Samstag, 10. Oktober 2009

Patrick Wolf, Wien, 05.10.09

Konzert: Patrick Wolf
Ort: WUK, Wien
Datum: 05.10.2009


von Julius aus Wien

Welchen Stellenwert Patrick Wolfs Konzert zu Wien in der österreichischen Indieszene hatte, zeigte sich mir allein daran, dass zwei Freundinnen aus dem fernen Kärnten, die nur zu den ganz wichtigen Konzertterminen in den Norden pilgern, weder Kosten noch Mühen gescheut haben, um im WUK dabei zu sein. Dass sich ihre weite Anreise voll bezahlt machen sollte, sei hier gleich vorweg genommen. Weiter geht es aber nun wieder halbwegs getreu mit der konservativen Methode namens „Chronologie“.

Fast etwas zu genau nehmen die Deer Tracks das Gebot der Pünktlichkeit, überpünktlich stehen die drei Frauen auf der Bühne. Aber sind das wirklich drei Damen? Ganz links werkt ein Wesen an Keyboard und Synthesizer, dass sich während der ersten zehn Minuten ganz gut als langhaarige Schönheit macht, zu schnell lässt man sich von oberflächlichem wie Stöckelschuhen, wallendem, schwarzem Haar und perfektem Make-up täuschen. Schlussendlich entlarvt die lange, knochige Nase David Lehnberg als Transvestiten, ist man doch selbst mit einem derartigen Pinocchio-Teil gesegnet.

Gemeinsam mit Elin Lindfors, beide aus der schwedischen Provinz, zaubert er unter dem Namen „The Deer Tracks“ wunderbare Traummusik aus dem sprichwörtlichen Zylinder. Das dazugehörige weiße Kaninchen ist zusätzlich noch multiinstrumental bewandert, elektronisch versiert und hat eine exzellente Ausbildung der Harmonielehre genossen. Hitverdächtige Tracks wie „Yes This Is My Broken Shield“ oder „Slow Collision“ erinnern an bereits etablierte Klangtüftler wie die deutschen Notwist, den gesamten isländischen Musikerhaufen und an die wunderbaren Antlers, die hiermit allen schwer ans Herz gelegt seien. Einziges Problem wäre da die von Natur aus gegebene Unvereinbarkeit eines friedlichen Zusammenlebens von Wolf und Kaninchen? Weit gefehlt, hat doch Patrick Wolf (eigentlich Apps mit Nachnamen) seinen Supportact für die Tour zum neuen Album „The Bachelor“ selbst auserwählt. Viel zu kurz hat das putzig-flauschige Tierchen allerdings Auslauf, nach guten 20 Minuten war Schluss und der Klangteppich wurde eingerollt, ein Umstand, der wohl leider aus der unverständlich langen Umbauzeit (über einer halben Stunde, in der nur während der letzten fünf, sechs Minuten eingespielt wurde) resultierte.

Aber ich merke schon, dass das Niveau meiner Wortspiele ins Bodenlose abrutscht, wir gehen wohl besser gleich zum primären Programmpunkt dieses Abends über, zu jenem Londoner Herren, der, wie mittlerweile ausreichend erwähnt sein sollte, den Künstlernamen Wolf trägt. Als Paradiesvogel, exzentrische Diva und begnadeter Selbstdarsteller, aber auch als jähzorniger und eigensinniger Bühnenmensch bekannt, sind die Erwartungen verständlicherweise hoch, man verspricht sich nicht nur einen musikalisch den Alben entsprechenden, ergo großartigen Auftritt, sondern auch eine ordentliche Portion Charakter.
Dieser wurde auch nicht zu knapp aufgetischt, los gings aber ganz konventionell: Nachdem der Reihe nach die ganze Band vom Backstageraum, der im WUK nicht hinter, sondern über der Bühne zu finden ist, hinunter geklettert ist und sich warm gespielt hat, schritt auch der große Star des Abends erhaben hinab, bekleidet mit allerlei merkwürdigem Textil, das sich zum Großteil recht schnell von seinem Träger verabschieden sollte. So erzählt dieser auch ganz gern von seinen früheren Besuchen in Stripclubs als Inspirationsquelle, ganz so weit ging er aber bei seinem Konzert nicht, da hat er wohl entweder seine gute Kinderstube (?) berücksichtigt oder Rücksicht auf das teilweise recht junge, speziell weibliche (welch Überraschung) Publikum genommen. Ok, langer Satz, jetzt kommt die wichtige Information: die Achselbehaarung war der intimste Körperbereich, der zur öffentlichen Begutachtung gelangte. Etwas schamhaft ob des gewaltigen (Lach-)Erfolges seiner Entblößung rechtfertigt er sich dann etwas unbeholfen: „When I’m excited, I want to be naked.“ Wie gut, dass das jetzt keineswegs zweideutig aufgefasst werden konnte!

Die Setlist ließ ebenfalls keine Wünsche offen, war anfangs aber noch nicht wirklich außergewöhnlich. Das scheint sich auch Patrick Wolf gedacht zu haben,
denn plötzlich stimmte er auf seinem viersaitigen Streichinstrument, umgangssprachlich Geige genannt, unter Kennern auch unter Violine bekannt, den Inbegriff aller Wienerlieder an: „O du lieber Augustin!“ Von da an herrschte unter den sonst für ihre unterkühlte Art bekannten Hauptstädtern grenzenloser Jubel bis zum Ende. Jaja, dem gemeinen Wiener reicht ein perfektes Konzert offensichtlich nicht, da muss schon ein wenig die Patriotismuskeule geschwungen werden. Denn diese kam, da sie nun einmal schon gezogen war, noch öfter zum Einsatz. Hübsche Anekdoten aus der Zeit, als er (u.a. mit den Wiener Philharmonikern) sein bislang vorletztes Album „The Magic Position“ aufnahm. Bei einem durch und durch lebensfreudigen Menschen, wie es Patrick Wolf zweifelsohne ist, dürfen da natürlich auch die Oden an den Glühwein im Schneetreiben nicht fehlen. Doch da Patrick Wolf nun mal Patrick Wolf ist und nicht etwa Tomte ist erheblich mehr Zeit für Songs als für Ansagen vorgesehen – was man von der Hamburger Schule ja generell nicht behaupten kann...

Der Bachelor spielte sich jedenfalls durch ein ganz bezauberndes Set mit mehreren Kostümwechseln, einem eindeutigen Hang zur Pose und zum Narzissmus und viel geäußerter Zuneigung gegenüber seinen Fans.
In dieser Hinsicht ähnelt Patrick Wolf sehr einer anderen Pop-Größe – dem wunderbaren Altherren Morrissey. Besonders wenn er seinen Verehrerinnen in der ersten Reihe über das Haupt streicht, dem Publikum dann wieder gänzlich den Rücken zukehrt und schließlich seinen Oberkörper freimacht glaubt man, einen etwas modischer veranlagten Mozzer vor sich zu haben. Und schließlich tragen ja beide den selben Vornamen.

Als es dann an der Zeit ist, Abschied zu nehmen, lässt sich der Patrick dieses Abends noch zu einer Ansage hinreißen, die man getrost als über das Durchschnittsmaß an Publikumsbeweihräucherung hinausgehend ansehen kann: Er, der Mensch mit klassischer Musikausbildung und einer Schwäche für Vivaldi und Bach, liebe Wien, es sei die Welthaupstadt der Musik und wir alle sollen unsere einzigartige Kultur bewahren, denn sie sein alles was wir haben.

Auch wenn ich ihm hier nicht vollends zustimmen kann wirkte alles, was aus seinem Mund kam, absolut ernst gemeint und teilweise richtig rührend. Dass er aber trotz allem noch ein Insulaner ist machte ein in edlem schwarz-weiß gehaltenes Streifenkostüm klar, dessen Streifen über der Taille in einem Union Jack zusammenliefen. Gäbe es diesen Umstand nicht, Wien würde Patrick Wolf für diesen unvergesslichen Abend sofort einbürgern. Als schönes Schlusswort eignen sich hier ein paar Zeilen der „Wiener Zeitung“, dem hauseigenen Blatt der Republik Österreich, ein normalerweise emotionsloses Wirtschafts- und Verlautbarungsdruckwerk: „Dass der klassisch geschulte Musiker, auf dessen Konto bereits vier Alben verbucht sind, seinem Publikum reichlich Honig ums Maul schmiert, wird zwar naturgemäß mit viel Jubel bedacht. Nötig gewesen wäre das aber nicht – der in jeder Hinsicht als Heimspiel zu bezeichnende Auftritt wäre ohnehin zum Triumph geraten.“Who Will?

Setlist Patrick Wolf, WUK, Wien:

01: Bluebells

02: Wolf Song
03: Damaris
04: Tristan
05: O du lieber Augustin!
06: The Bachelor
07: The Sun Is Often Out
08: Paris
09: Count Of Casuality
10: Battle
11: Bloodbeat
12: Theseus
13: Hard Times
14: The Magic Position

15: Kriegspiel (Z)

16: Stars (Z)
17: Vulture (Z)

Fotos: Oliver Peel. Aufgenommen beim Festival Rock en Seine 2009.

Links:

- aus unserem Archiv:
- Patrick Wolf, Paris, 30.08.09
- Patrick Wolf, Köln, 21.04.07





1 Kommentare :

carla hat gesagt…

Ich liebe die Konzerte von Patrick Wolf. Toller Bericht.

 

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