Samstag, 15. Dezember 2012

Efterklang, Paris, 13.12.12



Konzert: Efterklang (& Dokumentarfilm: An Island & Neeskens)
Ort: Le Café de la Danse
Datum: 13.12.2012
Zuschauer: ausverkauft





Ein interessantes Phänomen. Wer die Dänen Efterklang zum ersten Mal in seinem Leben live gesehen hat, äußert in der Regel hinterher sofort euphorisch: "tollstes Konzert meines Lebens, absolut grandiose Band!"



Erging mir ganz genauso, als ich die Formation um Sänger Casper Clausen im April 2008 zum ersten Mal live im Point Ephémère erleben durfte (Archivfoto davon oben). Ich schwärmte in den höchsten Tönen und lag meinem Bloggerfreund Christoph ständig mit Efterklang in den Ohren. Ich brauchte einfach Leute, mit denen ich meine Euphorie teilen konnte. In dieser Zeit habe ich mir dann nicht nur das Album Parades, sondern auch alte, ziemlich elektronisch gelagerte Werke wie Tripper und Springer gekauft und immer wieder auf meinem i-pod gehört. Später legte ich mir dann auch noch die spezielle Parades DVD zu, mit der Performance des Werkes durch The Danish National Chamber Orchestra live in der Concert Hall zu Kopenhagen.




Seltsamerweise verflachte mit dem Album Magic Chairs mein Interesse ein wenig, obwohl vor allem mit der Single The Modern Drift deutlich mehr Leute auf Efterklang aufmerksam wurden. Nörgler und kritische Altfans empfanden Magic Chairs als den ersten großen Schritt Richtung Mainstream und in der Tat war das Werk eingängiger, konventioneller und weniger facettenreich als die alten Sachen. Von einem flachen Popalbum für die Charts würde ich aber denoch auf keinen Fall sprechen wollen. 


Seit 2012 gibt es nun das neue Machwerk Piramida, das ich vor dem heutigen Konzert noch nicht gehört hatte. Ich wollte mich überraschen lassen, sehen wie die neuen Songs auf mich wirken. Lieder, die die Livefeuertaufe bestehen, können schließlich nicht schlecht sein.

Ich war aber wieder einmal spät dran. Erst als schon zwei Lieder gespielt waren, erschien ich abgehetzt im ausverkauften und knackig vollen Café de la Danse. Ich war zuvor noch bei einem Showcase der Französin Marie-Flore gewesen, daher konnte ich auch weder an Island, den Dokumentarfilm von Vincent "La Blogothèque" Moon, noch Neeskens sehen, den man zuvor auf das Publikum gehetzt hatte.




Die Pariser Zuschauer hatten sich unterdessen schon gut warm gelaufen. Zwar herrschte während der Lieder Stille und es wurde sich auch nicht viel bewegt, der Applaus hinterher war aber über alle Maßen euphorisch. Teilweise wurde so lange geklatscht, daß die Band selbst darüber schmunzeln musste. Ich hingegen brauchte noch eine Weile, um stimmungsmäßig reinzukommen. Hatte mir Marie-Flore zuvor noch karge, aber bildschöne Folksongs vorgesetzt, bekam ich es hier fast mit orchestraler Opulenz zu tun. 




Ich sichtete zunächst die Akteure des heutigen Abends. Bandleader Casper und Bassist Rasmus kannte ich natürlich schon, die waren schon bei meinem vorigen vier Efterklang-Konzerten dabei und gehören zur Stammtruppe. Peter Broderick wiederum hatte im Point Ephémère und in der Maroquinere 2009 performt, nicht aber im Nouveau Casino 2010 und beim Haldern Pop 2010. Außerdem spielte er nicht wie früher Geige, sondern E-Gitarre, was das Soundbild der gesamten Band merklich änderte. Der Drummer war neu und hat den altgedienten Thomas Husmer abgelöst. Ich sah ihn kaum, er war meistens verdeckt. Auch der lockenköpfige Keyboarder Mads Brauer agierte in meinem "toten Winkel". 


Immer gut sichtbar und omnipräsent allerdings die sehr hübsche Sängerin Katinka Fogh Vindelev, die ich vorher noch nicht kannte. Auf der Position der Sängerin gibt es seit Jahren ein Bäumchen-wechsel-dich-Spiel, beim ersten Mal erlebte ich Anna Brönsted Archivfoto oben), die inzwischen mit dem Projekt Our Broken Garden eine Solokarriere betreibt, später dann eine Blondine, deren Namen mir entfallen ist, 2010 die bezaubernde Heather Woods Broderick, die aber 2012 meistens mit Sharon van Etten unterwegs war und nun die brünette Katinka. 


Ihr hübsches Lächeln versüßte mir den Abend und später sah ich auch, daß sie eine ziemlich heiße Strumpfhose trug. Sehr auffällig ihre Stimme. Waren vorher eher elfenhafte Sirenstimmchen bei Efterklang angesagt, hatte man es hier mit einer klassisch ausgebildeten Opern- Sängerin zu tun, die mit einer imposanten Sopran Stimme auftrumpfen konnte. Das mochten viele, wurde aber auch von ein paar Zuschauern hinter als unpassend kritisiert.




Mir selbst blieb vor allem ihre Spielfreude, ihre wunderbare Bühnenpräsenz und ihre starke Ausstrahlung im Gedächtnis haften, vor allem mit Peter Broderick schien sie ab und zu regelrecht zu flirten. (Läuft das was, Peter, läuft da was?).




Hinsichtlich der Tracklist ging es recht munter quer durch die Diskografie. Natürlich überwogen die Tracks von Piramida, aber es  gab auch Stücke von Magic Chairs, Parades und Tripper. Auffällig, wenngleich ein häufig anzutreffendes Phänomen, daß die alten Sachen neu arrangiert und auf das neue Werk zugeschnitten wurden. Von Bläsern und Streichern wie damals gab es keine Spur, vor allem bei Frida Found A Friend in der Mitte wurde das überdeutlich.

Vieleicht fehlte mir das ein wenig, denn irgendwie bin ich immer wieder bei Parades und seinen Hörnern und Trompeten  hängengeblieben.


Aber was ist jetzt von einem neuen Stück wie z. B. Black Summer, das an sechster Stelle kam, zu halten? War das nicht etwas zahnlos bei aller verträumten Schönheit? Schwer zu sagen, ich brauche sicherlich noch Zeit, um mich in das aktuelle Album einzuarbeiten. Gerade ein Stück wie das recht elektronische Between The Walls schien mir ein ziemlicher Kracher zu sein, der mit vielen überraschenden Wendungen und etlichen kleinen Details aufwartete. Auch Monument hat bestimmt Potential.


An Platz zehn und elf der Setlist kamen dann aber zwei Nummern, die vom Publikum noch deutlich enthusiastischer aufgenommen wurden. Raincoats mit seinen kurzen abgehackten Gitarrenriffs, seinen Trommeln und den mehrstimmigen Chören räumte schon ziemlich gut ab, Modern Drift allerdings toppte mit seinem eingängigen Refrain das Ganze  noch einmal deutlich.





Das Publikum johlte jetzt, war so richtig schön in Fahrt gekommen. Logisch also, daß sich Efterklang mit Modern Drift sich nicht einfach so für immer davonstehlen konnten. Sie kamen also noch einmal wieder, performten The Ghost und meinen alten Parades Liebling Cutting Ice To Snow, bevor es wirklich zu Ende zu sein schien. Die Band hatte sich bereits mehrfach verneigt, gewunken und Kusshände verteilt, die geschriebene Setlist wies kein einziges Lieder mehr aus. Aber dennoch ging es noch einmal weiter! Mit Alike, das die Band am Bühnenrand und mit Tuchfühlung zum Publikum spielte, wurde der Triumpfzug dann vollendet. Alle Hände gingen in die Luft, jeder war von seinen Sitzen aufgesprungen und minutenlanger Applaus ging hernieder. Bekannte und Freunde von mir kamen mit breitem Lächeln auf mich zugelaufen, riefen voller Übermut aus: "Mann, war das großartig sensationell, orgasmisch" und sahen mich fast etwas schief an, als ich recht nüchtern und ohne große Regung konstatierte: "ja, sie waren toll wie immer."




In der Tat hatte auch ich ein ausgezeichnetes Konzert erlebt, hatte aber trotzdem nicht dieses absolut euphorische Gefühl wie damals. Die Messlatte wurde seit 2008 einfach so hoch gesetzt, daß Efterklang da nicht mehr drüberspringen können. Hervorragende Konzerte von ihnen sind da nur noch normal und werden von mir ohne Jubelschrei quittiert.


Nachdem ich nun eine Nacht darüber geschlafen habe, muss ich allerdings doch den Euphorikern recht geben. Das war schon etwas ganz Besonderes! Das empfand auch die Band so, bei Twitter ließen sie das wissen:

"Best Night In Paris Ever Ever Ever Ever-much love!! merci!!"

Setlist Efterklang, Café de la Danse, Paris

01: Hollow Mountain
02: I Was Playing Drums
03: Step Aside
04: Sedna
05: Frida Found A Friend
06: Black Summer
07: Between The Walls
08: Dreams Today
09: Monument
10: Raincoats
11: The Modern Drift

12: The Ghost
13: Cutting Ice To Snow




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