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Sonntag, 9. März 2014

The 1975, Stuttgart, 08.03.2014

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Konzert: The 1975
Vorband: Trümmer
Ort: Wagenhallen, Stuttgart
Datum: 08.03.2014
Dauer: The 1975 etwas über eine Stunde; Trümmer 30 Minuten
Zuschauer: einige hundert (ausverkauft)



Selten lagen die Hobby-Enzyklopädisten von Wikipedia mit der Verleihung des Labels Indie so falsch wie im Falle der Boygroup The 1975 aus Manchester, die man dem Genre so sehr zurechnen kann wie 30 Seconds to Mars dem Alternative Rock. Also gar nicht. Dafür ist The 1975 angesagt, sogar schwer. Vor den Wagenhallen wartet eine lange Schlange auf den Einlass, selbstredend ist das Konzert ausverkauft. In England führte das Debütalbum direkt die Charts an, ist inzwischen Gold prämiert und selbst der schwierige US-Markt wurde geknackt. In Deutschland stieg man immerhin auf Platz 57 und wird auch hier in Zukunft noch größer werden. 
 Das Stuttgarter Publikum ist jung, auffallend herausgeputzt und fast komplett weiblich. Vor dem Konzert tritt ein Security-Mann an mich heran: „Der Fotograben ist verdammt eng, schau Dir das bitte mal vorher an.“ Und tatsächlich zwischen Bühne und Zuschauern ist wenig Distanz, in den ersten Reihen wird vornehmlich Englisch gesprochen und man nimmt dem Herren von der Security die Befürchtung, einige Fans könnten kollabieren, sofort ab. 
Dass eine junge Band, deren erfolgreichsten Videos auf Youtube weit über zehn Millionen Mal angeschaut wurden, polarisiert, versteht sich von selbst. Solche Bands werden gleichermaßen geliebt und gehasst. Die Gründe sind vielschichtig, das Resultat nicht. So kommt es, dass ich mir selbst ein Bild von den Live-Qualitäten des Quartetts machen möchte. Außerdem ist meine kleine Schwester zu Besuch, die sich die Band gerne ansehen würde und dann ist da noch der Support und der eigentliche Hauptgrund meines Besuchs: 


 Trümmer aus Hamburg begleiten The 1975 in Heidelberg und Stuttgart und auch beim vierten Mal können mich Paul Pötsch, Tammo Kasper und Maximilian Fenski mit einer souveränen Performance vor einem jungen Publikum begeistern, dessen Gros Fran Healy in „U16 Girls“ besungen haben könnte. Die vermutlich etwa zur Veröffentlichungszeit dieses Britpop-Klassikers geborenen Mädchen in den Wagenhallen hingegen dürften sich kaum für Travis interessieren.


Fokus der Hysterie ist „der Matthew“, ein junger, schlaksiger Mann mit Skrillex-Frise und ein paar Tattoos. Der Matthew heißt mit Nachnahmen zwar auch Healy, hat ansonsten aber wenig mit dem Travis-Sänger zu tun. Betrachtet man die Vorfreude der Fans zwischen Dehydration und ehrlicher Bewunderung einer schwer angesagten Band, ist es erstaunlich, dass es Trümmer gelingt, ein wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Im Gegensatz zum Hauptact ist das Hamburger Trio durchweg politisch, arbeitet mit Punk-Gitarren und Noise-Anleihen, setzt die Zeichen ganz auf Diskurs in Tradition der Hamburger Schule, selbst wenn man sich gegen derartige Labels sträubt.
Auch wenn die Reaktionen freilich weniger frenetisch ausfallen, als noch beim Silvester-Konzert in einer WG in ihrer Heimatstadt, kann die Gruppe einige der geschätzt 700 Zuschauer gewinnen. „Wo ist die Euphorie?“, fragt Pötsch im ersten Stück des Konzerts und man ahnt, an den Blicken der ersten Reihen, dass sie diese für ihren Matthew und die anderen Boys aufheben. Ab und an, wenn ich die Kamera Richtung Publikum drehe und blitzschnell freudestrahlend Arme in die Luft gerissen werden, lässt sich etwas von den ekstatischen Momenten erahnen, die kurz darauf folgen sollen. Währenddessen können Trümmer vor den Augen des befreundeten Die Nerven-Gitarristen Max Rieger wie erwartet überzeugen. 

Das Set ist kurz, erstaunlich roh und mitreißend. „Revolte“, „In all diesen Nächten“ und natürlich „Saboteur“ zum Schluss sind schon jetzt starke musikalische Statements einer Band, die erst im Frühsommer ihr Debütalbum veröffentlichen und die Indie-Gemeinde mit Babyshambles-Gitarren zur Blumfeld-Attitüde verzücken wird.


Setlist Trümmer, Stuttgart: 

01: Wo ist die Euphorie?
02: Revolte
03: In all diesen Nächten
04: Scheinbar
05: Schutt und Asche
06: Nostalgie
07: Saboteur


Es ist halb zehn als The 1975 das Konzert beginnen. Von Max Rieger ist nichts mehr zu sehen, dafür steht Ex-DSDS-Juror und Fanta-4-Entdecker Andreas Läsker in einigem Abstand zur Bühne. Der gravierende musikalische Unterschied zwischen Hauptact und Support zeigt sich auch an den prominenten Gästen. 
Unter tosendem Applaus betreten Healy (Gesang und ab und zu Gitarre), Adam Hann (Gitarre und Keyboards), George Daniel (Drums) und Ross MacDonald (Bass und Keyboards) die Bühne. Die Anspannung der Fangirls löst sich in ohrenbetäubender Euphorie. Der Sound ist dicht, die Stimme des Sängers gepitcht. Wie Oscar-Preisträger Jared Leto beherrscht der Frontmann die Klischee-Posen eines Rockstars spielend. Um so etwas zu sehen, muss man gewöhnlich wohl zu Linkin Park, den Killers oder eben 30 Seconds to Mars gehen. In den eher intimen Wagenhallen wirkt das alles eine Spur weit überzogen, die Band ist jetzt schon reif für die großen Mehrzweckhallen, die man in England längst bespielt. Versteckt unter einer schwarzen Kapuze, bewegt sich Healy während des Openers „The City“ wie Marilyn Manson, nach wenigen Songs entledigt er sich seines Hoodies und präsentiert im weißen T-Shirt seine Tätowierungen.
„Milk“, „M.O.N.E.Y.“ und „So Far“, irgendwie klingt das alles gleich und viel zu glatt, als würde dem Ganzen durch Playbackelemente ein wenig Feinschliff verpasst werden. Zumindest Healy singt live und mein Verdacht legt sich ein wenig, außerderm weiß er auch, dass er in „Germany“ ist und ist erstaunt, so manchen Groupie, der der Band hinterher reist, zu erkennen. „Hey you're from Finland. That's weird, but I like it.“ Über treue Fans verfügt das Kollektiv also schonmal und als "Heart Out“, „You“ oder „Girls“ und all die anderen gleich klingenden Wolpertinger-Songs tatsächlich lautstark mitgesungen werden, erkenne ich, dass es etwas geben muss, das diese Band auszeichnet, etwas, dass sie zu mehr als einer Projektionsfläche für Teenie-Mädchen macht. Eingängig ist das alles ja, das stimmt, und irgendwie auch angenehm leicht, trotz vermeintlichen Tiefgang in den Texten. Professionell und routiniert ist die Show und ich vermute, neben der ästhetischen Gesamtinszenierung, ist das der Trumpf von The 1975. 
Inmitten eines leuchtenden Quadrats, dem Markenzeichen der Band, trommelt George Daniel locker vor sich hin und wirkt in den wenigen unbeobachteten Momenten ein wenig wie der Schlagzeuger einer Schülerband. Es sind die ruhigen Stellen, in denen die Superstar-Fassade wackelt, an denen ich für einen kurzen Moment so etwas wie Sympathie für The 1975 entwickeln kann. Mit „Robbers“ verflüchtigt sich dieser sentimentale Moment und ich mache mich auf den Weg zur Toilette. Während The 1975 noch einmal aus dem Vollen schöpfen, Arme geschwenkt werden, läuft mir Paul Pötsch von Trümmer über den Weg, der das große Pop-Appeal der Engländer lobt. „Ich mag das“, sagt er, bevor sich der Hamburger verabschiedet und seine Band den Heimweg antritt. Am Nächsten Tag unterstützt man die befreundeten Riot-Grrrls von Zucker beim ersten eigenen Videodreh in Bremen. Einer der zahlreich mitgeschleppten Väter der 1975-Zielgruppe erkennt den Trümmer-Sänger, nickt ihm anerkennend zu. „Ihr wart viel besser.“ Natürlich hat er Recht. 

Als ich zurückkehre, lässt sich Healy im weißen Shirt feiern, die Bühne ist wie in all den Bandvideos in weiß-graues Licht und Nebel gehüllt, die Band zitiert die visuelle Kraft des Film Noir auf der Bühne und scheitert im Spannungsaufbau. Gerade wird „Chocolate“, einer dieser 10-Millionen-Klick-Songs gespielt, die Masse tobt, bevor mit „Sex“, das wahrhaft beste Stück des Quartetts gespielt wird, die Gitarre setzt sich über den flächigen Einheitsbrei hinweg, kurz schimmert ein gewisses Talent aus der erschreckend mediokren, grauen Masse der Band, durch den Nebel des Mittelmaßes hindurch. Zugaben gibt es keine, nach gerade einmal einer Stunde schlurfen die jungen Musiker unter hohen Kreischen von der Bühne, kein Winken, kein echter Abschied, der Matthew und die anderen Boys sind der Nacht entschwunden.
Nach Joy Division, den Stone Roses, Oasis, den Smiths oder auch Elbow ist die nächste vermeintliche Indie-Sensation aus Manchester langweiliger Mainstream-Pop an der Schnittstelle zwischen 30 Seconds to Mars und The Script. Den Fans, die mit dem Schlachtruf „madferit“ sicherlich wenig anfangen können, ist das egal. In England ist man auf dem Weg zum Superstar und auch Deutschland ist bald geknackt. Im Sommer warten hohe Slots bei Hurricane und Southside auf die nordenglischen Schwarz-Weiß-Poser. Auf dem Heimweg blicke ich ratlos meine Schwester an. „Ja, ich hab auch mehr erwartet“, gibt sie schulterzuckend zu.
Ich habe überhaupt nichts gegen guten Pop, diese Band leider ist erschreckend uninspiriert. Dann höre ich lieber Take That. Manchester, du kannst mehr.


Setlist The 1975, Stuttgart: 

01: The City
02: Milk
03: M.O.N.E.Y.
04: So Far
05: Talk
06: She Way Out
07: Settle Down
08: Heart Out
09: Pressure
10: Falling For You
11: You
12: Menswear
13: Girls
14: Robbers
15: Chocolate
16: Sex


Links:
- aus unserem Archiv:
- Trümmer in Stuttgart, 17.01.2014
- Trümmer in Hamburg, 01.01.2014
- Trümmer in Feldkirch, 15.08.2013
- Trümmer in Frankfurt am Main, 12.02.2013

Mittwoch, 12. Februar 2014

Karl Bartos, Stuttgart, 26.01.2014

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Konzert: Karl Bartos
Ort: Wagenhallen, Stuttgart
Datum: 26.01.2014
Dauer: 100 Minuten
Zuschauer: 250-300



Fragen nach der Relevanz eines Künstlers, einer Band sind eine heikle Angelegenheit. Im Falle der Düsseldorfer Electro-Pioniere Kraftwerk sind sich Kritiker wie Musikhörer weltweit weitgehend einig. Kraftwerk schufen aus Krautrock, Beat, einer Prise Stockhausen und einem Faible für Synthesizer und moderne Technik ein neues Genre, waren innovativ, sind eine der bedeutendsten Gruppen der Popgeschichte. All das steht außer Frage und so ist der Grammy für das Lebenswerk, der der Band in Los Angeles gleichzeitig mit den Beatles verliehen wird, rundum gerechtfertigt. Während der kühl kalkulierende Vorlassverwalter Ralf Hütter mit musealen Inszenierungen an der eigenen Kanonisierung schon zu Lebzeiten arbeitet, gelingt es Ex-Mitglied Karl Bartos, seinerzeit verantwortlich für dutzende unsterbliche Melodien, auch als Künstler der Gegenwart relevant zu bleiben.


Es mag ungerecht erscheinen, dass Bartos am gleichen Tag, an dem Gralshüter Hütter im Staples Center stellvertretend den Grammy entgegennimmt, in den spärlich besuchten Wagenhallen am Stuttgarter Nordbahnhof spielt, doch manifestiert er mit einem beeindruckenden Konzert das Kunstwerk Kraftwerk und legt mit einem großartigen Auftritt eindringlich frei, wie Kraftwerk 2014 klingen könnten, wären sie heute mehr als eine museale Sensation. Im vergangenen Jahr überschlug sich die Musikpresse anlässlich der beim ambitionierten Hamburger Indie-Label Bureau B erschienenen Veröffentlichung „Off the Record“ mit Lobeshymnen. Die ZEIT konstatiert euphorisch und doch mit analytischer Berechtigung, Bartos habe „die Platte gemacht, die Kraftwerk nicht mehr hinkriegen“. 
Warme Heizungsluft strömt den Besuchern beim Eintritt in die Wagenhallen entgegen. Draußen prasselt der Regen, es ist ein unangenehmer Sonntagabend. Auf der Bühne stehen jede Menge Mischpulte, Macbooks vor drei großen Bildschirmen. Das Zusammenspiel von Visualisierung und Musik war stets elementar für das künstlerische Selbstverständnis, für die kühle Kraftwerk-Ästhetik. Bis heute leben Konzerte der großen Hütter-Show von Projektionen. Legendär sind die gefeierten 3D-Konzerte und Auftritte in den wichtigen Kunstgalerien dieser Welt. Die künstliche Verknappung der Kapazität möglicher Konzerte steigert den exklusiven Charakter des Ganzen. Die für das zweite Jahrzehnt dieses Jahrtausends so sinnbildliche Eventisierung wird auf den Punkt gebracht. Selbstredend kann Bartos da nicht mithalten, den pompösen Kraftwerk-Inszenierungen nicht gerecht werden. Aber genau das ist sein großer Trumpf. Schon Stockhausens „Gesang der Jünglinge“, polyphon vom Band, ist als Intro kurios wie stringent. Im Gegensatz zu Tocotronic, die Konzerte ihrer „Wie wir leben wollen“-Tour damit begannen, wirkt das bei Bartos überhaupt nicht prätentiös, ist vielmehr naheliegende Referenz auf einen wichtigen Einfluss des eigenen kreativen Schaffens. 


Der klassisch geschulte Schlagzeuger weiß mit Anfang 60 in einer Art zu überzeugen, die seine Relevanz als legendäres Kraftwerk-Mitglied und hervorragender Solokünstler verrät. Dabei nicht nur eine nostalgische Hit-Revue zu feiern, sondern eindrucksvoll den eleganten Bogen zum erstaunlichen Solowerk zu spannen, gelingt äußerst würdevoll: Zwischen all den unsterblichen Klassikern fallen die eigenen Stücke keinesfalls ab. 

Im Publikum versammeln sich gerade einmal um die 300 Zuschauer, die weitgehend mit Kraftwerk aufgewachsen sein dürften, um ein Konzert zu sehen, dessen Klasse sich bereits beim energischen Start mit „Numbers“ und „Computerwelt“ abzeichnet. Bei Kraftwerk war es Standard Songs in verschiedenen Sprachen für verschiedene Märkte aufzunehmen, live spielt Bartos gekonnt mit dem Wechsel zwischen Deutsch und Englisch, reizt den internationalen Charakter eines deutschen Klischees aus, während der lyrische Gehalt auf den Bildschirmen passend illustriert wird. Mit Szenen aus Antonionis „Blow Up“ gewinnt der Solosong „The Camera“ zunehmenden Reiz. Überhaupt sind es die poppigen, dabei jedoch häufig härteren Stücke aus der Zeit nach Kraftwerk, die zwischen weltbewegenden, kanonischen, natürlich ekstatisch gefeierten Electro-Pop-Hymnen wie „Heimcomputer“, „Das Model“ und „Trans-Europe-Express“ mit einer überraschend feinfühligen Neujustierung des altbekannten Schemas punkten. Das klingt dann mitunter mehr nach London und den Pet Shop Boys als nach Düsseldorf und Kraftwerk, ist definitiv tanzbar und von höchster Qualität. Die Nähe zum Pop ist bei einem Mann, dessen Lobhymnen auf die Beatles überschwängliche Oden an perfekte Musik sind, signifikant. 

Als Bartos und seine Mitstreiter Robert Baumanns und Mathias Black schließlich „The Robots“ spielen und sein Alter Ego Herr Karl aus der großen Zeit in den späten 70ern über den Schirm flackert, ist man umgeben von tanzenden Beinen. Jeder tanzt für sich, Platz ist schließlich genug. Danach folgt ein angenehmer Streifzug durch das neue Album mit dem treibenden „Atomium“, „Nachtfahrt“, mit seiner gefälligen Melodie, das in seinem gesamten Erscheinungsbild das Zeug zum Kraftwerk-Klassiker haben könnte, oder „Musica Ex Machina“, bei dem wie im Video verschiedenste Figuren des Hamburger Kosmos um die Schwesterlabel Bureau B und Tapete Records zu sehen sind, Dirk Darmstaedter, Gunther Buskies und Carsten Friedrichs zum Beispiel, die das Stück durch Kopfhörer hören. Viele dieser neuen Lieder bauen auf Soundskizzen aus den 15 Jahren mit Kraftwerk auf, sicherlich auch das ein Indikator für die Aussage der ZEIT, doch wirken sie erstaunlich frisch. „Without a Trace of Emotion“ ist keine Ausnahme und als nach „Life“ und „Rhythmus“ dann „Computer Love“, „Pocket Calculator“ und „Tour de France“ gespielt werden, fällt qualitativ kein signifikanter Unterschied auf, man kennt die Stücke nur besser. Futuristisch mutet das heutzutage freilich nicht mehr an. Und spätestens hiermit lässt sich der Einfluss beweisen: Der einst innovative Klang Kraftwerks ist im allgemeinen popmusikalischen Gehör als klangästhetischer Standard integriert. 


Wie grandios dieses Konzert ist, wird mit zunehmenden Verlauf immer deutlicher. Bartos spricht mit den Zuschauern, etwas wozu sich Hütter heutzutage wohl nicht herablassen würde, er bewegt sich und dankt den wenigen Besuchern ihre Treue mit purem Electro-Pop. Mit „Neonlights“ und einer der schönsten Melodien Bartos' verabschieden sich die drei Musiker. Dass es tatsächlich eine Zugabe geben wird, hätte wohl kaum einer gedacht. Dann kehrt man nach einigen Minuten mit „TV“ und seinen Nachrichtenschnipseln zurück. Große Verneigungen eines der größten Popmusiker dieses Landes beschließen einen wahrlich denkwürdigen Abend. Bartos hat sich nie auf den Glanztaten der 70er ausgeruht und blieb immer ein Getriebener auf der Suche nach großartigen Popsongs. An die Beatles würde er, das war ihm immer klar, damit niemals heranreichen. Anders als Hütter punktet Bartos, der auch vor einem gemeinsamen Projekt mit Johnny Marr und Bernard Sumner und einer Kollaboration mit Neil Tennant nicht zurückschreckte, folglich mit gelebten Understatement. Und das wiegt bei aller Liebe zur Selbstkanonisierung schwerer als der Versuch sich zu Lebzeiten museal zu verewigen. 


Setlist Karl Bartos, Stuttgart:

01: Numbers (Kraftwerk-Song)
02: Computerwelt (Kraftwerk-Song)
03: The Camera
04: Das Model (Kraftwerk-Song)
05: I'm the Message
06: Heimcomputer (Kraftwerk-Song)
07: Reality
08: Trans-Europe-Express (Kraftwerk-Song)
09: The Robots (Kraftwerk-Song)
10: Atomium
11: Nachtfahrt
12: Musica Ex Machina
13: Without a Trace of Emotion
14: Rhythmus
15: Life 
16: Computer Love (Kraftwerk-Song)
17: Taschenrechner (Kraftwerk-Song)
18: Tour de France (Kraftwerk-Song)
19: Interview
20: 15 Minutes of Fame
21: Ultraviolet
22: Neonlicht (Kraftwerk-Song)

23: TV (Elektric Music-Song) (Z)


Dienstag, 17. September 2013

CocoRosie, Stuttgart, 13.09.2013

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Konzert: CocoRosie
Vorband: Anna Gemina
Ort: Wagenhallen, Stuttgart
Datum: 13.09.2013
Dauer:106 Minuten (CocoRosie), 47 Minuten (Anna Gemina)
Zuschauer: einige hundert (fast ausverkauft)


   
Ein großes visuelles Erlebnis ist die postmoderne Tanztheater-Pop-Show der Casady-Schwestern von CocoRosie. Das und eine musikalische Herausforderung: 
Mit dem virtuosen Beatboxer Tez und einem Keyboarder, der zusätzlich alle Arten von Samples einwirft und hin und wieder zur Trompete greift, stehen Sierra und Bianca Casady – die die Band in Paris gründeten, mittlerweile aber in New York zuhause sind – auf der Bühne, nachdem einen zuvor eine gefühlte Ewigkeit sphärische Dunstklänge mit monotoner Penetranz einschläferten. 
Das ungewöhnlich umfangreiche Vorprogramm bestritt im Vorfeld das lokale Duo Anna Gemina um die Sängerin Anna Illenberger und Tokyotower am MacBook, der in jüngster Zeit mit Hüttenzound Furore in der Stuttgarter Musikszene macht, mit einer Art 90s Trip-Hop, der beim Publikum ankommt, ohne dass dieses in Ekstase ausbricht. Mit dem Intro des Hauptacts ändert sich die Stimmungslage schlagartig, CocoRosie eröffnen mit „Child Bride“ und die – im besten Sinne – queeren ersten Reihen toben. 


Sierra sitzt an der Harfe, singt hohe Töne, während ihre Schwester einen Hauch des Timbres der südafrikanischen Avantgarde-Trash-Diva ¥o-Landi Vi$$er von Die Antwoord versprüht. 
Politisch ist die Show der Feministinnen jederzeit. Die Soundeffekte sind zu Beginn geradezu überwältigend, werden nur von den Video-Projektionen an der weißen Wand hinter der Bühne übertroffen. Versteckt in Mikrophonständern oder einem Spiegel heben Kameras mit einem zusätzlichen visuellen Aspekt das Gesamterlebnis auf eine höhere Stufe. 
Zumindest denkt man das am Anfang. An einer quer über die Bühne gespannten Wäscheleine hängen diverse Kostüme. Es gehört zum Konzept der kreativen Schwestern, immer wieder in andere Rollen zu schlüpfen, das Make-Up zu variieren, sich auf der Bühne umzuziehen (von Clown'esker Maskerade bis zu orientalisch angehauchter Kristallästhetik) und die eigenen Texte zu betonen oder manchmal auch zu konterkarieren. 


 Indische Folklore trifft auf Jazz, Electropop auf Hip-Hop: CocoRosie lassen sich nicht kategorisieren. Ähnlich wie Björk stilisieren sich die Schwestern als Künstlerinnen, denen das enge Korsett der Popmusik egal ist. Die Fans lieben das Unbestimmte und strömen auf Konzerte weltweit. Kollaborationen mit Antony Hegarty und Devendra Banhart passen da glänzend ins Bild. 
Songs mit bizarren Namen und Texten rauschen an einem solchen Abend  an einem vorbei, zwischendurch sorgt Beatboxer Tez, der sich über den ganzen Abend als Genie seiner Zunft beweist, mit einer Solo-Perfomance für das Highlight des Abends. 

Barfuß tänzelt Bianca über die Bühne, gibt mal die keifende Hyäne um an andere Stelle engelsgleich über den Dingen zu schweben, während ihre Schwester wie ein ruhigerer Gegenpol wirkt. 
 Ebenso wie die starke Bühnenpräsenz und charismatische Performance gehört der Glaube an gerade eingeschlagene Wege zum Konzertkonzept dieser Tour. Nostalgiker müssen sich gedulden, bis es Altbewährtes zu hören gibt. Fast die gesamt erste Hälfte des Abends in den fast ausverkauften Wagenhallen steht im Zeichen des aktuellen, bei City Slang erschienen, Albums „Tales of A GrassWidow“. 
 Die Lyrik ist stets um Kritik bemüht, strotzt nur so vor skurrilen Geschichten, doch fordert mich das Ganze nach einer Zeit zu sehr. Ich spüre wie meine Aufmerksamkeit stetig sinkt, wie mich Müdigkeit übermannt, die letztlich dafür sorgt, dass ich auf den Auftritt der Nerven in den Waggons wenige hundert Meter von der Halle entfernt verzichte. 
Nach eineinhalb aufwühlenden Stunden ist meine Konzentration dahin, die letzte Viertelstunde verbringe ich in einem sphärischen Trancezustand, bis mich die pulsierende Energie des bekannten Hits „Werewolf“ aus der Lethargie reißt. 


Die ersten Reihen toben, schenken dem Gesamtkunstwerk CocoRosie nach den Zugaben tosenden Applaus. Man muss die Klasse des Projekts ehrlich anerkennen, die Fähigkeit brisante Themen in ungewöhnliche Popmusik zu transferieren bewundern, auch wenn der Abend einem letztlich lehrt, dass es auf knapp zwei Stunden gerechnet nicht vollends munden muss. 
Am Merchestand gibt es die Erstauflage einer feministischen Zeitung der Schwestern zu kaufen – und Tarot-Karten. Ein Hoch auf die Kreativität, ein Toast auf die kulturellen Schmelztiegel New York und Paris. 




Links:
- aus unserem Archiv:
- CocoRosie, Paris, 10.04.2007
- CocoRosie, Paris, 27.09.2007
- CocoRosie, Wien, 27.07.2010
- CocoRosie, Paris, 12.07.2012
- CocoRosie, Berlin, 24.05.2013



Freitag, 13. September 2013

Kashmir & Chapeau Claque, Stuttgart, 12.09.2013

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Konzert:Kashmir & Chapeau Claque (TV Noir #9)
Ort:Wagenhallen, Stuttgart
Datum: 12.09.2013
Dauer: 130 Minuten ohne Pause
Zuschauer: einige hundert (fast ausverkauft)



Das Konzept der TV Noir Touren gefällt mir. Der Charme eines Wohnzimmerkonzerts wird mit der Wärme und Optik spießiger Wohnungen der 50er Jahre auf der Bühne versucht in Clubs und kleinere Hallen der Republik zu bringen. 
Die ehemals reine Internetsendung ist mittlerweile eines der hipsten Musikprogramme in der deutschen Medienlandschaft. Seit geraumer Zeit finden mehrmals im Jahr Touren des Berliner Formats statt, die Musikliebhaber in ganz Deutschland an dem erstaunlich populären Konzertkonzept teilhaben lassen. 

Nachdem bereits Me And My Drummer und Enno Bunger im Frühling dieses Jahres unter dem prestigeträchtigen Label unterwegs waren, fiel die Wahl der Verantwortlichen diesmal auf das Erfurter Electro-Pop-Projekt Chapeau Claque und die dänischen Indie-Heroen von Kashmir; Bands die unterschiedlicher kaum sein könnten. Das mag zum TV Noir - Prinzip gehören und häufig zu wunderbaren Abenden mit erstaunlichen Kollaborationen führen – wie im November zwischen Dear Reader und Herrenmagazin -, es kann aber auch die Gesamtqualität herabsetzen. 
Durch den nasskalten Abend fährt die oberirdische U-Bahn uns in die unmittelbare Nähe der Wagenhallen am Stuttgarter Nordbahnhof. Das ungemütliche Wetter schlägt auf die Laune, beim Eintreten in die wohlige Atmosphäre des bestuhlten Veranstaltungsortes weicht diese wieder der Vorfreude auf einen vielversprechenden Abend. 


Der Saal ist gut gefüllt, offensichtlich fast ausverkauft. Neben dem Stuttgarter Kulturpublikum, das man zu großen Teilen von Konzerten im Kulturzentrum Merlin, das auch den heutigen Abend ausrichtet, kennt, sieht man jugendliche Fans der etablierten Fernsehsendung. Auch Florian Ostertag, junger wie populärer Stuttgarter Liedermacher und Teil der allerersten TV Noir - Tour macht sich vor Ort ein Bild der aktuellen Auflage. 
Kurz nach acht beginnen Kasper Eistrup und Henrik Lindstrand als auf akustische Gitarre und Klavier reduziertes Duo mit „Piece Of The Sun“ vom aktuellen Album „E.A.R.“ mit entspanntem, entschleunigtem Pop. 
Eistrup - bärtig im blauen Hemd und mit stilvoller schwarzer Mütze - singt mit leicht brüchiger Stimme Strophen mit hauchzart gezeichneten Naturbildern. Im weiteren Verlauf entpuppt sich der schüchterne Frontmann der dänischen Indie-Institution als charismatischer Sänger, der nicht nur optisch an den unübertrefflichen Michael Stipe erinnert. 

Kashmir waren stets eine wichtige Band, von Kritikern und Fans geliebt, auf den großen Festivals gefeiert und doch außerhalb ihres Heimatlands nie auf dem Weg überlebensgroße Stars zu werden. Im Vorfeld hegte ich Zweifel, ob es Eistrup und Lindstrand gelingen könnte im reduzierten, fast akustischen Gewand die immense Energie der eigentlich als Quartett auftretenden Band zu erzeugen. Spätestens nach „The Curse“ und „Graceland“, nach denen die Bühne zum ersten Mal für Chapeau Claque geräumt werden sollte, verstreuen sich alle zweifelnden Gedanken in ehrliche Bewunderung. Besonders der Klassiker „Graceland“ entfaltet auf seine Knochen entblößt eine fast beängstigend intensive Wirkung. Die Melodie der 1999 veröffentlichten Single wurde mal recht deutlich von Coldplay zitiert, überhaupt braucht die Band um Eistrup Vergleiche mit Genregrößen nicht scheuen, ist sie doch selbst eine. 
Mit angenehmer Klangfarbe in der Stimme, perfekt gestreutem Hintergrundgesang des schwedischen Pianisten Lindstrand, gelingt es Kasper Eistrup eindrucksvoll sich als erstklassiger Popsänger hervorzutun. Nonchalance ist das Geheimnis der Tiefenwirkung seiner Performance. Dass die akustischen Versionen immer wieder an The National erinnern, dürfte zum Kalkül gehören, die signifikant im Vordergrund stehende Stimme hingegen weist Eistrup als besseren Tom Smith aus. Nach der Enttäuschung um das letzte Album der Editors frage ich mich, ob Kashmir die immer größer werdende – und viel später gegründete – Band aus Birmingham eine Klasse hinter sich lässt. 

Zu jedem TV Noir Konzert gehören regelmäßig wechselnde Abschnitte, in denen jeder Act zwischen zwei und drei Liedern zur Verfügung hat. Eistrup und Lindstrand nehmen auf dem großen Ledersofa am hinteren Bühnenende Platz, Chapeau Claque übernehmen und eröffnen mit „Fingerhüte“. Die thüringische Band, die vor ein paar Jahren sechste bei Stefan Raabs unsäglichen Bundesvision Songcontest wurde, löst melancholischen Akustikrock mit - auf Keyboard und Cello neu arrangierten - Electropop ab. 
Maria Antonia Schmidt trägt ein Minikleid mit Katzenmotiven zu gepunkteter Strumpfhose und führt vom ersten Takt mit breitem Lächeln auf breitem Mund einen Ausdruckstanz auf. So überfrachtet wie die Performance erscheinen mir auch Musik und Text, was daran liegen mag, dass ich sowohl mit Tanztheater als auch mit Mia.-esken Electro-Pop wenig anfangen kann. 
„Man nennt es Ideologie oder auch zweifelhaft“, singt Schmidt, bevor sie „ein Feuerwerk unter meinen Fingernägeln“ beschwört und von „annoncierter Sehnsucht“ spricht. 


Zu „Unsere Liebe, ein Storch“ geht der stetige Tanz in Storchbewegungen über. Äußere Ähnlichkeiten zu BOY-Sängerin Valeska Steiner fallen ins Auge, mein Versuch musikalische Parallelen zu finden, ist hingegen zum Scheitern verurteilt. 
Das Publikum nimmt das Ganze äußerst gemischt auf, frenetischer Applaus und skeptische Gesichter gehen miteinander einher. Zum Ende des ersten, drei Songs umfassenden Sets mag mir dann „Zeit zu gehen“ doch ein wenig gefallen. Treibender Rhythmus und das sehr sympathische Spiel der Cellistin Isabel machen Zeilen wie „Mein Blut war noch nie so rot“ wett. Keyboarder Peer Kleinschmitt ist für sein hintergründiges Spiel auch nicht zu verurteilen. Sogar der Refrain („Wenn es am schönsten ist, sagt man sich, soll man gehen“) versprüht einen gewissen, angenehm naiven Reiz, der jedoch von an Overacting grenzender Gestik und Mimik der jungen Sängerin überdeckt wird. 


Bodenständig, ließe sich die Aura des Kashmir-Auftritts treffend umschreiben. Im sonoren Bariton singt Eistrup das folkige „Still Boy“, während der hohe Backroundgesang Lindstrands die dem Song angemessene Harmonie verleiht. 
Ohne Frage handelt es sich bei „Peace In The Heart“ um das beste, in seiner emotionalen Entfesselung herausstechenden Lied des jüngsten Albums. Bittersüße Verse werden zur eingängigen Melodie mit großer Eleganz gesungen, der Pianist übernimmt die zweite Stimme. Gemeinsam steuern die beiden schon im ersten Drittel des Abends einen seiner schönsten Momente, einen echten Höhepunkt an. 


Daran können Chapeau Claque nur bedingt anknüpfen. Nichtsdestotrotz gelingt der für die aktuelle Tour zum Trio geschrumpften Band ihr stärkster Moment im direkten Anschluss. „Ich habe dieses Lied vor vielen Jahren geschrieben, als ich unsterblich in einen viel älteren Mann verliebt war“, kündigt die Sängerin mit dem noch immer jugendlichen Gesicht „Reykjavik“ lächelnd an. Ihr weißes Gebiss blitzt auf, bevor Schmidt mit exzellenter Bandbegleitung ihr bestes Stück spielt. Natürlich ist auch das prätentiös, aber für fünf Minuten stört das gar nicht, gefällt sogar. In Griechenland landeten die Erfurter damit einen Hit, in Deutschland lässt der große Erfolg in dem von Mia. abgesteckten Feld auf sich warten. 


 Zum Mitsingen werden die Zuschauer beim letzten Stück vor der Pause aufgefordert, dabei mag Schmidt selbst Mitsingspiele auf Konzerten überhaupt nicht: „Ich hasse es, wenn ich auf einem Konzert bin und man dann so Spiele mitmachen muss“. Das hält sie jedoch nicht ab, selbst diesen Weg der Pop-Dompteure einzuschlagen, während sie sich immer wieder in einer misslungenen Kate Bush - Imitation zu üben scheint. 
Nach viertelstündiger Unterbrechung dürfen Chapeau Claque zwei weitere Stücke spielen. Dann beginnt die große Glanzstunde der Dänen. Mit starken Coverversionen und wunderschönen eigenen Stücken, nimmt mich das Duo endgültig für sich ein. Dass ich mir Kashmir wie zuvor bei einigen Festivals oder Clubauftritten in der Nähe zukünftig entgehen lasse, wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vorkommen. Lächelnd dankt Eistrup Chapeau Claque für die ersten Lieder nach der Pause, bittet Cellistin Isabel auf die Bühne, um zum ersten Mal in der Bangeschichte den als Evergreen Roberta Flacks bekannt gewordenen Klassiker „The First Time Ever I Saw Your Face“ zu spielen. „Ich wünschte, ich hätte den Song geschrieben!“, merkt der charismatische Frontmann nach einer gelungenen, harmonischen Version des Stücks auf Englisch an. 


Immer wieder macht er sich augenzwinkernd Vorwürfe, im Deutschunterricht nicht genug aufgepasst zu haben, so sei „Rocket Brother“ der einzige Song in der Bandgeschichte, der es auf den Soundtrack eines Kinofilms geschafft habe. „It's a German movie. What it's called?“ Isabel muss aushelfen und wirft den Namen eines Til Schweiger - Films ein, den Eistrup akustisch nicht versteht. „Keinohrhase“, ruft die Cellistin erneut, Eistrup versucht es zu wiederholen, hat die Lacher auf seiner Seite. 
Zwei weitere Stücke Chapeau Claques folgen, von denen zumindest „Zusammen im Kreis“ einen positiven Eindruck hinterlässt. Es ist nicht vermessen festzuhalten, dass es Chapeau Claque in der zweiten Hälfte fraglos besser gelang qualitativ zu punkten. 


 Mit den letzten beiden Songs des regulären Sets begeben sich Kashmir selbstbewusst auf Folk-Pfade. „The Aftermath“, dessen Text mich an Bob Dylans herzzerreißende Zeile „Behind every beautiful thing there's been some kind of pain“ in „Not Dark Yet“ erinnert, berührt fast schmerzlich – und das ist gut so. In Freiburg habe er sich am Vortag eine Mundharmonika gekauft, sagt Eistrup, und verstärkt den folkigen Eindruck durch die Wahl des mit Klischees beladenen Instruments. 
Draußen setzt Regen ein, man hört das hemmungslose, monotone Prasseln großer Tropfen auf das Dach des einstmaligen Bahnhofsgebäudes. Die äußeren Bedingungen harmonieren mit der Musik. „It's dry in here, it's very wet outside now. So it's good for you to be here“, kommentiert der Kashmir-Sänger mit freundlich funkelnden Augen die zusätzliche Geräuschkulisse. 
Mit einem Neil Young - Cover kann man so vieles falsch machen. Zahllose Bands traten mit Versionen Young'scher Evergreens ins Fettnäpfchen, folglich reagiere ich mit Skepsis auf die Aussicht, dass man nun einen Young-Song spiele. „Everyone needs a little Neil Young in a while“, rechtfertigt sich Eistrup, als er die viel zu unbekannte Perle „Ambulance Blues“ vom 1974er Meisterwerk „On The Beach“ ankündigt. 


Erneut unterstützt die Chapeau Claque Cellistin das skandinavische Duo. Als Zuschauer genießt man die formschöne Neuinterpretation des heimlichen Klassikers mit den ikonischen Versen, „And I still can hear him say: / You're all just pissin' / in the wind / You don't know it but you are.“, die leider eine Spur zu ironisch ausgespuckt werden. Wenige Künstler haben sich bislang an dem Stück versucht, meine Recherche stieß nur auf eine gemeinsame Version des Stücks durch R.E.M. mit dem großen kanadischen Musiker persönlich. Kashmirs Cover ist dem Meister würdig.
Als erste Zugabe gibt es im Anschluss „Schöner Moment“, das vielleicht bekannteste Chapeau Claque - Lied, das den würdigen Abschluss eines Auftritts darstellt, der bedauerlicherweise gänzlich an mir vorbei ging, meinen Musikgeschmack überhaupt nicht treffen konnte. 


Kashmir haben glücklicherweise das letzte Wort und führen das Konzert mit „Seraphina“ und einem kollektiv singenden Publikum zu einem glänzenden Ende. Zufrieden verlässt man die Wagenhallen, es hat aufgehört zu regnen:
Wen kümmern da noch Licht und Schatten, qualitative Unterschiede zwischen den beiden Bands.


Setlist Kashmir & Chapeau Claque, Stuttgart:

01: Piece Of The Sun [Kashmir]
02: The Curse [Kashmir]
03: Graceland [Kashmir]
04: Fingerhüte [Chapeau Claque]
05: Unsere Liebe, ein Storch [Chapeau Claque]
06: Zeit zu gehen [Chapeau Claque]
07: Still Boy [Kashmir]
08: Peace In The Heart [Kashmir]
09: Reykjavik [Chapeau Claque]
10: "Wir wollen Freunde, wir wollen Bewegung" (?) [Chapeau Claque]
PAUSE
11:  ? [Chapeau Claque]
12: "Hörst du mein Herz..." (?) [Chapeau Claque]
13: The First Time Ever I Saw Your Face [Kashmir mit Isabel am Cello] (Roberta Flack - Cover)
14: Rocket Brothers [Kashmir]
15: "Krieger in meinem Kopf erbarme dich" (?) [Chapeau Claque]
16: Zusammen im Kreis [Chapeau Claque]
17: The Aftermath [Kashmir]
18: Ambulance Blues [Kashmir mit Isabel am Cello] (Neil Young - Cover)

19: Schöner Moment [Chapeau Claque] (Z)
20: Seraphina [Kashmir] (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Kashmir & Chapeau Claque in Dresden, 04.09.2013 


Freitag, 2. August 2013

Die Selektion / Die Nerven / Heisskalt in Stuttgart, 01.08.2013

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Konzert: Die Selektion / Die Nerven / Heisskalt
Ort:Wagenhallen, Stuttgart
Datum:01.08.2013
Dauer:Die Selektion 30 Minuten / Die Nerven 40 Minuten
Zuschauer:250 - 300



Das Sommerprogramm deutscher Clubs ist, was das Liveangebot angeht, in der Schulferienzeit oft dünn gesät. Das Stuttgarter Merlin steuert mit der Reihe Klinke24 gegen das klischeehafte Sommerloch mit Konzerten lokaler Newcomer aus der unabhängigen Musikszene ehrenhaft an. 
Dass man für den Auftakt der ansonsten kostenlosen Reihe Eintritt erhebt und in die Wagenhallen am Nordbahnhof umzieht, hat nachvollziehbare Gründe. Zum einem stehen alle drei Bands - namentlich Die Selektion, Die Nerven und Heisskalt – für alternativen Pop härterer Gangart, zum andern, dürfte Heisskalt, nach Auftritten auf den großen Festivals erhöhte Gagevorstellungen an den Veranstalter haben. 

Eben jene Stuttgarter Band ist heute Abend so etwas wie der Headliner, schon bei der Ankunft vor den Wagenhallen in atmosphärischer, industriell und verwildert wirkender Umgebung erkennt man deutlich, dass das Gros der auffallend jungen Besucher vornehmlich für die beim Hip-Hop-Label Chimperator unter Vertrag stehenden Deutschrocker zum Eröffnungskonzert der Klinke24 kam. Spätestens während des Auftritts der Selektion um Frontmann Luca Gillian verfestigt sich dieser Eindruck. 
Viele warten Draußen, während die junge Band mit harter, düsterer New Wave und signifikantem Electronic Body Music Einschlag verzückt. Luca Gillians exaltierte Bewegungen, sein Ausflug ins Publikum schon beim zweiten Song „Stadt in der Nacht“ verdeutlichen, warum Die Selektion auch über die schwarze Szene hinaus ein beachtliches Renommee genießt. Es ist der ungemeine Reiz der Trompete, der die Genregrenzen sprengt und den unterkühlten Synthie-Beats und dem New Order'esk zuckenden Bassspiel Wärme verleiht und auch für Indie-Jünger wie mich genießbar macht. 
Trompeter Hannes Rief sorgt für organische Klänge, die Die Selektion vom technohaften Einheitsbrei der EBM würdevoll abheben. Gut eineinhalb Jahre ist es her, seit ich das Projekt Esslinger Waldorf-Schüler zum ersten Mal sah. Damals - noch ohne E-Bass und mit Max Rieger, der die Selektion verließt, um Die Nerven zu gründen, am Synthesizer – überzeugte das Trio im Vorprogramm von Jeans Team im Merlin und zeigte mir, dass Stuttgart und Umgebung vielleicht keine echte Szene haben mag, aber nichtsdestotrotz über erstklassige Szenebands verfügt. 


 Auf den ersten Blick mag die Band in ihrer Ästhetik unheimlich erscheinen, in ihrem Sound schockieren; noch dazu der Name. Darf sich eine deutsche Band Selektion nennen? Ist das jetzt rechts? Solche Fragen werden sicher dem ein oder anderen durch den Kopf gehen, wenn er den Namen auf Plakaten ließt, von der Genrezuordnung hört. Viele andere Electronic Body Music - Gruppen, wie einst Nitzer Ebb, oder selbst die Neue Deutsche Welle Formation D.A.F., wurden einst zu unrecht rechts eingeordnet. Ebenso läge nichts ferner, als die jungen Esslinger fälschlicherweise in diese Ecke zu drängen. 


 Mit Touren durch ganz Europa bauten sich Luca Gillian und Hannes Rief auch nach dem Ausstieg Riegers den Ruf einer aufregenden Live-Band auf. Die Freundschaft zu Vladislav Parshin, der für das verstörende Musikvideo von „Raben“ verantwortlich war, und seiner Band Motorama kann hier durchaus als Gütesiegel verstanden werden. Mit dem Einstieg des Bassisten Samuel Savenberg änderte sich das Klangbild der Gruppe zwar nur graduell, den Live-Qualitäten bekommt der zunehmende Bandcharakter aber tatsächlich gut.
Wie Dave Gahan stolziert der bekennende Depeche Mode Fan Gillian im gestreiften T-Shirt und weißer Hose über die Bühne, wickelt sich immer wieder das Mikrophonkabel, um den Hals, spuckt die Sätze fast emotionslos aus, schreit immer wieder. Dann setzt die Trompete zu absolut tanzbaren Beats ein und ich wundere mich über die Reserviertheit des Publikums. „Wasser“, „Meine Gedanken“, „Renn so schnell du kannst“ und „Faust“, naheliegenderweise mit zahlreichen Goethe-Zitaten gespickt, fügen sich im halbstündigen Set zu einem angenehm kühlen Ganzen zusammen. 


Setlist Die Selektion, Stuttgart:

01: "Stadt in der Nacht"
02: "Wasser"
03: "Meine Gedanken"
04: "Kinder"
05: Kühle Lippen
06: Du Rennst
07: Faust



Ebenfalls aus Esslingen stammen Die Nerven. Nach dem Ausstieg aus der Selektion gründete Max Rieger (Gitarre) mit Julian Knoth (Bass) und Kevin Kuhn (Schlagzeug) eine kompromisslose Noise Rock Band, die sich mit ihrer konsequenten Inszenierung und einem schlichtweg genialen Lana Del Rey Cover auf Deutsch wie aus dem Nichts in den Feuilletons und Musikmagazinen wiederfand. 
Erstmals live beim Winterfest des KOMMAs in ihrer Heimatstadt gemeinsam mit Trümmer, Zucker und Messer gesehen, erschien mir ihr Auftritt damals überzogen, zu sehr in den Egos der scheinbar gleichberechtigen Akteure versunken, als dass er mir gefallen konnte. Knapp ein halbes Jahr später sieht das schon anders aus. Bereits die Ankündigung der nihilistischen Noiserocker fällt kurios aus. Die drei Mädchen, die auch im Video zu "Irgendwann geht's zurück" die Band mimen, schlüpfen hysterisch keifend auf der Bühne in die Rolle der Musiker – und nerven. Kuhn, Knoth, Rieger betreten nach einigen Minuten klimakterischen Lärms die Bühne, entreißen der Harpyien-Phalanx die Instrumente und zeigen sich in aller Aggressivität als an Erfahrung gereifte Live-Band - und darüberhinaus gemäßigter als noch vor wenigen Monaten.


Tocotronic empfahlen auf ihrer Facebook-Seite jüngst ausdrücklich die gerade erschienene Split-Single der Nerven und Candelilla, „Fick dich, Alter!“. Die Nähe zum Frühwerk der Protagonisten der Hamburger Schule ist augenscheinlich, auch wenn Songs wie auch Performance letztlich weit misanthropischer ausfallen. Wie von Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank Mitte der 90er kultiviert, finden sich bei den drei Schwaben Plüschmaskottchen: Auf der Bühne steht traditionell ein Panda mit umgedrehten Kreuz auf der Stirn. Die Botschaft ist klar, gewinnt am heutigen Abend, an dem die Labelkollegen des Stuttgarter Rappers Cro auftreten, nochmals an Brisanz. Das Heisskalt-Publikum wirkt irritiert, reserviert, vielleicht sogar schockiert, dabei verzichten die Nerven weitgehend auf verbale Provokation. Die rotzige Attitüde wird durch die Rahmenbedingungen betont, natürlich beschwert sich Max Rieger mit kurz geschorenen Haaren auch einmal darüber, dass der Bass und Gesang zu leise eingestellt seien, lässt weiter auftreten, am Ende stehen die 40 Minuten ihres Auftritts aber ganz im Zeichen einer performativen Noiserock – Show. 
Knoth und Rieger schreien sich immer wieder an, einen echten Frontmann gibt es nicht, Schlagzeuger Kuhn bemüht sich sichtlich das gesamte Konzert über möglichst wahnsinnig zu grinsen und könnte in dieser Hinsicht vielleicht sogar einem Keith Moon den Rang ablaufen.  


 „Der letzte Tanzende“, eine der stärksten Nummern des Trios, wird relativ früh buchstäblich verschossen, erbarmungslos laute Gitarren zucken durch die Wagenhallen, es wird gepogt, die Verrenkungen Riegers fallen überraschend dezent aus, bevor die Zeile, die in ihrer zynischen Ehrlichkeit die Selbsthaltung der Band und eine ganze Generation zu beschreiben vermag, einsetzt: „Wieso soll ich schwimmen, wenn ich auch treiben kann“, singt Rieger ohne den Hauch einer Gefühlsregung. 
Wo Tocotronic auf Diskurs setzten, erschrecken die Nerven mit nihilistischer Anti-Haltung, die die Stuttgarter-Nachrichten, im Versuch jugendlich zu wirken, als „Fick dich-Haltung“ bezeichneten. So leicht macht es einem das Kollektiv aus Musikern, die alle bei verschiedenen Stuttgarter Bands enorme Erfahrung sammelten, nicht, auch wenn Stücke wie die bitterböse Zeitgeist- und Facebook-Abrechnung „George Michael“ genau das natürlich nahelegen. 

Es passt ins Bild, dass ausgerechnet der Song der aktuellen Split-Single mit den bayrischen Riot Girls Candelilla mangels Übung abgebrochen werden muss. Ein weiteres neues Stück, „Blaue Flecken“, gerät etwas lethargisch schleppend, auf „Sommerzeit, Traurigkeit“ wird erneut verzichtet. Am Ende setzen sich Rieger und Knoth einander gegenüber, grinsen diabolisch, stehen auf, steigern sich ein letztes Mal in das gegenseitige Anschreien hinein, ein Feedback-Gewitter folgt, dann wirft Kuhn sein Drumset um, der Moon-Effekt wird auf die Spitze getrieben, ein letztes Grinsen, dann ist es vorbei, genervt haben sie diesmal gar nicht. 
Im letzten Rolling Stone feierte man die Nerven als große Zukunftshoffnung, von deren Energie man sich am Besten live ein Bild machen sollte. 
Mittlerweile bestehen sie den Livetest problemlos, Esslingen könnte in der deutschen Popkultur eine wichtige Rolle spielen, wer hätte das gedacht.


Heisskalt folgt, erst jetzt tobt die Menge wirklich, jubelt der angesagten Nachwuchsband und ihren prätentiösen Hochglanzposen zu. Ich fühle mich an ganz schlimme musikalische Momente der späten 90er und frühen 00er erinnert, an Limp Bizkit, Papa Roach oder die Guano Apes. 
Letztlich machen Heisskalt Nu Metal für die Hipster-Generation mit Vollbärten und Tank Tops. Genervt gehen wir früher. 

 

Konzerttagebuch © 2010

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