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Mittwoch, 26. August 2015

The Bronze Medal, Haldern, 15.08.15

2 Kommentare

Konzert: The Bronze Medal
Ort: Haldern-Pop Festival
Datum: 15.08.2015



von Dirk aus Mönchengladbach

Gebucht fürs Haldern Pop mit einem Gig in der Popbar. Dann ein Aufschrei im Forum des Festivals, alle wollten die Band zwingend in einer "größeren" Location sehen, versprach doch das Debütalbum Darlings bald den Durchbruch zu schaffen. Und so wurde noch ein Platz im engen Zeitplan des Spiegelzelts gefunden um dies zu ermöglichen. 

Der Gig in der Pop Bar wurde beibehalten, und so spielte die Band wie schon am Tag zuvor die junge Soak zwei Konzerte innerhalb weniger Stunden. Da die Bar schon lange vor Beginn wegen Überfüllung geschlossen war, konzentrierte ich mich auf das Konzert im Zelt. 

Was sich dort bot, war leider kein Grund zum Jubeln. Die Band aus Bath/England wusste leider an diesem Tag so gar nichts mit sich und dem Publikum anzufangen. Sehr konzentriert und bemüht kamen die ersten Songs daher. Viel auffallender als auf Platte war, dass hier wirklich drei !! Männer gleichzeitig versuchen, so zu singen wie Matt Berninger von The National. Nur dass keiner der drei auch nur die Spur von Charisma zeigte. Dazu kamen lange Pausen zum Stimmen der Instrumente, die mit schrecklich banalen Publikumsansagen überbrückt wurden. 

Irgendwas lief hier komplett falsch, zu ergründen war es leider nicht. Hätte die Band ehrlich über Jetlag, miesen Sound oder ähnliche Probleme gesprochen, keiner wäre böse gewesen. So aber wurde die Stimmung immer schlechter. Weder vor noch auf der Bühne schien jemand noch Lust an der Show zu haben. So verklangen die schönsten Lieder der Platte wie Milk und From the stairs, bevor mit No Hospitals das Ende nahte. 

Zugabe-Rufe blieben aus, und die Band verschwand aus dem Zelt so leise wie sie gekommen war. Da andere Konzerte schon wesentlich besser besprochen wurden, gehe ich einfach von einem rabenschwarzen Tag aus. Wer getragenen, melodischen Indierock mag, der sich erst nach mehrmaligen Hören voll entfaltet und/oder The National mag, kommt um die CD von The Bronze Medal dieses Jahr sowieso nicht herum. 

 


Montag, 24. August 2015

Savages, Haldern, 14.08.15

1 Kommentare

Konzert: Savages
Ort: Haldern-Pop Festival
Datum: 24.08.2015
Zuschauer: ca. 5.000



von Dirk aus Mönchengladbach

Der Zeitplan zum diesjährigen Festival kam spät. Und er hatte wie eigentlich immer in Haldern einige Überraschungen zu bieten. Die Savages zwischen Olli Schulz und Nils Frahm auftreten zu lassen, wird seine Gründe gehabt haben, verständlich war es zunächst nicht. So leerte sich nach "Everybodys Darling" Olli das Gelände auch erstmal zügig. Die meisten kehrten aber schnell mit einem frischen Bier zurück und bis zum Beginn der Savages war der Reitplatz wieder sehr gut gefüllt. 

Das Konzerttagebuch begleitet die Post-Punk Damenband der Savages ja von Anfang an, mir war vorab aber gar nicht klar, wie viele der Anwesenden überhaupt schon mit der Band Kontakt hatten. Einen Singlehit gab es auf Grund der ja doch härteren Gangart der Band ja noch nicht und das bisher einzige Album ist ja nun auch schon aus dem Jahr 2013. 

Daher war ich mir auch nicht sicher wie die Band die Energie der Clubauftritte vor ihren Fans auf der großen Hauptbühne entfalten wollte. Es kam anders. Ganz anders. 

Mittlerweile war es zum Glück dunkel geworden und Sängerin Jehnny Beth begrüßte die Anwesenden mit einer Art Kampfansage, die nicht jugendfrei war. Sofort beginnt die Band mit einem derart satten Sound das einem wirklich Hören und Sehen vergeht. Erst auf der großen Bühne hört man, wie gut die Rhythmusgruppe aus Bass und Schlagzeug funktioniert. Was in kleineren Clubs oft im Soundbrei untergeht, schallt nun in Perfektion aus den Boxen. Am liebsten würde man sowieso nur Schlagzeugerin Fay Milton zusehen, wie cool und lässig sie diesen Beat aus den Armen schüttelt. 

Überhaupt ist sie die einzige die mit ihrem weißen Top und dauerndem Lächeln gegen die sonstige Bandmaxime schwarz und grimmig verstößt. Ein toller Kontrast. 

Das alles überstrahlt aber noch die Performance von Sängerin Jehnny. Nach den ersten Songs hält sie nichts mehr auf der Bühne. Die schon bekannten High Heels darf einer der Stewards in Empfang nehmen und schon geht er los, der Tanz auf dem Wellenbrecher. Hin-und her balanciert sie vor der ersten Reihe, springt ins Publikum, wird wieder irgendwo ausgespuckt und weiter geht’s. 

Das ganze nicht ein- oder zweimal, eigentlich ist sie fast nur noch vor der Bühne aktiv, während im Hintergrund das Uhrwerk weiterläuft. Immer mit strengem Blick ins Nichts, die Haare sitzen immer noch und das Publikum tobt. Es werden viele neue Stücke an diesem Abend gespielt. Die Klassiker der Platte kommen erst ganz am Ende. 

Husbands und das wie immer in die Länge gezogene Fuckers bilden den krönenden Abschluss. Der Mantra artige Schlachtruf "Don`t let the fuckers get you down" schallte noch die ganze Nacht über den Campingplatz. 

Ein beeindruckendes Konzert einer Band, die hier auf ein dankbares Publikum traf. Vielen war der nachfolgende Abend mit Nils Frahm und Kiasmos dann doch zu speziell. Aber so ist das nun mal in Haldern. Savages konnten ihren Slot perfekt nutzen und haben bestimmt viele neue Fans gewonnen. 

Links:

- aus unserem Archiv:
-
Savages (& Bo Ningen), Utrecht, 22.11.14
- Savages, Köln, 20.11.13
- Savages, Den Haag, 16.11.13
- Savages, Larmer Tree Gardens, 30.08.13
- Savages, Frankfurt, 19.05.13
- Savages, Paris, 23.02.13



Mittwoch, 19. August 2015

Courtney Barnett, Haldern, 15.08.15

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Konzert: Courtney Barnett
Ort: Haldern-Pop Festival
Datum: 15.08.2015
Zuschauer: volles Spiegelzelt


von Dirk aus Mönchengladbach

Es ist genau 0:00 Uhr als Courtney Barnett pünktlich die alte Holzbühne im Spiegelzelt betritt. Eigentlich ein guter Zeitpunkt für was Neues, denke ich. Doch die Musik, die jetzt gleich aus den Boxen dröhnt, ist eigentlich alles andere als neu. 

Courtney Barnett hat ein tolles Album gemacht. Sie stammt aus Australien, ist 27 Jahre alt und hätte sie dieses Album in einer Zeit veröffentlicht, in der Indierock nicht völlig am Boden liegt, wäre sie vermutlich ein Star. So aber ist sie zur Zeit ziemlich alleine mit dem, was sie tut. Auf dem Haldern-Pop dieses Jahr könnte man höchstens noch die US-Amerikaner von The Districts dem Indierock zurechnen. Gerade deshalb ist das Zelt aber voll froher Erwartung. Erstens hat Courtney bisher nur sehr wenige Konzerte in Europa gespielt und zweitens: Gitarrenmusik live, das geht immer. 

Der Look beim ersten Eindruck ist schon mal klasse. Stilsicher in Doc`s, Röhrenjeans und Schlabberhemd. Dazu wuselige, schwarze Haare bis über die Schultern. Immer hat sie ein Lachen fürs Publikum und ihre kleine Band, bestehend aus Bass und Schlagzeug. Der Chef im Ring aber ist ganz klar Courtney selber. Immer wieder schauen die Musiker zu ihr, schon die ersten Songs bringen heftige Gitarrenriffs und unbändiges Spiel hervor. 

Courtney folgt im Aufbau ihrer Stücke einer kleinen Minderheit von Musikern. Sie hat meistens kein klassisches "Strophe, Refrain, Strophe" Konzept, sondern die Worte werden eher wie eine Erzählung verwendet, schwer das zu erklären. Manchmal gleicht es, obwohl es sich um eine völlig andere Art von Musik handelt, den Streets oder Sun Kill Moon. Beschrieben werden nämlich wie auch bei diesen beiden Musikern eher Alltagssituationen als ausgefeilte Storys oder Liebesgeschichten. 

Das macht die Texte aber in keinem Fall weniger interessant, im Gegenteil. Sätze wie: "Give me all your money, and I make some origami, honey" (um mal den bekanntesten zu nehmen) waren seit Donnerstag auf dem Festival immer wieder zu hören. Dieser Song Pedestrian at best wird am Ende den lauten Schlusspunkt setzen, und ein schweißnasses Publikum tanzend zurücklassen. 

Courtney schwankt also in den Texten zwischen diesen Alltäglichkeiten und bissiger Ironie, besonders wenn es um Trennungen oder Ex-Freunde geht.  

"My internal monologue is saturated analogue. It´s scratched and drifting, I`ve become attached to the idea it`s all a shifting dream bitter sweet philosophy. - Underworked and oversexed I must express my disintrest, the rats are back inside my head what would Freud have said ?" 

Sie spielt mit der Sprache und den Melodien. Wer würde Texte wie diesen in Songs vermuten, die daherkommen wie einfacher Rock. Aber selbst der ist toll, etwas staubiger und texanischer als auf Platte, aber wie sie die Gitarre und ihren Körper windet, für mich als Neil Young Fan ein großer Spass. Endlich jemand, der nicht jede Note seiner 10 Monate Arbeit im Studio genauso live reproduzieren möchte. 

Letzter großer Pluspunkt, Courtney hat Charme und Ausstrahlung. Alles in allem ein kurzer, aber perfekter Mitternachtssnack, den ich mir gerne im November in Köln nochmal in ganzer Länge ansehen werde. 

Setlist Courtney Barnett, Haldern-Pop Festival:

01: Elevator Operator 
02: Lance Jr 
03: An Illustration of Loneliness (Sleepless in New York) 
04: Small Poppies 
05: Dead Fox 
06: Depreston 
07: Nobody Really Cares If You Don't Go to the Party 
08: Avant Gardener 
09: History Eraser 
10: Pedestrian at Best

Links:

- aus unserem Archiv:
-
Courtney Barnett, Köln, 17.11.14
- Courtney Barnett, Barcelona, 31.05.14



Laura Marling, Haldern, 15.08.15

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Konzert: Laura Marling
Ort: Haldern-Pop Festival (Hauptbühne)
Datum: 15.08.2015
Zuschauer: nur etwa 1.500



von Dirk aus Mönchengladbach

Hein Fokker kündigt Laura Marling an. So könnte ein guter Witz beginnen und enden, denn obwohl Fokker vielleicht die bisher größere Lebensleistung der beiden vollbracht hat, ist der Anblick der beiden, die sich für einen Sekundenbruchteil auf der Bühne treffen, köstlich. Fokker wie immer im klassischen, zeltartigen Spongebob T-Shirt mit Neonshorts, Laura (selbst für eine Diva fast zu gut gekleidet) in einer Art beigen Kaschmir Lodenmantel incl. einem fünf Meter langem Schal. 

Dies deutet auf eine große Tour-Garderobe hin, hätte sie dieses Outfit zwei Stunden zuvor bei noch strahlendem Sonnenschein wohl noch nicht gewählt. Jetzt aber regnet es, eigentlich ist es eine Flut, die nicht enden will. An dieser Stelle sind bei Festivals Entertainer gefragt, die Hives kämen jetzt beim Publikum sicher super an, aber der Ablauf hat Laura Marling vorgesehen. 

Bisher war ich kein Fan, habe auch Konzerte ignoriert. Trotz großer Berichte in allen Magazinen. Der Funke sprang nicht über, zu reserviert die Person, zu kantig waren mir die Songs. Doch die neue Platte gefällt mir besser, Ironie findet Platz zwischen all dem Moll, mehr Gitarren sind zu hören und die Songs sind runder (poppiger). Das mag Puristen der ersten Stunde nicht gefallen, ich kann Short Movies als Album sehr empfehlen. 

Laura Marling wird sich während ihres einstündigen Auftritts nur einmal an das völlig durchgeweichte Publikum wenden, vor dem letzten Song. Auch ihre Band wird sie keines Blickes würdigen, eine Vorstellung der Musiker scheint völlig ausgeschlossen. Es werden nach fast jedem Song neue, sehr teuer aussehende Gitarren vom Bühnenrand gereicht. Lauras Bewegungsradius nach Betreten der Bühne liegt bei höchstens einem Meter. Das Konzert beginnt mit einem ca. zehn Minuten langen Stück. 

Klingt langweilig, arrogant und untragbar für eine junge Künstlerin die zur besten Zeit auf der Hauptbühne spielen darf ? Ja, klar, aber dafür mag ich die Hives nicht. 

Laura Marling ist eine Songwriterin im besten Sinne. Die Songs werden perfekt in ihrer „Schlichtheit“ vorgetragen, Bob Dylan oder Joni Mitchell springen auch nicht über die Bühne. Ihre Erzählweise ist die der großen amerikanischen Liedermacher(-innen). Es ist ein ernster, musikalisch aber hochwertiger Vortrag und das Set ist genau auf die zur Verfügung stehenden 60 Minuten ausgelotet. 

Leider bleibt wenig Platz für die neuen Stücke, evtl. folgt dies erst auf der nächsten eigenen Tournee. Hier war Laura Marling vielleicht auf Grund der äußeren Umstände am falschen Tag am falschen Ort. Das Lebenswerk hat die talentierte Künstlerin hoffentlich noch vor sich, nach fünf Soloalben und erst 25 Lebensjahren bleibt noch viel zu erwarten. 

PS: Selbst der Rockpalast hatte das Nachsehen. Gefilmt worden ist das Konzert als eines der wenigen auf der Hauptbühne nicht.


Montag, 17. August 2015

Soak, Haldern, 14.08.15

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Konzert: Soak
Ort: Kirche St. Georg & Spiegelzelt, Haldern-Pop Festival
Datum: 14.08.2015



von Dirk aus Mönchengladbach

Gibt es sie noch ? Die kommenden, großen Künstler, die es zu entdecken gilt, wenn sie noch in den Anfängen ihrer Karriere sind. Die noch auf der Suche sind, nach ihrem Stil und ihrer Ausdruckskraft. Ja, die gibt es. Und gerade beim Haldern-Pop gibt es sehr viele davon. Aber echte Kunst hat diesen Prozess gar nicht nötig. 

Große Kunst und echte Emotionen stehen sich oft im Weg, keiner macht dem anderen Platz und alles wirkt unecht. Aber ganz selten passt alles zusammen. 

Soak ist jung, sehr jung. Sie stammt aus Irland. In Haldern spielt sie zwei Konzerte in 5 Stunden. Es beginnt in der Kirche. Völlig alleine und erschreckend unprätentiös betritt sie im schwarz-weißen Schlabberpulli die Bühne. Was folgt ist ein für ungeübte Ohren spröder Vortrag in Sentimentalität an der Gitarre. Ein schweres Stück Arbeit, sich da hinein zu hören, kennt man nicht vorher schon das tolle Debüt-Album der Sängerin. 

Aber wer genauer hinschaut und hört, spürt diese Intensität, die Großes hoffen lässt. Soak spielt für sich, nicht für die Zuschauer. Die Augen oft geschlossen, klammert sie sich an ihre Gitarre und zieht und dehnt die Wörter zu Songs. Auch hier hätte man sich vorab gerne die Streicher dazu gewünscht, sind sie doch auf der CD eine Bereicherung, um den Sound zu schönen und abzurunden. 

Hier würden sie nur stören. Es sind die großen Themen aus ihrer Teenagerzeit über die sie singt, aber sie trägt sie vor wie einen stillen Abgesang. Und dann kommt der erste Song, die Zeile, die so an diesem Wochenende keiner hinbekommt. In B A nobody schmerzt sie das gezogene "C'mon C'mon" aus sich heraus, es ist ein Triumph, ein Lied für die Ewigkeit. 

Come on, come on 
Come on, come on 
Be just like me 
Come on, come on 
B a noBody 

Es folgt das fast genauso tolle Blud, Sea Creatures ist ebenfalls fantastisch und der Set endet mit Oh Brother. Ein kurzes, schüchternes Lachen, dann verschwindet sie im Kirchenschiff. 

Setlist Soak, Kirche St. Georg:

01: B A Nobody
02: Shuvals
03: Newie
04: Blud
05: Sea Creatures
06: Oh Brother

Am Nachmittag dann der Auftritt mit Band im Spiegelzelt. Zwei junge Musiker begleiten sie an Bass und Schlagzeug. Die Setlist fast identisch und doch ist es ein völlig anderes Konzert. Nicht schlechter, nur anders. Hier erinnert einfach nur mehr an ein klassisches Indie-Konzert, die besonderen Momente müssen sich durch den rockigeren Sound erst durcharbeiten. Daher ist dieser Part natürlich wesentlich eingängiger und lässt das Publikum begeistert zurück, zudem im letzten Song Oh Brother ein Feedback-Getöse das Ende vorwegnimmt. 

Soak könnte der stille Schrei einer neuen Generation werden. Die Frage ist, ob ihr jemand zuhört.

Setlist Soak, Spiegelzelt: 

01: Blud 
02: B A Nobody 
03: Hailstones 
04: Reckless 
05: Sea Creatures 
06: Oh Brother



Bear's Den, Haldern, 13.08.15

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Konzert: Bear's Den
Ort: Kirche St. Georg, Haldern (Haldern-Pop)
Datum: 13.08.2015
Zuschauer: volle Kirche




von Dirk aus Mönchengladbach

Seit langem gehört der Donnerstag zum festen Bestandteil des Festivals. Dieses Jahr gab es besondere Gründe für eine zeitige Anreise. Bei schönstem Sommerwetter sollten Bear's Den den Auftakt übernehmen, eine Band die natürlich auch locker auf der Hauptbühne bestanden hätte. 

Das Haldern-Pop Team gönnt sich und den Zuschauern seit einigen Jahren den Luxus einer Art "mobilen Einsatztruppe" im wirklich schönsten Sinne des Wortes. Diese besteht wahlweise aus einem Chor, einer Streichergruppe und Bläsern. Somit können Bands, die mit weniger Musikern unterwegs sind, hier aus dem vollen schöpfen. Eine überaus sinnvolle und tolle Idee, ist doch das Album von Bear's Den live perfekt dazu geeignet, den folkigen Stücken noch mehr Ausdruckskraft zu verleihen. 


Die Kirche platzt aus allen steinernen Nähten, als die Band die Bühne betritt. Zunächst werden ohne Begleitung vier Stücke vorgetragen, Magdalene bildet den Abschluss. Danach folgt für weitere drei Stücke das volle Orchester und die Band strahlt über beide Backen, wie sonst nur kleine Kinder, die sich an der Schaufensterscheibe des Spielzeugladens vor Weihnachten die Nasen plattdrücken. 

Mehrere Male wendet sich einer der Musiker nach hinten, um mitzubekommen, was dort gerade mit ihren Songs geschieht. Es sind diese Momente, die von den Machern immer wieder wie ein Mantra beschworen werden, die dort aber auch immer wieder gelingen. So schwer dies im täglichen Tourneestress für die Band und den Veranstalter zu stemmen sein mag. 

Danach ist der Bann endgültig gebrochen, die Band bedankt sich unzählige Male, auch das sie hier bereits vor zwei Jahren (damals fast völlig unbekannt) schon im Spiegelzelt spielen durfte. 

Mit Elysium geht das Konzert zunächst zu Ende, bevor sich die Band spontan noch zu einer ganz unverstärkt gespielten Zugabe (Bad Blood) im Mittelschiff der Kirche mit ihren Gitarren versammelt. 

Ein sehr starker Start ins Wochenende. Selten sah man so viele strahlende Gesichter beim verlassen einer Kirche, aber das ist ein anderes Thema. 

Links:

- aus unserem Archiv:
-
Bear's Den, Frankfurt, 16.04.13 
- Bear's Den, Brüssel, 04.04.13



Freitag, 15. August 2014

Haldern Pop Festival 3. Tag, 09.08.14

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Konzert: Haldern Pop Festival 3. Tag
Datum: 09.08.14
Ort: Alter Reitplatz, Haldern Pop Bar, Keusgen Tonstudio, Rees-Halderm
Konzertdauer: Konzerte von 12 Uhr bis 2 Uhr



Hatte nachts der auf das Zelt tröpfelnde Regen noch das Schlafen beeinträchtigt (von den grölenden Suffköpfen, die nachts um 3 schreiend über den Zeltplatz wankten, mal ganz zu schweigen) war es am Morgen des Samstags der böige Wind, der mich weckte und mein Zelt fast hinwegfegte. Das war aber zu verschmerzen, denn bald schon legte sich der Sturm und die Sonne kroch aus den Ritzen. Der ganze Tag sollte sonnig werden und der Regen vom Vortag war bald nur noch eine blasse, nicht mehr sonderlich dramatische Erinnerung.

Das wirkte sich auch positiv auf meine Stimmung aus und nach erfrischender Dusche und viel Kaffee begab ich mich auf den Fußweg zur Haldern Pop Bar. Leider schaftte ich es nicht mehr rechtzeitig zu den Charity Children aus Neusseland, aber wenigstens traf ich noch deren rothaarige Sängerin, die mir gutgelaunt berichtete, daß sie mit ihren Musikern in Berlin lebe, von Melt Booking gebucht würden und als Straßenmusiker angefangen hatten. Sie posierte sogar freiweillig noch für ein paar Fotos vor Schafen und einer typischen Haldern Scheune im saftig grünen Garten der Bar.

Dann war die Zeit für die Tschechin Sara alias Never Sol gekommen, die zusammen mit ihrem Bassisten dreampoppig-ätherische Klänge in den überfüllten Raum aufsteigen ließ. Die schmale Sängerin hatte eine hübsche Stimme, aber richtige Begeisterung kam bei mir dennoch nicht auf. Den Songs haftete ein variétéhaftes Parfum an, der Tiefgang der Cocteau Twins wurde nicht erreicht und so catchy wie Beach House klangen die Stücke von Never Sol auch nicht. Das Set dauerte ziemlich lange, hatte ein paar schöne Momente, konnte aber nicht restlos überzeugen. Eigentlich schade, denn die positive Beschreibung in dem Progammheft "Datt Blatt" hatte mich sehr hellhörig werden lassen.

Schade auch, daß ich das Konzert des Pianisten Carlos Cipa im Keusgen Tonstudio verpasste, weil auf der Hauptbühne die Schwedinnen First Aid Kit auftraten. Die beiden sich eigentlich nicht sonderlich ähnlich sehenden Schwestern hatten umwerfende Kleider an, sangen herzallerliebst im harmonischen Gleichklang und wurden zu King of The World sogar von ihrem Fan und Förderer Conor Oberst begleitet. Der ex-Bright Eyes Sänger kam spontan und ohne Vorankündigung bei Lied drei mit schwarzem Hut und dunkler Sonnenbrille hinzu und ließ die Herzen der weiblichen Fans höher schlagen. Vorher waren eher die Männer auf ihre Kosten gekommen, denn süßer als Klara und Johanna geht ja fast gar nicht. Die Skandinavierinnen haben in diesem Jahr ihr neues drittes, in Omaha produziertes Album Stay Gold herausgegeben, spielten natürlich davon so einige gelungen Stücke (Waitress Song, My Silver Lining), begeisterten aber vor allem durch ihren Hit Emmylou. Von First Aid Kit werden wir in den kommenden Jahren noch viel hören, sie gehören inzwischen zum Folk-Establishment inklusive Major Label Deal, zahllosen Mode-Shootings, berühmten Fans und (relativ) hohen Gagen. Glücklicherweise hatte man aber den Eindruck, daß die Spielfreude darunter nicht leidet, man merkte den Mädels an, daß sie sich gut amüsierten.

Eher beschaulich und melancholisch ging es dann bei der britischen Pianistin Poppy Ackroyd zu. Im stickigen und heillos überlaufenen Tonstudio Keusgen klimperte sie die Fans windelweich und betörte mit ihrer Virtuosität und ihrer Natürlichkeit. Diejenigen, die drinnen einen Sitzplatz ergattert hatten, kamen hinterher schweißgebadet und fast ohnmächtig heraus, die anderen, die die Musik nur im Flur hörten, waren trockener, hatten die Musikerin aber nicht zu Gesicht bekommen. 


Ich gehörte zur zweiten Kategorie und bescloß deshalb zu der nachfolgenden Samantha Crain frühzeitig ein Plätzchen drinnen zu ergattern, selbst wenn das Thermometer dort sicherlich 40 Grad angezeigt haben dürfte. Ich wollte die Amerikanerin eben aus der Nähe sehen. Samantha entpuppte sich als äußerst liebenswürdige und natürliche Person, die schnell die Herzen der Halderner gewann. Sie war höchstwahrscheinlich nicht größer als 1,45 m, allerdings mit einer guten Folk/Country-Stimme gesegnet. Dennoch konnte sie mich nicht wirklich in ihren Bann ziehen, denn ihre Stücke klangen mir eine Spur zu traditionell, zu wenig innovativ und konnten nie die Tiefe von jungen Talenten in diesem Bereich wie Angel Olsen oder Tiny Ruins erreichen. Deshalb verließ ich nach 4 Liedern das schwüle Tonstudio und wanderte Richtung Hauptbühe, wo Fink ein solides aber nicht wirklich packendes Follrock Set bot. Auch Hozier im Spiegelzelt war nicht 100 % meine Musik. Das klang mir zu bluesig, jazzig, obwohl der Ire wirklich eine gute Stimme hatte.
Wesentlich besser wurde es aus meiner Sicht aber mit meinem Liebling Conor Oberst, der um 9 Uhr 20 auf der Hauptbühne zu Werke ging. Unterstützt wurde er teilweise von den beiden First Aid Kit, die sich umgezogen hatten und neue wunderschöne Kleider zur Show trugen. Conor war gläzend aufgelegt, agierte durckvoll und dynamisch und rockte mehr als er folkte. Natürlich kamen auch Stücke von Bright Eyes zum Vortrage so der Old Folk Song, der Soul Singer in A Session band oder das grandiose Lua, großartig gesanglich unterstützt von den Söderberg Schwestern. Es war ein einstündiges Feuerwerk hervorragender Folkrockmusik, bei dem Conor von den Musikern von Dawes perfekt begleitet wurde. Alle waren in ausgezeichneter Spiellaune, der Bassist von Daws war die coolste Sau weit und breit (wie der seinen Bass immer nach oben hielt, köstlich !) und der Schlagzeuger sah mit seinen Locken (Dauerwellen ??) zum Schießen aus! Zum großen Finale am Ende hüfte Conor immer wieder auf die Drums und lieferte sich mit dem Schlagzeuger ein packendes Duell. Die Mädels von First Aid Kit kamen aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Einige behaupten hinterher, daß Oberst sicherlich in die Söderberg Schwestern verknallt sei, was man verstehen könnte....

Verknallt waren vor allem auch die älteren Semester im Publikum in die New Yorker Poetin Patti Smith. Fast 70 Jahre alt, ein wenig ergraut, aber immer noch mit knarzig guter Stimme sang sie sich Mütze tragend am Ende regelrecht in einen Rausch. Das Set startete eher beschaulich, aber am Ende wurden mit alten Hits wie Gloria, Because The Night oder Horses rotzige Nummern herausgehauen, bei denen man merkte, warum Patti so viele Sängerinnen in der neuen Art Punk und Folkszene beeinflusst hat. Sie hat halt eben ein wahnsinniges Charisma, auch wenn sie nie die Hübscheste war. Aber eben das macht Mut, denn wer will schon dauerhaft singende Models ohne Ausstrahlung auf der Bühne sehen, die seichte Liedchen trällern? Nein, Patti Smith hat was Erdiges, was Wahrhaftes, was Authentisches, das einen so richtig berührt. Schönheit kommt bei ihr von innen. Sie macht sich Gedanken über die Welt, rezitierte mit ausgebreiteten Armen immer wieder Gedichte zwischen den Songs, performte zusammen mit ihrern ausgezeichneten Band Perfect Day nach Lou Reed und brachte junge und ältere Besucher zusammen. Mag sein, daß Leute jenseits der Vierzig mehr mit der Ikone anfangen konnten, aber ich bin sicher, daß sie an diesem Tag in Haldern auch viele junge Neufans hinzugewonnen hat. Am Ende kam noch Grant Hart mit hinzu und dann wurde minutenlang gerockt, bevor nach etwa 90 Minuten der Vorhang fiel. Ein glänzender Auftritt, der bewies, daß man auch im fortgeschritten Alter noch ausgezeichnet performen kann, wenn wie bei Patti Smith das Herzblut und das Feuer noch intakt sind. Für die Kohle tut sie sich das sicherlich nicht an.

Nach Patti Smith kam dann gelich schon das nächste Highlight und zwar im Spiegelzelt: der Amerikaner Mark Kozelek aka Sun Kil Moon spielte dort mitsamt Bands ganz dezent, aber ganz groß auf. Der etwas beleibte Bursche hat eine solch fantastische Stimme, daß Gänsehautbildungen auf Armen und im Nacken nicht ausbleiben konnten. Am Ende sang er textlich von dem Moment als er seinen Vater hat weinen sehen, da musste ich ganz schwer schlucken. Er beeindruckte aber nicht nur zum Schluß, sondern von Anfang bis Ende, denn alles klang wahnsinnig erlesen, ausgewogen, hochklassig. Musik für Kenner und Feinhörer, die mehr auf gute Texte und starke Arrangements als auf Rockstarposen und Show geben. Unverschämt, daß ein paar Leute im Spiegelzelt zu der oft recht leisen Musik laut plauderten, Palzverweise wären hier mehr als angebracht gewesen. Wer sich davon nicht stören ließ, genoß melancholische Stücke und ließ Tränchen in seinen Bierbecher kullern. Ich hätte dem Ex- Red House Painters Sänger jedenfalls noch stundenlang zuhören können, aber kurz vor Mitternacht war leider Schluß.

Für mich persönlich aber noch nicht ganz, denn das Festival ging für mich erst mit den Schweden Wintergatan zu Ende. Ein krönender Abschluß denn die vielköpfigen Schweden euphorisierten mit ihrer vielschichtigen und abwechslungsreichen Instrumentalmusik sogar die Leute, die wie ich das Konzert draußen auf der Leinwand verfolgten. Da wurde getanzt, gelacht und mitgefeiert wie selten bei diesem Festival. Ein fulminanter Auftritt, bei dem teilweise sehr kuriose Instrumente zum Einsatz kamen. Eigentlich wurde instrumententechnisch fast alles aufgeboten was es gibt, eine Harfe hatte genauso ihren Platz wie analoge Synthesizer, ein Theremin, ein Xylophon, Schreibmaschinen, Gitarren, Melodica und so weiter und so fort. Langeweile kam so nie auf, das Set war höchst abwechslungsreich und stimmungsvoll. Mal fühlte man sich an die feierliche Melancholie von Sigur Ros erinnert, dann wieder an die Postrocker von Explosions In The Sky, oder aber auch an Filmmusik und Klassik. Sanfte, elektrische und rockige Passagen hielten sich die Waage und am Ende stürzten sich alle auf den Merch Stand, um die CD, die Vinylplatte oder auch nur ein Poster zu ergattern. Da wurde unglaublich viel umgesetzt und es standen sogar noch Leute am Verkaufsstand an, als der Soulsänger Kwabs schon mit seinem Set begann.

Soulmusik ist aber so gar nicht mein Fall und so konnte ich mit Kwabs genauso wenig anfangen wie mit Bernhoft (der war leider richtig scheußlich), Lee Fields & The Expressions oder Benjamin Clementine. Machte aber gar nichts, schließlich müssen bei Festivals Fans verschiedenster Musikstile auf ihre Kosten kommen und jeder pickt sich eben seine Rosinen individuell heraus.
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Unter dem Strich habe ich dann auch wieder deutlich mehr Perlen gefunden, als in faule Eier gebissen und ich verließ gegen 12 Uhr den Zeltplatz und Haldern. Bis nächstes Jahr Freunde ! Super wie immer wars!



Donnerstag, 14. August 2014

Haldern Pop Festival 2. Tag, 08.08.14

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Haldern Pop Festival 2. Tag, 08.08.14
Ort: alter Reitplatz und Dorfplatz Haldern am Niederrhein
Datum: 08.08.2014
Zuschauer: insgesamt etwa 7000
Konzertdauer: Konzerte von 11 Uhr bis 3 Uhr



Das Erwachen fiel mir nicht leicht an diesem Freitag, dem zweiten Festivaltag im idyllischen Haldern. Psychedelische Träume hatten mich durchgeschüttelt und ich erwachte schweißgebadet in meinem stickigen Zelt. Eine Dusche in einer dieser kleinen aber okayen Kabinen erweckte mich aber bald wieder zum Leben. Nebenan verkauften Holländer mir an ihrem Stand einen starken Espresso und zwei Stücke Marmorkuchen, so daß ich gut gestärkt den Fußweg an den Maisfeldern entlang zum Haldern Pop antreten konnte.

Die Landscahft hier am Niederehin ist herrlich, satte Wiesen, alte Bäume, Blumen, Alleen wo das Auge nur hinschaut. Die Leute, die hier wohnen, dürfen sich wirklich glücklich schätzen. Zumal sie seit ein paar Jahren das Festival mitten in ihrem Dorf haben, seitdem die Haldern Bar und die Kirche ebenfalls als Venues genutzt werden. Die Kirche selbst ist wunderschön und sehr stimmungsvoll und an deisem Freitagmorgen hatten sich schon (für Camperverhältnisse) früh viele Leute eingefunden. Die fast klassisch zu nennende Band Stargaze aus New York hatte ihren großen Tag und durfte   Alexi Murdoch und Shara Worden (My Brightest Diamond) musikalisch begleiten, ein Werk (Tenebre) von Bryce Dessner (Gitarrist von The National) ohne den Autor alleine aufzuführen.

Ich persönlich kam nur in den Genuss des Sets von Shara Worden, aber das war so traumhaft schön, daß sich der Weg definitiv gelohnt hatte. Die Kirche war proppenvoll und selbst im Mittelgang saßen Leute, so daß der Amerikanerin die ihr gebührende Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Sie sang dermaßen glockenklar und durchdringend, daß man sie sich sofort als professionelle Chorsängerin in einer Kirche vorstellen konnte, alles passte also perfekt zusammen. Dazu die sanfte Instrumentierung mit Streichern und dezenten Gitarrenklängen, es hätte nicht traumhafter sein können.

Dennoch verließ ich kurz vor Ende die Church, weil ich unbedingt Jeffrey Lewis & The Jrams in der nahe gelegen Pop Bar sehen wollte. Und Jeffrey und seine beiden Mädels, Heather an den Drums und Caitlin am Bass waren wirklich ein Knüller. In der kleinen stickigen Dorfkneipe spielten sie ein saftig-indierockiges Set mit gelegentlichen Balladen, die voll ins Schwarze trafen. Der Bursche mit der Base Cap wird oft in die Freak Folk Ecke gestellt, aber folkig klang heute nur Weniges. Hier wurde bedingungslos gepunkrockt und die Kneipe ordentlich durchgewirbelt. Das erinnerte musikalisch eher an Pavement als an Freak Folker wie Herman Dune und war durchgängig brillant. Mein persönlicher Favorit im gut geölten Set: You're Invited (you're invited to my birthday party), eine Ballade, zu der die Bassistin Caitlin Gray ausnahmsweise Keyboard spielte. Hinterher verkaufte Jeffrey dann noch etliche seiner super Comics (2,5 Euro das Stück ) un seiner selbstgebrannten CDs (5 Euro, ein Spottpreis!)

Im Anschluß ging es für mich noch einmal kurz zurück in die Church wo der rothaarige Brite Rhodes alleine auf seiner E-Gitarre ins Herz gehende Songs mit markanter Falsettstimme vortrug. Ein neuer Bon Iver, Lonely Dear oder Patrick Watson? Hmm, vielleicht, aber man sollte ihn nicht nur auf seine Kopfstimme reduzieren. Er steht in der Tradition von Songwritern wie Jeff Buckley und seine von Charlie Fink (Noah & The Whale) produzierte EP dürfte erst der Anfang einer vielversprechenden Karriere sein. Das Publikum in der Kirche zu Haldern schien auf jeden Fall sehr angetan und spendete frenetischen Applaus.

Lange konnte ich selbst aber nicht applaudieren, weil es für mich zurück in die Pop Bar ging, wo die  jungen Engländer The Mispers für viel Schwung sorgten. Vier Jungs und ein Mädel an der Geige versetzten den knallvollen Raum in super Stimmung. Das Ganze erinnerte musikalisch an die Talking Heads, Arcade Fire oder Clap Your Hands Say Yeah, der Gesang klang krächzig, die Gitarren euphorisch, der Beat rasant und die Songs (z.B. Gold Dust, ein Hammer !) gingen sofort ins Bein. So gab es dann auch keine einzige Ballade, sondern durchgängig Volldampf und am Ende wollten die Zuschauer die jungen Briten gar nicht mehr gehen lassen. Ein Triumph, gar keine Frage!

Nach meiner Mittagspause, die mich East Cameron Folkcore verpassen ließ, stand auf der Hauptbühne um 16 Uhr 20 ein Highlight an. Der Düssseldorfer Stefan Honig, kurz Honig, und seine zahlreichen Mitmusiker traten bei einsetzendem Regen auf, zauberten aber mit ihrem berauschenden Folkpop die Sonne in die Herzen der begeisterten Zuschauer. 35 Minuten lang wurde äußerst schwungvoll musiziert, Stefan sang sich Ukulele spielend die Stimme heiser, seine Mitmusikerin Julia aka Entertainment for The Braindead betörte mit sanftestem Backgroundgesang, Glockenspiel, Banjo und Akkordeon und die rothaarige Geigerin Heta (ausgeliehen von der holländischen Band Town Of Saints) bezauberte nicht nur durch ihre blauen Augen sondern auch ihr virtuoses Spiel. Die vielen anderen Musiker auf der Bühne spielten ihren Part ebenfalls ganz ausgezeichnet. Es war eine Teamleistung, bei der der Chef Stefan seine Truppe glänzend dirigierte. Alte Stücke wechselten mit neuen ab und das bald erscheinende neue Album It's Not A Hummingbird, It's Your Father's Ghost dürfte den Höreindrücken zufolge ganz großartig werden. Am Ende kamen dann noch etliche Gastmusiker mit hinzu, neben dem mir bekannten Hello Piedpiper noch Ian Fisher, Jonas David, Isa, Bandmitglieder von All The Luck In The World und die Horny Horns. Ein veritables Starensemble der Melodica Festival Szene gab sich hier ein Stelldichein und die vielen glücklichen Gesichter brannten sich tief in mein Gedächtnis. Alle waren glücklich, die Musiker, die sich noch gemeinsam fotografieren ließen und die Zuschauer, die ein gute halbe Stunde lang den Regen völlig vergesen hatten und ganz entzückt waren von der Darbietung von Honig.

Setlist Honig:

01: Leave Me Now
02: Dear Liar
03: Swimming Lessons
04: Leon Law
05: Overboard
06: Golden Circle
07: In My Drunken Head
08: For Those Lost At Sea 

Der Regen sollte leider auch anhalten, was schwerwiegende Folgen für den weiteren Ablauf des Festivatages hatte. Bei den Konzerten von My Brightest Diamond (musikalisch hochsstehend aber weniger beeindruckend als in der Kirche und den Esten Ewert And The Two Dragons (nett, aber leider etwas belanglos) war ich noch halbwegs trocken, Chet Faker, Sam Smith und Stephan Eicher jedoch strich ich völlig durchnässt von meinem Plan und zog mich für eine ganze Weile in mein glücklicherweise trockenes Zelt zurück. 


Ich hatte allerdings richtig gehandelt, noch einmal im Spiegelzelt gegen 21 Uhr vorbeizuschauen, denn dort hatte der aufstrebende Australier RY X einen ganz feinen Auftritt. Der bärtige Mann von Down Under mit der Base Cap zauberte zusammen mit einem Mitmusiker eine wundervolle Atmosphäre ins Tent und brillierte mit seiner gefühlsbetonten (mitunter an James Vincent Mc Morrow erinnernden) Stimme und den gekonnten Arrangements. Er erzählte viel von seiner neuen Heimat Berlin und war auch vom Empfang in Haldern schwer angetan. Er sei stolz dieses tolle Festival spielen zu dürfen und ich glaube, das Publikum war ebenso dankbar ihn hier erleben zu dürfen. Ein Highlight bei der 31. Ausgabe des Haldern Pop!

Zürück im Spiegelzelt war ich wieder zu den Black Lips. Inzwischen waren die Wege draußen richtig matschig geworden und wer leichtes Schuhwerk trug, hatte das Nachsehen. Drinnen aber war es trocken, warm und stickig und das passte irgendwie zu dem verschwitzten Garagenrock der energiegeladenen Amerikaner, die einige Male an die kultigen Ramones erinnerten. Der heisere Gesang von Cole Alexander klang jedenfalls dufte und auch die Songs wussten zu gefallen. Letztlich bekamen die Zuschauer solide Kost geboten, Feinschmecker die auf Patrick Watson und ähnliche Klangästheten stehen, waren hier eher fehl am Platze.

Auch die in Montreal ansässigen Ought sah ich später noch im Zelt und hier fühlte man sich nicht an die Ramones sondern eher an The Fall erinnert. Der spindeldürre Sänger mit dem unschuldigen Harry Potter Gesicht entpuppte sich als Heißsporn, der intonierte wie ein junger Mark E Smith und über die Bühne fetzte wie Eddy Argos (bloß eleganter). Die Band hatte sichtlich Spaß und vor allem der Drummer hinten grinste sich permanent einen ab. Vielleicht wusste er, daß es mit seiner Band zumindest 2014 noch deutlich bergauf gehen sollte, ob es für eine längerfristige Karriere reicht, wag ich allerdings zu bezweifeln. Der scharfkantige Post Punk von Ought machte Spaß, bot letztlich aber wenig Neues.

Ought waren für mich die letzte Band des Tages, für The Acid um 2 Uhr 15 hatte ich keinerlei Kraftreserven mehr übig und 7 Stunden Regen am Stück hatten auch meiner Moral etwas zugesetzt. Dennoch war es unter dem Strich wieder ein guter Tag in Haldern, denn echte Musikfans lassen sich von Petrus nicht wirklich den Spaß vermiesen.

Haldern Pop Festival, 1. Tag, 07.08.14

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Haldern Pop Festival, erster Tag, 07.08.2014
Ort: Reitplatz Rees-Haldern, Niederrhein, NRW
Datum: 07.08.2014
Zuschauer: ein paar tausend
Konzertdauer: Konzerte von 16 Uhr 30 bis 2 Uhr 25



Nachdem mich meine Frau nach fast 20 Jahren gemeinsamen Jahren verlassen hatte und mein alter Kumpel Christoph auch auf das Haldern Pop 2014 verzichtete, war ich zum ersten Mal seit fast 10 Jahren allein zu diesem wundervollen Festival angereist. Einsam fühlte ich mich dennoch nicht, denn am Niederrhein sind die Leute laut, herzlich, wahnsinnig nett und sehr kontaktfreudig und hilfsbereit. Als ich am letzten Tag trotteligerweise nicht mein kleines Zelt zusammengebaut bekam, half mir spontan ein Mädel, das mich vom Auto aus gesehen hatte und unschwerlich mitbekam, daß ich das nicht alleine schaffen würde... Zwei Tage vorher hatte mir ein netter Zeitgnosse mit zwei Haldern Pop Talern ausgeholfen, als ich ahnungslos und ohne Zahlmittel fürs Duschen anstand und als ich an der Reihe war, nicht flüssig war. Am gleichen Tage hatte mir ein bereits etwas älterer Festivalteilnehmer in der Haldern Pop Bar freiwillig  seinen genialen Platz auf einer Bank überlassen, von wo aus ich wunderbar das Konzert sehen und Fotos schießen konnte.

Drei Beispiele die verdeutlichen, wie herzlich und freundschaftlich es auf dem Haldern zugeht. Nein, allein fühlte ich mich keineswegs. Eher als Teil einer großen Haldern Familie, selbst wenn das ein wenig kitschig klingen mag. Aber das mit der Familie stimmt nun einmal, denn viele viele Leute kommen jedes Jahr wieder, die Treue der Besucher zu diesem Festival ist einzigartig und wohl kaum woanders so anzutreffen. Da sieht man dann schon gleich bei der Ankunft die ersten altbekannten Gesichter. Manche kennt man schon von früheren Plaudereien, mit anderen hat man nie gesprochen, aber man erinnert sich gerne an sie.

Ein Festival bei dem man sich wohlfühlt also, bei dem ein angenehmes Gemeinschaftsgefühl herrscht, bei dem man merkt, daß da viel Herzblut drinsteckt und viele freiwillige Helfer ihr Bestes geben, damit die Musiker und Gäste gute Bedingungen haben. Freilich ist Haldern Pop auch ein wenig Opfer des eigenen Erfolges geworden, denn sowohl Spiegelzelt als auch Haldern Pop Bar und das kleine Keusgen Tonstudio sind regelmäßig heillos überfüllt und viele Leute stehen stundenlang Schlange um reinzukommen. Das erzeugt einen gewissen Frust, wenngleich viele eine Engelsgeduld bewiesen und brav warteten, bis sich der Sesam irgenwann für sie öffnete. Ich selbst hatte meine liebe Mühe und Not und dies obwohl ich dank meines Fotopasses privilegiert war und viel schneller durchkam. Einmal drin versperrten mir die etlichen riesig groß gewachsene Musikfans die Sicht auf die Bühne. Selten habe ich so viele Riesen in einem Raum gesehen, man fühlte sich teilweise wie bei einem Treffen von Baketballteams. Insofern waren die Konzerte im Spiegelzelt für mich meistens nur wie Hörfunk, die Bands selbst konnte ich selten einmal richtig erspähen, zumal ein Durchkommen nach vorne unmöglich war. Das Regenwetter am Freitag förderte die Fülle im Spiegelzelt noch zusätzlich. Von der Hitze, die da drinnen herrschte, will ich lieber gar nicht reden.

Aber kommen wir doch mal zu den einzelen Konzerten und da gleich zum Highlight. Das war natürlich ganz klar der langgelockte Amerikaner Kurt Vile, der zusammen mit seiner Band um kurz vor Mitternacht auf der Byzanz Stage (vormals Beergarden Stage) 50 min lang höllischen, aber wohlklingen Lärm produzierte. Die Gitarrenriffs kamen wirklich saulaut aus den Boxen, aber vielleicht empfand ich das auch nur so, weil ich vorne im Fotograben rumeierte. Auf jeden Fall war der Druck zehnmal größer als auf Platte und das tat den Songs nur gut. Besonders ein gitarrenlastiger Track wie Jesus Forever mit seinen perlenden Licks sprudelte wie frisch geöffneter Champagner und klang lässig wie alles von Kurt Vile. Schon Waking On A Pretty Day zuvor war wahnsinnig cool und herrlich verträumt. Mit Hunchback wurde dann richtig noisig und stonerrockig zu Werke gegangen und nun schrie Vile fast. Krönender Abschluss war dann schließlich eine fulminante Version von Freak Train ("Train, train, train!"), bei der Kurt mit seinen langen Haaren fast den Boden fegte. Unter dem Strich ein starkes Konzert von einem der wichtigsten US-amerikanischen Musiker der letzten Jahre. Das Erbe von Bob Dylan und Lou Reed wird von ihm würdig verwaltet.

Ansonsten war der Donnerstag für mich an Höhepunkten nicht sonderlich reich. Die Fat White Family mochten viele Zuschauer sehr, aber ich konnte mit den durchgeknallten Briten mit den nackten Oberkörpern nicht sonderlich viel anfangen. Musikalische Vergleiche konnte man zu The Fall, The Clash, den Cramps oder Gun Club ziehen, aber irgend etwas sonderlich Neues hörte ich in der Musik der kontroversen Band nicht heraus. Sie gelten in Großbritanien als Provokateure und als Leute, die das gesamte Musikbusiness ins Lächerliche ziehen, schliffen aber an der Lächerlichkeitsgrenze selbst oft nur knapp vorbei.

The Districts im Spiegelezelt sagten mir mit ihrem Indie-Rock da schon mehr zu, vor allem die würzig-verrauchte Stimme des Sängers Rob Grote.Von ihrem Set bekam ich allerdings nicht sonderlich viel mit, beobachten sollte man die Band aus Pennsylvania aber dennoch. Royal Blood die nach ihnen im Spiegelzelt antraten waren mir allerdings viel zu hart und bluesig, schon die Black Keys und Jack White höre ich zur Zeit nicht gerne, insofern sagten mir Royal Blood auch nicht wirklich zu. 


Mehr Spass hatte ich mit den vielköpfigen Trampled by Turtles, die mit ihrem flotten Bluesgrass und ihren guten Melodien die Byzanz Stage bespielten. Ihr Set war ansprechend, aber die Band mit Fiddel, Banjo und Mandoline mir ein wenig zu altbacken, sie wirkten sehr sympathisch aber nicht sonderlich innovativ. Zum Abschluss des Tages sah ich mir auch noch Benjamin Celementine im Spiegelzelt an, aber die Sensation von 2014 war musikalisch überhaupt nicht mein Fall. Soulmusik, am Piano vorgetragen, diese Gebräu hielt ich nur drei Lieder lang durch, dann ging mir das Ganze auf die Nerven und ich stapfte müde in mein kleines Zelt, fand aber ob des Lärmes von ein paar Störern kaum Schlaf. Auch mein Kissen war ungenehm hart und auf die Kühle der Nacht folgte die Hitze des nächsten Morgens...



Dienstag, 12. August 2014

Benjamin Clementine, Haldern, 07.08.14

2 Kommentare

Konzert: Benjamin Clementine
Ort: Haldern-Pop Festival (Spiegelzelt)
Datum: 07.08.2014
Zuschauer: ca. 800


von Dirk aus Mönchengladbach

Christoph plädiert ja seit längerem dafür, auch Festivalkonzerte einzeln zu besprechen. Da ja wahrscheinlich jeder Leser des Konzerttagebuchs das Haldern Pop Festival kennt, die meisten werden sogar schon einmal dort gewesen sein, macht dies hier auch für mich zum ersten Mal Sinn. 


Es gilt von einem Konzert zu berichten, das mich bis heute beunruhigt und beschäftigt, eine Seltenheit in letzter Zeit (zumindest was neue Künstler angeht). Es ist Donnertagabend im plüschigen Spiegelzelt, die Stimmung nach dem tollen Auftritt von The Slow Show freudig erwartend, als das Licht sich verdunkelt und Benjamin Clementine alleine auf der Bühne erscheint. 

Dies ist wörtlich zu nehmen, sofort verstummen die Gespräche in den vorderen Reihen. Clementine, wie wohl immer ganz in schwarz gekleidet (nur ein Wollmantel und eine schwarze Hose), setzt sich ohne weitere Regung barfuß auf einen Barhocker !! an seinen Konzertflügel und beginnt unvermittelt mit murmelnder Stimme die Lautstärke im Hintergrund zu beklagen. 

Was folgt ist ein erster Song, der wie alle noch folgenden an diesem Abend, mit einer geradezu unmenschlichen Inbrunst und Intensität ins Zelt geschleudert wird, das einem Angst und Bange wird. 

Ich stand glücklicherweise sehr weit vorne und muss gestehen, dass ich während des ganzen Sets noch nicht einmal darüber nachgedacht habe, ein Foto zu machen. Wahrscheinlich auch aus Selbstschutz um nicht auch noch Teil der noch folgenden Publikumsbeschimpfungen zu werden. 

So entwickelte sich eine Spannung, die zwischen Arroganz und Verletzlichkeit des Interpreten schwankte. Sobald er jedoch wieder sein Spiel aufnahm, begann ein tranceartiger Zustand von ihm Besitz zu ergreifen bis wieder der letzte Ton verklungen war. 

Die musikalische Spielart pendelt zwischen Blues und Soul, der Gesang zwischen Nina Simone und Mark Lanegan. Die langen Finger fliegen über die Tasten, der Ausdruck seiner Augen gleicht dem eines Wahnsinnigen. Die Stimme ist so klar und laut, er könnte wohl das komplette Zelt ohne Verstärkung beschallen. 

Seit ich Tori Amos als Vorgruppe von Marc Cohn vor ca. 20 Jahren (noch vor ihrer ersten CD) erleben durfte, habe ich nicht mehr eine derartig kraftvolle Vorstellung von einem Solokünstler am Piano erlebt. Nein, das war kein neuer, aufstrebender Künstler, der versucht sein Publikum einfach nur zu begeistern. Hier geht es um den Künstler, der nicht anders kann, als er selbst zu sein, egal ob der Auftrittsort die U-Bahn oder die große Chance der Haldernbühne ist. 

Somit ist es auch unsinnig, auf einzelne Songs einzugehen, die allerdings allesamt großartig sind. (London, Cornerstone, I won't complain). Nichts, außer er selber wird ihn aufhalten. Vielleicht heute der einzige Weg sich nicht von Ja-Sagern und falschen Freunden zum Helden machen zu lassen. 

In seiner Welt war das ansonsten so aufgeschlossene und wohlwollende Publikum in Haldern nicht aufmerksam genug, um den Kraftakt seiner Seelenschau zu würdigen. Das kann man nur hassen oder lieben. Aber wer genau hinhört weiss, dass er recht hat. Denn es gibt viel zu wenige die so sind wie er. 

Im November im bestuhlten Kölner Stadtgarten zu bewundern. Ein Naturereignis.




Sonntag, 11. August 2013

James, Haldern, 09.08.13

8 Kommentare

Konzert: James
Ort: Haldern-Pop Festival, Rees-Haldern
Datum: 09.08.2013
Dauer: knapp 80 min




Warum das Haldern-Festival so etwas Einzigartiges ist? Da gibt es viele Gründe. Der diesjährige Headliner verdeutlicht aber ganz besonders, was das kleine Indie-Festival am Niederrhein von allen anderen unterscheidet. James haben seit Jahren kein Plattenlabel mehr in Deutschland. Und weil ohne auch keine Touren stattfinden, waren die Briten nach ihrer Wiedervereinigung 2007 auch nicht mehr in Deutschland (dafür mehrfach in Mittel- und Südamerika, zigmal in Griechenland und Portugal). Aber auch vor dem Ausstieg von Sänger Tim Booth 2001 muß man eine Ecke zurückgehen. 1999 spielte die Band aus Manchester zuletzt in Deutschland - und zwar in Haldern. Weil die Macher des Festivals offenbar große Fans der Gruppe sind, schenkten sie sie sich zum 30. Festival auch wieder. Daß dies bei den heutigen Besuchern keine große Euphorie im Vorfeld erzeugte, war den Organisatoren vermutlich egal, aber nicht aus Arroganz, sondern weil sie wussten, daß ihnen im Anschluß jeder zu dieser Verpflichtung gratulieren würde.

Für mich als riesigen James-Fan seit Ende der 80er Jahre war die Ankündigung fürs Haldern-Festival ein wundervolles Geschenk. Wollte ich James in der Vergangenheit sehen - in den 90ern hatte ich das dummerweise ausgelassen und damit auch ihre Show in Köln mit Radiohead als Support verpasst - musste ich zu ihnen kommen. Also sah ich James 2007 bei einem der ersten Konzerte nach dem Neustart in Dublin und 2010 beim Latitude Festival. Und immer, wenn eine neue Tour durch die großen Hallen Großbritanniens angekündigt wurde, kribbelte es in den Händen.

Um fünf nach zwölf sollten James am Freitag auftreten. Vor ihnen hatte Sophie Hunger schon verspätet angefangen, dann noch überzogen ("eigentlich darf ich das nicht noch spielen"). Fast fünfzig Minuten nach dem avisierten Start ging es dann endlich los. Der Ärger darüber, durch die Verspätung das eigentlich direkt im Anschluß im Zelt stattfindende Konzert des großartigen Owen Pallett (der bekennender James-Fan ist) zu verpassen, war mit dem ersten Stück weg. Getting away with it, die großartige, immer lauter werdende Hymne, gehörte zu den fünf Lieblingsliedern, die ich unbedingt hören wollte. Schlecht konnte es jetzt nicht mehr werden!


Auch wenn die Band aus ausgezeichneten Einzelmusikern besteht, fällt es schwer, den Blick von Sänger Tim Booth zu nehmen. Wenn der Madchester Sound je ein Maskottchen gebraucht hätte, er wäre es gewesen. "Was hat der einen an der Klatsche", habe ich zigmal während und nach dem Auftritt gehört - anerkennend! Tims Schüttel-Ausdruckstanz, der in seinem weiten Leinen-Anzug besonders irre aussah, ist herrlich anzusehen! Nach Sound muß dem Frontmann von seinem wildesten Gezappel eigentlich kotzübel gewesen sein, man merkte es ihm aber nicht weiter an. 


Schon ganz am Anfang (bei Oh my heart oder Come home) war Tim erstmals lange im Publikum. Der Platz vor der Hauptbühne war lange nicht so voll wie bei Tom Odell oder Sophie Hunger, aber auch nicht so leer, wie ich befürchtet hatte. Aber die, die da waren, bekamen eine große Show und das musikalisch beste Konzert des Festivals geboten!


Ich hatte vorher ein wenig Angst, daß zu viele neuere Sachen gespielt würden. James - ähnlich wie Travis - haben ein phänomenales Frühwerk und einige Längen in den späteren Phasen. In der Mitte des Konzerts kündigte Tim Booth zwei neue Stücke an, von denen das eine gut (Moving on), das andere es geht so (Curse curse, es handelte von einer Nacht im Hotel mit einem Liebespaar im Nachbarzimmer) war. Diese Pause tat aber sogar ganz gut, denn vorher (Born of frustration!) und nachher (Five-O, Tomorrow, Sit down und Laid nacheinander!), war das Dauergrinsen fast zu anstrengend!

Mir fehlte nur Hymn of a village zum ganz großen Glück - es wäre das Haldern-Lied schlechthin gewesen. 


Ich hatte vorher so vielen erzählt, wie sehr ich mich auf James freute und gleichzeitig Angst, zu hohe Erwartungen zu erzeugen. Die vielen neuen James T-Shirts am Tag danach und die vielen lobenden Worte beruhigten mich sehr. Keine irre Obsession ohne Rechtfertigung also sondern auch objektiv eine große Band mit großen Hymnen, die auch nach 20, 25 Jahren noch funktionieren!

Wie unbekannt vielen Zuschauern James waren, zeigte sich bei ihrem bekanntesten Lied Sit down. Weil die Band live schon lange nicht die Single-Version spielt, sondern eine mit längerem Klavier-Intro, dauerte es ewig, bis das Stück erkannt wurde, jedenfalls um mich rum. Aber natürlich funktionierte das Lied dann so, wie es das schon immer tut.

Ein großartiges Konzert, das deutlich nach zwei Uhr mit der Zugabe Sometimes (auch so eine der Hymnen!). Dazu rief Tim Booth jeden, der tanzen wollte, nach oben - und er zappelte mittendrin!


In zehn Jahren wird niemand mehr von Tom Odell reden. Born of frustration wird dann immer noch gesungen werden!

Eine solche Band - und keinen der auch hierzulande großen Namen, den jedes Festival als Headliner bucht - abends als letztes auf die große Bühne zu stellen, das macht Haldern aus. 

Danke!

Setlist James, Haldern Festival, Rees-Haldern:

01: Getting away with it (all messed up)
02: Oh my heart
03: Come home
04: Sound
05: Jam J
06: Out to get you
07: Born of frustration
08: Moving on (leave a little light on) (neu)
09: Curse curse (neu)
10: Five-O
11: Tomorrow
12: Sit down
13: Laid

14: Sometimes (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- James, Latitude-Festival, 17.07.10
- James, Dublin, 17.04.07


Anna von Hausswolff, Haldern, 10.08.13

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Konzert: Anna von Hausswolff
Ort: Haldern-Pop Festival (Spiegelzelt)
Datum: 10.08.2013
Dauer: 50 min
Zuschauer: recht volles Zelt




Bei Festivals erlebt man ja immer wieder musikalische Überraschungen, lernt neue Bands kennen. Wenn Anna von Hausswolff mich beim diesjährigen Haldern Festival stark überrascht hätte, wäre das jedoch sehr blöd gewesen, weil ich mich auf die Schwedin im Vorfeld neben James am meisten gefreut hatte und extrem viel erwartet hatte. 

"Wir spielen ein kurzes, sehr intensives Set für Euch," sagte die zierliche Schwedin zwischen Aufbau und Beginn, als sie und ihre vier Begleiter gleich auf der Bühne geblieben waren.


Der sehr leise Start mit spärlichem Einsatz der Instrumente, Anna mit Tamburin, der sich über zwei Minuten zog, begann unmittelbar aus dem Soundcheck heraus und leitete in Liturgy of light über. Wie fast alles, was folgte, stammt das Stück von Ceremony, dem zweiten Album der Schwedin. Allerdings fehlt bei Liturgy of light noch die Titelheldin der Platte, die Kirchenorgel. Bei Epitaph of Theodor klangen die umso eindrucksvoller auf! Das Instrumental-Stück hatte den gleichen Aufbau wie das ganze Konzert. Es begann wie auf Platte getragen-feierlich, nahm dann aber so sehr an Intensität zu, daß die Wasserflasche neben dem links sitzenden Gitarristen auf und ab hüpfte. Am Ende mündete Epitaph of Theodor in Orgel-Postrock! Spätestens das war sichergestellt, daß die junge Schwedin meine extrem hohen Erwartungen locker nehmen würde!


Die schweren Orgeln werden durch Annas hohe und sehr feine Stimme wundervoll ergänzt. Sie steht aber nicht so sehr im Mittelpunkt, daher war auch der kleine Makel, daß im Verlauf des kurzen Konzerts der Gesang sich immer weniger gegen die Instrumente durchsetzen konnte, nicht dramatisch. Beim letzten Stück, dem einzigen, das nicht von Ceremony stammte, sah man Anna singen, hörte sie aber wegen der noch einmal gestiegenen Lautstärke der Instrumente nicht mehr.


Nach Epitaph of Theodor folgten Deathbed und Mountains grave - so wie auf dem Album. Diese drei sagenhaft schönen Stücke nacheinander als Quasi-Einheit zu spielen, beförderte noch einmal das Gefühl, sich in diese Musik herrlich fallen lassen zu können. Irgendwann setzte im Hintergrund Kettcar auf der Hauptbühne ein, aber das Wummern deren Bässe in den leisen Momenten störte überhaupt nicht, ich hatte das Gefühl, das ganze Zelt (das erstaunlicherweise nicht überfüllt war), war viel zu gefesselt von Anna und ihren Begleitern.

Nach dem grandiosen Mountains grave kam Harmonica mit dem vom Keyboarder geklatschten Beginn. Die Lautstärke seines Klatschens hatte er vorher beim Soundcheck überprüft, was zu Mitklatschen im Publikum geführt hatte und der Band breites Grinsen bescherte! Ein toller Moment vor dem Konzert!

Dann kam das erwähnte nicht-Album Stück, das ich nicht kannte, es war ein Cover, Come wander with me vom amerikanischen Filmmusik-Komponisten Jeff Alexander. Ich kannte es eben nicht, wusste, daß es von keiner der beiden Platten stammt, wäre aber nicht drauf gekommen, daß es ein fremdes Lied ist. Die Lautstärke dabei war mittlerweile so hoch, daß der Sound fast breiig wurde. Aber auch das war wenig schlimm, weil ich längst in der Musik aufgegangen war. 

Die fünfköpfige Band war das auch, Anna war nämlich extrem überrascht, daß sie damit bereits ihr Konzert um fünf Minuten überzogen hatten. "Es tut mir leid, wir müssen aufhören," entschuldigte sie sich, nachdem sie bereits das nächste Lied angestimmt hatte. Ich kann zu gut nachvollziehen, daß sie ihr Zeitgefühl verloren hatte, die Musik lädt dazu extrem ein. Ein wundervolles Konzert, das hervorragend ankam. Annas Tour im Herbst ist eine Pflichtveranstaltung! Dann erfahren wir sicher auch, wie es in Haldern weitergegangen wäre.

Setlist Anna von Hausswolff, Haldern Festival, Rees-Haldern:

01: Liturgy of light
02: Epitaph of Theodor
03: Deathbed
04: Mountains grave
05: Harmonica
06: Come wander with me (Jeff Alexander Cover)



 

Konzerttagebuch © 2010

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