Sonntag, 9. Dezember 2012

First Aid Kit, Berlin, 4.12.2012


Konzert: First Aid Kit (+ Idiot Wind)
Ort: Postbahnhof Berlin
Datum: 4.12.12
Zuschauer: fast ausverkauft
Dauer: Idiot Wind 30 min. / First Aid Kit 75 min.

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr wurde ich das erste Mal vom First Aid Kit-Virus infiziert. An diesem Abend sollte ich die beiden Schwestern Johanna und Klara, deren unglaubliche Geschichte schon viele Male erzählt wurde, zum vierten Mal wiedersehen. Zuletzt erlebte ich First Aid Kit als Vorband im ausverkauften Konzert von Jack White. Ich weiß nicht genau, was mich verleitet den beiden Schwestern so treu zu sein. Ist es ihre sympathische Bühnenpräsenz? Ihre Stimmen? Ihre Lieder? Vielleicht ist es die Mischung und die Garantie eine schöne Abendunterhaltung geboten zu bekommen.

An diesem Abend gastierten First Aid Kit zum zweiten Mal im zuletzt ausverkauften Postbahnhof. Ich traf recht früh ein und konnte mir einen guten Platz vor der Bühne sichern. 
Zuerst kam aber Idiot Wind auf die Bühne und nahm am E-Piano Platz. Auf dem Kopf trug sie einen speckig aussehenden Lederhut und ihre Locken rankten weit in ihr Gesicht. Das Bild passte dann aber nicht zu ihrer Stimme, die schöne Melodien trällerte. Unterhaltsame Musik, die aber keine wirklich bleibende Erinnerung hinterließ mit Ausnahme des gelungenen souligen Springsteen-Covers "I´m On Fire". Das Publikum war von ihr sehr angetan und applaudierte nicht nur aus Gefälligkeit.

Der Nachteil von den guten Plätzen direkt von der Bühne ist recht simpel. Der Getränkenachschub ist schwierig zu gewährleisten. So kam mir die Wartezeit bis zum Beginn von First Aid Kit ewig vor. Als dann das Licht dunkel wurde, begannen sphärische Synthie-Klänge, welche dann von Johanna und Klara A capella abgelöst wurden: In The Morning. Und es wurde sofort klar, warum First Aid Kit so dauerhaft erfolgreich sind und wieso der Postbahnhof an diesem Abend randvoll ist. Sie haben grandiose Stimmen, die perfekt miteinander harmonieren. Es macht eine Freude ihnen zuzuhören. Nachdem sie sich vorgestellt hatten, widmeten sie ein Lied den "Pussy Riots", was mich persönlich eher wunderte, habe ich First Aid Kit bislang nicht mit politischen Statements wahrgenommen. Gut, es war auch nur eine Randnotiz, welche weder störte noch das Konzert in eine Schieflage brachte. Das herzzerreissende Marianne´s Son wurde zur Einleitung gleich für den Hinweis auf ihr Deluxe-Album genutzt. 

Zu meinem Liebling New Years Eve zückte Johanna wieder die Autoharp und Klara sang - zwischendurch ergänzt durch Johannas Stimme. Eine perfekte Darbietung. Und da haben wir vielleicht auch den einzigen, aber künftig wohl entscheidenden Kritikpunkt an dem Konzert: Es ist eine perfekte Show, alles ist optimal aufeinander abgestimmt. Anders als bei anderen Bands, wo sich Abende schon mal stark voneinander unterscheiden, habe ich den Eindruck, dass bei First Aid Kit immer alles gleichbleibend auf hohem Niveau abläuft. Das tragische ist dabei leider, dass es auf Dauer vorhersehbar wird. Dieser Kritik zum Trotz bieten Klara und Johanna etwas, was nur wenigen Künstlern gelingt, sie berühren auch die Menschen, die vorher nur wenig mit dieser Art von Musik anfangen konnten. So erzählten mir mehrere Gäste an diesem Abends, das sie dort wären, weil sie von First Aid Kit als Vorband von Jack White so fasziniert gewesen seien.

Auch an diesem Abend gelingt das akustische Ghost Town (bei dem Klara und Johanna traditionell ohne Mikrofon singen) mit schüchterner Teilhabe des Publikums. Der gesamte Saal lauschte andächtig. Kein Handygefiepe, keine klirrenden Glasflaschen, einfach schön. Die nachfolgenden To A Poet, Wolf und When I Grow Up - allesamt in gewohnt hoher Qualität. Es war wohl der letzte gemeinsame Abend für First Aid Kit und Idiot Wind und so dankten Klara und Johanna ihr mit Emmylou. Auch eines meiner persönlichen Favoriten des Abends - und als das Publikum dazu noch mitsang - ach - diese Momente sind toll! Fulminantes Ende von I Met Up With The King, als Johanna Seven Nation Army auf dem Keyboard anklingen ließ, um dann gleich zum Abschluss ihren Kopf auf den Tasten hin- und her zu wälzen. Schöner Einfall! Lion´s Roar mit lustigem kurzem Textaussetzer und Headbanging.


Als Zugabe gab es dann mit America eine Hommage an den "besten Songwriter der Welt": Paul Simon. Es wäre jetzt nicht meine erste Wahl aus dem Werk von Paul Simon gewesen, aber es eine gelungene Interpretation. Es sollte nicht das einzige Cover bleiben, denn der Hammond Song von The Roches aus den 70ern kam als nächstes. Und auch Idiot Wind kehrte  auf die Bühne zurück. Keine einfache Übung der drei Frauen, die aber gut gelungen ist. Mit dem Sailor Song und King Of The World beenden Klara und Johanna den äußerst gelungenen Folk-Abend. Das Publikum geht selig in Richtung überfüllter Garderobe und Merchandising Stand. Wer aber am Merchandising Stand auf die beiden Schwestern gewartet hatte, tat dieses vergebens. Im Gegensatz zu den vorherigen Konzerten, blieben Johanna und Klara dieses Mal ihren Fans fern.

Im Januar beehren sie Berlin erneut, nämlich als Vorband von Conor Oberst. Ob diese Dauerpräsenz dem Erfolg auch Dauer gut tut, bleibt abzuwarten. Ungewöhnlich ist es auf jeden Fall.

Setlist:
In The Morning
Blue
Our Own Pretty Ways
Marianne´s Son
New Years Eve
Ghost Town
To A Poet
Wolf
When I Grow Up
Emmylou
I Met Up With The King
Lions Roar

America (Z)
Hammond Song (Z)
Sailor Song (Z)
King Of The World (Z)

Tourdaten (mit Conor Oberst):
21.1.12: Wien
22.1.12: München
24.1.12: Berlin



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