konzert) 



Sonntag, 9. Juli 2017

Arcade Fire, Esch-sur-Alzette, 08.07.17

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Konzert: Arcade Fire
Ort: Rockhal, Esch-sur-Alzette, Luxemburg
Datum: 08.07.2017
Dauer: 95 min
Zuschauer: vielleicht 4.000 (bei weitem nicht ausverkauft)



Es kommt immer mal wieder vor, daß ich nicht unbedingt wegen der Band sondern wegen des Ortes zu einem Konzert fahre. Als wir 2014 mit einigen Leuten zu Kraftwerk nach Wien gereist sind, hatte ich die Band eigentlich wirklich zu oft gesehen, um dafür extra nach Österreich zu fahren, sie spielte aber im Burgtheater, und darum ging es mir. The National auf einer Festung in Kroatien, The Cure und Suede in der Royal Albert Hall, Beispiele dafür gibt es immer wieder. Häufig gehe ich auch wegen einer Vorgruppe zu Konzerten. Wenn es eben nicht anders geht, muß ich halt mit zweitausend anderen zu alt-j fahren, wenn ich Wolf Alice nun mal nicht anders sehen kann.

Gestern war ich zum ersten Mal wegen einer Bühne bei einem Konzert.

Und ein wenig deshalb, weil mich Arcade Fire vor zwei Wochen in Köln sehr kalt gelassen hatten, das Konzert war kurz, zu weit weg (meine Doofheit) und so himmelweit entfernt von dem Standard, den mein erster Arcade Fire Auftritt elf Jahre vorher und ein paar Straßen weiter im Gebäude 9 gesetzt hatte.

Esch-sur-Alzette sollte also wieder das Liveerleben der Kanadier zurechtrücken, vor allem aber meine Neugierde auf die 360°-Bühne stillen.


Arcade Fire hatten diese Bühne vor ein paar Tagen in London bei einem Mini-Auftritt erstmals vorgestellt. Die Bilder des Abends waren fantastisch. Die 40 Bandmitglieder (etwa) standen über die quadratische Bühne verteilt, das Publikum vor allen Seiten, jeweils mit Musikern, die die Zuschauern anspielten. Das erste Mal auf einer 360°-Stage hatten sie aber als Support von U2 gestanden.


Als wir vor der Halle ankamen, 30 min vor dem Einlaß, überlegten wir, welcher Platz wohl der beste wäre. Wenn es eine Bühne gibt, kein Problem. Rechts oder links vorne, je nach Saal. Aber bei vier Bühnen? Schwierig. Wir entschieden uns für die Ecke vorne links. Da würde wohl Win Butler stehen und mit etwas Glück auch Bruder William und Richard Reed Parry. Merkwürdigerweise hatte sich wohl nicht rumgesprochen, daß die Bühne mitten im Saal stehen würde. Frontal standen sehr viele Leute, auf der anderen Seite kaum jemand, da wäre man kurz vor Beginn noch in die dritte Reihe gekommen. 


Wir standen perfekt, schlechte Plätze gab es aber eh nicht, die Musiker wanderten und änderten ihre Positionen immer wieder. An der vom Eingang aus gesehen unteren Seite standen Win & Régine. Links Bassist Tim Kingsbury und William Butler, oben Violinistin Sarah Neufeld und Richard Reed Parry, rechts Percussionist Tiwill Duprate, in der Mitte Schlagzeuger Jeremy Gara und irgendwo noch Saxophonist Stuart Bogie, den wir nur einmal zu Gesicht bekamen. Wie gesagt, wir standen perfekt.


Spektakulär war so vieles an diesem Abend. Rund um die Bühne ging ein Fotograben, durch den aber nur ein offenbar zur Band gehörender Fotograf lief. Denn der Graben war gleichzeitig Backstage. Nach einem Lied eilten Roadies von allen Seiten auf die Bühne, um Instrumente auszutauschen oder aufzuräumen. Überall standen Gitarren und Bässe. Als Arcade Fire auf die Bühne kamen, griff sich Win seine Gitarre von einem Ständer. Bruder William lief ihm hinterher und wies ihn darauf hin, daß er eine Gitarre von der falschen Seite genommen habe, das sei seine.

Das Konzert fing fantastisch an, Wake up, der Ohrwurm Everything now, Here comes the night time (Haïti gefällt mir in der aktuellen Version nicht), dazu die vielen Dinge, die auf der Bühne passierten, die Lautstärke, das Gefühl, überall in der ersten Reihe zu stehen, das war der Kehrwert meines Köln-Konzerts neulich. 




Danach folgten Chemistry und Signs of life, zwei der Lieder vom neuen Album. Chemistry ist ganz frisch und hatte seine Live-Premiere neulich in London (ist also wohl ein 360°-Song). Mir gefallen beide nicht sonderlich. Weil danach aber nur noch gute Lieder kamen, waren diese Minuten nicht dramatisch. Nur noch gute Lieder... jein. Creature Comfort, das letzte neue Lied, ist deutlich besser als Chemistry und Signs of life, es gefiel mir auch schon mehr als beim ersten Hören. Aber im Moment kann ich mir nicht vorstellen, daß ich mich mal bei kommenden Konzerten super drüber freuen werde. Wie über Ready to start, Power out, No cars go oder auch Sprawl II und Reflektor. Die kamen alle in der zweiten Konzerthälfte. Sprawl II beendete nach Rebellion (Lies) das Konzert. Das kam ziemlich unvermittelt, weil Sprawl II eher so ein Mittelteil-Stück ist.



Die Zugabe Neon bible, entstanden während der zweiten Amtszeit von George W. Bush, zeigte dann noch einmal die Stärken der Bühne. Die Band stand unbeleuchtet in der Mitte des Publikums, angestrahlt von Handylampen, die wir anschalten sollten. Die Kanadier traten danach ab, strickten noch etwas Wake up in Neon bible und waren weg.

Daß das Konzert kürzer als der Festival-Auftritt beim Best Kept Secret (20 Lieder) aber auch als der in Köln war, der um 22 Uhr beendet sein musste (17 Lieder), war vorsichtig formuliert merkwürdig. 

Die Mitmach-Animationen, für die zum guten Teil Tiwill zuständig war, gehören bei Arcade Fire dazu. Mit der Bühne wirken einige von ihnen auch sehr toll, die hin- und hergeschwenkten Arme, die drei Seiten des Publikums minutenlang machten, sahen sehr hübsch aus. Wenn die Musik dazu so gut ist wie in der zweiten Konzerthälfte, kann ich damit auch leben, mich wie im Kirmeszelt zu fühlen. Wenn die Lieder aber nachlassen, gehe ich besser nicht mehr zu Arcade Fire Konzerten. Das in Luxemburg war wegen der Bühne, wegen der vielen Sachen, die man noch nicht kannte, einer laufenden Régine, die eine Runde gedreht hatte, dann aber gerade kein Mikro in der Nähe hatte und rennen musste z.B. noch einmal gut, gerade glaube ich aber nicht, daß ich im nächsten Jahr noch mal dabei sein werde.

Setlist Arcade Fire, Rockhal, Esch-sur-Alzette:

01: Wake up
02: Everything now (neu)
03: Haïti
04: Here comes the night time
05: Chemistry (neu)
06: Signs of life (neu)
07: No cars go
08: Ready to start
09: Neighborhood #1 (Tunnels)
10: Reflektor
11: Afterlife
12: Creature comfort (neu)
13: Neighborhood #3 (Power out)
14: Rebellion (Lies)
15: Sprawl II (Mountains beyond mountains)

16: Neon bible (mit Wake up) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Arcade Fire, Hilvarenbeek, 17.06.15
- Arcade Fire, Dresden, 17.06.14
- Arcade Fire, Barcelona, 29.05.14
- Arcade Fire, Luxemburg, 26.06.11
- Arcade Fire, Wiesen, 22.06.11
- Arcade Fire, Düsseldorf, 29.11.10
- Arcade Fire, Paris, 29.08.10
- Arcade Fire, Paris, 05.07.10
- Arcade Fire, Paris, 24.08.07
- Arcade Fire, Köln, 22.08.07
- Arcade Fire, Nimes, 22.07.07
- Arcade Fire, Paris, 20.03.07


 


Montag, 27. April 2015

Kings Of Convenience, Esch, 26.04.15

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Konzert: Kings Of Convenience
Ort: Rockhal (Club), Esch
Datum: 26.04.2015
Dauer: gut 60 min Konzert, knapp 45 min Interview
Zuschauer: vielleicht 450 (ausverkauft)



Musikjournalisten liebten es, wenn etwas grundlegend Neues auftauche. Das habe die Kings Of Convenience rund um die Veröffentlichung des Debütalbums Quiet is the new loud so interessant für die Musikpresse gemacht. Die Rockjournalisten hätten zwar die Abkehr vom Lauten gehasst, der Rest der Presse habe es aber gemocht und dem norwegischen Duo einen netten Empfang bereitet. Ich bin Parajournalist, daher gilt diese Weisheit von Erlend Øye nur bedingt für mich. Ich sehe gerne Bands immer wieder, wenn sie sich einmal bewährt haben. Musikalisch habe ich mich in den letzten 25 Jahren keinen Millimeter aus meiner Twee-Pop und Shoegaze-Welt wegbewegt, neue Veranstaltungsformen wie diese, mit der die Bergener Rocker auf Tour sind, begeistern mich aber sehr.

Bevor Erland und Partner Eirik Glambek Bøe ihr Debüt-Album spielten, saßen die beiden Norweger auf einem Sofa auf der Bühne und beantworteten Fragen des Journalisten Ørjan Nilsson, der ein Buch über sie geschrieben hat. 20 Minuten Interview, dann die A-Seite, eine Pause, wieder einige Fragen und die B-Seite, dieser Abend hat schrecklich viel Spaß gemacht!

Eirik und Erland erzählten Geschichten rund um die Entstehung der Band und deren erste Jahre. Bevor sie die KoC gründeten, spielten sie in der Rockgruppe Skog, die bei einem Talentwettbewerb einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Ein Kritiker schrieb hinterher, man habe nicht genau gewußt, ob das spaßig oder ernst gemeint gewesen sei. Erland gab uns den Tipp "stay funny until the age of 22". Es bringe nichts, vorher Songs über die Schwierigkeiten des Lebens zu schreiben, weil es später, wenn die Probleme wirklich schlimm werden, dann keine Steigerungsmöglichkeiten mehr gebe. Überhaupt vermittelten die beiden eine Menge Weisheiten. Allerdings schränkte der Mann mit der Oma-Frisur dies auch ein wenig ein. "We were very good at faking wisdom!"

Daß ihr leises Konzept aufgehe, hätten sie bei einem frühen Konzert in München erlebt. Am Anfang konnten sie nicht viel touren, da Eirik anderthalb Jahre unter einem selbst diagnostizierten Burnout gelitten habe. Sie seien damals schon die "Kings Of Cancellation" genannt worden. In München habe es aber ein Konzert gegeben und da sei das Publikum wahnsinnig leise gewesen. Das Leise sei da also in der Musik angekommen. Der deutsche Rolling Stone habe etwa zu der Zeit geurteilt, "the music was good but it's a little bit schmalbrüstig!" Musiker oder Bands wie Simon & Garfunkel, Belle & Sebastian und Jonie Mitchell seien auch schmalbrüstig, sagte Erland. Wobei das bei weiblichen Musikern ein unglückliches Bild sei.

Eirik und Erland erzählten von den Aufnahmen des Debüts bei Ken Nelson, dem Produzenten der ersten beiden Coldplay-Alben, in Liverpool. Liverpool sei wie Bergen. Die Stadt biete keinerlei Ablenkungen, keine schönen Plätze oder Restaurants. Sie konnten also in Ruhe arbeiten. Ein Zuschauer aus Liverpool protestierte heftig, war aber einigermaßen zufrieden, als Erland sagte, er möge den FC Liverpool (weil der Soundmann Man United Fan ist und miese Laune habe, wenn die gegen Everton verlören - oder so). Als sie später von einem Lied (Summer on the Westhill) erzählten, das Eirik auf einer Fahrt von Glasgow nach Newcastle geschrieben habe und sie sicherheitshalber nachfragten, ob denn auch jemand aus Newcastle da sei, meldete sich eine Frau. "Wie ist es denn in Newcastle heutzutage so?" - "Shit!", sagte der Mann aus Liverpool. 

Das Interview war enorm unterhaltsam. Und informativ! Daß das dritte Album zum Beispiel QUIET IS the new loud heißen sollte, wusste ich nicht. Es kam nicht dazu, das schien der Plattenfirma nicht ganz geheuer zu sein. Der Name (ohne Großbuchstaben) für die erste Platte war Erland im August 1999 eingefallen. "Da war das Wetter gut." Eirik hatte stattdessen Quality sleep als Titel vorgeschlagen. Das wusste er aber nicht mehr (sagte er).

Zwischen diesem Interview spielten die Kings das Album. Ab und zu fragten sie ab, wie ein Lied heiße. Ab und zu erklärten sie etwas. Aus der A-Seite ragte natürlich das wundervolle I don't know what I can save from you hervor! Live kommt die herrliche Gitarrenmelodie viel besser zur Geltung als auf Platte. Sie hätten erst lernen müssen, wie ihre Sorte Musik, die gar nicht leicht live zu spielen sei, richtig klingen würde. Ihr Soundmann ("Glory, glory, Man United!") habe damals die richtige Technik dafür entwickelt (mit Mikros in den Gitarren). Und ja, die Gitarren kommen auf dem Album viel weniger klar durch. Eingespielt habe man die Lieder im Studio in Livesituationen. Ken Nelson habe keine Zaubertricks angewandt.

Während der zweiten Fragerunde durfte sich auch das Publikum beteiligen. Einer der Zuschauer wollte wissen, was es mit der alternativen Version der ersten Platte auf sich habe, die noch Kings Of Convenience geheißen und zum Teil andere Lieder umfasst habe. Erland erklärte euphorisch, daß man eines von denen, die es nicht auf Quiet... geschafft hätten, als Zugabe spielen könne. Sie müssten es dann nur vorher schnell proben. Eirik wirkte begeistert!

Nachdem sie die zweite Seite gespielt hatten, nahm der Haupt-Sänger aber doch seine Gitarre mit nach hinten. Sie kamen zurück und stimmten Days I had with you an, zum ersten mal seit 15 Jahren. "Nein, vor acht Jahren habt ihr es in Glasgow gespielt." Unterschätzt niemals Konzertgänger, liebe Bands...

Zum Schluß - man wollte und sollte ja hinterher noch Bücher signieren - kam ein späteres Lied, Cayman Islands. Und dann lange anhaltender Jubel des internationalen Publikums. Alle anderen Konzerte waren innerhalb von wenigen Minuten ausverkauft, nur Luxemburg nicht. Viele (wie ich) hatten den Umweg über Esch gewählt, um diesen Abend zu erleben. "We play to the United Nations."

Setlist Kings Of Convenience, Rockhal, Esch-Sur-Alzette:

A-Seite:
01: Winning a battle, losing the war
02: Toxic girl
03: Singing softly to me
04: I don't know what I can save you from
05: Failure
06: The weight of my words


[Pause]

B-Seite:
07: The girl from back then
08: Leaning against the wall
09: Little kids
10: Summer on the Westhill
11: The passenger
12: Parallel lines


13: Days I had with you (Z)
14: Cayman Islands (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Kings Of Convenience, Barcelona, 02.06.12
- Kings Of Convenience, Dortmund, 09.10.09

Foto: Konserve (es herrschte strenges Fotoverbot. Grob sehen die beiden Musiker aber noch genauso aus).




Donnerstag, 12. Februar 2015

Motorama, Esch-sur-Alzette, 11.02.15

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Konzert: Motorama
Ort: Rockhal, Esch-sur-Alzette
Datum: 11.02.2015
Dauer: Motorama 65 min, The Spectors gut 30 min
Zuschauer: 50 - 60



Wenn mir jemand Ende der 80er Jahre gesagt hätte, eine meiner Lieblingsbands 25 Jahre später komme aus Russland, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Russland war damals an der Schwelle der großen Umbrüche im Osten für den Indiemusikhörer im Rheinland eine fremde Welt, wie sie fremder nicht sein konnte. Heute tragen die russischen Militärflugzeuge zwar wieder den roten Stern, ist die Hymne Russlands wieder die zwischenzeitlich ersetzte sowjetische, die Öffnung des Landes und der Kultur der letzten zweieinhalb Jahrzehnte hat dies aber nicht rückgängig gemacht. 

Daß Motorama westeuropäische Musikeinflüsse haben, ist unverkennbar. Sie verbinden diese aber mit einer sehr eigenen Note, bilde ich mir ein. Aber nicht das macht die Faszination der Musik der Band aus Rostow am Don aus. Ich mag Motorama nicht wegen der für Indiemusik exotischen Herkunft, ich mag Motorama wegen der grandiosen Platten und der wundervollen Konzerte!

Als der erste Abschnitt der Europatour* angekündigt wurde, war die Rockhal in Esch in Luxemburg dabei mit einem neuen, kleinen Saal. Bisher hatte das Konzertzentrum mit der großen Halle (für Bands wie Indochine oder die Pixies), dem kleineren Saal (Get Well Soon oder Morrissey) und dem Café (Showcases) drei mir bekannte Auftrittsorte. Der Club im ersten Stock, der vermutlich 100 bis 150 Zuschauern Platz bietet, füllt damit eine Lücke. 

Als ich zwanzig Minuten vor Beginn der Hauptgruppe ankam, waren erst vier andere Gäste da. Ich hatte eine kurze Beschreibung des Supportacts gelesen und war so neugierig geworden, daß ich The Spectors aus Belgien nicht verpassen wollte. Als die fünfköpfige Band ihr Konzert begann, waren etwa 50 Zuschauer im Saal, einige ganz offensichtlich Freunde der Musiker. Meine Neugierde kam auf ihre Kosten, das halbstündige Set der Spectors gefiel mir sehr gut. Ich kannte vorher kein Lied, hatte nur gelesen, daß es sich um eine Shoegaze / Dream Pop Gruppe handele, die Twin Peaks mag. So was reicht locker, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen.!

The Spectors kommen aus Flamen und bestehen aus Sängerin und Bassistin Marieke Hutsebaut, Keyboarderin Hannah Vandenbussche, den beiden Gitarristen Emiel van den Abbeele und Maxiem Charlier und Schlagzeugerin Stefanie Mannaerts. Als ich im Booklet meiner nach dem Konzert gekauften Debüt-CD nach den Namen guckte, stieß ich auf "additional synth parts on several songs" und "produced by Chris Urbanowicz"! Der Ex-Editors Keyboarder, nach dessen Ausstieg ("In a decision entirely based upon future musical direction")** meine ehemalige Lieblingsband leider schlecht wurde, hat offenbar einen guten Geschmack. The Spectors sind etwas fröhlicher als Best Coast, etwas weniger rockig als La Sera und verfügen jetzt schon über eine ganze Menge toller Songs. Die Band wurde vor genau zwei Jahren gegründet und spielte heute ihr erstes Konzert außerhalb Belgiens. 

Mir gefiel Green-eyed monster am besten, ein herrlich düsteres Lied, in dem viel gestorben wird. Sehr lustig war der Refrain bei One-eighty, der dem von There is a light that never goes out glich. Auch da beweisen die Belgier Geschmack! Ein tolles halbstündiges Set, das mir die erste aufregende neue Band des Jahres beschert! Die möchte ich gerne wiedersehen!

Setlist The Spectors, Rockhal, Esch-sur-Alzette:

01: Like sand
02: One-eighty
03: Ariel
04: Green-eyed monster
05: Nico
06: Light stays close
07: Drone
08: Flakey



Viel voller war es nicht geworden, als Motorama um halb zehn die Bühne betraten. Kurz vor Beginn des Konzerts hatte ich erfahren, daß Bassistin Irene*** Parshina in Paris nicht mehr dabei gewesen sei. Sie und Sänger Vladislav werden Eltern. Daß die Bassistin nicht mehr dabei sein könnte, hatte ich jetzt aber noch nicht erwartet. Stattdessen habe ihr Mann in Paris Bass gespielt, hieß es. So war es natürlich auch bei uns. Motorama sind aktuell als Liveband nur noch zu viert, neu war mir dabei der Schlagzeuger. Vlad begann am Bass, statt zweier Gitarren gab es dadurch nur noch eine. Daß ich den Anfang des Konzerts bei weitem nicht so gut wie meine bisherigen fand, lag aber nicht daran, es lag an der miesen Abmischung. Ich bin wirklich keine Misch- und Sound-Experte, daß Keyboard, Bass und vor allem das Schlagzeug viel zu laut waren, lag aber vermutlich nicht nur an meinem Platz vorne neben der Box. Irgendwann zog es mich nach hinten zum Mischpult (was ich nie mache), aber auch da stimmten die Verhältnisse der Instrumente zu einander nicht. Der Mischer ging zigmal (wörtlich!) nach vorne, um seine Einstellungsänderungen zu kontrollieren, war aber offenbar auch unzufrieden mit den Ergebnissen. 


Ob mir die zweite Gitarre nur gefehlt hat, weil die erste zu leise war, kann ich nicht beurteilen. Die Instrumente klangen oft isoliert, nicht harmonisch zusammen. Ich denke, daß das zu laute Keyboard das Hauptproblem dabei war. Aber selbst ein für Motorama schlechteres Konzert ist immer noch besser als die meisten anderen. 


Motorama spielten trotz ihres mittlerweile großen Repertoires alle Lieder des neuen Albums Poverty, das kürzlich bei Talitres erschienen ist. Die neue Platte gefiel mir zwar direkt, ich empfand sie aber als schlechter als die beiden Vorgänger. Je häufiger ich Poverty höre, je lieber mag ich das Album! Alleine dieses wundervoll monotone Write to me am Schluß - wow! Wenn ich mir überlege, wie viele Bands in den letzten dreißig Jahren das Etikett Joy Division an den Hut gesteckt bekommen haben. Und da kommen ein paar Musiker aus Rostow und hauen Stücke wie diese raus, die klingen, als hätten Motorama den Post-punk erfunden. Write to me sang Vladislav in zwei Mikros, wenn ich das von ganz hinten richtig gesehen habe. Die Gitarre lag am Boden, Maxim Polivanow spielte wie bei drei, vier anderen Liedern Bass. 


Weil alle Lieder von Poverty und auch eine B-Seite (Special day) und nicht-Album-Singles gespielt wurden, blieb wenig Raum für die beiden ersten vorzüglichen Alben. Warm eyelids, Young river oder der heimliche Liebling There's no hunters here fehlten mir. Aber vielleicht beim nächsten Mal. Samstag.

Setlist Motorama, Rockhal, Esch-sur-Alzette:

01: Impractical advice
02: Corona
03: To the south
04: Dispersed energy
05: She is there
06: Red Drop
07: Heavy wave
08: Lottery
09: Rose in the vase
10: Old
11: Similar way
12: Special day
13: Ghost
14: Alps
15: During the years
16: Write to me

17: Eyes (Z)
18: Scars (Z)


Links:

- aus unserem Archiv: 
- Motorama, Frankfurt, 03.06.14
- Motorama, Luxemburg, 26.02.14
- Motorama, Paris, 13.12.13
- Motorama, Köln, 25.09.13
- Motorama, Paris, 19.09.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Wiesbaden, 06.03.13
- Motorama, Esslingen, 05.03.13
- Motorama, Paris, 25.02.13
- Motorama, Paris, 27.11.12


* "Europa" im Konzertjargon entspricht nicht Europa im politischen oder geographischen Sinne
** Wikipedia
*** die Schreibweise ihres Labels


Mittwoch, 15. Januar 2014

Babyshambles, Esch-sur-Alzette, 14.01.14

3 Kommentare

Konzert: Babyshambles
Ort: Rockhal, Esch-sur-Alzette
Datum: 14.01.2014
Dauer: Babyshambles 100 min, Velvet Vertigo 25 min
Zuschauer: einige Hundert (aber nicht ausverkauft)



Wie mich das ankotzt, nicht einfach über die brillante Musik eines Konzertabends schreiben zu können. Da stand heute ja schließlich der begnadetste Songschreiber seiner Generation auf der Bühne. Wenn jetzt ein Best-of-Album seiner Babyshambles erscheinen würde, passten die Hits der Band nicht auf eine einzelne CD. Alleine die beiden Zugaben zehn Minuten nach Konzertende, als lange schon Musik vom Band lief und die Roadies die Bühne räumten, waren brillant. Albion und Fuck forever, eine knappe Viertelstunde, die Musiker wie Jake Bugg oder auch Alex Turner - und all die neuen "klingt wie Jake Buggs" wie DSDS Castingteilnehmer aussehen lassen würde.

Richtig sauer darauf, um ein fantastisches Konzert gebracht worden zu sein, bin ich auf die geifernden Maulaffen im Publikum, die Peter Doherty leider anzieht. Diese Gaffer, die auf der Autobahn Handyfilmchen von Unfallopfern filmen, johlten laut und anfeuernd, als Peter am Anfang des Konzerts zu seinem Trinkbecher griff. Ich habe glücklicherweise keine Suchterkrankungen (dieser Konzertkram ist ja vollkommen normal), aber ich habe einen Funken gesunden Menschenverstand und glaube zu wissen, daß das ein Verhalten ist, das nicht hilfreich ist. Schwachköpfe!

Peter kam nicht nüchtern auf die Bühne, das erwarte ich auch nicht. Aber er wirkte fit. Es gab eine Viertelstunde Verspätung, in der die Roadies immer wieder die Instrumente richteten, es gab ein kurzes Gejamme, bevor das erste Stück (das grandiose Delivery) angestimmt wurde. Die ersten Lieder waren aber phänomenal und nichts, wirklich nichts deutete darauf hin, daß daß und vor allem wie schnell Peter Doherty abbauen sollte. Nach Fall from grace exte der Sänger einen Becher mit knallrotem Inhalt - kein Tomatensaft - danach wurde sein Zustand zusehends schlechter.

Den immer schnodderig gesungenen Stücken merkte ich das nicht unbedingt an, aber das Verhalten in den Pausen wurde peinlich. Da flogen Gitarren Richtung Roadie (und knallten auf die Bühne), da knallten Mikros mit großer Wucht und lautem Knall gegen die Monitorboxen. Und Peter setzte sich immer häufiger aufs Schlagzeugpodest. Also all das, jedenfalls in der kleinen Version, was sich die Vollidioten im Publikum gewünscht hatten. Hurra!

Es hätte ein so gutes Konzert sein können. Die Songauswahl war perfekt (und hatte nichts mit der geplanten Setlist zu tun, die ich einsehen konnte und auf der Pipedown gleich zweimal stand!). Nothing comes to nothing von Sequel to the prequel gehört jetzt schon auf die Best-of-Platte, auch die anderen neuen Stücke waren live sehr gut! Dazu die Gassenhauer wie Beg, steal and borrow oder eben Pipedown oder 8 dead boys, das ich noch nie live gesehen habe! 

Aber wenn da vorne auf der Bühne ein torkelnder Tanzbär dem feixenden Publikum (der Anteil der Idioten war klein, um das klarzustellen, er war aber zu groß) am Nasenring vorgeführt wird, fällt es mir schwer, die Musik zu genießen.

Und wie gut hätte das Konzert sein können! Aus dem Publikum gab es immer wieder reingerufene Songwünsche. Manche verstand ich (trotz des lustigen französischen Akzents), andere nicht. Die Musiker verstanden keinen der Titel. Nach Killamagiro rief wieder irgendwer etwas rein. "Goodbye, Morlex? Du wünschst dir Goodbye, Morlex?", was zu Diskussionen auf der Bühne führte. "Oh? Fuck forever, is that's what they say?" Das war es da gerade nicht, also stimmte Peter ein kurzes Lied mit dem Text "Could it be arranged" und "want to say 'goodbye, Morlex'!" an.* Das war zum Schreien komisch, wiederholte sich ähnlich auch noch später. Nach solchen gescheiterten Zurufen timmte die Band sich ab und spielte irgendetwas Ungeplantes, UnBiloTitled zum Beispiel. Ein Lied begann mit Bass von Joy Divisions Transmission, zu dem Peter What have I done to deserve this sang, auch das war ein tolles Detail. Aber dann kickte er wieder gegen das angeschaltete Mikro.

Auch das Ende war improvisiert. Nach Side of the road ging Peter von der Bühne. Den drei anderen Babyshambles sah man die Überraschung darüber deutlich an. Sie gingen dann aber auch konsterniert von der Bühne. Auch der Tourmanager brauchte eine Weile, um dem Soundmann mit seiner Taschenlampe klarzumachen, daß Schluß sei. Es gab auch extrem wenig Applaus, nachdem die Babyshambles verschwunden waren. Ich wähnte die Band schon bei der Aftershow-Party im Bus, als sie nach zehn Minuten wiederkam, zunächst ohne Peter und Albion anstimmte. Die Roadies wurden noch einmal sehr hektisch, denn sie hatten bereits mit dem Aufräumen begonnen. 

100 Minuten brutto. Viele Hits. Aber auch viel zu viele Pausen. Das ist die Bilanz eines unbefriedigenden Konzerts.

Für einen der guten Momente dieses schizophrenen Abends sorgte überraschenderweise die örtliche Vorgruppe Velvet Vertigo, die blutjung war, mit lustigem Akzent sang, aber Spaß gemacht hat. Da die Chancen nicht schlecht sind, Bands aus Luxemburg regelmäßig als Support dort zu sehen, wünsche ich sie mir bald wieder. Vielleicht bei Motorama? Das wird ein klarer zu greifender Konzertabend, da weiß ich jetzt schon sicher!

Setlist Babyshambles, Rockhal, Esch-sur-Alzette:

01: Delivery
02: Nothing comes to nothing
03: Baddie's boogie
04: Beg, steal and borrow
05: I wish
06: Fall from grace
07: Frech dog blues
08: Killamagiro (gefolgt von Goodbye, Morlex)
09: Back from the dead 
10: Pipedown
11: Maybelline
12: 8 dead boys
13: ?
14: What Katie did
15: UnBiloTitled
16: Side of the road (?)

17; Albion (Z)
18: Fuck forever (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Babyshambles, Paris, 03.10.13
- Babyshambles, Paris, 08.07.13
- Babyshambles, Montreux, 15.07.08
- Babyshambles, Paris, 04.02.08
- Babyshambles, Köln, 22.01.08
- Babyshambles, Paris, 14.01.08
- Babyshambles, Paris, 18.10.07
- Babyshambles, Paris, 14.11.06

- Peter Doherty, Paris, 28.09.12
- Peter Doherty, Esch-sur-Alzette, 09.04.12
- Peter Doherty, Köln, 13.04.11
- Peter Doherty, Paris, 19.03.11
- Peter Doherty, Paris, 07.07.10
- Peter Doherty, Paris, 09.05.10
- Peter Doherty, Paris, 23.03.10
- Peter Doherty, Paris, 08.03.10
- Peter Doherty, Paris, 18.01.10
- Peter Doherty, Paris, 10.11.09
- Peter Doherty, Paris, 05.10.09
- Pete Doherty, Berlin, 07.08.09
- Pete Doherty, Paris, 10.03.09
- Pete Doherty, Paris, 09.03.09 (ausführlicher)
- Pete Doherty, Paris, 09.03.09


* ich bin mir sehr sicher, daß es eine Improvisation war, ich erkannte es nicht als bekanntes Stück 


Foto: Archiv (aktuellere kommen - Hardware-Probleme)
 


Sonntag, 24. November 2013

Sigur Rós, Esch-sur-Alzette, 23.11.13

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Konzert: Sigur Rós (& I Break Horses)
Ort: Rockhal, Esch-sur-Alzette
Datum: 23.11.2013
Dauer: Sigur Rós 105 min, I Break Horses 27 min
Zuschauer: mindestens 3.000



Am Wochenende fand in Esch-sur-Alzette in Luxemburg das Sonic Visions Festival statt. In verschiedenen Sälen der Rockhal traten Luxemburger und auswärtige Bands auf. Headliner am Samstag waren Sigur Rós, nachdem Freitag noch Hurts (Urteil eines Musikkenners zu deren Auftritt: "Hausfrauenpop mit Hurts, fürchterlich. Aber super für die Mitklatscher.") das Programm angeführt hatten.

Die Rockhal ist grundsätzlich schon eine der angenehmsten Hallen für große Bands (was in meiner Musikwelt ein Publikum von 2.000 bis 5.000 Zuschauern bedeutet). Bei Konzerten, bei denen es auf die Akustik ankommt, punktet sie richtig, dafür nehme ich zu gerne die längere Anfahrt hin.

Das Samstagsprogramm des Festivals war höchst abwechslungsreich. Girls in Hawaii, Frightened Rabbit oder Dear Reader traten in einem der drei Säle auf. Mir ging es aber um Sigur Rós, also entschied ich mich sehr kurzfristig für I Break Horses als Vorprogramm, weil die Schweden unmittelbar vor dem Headliner im großen Saal angesetzt waren. Als I Break Horses um 20.30 Uhr auf die Bühne kamen, begann ein Schattenspiel. Die Schweden, die eigentlich ein Duo sind, traten zu dritt hinter einem Bühnenvorhang auf. Der Vorhang war zwar ein wenig durchsichtig, man konnte aber nur Schemen erkennen, deutlicher waren die Schatten der drei Musiker. Ein wenig ungeschickt (und vollkommen unnötig) waren die Kapuzenpullis der beiden männlichen I Break Horses Mitglieder. Es sah ein wenig nach einem Ku-Klux-Klan-Treffen aus.


Optisch ein wenig eintönig, gefiel mir der Auftritt musikalisch ziemlich gut. Er war kurzweilig. Allerdings wäre es auch katastrophal gewesen, wenn die gut 25 Minuten bereits gelangweilt hätten. 


Als um kurz vor neun die höchst eintönige Fahrstuhl-Pausenmusik stoppte und Sigur Rós auf die Bühne kamen, passierte dies wieder hinter dem Vorhang. Auf den Stoff wurden die Videoprojektionen geworfen, was sicher toll aussah, wenn man weiter hinten stand. Vorne sah man weißen Stoff, der bunt flackerte, und dahinter Leute an Instrumenten und Lichter. Auch beim zweiten Stück Vaka von ( ) blieb es dabei: hören statt sehen, ein wenig so wie diese Kopfhörer-Konzerte, die seit einiger Zeit in sind.


Erst mit den ersten lauteren Schlagzeug-Tönen von Brennisteinn vom aktuellen Album Kveikur fiel das Stoffdings. Warum ich darum jetzt so viel Aufhebens mache, weiß ich auch nicht genau, schließlich sah das Bühnenbild genauso aus wie beim End Of The Road Festival im Spätsommer. überall Instrumente, dazwischen blanke Glühbirnen auf Ständern unterschiedlicher Höhe, deren Lichtintensität wechselte. Auch wenn diese Lichtkonstruktion vermutlich teurer ist, als sie aussieht, schafft diese Dekoration mit einfachen Mitteln eine wundervolle Stimmung. Das gefiel mir sehr gut.


Für die Musik gilt das natürlich umso mehr. Ich verstehe jeden, der mit den Isländern nichts anfangen kann, wenn man sie aber mag, liebt man solche Auftritte. Der Klang war perfekt abgestimmt, die Instrumente wunderbar auszumachen. Jedes Glöckchen war zu hören. Und von allem gab es eine ganze Menge. Elf Musiker habe gezählt, vielleicht waren es auch mehr. In dem Labyrinth aus Lichtern und Instrumenten war es schwer, einen Überblick zu bekommen. Und unnötig. Die Musik war ergreifend schön, es wäre eigentlich sogar nicht furchtbar schlimm gewesen, wenn der Vorhang noch da geblieben wäre.


Im Publikum waren erstaunlich viele Sigur Rós Fans. Wir waren uns zwar hinterher einig, daß es übertrieben ist, bei den Isländern mitzusingen (was erstaunlich viele taten!), aber schon nach den ersten Takten wurden viele Lieder mit Szenenapplaus bedacht. 


Die meisten gespielten Stücke stammten vom tollen aktuellen Album Kveikur. Allerdings hatte Takk von 2005 fast den gleichen Stellenwert im Set, wärend von Kveikurs Vorgänger Valtari mit Varúð nur ein Stück gespielt wurde. Von den neuen Sachen gefiel mir neben dem zackigen Brennisteinn Stormur mit weiblicher Zweitstimme besonders gut! Der Frauengesang kam von einer der zusätzlichen Musikerinnen, ich glaube einer Posaunistin. Neben einem Bläserensembler waren wieder Streicher links im Bühnenhintergrund dabei. Die Bläser hatten am Ende von Hrafntinna einen großen Auftritt.


Zwei Sachen gefielen mir nicht. Bei Kveikur hielt Sänger Jónsi den letzten Ton wenig lang. Das mag technisch toll sein, ich mag solchen Effekthaschereien aber nicht. Ich hatte mich je bewußt gegen einen Samstagabend mit "Supertalent" und für echte Talente entschieden, da brauche ich auch keine solchen Spielereien. Schlimmer waren aber die offenbar unvermeidbaren Mitklatschorgien. Ich habe mich bei einigen Konzerten in den letzten Wochen massiv dafür geschämt, daß die Künstler beim Betreten der Bühne keinen Applaus bekamen (bei Savages beispielsweise - eine schlimme Unsitte, die von ganz schlechter Kinderstube zeugt), diese Oktoberfest-Ausgelassenheit wärend eines Lieds ist aber natürlich genauso schlimm. In der Rockhal ging das multinationale Publikum bei Hoppipolla (das in Með Blóðnasir überging) und bei Festival so richtig aus sich raus. Puh...


Nach knapp 80 Minuten bedeutete das Mitklatsch-Festival das Ende des regulären Sets. Die erste Zugabe Ágætis byrjun leitete der Sänger mit "we haven't played this song for a while and probably won't play it anymore." Ágætis byrjun spielten Sigur Rós mit zwei akustischen Gitarren. Die letzte Viertelstunde (oder mehr!) gehörten dem fantastischen Popplagið vom dritten Album ( ). Es hätte ein solches Ende nicht mehr gebraucht, um ein tolles Konzerterlebnis zu sein, es rundete die anderthalb Stunden vorher aber noch einmal ab. 

Ich finde es enorm schwer, über Sigur Rós Konzerte zu schreiben, man merkt das. Das wird mich aber nicht davon abhalten, die Isländer noch möglichst oft zu sehen! Vielleicht ist mein Vonlenska dann irgendwann auch gut genug, um auch mitsingen zu können.

Setlist Sigur Rós, Sonic Visions Festival, Esch-sur-Alzette:

01: Yfirborð
02: Vaka
03: Brennisteinn
04: Glósóli
05: Stormur
06: Hrafntinna
07: Sæglópur
08: Varúð
09: Hoppípolla
10: Með Blóðnasir
11: Rafstraumur
12: Kveikur
13: Festival

14: Ágætis byrjun (Z)
15: Popplagið (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Sigur Rós, Rom, 28.07.13
- Sigur Rós, Best Kept Secret Festival, 23.06.13
- Sigur Rós, Wien, 04.09.12
- Sigur Rós, Paris, 15.11.08
- Sigur Rós, Köln, 11.08.08



Dienstag, 12. November 2013

Pixies, Esch-sur-Alzette, 11.11.13

1 Kommentare

Konzert: Pixies
Ort: Rockhal, Esch-sur-Alzette
Datum: 11.11.2013
Dauer: Pixies ca. 105 min, AAAK 32 min
Zuschauer: gut 3.000 vielleicht (sehr voll)



Da brauchte ich gut 20 Jahre, um eine meiner Lieblingsbands 2009 erstmals zu sehen, und dann ermöglicht mir das wundervolle Musikjahr 2013 gleich zwei Pixies Konzerte innerhalb von sechs Wochen. Der Auftritt Anfang Oktober in Brüssel hatte mich restlos begeistert. Er passte zum Bild, das man sich von einer Lieblingsband machen möchte. Eigentlich sollte man aus Selbstschutz nach solch einem Auftritt aufhören, Konzerte der Lieblinge zu sehen, aber das funktioniert bei mir nicht. Warum auch? Die Pixies hatten in Brüssel auf der ersten Tour nach der Bandverjüngung (Bassistin Kim Shattuck, die Kim Deal ersetzt, ist Jahrgang 63, Deal 61) mit so viel Spaß gespielt, daß man wirklich nichts falsch machen kann, sie so oft wie möglich zu sehen, solange ihre Freude anhält.

Die Risiken stecken also nur im Saal und in der Setlist. Der Ort war perfekt - die Rockhal, ein echter, extrem schöner Konzertsaal in Esch-sur-Alzette ist einer der angenehmsten für Bands dieser Größe. Das Setlist-Risiko ist ein Luxusproblem. Die Pixies spielen jeden Abend andere Konzerte und mischen die Setlisten komplett durch. Scheinbar haben die Amerikaner vor der Tour einen Satz von 60, 70 Liedern einstudiert, aus denen vor dem Konzert 30 bis 40 ausgewählt werden. Aber auch das ist nicht fix. Auf den Listen, die die Roadies nach der Show zerknüllt ins Publikum warfen, fehlten Something against you, I've been tired und Bagboy, die in der Mitte des Konzerts gespielt wurden. Ob alle Lieder, die einem wichtig sind, im Tages-Programm enthalten sind, scheint Glückssache zu sein. Die Pixies haben keine schlechten Lieder, dadurch ist das Risiko überschaubar. Sie spielen aber auch leider nicht so oft, daß fehlende wichtige Stücke dann eben demnächst dabei sein werden. Nachdem Brüssel in dieser Hinsicht schon für mich gut war, hatte ich heute auf eine ganze Menge Bossanova-Songs gehofft.


Der Abend begann aber zunächst mit einem Auftritt einer in den 90er Jahren (nein, ich schreibe nicht in den "90er-Jahren des letzten Jahrhunderts" oder in den "1990er Jahren", da ich diese Formulierungen enorm dämlich finde) aktiven und 2009 wiedervereinigten britischen Band AAAK (As Able As Kane), die ich nicht kannte (heißt nichts), die aber auch den beiden sehr viel... - es gibt kein schönes Musik-Äquivalent zu "belesen", oder? - also meinen sehr viel ahnungsvolleren Freunden, die auch da waren, nichts sagten. AAAK überraschten mich vor allem dadurch, daß sie nach 30 min fertig waren. Das passte.


Zur Hauptband hatte sich der Saal, in dem ich vergangene Woche The National gesehen hatte, sehr gut gefüllt. Es war vermutlich nicht ausverkauft (durch eine Änderung des Raumlayouts hätten ohnehin noch ein paar Tausend Besucher Platz gefunden), es wirkte aber annähernd so. Im Bühnehintergrund hingen unzählige Bildschirme als eine Art Vorhang. Sie sollten aber keine Videos zeigen, sie dienten als Lampen (und waren das vermutlich auch nur). Anderen Schnickschnack gab es nicht, das passte auch nicht zu einer Band wie den Pixies.

Die verbleibenden drei Gründungsmitglieder Black Francis, Joey Santiago und David Lovering traten gemeinsam mit ihrer neuen Bassistin (die offenbar zumindest noch nicht offiziell zur Band gehört) erschien um kurz vor halb zehn und begannen mit Ed is dead und Nimrod's son von der Debüt EP, von der die Pixies mit einer Ausnahme (The holiday song) alles spielten - wie übrigens auch von der aktuellen EP 1 (da fehlte What goes boom).

Die anschließenden 100 Minuten waren dann so, wie Pixies Konzerte vermutlich immer sind (ich habe ja erst drei gesehen): Hit nach Hit nach Hit nach Hit... bis man bei rund 30 angekommen ist, die Band kurz von der Bühne geht und noch ein paar spielt. Obwohl die vier Indiehelden ihre Platten Come on pilgrim (1987), Surfer rosa (1988) und Doolittle (1989) zu großen Teilen spielten, fehlten mir eine ganze Menge Lieblinge, weil Bossanova (1990) bis auf das wundervolle Ana komplett ausgelassen wurde. 2009 hatte die Band eine Doolittle Jubiläums-Tour gemacht, seitdem hatte ich gehofft, daß Bossanova irgendwann (vor mir aus auch zum 27. Geburtstag) in gleicher Form gewürdigt würde. Es ist wohl meine Version der Geschichte vom Fischer und seiner Frau. Ich bekomme einige der großartigsten Lieder der letzten 25 Jahre vorgesetzt und vermisse Allison, Cecilia Ann und die anderen Perlen.

Die konkrete Songauswahl war in Brüssel besser, das schnachnasige Publikum hinter mir in Luxemburg eine Ecke schlechter, trotzdem war das heutige Konzert sehr gut. Daß man sich die heutigen Pixies bedenkenlos ansehen kann, obwohl der Ausstieg von Kim Deal problematisch erschien, liegt sicher auch am reibungslosen Übergang an der Bass- / weiblicher Gesang-Position. Die neue Kim, Kim Shattuck erscheint nicht nur musikalisch hervorragend zu passen, ihre große Freude an den großen Bühnen ist offensichtlich. Dazu harmonisiert Kims Stimme irre gut mit der des Frontmanns. Von einem Gewinn für die Band zu sprechen ist sicher heikel, aber so scheint es nunmal zu sein.


Die zahlreichen neueren Stücke im Set (Indie Cindy, Andro queen und Another toe in the ocean von der neuen EP, Bagboy, Greens and blues und Blue eyed hexe) passten gut ins Programm (und sind viel weniger schlimm, als zunächst befürchtet - gerade die EP-Stücke).

Am Ende bei Vamos hatte dann Gitarrist Joey Santiago wieder seinen Auftritt. Er spielte mit einem Mirko Gitarre, etwas, das mich bei anderen Bands massiv nerven würde, hier aber nicht gar nicht störte. Er machte das - wie alles andere - mit großer Freude.

Mir hätte das Konzert mit mehr Bossanova-Songs und mehr Euphorie im Publikum besser gefallen. In der Mitte des Saals war herrlich viel los, in meiner Umgebung standen die Leute ruhig und anteilslos rum. Gottseidank fiel mir der Vollbartträger rechts erst sehr spät auf. Er kaute Kaugummi und machte riesige Blasen. Bei einem langweiligen Konzert hätte ich ihn sicher durchgängig beobachtet und darauf gewartet, daß das Klebezeug in den Bart platzt. Aber dann fing Wave of mutilation an und ich konnte mich wieder auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren.

Setlist Pixies, Rockhal, Esch-sur-Alzette:

01: Ed is dead
02: Nimrod's son
03: Mr. Grieves
04: Here comes your man
05: Ana
06: Indie Cindy
07: La la love you
08: Bone machine
09: Dead
10: Another toe in the ocean
11: Levitate me
12: Head on (The Jesus and Mary Chain Cover)
13: River Euphrates
14: Isla de Encanta
15: Something against you
16: I've been tired
17: Bagboy
18: Greens and blues
19: Monkey gone to haven
20: Brick is red
21: No. 13 baby
22: Blue eyed hexe
23: Gauge away
24: Tame
25: Wave of mutilation (normale Version)
26: Hey
27: Caribou
28: In heaven (Lady in the radiator song) (Peter Ivers Cover)
29: Andro queen
30: Where is my mind

31: Planet of sound (Z)
32: Cactus (Z)
33: Vamos (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Pixies, Brüssel, 02.10.13
- Pixies, Barcelona, 28.05.10
- Pixies, Frankfurt, 11.10.09




 

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