Sonntag, 6. Mai 2012

Tu Fawning, Berlin, 05.05.12


Konzert: Tu Fawning
Ort: Hebbel am Ufer (HAU 2), Berlin
Datum: 05.05.2012
Zuschauer: zwischen 200 und 300
Konzertdauer: 60 Minuten


von Markus aus Berlin

Samstagabend – ein sehr kalter Wind bläst durch die Hauptstadt – dazu noch leichter Nieselregen. Kein Vergnügen, bei dem Wetter aus dem Haus zu gehen. Gelockt haben mich Tu Fawning, die ihre neue CD vorstellen möchten. Ein etwas ungewöhnlicher Veranstaltungsort – das Hebbel am Ufer (HAU 2) – wurde dazu auserwählt. So mache ich mich auf den Weg nach Kreuzberg.

Dort angekommen trennen mich nur noch ein paar Treppenstufen und die Umbauzeit vom Betreten des Konzertraumes. Im Vorraum tummeln sich schon viele andere Musikliebhaber – und viele verschiedene Sprachen durchmischen sich. Ich würde den Anteil ausländischer Gäste auf sicherlich 30 bis 40 Prozent schätzen. Der Konzertraum selbst ist unspektakulär. Eine recht große Bühne und mehrere langgezogene Stufen bis zum Ende des Saals. Vor der Bühne gibt es noch eine
Freifläche. Als „Vorband“ ist The Caretaker angekündigt. Ich habe mich darüber im Vorfeld nicht weitergehend informiert. Das war vielleicht auch besser so, denn sonst wäre ich erst deutlich später zum Konzert erschienen.

Das was von James Kirby – alias The Caretaker –
dargeboten wurde, beschränkte sich auf die Projektion eines Videokunstfilms untermalt mit Elektro-Audiomüll. Ach – ich sollte nicht unterschlagen, dass sich Herr Kirby auf den Boden vor den Tisch mit dem Laptop hinsetzte und sich langsam mit Alkohol abfüllte. Dazu sang er in der einstündigen Videopräsentation drei Stücke Playback. Das Highlight war wohl am Ende die Liveversion von Robbie Williams Stück Angels. Ich kann so eine Vorführung locker 15 bis 30 Minuten recht regungslos und kommentarlos über mich ergehen lassen – aber eine geschlagene Stunde war eindeutig zu viel für mein Gemüt. Gott sei Dank hatte ich Ohrstöpsel dabei und konnte die Zeit anderweitig nutzen. Vielleicht bin ich auch nicht Kunststudent genug, um solche Darbietungen wirklich schätzen zu können.

Wie man das Bohren beim Zahnarzt ohne Betäubung aussitzen kann, so habe ich auch auch diese Stunde irgendwie ausgehalten und währenddessen von blühenden Landschaften und glücklichen Menschen geträumt.


Nach einer erneuten Umbauphase, kamen endlich Tu Fawning auf die Bühne. Die vier Musiker haben sich einen Abend zuvor in Leipzig warmgespielt und begannen ihr Set mit I’m Gone – eines meiner Lieblingslieder der 2008er-EP. Ein Stück, was bei der Darbietung sofort deutlichst machte, wohin der Hase an diesem Abend laufen sollte. Volle Aufmerksamkeit auf die sehr lebendigen Musiker. Was ich beim Anhören der CDs nicht geahnt hätte, ist, dass die Bühnenpräsenz der Band so stark ist. Es wird mit Leidenschaft, viel Kraft und Energie die Musik aus den Instrumenten und den Kehlen herausgeschunden. Corinna Repps Stimme ist die Idealbesetzung rund um die von Joe Haege erdachten Lieder. Komplettiert werden Tu Fawning durch Toussaint Perrault und Liza Rietz. Alle vier Musiker stammen aus ganz unterschiedlichen Musikstilen, und genau das macht die Musik aus – sie bringen viel zusammen, und es entsteht eine kaum zu bändigende Energie. Diese Energie wird auf der Bühne besonders spürbar. Sowohl Joe Haege als auch Corinna Repp geben im Wechsel dem Schlagzeug ihre volle Kraft. Selten war ich so gefesselt von der Wucht des Auftritts wie bei Tu Fawning.

Schon als drittes Lied wird Anchor, die aktuelle Singleauskopplung, gespielt. Fantastisch. Bei The Felt Sense wird wie selbstverständlich auf Kuhglocken geschlagen. Ganz groß auch Wager, das trotz der ganzen Brüche einen Kreis um alles geschlossen hat.
Das ist das, was für mich die Musik von Tu Fawning ausmacht. Düster-schön war das ruhige To Break Into bei dem ich noch am ehesten die nachgesagte Nähe zu Portishead erkennen würde. Nach dem starken Bones wird der Abend mit Sad Story als einzige Zugabe beendet. Mein persönlicher Favorit des Abends. Wunderschöner Moment des Konzerts war, als Toussaint Perraul bei Sad Story die Bühne verließ, um mit seiner Posaune mitten im Publikum aufzutauchen und dort lautstark auf sich aufmerksam zu machen.

Statt sich mit dem neuen Album dem Mainstream und dem damit verbundenen finanziellen Erfolg anzubiedern, ist es schön, dass sich Tu Fawning auf dem Album und auch auf dem Konzert ihre Komplexität und ihre Unberechenbarkeit erhalten haben. Nein – viel mehr sogar: Sie machen die Musik, die sie wollen, und spielen sie so, wie sie sind. Chaotisch, gruselig und eine melancholische Leichtigkeit, die für mich ihresgleichen sucht.

So – nun kommen wir zum Abschluss noch zum Wermutstropfen. Die Akustik des Saales war nicht sonderlich gut. Es hallte und verzerrte. Das will ich der Band nicht anlasten, deswegen will ich das an dieser Stelle auch nicht unnötig auswalzen. Ich würde mir für ein nächstes Konzert einen geeigneteren Veranstaltungsort wünschen: einer, der den hochkarätigen Musikern gerechter werden würde.

Aktuelle Tourdaten (Auszüge)
:

15.05.12 Dortmund, FZW
16.05.12 Paris, Le Petit Bain
19.05.12 Mannheim, Maifield Derby
20.05.12 München, Feierwerk
21.05.12 Wien, Chelsea
27.05.12 Frankfurt, Zoom
31.05.12 Hamburg, Kampnagel


Setlist, Tu Fawning, Berlin:


01: I´m Gone
02: Camera
03: The Felt Sense
04: Blood Stains
05: Wager
06: To Break Into
07: I Know You Know
08: Bones

09: Sad Story (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Tu Fawning, Köln, 21.07.11
- Tu Fawning, Duisburg, 08.03.11
- Tu Fawning, Paris, 19.02.11






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