Posts mit dem Label Stadtgarten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Stadtgarten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 6. April 2016

Xiu Xiu plays the music of Twin Peaks, Köln, 05.04.16

0 Kommentare

Konzert: Xiu Xiu plays the music of Twin Peaks
Ort: Stadtgarten, Köln
Datum: 05.04.2016
Dauer: 70 min
Zuschauer: ausverkauft (teilbestuhlter Saal)



An einem Freitag kurz vor Weihnachen 1991 fuhr ich mit dem Auto durch die Eifel. Ich war früh dran, würde pünktlich zu Hause sein. Um 19.30 Uhr verkündete die Verkehrsfunk-Frau bei SWF3, daß es auf der A48 größere Behinderungen wegen einsetzenden Schneefalls gebe. Eine Ausweichroute an der Mosel entlang erschien sinnvoll zu sein. Da würde es auch Tankstellen geben, meine Spritplanung hatte keine schneebedingten Staus oder Umwege berücksichtigt. Das Moseltal mag im Sommer belebt sein, Ende Dezember ist es das nicht. Die einzige offene Tankstelle, die ich fand, erreichte ich um kurz vor acht, kurz vor deren Dienstschluß. Viel Geld hatte ich auch nicht mehr, es reichte gerade so für den Umweg. Viel wichtiger war aber, daß ich jetzt wieder eine Chance hatte. Eine Chance, um 21.15 Uhr vor einem Fernseher mit RTL plus zu sitzen. Da lief nämlich Folge 9 der zweiten Staffel Twin Peaks.

Auch wenn Laura Palmers Mörder seit einer Woche bekannt war (sofern man ihn nicht vorher von Sat 1 verraten bekommen hatte - dafür hasse ich Euch heute noch!), war Twin Peaks der wichtigste Termin der Woche! So wie der exzentrische Soundtrack zur Serie trotz meiner intensiven Pixies-, Darling-Buds-, Galaxie-500- und Lush-Phase* eine meiner meistgehörten CDs damals war.

Als Xiu Xiu ankündigten, mit ihrem "Xiu Xiu plays the music of Twin Peaks" auch nach Deutschland zu kommen, war das natürlich ein Fixtermin! Mit Xiu Xiu konnte ich bisher schon wegen der Diskussion um die richtige Aussprache nicht viel anfangen (meine Version "chu chu" mit gehauchtem "ch"-Laut, der aber etwas mehr "s" als das deutsche "ch" hat - für den Rheinländer gar nicht schwer darzustellen - hatte bisher meist zu "wer?" Rückfragen geführt). Aber auch die Musik ist mir eine Spur zu experimentell. Meine Versuche, damit warmzuwerden, scheiterten meist nach kurzen Tests.

Vor dem Stadtgarten war viel los. Im Keller (Studio 672) spielten Sarah and Julian. Trotzdem ging der Großteil der Leute in den Saal. Ich habe Xiu Xiu noch nie mit eigenen Sachen gesehen, weiß auch nicht, wie groß sie damit sind, für den vollen Konzertsaal war aber sicher Twin Peaks hauptverantwortlich. Der Raum war teilbestuhlt und bereits um zehn nach acht voll. Vor dem Konzert spielten zwei DJs Musik, die zu Xiu Xiu zu passen schien, darunter eine eigentlich abwegige Version von Liebe ohne Leiden.

Um zehn vor neun begann das Programm mit einem einzelnen, sich wiederholenden Ton. Drei Minuten lang. Welcome to Twin Peaks (Population 52,201).

Dann erschienen Jamie Stewart, Angela Seo und Shayna Dunkelman. Jamie nahm am Schlagzeug Platz, Angela am Keyboard und Shayna am Vibraphon. Der wabernde einzelne Ton wurde zunächst von einem Synthie, dann ein paar Vibraphon-Schlägen aufgenommen, um dann mit Piano, ein paar Becken und dem Vibraphon zu Laura Palmer's theme zu werden, dem herrlich düsteren Stück über die Tote im Plastiksack.

Leider sah man die Bäume auf der Leinwand nicht, die Bühne war zu hell erleuchtet. Die hohen Nadelbäume von Twin Peaks, die im Sägewerk der Stadt enden, wäre eine wundervolle visuelle Unterstützung gewesen. Aber im Raum hatte vermutlich eh jeder sein Twin Peaks so oft gesehen, daß der Vorspann im Kopf mitlief.

Auf den verschiedenen Twin Peaks Soundtracks, dem eigentlichen zur Serie, dem zur zweiten Staffel ("music and more"), zum Film (Fire walk with me) und in The Twin Peaks Archive gibt es einige Stücke, die Julee Cruise singt. Into the night folgte als zweites Lied des Abends, gesungen von Jamie Stewart. Das klang speziell - aber toll! Daß der Auftritt speziell würde, war keine Überraschung, die Originale sind es schließlich schon, die interpretierende Band ohnehin. Wie gut eine Stunde mit solch exzentrischer Instrumentalmusik aber sein könnte, hatte ich unterschätzt (auch wenn es drei Lieder mit Gesang gab, war der Gesang so überspitzt, daß auch die Stücke eher den Eindruck von Instrumental-Songs machten).

Bei Audrey's dance (Sherilyn Fenn!) spielten die beiden Frauen den Grundrhythmus und die sich wiederholende Melodie, während Jamie mit Mundharmonika, Vogelstimmenflöte zusätzliche Elemente zufügte.


Danach kamen die ersten Lieder, die nicht vom ursprünglichen Soundtrack stammen, Packard's vibration, Nightsea wind, das Doppel The pink room und Blue Frank. Das "play the Music of Twin Peaks" war also wirklich umfassend. Vom Soundtrack des Films stammte das zweite gesungene Lied Sycamore tree, in dem Jamie seine Stimme atemberaubend variierte! Das hatte viel Kabaretthaftes (ohne all dessen fiese Elemente). 

Es war erstaunlich, mit wie wenigen Mitteln, mit Keyboard, Synthie, Schlagzeug, Gitarre und Vibraphon, die Instrumentalstücke der Serie neu interpretiert wurden und dabei keinen Sekunde langweilig waren! Viele der Lieder sind in meinem musikalischen Gedächtnis fest verwurzelt, vermutlich war es aber auch für Twin Peaks Laien spannend.

Leider fehlte das andere grandiose Julee Cruise Stück (Nightingale), das eine kam kurz vor dem Ende, Falling. Ich hatte mich am Anfang des Konzerts gefragt, welche der beiden Musikerinnen denn dieses grandiose Lied (von dem es ein brillantes Locas In Love Cover gibt) wohl singen würde. Es war Jamie. Die Stimme des Frontmanns war dabei mal extrem hoch, dann wieder tief, es war eigenwillig aber wunderbar!

Nach dem Love theme from Twin Peaks wurde es noch einmal ganz besonders speziell. Shayna las ganz spärlich begleitet einen Eintrag aus dem geheimen Tagebuch von Laura Palmer vor (14.12.86). Dort schilderte sie einen Traum, in der ihr Bob erschien. Sie forderte ihn in dem mit theatralisch hoher Mädchenstimme vorgetragenen Text auf, sie in Ruhe zu lassen, im Traum und in der Realität. "I feel so alone, Laura"


In die letzten Worte fiel Jamie von hinten vom Schlagzeug ein und sang Mairzy doats, ähnlich durchgeknallt wie Lauras Vater in der Serie! Irre! Shayna-Laura schlug in der Stille danach ein Glöckchen, während sich Jamie einmal über die halbe Bühne an sie anschlich und auf einmal direkt neben ihr stand und mit klingelte! Ein Konzertende von Serienfans!

Setlist Xiu Xiu, Stadtgarten, Köln:

01: Laura Palmer's theme (Twin Peaks)
02: Into the night (Twin Peaks - Julee Cruise)
03: Audrey's dance  (Twin Peaks)
04: Packard's vibration (Season 2 music and more) 
05: Nightsea wind (The Twin Peaks Archive)
06: The pink room (Fire walk with me) / Blue Frank (The Twin Peaks Archive)**
07: Sycamore tree (Fire walk with me)
08: Harold's theme (Season 2 music and more)
09: Dance of the dream man
10: Falling (Twin Peaks - Julee Cruise)
11: Love theme from Twin Peaks (Twin Peaks)
12: Josie's past







* Hahaha! "Phase"!
** vermutlich


Dienstag, 28. April 2015

Tocotronic, Köln, 27.04.15

3 Kommentare

Konzert: Tocotronic
Ort: Stadtgarten, Köln
Datum: 27.04.2015
Dauer: etwa 95 min
Zuschauer: ausverkauft



Als Dirk von Lowtzow die letzte Zeile des besten Stücks der am Freitag erscheinenden neuen Tocotronic-Platte sang - "ich bin leicht zu haben" - antwortete jemand im Publikum "juchuuu!" Es war der schönste Moment des kleinen und schon dadurch besonderen Clubkonzerts der Band. Aber es war nicht der einzige Juchuuu-Augenblick. 

Tocotronic hatten sich für die kleine Tour zur Veröffentlichung des roten Albums in Köln den Stadtgarten ausgesucht. Zuletzt hatte ich die Hamburger Band im E-Werk gesehen und war nur halb angetan nach Hause gefahren. Wenigstens sagt mir das meine Erinnerung jetzt. Irgendwann habe ich einmal bemerkt, daß mir jedes zweite meiner Tocotronic-Konzerte Spaß gemacht hat, ich wollte also nicht schon vorher wissen, wie das Konzert im Stadtgarten sein würde und habe nicht nachgeguckt. Sicher weiß ich aber, daß das gestrige mein mit Abstand bestes von Tocotronic war, nicht nur, weil ein guter Teil des Sets aus alten Perlen bestand, sondern vor allem auch, weil das neue Album eine ganze Reihe künftiger Lieblinge ins Spiel bringt.

Um zwanzig nach acht begannen die vier Musiker ohne Vorgruppe. Nach zu theatralischer Einzugsmusik spielten sie die ersten beiden Lieder des roten Albums, Prolog, das bereits vor einigen Wochen als Single erschienen ist, und Ich öffne mich. Beim zweiten hatte ich fiese Assoziationen, die ich schnell verdrängen werde (bin schon dran, daher hier kein Wort dazu), Prolog überzeugte live sehr!

Mit Du bist ganz schön bedient von vor 20 Jahren beendeten Tocotronic schnell alle Gedanken, es könne ein reines Rotalbum-Promo-Konzert mit ein, zwei Hitzugaben sein. Es war ein im besten Sinne normaler Auftritt, nur eben in einem viel kleineren Rahmen als üblich. Und je länger es dauerte, umso ausgelassener wurde es. Ob die steigende Hitze die Leute in der Mitte zum Tanzen brachte oder das Tanzen die Saaltemperatur erhöhte? Ich weiß es nicht. Aber es wurde wärmer und bewegter, je näher sich Tocotronic dem Konzertende um fünf vor zehn näherten. 

Die anderen neuen Stücke - es waren insgesamt sechs im Programm - gefielen mir gut. Die nächste Single Die Erwachsenen mit singender Geige (leider nur von einer Gitarre nachgemacht. Oder vom Band) und vor allem Jungfernfahrt waren die besten neuen Lieder. Vor Rebel Boy erklärte Dirk von Lowtzow, die Welt habe das Album "das schwulste der Welt" genannt. Da sei wohl etwas dran. 

Die letzten 30, 40 Minuten - ab Mach es nicht selbst - waren phänomenal toll. Und zwischen all die Freiburgs und Mein Ruins passte eben auch Jungfernfahrt rein, als gehöre es schon ewig auf den Platz vor den Zugaben. 

Ein herrlicher Fast-Abschluß waren die My Bloody Valentine Momente bei Explosion, bevor Kapitulation pünktlich kurz vor zehn abschloß.

Hätte ich nicht gedacht, daß mich Tocotronic noch einmal so begeistern könnten. Aber das haben sie nachhaltig. Und das Album wird es wohl auch. Um den Typen im Publikum zu zitieren: "juchu!"

Setlist Tocotronic, Stadtgarten, Köln:

01: Prolog
02: Ich öffne mich
03: Du bist ganz schön bedient
04: Ich will für dich nüchtern bleiben
05: Hi Freaks
06: Die Erwachsenen
07: Aber hier leben, nein danke
08: Samstag ist Selbstmord
09: Die Grenzen des guten Geschmacks 2
10: Rebel Boy
11: Zucker
12: Mach es nicht selbst
13: This boy is Tocotronic
14: Jungfernfahrt
15: Freiburg

16: Mein Ruin (Z)
17: Let there be rock (Z)
18: Explosion (Z)

19: Kapitulation (Z)

rotes Album

Links:

- aus unserem Archiv:
- Tocotronic, Großpösna, 18.08.13
- Tocotronic, Erlangen, 11.04.13
- Tocotronic, Stuttgart, 12.03.13
- Tocotronic, Wien, 29.03.10
- Tocotronic, Köln, 04.03.10
- Tocotronic, Köln, 07.06.08
- Tocotronic, Hohenfelden, 17.08.07

Tourdaten Tocotronic:

28.04. München - Strom
01.05. Berlin - SO36 

01.08. Karlsruhe - Tollhaus 08.10. Leipzig – Haus Auensee 
09.10. Hannover – Capitol 
10.10. Erfurt – Stadtgarten 
11.10. Mannheim – Alte Feuerwache 
14.10. Saarbrücken – Garage 
15.10. Dortmund – FZW 
16.10. Bielefeld – Ringlokschuppen 
17.10. Hamburg – Sporthalle 
21.10. Bremen – Schlachthof 
22.10. Rostock – Mau Club 
23.10. Berlin – Columbiahalle 
06.11. Dresden – Alter Schlachthof 
09.11. Erlangen – E-Werk 
11.11. Köln – E-Werk 
12.11. Wiesbaden – Schlachthof 
13.11. Stuttgart – LKA Longhorn 
14.11. München – Zenithsfasfa



Freitag, 15. November 2013

Swim Deep, Köln, 12.11.13

3 Kommentare

Konzert: Swim Deep
Ort: Stadtgarten, Köln
Datum: 12.11.2013
Dauer: 45 min
Zuschauer: rund 150 



Vor einiger Zeit bekam ich von einem Freund einen Link zu einem Video geschickt. "Wird Dir gefallen!" King city von Swim Deep gefiel mir wirklich ausgezeichnet. Als ich dann beim zweiten Hören noch merkte, daß der Refrain "fuck your romance, I wanna pretend that Jenny Lee Lindberg is my girlfriend" lautet, verstand ich noch mehr, warum es mir gefallen sollte. Swim Deep schreiben nicht bloß wundervolle Indiepop Stücke, sie teilen auch meine Obsession für Warpaint (wobei ich nicht nur deren Bassistin bewundere). 

Danach hatte ich Swim Deep immer mal wieder aus dem Auge verloren, die Platte nicht oft gehört und auch vergessen, daß ich mir das Kölner Konzert ausgeguckt hatte. Mir fiel das irgendwann dieser Tage ein, am Nachmittag fiel spontan die Entscheidung gegen Telepathe aus Brooklyn im King Georg und für Swim Deep.

Daß das Konzert im Stadtgarten und nicht im Studio 672 stattfände, hielt ich für einen Druckfehler. Vielleicht hatte ich aber auch den großen Hype einfach nicht mitbekommen und der große Saal wäre berechtigt? Jedenfalls gab ich nichts auf den Ticketaufdruck und ging ins Studio, in dem es eine Abendkasse gab aber nicht mein Konzert. "Die spielen im Saal!"

Oben im Stadtgarten spielten bereits The Blackberries, die ich nicht sehen musste, weil ich sie schon mal als Those Dancing Days Support erlebt hatte. Auch nach der kurzen Umbaupause war der Saal wenig gefüllt, vielleicht waren 150 Zuschauer da, wahrscheinlich übertreibe ich.

Daß die Band aus den Midlands zu Beat it von Michael Jackson auf die Bühne kam, erscheint mir jetzt als schlechtes Omen. Das 45-minütige Konzert lief weitestgehend an mir vorbei, war mal nett, mal belanglos und viel zu selten richtig gut. Neben King city gefielen mir nur die beiden Singles Honey und She changes the weather gut. Der Rest (alle eigenen Stücke stammten vom Debüt Where the heaven are we) plätscherte so dahin - und vollkommen an mir vorbei.

Schlechtestes Lied im Set war aber ein fremdes: Cyndi Laupers Girls just want to have fun war leider gar nicht gelungen. Auch dieses Cover klang sehr leidenschaftslos, ein Eindruck, der sich bei mir durch das ganze Konzert zog. Und weil die Band so wirkte, ging auch an mir der Auftritt komplett vorbei. Aber das wird sich am Samstag ändern. Da sehe ich Warpaint - und Jenny Lee Lindberg. 

[Und dann gibt es auch wieder eine Bericht, der etwas mehr Herzblut enthält]

Setlist Swim Deep, Stadtgarten, Köln:

01: Francisco
02: Honey
03: Red lips I know
04: Make my sun shine 
05: Soul trippin'
06: The sea
07: Girls just want to have fun (Cyndi Lauper Cover)
08: Stray
09: She changes the weather
10: King city

Links:

- aus unserem Archiv:
- Swim Deep, Hyères, 28.07.13



Montag, 10. Dezember 2012

Locas in Love, Köln, 09.12.12

0 Kommentare
Konzert: Locas in Love Wintergala
Ort: Stadtgarten Köln
Datum: 9.12.2012  
Zuschauer: 300  
Dauer: 130 min



Die Locas in Love haben den kuschligsten Platz am warmen Kachelofen meines Herzens. Seit mir 2006 die CD Saurus von der VISIONS vorgestellt wurde, versuche ich diese Musik mit anderen zu teilen und komme dabei regelmäßig ins stottern. Ich habe deshalb Bedenken, ob ich es im Konzerttagebuch besser schaffe zu erklären, was an der Wintergala 2012 so besonders und schön war. Anhören bzw. dabeisein ist sowieso das beste. Aber man sollte doch in der Lage sein, zwei oder drei Sätze darüber sagen zu können, wieso einem Lieder so sehr gefallen und warum man sich Personen so eng verbunden fühlt, die man vorher noch nie getroffen hat?!

Die große Überraschung damals für mich war, dass man auf diese Art Musik mit deutschen Texten machen kann. Deutsche Texte gibt es auch anderswo sogar mit Indiemusik, aber die Locas erheben das understatement zur Kunstform. Die Aussage im gestrigen Konzert - wir sind eure Freunde - drückte tatsächlich nur aus, was auch die Platten und das Konzert gestern waren: ein Angebot unter aufmerksamen Freunden über das zu reden, worauf es im Leben ankommt. Auf deutsch vielleicht ohnehin direkter möglich als auf englisch, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Verblüffend ist wie bei den Locas aus alltäglichem die Poesie erwächst die furchtbares oder auch schönes zeigt.
Die Jahreszeit lädt ein zum Bilanz ziehen und auch zum zusammen- rücken um die Bilanzen miteinander zu teilen. Mancher braucht Trost, ein anderer einen Schubs in die richtige Richtung, der nächste muss großartige Neuigkeiten los werden. Die Locas haben nun schon zum fünften Mal eingeladen das gemeinsam zu tun. Tatsächlich war es die mir liebste Platte Winter, die vor vier Jahren den Anstoß gab, zu einer Wintergala einzuladen. Zusammen mit den Videos hat sie mich der Band noch näher gebracht. Und anscheinend ist es ein Konzept das gut zu dieser Band passt. Gestern jedenfalls fühlte es sich so an. Es war ein klares Gefühl da, hier willkommener Gast zu sein. Während der Eröffnung durch singende Matrosen standen Björn und Stefanie ganz in meiner Nähe im Publikum und freuten sich wie Kinder an der Performance. 


Während des Konzertes gab es viele Ansagen, die Lieder in einen Kontext stellten oder sie anwesenden widmete. Und live wurde das Material zum Teil sehr laut und sehr expressiv präsentiert. Zusammen mit der Präsenz von Björn was fürs Auge und fürs Ohr gleichermaßen. Sehr gefallen hat mir auch die Saskia am Schlagzeug, die sich beim allerletzten Song toll in Szene setzen konnte als das Schlagzeug während ihres Spiels abgebaut wurde. Ein großer Spaß aber auch eine tolle Leistung! Ich saß direkt vor Stefanie, die vielleicht die meisten verschiedenen Instrumente beisteuert und mit ihrer ruhigen Art ein Gegenpol zu Björn war. Eigentümlich, wie sie es schaffen, dass Björn im Zentrum steht und am meisten redet, aber doch die ganze Zeit der Eindruck besteht, dass die Musik der Locas eine gemeinsame Leistung ist.

Schöne Nebenmeldung dass die Feier gleichzeitig als kleine Lokale Konzerttagebuchweihnachtsfeier einen prima Dienst erwiesen hat und Christoph und ich mal wieder auf einem gemeinsamen Konzert waren, das uns beiden viel Spaß gemacht hat.

Leider kriegt die Deutsche Bahn kein Bienchen in ihr Bummiheft. Auf der zweistündigen Bahnfahrt von Karlsruhe nach Bonn hatten wir 50 min Verspätung und auf Rückfahrt deutlich über eine Stunde.
Der Stadtgarten hätte witterungsgemäß auch ein bißchen barmherziger sein können. Es goß zeitweise in Strömen während wir vor verschlossener Tür warten mussten bis zum avisierten Veranstaltungsbeginn.


In Erinnerung bleiben wird aber wohl nur das Glück des Abends und nicht der Stress ringsum.





Locas In Love, Köln, 09.12.12

1 Kommentare

Konzert: Locas In Love Wintergala
Datum: 09.12.2012
Ort: Stadtgarten, Köln
Zuschauer: vielleicht 250 (voll, vermutlich ausverkauft)
Dauer: Locas In Love 120 min, Rockaway Shanty Chor gut 20 min



Wenn eine Band sich enorm viel Mühe gibt, "ihr Hobby"* anderen nicht bloß vorzuspielen, sondern sich dafür einen besonderen Rahmen ausdenkt, ist es beruhigend, wenn dies auch angenommen wird, der Saal also voll ist. Locas In Love ist eine Band, die Konzerte aus Fansicht gestaltet und daraus immer wieder enorm liebevolle Abende macht. Als ich um kurz vor acht am Stadtgarten ankam, deutete allerdings nichts darauf hin, daß auch ihre diesjährige Wintergala diese Mühen lohnen würde. Keine zwanzig Leute warteten im strömenden Regen auf den Einlaß, obwohl das Programm früh beginnen sollte. Na toll.

Es fing rumpelig an, die Tür zum Stadtgarten wurde spät geöffnet, obwohl es draußen nicht nur nass sondern auch kalt war, ein typischer rheinischer Winterabend eben. Als wir im Foyer angekommen waren, standen wir vor der nächsten verschlossenen Tür, auch der Konzertsaal war noch tabu. Ein wenig galahafter Beginn, das Team des Stadtgarten schien ein wenig überfordert.

Als wir um kurz vor halb neun in den bestuhlten Saal durften, übernahm Locas in Form von Manager Benjamin und bat, Stühle einzunehmen, sofort aber wieder ins Foyer zu gehen, weil da das Vorprogramm beginnen sollte. 

Den Rockaway Shanty Chor, der sich im Vorraum aufgebaut hatte, hatte ich im vergangenen Oktober auch als Locas-Support erlebt. Die acht Musiker in Matrosenhemden singen ein Programm aus Seefahrerfolklore und umgetexteten Rock- und Punkliedern. Ich habe mit Matrosenromantik nichts am Hut (oder Käppi), mag aber diesen Chor enorm gerne! Aus Elvis' Viva Las Vegas wird ein geschmettertes Es lebe Ostfriesland oder aus dem scheußlichen Highway to hell Fahrwasser zur Hölle, das hat enorm viel Charme und macht sehr großen Spaß. Das abschließende Stück mit dem Refrain Kleine Möwe flieg zum Eigelstein war ein ganz besonderer Knüller! Dem Rockaway Shanty Chor hätte ich liebend gerne noch eine ganze Weile länger zugesehen!

Zurück im Saal dauerte es keine zehn Minuten, bis der Hauptteil der Gala begann. Es ist nicht lange her, daß ich die Kölner Band zuletzt gesehen habe, es war im Mai diesen Jahres in Wiesbaden. Aber es ging mir ja auch nicht um die großen Überraschungen, es ging mir um einen schönen Konzertabend in familiärer Umgebung.

Glücklicherweise war es nicht mehr so schrecklich familiär, als es losging. Der Saal war von einer Minute auf die andere voll geworden. Schön an Konzerten der Kölner ist aber, daß sie sich trotzdem so anfühlen, als spielten Björn, Stefanie, Saskia und Niklas vor einer Handvoll Freunde. Sänger Björn erklärt viele der Stücke, er tut dies aber so, wie man einem Gesprächspartner etwas sagt, nicht als Ansage, das ist toll! Als er das Konzert mit "wir sind eure Freunde" beendete oder sich dafür bedankte, daß wir ihr Hobby unterstützen, war dies keine Spur gekünstelt.

Das Programm hatte den Schwerpunkt Winter. Viele der Lieder stammen von der gleichnamigen Platte von 2008. Passend dazu lief im Bühnenhintergrund "Leichen pflastern seinen Weg" mit Klaus Kinski als Cowboy in einer Schneelandschaft. Manchmal gab das wundervolle Nebeneffekte: als bei der Zeile "das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug" Kinski in Nahaufnahme irre in den Konzertsaal blickte zum Beispiel, oder als beim vorletzten Stück der Abspann hinter den Musikern lief. Das hätte man kaum besser choreografieren können!

Der Abend war wirklich schön, ein paar Momente ragten aber heraus. Auto destruct, Über Nacht ist ein ganzer Wald gewachsen, Sachen (insbesondere der Bass!) und das neue Wer weiß, wer weiß, wer weiß, vielleicht, vielleicht, vielleicht waren die besten Stücke, die selbstgebackenen Plätzchen das beste (kostenlose) Merch des Jahres. Am meisten freuten mich aber die kleinen Umdichtungen, die irgendwie typisch für die Herangehensweise der Band an ihre Musik sind. Da hieß es bei Mabuse zum Beispiel plötzlich "dieses verdammte Rheinland..." Und die Zeile mit dem zugefrorenen Aachener Weiher in Wintersachen wurde angepasst, der war schließlich zwei Jahre vor dem Album gefroren, Björn sang also "vor sechs Jahren war der Aachener Weiher zugefroren."

So mag ich das. Ich brauche keine fliegenden Schlagzeuge oder 25 köpfige Tanzgruppen auf der Bühne. Lebkuchenkamele und solche kleinen Nettigkeiten machen ein Konzert besonders. Schön, daß das offenbar auch viele andere so sehen!

Setlist Locas In Love Wintergala, Stadtgarten, Köln:

01: Packeis
02: ?
03: Manifest
04: Eissturm
05: Über Nacht ist ein ganzer Wald gewachsen
06: Bushaltestelle
07: Maschine
08: Wer weiß, wer weiß, wer weiß, vielleicht, vielleicht, vielleicht (neu)
09: Wintersachen
10: ICE Wilson Bentley
11: Roder
12: Auto destruct
13: Sachen
14: Zum Beispiel ein Unfall
15: Monkey
16: Nein
17: Una questa
18: Mabuse
19: To get things straight
20: Egal wie weit

21: Eulen (Z)
22: Saurus (Z)
23: Spoiler warning (Z)
24: An den falschen Orten (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Locas In Love, Wiesbaden, 04.05.12
- Locas In Love, Köln, 02.10.11
- Locas In Love, Köln, 24.10.10
- Locas In Love, Köln, 30.11.08
- Locas In Love, Frankfurt, 20.10.07
- Locas In Love, Köln, 19.08.07

* laut Sänger Björn
 


Mittwoch, 18. Januar 2012

Entertainment For The Braindead, Köln, 17.01.12

4 Kommentare

Konzert: Entertainment For The Braindead (Cologne Music Week)
Ort: Stadtgarten Restaurant, Köln
Datum: 17.01.2012
Zuschauer: 150 ca.
Dauer: 60 min


Für Konzertjunkies wie uns bringt die jahrealte Krise der Musikbranche durchaus Vorteile; Bands touren häufiger, denn Konzerterlebnisse kann man nicht downloaden und auf dem Schulhof austauschen. Und häufig tourende Bands sind eine gute Sache, Konzertgänger also Krisengewinnler. Die vierteljährlichen Besuche der Pains Of Being Pure At Heart in Köln sind ein Running Gag bei uns, aber auch viele andere nordamerikanische Bands sind ganz regelmäßig in Europa zu finden (die Pains sind natürlich auch wieder einmal da, leider gerade nur in Belgien und Frankreich).

Die Cologne Music Week passt da vermutlich nur zum Teil ins Bild, sie hat sich der
Nachwuchsförderung verschrieben. Das Ergebnis ist allerdings das gleiche: es gibt noch mehr Möglichkeiten, extrem früh im Jahr tolle Konzertabende zu erleben. Bis Ende der Woche findet die vierte Ausgabe des Festivals statt, mit Künstlern mit regionalem Bezug, die an verschiedenen Orten in Köln auftreten. Entertainment For The Braindead ist aus unserer Sicht keine Nachwuchskünstlerin mehr, weil wir seit 2009 über einige Konzerte der Kölnerin (Julia Kotowski, die sich hinter dem Bandnamen verbirgt) gesehen haben. Unsere gemeinsame Geschichte fing schrecklich charmant an (hier nachzulesen) und führte zu zwei Auftritten der Musikerin in Olivers Wohnzimmern (hier und hier).

Julias Stücke sind sehr filigran und ruhig und erfordern Aufmerksamkeit. Einen zusätzlichen Reiz beziehen sie aus ihre
Instrumentierung und der eingesetzten Looptechnik. Das Loopen ist seit einigen Jahren in der Indiebranche fast so verbreitet wie Saxophone in den 80ern, im Gegensatz zu den Blechquäken kommt dabei aber in der Regel nur Gutes raus. Julias Geloope ist ganz besonders eindrucksvoll. Wenn die Sängerin sich selbst begleitet, aus ihrer geloopten Stimme einen Chor erschafft, durch Geklopfe auf der akustischen Gitarre ein elektronisch klingender Rhythmus entsteht, ist das schon phänomenal gut.

Dummerweise ist ein Restaurant mit angeschlossener Bar nicht die richtige Umgebung für ein solches leises und Konzentration benötigendes Konzert - was ich eigentlich vorher hätte wissen können. Es herrschte also ein furchtbar lauter Hintergrundlärm-Pegel, das übliche Gemurmel von angeregten Gesprächen, umfallenden Flaschen, Essgeräuschen, lachenden Menschen das es mir fast durchgängig schwer
machte, mich auf Julias Stimme zu konzentrieren, um überhaupt etwas vom Konzert mitzubekommen. Jaja, hätte ich wissen können.

Meine Lieblingsszene in dem Zusammenhang passierte, nachdem ein Mann sich an einem der Tische vorbeidrängte und dabei erst ein, dann erst eins, dann ein paar
weitere Gläser umriss, die laut klirrend kaputtgingen. In Konzertsälen wären rote Köpfe und schnelle Schadensbegrenzung Folge gewesen. Hier johlte ein Typ, der fünf Meter entfernt stand, laut und spendete Applaus, bevor er sich wieder zu seinen Freunden umdrehte, um sich weiter zu unterhalten. Wo ich gerade schon dabei bin... meine liebsten Ignoranten bei Konzerten sind die Typen, die laut quatschen, mit dem Rücken zur Band stehen (weil sie sich ja unterhalten), dann aber laut klatschen, wenn das Lied vorbei ist. Warum eigentlich? Damit sie hinterher glauben, bei einem Konzert gewesen zu sein? Ich werde diese coolen Menschen nie verstehen, fürchte ich.

Das Ergebnis war jedenfalls, daß Julia für die Zuschauer unmittelbar vor ihr gut zu verstehen gewesen sein wird, der Rest, der so weit weg stand wie ich, musste sich höllisch konzentrieren, um etwas mitzubekommen.

Ich kannte bei weitem nicht alle Lieder des Abends, mir ist zum Beispiel eine EP durchgerutscht, die Entertainment For The Braindead nicht auf dem Netlabel aaahh-Records veröffentlich hatte. Julia Kotowski spielte aber auch neue Stücke, die sich vor ihren älteren Geschwistern absolut nicht verstecken mussten. Neben den alten Lieblingen Resolutions und Animals gefielen mir insbesondere das erste Lied
Lighthouse mit seinem geloopten Gesang und das folgende Symbiosis, dessen Beat sensationell war! Der Rhythmus erinnerte mich an Depeche Mode Stücke (an Personal Jesus, denke ich) oder an... Portishead, wobei mir diese Erleuchtung erst kam, als Julia ein Cover der Engländer spielte (und ihre The rip Version war so wundervoll entrückt, daß ich hin und weg war).

Entertainment For The Braindead spielte eine Stunde. Blende ich die Umstände aus, war das Konzert vorzüglich - bei Bands, die mir egal sind, wäre ich allerdings sicher nach zwei Liedern gegangen. Im März kommt Julia, die mittlerweile in Berlin lebt, erneut nach Köln und spielt in sicher aufmerksamerer Umgebung. Schön!

Setlist Entertainment For The Braindead, Cologne Music Week, Stadtgarten, Köln:

01: Lighthouse
02: Symbiosis
03: The cold
04: A trace
05: A smile
06: Resolutions
07: It flew away
08: The rip (Portishead Cover)
09: ?
10: City
11: Animals
12: Blank

Links:

- aus unserem Archiv:
- Entertainment For The Braindead, Köln, 12.08.09
- Entertainment For The Braindead, Westfalde, 26.07.09
- Entertainment For The Braindead, Köln, 25.07.09
- Entertainment For The Braindead, Köln, 21.07.09
- Entertainment For The Braindead, Köln, 12.06.09
- Entertainment For The Braindead, Paris, 18.01.09



Donnerstag, 20. Oktober 2011

Ane Brun, Köln, 19.10.11

2 Kommentare


Konzert: Ane Brun

Ort: Stadtgarten, Köln
Datum: 19.10.2011
Zuschauer: nahezu ausverkauft
Dauer: Ane Brun 115 min, Linnea Olsson 25 min


Es war irgendwie nicht mein Konzert, dieser Auftritt von Ane Brun im Kölner Stadtgarten. Ich mag die in Schweden lebende Norwegerin gerne und hatte vor Jahren ein sehr gutes Konzert von ihr im kleinen Blue Shell erlebt. Dazu kam die dringende Empfehlung aus Paris, Ane Brun auf keinen Fall bei ihrer diesjährigen Tour zu verpassen, ich hatte also durchaus Vorfreude.

Der Stadtgarten war gut gefüllt, als ich um neun ankam. Mein Timing war perfekt, eine junge Frau hatte sich auf der Bühne gerade hingesetzt und ihr Cello ergriffen. Daß die Schwedin Linnea Olsson heißt, hatte ich vorher gelesen, ihre Musik kannte ich nicht. Was die junge Musikerin dann bot, überraschte mich wohltuend. Das erste Stück war noch instrumental. Als Linnea das zweite Lied als eines über eine Biene, ein Pferd und eine Bucht ankündigte, wollte ich mich schon darüber lustig machen, daß ein Instrumental-Stück von irgendetwas handele. Das versaute die Sängerin aber dadurch, daß sie sang. Linneas Stimme ist ganz ausgezeichnet und taugte enorm viel für die Musik, die sie vortrug. Eine Popstimme, vollkommen unanstrengend, die gemeinsam mit dem Cello tolle Lieder erzeugte. Teile der eingespielten Cello-Passagen loopte die Schwedin, mit dem gewohnt guten Effekt, daß dadurch Tiefe entstand.

Am besten gefielen mir das letzte Stück (Dinosaur) und das Lied ihrer Band Paintbox, bei dem das Cello nach Metallica klang!

Linneas 25 Minuten waren angenehm und kurzweilig, ein sehr guter Support.

Der folgende 20 minütige Umbau bestand vor allem aus Feintuning, denn das Grobe war bereits vorher aufgebaut, Linnea Olsson brauchte ja nicht viel Platz. Die wichtigste Vorbereitung schien mir die medizinische Versorgung an der rechten Keyboard Station zu sein. Beim Verteilen der Setlisten und Handtücher stellte der Gitarren- und Lichtmann zwei Suppenterrinen voll Tee zum Keyboard. Auf den Tasten lagen schon Hustenbonbons.

Eine Viertelstunde vor dem zu erahnenden Beginn erlebte der Saal eine fiese deutsche Unsitte, das Herbeiklatschen einer Band. Ich bin der Meinung, daß ein Musiker gefälligst selbst entscheiden können soll, wann er bereit für ein Konzert ist. Ich stelle mich auch nicht vor einen Supermarkt und nötige die Angestellten klatschend herbei, weil es mir gerade passt. Welch ein unverschämt-arrogantes Verhalten! Schade, daß Ane Brun zu (skandinavisch) höflich ist und mitmachte. Mir hätte gefallen, wenn sie aus Trotz eine halbe Stunde hinten geblieben wäre.

Bevor aber Ane Brun erschien, hatten ihre fünf Begleiter ihre Plätze eingenommen. Zur aktuellen Band gehören neben Linnea (Cello, Bass und Gesang) Jenny Abrahamson (die Teeliebhaberin), Ole Hultgren und Per Eklund (beide an Schlagzeugen) und Martin Hederos (denke ich) am Piano. Ane, deren extravaganten Kleidungsstil ich bereits im Blue Shell erlebt hatte, trug ein schwarzes Cape, die Kapuze über dem Kopf. Als sie das später ablegte, kam darunter eine hellblaue Bluse und eine hochgezogene Hose zum Vorschein.

Bei den ersten Liedern sang Ane Brun nur, erst ab Worship griff sie zur Gitarre. Wenn sie nur sang, tanzte die Norwegerin über die Bühne, was immer wieder an orientalischen Tanz erinnerte.

Den Liedern gemein war, daß sie satt instrumentiert waren. Das, was bei der letzten Anna Ternheim Tour mehr und mehr mißfiel, nämlich die donnernden Schlagzeuge, die mangelnde Imtimität der Musik, passte hier vermutlich besser, trotzdem assozierte ich damit den eher mäßigen Auftritt von Anna Ternheim (deren Konzerte sonst uneingeschränkt großartig sind) in Haldern vor zwei Jahren. Es gab heute Lieder, bei denen drei Musiker trommelten (auch Jenny hatte eine Trommel neben ihrem Keyboard). Bei rockigeren Bands mag ich treibende Trommelrhythmen gerne. Hierbei war es mir zu viel. Besonders
Do your remember vom neuen Album, das ich bisher nicht kannte, verkam dadurch zu einer Folkversion von Dario Gs Carnaval de Paris, puh, das war nichts für mich.

Andere Lieder gefielen mir sehr gut, es waren aber vor allem die leiseren Stücke. Ganz wundervoll war zum Beispiel Lifeline, das Ane auf einer kleinen Gitarre spielen wollte, die unverstärkt blieb. Sie machte ein paar Verrenkungen, um das Gesangsmikro für Stimme und Gitarre zu nutzen, musste aber vor der letzten Strophe abbrechen, weil eine feiste Rückkopplung das so wollte. Toll auch To let myself go mit herrlichem Parallel-Glockenspiel der beiden Schlagzeuger oder Words.

Aber trotz dieser Hits und trotz meiner Nähe zu ihrer Musik, fehlte mir heute der Zugang. Oder weniger musikjournalistisch ausgedrückt, ich langweilte mich immer mal wieder und sah oft auf die Uhr. Das ist ein weitestgehend unberechtigtes Jammern, weil der restliche Saal verzückt aussah, aber das Konzert packte mich nun einmal nicht, zumindest nicht durchgängig.

Gegen Ende (dachte ich!), als die Zugaben begannen, klappte es deutlich besser, und ich genoss diese Phase. Weil der Zugabenteil etwa 50 Minuten (!) dauerte, hatte ich viel Zeit zum Genießen. Eröffnet wurden die Zugaben von einen sehr leisen Alphaville Cover Big in Japan (sehr schön!), später folgte mit
Du gråter så store tåra ein Stück in ihrem westnorwegischen Dialekt und das schöne The light from one, daß in minutenlangen Synchrontrommeln der Schlagzeuger mündete, als der Rest schon verschwunden war.

Also Ane Brun für die letzte Zugabe Undertow noch einmal wiederkam, sang sie mir mit der Textzeile "I'm so tired" aus der Seele.

Nicht mein bestes Ane Brun Konzert, aber auch kein Grund, es nicht noch einmal zu versuchen. Donnerstag ziehe ich aber laute Gitarren und keine Zugaben vor.

Setlist Ane Brun, Stadtgarten, Köln:

01: These days
02: One
03: Worship
04: Words
05: To let myself go
06: The puzzle
07: This voice
08: Don't leave
09: Oh love
10: Dirty windshield
11: Lifeline
12: Humming one of your songs
13: What's happening with you and him
14: Do your remember

15: Big in Japan (Alphaville Cover) (Z)
16: Changing of the seasons (Z)
17: Du gråter så store tåra
(Z)18: Balloon ranger (Z)19: The light from one (Z)

20: Undertow (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:
- Ane Brun, Paris, 15.10.11
- Ane Brun, Paris, 17.11.09
- Ane Brun, Paris, 19.04.08
- Ane Brun, Köln, 14.04.08
- Fotos hier




Dienstag, 22. März 2011

The Low Anthem, Köln, 20.03.11

2 Kommentare

Konzert: The Low Anthem

Ort: Stadtgarten, Köln
Datum: 23.03.2011
Zuschauer: gut gefüllt, aber nicht eng, so ca. 300
Konzertdauer: 90 Minuten (30 Minuten The Head And The Heart)


Erst kürzlich habe ich zum Ausdruck gebracht, daß wir uns über Gastartikel, vor allem auch unaufgefordert zugesendete, sehr freuen. Nun überbringt uns der gute Uwe seine Eindrücke vom Konzert von The Low Anthem in Köln. Wir bedanken uns vielmals!

Konzertbericht von Uwe:

Nach dem Überkonzert im letzten Jahr war meine Erwartungshaltung natürlich - trotz aller Versuche den Ball flach zu halten - gigantisch groß. Aber das sind Low Anthem eben auch. Zwar konnten sie den Eindruck des letzten jahres diesmal nicht toppen, aber sie kamen schon ganz nah dran. Alles was man kennt und liebt war wieder da, Instrumente sogar noch mehr als beim letzten mal (wenn die so weiter machen enden sie als herumziehendes Instrumentenantiquariat). Einstieg wieder im Kreis ums Mikro mit "Ghost Woman Blues", aber schon recht früh wurde der Set gut durchmischt mit altem Material und Coverstücken. Und dazwischen alle Hits vom donnernden "Home I'll Never Be" bis zum hymnischen "This God Damn House" und wieder zurück zu "Boeing 737". Der Handytrick mutiert so langsam zum Rocky Horror Picture Kult, mittlerweile gibt es etliche die beim fröhlichen Rückkoppeln mitmachen. So richtig fest nach Setlist geht es nicht, besonders gegen Ende wurde das nächste Stück spontan ausdiskutiert. Sehr schön zum Schluss als alle schon ums Mikro standen und anfangen wollten, dann der Zwischenruf "Song Bird", Gelächter der Band. Nächster Zwischenruf "Ticket Taker". Ok, alle wieder weg, Instrumente wechseln und los, you get what you ask for.

Das Publikum war mehr als begeistert, donnernder Applaus und andächtige Stille wechselten sich ab. Zur Zugabe dann die Titelstücke der Alben hintereinander, zuerst "Smart Flesh" und danach "Charlie Darwin". Und dann war leider Schluss, der anhaltende Applaus wurde nach einigen Minuten mit Licht und Musik abgewürgt. Eine Band für die Ewigkeit - wie hat es ein Freund mal gesagt (bei einer anderen Band): Denen würde ich auch stundenlang beim Stimmen zuhören.

Etwas milde Kritik: Jeff klebte im ersten Teil des Sets hinterm Schlagzeug und kam erst sehr spät aus der Ecke zum Kontrabass. Ben spielt kein Schlagzeug mehr, vielleicht wollen sie dem kreativen Chaos langsam etwas gegensteuern (wobei Jocie und Matt das wohl verhindern werden). Sehr wenig Crotales (dafür jetzt auch Hackbrett). Nicht besonders toll abgemischter E-Bass. Aber: Das ist Jammern auf äußerst hohem Niveau!

Die Vorband (The Head And The Heart): Erstes Konzert auf der Tour mit LA, erstes Konzert in Europa, hypernervös. Aber ganz schön, kam nicht so toll wie Brown Bird letztes Jahr, könnte aber noch was werden. Folk-Pop, hat mich stellenweise etwas an die seligen Dexys erinnert (wohl wegen der Geige). Leider ist der Schlagzeuger (optisch 1a Muppet Show) eindeutig zu laut und ballert oft die akustischen Instrumente zu. Und mit Flummi-Sängerin/Geigerin.

Aus unserem Archiv:

The Low Anthem, Wien, 18.08.10
The Low Anthem, Ottersum, 05.02.10
The Low Anthem, Paris, 26.09.09
The Low Anthem, München, 15.09.09

Anmerkung: die tollen Fotos stammen von Robert Loerzel, Chicago, und sind urherberrechtlich geschützt.



Dienstag, 22. Februar 2011

Edwyn Collins, Köln, 21.02.11

1 Kommentare

Konzert: Edwyn Collins
Ort: Stadtgarten, Köln
Datum: 21.02.2011
Zuschauer: sehr gut besucht, fast ausverkauft
Dauer: 80 min


Im vergangenen Jahr bereitete mir Edwyn Collins ein unerwartetes Konzerthighlight. Mehr aus Neugierde als aus echtem Interesse hatte ich dem Schotten beim Bowlie 2 Festival zugesehen, zumindest am Anfang, denn ganz schnell hatte mich die lange nicht mehr gehörte Musik des sympathischen Künstlers gepackt und mir ein wundervolles Konzert geschenkt.

Vorher hatte ich auch das Kölner Konzert des Schotten nicht auf dem Schirm, ich hatte nicht mitbekommen, daß es verlegt wurde, ich hatte ja auch kein Interesse, hinzugehen. Aber der überzeugende Auftritt in einem nach Curryketchup stinkenden Animationssaal des Ferienclubs in Minehead hatte mich eines Besseren belehrt, also wurde der Abend im Stadtgarten zum Pflichttermin.

Als wir um halb neun in den Saal kamen war der deutlich besser gefüllt, als ich erwartet hatte. Die Altersstruktur des Publikums erfüllte dann aber wieder meine Vorurteile; es war eben wie so oft: Zuschauer und Musiker waren etwa gleich alt.

Nach einer netten örtlichen Vorgruppe, die nach eigener Einschätzung eine große Nummer in London ist, spielte Edwyn Collins mit illustrer Vorgruppe gut 80 Minuten Stücke seines neuen Albums und seiner alten meist aus der Orange Juice Zeit stammenden Lieder. Natürlich wusste ich vorher, daß das einmalige England Erlebnis mit Teenage Fanclub als Begleitband und Gastauftritten von Ryan Jarman, Alex Kapranos und Nick McCarthy nicht erreicht werden könnte. Aber auch ohne diese ganz besonderen Momente war das Konzert ausgezeichnet.

Entgegen unseres Eindrucks beim Umbau wurde die Vorgruppe nicht zur Begleitband des Schotten. Die in London lebenden Musiker hatten die Instrumente noch montiert und gestimmt, überliessen die Plätze dann aber einer anderen Truppe. Boz Boorer, der Morrissey Gitarrist und Songwriter, war nicht in der Band. B
ei Edwyn Collins' Auftritt in der Harald Schmidt Show vor ein paar Wochen hatte der Rockabilly Musiker noch Keyboard und Saxophon gespielt, heute übernahm ein anderer Mann diese Position, Sean Read, glaube ich. Die Band bestand weiterhin aus den Gitarristen Andy Hackett und Tom Edwards*, Bassist James Walbourne und vermutlich - ich konnte ihn leider nicht richtig erkennen, meine aber sein Gesicht ausgemacht zu haben - Paul Cook (Sex Pistols) am Schlagzeug. Auffälligste Figur im Lineup war sicher Gitarrist Andy Hackett, dessen Haarpracht eine Hommage an Andy Brehme und den jungen Rudi Völler zu sein schien.

Auch wenn es nicht die Allstar Band des Bowlie Wochenendes war, machten Edwyns Mitstreiter einen sehr souveränen Eindruck, es war also keine Verlegenheitstruppe, die er für die Deutschland-Tour zusammengestellt hatte.

Edwyn selbst saß auf einer Box hinter einem Notenständer. Er kündigte die Songs kurz an, meist nur durch Namensnennung, manchmal aber mit einem weiteren Satz ("das war meine erste Single..."). Wenn er dann singt, ist von der langsamen Sprache bei den Ansagen nichts mehr da, gerade bei dem tausendfach hoch- und runtergenudelten A girl like you fiel mir auf, wie unverändert Edwyns Gesang dabei ist. Phänomenal, wie sich dieser Mann zurück auf die Bühne gekämpft hat!

Ich muß gestehen, daß ich Edwyns letzte Platte Losing sleep so sehr mag, daß seine älteren Stücke in meiner Gunst ein paar Schritte zurück gemacht haben. Umso größer war allerdings das Risiko, wie die diversen Duette der Platte ohne ihre Gastsänger funktionieren würden. Oder mit Edwyns Worten vor It dawns on me: "Ryan from the Cribs isn't here. But James on bass can sing it, too."** James klang zwar erst sehr zurückhaltend, fast schüchtern, bekam das Lied aber gut in den Griff - ein Highlight!

Bei What is my role?, dem größten neuen Hit, fehlte mir bei den Soloparts Ryan Jarman schon mehr. Aber als dann alle einsetzten, das Lied immer lauter wurde, war das verziehen, und What is my role? für mich der größte Knüller des Abends.

Weitere Höhepunkte waren Humble, Rip it up, Do it again (das Franz Ferdinand Cover...) oder Dying day. Beendet wurde das Set aber mit dem offiziell größten Hit A Girl like you, zu dem Edwyn aufstand. Nach dem Ende seines Singparts ging er langsam von der Bühne, während die Band noch spielte. Beim Fußball ist das das Auswechseln des Stars in der 88. Minute.

Die erste Zugabe bestritten nur Edwyn und Bassist James an der akustischen Gitarre. Das war schön, spektakulär wurde es aber noch einmal danach. Es kam nämlich ein sehr junger Mann auf die Bühne, der einen bunten Anorak mit Fellkragen trug und wie eine Mischung aus Mike Skinner und Edwyn Collins aussah: Edwyns Sohn Will. Gemeinsam sangen die beiden In your eyes, was trotz merkbarer Nervosität des jungen Collins sehr schön und sehr rührselig (aber nicht kitschig) war!


Setlist Edwyn Collins, Stadtgarten, Köln:

01: Losing sleep
02: Dying day (Orange Juice)
03: What presence!? (Orange Juice)
04: Make me feel again
05: Consolation prize (Orange Juice)
06: It dawns on me
07: Wheels of love
08: Home again
09: Humble
10: What is my role?
11: Rip it up (Orange Juice)
12: Falling and laughing (Orange Juice)
13: Do it again
14: Don't shilly shally
15: A girl like you

16: Searching for the truth (Z)
17: In your eyes (Z)
18: Blue boy (Orange Juice) (Z)

Links:

- Edwyn Collins, Bowlie 2, 11.12.10

* glaube ich (nach einem "Tom Edwards" zu googlen ist ein Traum)
** dabei singt Romeo von den Magic Numbers das Original





Mittwoch, 9. Februar 2011

Twin Shadow, Köln, 08.02.11

6 Kommentare

Konzert: Twin Shadow
Ort: Stadtgarten, Köln
Datum: 08.02.2011
Zuschauer: sehr viele (Saal fast voll)
Dauer: Twin Shadow 50 min, Tellavision 40 min


Gar nicht schlecht, dieser Abend im Kölner Stadtgarten... Obwohl Twin Shadow kräftig gehypt wird, ist der New Yorker Musiker George Lewis jr. bisher an mir vorbeigegangen; scheinbar bin ich gerade zu träge, den Säuen hinterherzurennen, die durch die umliegenden Dörfer getrieben werden, auch James Blake z.B. nehme ich bislang nicht wahr. Aber - das predigen wir hier regelmäßig: warum vorher die Platte hören, wenn man eine Band auch live kennenlernen kann. Für die Konserve bleibt schließlich hinterher genug Zeit.

Bevor allerdings dieser Test stattfand, spielte ein erstaunlich gutes Vorprogramm: Tellavision, eine junge Musikerin aus Hamburg, die mit allerlei Instrumenten und einer Loopmaschine sehr gute Lieder zusammenbastelte. Dieses Liveerzeugen von Samples, die immer wieder wiederholt werden und nach und nach ein Lied ergeben, ist nicht mehr unbedingt originell, viele Künstler bedienen sich dieses raffinierten Hilfsmittels. Wir haben einige Male darüber geschrieben, bei Owen Pallett, Entertainment For The Braindead oder Dear Reader zum Beispiel. Originelle Technik oder nicht, das Live-Loopen macht mir immer wieder Spaß, weil es etwas zu sehen gibt. Besonders gut gefielen mir die exotischen Instrumente, die geloopt wurden und dadurch ganz neu klangen, die gesampleten Kalimba- und Mundharmonika-Töne hatten eine Menge Pepp!

Es gab zwar ein paar kleinere Pannen, einen Neustart, weil die Künstlerin mit ihrem Geloope nicht zufrieden war, oder ein versehentlich mitaufgenommenes Drumstick auf Tisch-Geräusch, was dann zigmal wiederholt wurde. Oder die Frisur der Musikerin. Aber auch diese kleinen Pannen waren sehr charmant und versauten
nicht den positiven Gesamteindruck, denn die Lieder der Hamburgerin mit ostwestfälischem Migrationshintergrund waren abwechslungsreich und packend!

Frisuren waren auch das Motto der Hauptgruppe, das ahnte man schon, als George Lewis jr. und sein Schlagzeuger kurz vor Beginn des Konzerts letzte Soundchecks
durchführten. Wenn man New Yorker Bands vorgestzt bekommt, erwartet man Nachhilfe in Sachen Stil. George und seine drei Begleiter enttäuschten da schon einmal keinesfalls. Während der Sänger (und Gitarrist) George vor allem durch viele und hohe Haare auffiel, waren die drei anderen durchweg hip. Die Keyboarderin (Wynne Bennett) hatte ein kurzes schwarzes Cape über einem Blumenröckchen an und trug ein (Luftwaffen?-) Schiffchen auf dem Kopf. Das Hemd des Schlagzeugers war sicherlich auch der letzte New Yorker Modeschrei, auch wenn ich nicht den Mut hätte, so etwas zu tragen. Am coolsten wirkte aber der Bassist der Band, der sich mit Jeans, T-Shirt mit sehr kurzen Ärmeln und dicker Brille zwar ein Mittlerer Westen Outfit verpasst hatte, damit aber vermutlich der große Hippster ist. Und er glich Prinz Carl Alexander v. Hohenzollern (ehemals Metzen).

Musikalisch war ich vollkommen unbefleckt; ich kannte ein Lied der Band. Was wir in den folgenden fünfzig Minuten geboten bekamen, rechtfertigte den Ausflug aber sehr. Die wenigen Beschreibungen vorher hatten mich eigentlich schaudern lassen, in denen kamen nämlich viel zu oft "Glam", "80s" und "Wave" vor. Die treibenden Rhythmen und das wundervolle Keyboard (das Instrument) erzeugten bei mir eher Assoziationen zu Dream Pop, wie ihn die Pains Of Being Pure At Heart wieder hochaktuell gemacht haben. Dazu Georges hervorragende Stimme - das machte schon sehr viel Spaß! Auch die Band schien den zu haben, der charismatische Sänger redete viel und bot auf Anfrage aus dem Saal schließlich an, am Merchtisch auch Unterwäsche zu verkaufen (erstaunlich viele Leute suchten anschließend den Weg zum Verkaufsstand).

Nur ein Lied war fies: When we are dancing, das als drittes gespielt wurde. Ich hörte
neben mir nur noch ein "das meint der jetzt nicht ernst?!" Das Lied wäre eine perfekte Traumschiff-Melodie und stach aus dem sonst sehr hörenswerten Set heraus.

Der Abend hat viel Spaß gemacht, viel mehr, als ich eigentlich erwartet hatte. Aber das ist ja das Schöne an musikalischen blind dates - und jetzt kaufe ich wahrscheinlich auch die Platte.



Montag, 14. September 2009

Anna Ternheim, Köln, 13.09.09

4 Kommentare

Konzert: Anna Ternheim akustisch
Ort: Stadtgarten Köln
Datum: 13.09.2009
Zuschauer: fast voller Saal
Dauer: knapp 95 min


In einem Interview hatte uns Anna Ternheim gesagt, daß es ihr wichtig sei, den Besuchern ihrer Konzerte Abwechslung zu bieten. Wir hatten sie zuletzt einige Male mit Band und mit immer stärker instrumentierten Versionen ihrer Lieder des aktuellen Albums erlebt. Für mich vollkommen überraschend kam kurz nach ihrem Haldern-Auftritt die Ankündigung einer kurzen Akustik-Tour. Erste Station war heute der Kölner Stadtgarten.

Als der kühlere Saal endlich geöffnet wurde - der Vorraum hatte wohl nocht nicht gemerkt, daß der Sommer vorbei ist - war bereits alles für die akustische Anna aufgebaut. Auf der Bühne stand zentral und erhöht des rote Klavier der Sängerin, davor, weiter unten, ein quietschroter Plastik-Polsterstuhl, rechts und links davon ein Kontrabaß und ein Xylophon sowie einige akustische Gitarren. So ähnlich hatte ichmir das erhofft.

Anna Ternheim bestreitet ihre akustische Tour gemeinsam mit Johan Berthling und Andreas Söderström, zwei Musikern, mit denen sie bisher nicht aufgetreten ist. Johan Berthling spielt in verschiedenen Jazzbands Kontrabaß (Boots Brown, Tape, Sten Sandell Trio), während Andreas Söderströn neben seiner eigenen Band ass als Gastgitarrist, -trompeter und -xylophonist bei Jenny Wilson oder in Gruppen wie Taken By Trees, The Late Call oder barr auftritt.

"Die beiden sehen doch aus wie Auftragskiller aus einem Bond-Film?" stellte Anna Ternheim ihre neuen Kollegen vor. Den glatzköpfigen Johan und den tätowierten Andreas (das erste Schildkröten Tattoo, das ich je gesehen habe!) könnte ich mir
auch gut als Filmschurken vorstellen. Ihre Qualitäten liegen aber ganz offesichtlich in anderen Künsten, denn beide beherrschten ihrer Instrumente ganz vorzüglich.

Aber der Reihe nach...

Das Konzert begann mit Black sunday afternoon vom aktuellen Album Leaving on a mayday und damit direkt mit etwas Spannendem. Im Gegensatz zu ihren ersten beiden Alben gibt es zur aktuellen Platte keine zweite CD mit akustischen ("naked") Versionen der Stücke. Nur wenige der stark instrumentierten Lieder gibt es auf Tonträgern in diesen wundervollen Alternativformen. Black sunday afternoon, ein nicht nur wegen des Titels besonders düsteres Stück, spielte Anna Ternheim mit Gitarre, begleitet von Andreas an zweiter Gitarre und Johan am Bass. Auch wenn
Andreas ein wenig sang und pfiff, waren beide Begleiter sehr dezent im Hintergrund! Black sunday afternoon ist schon auf Platte eines der Highlights, akustisch aber anderes brillant, eben so, wie ich es erhofft hatte.

Mit Off the road und What have I done folgten zwei weitere Lieder der im Winter erschienenen Platte. Off the road, das die Sängerin schon gemeinsam mit der Norwegerin Ane Brun gespielt hat, war nie mein Liebling von Leaving on a mayday. Auch das - und, um es vorwegzugreifen, alle anderen neuen Stücke - waren großartig in ihren akustischen Gewändern. What have I done hatte es vorher schon so abgespeckt gegeben, trotzdem schön, es einmal live zu sehen! Dazu ging Anna Ternheim erstmals an ihr Klavier.

An ihrem Piano blieb sie dann auch für einen meiner absoluten Lieblinge, das enorm private und traurige Tribute to Linn. Andreas begleitete das Stück auf dem Xylophon
und an der Trompete, beide Instrumente waren aber so zart gespielt, daß sie das Lied nicht kaputt trällerten; es war ein Genuß!

Ein gewisses Risiko steckte in dem Termin heute
schon, denn die drei standen so erstmals gemeinsam auf der Bühne ("It's like dancing with folded eyes"). Dazu war die Anreise in dem schwarzen Minibus aus Schweden offenbar beschwerlich. "Wir hatten eine schreckliche Fahrt", sagte Anna Ternheim, drehte sich dann zu Andreas um und ergänzte "also ihr. Ich bin geflogen." Anreisestreß und fehlende Sicherheit im gemeinsamen Spiel bemerkte man aber nur in wenigen Szenen und nie musikalisch. Andreas hatte seine Trompete backstage nach dem Einspielen liegengelassen und bat Anna, sie noch schnell vor Tribute to Linn zu holen. Bei anderen Liedern waren beide, Johan und Andreas, unsicher, wann und ob sie schon beginnen sollten. Anna nickte dann zur Bestätigung. Wundervoll! Bei Damaged ones (neues Album) sollte es mit Xylophon losgehen, und Andreas wirkte ganz schüchtern und suchte Ermutigung, loszulegen. Auftragskiller! Ab Damaged ones hatte auch der Stuhl ausgedient. Die in New York lebende Stockholmerin fand das dann wohl doch lästig und packte ihn weg, um das Lied stehend und ohne Gitarre zu singen. Sie begleitete sich nur mit solchen Rhythmushölzern (Claves). Eigentlich war auch Damaged ones so abgespeckt wunderschön, wären da nicht die laut mitsingenden Frauen rechts in der Mitte gewesen. Ich hätte nie das Selbstvertrauen, ein akustisches Konzert mit Badewannengesang bereichern zu wollen. Aber seit Fernsehsender jedem einreden, einfach mal vor Publikum schief zu singen, sind solche Hemmschwellen wohl nicht mehr zeitgemäß.

Daß akustisch nicht unbedingt leise bedeuten muß, zeigte Losing you, bei dem die Sängerin (wieder ohne Gitarre) immer lauter wurde. Nach Losing you verließen Andreas und Johan kurz die Bühne, Anna spielte alleine weiter.

Das erste Solostück war ein weiterer Liebling, Nights in Goodwill, eines der schönsten Lieder des Abends, gefolgt von No subtle men. Beide waren nicht neu, so wie die Singer/Songwriterin sie darbot, aber sie waren schön! No subtle men startete allerdings holprig. Anna hatte ihre Gitarre nicht vor dem Stück gestimmt und war unzufrieden mit dem Ergebnis. Sie brach ab und stiegt nach dem Stimmen wieder ein. Musikalisch war das die einzige für mich hörbare Panne des Abends, alles andere war schlicht wundervoll.

Die Begleiter kamen zurück, Anna ging ans rote Klavier und spielte das Lied, das den meisten Applaus bekommen sollte. Vermutlich lag das daran, daß Let it rain sehr laut und energisch vorgetragen wurde. Mir konnte es heute gar nicht leise genug sein, aber es muß ja nicht jeder das gleiche mögen. Mit Terrified spielte das Trio ein weiteres Lied der letzten Platte - schon das siebte. Und die anderen drei sollten auch noch folgen. Eines davon, Summer rain, gibt es schon lange in akustischer Version, nämlich ohne Instrumente von Anna und anderen Sängerinnen vorgetragen (Ane
Brun und Nina Kinert u.a.). Heute bat sie Johan und Andreas, die herrlich schüchtern wirkten, zu sich heran. "Im Chor singen ist gerade eine große Sache in Schweden! Bei euch auch?" ...Gottseidank nicht...

Summer rain mit den beiden Männerstimmen im Hintergrund (strenggenommen waren es höchstens anderthalb; Johan traute sich nicht) ist klarer Punktsieger gegenüber der nur-Frauen-Version! Das Lied hat
durch die unterschiedlicheren Stimmen eine neue Tiefe (haha!), die ihm gut tut. Ein überraschender Knüller in meinen Augen! Und Johan und Andreas haben wahrlich keinen Grund, ängstlich zu wirken, denn auch ihre Stimmen (naja, zumindest die von Andreas, Johans habe ich nicht raushören können) beherrschten sie ähnlich brillant wie ihre Instrumente.

Das neunte der neuen Sachen war No I don't remember, auch sehr schön so abgespeckt, allerdings zwischen anderen Krachern weniger auffällig. Einer dieser Oberkracher sollte folgen...
One to blame mit Xylophon, Bass und Klavier geht vermutlich nicht besser, auch das ein absolutes Glanzlicht des Abends! Ich konnte aber gar nicht genug Hachs seufzen, weil es nahtlos mit To be gone und dem fabelhaften Halfway to fivepoints weiterging.

Da waren siebzig Minuten vorbei, und die drei verliessen die Bühne. Schon bis dahin wäre es ein wundervolles Konzert gewesen, aus Erfahrung weiß ich aber, daß Anna Ternheim immer Zugaben spielt. Auf der Setlist standen China girl und My heart still beats for you als Extras. Es sollte aber noch besser werden. Statt ihres (tollen!) Bowie-Covers kündigte Anna einen "happy song" an. Da sie nur ein fröhliches Lied hat, jubilierte ich schon über einen meiner ganz großen Lieblinge, den Wedding song, der es leider nie richtig auf eine Platte geschafft hat.

My heart still beats for you sollte dann wirklich der Abschlußsong sein. Glücklicherweise ist der Backstage-Bereich im Stadtgarten aber direkt an der Bühne, die Künstler bekommen also noch mit, was draußen los ist. Also konnte Anna schlecht ignorieren, daß lange und laut weitere Zugaben klatschend erfordert wurden. Sie kam zurück: "What now?" Geplant war nichts mehr. Die zugerufenen Wunschlieder ihrer alten CDs kommentierte die Sängerin mit: "Künstler wollen immer die Sachen spielen, die sie zuletzt geschrieben haben. Ihr müßt euch die neuen Stücke mehr erarbeiten." Aber sie hatte ja alle gespielt, also konnten noch drei alte Kumpels folgen. Better be zum Beispiel. Oder das ach so schöne I say no. Den besonders würdigen Schlußpunkt machte aber I'll follow you tonight.

Hätte Anna Ternheim noch My secret und ihr Winnerbäck Cover Elegi gespielt, hätte ich nicht mehr zu ihren Konzerten gehen müssen, weil der Abend perfekt gewesen wäre. So muß ich dann wohl doch wieder...

Ein fabelhaftes Konzert einer liebenswerten Künstlerin! Alles Magengrummeln nach Haldern ist weg! In den kommenden Tagen ist Gelegenheit, die drei Schweden mit dem Kontrabaß in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und Frankreich zu sehen. Ich kann das nur empfehlen!

14.09.09: Fabrik, Hamburg
15.09.09: Frannz, Berlin
16.09.09: E-Werk, Erlangen
17.09.09: Ringlokschuppen, Bielefeld
19.09.09: Volkshaus, Basel
20.09.09: Fri-Son, Fribourg
21.09.09: Jazzhaus, Freiburg
22.09.09: de Duif, Amsterdam
23.09.09: Alhambra, Paris

Setlist Anna Ternheim, Stadtgarten, Köln:

01: Black sunday afternoon
02: Off the road
03: What have I done?
04: Tribute to Linn
05: Damaged ones
06: Losing you
07: Nights in Goodville
08: No subtle men
09: Let it rain
10: Terrified
11: Summer rain
12: No I don't remember
13: One to blame
14: To be gone
15: Halfway to fivepoints

16: Wedding song (Z)
17: My heart still beats for you (Z)

18: Better be (Z)
19: I say no (Z)
20: I'll follow you tonight (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:



 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates