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Mittwoch, 23. Mai 2012

Tu Fawning, Wien, 21.05.12

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Konzert: Tu Fawning
Ort: Chelsea, Wien

Datum: 21.05.2012

Dauer: 60 min



Es gibt Geschichen, die schreibt nur der Fußball. Unglaublich gemeine. Das Champions League-Finale am letzten Sonntag in München zwischen Bayern und Chelsea war so eine. Drückend überlegen, stehen die Rot-Weißen am Ende mit leeren Händen dar. Manch vergaß aus lauter Frust sogar, seinem Staatsoberhaupt die pokallose Hand zu reichen, der Frieden "Dahoam" (was für ein grindiges Wort eigentlich!) war nachhaltig erschüttert. Auch wenn der Titelgewinn von Chelsea alles andere als verdient war, ich fand dieses ganze Trara in München doch sehr unterhaltsam. Den größten Spaß bereitete mir aber die Nachricht, dass die Sportfreunde Stiller, fußballaffine Gute Laune-Musiker und erklärte Bayern-Fans, nur einen Tag später im Wiener Chelsea ein Konzert spielen sollten. Fieser konnte es das Schicksal nicht mit der bayrischen Band meinen: einen Tag nach der Riesenenttäuschung in einem nach dem Gegner benannten Lokal spielen zu müssen, ist echt hart.

Tu Fawning hatten da schon mehr Spaß mit ihrem Konzert in dieser Hütte, Joe Haege (der mit Menomena und 31 Knots schon öfters dagewesen war) meinte sinngemäß, er würde als Wiener jeden Tag hierher kommen. Von der Hand zu weisen ist das auch nicht wirklich, wenn nur der Sound ein bisschen besser wäre... Die Band aus Portland hatte da Glück (oder einen sehr fähigen Techniker), denn an diesem Abend erlebte das bestens gefüllte Lokal einen sehr ausgewogenen Sound mit überraschend klarer Stimme.

Aber alles von Anfang an. Gegen halb elf waren auf einmal perkussive Klänge aus dem hinteren Bereich des Chelseas zu hören, aufgereiht wie im Kindergarten marschierten Tu Fawning ein und spielten die Instrumente über ihren Köpfen. Diese Entscheidung für einen demonstrativen und kollektiven Einzug nahm irgendwie auch schon den Charakter des Konzerts vorrweg: sehr gemeinschaftlich und von Freude an der Sache geprägt.

Der erste Song war dann A Pose for No One, ein Song, der ja auch stark von der Rhythmussektion bestimmt wird und somit den Bogen zum eben erfolgten Einmarsch spannte. Außerdem hatte ich das Gefühl, die Band spiele eine deutlich längere Version des Songs, immer wieder mit kleinen ausschweifenden Momenten versehen.

Überhaupt passt die Bemerkung eines Freundes, Tu Fawning würden sich sehr viel instrumentalen Spielraum lassen, einzig die Stimme sei sehr exakt angelegt, ganz gut auf die Live-Darbietung der neuesten CitySlang-Entdeckung. Immer wieder tauschten die Personen auf der Bühne ihre Instrumente, doch selbst wenn sie Schlagzeug saß vernahm man Corinna Repps Stimme eindrucksvoll klar und dunkel.

Besonderen Spaß an dieser Art eines Auftritts hatten die Zuschauer in den vordersten Reihen, die während der Instrumentenwechsel immer wieder zu kleinen Gespräche und Witzchen mit der Band kamen. Ich als notorisch "pünktlich" Kommender hatte da weniger Glück und konnte das meiste davon nur über die kleine Leinwand an der Seite verfolgen. War mir aber eh fast lieber so, denn das Chelsea war schon gesteckt voll, hinten wars da noch ganz angenehm. Außerdem war es ganz interessant, ständig aufregende Geräusche zu hören, ohne viel von ihren Verursachern zu sehen. Besonders gefiel mir das Vogelgezwitschere zwischen zwei Songs, das einen Hauch von extravaganter Urwaldstimmung in das doch recht schäbige Chelsea brachte.

Kurz darauf folgte Bones, dann kündigte Joe Haege, der in seinen Bewegungen auf der Bühne frappant an Win Butler erinnert, den letzten Song an. Unmissverständlich begeisterter Applaus nach eben jenem (ich bin ein wenig aus der Übung mit dem Setlist-Mitschreiben) brachte die Band dann aber nochmals zurück auf die Bühne. "You gave us no choice", meinte Haege, der offensichtlich Alleinunterhalter ist, was die Ansprachen angeht. Ich fragte mich erst, ob das nicht "left us no choice" heißen müsse, dann kamen aber schon die ersten Töne von Anchor, der Single, die zurzeit auf Fm4 rauf und runter gespielt wurde, wofür sich die Band auch ("very generous") bedankte. Der Radiostation ist es vermutlich auch zu verdanken, dass der Abend so toll besucht war, wobei natürlich die Musik von Tu Fawning als wahre Größe gesehen werden muss: Dunkel, geheimnisvoll, elegant und wahnsinnig energisch - die größte Stärke ihrer Musik ist wohl ihre Qualität, sich schwer in Worte fassen zu lassen. Diese Beobachtung hatte ich letzthin auch in einem Interview, das ich mit Corinna Repp von Tu Fawning geführt habe. Wir einigten uns schließlich darauf, dass das Jenseits einen großen Einfluss auf die Portlander habe.

Der Abend endete dann damit, dass sich die Band wieder ihre Instrumente schnappte und ins Publikum hüpfte, um dort den Song fortzusetzten. Die Zuschauerschaft sprang auch sofort darauf ein, sang mit und klatschte, dass es eine Freude war. Und so zog die Band wieder von dannen, so wie sie gekommen war: Greifbar und triumphal zugleich.

Aus unserem Archiv:

- Tu Fawning, Mannheim, 19.05.12
- Tu Fawning, Paris, 16.05.12
- Tu Fawning, Berlin, 05.05.12
- Tu Fawning, Köln, 21.07.11
- Tu Fawning, Duisburg, 08.03.11
- Tu Fawning, Paris, 19.02.11

Vielen Dank an Shirin Omran für die schönen Bilder!



Dienstag, 22. November 2011

I like Trains, Wien, 24.10.11

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Konzert: I like Trains

Ort: Chelsea, Wien
Datum: 24.10.2011
Zuschauer: schön voll
Dauer: etwa 90 Minuten

Dieser Bericht ist etwas spät, die zeitlose Schönheit von I like Trains dient hier als Entschuldigung.

I like Trains dürfte es in Wien gefallen, schon das zweite Mal in diesem Jahr stand ein Konzert in Wien an. Umgekehrt hat die Band aber auch einen sehr guten Stand beim hiesigen Konzertpublikum. Sehr oft war ich in den vergangenen Monaten auf Konzerten der Sorte Postrock/Ambient, die herzzerreißend mager besucht waren. An diesem Abend war das Chelsea dagegen ausgezeichnet gefüllt und das mit einem bunt gemischten Publikum. Sogar aus Slowenien war eine ganze Schar der Band nachgereist, die Vorfreude war den Lebhaften unschwer anzumerken.

Vorfreudig war ich auch, das letzte Mal habe ich I like Trains (damals noch als iLiKETRAiNS) am Haldern 2009 gesehen, irgendwann früh nachmittags und in der prallen Sonne. Nicht ganz optimale Bedingungen, um Musik und Ambiente parallel zu halten und es hatte dort auch fast jeder die Augen geschlossen, um das Konzert richtig genießen zu können.
Später trafen wir die Band am Autogrammzelt, hochsympathische Burschen. Die Autogrammkarten wurden mit Zeichnungen bestückt, umgekehrt konnte man der Band etwas in ein kleines Büchlein malen. Das Talent in dieser Disziplin ließ allerdings auf beiden Seiten zu wünschen übrig.

Kurz vor zehn kamen die Engländer auf die Bühne, nicht - wie sonst üblich - durch den Zuschauerraum, sondern durch die Seitentür aus dem Freien: ein Zeichen für die gute Auslastung des Chelseas an diesem Abend.
Ohne viel Umschweife wurde begonnen, Sirens stellte den Opener dar. "You sing to me, and I, I'm lost." Das Motiv der Sirenen aus der griechischen Mythologie, ein recht beliebtes übrigens (z.B. Radiohead - There There), fand auch recht schnell Anwendung auf den Konzertabend. I like Trains musizierten und man war hin und weg.

Auf großartige Versuche, sich mit dem Publikum zu unterhalten, wurde verzichtet. Bis auf ein paar Routinesätze war wenig drin, einzig eine Besucherin aus Slowenien wurde gefragt, ob denn eh alles in Ordnung sei, nachdem sie einen spitzen Schrei losgelassen hatte. Ja, war es - genannter Ruf erfolgte vor Begeisterung und das nicht zu Unrecht.
Die spärliche Wortgebrauch zwischen den Songs war allerdings hochgradig erfreulich, stellte er doch die Dichte des Abends sicher. Vor allem Übergänge wie von A Father's Son zu We Saw The Deep, die auch auf Platte ausgezeichnet funktionieren, kamen so zu ihrer vollen Geltung. Das gespielte Material stammte auch hauptsächlich vom letzten Album He Who Saw The Deep, vom Vorgängeralbum waren nur zwei Songs dabei.

Fünf Menschen waren I like Trains an diesem Abend, drei davon Gitarristen - einfach herrlich. Teilweise trugen sie Marine-Uniformen, Sänger David Martin eine mit zwei Goldbalken am Ärmel, der erste Gitarrist und der Bassist welche mit nur einem Streifen. Es scheint also eine deutliche Hierarchie in der Band zu geben. Oder ist die Verkleidung einfach reine Koketterie?
Völlig egal, das einzige was zählte, war das Konzerterlebnis - ein hervorragendes!

Bis zu dem Zeitpunkt, als die Engländer die Bühne verließen, schwelgte man in Gedanken, man ließ sich treiben und träumte.
Mit ihrer Rückkunft ging der Traum weiter, uniformiert war aber nur mehr Martin. Vielleicht geriet Spencer Perceval deshalb so entfesselt. Naja, müßige Spekulation. Fest steht: I like Trains sind live immer wieder fesselnd, ihre Musik ein Soundtrack zum Gedankenkino. Klingt durchschnittlicher als es ist, I like Trains sind perfektes Handwerk und ganz viel Herz. Wem das nicht reicht, kann ja zu den Kaiser Chiefs gehen, wenn er eine Band aus Leeds sehen will.

Setlist I like Trains, Wien:
01: Sirens
02: Progress Is A Snake
03: A Rook House For Bobby
04: A Father's Son
05: We Saw The Deep
06: Voice Of Reason
07: (New Song)
08: Terra Nova
09: When We Were Kings
10: (New Song)
11: Victress
12: These Feet Of Clay
13: Sea Of Regrets

14: Spencer Perceval (Z)


Aus unserem Archiv:

I Like Trains, Köln, 19.01.11
I Like Trains, Haldern, 15.08.09
I Like Trains, Köln, 06.03.09
I Like Trains, Düsseldorf, 28.11.08
iLiKETRAiNS, Frankfurt, 15.04.08
iLiKETRAiNS, Paris, 08.04.08
iLiKETRAiNS, Köln, 16.11.07
iLiKETRAiNS, Paris, 31.10.07
iLiKETRAiNS, Paris, 12.10.06




Dienstag, 21. Juni 2011

Wye Oak, Wien, 12.06.11

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Konzert: Wye Oak & Waters
Ort: Chelsea, Wien

Datum: 12.06.2011

Zuschauer: nahezu ausverkauft

Konzertdauer: ca. 70 Minuten


the death cat ist einer der interessantesten Wiener Blogs, die sich mit der Musik befassen, die wir hier alle mögen. Deshalb folgend ein Gastbeitrag von "Todeskatze" Alexander, der das Wye Oak-Konzert vergangene Woche besucht und sich Gedanken dazu gemacht hat. Vielen Dank!

Das Donnerwetter blieb aus. Es war nur ein verregnetes Wye Oak-Konzert im Chelsea.

Das Wiener Besuchsverhalten bei Konzerten mutet manchmal seltsam an. Während nicht weniger als vier schwedische Künstler beim von der Vienna Songwriting Association in der Szene organisierten Singer/Songwriter Fest kaum mehr als 40 Gäste um sich scharten, bescherte keine zwei Wochen später das amerikanische Folk-Rock Duo Wye Oak dem Chelsea ein nahezu volles Haus. Wie solch extreme Unterschiede entstehen, wird wohl noch länger unergründet bleiben. Ergründen lässt sich dagegen schon, warum Wye Oak’s Jenn Wasner und Andy Stack bei ihrem Auftritt nicht so recht zu überzeugen wussten. Das erhoffte Donnerwetter auf der Bühne blieb nämlich aus. Es regnete nur.

Der 12. Juni in Wien. Strahlender Sonnenschein, angenehme 23 Grad. Hinsichtlich des Wetters also ein perfekter Tag des noch jungen Sommers 2011. Nicht zu heiß, aber warm genug, um nach 21 Uhr, unmittelbar vor Konzertbeginn, kurzärmlig in den Schanigärten rund um das Chelsea der Gemütlichkeit zu frönen. Dennoch dauerte es nicht lange, bis die ersten Regentropfen zu spüren waren. Zu diesem Zeitpunkt war man allerdings schon unter Dach bei Wye Oak – und einer an diesem Abend angezählten Frontfrau Jenn Wasner.

"It’s funny if you’ve never been to a city and when you actually come here you see your own face everywhere."

Dabei hatte der Abend mit dieser Anekdote lustig und vielversprechend begonnen. Wasner spielte darin auf die aktuellen Monatsplakate des Chelseas an, auf denen neben den Programmhighlights auch ihr eigenes Portrait zu sehen ist – überlebensgroß! Wahrlich eine lustige Vorstellung, wenn man sich selbst in eine solche Situation versetzt. Schnell aber wurde klar, dass diese Anekdote zu Konzertbeginn nur die sprichwörtlich gute Miene zum bösen Spiel war, denn bereits wenige Augenblicke später wurde klar, warum Wasner an diesem Abend während des Konzerts nicht weniger als vier alkoholische Drinks schlürfte, die Bemühungen Stacks eine lockere Konzertatmosphäre zu schaffen unfreundlich quittierte und auch sonst kaum Emotionen bei der eigenen, an sich emotionsgeladenen Musik zeigte: “I just broke up with my boyfriend”. Hm. Das ist just im Zeitraum einer Band-Tour dann wohl doch eher ungünstig, denn wer meint, dass bei tendenziell melancholischen Nummern, wie sie Wye Oak zu spielen pflegen, eine betrübte Grundstimmung und schlechte Laune nicht groß ins Gewicht fallen, der mag damit nur bedingt Recht haben. Schlechte Laune ist es nämlich auch, die Körpersprache abweisend und Kommunikation kalt wirken lässt. Dies bekam man im Chelsea zu spüren. Zwar weniger als Publikum, dafür aber eben als Wasners Band: und die reduziert sich ja bekanntlich auf den Multiinstrumentalisten Andy Stack.

Es überraschte an diesem Abend also nicht weiter, dass Wye Oak als Band vor allem musikalisch enttäuschten. Auch wenn die im gepflegten Shoegaze-Stil vorgetragenen Nummern, in erster Linie eine Auswahl des aktuellen Albums Civilian, erwartungsgemäß wuchtig und somit gewissermaßen eindrücklich waren, konnte Wye Oak als Live-Act nicht überzeugen. Überzeugend wirkte alleine die Vorstellung von Andy Stack am Schlagzeug, der parallel zum Schlagzeugspielen über seinen Synthesizer auch noch für das Spielen von Melodien, der Basslinie oder das Einspielen von Samples verantwortlich zeichnete. Seine Darbietung wirkte letztendlich aber zu isoliert, stand sie doch in keiner direkten Verbindung zu Jenn Wasners Gesang und Gitarrenspiel, welche in permanentem Sicherheitsabstand erfolgten. Somit fehlte es an jeder Interaktion, jeder Kommunikation untereinander. Die Bühne wirkte, trotz Wye Oak, verwaist.

Wye Oak besuchten an diesem Abend erstmals Wien, schafften es dabei aber nicht, ihrer Musik auch ein Gesicht zu geben; die Frau am Monatsplakat des Chelseas muss wohl doch eine andere als Jenn Wasner gewesen sein. Die grundsätzliche Begeisterung für Wye Oak und ihre zeitgemäße Musik, in der sie Stilrichtungen wie Rock, Folk und Elektronik kombinieren und die in Verbindung mit den beiden Amerikanern gerne schon mal als “21st Century Folk” bezeichnet wird, muss von einer solchen Vorstellung allerdings nicht zwangsläufig gelindert werden. Schließlich haben wir alle mal einen schlechten Tag und das kann man als Zuhörer auch so stehen lassen. Und einfach weiterhören, woran man bisher bei Wye Oak Gefallen hatte.

Aus unserem Archiv:
Wye Oak, Paris, 07.09.09
Wye Oak, Paris, 05.11.08


Dieser Bericht entstand für thedeathcat.com und ist hier erstmals veröffentlicht worden. Danke an Alexander!


Die Fotos (dürften den Abend im Chelsea allerdings nicht authentisch treffen) stammen von Mathias Hielscher, z.V.g von den werten Cityslang-Freunden - Dankeschön!

Freitag, 1. April 2011

Immanu El, Wien, 30.03.11

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Konzert: Immanu El & Lars Stigler
Ort: Chelsea
Datum: 30.03.2011
Zuschauer: 40
Konzertdauer: Lars Stigler 40 Minuten, Immanu El 45 Minuten

Auf den ersten Blick (den ersten Lauscher) passt Musik, wie Immanu El sie machen, nicht zum derzeitigen Wetter. An diesen Tagen des Jahres, da selbst der allergrößte Griesgram nicht umhin kann, seinen Mitmenschen auf der Straße ein Lächeln zu schenken, lässt sich schwer melancholisch sein. Auf den zweiten funktioniert das aber sehr wohl. Eine schöne Stunde während den letzten Sonnenstrahlen im Votivpark neben der Uni in der Wiese, untermalt von den Klängen des Immanu El-Zweitlings Moen, hatte das eindrucksvoll bewiesen. Den Begriff Melancholie mit dem der Niedergeschlagenheit gleichzusetzen, greift eben viel zu kurz, blendet einige Facetten aus. Wie zum Beispiel den, Wolken, Menschen, Vögeln bei träumerischer Musik nachzuhängen.

Aber bevor es hier laienpsychologisch oder gar kitschig wird, wechseln wir lieber den Schauplatz: Als ich das Chelsea betrat, wo noch nichts los war, traf ich auf Bernhard Eder, Österreichs herausragendsten Songwriter und auch in Deutschland sehr bekannt, der gerade eben auf Plakatier-Tour war (und sich über die Schreibweise von Immanu El amüsierte). Gerade vor zwei Tagen hat er ein neues Video zu In a foreign land veröffentlicht, getragen von düsterer Schwarz/Weiß-Optik und dementsprechend sah auch er das derzeitige Wetter ein wenig im Konflikt mit seinem künstlerischen Produkt. Na gut, jetzt echt mal weg vom Wetter!

Lars Stigler, Wiener Klangexperimentalist und u.a. auch Tontechniker des rhiz, hatte noch nicht viel Publikum, als er die Bühne betrat und sich mit seiner Gitarre auf einen Hocker setzte. Er wirkte sehr mürrisch, war aber - habe ich mir sagen lassen - einfach konzentriert. Muss man wohl auch sein, wenn man sich nur auf sich selbst verlassen kann. Stiglers (Lars ist übrigens ein schöner Vorname - wieso gibts den in Österreich so selten?) Musik bestand aus Improvisationen zwischen Ambient und Post-Rock, wirklich ausnehmend gut. Dass ich vorher noch nichts von diesem Projekt gehört hatte, liegt teilweise auch wohl daran, dass Live-Auftritte sehr rar sind. Wenns nach mir geht dürfte der Herr ruhig öfter mal spielen und in seine Klangwelten entführen.

Immanu El standen dann gegen 23.00 auf der Bühne, vor der sich mittlerweile schon mehr Leute eingefunden hatten, allerdings auch deutlich weniger als erwartet. Das ist ein wenig schade, wenn man bedenkt, dass vor etwa zwei Jahren noch rund 70 Leute ins rhiz gekommen waren und das zweite Album eigentlich mindestens so gut wie das erste ist. Andererseits finden im kleinsten Rahmen meist die besten Konzerte statt und dieser These wurde auch heute Beweismaterial beigestellt.

Eröffnet wurde mit Under your wings I'll hide, dem ersten Stück des ersten Albums They'll come, they come, das wahrscheinlich bekannteste aus dem ganzen Immanu El-Werk. Das beste daran war, dass der Song nicht gekürzt wurde, wie es bei 10+-Minuten oft der Fall ist, in seiner ganzen, anschwellenden Größe erfüllte er den Raum.

Die Band aus Göteborg (auf englisch heißt das Gothenburg, soso) stand fünf Mann hoch in minimalem Licht auf der Bühne, bis zu drei Gitarristen wechselten zwischen verspieltem und lärmendem Modus, beides mit immenser Präzision. Dass man sich ein klitzekleinwenig versingt, das kann in einer reinen Bubi-Band schon mal vorkommen, passierte aber nur einmal. Hochkonzentriert spielte man sich durch Storm, danach wurde das Publikum begrüßt: Die letzten Monate hätten sie mit dem Schreiben neuer Songs für das nächste Album (erscheint im Oktober) verbracht, die würde sie jetzt gerne live testen. Immer her damit!

Eine leichte Tendenz zum Eruptiven war bei diesem ersten neuen Song festzustellen, die Vorfreude auf das Album wurde jedenfalls noch genährt. Astral Days ist dagegen ein altes Stück und eins der besten, mit fast spirituellen Lyrics
"Wanted to stay/Wanted to pray/I wanted to feel your light hands/It's all I can see/All I can feel/While we were dying from ourselves."

Der nächste neue Song folgte, auch der klang sehr vielversprechend, mit Tunnel und Agnes Day, in dessen Lyrics ein Rückgriff auf das erste Album erfolgt. Großartig war das und noch nicht vorbei. Auch wenn sie von der nächtlichen Reise von Paris nach Wien sichtbar ein wenig angeschlagen waren, bedankten sie sich beim (treuen oder neuen?) Publikum für das Erscheinen erst verbal und dann mit Panda. Wer bis dahin noch nicht von der Größe bzw. der Nähe dieses Abends überzeugt war, war es wohl spätestens jetzt. "I will stand tall when the winter gets to us/if you stay with me." Der Winter ist glücklicherweise vorbei, dass wir für Immanu El wieder da sind, wenn der Winter (und mit ihm Album und nächste Tour) kommt, versteht sich von selbst.

Am Merchstand konnte man dann noch ein wenig mit den Schweden plaudern, ihnen limitiertes Vinyl abkaufen und vergeblich Informationen zum neuen Album zu entlocken versuchen. Immanu El waren toll, wer zu faul war, ins Chelsea zu kommen, ist selber schuld. Wer bei Polarkreis18 war, hat sowieso andere Vorlieben. Wer bei Christiane Rösinger war, hat Erzählungen zufolge auch ein schönes Konzert erlebt - Stichwort: Liebe wird oft überbewertet.
Im Chelsea wars trotzdem am Besten - for sure! Wer mir was anderes beweisen will und im Flex war, ist herzlich dazu eingeladen einen Bericht zu schreiben - Gastautoren immer gerne gesehen.
Das Amen zum Gebet kommt nochmal von Immanu El:
"I took a picture/a window of a dream/a whisper of a fear/we dance with wrong chords to wrong songs."



Setlist Immanu El, Chelsea, Wien:

01: Under your wings I'll hide
02: Storm
03: (New Song)
04: Astral Days
05: (New Song)
06: Tunnel
07: Agnes Day

08: Panda (Z)


Die Konzert-Fotos stammen von Caroline Traitler. Dankeschön!
Das Bild von Lars Stigler ist auf seiner Myspace-Site zu finden.
Das letzte Bild stammt von Immanu El, setzt die Serie "Dedicated to Oliver Peel" fort und wurde in Paris aufgenommen. Da hat sich wohl wer an Sartre versucht....
Den hübschen Flyer hat Tristan gebastelt.
Danke vor allem an Andrei für den schönen Abend!

Dienstag, 5. Oktober 2010

Someone Still Loves You Boris Yeltsin, Wien, 03.10.10

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Konzert: Someone Still Loves You Boris Yeltsin, Effi
Datum: 03.10.2010
Ort: Chelsea, Wien
Zuschauer: ca 150?
Dauer: Effi 30 Minuten, SSLYBY 70 Minuten


von Julius aus Wien

Wer Sonntag abends ins Chelsea kommt, muss damit rechnen, sich ein wenig Fußball zu Gemüte führen zu müssen. Inter gegen Juve, Real gegen Deportivo, Barca gegen Mallorca. Wenn die Spitzenspiele der europäischen Ligen ausgetragen werden, ist das Chelsea bummvoll.

Das ist besonders dann angenehm, wenn man noch ein wenig Zeit hat, bis im hinteren Teil des Lokals ein Konzert beginnt. In diesem Fall das der Amerikaner Someone Still Loves You Boris Yeltsin. Und so sah ich einige Treffer, bis das Tor, um das es mir wirklich ging, geöffnet wurde.

Der Grazer Songwriter Effi, man könnte ihn als Spezialist in Sachen Support-Slots bezeichnen, spielte dann auch schon vor einem gut gefüllten Chelsea. Der Macher hinter dem Teenbeat Club, in dessen Rahmen das Konzert stattfand, hat nämlich ein Händchen dafür, dass seine Besucher regelmäßig gerne wiederkommen und das auch dann, wenn bereits die vorangegangenen drei Tage Teenbeat Club auf dem Programm stand…

Effi durfte sich also freuen, das tut er sowieso immer, er ist ein Mensch sonnigen Gemüts. Und er hat auch entertainende Fähigkeiten.

Und die waren auch gefragt. Denn er und seine Band waren ein wenig vom Pech verfolgt. Erst riss eine Saite, dann stimmte etwas mit einer Tonspur, die eingespielt werden sollte, nicht.

Effi schaffte es dennoch, durch unbekümmert gute Laune den Spaß an seinem Konzert zu erhalten. Mögen seine Songs auch nicht die außergewöhnlichsten sein, ihn muss man einfach mögen.

Und so spielte er sich durch eine gute halbe Stunde seiner unbeschwerten Songs zwischen Indie-, Reggae- und Folkeinschlag. Als er dann zuletzt noch „Danke für die Blumen, danke für die schöne Zeit!“ sang, war dem eigentlich nichts hinzuzufügen. Danke für die Blumen, es war uns eine Ehre.

Someone Still Loves You Boris Yeltsin, in weiterer Folge als SSLYBY zu anzutreffen, ließen auch nicht lange auf sich waren und stellten sich auch gleich mal mit „Banned (By The Man)“, einem Song des neuen Albums „Let It Sway“ vor. Ohne sich mit irgendwelchen Begrüßungen aufzuhalten, fuhren SSLYBY gleich ein ordentliches Programm: Wesentlich energischer als erwartet bearbeiteten die vier Herren aus Springfield, MO ihre Instrumente.

Daran, dass die Songs dadurch rauher ausfielen, fast ein wenig Garage und Lo-Fi gerieten, musste man sich kurz gewöhnen, bis einen die Spielfreude und die Euphorie des Quartetts mitriss. Der Pop-Einschlag mancher Songs ging also verloren, was dafür gegeben wurde, machte das aber wieder voll wett.

Ein wenig hätte man fast meinen können, SSLYBY seien immer noch die selbe idealistische, hochmotivierte High School-Band, als die sie begonnen haben, so unbeschwert und beinahe übermütig spielten sie ihr Set. Die Ausgelassenheit vergangener Schulparties lag in der Luft, von der sich die etwa 150 Besucher auch schnell anstecken ließen.

Besonderen Spaß schien eine Gruppe zu haben, bei der sich Sänger John R. Cardwell besonders für das Erscheinen bedankte, da sie den weiten Weg aus Kroatien auf sich genommen hatten.

Wer am Anfang vielleicht noch gedacht hätte, mit zwei Gitarristen, einem Bassisten und einem Schlagzeuger hätten SSLYBY eine Bandbesetzung, wie sie klassischer nicht sein könnte, gewählt, wurde dann nach ca. einer halben Stunde Spielzeit überrascht. John schnappte sich den Bass von Jonathan James (was hatte der bitte für massive Ringe unter den Augen?!?!), dieser zwängte sich hinter die Drums und Phillip Dickey übernahm dafür den Vokal-Part.

Das bewirkte, dass der Gesang ein wenig sanfter wurde und der Bass dafür umso heftiger dröhnte. Man könnte den vier aus den Staaten wohl auch Rasseln in die Hand drücken, sie wüssten damit zu gefallen…

Nach dieser geringfügigen Änderung kam dann das neue „Let It Sway“ mehr zum Zuge, Songs wie „Sink/Let It Sway“, „Back In The Saddle“ und das komisch-seltsame „All Hail Dracula“ durften sich live beweisen…

…und ernteten hohe Zustimmung. Sicherlich mehr als am Nachmittag dieses Tages, als Philipp Dickey und Will Knauer für „They Shoot Music“ (einen Videoblog, der (zumeist Indie-)Bands, die in Wien zu Gast sind, auf verschiedenen Wiener Plätzen Songs performen lässt) „Modern Mystery“ und „Let’s Get Tired“ am Brunnenmarkt zum Besten gaben und dabei mit der Ottakringer Jugend schlossen. Diese war dem Vernehmen nach nämlich nur auf Kurzauftritte mit Basketbällen und Skateboards in den Videos aus und angeblich auch ein wenig enttäuscht, als sie feststellten, dass SSLYBY keine Hip-Hopper sind…

Wir waren jedenfalls nicht enttäuscht, im Gegenteil, und so ließen sich unsere Freunde aus dem mittleren Westen zu einer Zugabe und der Aussage, Wien zu lieben, hinreißen. Tatsächlich waren sie jetzt schon zum dritten Mal da, und ebenfalls zum dritten Mal im Chelsea. Scheint ihnen in diesem kleinen Lokal zu gefallen (sogar der Umstand, dass die U-Bahn alle fünf Minuten über ihren Köpfen hinwegdröhnt schien für sie bereits gewohnt). Soll uns sehr recht sein, die intimen Konzerte sind doch einfach die besten.

Nach dem Konzert gab es dann am Merch-Stand noch Geschichten aus dem Tourleben zu hören. Zum Beispiel Interessantes vom Auftritt in Moskau oder vom Unterschied zwischen europäischem und Neuer Welt-Publikum. Schöne Sache!

Und so verteilen wir hier nochmal Blumen, danke für die schöne Zeit:
Jemand mag dich noch immer, Boris Yeltsin!
Jemand freut sich auch schon auf das nächste Gastspiel von Someone Still Loves You Boris Yeltsin! Vienna Still Loves You!

Die „They Shoot Music“-Session (Version ohne Hip-Hop-Kids) gibt’s hier!

Herzlichen Dank für die Fotos an Christian Haas!



Samstag, 10. Oktober 2009

Ramona Falls & Dear Reader, Wien, 08.10.09

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Konzert: Ramona Falls & Dear Reader
Ort: Chelsea, Wien

Datum: 08.10.2009
Zuschauer: etwa 150


von Julius aus Wien

Ein Dear Reader-Experte, wie es Christoph und auch Oliver sind, bin ich zugebenermaßen nicht, aber vielleicht ist es ja auch ganz reizvoll, mal einen Bericht von einem „Laien“ zu lesen. Ganz unbewandert bin ich aber auch nicht, ich kann den Auftritt der Südafrikaner im fernen Haldern auf mein virtuelles Konzert-Konto verbuchen. Und als sie für FM4 im Rahmen eines exklusiven Überraschungskonzerts das Radiokulturhaus bespielt haben, war ich zumindest per Videostream dabei.

So hatte ich schon eine recht gut Vorstellung von dem, was mich erwarten würde, als ich mich auf den Weg zum Wiener Chelsea machte, einem Indie-Schuppen am Gürtel, der wochenends immer grausam überfüllt ist. Dass es an diesem Abend etwas gemütlicher zugehen würde, stand aber außer Zweifel. Da fährt die Eisenbahn drüber, wie man so schön sagt, nur dass es in diesem Fall die U-Bahn ist, liegt das Chelsea doch in einem der U-Bahn-Bögen der U6-Hochtrasse. So kann es leicht mal sein, dass ruhigere Momente eines Konzerts vom Rumpeln der Waggons direkt über den Köpfen der Musiker etwas verfremdet werden. Meist führt so ein „Zwischenfall“ bei der jeweiligen Band aber nur zu einem leichten Schmunzeln und besonders gut gelaunte Bands, zu denen Dear Reader auf jeden Fall gezählt werden müssen, haben ihren Spaß an diesen Einlagen.

Kurz vor zehn, die U-Bahn fährt jetzt nur mehr im 6-Minuten-Takt, schlängeln sich Dear Reader durchs Publikum, einen Backstageraum gibt es im Chelsea nicht. Zu fünft standen Dear Reader schließlich auf der Bühne, unter ihnen auch Brent Knopf, der Produzent von Dear Reader und Kopf von Menomena, der mit dem Vierer aus Johannesburg als Ramona Falls den Hauptact im Chelsea geben sollte. Doch dazu später, denn Dear Reader fangen ohne große Umschweife und salbungsvolle Ansprachen an und geben Never Goes zum Besten, ein Song über Einsamkeit mit allem Drum und Dran, dass eine heutige Indie-Band im Normalfall im Repertoire hat: Streicher, zartes Geklimper am Keyboard, etwas Chorgesang und – je nach Abend und Auftritt – auch hübsches Gepfeife.

Nun stellten sich Dear Reader vor, sie würden sich freuen, wieder „back again“ zu sein, sagte Cherilyn und gewinnendere Lächeln als die, mit denen sie ihre phasenweise auftretene Schüchternheit zu überspielen versucht gibt es einfach nicht. Nach sympathischeren Menschen als es alle fünf, die da auf der kleinen erhöhten Fläche gedrängt stehen, kann man lange suchen. Die bedingungslos ausgelebte Liebenswürdigkeit, für die man etwas übrig haben muss, ist Programm. Das zeigt sich an der höflichen Anrede (lieber Leser, liebes Herz etc.), genauso wie an der Interaktion mit dem Publikum. Und diese ist natürlich um einiges besser als am Haldern. Je kleiner der Rahmen, in dem das Konzert statt findet, desto besser, meine ich. Und dass zwischen dem frühen Nachmittag und dem späten Abend natürlich ein großer, ein existenzieller Unterschied ist, ist auch unbestritten.

Das angesprochene „liebe Herz“ (also auf Deutsch klingt das nicht sehr schön...) wurde dann in Dearheart behandelt, gleich darauf folgte mit Bend mein erster persönlicher Höhepunkt: „If you do not bend, you will eventually break.“ Bei den in diesem Song vorkommenden Back-Vocals (bap bap bap) tat sich Brent Knopf erstmals hervor. Die Arme auf dem Rücken verschränkt und leicht vornüber gebeugt, wippte er leicht mit dem Kopf hin und her und konzentrierte sich mit geschlossenen Augen auf seinen nicht allzu einprägsamen Text. Ganz brav wirkte er hier, doch man merkte, dass man hier einen ausgemachten Schelm vor sich hatte. Diesen sollte man aber erst beim Auftritt von Ramona Falls bewundern dürfen, das Dear Reader-Set ging mit What We Wanted weiter. Ein Zuschauer ließ sich zur Aussage „What we wanted, is Dear Reader!“, woraufhin sich eine hübsche kleine Konversation dieses Mannes mit Cherilyn entwickelte. Einer der besten Aspekte an Dear Reader ist ja das akzent- und slangfreie Englisch, das jeder, der mit ein paar Jahren Schulenglisch ausgestattet durch die Welt geht, sowohl Songs, als auch Ansagen auf Konzerten problemlos versteht. Jeder, der auch nur einmal eine schottische Band gesehen bzw. gehört hat, weiß was er an den Südafrikanern phonetisch hat. Fran von Travis und die Glasgower Mogwai sind nur die Speerspitze einer Nation von Brabblern und Brummlern. Aber das soll jetzt keine Verunglimpfung der Schotten werden, zu sehr mag ich die zwei eben erwähnten Bands, sondern vielmehr will ich meiner Freude über die Schönheit des simplen Standardenglisch der Südafrikaner Ausdruck verleihen. Dieses ihr Heimatland thematisierten Dear Reader dann auch in The Same. Out Out Out kündigte Brent mit den Worten an, es sei wieder Zeit für den Rock´n´Roll-Song. Es ist wohl nicht notwendig, hinzuzufügen, wie ironisch er dabei zu seinen Bandkollegen grinste und welch Gelächter er damit erntete. Dear Reader haben mit der rohen Spielweise der Gitarrenmusik einfach wenig am Hut und überhaupt sind sie viel zu freundlich, um auf der Bühne herumzuwüten. Dieses Feld dürfen andere getrost beackern.

Darryl überließ glücklichweise auch das Feld des 80er-Trashs, das er ja in Marburg gründlich bestellt zu haben scheint, den Dorfdiscos und war generell sehr unauffällig.

Mit Heavy folgte der einzige unveröffentlichte Song dieses Abends und mit Release Me und dem Great White Bear zehn wunderschöne Minuten, die das Ende des eigentlichen Sets darstellten. Auch die Geschichte mit dem Eisbär, der für die Wärmebildkamera unsichtbar ist gab Cherilyn zum Besten. Sehr groß war der Applaus dannach und so gab man noch ein Stück zu, welches aus der Zeit, in der Dear Reader noch Harris Tweed hießen, stammte: Better Than This.

Setlist Dear Reader, Chelsea, Wien:

01: Never Goes
02: Dearheart
03: Bend
04: What We Wanted
05: Way Of The World
06: The Same
07: Out Out Out
08: Heavy
09: Release Me
10: Great White Bear

11: Better Than This (Z)

Nach ganz kurzer Umbauphase, die eigentlich nur darin bestand, dass ein Laptop fachgerecht verkabelt wurde, standen dieselben Musiker wieder auf der Bühne. Glücklicherweise sind die Wiener keine Freiburger, sondern wohl eher Menschen vom Schlag des Mittelhessen, um Christoph zu zitieren, das Publikum wusste, was es erwarten darf. Und tatsächlich gab es fast genauso viele Besucher, die wegen Ramona Falls ins Chelsea gekommen waren, wie für Dear Reader. Ich war wohl eher für Dear Reader gekommen und Ramona Falls kannte ich nicht so gut. Was ich dann allerdings von dieser „Supergroup“ (ein absurder Fachbegriff, der zurzeit so inflationär verwendet wird, dass ich diesen auch mal schreiben will) geboten bekomme, begeisterte mich schwer. Freilich kannte ich das Album, aber die Live-Umsetzung war fast noch besser. Für Erheiterung hatte anfangs noch die verblüffende optische Ähnlichkeit Brent Knopfs mit dem österreichischen Stürmer Marc Janko gesorgt, doch von dessen leicht arroganter Art besitzt Brent zum Glück nichts. Vielmehr punket er mit Humor und seiner wahrlich perfekten Stimme, die nicht nur bestens verständlich und klar artikuliert ist, sondern auch sehr angenehm anzuhören. Die musikalische Unterstützung durch seine Freunde von Dear Reader ist ebenfalls absolut wunderbar und dafür, dass sie offenbar tatsächlich erst seit ganz kurzer Zeit zusammen performen, eine Sensation...Die Setlist ähnelt sehr ihrer Kollegin aus Marburg, genau habe ich sie leider nicht notiert. Als Brent jedenfalls ziemlich in der Mitte des Sets Russia ankündigte, fing ein stämmiger Mann direkt neben mir in einer osteuropäischen Sprache – wohl russisch - zu schreien an. Den Grund dafür erfuhren wir leider nicht, denn von Brent freundlich gefragt, ob er aus Russland sei, verstummte er einfach und schwieg. Zu schade, wirklich!

Ramona Falls ließen sich von diesem interessanten Zwischenfall nicht irritieren und überzeugten auch die restlichen 20, 30 Minuten von der Güte ihres Materials, die erstklassig ist.

Interessant ist auch Brents Körpersprache während der gesamten Dauer „seines“ Auftritts. Unaufhörlich versuchte er, seine Augäpfel so zu verdrehen, dass nur mehr das Weiße sichtbar war, was auch mehrmals gelang. Ganz gesund kann das nicht sein, aber spaßig war das allemal. Ob das wohl einen tiefergründigen Sinn hatte? Das, dear reader, müssen Sie wohl selbst beantworten. Ich halte hiermit noch fest, dass dieser achte Oktober ein unglaublich unterhaltsamer Abend war und an den musikalischen Qualitäten der „eineinhalb“ Bands absolut nichts auszusetzen war. Sowohl Ramona Falls als auch Dear Reader haben unglaubliches Potenzial und so freuen wir uns einfach mal auf deren nächste Veröffentlichungen bzw. Konzerte, währenddesssen werde ich mal einen Slawistik-Experten konsultieren.





 

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