Samstag, 12. Mai 2012

The Rustle Of The Stars, Paris, 9 & 10.05.12


Konzert: The Rustle Of The Stars

Orte: Espace B und eine Dachterrasse irgendwo in Paris
Daten: 9 & 10.05.12

Zuschauer: etwa 45 im Espace B; 12 ohne die Musiker und ohne uns auf der Terrasse




Der 10. Mai 2012. Ein Tag an dem alles zusammenpasste. Wir hatten wirklich Schwein. Die Götter des Himmels waren mit uns.

Dabei gab es im Vorfeld so einige potentielle Stolpersteine.

Das Wetter war hier in erster Linie zu nennen. In den ersten Maitagen war es so kühl und regnerisch, daß das Ausrichten eines Terrassen-Konzertes als sehr kühnes Vorhaben erschien. Noch drei Tage vorher froren wir draußen bei recht ungemütlichen 17 Grad und am 9. Mai hatte es vormittags in Strömem geregnet. Am 10. dann aber jede Menge Sonne und Temperaturen bis 25 Grad. Nur windig war es, aber damit konnte man leben, schließlich tat auch die frische Brise gut und kühlte unsere überhitzten Köpfe ab.


Fatal hätte auch mein grippaler Infekt werden können. Noch am Dienstag fühlte ich mich hundeelend, wollte fast schon alles absagen, schaffte es aber die Geschichte mit Paracetamol en masse in den Griff zu kriegen. Am Donnerstag war ich dann wieder relativ fit und zu allen Schandtaten bereit.

Dritter potentieller Stolperstein waren die Nachbarn. Die Leute unter uns gelten als konservativ, lärmempfindlich und wenig feierfreudig. Sie musste ich auf meine Seite ziehen. Ich traf sie am Vortag des Konzertes zufällig im Aufzug, traute mich aber nicht, sie über mein Vorhaben zu unterrichten. Ich verfasste für sie daraufhin einen handgeschriebenen Brief und legte ihn noch in der Nacht unter ihre Tür. Sie waren eingeladen, kamen aber am 10 Mai nicht vorbei.


Dafür standen aber die Künstler pünktlich um 3 auf der Matte und das war ja das Wichtigste. Eine halbe Stunde später kam auch der exquiste Videofilmer Renaud vom berühmten Cargo angeschlurft, so daß sichergestellt war, daß die Bilder dieses aufregenden Nachmittages in die Welt transportiert werden.


Publikum hatte ich nicht viel eingeladen. Nur etwa ein Dutzend Leute hatten wir anvisiert und so viele kamen dann in etwa auch. Die nachmittägliche Stunde, 17 Uhr, hatte ohnehin die arbeitende Bevölkerung darin gehindert, zu erscheinen. Das war aber keine Schikane, sondern es ging uns darum, die Reaktion der Nachbarn zu testen und ganz ganz sanft in dieses neue Session- Abenteuer einzusteigen, frühes Beenden inklusive. Ursprünglich dachte ich sogar an eine Videosession ganz ohne Publikum, nur um zu sehen, wie viel Lautstärke die Musik selbst (ohne das laute Geplauder der Leute vor oder hinterher) auf dem Dach produzieren würde. Letztlich verlief der Test absolut erfolgreich, Beschwerden seitens der Nachbarn gab es bisher keine und wir haben uns auch absolut zivil und rücksichtsvoll verhalten, so daß mit Problemen nicht zu rechnen sein dürfte.


Dabei konnte die prinzipiell enorm subtile und fragile Musik von The Rustle Of The Stars durchaus auch mal deutlich lauter werden. Wenn Richard Knox und Frédéric D. Oberland, die beiden Männer und Gründer des gemischten Quartetts, ihre verzerrten Gitarrenriffs in den blauen, nur von ein paar weißen Wölkchen durchmischten Himmel entsendeten, wurden sicherlich phasenweise bis zu 9o Dezibel erreicht. Dafür sorgten zwei große Verstärker, die wir am Mittag auf die Terrasse gewuchtet hatten. Meistens aber blieb der große Sturm aus. Zwar wurde eine knisternde Spannung aufgebaut, aber ein Entladen, wir wir das bei klassischen Postrock-Acts kennen, gab es bei The Rustle Of The Stars nicht. Das ist bei Frédérics deutlich rockigerem Projekt Farewell Poetry ganz anders. Da jaulen am Ende wirklich die Gitarren, explodiert das Schlagzeug, werden Trommelfelle aufs Äußerste getestet.


Subtilität statt Noise ist bei The Rustle Of The Stars das Stichwort. Viele feine Details sorgen für den unbeschreiblich schönen Sound, machen ihn so anziehend, prickelnd und charmant.

Da wäre zum einen natürlich die Harfe von Lidwine zu nennen, einem von zwei Girls in The Rustle Of The Stars. Wie sie die einsetzte, das war schon was. Anstatt klassisch und flüssig zu spielen, riss sie die Saiten oft nur kurz an, oder bearbeitete sogar nur das Holz, um Schwingungen zu erzielen. Aber auch am Harmonium machte das zierliche Persönchen eine gute Figur und als ihr hoher, langgezogener Geang ertönte (eine absolute Ausnahme bei diesem Beinahe- Instrumentalkonzert), stellten sich meine Nackenhaare auf und die Tauben auf den Dächern wurden aufmerksam.


Und zum anderen muss auch unbedingt die Geige von Elaine Reynolds erwähnt werden. Taumhaft schön, wie die Blondine aus Manchester diese strich und himmlische Klänge in den Kosmos über Paris entgleiten ließ.


Die Männer hingegen beschränkten sich auf die atmosphärischen Gitarrentöne. Um einen verzerrten Sound hinzubekommen, benutzte der Brite Richard Knox sogar einmal einen kleinen, feinen Schraubenzieher. Frédéric für seinen Teil ließ auch in ein paar Szenen seine Elektrische auf dem Boden liegen, packte sich zwei Geigenbogen und strich durch ein Glockenspiel. Spitze, langgezogene, sehr mysteriöse Töne waren die Folge und nicht nur deshalb konnte man oft an einen Soundtrack für einen Horrorfilm oder Psychothriller denken. Er liebt eben das Kino, das Schwarze, das Obskure. Nie aber wurde die Romatik vernächlässigt. Richard und Frédéric teilen die Vorliebe für einen düsteren, melodramatischen Sound, werden dabei aber nicht zu schwülstig oder anbiedernd. Das Album ist gedacht als musikalische Untermalung für eine Reise durch die Arktis und ihr ewiges Eis. Sie selbst sagen im Booklet:


"We would like to think of this album as a polar journey to the ends of the earth through the arctic sea. We kept in mind the first polar expeditions, Edgar Allan Poe's Dream-Land, the ships trapped or crushed by ice, the point of no-return, the minds sinking, the attempt on the Pole ending in disaster, the quest of the Northwest Passage, Erebus & Terror, the Mercy Bay, Mangazeya, Charles Francis Hall, Beechey Island, the Midnight sun and the Polar night."


Klingt gut was? Aber unabhängig davon, was sich die beiden Macher des Projekts dabei gedacht haben, ein Genuß für alle Sinne war garantiert. Wir schwelgten zu dem melancholischen Schwebesound wie die Weltmeister (auch ohne dabei an an das ewige Eis zu denken), guckten verzückt den Musikern zu und erlebten intensive 40 Minuten, die wir sicherlich so schnell nicht vergessen werden.

The Rustle Of The Stars hatten 5 zum Teil ellenlange Lieder zum Besten geben und damit das Album in großen Teilen durchgespielt.* Wer am Vortag bei ihrem hervorragenden Konzert im Espace B zugegen war, bekam sogar einen Song mehr spendiert. Dort hatte die Band auch ein Fender Rhodes und ein Becken dabei, Instrumente die heute aus praktischen Gründen zu Hause bleiben mussten.


Amüsant: die Musiker nutzten bei uns das Glockengeläut einer nahegelegenen Kirche aus und begannen genau mit dem Gongschlag. Pssenderweise spielte Lidwine zunächst Glöckchen, fast wie bei einem Gottesdienst. Nur der Weihrauch fehlte! Wahrlich eine göttliche Session. Wir waren an jenem 10. Mai 2012 dem Himmel sehr nah, in jeder Hinsicht!

* Setlist folgt.



2 Kommentare :

gudrun.thaeter hat gesagt…

Das freut mich ja wirklich sehr zu lesen, dass die tolle Terasse eine gute Feuertaufe erlebt hat! Dass ich dank des Videos vielleicht auch Teile davon nacherleben darf, finde ich besonders toll.

Oliver Peel hat gesagt…

Lieben Dank, Gudrun! Ich hoffe, daß Le Cargo das Video schnell veröffentlichen wird, ich kann es kaum erwarten!

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates