Sonntag, 9. Dezember 2012

Malvina Meinier und Kinrisu, Paris, 19.07.12


Konzert: Malvina Meinier & Kinrisu
Ort: Théâtre de Meinilmontant
Datum: 19. 07.2012
Zuschauer: etwa 80

Ein Konzertbericht vom 19. Juli, geschrieben am 8. Dezember?

Nun ja, ihr dürft gerne darüber schmunzeln. Ich aber nehme mir diese Freiheit raus, schließlich veröffentlichen auch Leute ihre Bestenliste für 2012 im November.

Zudem: das Konzert von Malvina Meinier war absolut denkwürdig, großartig, ja episch! Und ich hätte auch schon längst darüber berichtet, wenn nicht die Sommerferien dazwischen gekommen wären. Blablabla, alles Ausreden, ich weiß. Jetzt aber endlich der Bericht. Los geht's!

Der 19. Juli 2012. Meiner Erinnerung nach ein ziemlich heißer Tag in einem ansonsten verregneten Juli. Die Sommerferien standen vor der Haustür. Open Air Festivals liefen hüben wie drüben und in den Pariser Konzertclubs war schon die Saure-Gurken-Zeit angebrochen.


Doch im Théâtre de Ménilmontant fand noch eine Veranstaltung statt, die mich brennend interessierte. Eine meiner Entdeckungen des Jahres, die rotblonde Amerikanerin Rachael Wellington alias Kinrisu sollt dort auftreten und danach die französische Pianistin Malvina Meinier zusammen mit einem Streichertrio und einem Frauenchor, gebildet aus Andrea Perdue, Michelle Blades und Cassandra Jetten (Foto rechts), allesamt aus den USA aber mit Wohnsitz in Frankreich.

Kinrisu war wie erwartet großartig, begeisterte mit ihrer Kleinmädchenstimme, ihren irren Texten und ihrem innovativen Fickerpicking und leitete perfekt in den Hauptteil ein, der etwa 15 Minuten später beginnen sollte.

Ich bestellte mir ein Bier an der Bar, setzte mich dann auf einen Hocker in der Nähe der Bühne und harrte der Dinge die da kommen würden. Vorbereitet hatte ich mich zu Hause vorher nicht, ich ging ganz unbeleckt in dieses Konzert, kannte die Musik von Malvina Meinier bis dato noch nicht.



Die Band betrat die Bühne und nahm ihre Plätze ein. Malvina positionierte sich rechts hinter ihren Flügel, ihr Freund Marius stand hinter einem Apple Notebook, Andrea Perdue, Cassandra Jetten und Michelle Blades links von ihm. Vorne links saßen zwei Violinisten und eine Cellistin.


Es konnte losgehen. Der Zauber der absolut himmlischen Musik entfaltete sich quasi unmittelbar. Die Stimme von Malvina war so was von schön, daß man es kaum beschreiben konnte. Sie schwebte förmlich durch den Raum. In Kombination mit den Streichern und den zarten Pianoklängen war das unwiderstehlich. Ich hörte mein Herz pochen, es klopfte ganz laut gegen meinen Brustkorb, meine Hände wurden feucht. Die Cellistin strich samtweich durch ihre Saiten und Malvina erreichte gesanglich höchste Höhen. Sigur Rós waren ein Scheißdreck dagegen. Das hier war der Inbegriff von Anmut, Stil, Eleganz und Wohlklang. Die Musik war so wundervoll, daß ich mich am liebsten in sie hineingelegt hätte.


Bei Wise One sang Malvina fast wie eine My Brightest Diamond, die berührenden Zeilen: "you are already dead in my mind", es war zum Steineerweichen. An kristallener Klarheit war der Gesang nicht zu überteffen und das dramatische Pianospiel untermalte ihn auf das Beste.

Bei Covered In Silence wurde das Tempo verlangsamt. Das Klavier schritt ganz gemächlich und repetitiv voran, wurde aber von Minute zu Minute intensiver und lauter, bis die Streicher einsetzten und das Tempo plötzlich sehr lebhaft wurde. Ein meisterliches Arrangement, das mir den Atem, ja den Verstand raubte!


Ich konnte es nicht fassen, ich saß in einem recht gammeligen Theater, aus der Küche drangen etwas unangenehme Gerüche und auf der Bühne präsentierte sich eines der größten Talente, das ich je gesehen hatte. Wie konnte es sein, daß sich noch nicht die gesamte französische Musikpresse auf sie gestürzt hatte? Ich war sprachlos, wusste aber insgeheim, daß ich hier bei etwas ganz Großem dabei war, von dem ich noch Jahre später schwärmen würde. Innerlich kostete ich schon meinen Triumph aus, wenn ich Leuten aus der Musikszene gegenüber damit angeben könnte, Malvina schon 2012 live gesehen zu haben. Sie würden erst auf sie stoßen, wenn der ganze Medienrummel und der kometenhafte Aufstieg längst begonnen hat. Denn seien wir mal realistisch, ein solches Talent wie Malvina Meinier hat man nicht für immer für sich alleine.

Ich wusste also, daß jede Minute des Konzertes kostbar war, wusste auch, in welch privilegierter Situation ich mich befand. "Oliver, das alte Trüffelschwein", immer wieder kam mir dieser Spruch in meinen albern Kopf, "Oliver, das alte Trüffelschwein".

Nach einer halben Stunde Konzert war ich ohnehin schon besinnungslos, war hoffungslos dem Schwebesound der Malvina Meinier und ihrer Band verfallen, betete, dieses Konzert möge nie zu Ende gehen. Ich wollte bei besonders himmlischen Passagen die Zeit anhalten und sagen: "Stop! Jetzt möchte ich sterben, das ist der richtige Moment, besser kann es nicht werden." Man soll schließlich aufhören, wenn es am schönsten ist...

Bath Noises ("I am still in love with you") und En Attendant L'Hiver 2 kamen noch gegen Ende. Das Warten auf den Winter, im Juli passte das und heute ist er da, der Winter. Die Musik von Malvina Meinier passt perfekt zu ihm. Das ist nämlich Musik, die das Herz mehr wärmt, als jede dicke Deke oder der längste Schal. Mit dem Album The Wise One würde ich mich am liebsten zwei Wochen in einer einsamen Skihütte einschließen und es andächtig immer wieder und wieder hören, bis ich den Zustand des vollkommenen Glücks erfahren habe.


Das war ein sensationelles Konzert, daß ich nie vergessen werde, sofern mich Herr Alzheimer verschont!


Setlist Malvina Meinier, Théâtre de Ménilmontant, Paris

01: 24
02: The Miracle
03: The Wise One
04: Covered In Silence 
05: Bath Noises
06: En Attendant L'Hiver 2
07: Grace In A Dive

08: Now, You Just Watched Me

Hört euch hier ganz komfortabel das ganze Album an!








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