Mittwoch, 23. Mai 2012

Tu Fawning, Wien, 21.05.12



Konzert: Tu Fawning
Ort: Chelsea, Wien

Datum: 21.05.2012

Dauer: 60 min



Es gibt Geschichen, die schreibt nur der Fußball. Unglaublich gemeine. Das Champions League-Finale am letzten Sonntag in München zwischen Bayern und Chelsea war so eine. Drückend überlegen, stehen die Rot-Weißen am Ende mit leeren Händen dar. Manch vergaß aus lauter Frust sogar, seinem Staatsoberhaupt die pokallose Hand zu reichen, der Frieden "Dahoam" (was für ein grindiges Wort eigentlich!) war nachhaltig erschüttert. Auch wenn der Titelgewinn von Chelsea alles andere als verdient war, ich fand dieses ganze Trara in München doch sehr unterhaltsam. Den größten Spaß bereitete mir aber die Nachricht, dass die Sportfreunde Stiller, fußballaffine Gute Laune-Musiker und erklärte Bayern-Fans, nur einen Tag später im Wiener Chelsea ein Konzert spielen sollten. Fieser konnte es das Schicksal nicht mit der bayrischen Band meinen: einen Tag nach der Riesenenttäuschung in einem nach dem Gegner benannten Lokal spielen zu müssen, ist echt hart.

Tu Fawning hatten da schon mehr Spaß mit ihrem Konzert in dieser Hütte, Joe Haege (der mit Menomena und 31 Knots schon öfters dagewesen war) meinte sinngemäß, er würde als Wiener jeden Tag hierher kommen. Von der Hand zu weisen ist das auch nicht wirklich, wenn nur der Sound ein bisschen besser wäre... Die Band aus Portland hatte da Glück (oder einen sehr fähigen Techniker), denn an diesem Abend erlebte das bestens gefüllte Lokal einen sehr ausgewogenen Sound mit überraschend klarer Stimme.

Aber alles von Anfang an. Gegen halb elf waren auf einmal perkussive Klänge aus dem hinteren Bereich des Chelseas zu hören, aufgereiht wie im Kindergarten marschierten Tu Fawning ein und spielten die Instrumente über ihren Köpfen. Diese Entscheidung für einen demonstrativen und kollektiven Einzug nahm irgendwie auch schon den Charakter des Konzerts vorrweg: sehr gemeinschaftlich und von Freude an der Sache geprägt.

Der erste Song war dann A Pose for No One, ein Song, der ja auch stark von der Rhythmussektion bestimmt wird und somit den Bogen zum eben erfolgten Einmarsch spannte. Außerdem hatte ich das Gefühl, die Band spiele eine deutlich längere Version des Songs, immer wieder mit kleinen ausschweifenden Momenten versehen.

Überhaupt passt die Bemerkung eines Freundes, Tu Fawning würden sich sehr viel instrumentalen Spielraum lassen, einzig die Stimme sei sehr exakt angelegt, ganz gut auf die Live-Darbietung der neuesten CitySlang-Entdeckung. Immer wieder tauschten die Personen auf der Bühne ihre Instrumente, doch selbst wenn sie Schlagzeug saß vernahm man Corinna Repps Stimme eindrucksvoll klar und dunkel.

Besonderen Spaß an dieser Art eines Auftritts hatten die Zuschauer in den vordersten Reihen, die während der Instrumentenwechsel immer wieder zu kleinen Gespräche und Witzchen mit der Band kamen. Ich als notorisch "pünktlich" Kommender hatte da weniger Glück und konnte das meiste davon nur über die kleine Leinwand an der Seite verfolgen. War mir aber eh fast lieber so, denn das Chelsea war schon gesteckt voll, hinten wars da noch ganz angenehm. Außerdem war es ganz interessant, ständig aufregende Geräusche zu hören, ohne viel von ihren Verursachern zu sehen. Besonders gefiel mir das Vogelgezwitschere zwischen zwei Songs, das einen Hauch von extravaganter Urwaldstimmung in das doch recht schäbige Chelsea brachte.

Kurz darauf folgte Bones, dann kündigte Joe Haege, der in seinen Bewegungen auf der Bühne frappant an Win Butler erinnert, den letzten Song an. Unmissverständlich begeisterter Applaus nach eben jenem (ich bin ein wenig aus der Übung mit dem Setlist-Mitschreiben) brachte die Band dann aber nochmals zurück auf die Bühne. "You gave us no choice", meinte Haege, der offensichtlich Alleinunterhalter ist, was die Ansprachen angeht. Ich fragte mich erst, ob das nicht "left us no choice" heißen müsse, dann kamen aber schon die ersten Töne von Anchor, der Single, die zurzeit auf Fm4 rauf und runter gespielt wurde, wofür sich die Band auch ("very generous") bedankte. Der Radiostation ist es vermutlich auch zu verdanken, dass der Abend so toll besucht war, wobei natürlich die Musik von Tu Fawning als wahre Größe gesehen werden muss: Dunkel, geheimnisvoll, elegant und wahnsinnig energisch - die größte Stärke ihrer Musik ist wohl ihre Qualität, sich schwer in Worte fassen zu lassen. Diese Beobachtung hatte ich letzthin auch in einem Interview, das ich mit Corinna Repp von Tu Fawning geführt habe. Wir einigten uns schließlich darauf, dass das Jenseits einen großen Einfluss auf die Portlander habe.

Der Abend endete dann damit, dass sich die Band wieder ihre Instrumente schnappte und ins Publikum hüpfte, um dort den Song fortzusetzten. Die Zuschauerschaft sprang auch sofort darauf ein, sang mit und klatschte, dass es eine Freude war. Und so zog die Band wieder von dannen, so wie sie gekommen war: Greifbar und triumphal zugleich.

Aus unserem Archiv:

- Tu Fawning, Mannheim, 19.05.12
- Tu Fawning, Paris, 16.05.12
- Tu Fawning, Berlin, 05.05.12
- Tu Fawning, Köln, 21.07.11
- Tu Fawning, Duisburg, 08.03.11
- Tu Fawning, Paris, 19.02.11

Vielen Dank an Shirin Omran für die schönen Bilder!



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