Posts mit dem Label Postbahnhof werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Postbahnhof werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 1. Dezember 2015

John Grant, Berlin, 26.11.15

0 Kommentare

Konzert: John Grant
Ort: Postbahnhof in Berlin
Datum: 26. November 2015
Dauer:  95 min
Zuschauer: etwa 1000 



All die herrlichen Bilder sind von Markus.

John Grant ist ein musikalisches Schwergewicht. Trotzdem hatte ich vor diesem Abend meinen Fokus nie wirklich auf seine Musik gerichtet. Statt dessen war er am Rande meines Sichtfeldes mehrfach bedeutungsschwer vorbeigehuscht als überraschender Kollaborator. Und als eine Person, die selbstreflektiert und sympatisch redet. Ich musste nicht lange nachdenken, ob ich Lust hätte, mir ein Konzert von John Grant am Rande meines Berlinbesuches anzusehen. Auch wenn das Venue mit 1000 Leuten schon an der oberen Grenze meines eigenen Wohlfühlbereiches lag. Worauf ich mich schon im Vorfeld sehr freute war, dass ich dafür im erprobten Doppel mit Markus unterwegs sein würde und es deshalb endlich wieder einen Bericht mit seinen fantastischen Bilder geben würde.



Obenauf kam dann noch ein zufälliges Treffen mit Jana von Rockzoom, die ich bisher nur virtuell gekannt hatte. 

Der Postbahnhof war ausverkauft, aber es gelang uns noch gut bis ganz vor die Bühne zu gelangen und ich war im Verlauf des Abends sehr erfreut darüber, dass ich dort recht unbehelligt das Konzert ganz und gar genießen konnte. 

Es begann im Dunkeln mit einem vielsprachigen Text - fast wie eine Beschwörung oder ein Gebet. Diese Einleitung endete schließlich in einer Entladung mit ordentlich Lärm, was in meinem Kopfkino einen Flugzeugstart assoziierte. Hier meinte es wohl jemand sehr ernst... Später wurde in den Texten aber auch ordentlich geflucht und sehr zynisch und ironisch die Enttäuschungen des Lebens verarbeitet.


Was mir im ersten Stück Geraldine natürlich sofort ins Herz fiel, war diese unvergleichliche Stimme. Augenfällig daneben die äußere Erscheinung - da stand ein wahrhafter Hüne vor uns auf der Bühne. Beim weiteren umherschauen fanden sich für mich überraschend zahlreiche Minikeyboards, neben einer soliden Ausstattung an Keyboards/Pianos für zwei Personen am linken Bühnenrand. Gleich in der ersten Ansage war klar, dass John Berlin noch immer als eine heimatliche Stadt empfindet, in der er an diesem Abend sehr gern Station machte. Sein deutsch war souverän und wunderbar vieldeutig. Fast brachte es ihn selbst aus dem Konzept, dass er sich eine extra passende Setlist für diesen Tourstop zurechtgelegt hatte und nach zwei Stücken auf einmal nicht recht wusste, wie es nun weitergehen würde. 



Zuvor hatte er uns seine Band vorgestellt: Den Briten
Chris Pemberton an den Tasten, Jakob Smári Magnússon aus Island am Bass, das britische Urgestein Budgie am Schlagzeug und an der Gitarre (direkt vor mir)  Pétur Hallgrímsson aus Island. Alle diese Männer haben schon ordentlich eigene Musikgeschichte geschrieben, aber am auffälligsten blieb für mich am Abend der Mann an den Drums, denn er hatte einen unvergleichlichen Stil, die Knie fast bis zur Brust federnd, die Schultern kurz unter die Ohren hochgezogen und mit einer Energie und dabei doch ganz leicht, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Mehrfach arbeitete er an dem Abend sogar im Stehen.
 


Tatsächlich war die kurze Frage an sich selbst - wie es nun weitergehen sollte - ganz berechtigt. Nachdem er für die ersten zwei Songs vorn gestanden und ins Mikro gesungen hatte, war sein Platz für It doesn't matter to him am Piano direkt gegenüber von Chris Pemberton. Eine besondere und intime Stimmung entstand so, die für mich zu den Stärken des Abends gehörte. Auch wenn später immer wieder lustige Tanzbäreinlagen zu Mayor-Tom-Raumschiffmusik und Glamrocknummern wie You and him diese Andacht brachen und aufmischten.



Im Herzen blieben mir doch am tiefsten Grey tickles, das er allein am Piano begann und in einer Klangorgie münden ließ und das unfassbar intensive Glacier, das auch ringsum textsicher mitgesungen wurde. Die Greatest motherfuckers waren dann uns allen gewidmet und es gab ein schmissiges Ende mit Disappointing bei dem im Text sogar schubidi schubidubabab nicht zu albern klang. Der Saal tobte und verlangte natürlich nach Zugaben. Davon gab es reichlich und für jeden Geschmack: erst zweimal funky und dann noch zwei Balladen. Beschwingt und froh, diesen besonderen Musiker nun auch live kennengelernt zu haben wandte ich mich gen Ostbahnhof mit seinen Zeilen im Kopf


This pain
It is a glacier moving through you
And carving out deep valleys
And creating spectacular landscapes
And nourishing the ground
With precious minerals and other stuff
So, don't you become paralyzed with fear
When things seem particularly rough



Setlist:
01: Geraldine
02: Down here
03: It doesn't matter to him
04: Pale Green Ghosts
05: Snug slacks
06: You and him
07: Guess how I know
08: Grey tickles
09: Glacier
10: Queen of Denmark
11: I wanna go to Marz
12: GMF
13: Disappointing

14: Voodoo doll (Z)
15: Black Belt (Z)
16: Drug (Z)
17: Caramel (Z)

Fünf Songs vom Berliner Konzert 


Tourdaten John Grant

15.11. La Cigale, Paris
17.11. Botanique, Brüssel
20.11. Den Atelier, Luxemburg
21.11. Kaufleuten Klubsaal, Zürich
24.11. Bürgerhaus Stollwerck, Köln
25.11. Uebel & Gefährlich, Hamburg

26.11. Postbahnhof, Berlin
 
Aus unserem Archiv: 
John Grant, London, 07.09.11
John Grant, Paris, 14.06.10


Bericht des Guardian zum Londoner Konzert am  13.11. 2015


Freitag, 15. August 2014

Conor Oberst, Berlin, 12.08.14

0 Kommentare

Konzert: Conor Oberst
Ort: Postbahnhof, Berlin
Datum: 12.08.2014
Zuschauer: fast ausverkauft


von Tobias aus Berlin

Als ich Conor Oberst das letzte Mal sah, hat er mich im Backstage des Melt!-Festivals mal fast über den Haufen getorkelt. Später übergab er sich während seines Gigs auf der Hauptbühne, mal eben aus Versehen in seine Drum-Maschine. Das war ein witziger aber auch alarmierender Anblick damals. Der Mann hatte offensichtlich ein mindestens kleines Alkoholproblem. Ich hatte immer so ein bisschen Angst, dass der Conor mal den Elliot Smith macht und uns einfach alleine lässt. Gottseidank hat mein Lieblings-Nebraskaner(?) jedoch offensichtlich die Kurve bekommen. Und das nicht nur toxikologisch gesehen, sondern offensichtlich auch musikalisch. Denn leider kamen da in den letzten 7 Jahren eher durchschnittliche Platten vom Conor heraus. Nachdem er diese Welt 2005 mit den wunderbaren Bright Eyes-Zwillingsalben „Wide awake, it’s Morning“ und „Digital ash in a digital urn“ (kennt ihr nicht? KAUFEN!) beschenkt hat, kam da musikalisch eher Durchschnittskost. Um Olli Schulz zu paraphrasieren: Er legte sein Bright Eyes-Namen in die Ecke, schrieb als Conor Oberst & The Mystik Valley Band noch immer kleine Lieder, nur seine Texte (und Musik) wurden schlechter. 

Nun nennt er sich einfach nur noch plain old Conor Oberst und scheint musikalisch zu alter Form zu finden. Sicher, „Upside Down Mountain“, sein neues Album ist auch noch kein „Wide Awake“, aber auf jeden Fall ein großer Schritt in die richtige Richtung. 

Womit wir nach diesem langen Ausholen, endlich bei seinem Konzert im Berliner Postbahnhof angekommen wären. Da erfreute uns erst einmal die wirklich sehr sympathische Band Dawes mit einem gut halbstündigen Set, welches durchaus kurzweilig war und musikalisch gesehen ein fast schon zu perfektes Match zu Conor Oberst war. Die Jungs verabschiedeten sich, nur um kurz vor 22 h auf einmal wieder auf der Bühne zu stehen. Unsere Fragezeichen in den Augen wurden schnell mit dem Wort Synergieeffekt beantwortet. Heureka, der Conor benutzt seine Vorband als Tourband. Wie clever! 

Da stand er also. Conor Oberst! Mit altbekannt gebrochener Stimme. In Nüchtern! Das sollte sich auch den ganzen Abend nicht ändern. Good for him! Los ging es mit „Time Forgot" und „Zigzagging Toward the Light“, zwei der eher schwächeren Songs des neuen Albums. Aber siehe da, live, mit dieser tollen Band verstärkt, entfalteten auch diese Songs eine ganz andere Qualität. Bei „Hundreds of Ways“ durften wir dann auch gleich mal lernen, dass Conor & Dawes auch die Klangfarbe LAUT können, nur um uns dann gleich mit dem so wunderbaren „We are Nowhere and it’s Now“ zu beglücken. Spätestens jetzt war klar, dass das hier ein ganz besonderes Konzert werden wird. Eine wunderschöne Werkschau aus anderthalb Jahrzehnten Conor Oberst. 

Ich musste in diesem Moment zwangsläufig an Damon Albarn denken, der uns dieses Jahr ja mit einem ähnlichen Konzept und gleicher Spielfreude beglückte. Immer wieder wechselte Conor die Tempi, mischte alte Perlen (Old Soul Song) mit glänzenden neuen Trophäen (Governor’s Ball). Vor „Ladder Song“ sprach Conor kurz über den verstorbenen Robin Williams und gedachte noch einigen anderen Musikern. „You are not alone in anything, you are not unique in dying“. Ein wirklich ergreifender Moment. 

Man konnte sein Glück ehrlich gesagt gar nicht fassen, so toll und abwechslungsreich war das Konzert. Als dann auch noch der beste Song des neuen Albums „Desert Island Questionaire“ mit dem herzzerreißenden „Poison Oak“ („when you stole the car, and drove towards Mexico, and you wrote bad checks, just to fill your arm“) gekontert wurde, war man ehrlich gesagt so happy, dass jetzt auch gut sein hätte können. Das kümmerte Conor jedoch gar nicht. Er besprach sich mit der Band und man baldowerte offensichtlich aus, was man noch in die Setlist einfügen könne, um den Postbahnhof noch ein wenig länger zu beglücken. Das es am Ende des Tages leider nicht für „Lua“ und den tollen neuen Song „Enola Gay“ gereicht hat, störte sicherlich nur jemanden, der so schlimm an Setlist-Neid leidet wie ich. Um viertel nach Mitternacht hatten die Jungs gute 135 Minuten auf der Uhr, was ja an sich schon außergewöhnlich genug wäre. Nimmt man jedoch das Pensum, dass die Vor-und Begleitband Dawes zu absolvieren hatte, dann ist man schnell in Bruce Springsteen Welten, was die Setlänge angeht. Bravo! 

Setlist Conor Oberst, Postbahnhof, Berlin:

01. Time Forgot 
02. Zigzagging Toward the Light 
03. Hundreds of Ways 
04. We Are Nowhere and It's Now (Bright Eyes song) 
05. Get-Well-Cards (Conor Oberst and the Mystic Valley Band song) 
06. Hit the Switch (Bright Eyes song) 
07. Artifact #1 
08. Old Soul Song (For the New World Order) (Bright Eyes song) 
09. Danny Callahan (Conor Oberst and the Mystic Valley Band song) 
10. Ladder Song (Bright Eyes song) 
11. Lover I Don't Have to Love (Bright Eyes song) 
12. Cape Canaveral (Conor Oberst and the Mystic Valley Band song) 
13. Governor's Ball 
14. Method Acting (Bright Eyes song) 
15. Desert Island Questionnaire 
16. Poison Oak (Bright Eyes song) 
17. I Got the Reason #2 (Conor Oberst and the Mystic Valley Band song)

18. White Shoes (Conor Oberst and the Mystic Valley Band song) (Z)
19. Another Travelin' Song (Bright Eyes song) (Z)
20. Roosevelt Room (Conor Oberst and the Mystic Valley Band song) (Z)

Fotos von Oliver vom Haldern Konzert


Dienstag, 19. März 2013

Jake Bugg, Berlin, 18.03.13

0 Kommentare

Konzert: Jake Bugg 
Ort: Postbahnhof/Berlin 
Zuschauer: ausverkauft 
Datum: 18.03.2013 
Dauer: 70 Minuten 


von Tobias aus Berlin


Wer wissen möchte, wie denn der Künstler heißt von dessen Konzert hier berichtet werden soll, muss sich bitte die Mühe machen in die Kopfzeile zu schauen. Denn von hier an wird dieser Künstler nur noch die Bezeichnung PLF tragen. Bevor jemand fragt, ja PLF steht natürlich für pretentious little fucker. Hey, werdet ihr sagen, was soll denn die Beleidigung? Keine Beleidigung, sage ich! Nicht wenn man pretentious little Fucker aus dem Kontext der Frage, „How dare you having so much talent and confidence at such a young age, you pretentious little fucker?” entlehnt hat. Die Frage stellt man sich nämlich zwangsläufig, wenn man ein PLF Konzert besucht oder aber auch nur sein wunderbares, aus der Zeit gefallenes Debutalbum anhört. Der Typ ist 19! Gerade geworden! 

Nur gut, dass ich wieder mal auf den Noel gehört habe. Noel Gallagher hatte letzten Sommer auf seinem amüsanten Tourblog, eine Art Kaufbefehl für das PLF-Album veröffentlicht. Die beiden waren in Asien gemeinsam auf Tour und dem Noel gefiel offensichtlich was PLF zu bieten hatte. Und da der gute Noel, anders als sein Bruder Liam, welcher sich letzte Woche tatsächlich mit Justin Bieber verbrüderte, über die Jahre schon mit so einigem Recht hatte – ich verdanke seiner Empfehlung u.a. The Soundtrack Of Our Lifes, M.Ward und die Mystery Jets – folgte ich dem Kaufbefehl und verfiel nach anfänglichen Berührungsängsten dem schrägen Charme einer Platte, auf der ein 18-jähriger über die typische englische Teenagerangst zwischen fetten Spliffs und maroden Hangouts singt. Thematisch nix neues, das haben andere 18-jährige vor ihm schließlich auch schon gemacht. Die PLF Lyrics hätte man zum Beispiel auch genauso gut auf dem ersten Arctic Monkeys Album wiederfinden können. Neu an PLF ist, dass der Kleine dabei so klingt wie Bob Dylan. Und die Überraschung daran: Es ist nicht peinlich. Nicht die Spur. Nicht mal wenn er dann im ausverkauften und doch luftigen Postbahnhof auf der Bühne steht, noch viel kleiner und zierlicher ist, als man das Bildern nach hätte vermuten können und dann Sachen singt wie „I’ve seen it all“. „Hat er alles schon gesehen“! Er! Mit 18. Wahrscheinlich war er sogar 17, als er den schrieb. Schon klar, du pretentious little Fucker, möchte man ihm da zurufen, mit dem doppelten an Lebenserfahrung auf dem Buckel. Nur tut man das nicht. Nicht etwa aus Höflichkeit. Nein, aus Respekt. Respekt vor seiner Chuzpe, seinem Talent, seiner Stimme. Schräg das ganze. Sehr, sehr schräg. Wie sein Gesang und vor allem auch wie sein Publikum. Von kleinen süßen 18-jährigen Mädchen mit ihren süß frisierten kleinen Freunden bis zu dutzenden Pärchen jenseits der 50 war da alles dabei (Ich hätte schwören können, dass da gestern alle Mütter meiner Ex-Freundinnen im Saal standen). Es wurde brav gelauscht, brav applaudiert und wenn man sie alle nach dem Konzert um ein Konsens-Adjektiv gebeten hätte, welches den Konzertgenuss am besten beschreibt, wäre das wohl schlicht und einfach „schön“ gewesen. Klingt vielleicht langweilig, war es aber nicht. Es war halt „schön“. 17 kleine Songs und etwas über eine Stunde dauerte der ganze Spaß, wie da halt so ist, wenn man das erste Album tourt. Zum Abschluß gibt PLF noch Johnny Cash’s Folsom Prison Blues zum besten. Das ist mir zwar dann doch ein klein wenig zu klischeehaft, aber hey wer bin ich denn, einen 18-Jährigen zu hinterfragen? Consider me BUGGED! 

PS: Gerne hätte ich auch etwas über den Support Act Jack Savoretti berichtet, leider war der schon zur Hälfte mit seinem letzten Song durch, als wir um 21.03 Uhr im Saal standen. Aufgedruckter Konzertbeginn war 21.00 Uhr. Danke für nichts, lieber Veranstalter! 

Setlist Jake Bugg, Postbahnhof, Berlin: 

01: Fire 
02: Kentucky 
03: Love Me the Way You Do 
04: Trouble Town 
05: Seen It All 
06: Simple as This 
07: Slide 
08: Slumville Sunrise 
09: Ballad of Mr Jones 
10: Someone Told Me 
11: Country Song 
12: Note to Self 
13: Someplace 
14: Two Fingers 
15: Taste It 
16: Lightning Bolt 

17: Broken (Z)
18: Folsom Prison Blues (Johnny Cash Cover) (Z)



Sonntag, 17. März 2013

Kaizers Orchestra, Berlin, 7.3.2013

0 Kommentare
Konzert: Kaizers Orchestra
Ort: Postbahnhof Berlin
Datum:07.3.2013
Zuschauer: fast ausverkauft
Dauer: ca. 2 Stunden


Im Postbahnhof war ich zuletzt beim fast vorhersehbar professionellen Konzert der First Aid Kit. Es bleibt an diesem Abend skandinavisch. Statt Schweden waren die Gastgeber Norweger. Statt seichte Folkrhythmen von zwei süßen Schwestern lud gleich eine ganze "Spasskapelle" ein.
Ein wenig angeschlagen vom Winterwetter, wurde ich von einem Elektrokünstler als Vorband begrüßt. Der war weniger spaßig - eher unfreiwillig komisch. Dessen Auftritt zog sich so elend lange hin, dass schon Ungeduldige ihre leeren Becher auf die Bühne warfen. Ein trauriger Anblick.

Es war mein erstes Konzert von Kaizers Orchestra und vielleicht auch mein letztes, denn nach der Tour dieses Jahr werden sich die Herren Kaizer auf unbestimmte Zeit trennen. Ob es dafür auch Grund zum trauern gibt, wollte ich gerne überprüfen.

Zuerst betrat Mr. Helge "Omen" Kaizer die Bühne. Stilecht und dramaturgisch perfekt inszeniert mit Gasmaske und Aktentasche machte er sich auf den Weg an "seine" Orgeln. Die Menge im Saal tobte. Dann betrat auch der Rest der Band die Bühne. Die morbid skurile Bühnendeko mit alten Tischlampen und atmosphärischer Beleuchtung schuf den perfekten Rahmen an diesem Abend. Wie soll ich die Musik umschreiben? Fun-Punk, Ska, Rockabilly, Gypsi? Toy Dolls meets The Meteors meets Shantel. Eine ganze eigene und spezielle Mischung. Mit viel Selbstironie ohne lächerlich zu werden. Mit viel Lust ohne sich plump aufzudrängen.

Der Sänger Mr. Janove Kaizer ist ein wahres Energiebündel. Eine Mischung aus der Bühnenpräsenz von Robbie Williams und der Optik von Dave Gahan. Kaizers Orchestra sind keine alternative Teenie-Pop-Band - auch wenn das Publikum zuweilen so zu agierte. Anfänglich ist nur der vordere, "jugendliche" Teil der Halle wirklich in den Bann gezogen, applaudiert, johlt, kreischt und ist voller Euphorie. Das überträgt sich  im Laufe des Konzerts immer mehr auch auf die gesamte Halle, die in ein angenehmes Kochen gerät. Eine kontrollierte Extase, die wohl auch der Durschmischung des Publikums geschuldet ist. 

Zwischen 15 und 60 Jahren ist alles vertreten, und alle können sich an diesem Abend wohlig fühlen. Die Band ist perfekt aufeinander eingespielt. Ihre Mitglieder agieren routiniert, aber nicht gelangweilt miteinander. Vor allem Janove und der Gitarrist Garry führen durch die Show. Im Laufe des Konzerts "darf" Helge auch irgendwann sich seiner Gasmaske entledigen. Er sieht darunter erstaunlich frisch aus. Im Gegensatz dazu haben sind die Hemden der restlichen Band schon vom reichlich geflossenen Schweiß vollgesogen. 

Es wird auf große Trommeln geschlagen, auf Alufelgen mit Brechstangen herumgekloppt, und das mit einer Energie und Spielfreude, die mitzuerleben großartig ist.

Es sind auch die spaßigen Geschichten, die die Band sympathisch machen. Sei es der Schuhkauf in Berlin, bei dem sich gleich die gesamte Band versorgte oder die Abfrage der Herkunft des Publikums. Immer mit einer angenehmen Note. 

Kaizers Orchestra: Wie konnte ich Dich die vergangenen Jahre nur übersehen? Jetzt wo es vielleicht schon zu spät ist, um noch weitere gemeinsame Erlebnisse zu sammeln.
Eine tolle Band, die an diesem Abend in Höchstform für ihre treuen Fans aufgespielt hat. Und das aus vollem Herzen.

Setlist:

Aldri vodka, Violeta
Det polaroide liv 
Tusen dråper regn 
Din kjole lukter bensin, mor 
En for orgelet, en for meg 
Støv og sand 
I ett med verden 
Ompa til du dør 
Bøn fra helvete 
Sigøynerblod 
Forloveren 
Kontroll på kontinentet 
KGB 
Dr. Mowinckel 
Hjerteknuser 
Svarte katter & flosshatter 
Maestro
———– 
Begravelsespolka 
Dieter Meyers Inst.

Aus unserem Archiv: 
Sounds Nordic, Sounds Good!, Zürich, 22.01.12 


Dienstag, 19. Februar 2013

Hurts, Berlin, 09.02.13

1 Kommentare

Konzert: HURTS
Ort: Postbahnhof am Ostbahnhof, Berlin 
Datum: 09.02.2013
Dauer: 70min
Besucher: ca. 1.000 – innerhalb von Minuten ausverkauft!


von Tanita


Es gibt manche Bands, die geraten bei mir seltsamerweise wieder sehr schnell in Vergessenheit, obwohl sie das eigentlich gar nicht verdient haben. Andererseits geht es mir dann, wenn ich mich wieder daran erinnere, wie gut ich diese Band eigentlich finde, in etwa so, wie wenn ich einen alten Bekannten nach langer Zeit unverhofft auf der Straße treffe. Nachdem mich Hurts 2011 live sehr beeindruckt hatten und ich mir die Band gleich 3 mal in kürzester Zeit angesehen habe, war für mich klar, dass ich unbedingt zu dem als „exklusiver Showcase“ beworbenen Konzert im Postbahnhof in Berlin musste. Als hoffnungsloser Konzertjunkie konnte ich einfach nicht widerstehen: die Band würde live gut sein (so dachte ich zumindest), es würde das erste Konzert in Deutschland vor Veröffentlichung des neuen Albums sein, man würde wohl noch mehr neue Songs zu hören bekommen und auch wichtig: ich kannte die Location noch nicht! Ergo: 5 Stunden nervige Zugfahrt – ab geht’s! So „einfach“ gestaltete sich die ganze Angelegenheit aber anfänglich doch nicht: denn als Ende letzten Jahres verkündet wurde, dass Hurts im März ihr sehnlichst erwartetes zweites Album Exile veröffentlichen würden und im Vorfeld ein paar exklusive Shows spielen würden, konnte man sich lediglich per Email um die Chance, ein Ticket kaufen zu dürfen, bewerben. Absolut lächerlich, was man sich heutzutage als Fan alles antun muss, um eine Band zu sehen...aber nun gut. Tatsächlich hatte ich genug „Glück“, um mir ein Ticket bestellen zu dürfen und der Zeitpunkt des Konzerts fiel so perfekt auf das Wochenende nach meinen ersten Klausuren, dass ich einfach nicht anders konnte. Die Farce, die sich bereits beim Ticketkauf und dem Hinweis, das man die Tickets ja an der Abendkasse abholen müsste, angedeutet hatte, war dann bei meiner Ankunft auch in vollstem Ausmaß an Idiotie ersichtlich – trotz der Tatsache, dass ich chronisch zu spät komme und dieses Mal aber sogar absichtlich fast eine halbe Stunde nach Einlass erst am Postbahnhof war, um nicht in der Kälte stehen zu müssen, durfte ich genau das dann fast eine dreiviertel Stunde lang tun. Nicht gerade der beste Weg, um die Vorfreude auf ein Konzert zu steigern. Immerhin habe ich beim Warten in der Kälte ein paar nette Konzert- und an diesem Abend fast noch wichtiger Hurts-Enthusiasten kennengelernt, u.a. einen jungen Herrn, den ich ritterlich mit meinem zweiten Ticket vor einem zwielichtigen Ticketverkäufer – noch so ein Hassthema – gerettet habe und so wurde die scheinbar nicht enden wollende Distanz zum Eingang doch irgendwann, kurz nachdem die Vorband schon begonnen hatte, gemeinsam überwunden.


Da das nicht das erste Konzert war, auf dem die Organisation einfach fragwürdig war, habe ich mir davon noch nicht meine gute Laune verderben lassen, aber als ich dann der Vorband genauer zugehört habe, war dann leider der vorläufige Tiefpunkt erreicht. Ich möchte wirklich Niemandem Unrecht tun und allgemein finde ich, dass jeder Künstler, der mutig genug ist, sich auf eine Bühne zu stellen und vor Menschen seine Seele zu offenbaren, eine Daseinsberechtigung hat. Allerdings war mir bei Say Lou Lou nach wenigen Liedern klar, dass diese Band für mich persönlich genauso insignifikant bleiben würde, wie ihr Name es mir bereits prophezeit hatte. In unserer kleinen Gruppe von durchfrorenen Menschen waren wir uns schnell einig, dass die beiden Sängerinnen leider sehr einfallslosen Pop vortrugen, der insgesamt im Publikum nicht besonders auf Begeisterung stieß und so machte sich der allseits beliebte Fluchtimpuls in Richtung Bar bemerkbar. Dadurch bot sich aber immerhin die Möglichkeit die Location mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Alles genauso, wie man sich einen hippen industriell angehauchten Hauptstadtclub aus dem Bilderbuch vorstellen würde – besonders gut fand ich, dass man auch vom hintersten Winkel des Raums die Bühne super sehen konnte und somit das nervige Gedrängel von unhöflichen Menschen auf ein Minimum reduziert wurde.


Nach ein paar netten Gesprächen an der Bar, war es dann wie erwartet kurz nach neun endlich Zeit für Hurts. Man konnte die Spannung im Raum deutlich spüren, da sich alle der Exklusivität des Konzertes bewusst zu sein schienen. Erwähnenswert ist auch die große Anzahl von wirklichen „Die Hard“-Hurts-Fans, die ich bereits bei bloßer Betrachtung sehr sympathisch fand, denn man konnte ihnen ansehen, wie aufgeregt und nervlich angespannt sie kurz vor Beginn des Konzerts waren und es ist immer wieder faszinierend mitanzusehen, wie auch und v.a., Frauen mittleren Alters in hysterische Kreischanfälle verfallen, sobald das Licht erlischt und die Band auf die Bühne kommt. 


Theo Hutchcraft und Adam Anderson betraten genauso die Bühne, wie ich es erwartet hatte – Adam gewohnt reserviert und fast schon etwas abwesend und Theo, sich ganz seiner Wirkung auf die weiblichen Hurts-Fans bewusst, genoss die die lautstarke Reaktion auf ihr Erscheinen sichtlich. Ich war sehr gespannt, mit welchen Song Hurts das Set eröffnen würden und wurde nicht enttäuscht, da sie gleich mit dem Titelsong Exile begannen, der für mich persönlich um einiges härter klingt, als das, was man sonst von den sonst so von Hurts gewöhnt ist – optisch unterstrichen von Theo, der den Opener ganz „bad ass“ mit schwarzer Kapuze absolvierte. Direkt gefolgt von Miracle, der ersten Singleauskopplung aus Exile, einem definitiv sehr eingängigen Song, der aber trotzdem Theos stimmliches Können live deutlich zur Geltung bringt. Durch die beiden neuen Songs hatten Theo und Adam das Publikum bereits fest in der Hand, aber als dann die ersten Klänge des nächsten Songs den Raum erfüllten und alle wirklich jedes einzelne Wort von Wonderful Life mitsangen, war klar, dass Hurts an diesem Abend relativ leichtes Spiel haben sollten. Dieser Moment hielt mir auch wieder vor Augen, warum Hurts mich 2011 live so beeindruckt hatten. Einerseits ist da Theos wundervolle Stimme, die auf Platte zwar schon toll klingt, aber live und dies ist vermutlich auch seinem Auftreten geschuldet, Züge der Stimme eines Opernsängers hat und einen förmlich in die Lieder hineinzieht und dann auf der anderen Seite ist da der seltsam ruhige Adam, der die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn verschwimmen lässt. Auf der Bühne entfaltet sich eine ganz besondere Dynamik zwischen den beiden, die so gegensätzlich erscheinen und manchmal hatte ich den Eindruck, dass Adam das Publikum kaum wahrnimmt, sondern so konzentriert auf seine Musik ist und lediglich die Verbindung zu Theo und dessen Bestätigung sucht. Genau diese besondere Verbindung schafft ihre Musik auch zwischen der Band und dem Publikum und noch schöner eigentlich, zwischen den einzelnen Menschen im Publikum, die für diese wenigen Momenten während des Konzerts ihr Herz komplett der Musik öffnen und sich in die melancholische Welt von Hurts entführen lassen. Ich weiß nicht genau woher diese unfassbare Coolness kommt, die Hurts live austrahlen, denn wie ihnen von vielen Kritikern zurecht vorgehalten wird, könnte man, wenn man lediglich ihr Debüt Happiness auf Platte gehört hat und sie noch nie live gesehen hat, von grenzenlosem, fast nicht zu ertragendem Kitsch sprechen – doch damit tut man den beiden wirklich Unrecht, da hinter dem perfekten Image tatsächlich mehr steckt. Auch wenn Hurts für manche rein oberflächlich betrachtet zu viel ist, man sollte, falls man die Möglichkeit hat, der Band live eine Chance geben – selten wurde meiner Meinung nach ein Image auch live so perfekt „over the top“ umgesetzt, wie bei Hurts. Seien es generell die schwarzen Anzüge, dieses Mal zusätzlich noch die schwarze Kapuze und die Lederhandschuhe, die gönnerhaft ins Publikum geworfenen weißen Rosen, die noch begehrter sind, als die Setlists oder aber auch die fragwürdigen Tänzerinnen in Spitzenbodies (dieses Mal „leider“ stattdessen mehr Begleitmusiker) - das alles ist so künstlich und überinszeniert, dass es schon wieder gut ist.


Die Setlist des Abends war mit 14 Liedern zwar ziemlich kurz, allerdings eine perfekte Mischung aus alten Songs und 5 neuen Songs. Für mich persönlich immer wieder eines der Highlights im Set: Silver Lining, dessen unfassbares Intro mir jedes Mal durch Mark und Bein geht – einfach großartig. Dem folgenden neuen Song Blind stand ich zunächst etwas skeptisch gegenüber, da er eine ziemlich seltsame Sequenz enthält, die ich anfangs zu dancelastig fand und mich eher an Captain Jack, als an Hurts erinnert hat. Leider muss ich gestehen, dass ich bis zum Ende des Songs generös darüber hinwegsehen konnte, da Theo mit so viel Pathos in schwindelerregend hohen Tonlagen gegen diese sich wiederholende Passage ansingt, dass insgesamt doch genug Hurts vorhanden ist und der Song wirklich ungewohnt, aber nichtsdestotrotz ganz toll ist. Dieser eher ruhige Song bot die perfekte Grundlage für Evelyn, dessen bedächtige Stimmung wirkungsvoll von dem neuen Song Cupid „zerstört“ wurde, der in etwa so sehr reingehauen hat, wie der Opener – für mich persönlich positiv zu bewerten, dass Hurts bei ihrem zweiten Album ein paar mehr Gitarren auspacken. Die nächsten fünf Songs bis zu den Zugaben lieferten noch einmal einen dynamischen Ritt durch sämtliche Stimmungen, für mich persönlich alles Highlights, da Sunday (besonders toller Übergang von Cupid!), Blood, Tears & Gold, Unspoken und Illuminated, das immer besonders schön – und auch kitschig – ist, wenn alle gebeten werden ihre Handys oder Kameras oder sonstige leuchtende Gegenstände in die Höhe zu halten, einfach tolle Songs des ersten Albums sind und auch dementsprechend begeistert vom Publikum angenommen wurden. Der letzte Song vor den Zugaben namens The Road, war dem Publikum als allererster Vorgeschmack auf Exile ,in makellosem Hurts-Stil, bereits letztes Jahr vorgesetzt worden und wurde bereits begeistert mitgesungen. Die beiden Zugaben Better than Love und natürlich, direkt nach Wonderful Life wohl der größte Erfolg in der bisherigen Bandgeschichte Hurts, Stay.


Ein wirklich toller Abschluss, bei dem alle mit größter Hingabe und in vollkommen falschen Tonlagen das Stay mitsangen und es einfach nur schön fanden. Umso trauriger dann, dass die meisten nicht damit gerechnet hatten, dass dieses als Warm-Up-Gig gedachte Konzert, wohl relativ kurz ausfallen würde. Natürlich wären noch 2 bis 3 zusätzliche Lieder schön gewesen, aber andererseits haben Hurts eben auch bisher nur ein veröffentlichtes Album und bevor man dann noch 10 Coverversionen zu hören bekommt, fand ich dieses Set in seiner Kürze, aber ausgewogener Songvielfalt, absolut angemessen. Besonders schön war es auch einfach zu sehen, dass Hurts mehrfach ihre starke persönliche Bindung an Berlin und ihre deutschen Fans betonten und viel mehr noch, dass man ihnen wirklich abnahm, dass sie das „It's good to be back.“ scheinbar auch ernst meinen.


Man darf also durchaus auf das gespannt sein, was Hurts 2013 noch so von sich hören lassen werden! Wie man das in Berlin eben so macht, bin ich danach direkt in das nahegelegene Radialsystem zur Arte Berlinale Party gegangen. Klingt wahnsinnig angeberisch, aber ich hatte mich spaßeshalber auf einen Gästelistenplatz beworben und gewonnen und habe selbstverständlich liebend gern die Möglichkeit wahrgenommen auch noch ein Gratiskonzert von Get Well Soon abzustauben! Ich möchte fast nicht von einem Konzert sprechen, da es sich dabei um eine Aufzeichnung für die Arte Live Lounge handelte und die Atmosphäre dementsprechend steril war, aber nicht einmal dieser Umstand und die absolut seltsame Mischung von Menschen, die sich im Radialsystem versammelt hatten, konnte der Wirkung von Konstantin Groppers Stimme und Get Well Soon im Allgemeinen Abbruch tun – auch wenn ich zwischendurch gerne manchem stocksteifen Pseudo-Bohemian-Hipster-Wichtigtuer-Menschen das Weinglas aus der Hand schlagen wollte, damit ich nicht die Einzige bin, die vollkommen peinlich zu You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance) „tanzt“. Insgesamt ein wundervoller Abschluss eines tollen Abends – bleibt mir nur zu sagen, dass ich nun noch gespannter auf Exile bin, das am 11.03. endlich erscheinen wird, Berlin anscheinend doch gar nicht so fürchterlich sein kann, wie man wegen Kraftklub annehmen möchte und ich so schnell wie möglich wieder zu einem richtigen Get Well Soon Konzert muss!

Setlist Hurts, Postbahnhof am Ostbahnhof, Berlin:

01: Exile 
02: Miracle 
03: Wonderful Life
04: Silver Lining
05: Blind 
06: Evelyn 
07: Cupid 
08: Sunday
09: Blood, Tears & Gold 
10: Unspoken
11: Illuminated 
12: The Road 

13: Better than Love (Z) 
14: Stay (Z)




Sonntag, 9. Dezember 2012

First Aid Kit, Berlin, 4.12.2012

0 Kommentare

Konzert: First Aid Kit (+ Idiot Wind)
Ort: Postbahnhof Berlin
Datum: 4.12.12
Zuschauer: fast ausverkauft
Dauer: Idiot Wind 30 min. / First Aid Kit 75 min.

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr wurde ich das erste Mal vom First Aid Kit-Virus infiziert. An diesem Abend sollte ich die beiden Schwestern Johanna und Klara, deren unglaubliche Geschichte schon viele Male erzählt wurde, zum vierten Mal wiedersehen. Zuletzt erlebte ich First Aid Kit als Vorband im ausverkauften Konzert von Jack White. Ich weiß nicht genau, was mich verleitet den beiden Schwestern so treu zu sein. Ist es ihre sympathische Bühnenpräsenz? Ihre Stimmen? Ihre Lieder? Vielleicht ist es die Mischung und die Garantie eine schöne Abendunterhaltung geboten zu bekommen.

An diesem Abend gastierten First Aid Kit zum zweiten Mal im zuletzt ausverkauften Postbahnhof. Ich traf recht früh ein und konnte mir einen guten Platz vor der Bühne sichern. 
Zuerst kam aber Idiot Wind auf die Bühne und nahm am E-Piano Platz. Auf dem Kopf trug sie einen speckig aussehenden Lederhut und ihre Locken rankten weit in ihr Gesicht. Das Bild passte dann aber nicht zu ihrer Stimme, die schöne Melodien trällerte. Unterhaltsame Musik, die aber keine wirklich bleibende Erinnerung hinterließ mit Ausnahme des gelungenen souligen Springsteen-Covers "I´m On Fire". Das Publikum war von ihr sehr angetan und applaudierte nicht nur aus Gefälligkeit.

Der Nachteil von den guten Plätzen direkt von der Bühne ist recht simpel. Der Getränkenachschub ist schwierig zu gewährleisten. So kam mir die Wartezeit bis zum Beginn von First Aid Kit ewig vor. Als dann das Licht dunkel wurde, begannen sphärische Synthie-Klänge, welche dann von Johanna und Klara A capella abgelöst wurden: In The Morning. Und es wurde sofort klar, warum First Aid Kit so dauerhaft erfolgreich sind und wieso der Postbahnhof an diesem Abend randvoll ist. Sie haben grandiose Stimmen, die perfekt miteinander harmonieren. Es macht eine Freude ihnen zuzuhören. Nachdem sie sich vorgestellt hatten, widmeten sie ein Lied den "Pussy Riots", was mich persönlich eher wunderte, habe ich First Aid Kit bislang nicht mit politischen Statements wahrgenommen. Gut, es war auch nur eine Randnotiz, welche weder störte noch das Konzert in eine Schieflage brachte. Das herzzerreissende Marianne´s Son wurde zur Einleitung gleich für den Hinweis auf ihr Deluxe-Album genutzt. 

Zu meinem Liebling New Years Eve zückte Johanna wieder die Autoharp und Klara sang - zwischendurch ergänzt durch Johannas Stimme. Eine perfekte Darbietung. Und da haben wir vielleicht auch den einzigen, aber künftig wohl entscheidenden Kritikpunkt an dem Konzert: Es ist eine perfekte Show, alles ist optimal aufeinander abgestimmt. Anders als bei anderen Bands, wo sich Abende schon mal stark voneinander unterscheiden, habe ich den Eindruck, dass bei First Aid Kit immer alles gleichbleibend auf hohem Niveau abläuft. Das tragische ist dabei leider, dass es auf Dauer vorhersehbar wird. Dieser Kritik zum Trotz bieten Klara und Johanna etwas, was nur wenigen Künstlern gelingt, sie berühren auch die Menschen, die vorher nur wenig mit dieser Art von Musik anfangen konnten. So erzählten mir mehrere Gäste an diesem Abends, das sie dort wären, weil sie von First Aid Kit als Vorband von Jack White so fasziniert gewesen seien.

Auch an diesem Abend gelingt das akustische Ghost Town (bei dem Klara und Johanna traditionell ohne Mikrofon singen) mit schüchterner Teilhabe des Publikums. Der gesamte Saal lauschte andächtig. Kein Handygefiepe, keine klirrenden Glasflaschen, einfach schön. Die nachfolgenden To A Poet, Wolf und When I Grow Up - allesamt in gewohnt hoher Qualität. Es war wohl der letzte gemeinsame Abend für First Aid Kit und Idiot Wind und so dankten Klara und Johanna ihr mit Emmylou. Auch eines meiner persönlichen Favoriten des Abends - und als das Publikum dazu noch mitsang - ach - diese Momente sind toll! Fulminantes Ende von I Met Up With The King, als Johanna Seven Nation Army auf dem Keyboard anklingen ließ, um dann gleich zum Abschluss ihren Kopf auf den Tasten hin- und her zu wälzen. Schöner Einfall! Lion´s Roar mit lustigem kurzem Textaussetzer und Headbanging.


Als Zugabe gab es dann mit America eine Hommage an den "besten Songwriter der Welt": Paul Simon. Es wäre jetzt nicht meine erste Wahl aus dem Werk von Paul Simon gewesen, aber es eine gelungene Interpretation. Es sollte nicht das einzige Cover bleiben, denn der Hammond Song von The Roches aus den 70ern kam als nächstes. Und auch Idiot Wind kehrte  auf die Bühne zurück. Keine einfache Übung der drei Frauen, die aber gut gelungen ist. Mit dem Sailor Song und King Of The World beenden Klara und Johanna den äußerst gelungenen Folk-Abend. Das Publikum geht selig in Richtung überfüllter Garderobe und Merchandising Stand. Wer aber am Merchandising Stand auf die beiden Schwestern gewartet hatte, tat dieses vergebens. Im Gegensatz zu den vorherigen Konzerten, blieben Johanna und Klara dieses Mal ihren Fans fern.

Im Januar beehren sie Berlin erneut, nämlich als Vorband von Conor Oberst. Ob diese Dauerpräsenz dem Erfolg auch Dauer gut tut, bleibt abzuwarten. Ungewöhnlich ist es auf jeden Fall.

Setlist:
In The Morning
Blue
Our Own Pretty Ways
Marianne´s Son
New Years Eve
Ghost Town
To A Poet
Wolf
When I Grow Up
Emmylou
I Met Up With The King
Lions Roar

America (Z)
Hammond Song (Z)
Sailor Song (Z)
King Of The World (Z)

Tourdaten (mit Conor Oberst):
21.1.12: Wien
22.1.12: München
24.1.12: Berlin



Samstag, 19. September 2009

Noah & The Whale, Berlin, 16.09.09

1 Kommentare

Konzert: Noah and the Whale (Blue Roses)

Ort: Fritzclub im Postbahnhof, Berlin
Datum: 16.09.2009
Zuschauer: angenehm, ca. 300
Konzertdauer: Blue Roses 30 min, Noah and the Whale 90 min


von Hannes aus Berlin

Dies ist der Konzertbericht eines weißen, mitteleuropäischen 21 Jahre alten, tontechnisch affinem Studenten, welcher der oberen Mittelschicht zugehören kann, da er finanziell über seine Eltern abgesichert ist. Zu seiner Verfassung ist zu sagen, dass er und seine Freundin, die Liebe seines Lebens, vergangene Woche nach zweieinhalb Jahren beschlossen haben, den dritten Beziehungsversuch zu beenden. Nun ist er das erste Mal nach fast 6 Jahren auf sich alleine gestellt und nimmt die Welt dementsprechend wahr. Im Vorfeld hat er sich zwei Alben der Band besorgt und während er so dies und das tat, in die Musik hineingehört. Dabei fiel ihm sofort "5 Years Time" auf - der Song wurde schon öfter in der Disko gespielt und er hatte verhalten dazu getanzt. Pünktlich um 9 Uhr verließ er dann die Welt von Steven King und dem letzten Gefecht, in der er sich seit seinem Aufbruch zu Hause befand, um in die von Laura Groves als Blue Roses einzutreten. Was für eine Melodiegewalt! Treffsicher nimmt die Dame dort oben jeden Bogen und verleiht den Songs mit ihrer seidigen Stimme Gefühle der besonderen Art. Nur vor einem einzigen Song lässt sie eine kleine Unsicherheit durchschimmern - herzerweichend, zum Glück doch nicht vom Band. Nach einer wunderschön ausführlichen Umbaupause dann endlich Noah. Mit Rückkopplungen seitens der Geige hat nun also jeder mitbekommen, dass es wieder los geht. Gut. Aber so wirklich wollen da keine Funken springen. Das Konzert ist nett, es gibt Applaus. Ausdruckslos spielt Sänger Charlie die Songs runter. Die Band hält gegen. Ab und zu mal etwas lauter mit mehr Gitarre, dann etwas leiser mit weniger Gitarre, aber mehr schönem Männerchor (nicht ganz so schön wie bei den Fleet Foxes, aber hey!) und zwischendurch ist es etwas plätschernd. Höhepunkt des Konzertes: Eine elektrische Zahnbürste auf dem Boden. Wow. Etwas enttäuscht ist er ja schon, der Schreiber, aber vielleicht liegt es ja auch einfach an seinem Gemütszustand. Gegen 23.30 Uhr geht es dann wieder in die U-Bahn und zu Steven King.




Freitag, 21. September 2007

Stars, Berlin, 20.09.07

1 Kommentare

Konzert: Stars (City Slang Night auf der PopKomm)
Ort: Fritz Club im Postbahnhof, Berlin
Datum: 20.09.2007
Zuschauer: sehr viele


Zu den Stars habe ich erst sehr spät gefunden, nach der Veröffentlichung ihres Albums "Set yourself on fire" lief im Radio "Your ex-lover is dead" und ich war hin und weg. Als die kanadische Band dann im Gebäude 9 in Köln gespielt hat, habe ich sie mit riesiger Begeisterung gesehen und seitdem gewartet, wieder ein Konzert der Stars zu sehen.

Die Band um Sänger Torquil Campbell veröffentlicht demnächst ihr neues Album "In our bedroom after the war." Weil es ihnen aber kräftig gegen den Strich ging, daß Musikjournalisten die Platte Monate vor den Fans haben, obwohl sie sich eigentlich nicht dafür interessieren (Ex-Visions Chefredakteur Carsten Schumacher war zwei Minuten im Saal), haben sie wenige Tage nach Ende der Aufnahmen das Album im Internet veröffentlicht. Ic
h liebe "In our bedroom after the war" - mit einer Ausnahme. "The ghost of Genova Heights", die Mischung aus den Scissor Sisters und Justin Timberlake finde ich scheußlich. Als Ausgleich sind auf der Platte aber einige Lieder, die zu den schönsten der Stars gehören: "The night starts here", den Titelsong oder auch "Take me to the riot". "Take me to the riot" war auch das erste Lied des viel zu kurzen Konzerts im Rahmen der City Slang Nacht im Berliner Postbahnhof. Und ich hatte den Eindruck, daß viele diesen großartigen Song kennen! Das hatte Torquil offenbar auch bemerkt. Als er irgendwann eim Lied "unserer bald erscheinenden Platte" ankündigte, fragte er anschließend: "Did you steal it?" Das war aber nicht Vorwurf sondern Aufruf, denke ich.

Im Vergleich zu 2005 war die Band umbesetzt. Die zweite Frau fehlte. Ich weiß nicht, ob sie vor zwei Jahren Gastmusikerin war oder zur Stammbesetzung gehört, jetzt war sie jedenfalls nicht mehr dabei. In Berlin standen die Stars (die wie Malajube aus Montreal kommen) zu sechst auf der Bühne. Im Mittelpunkt steht dabei neben Torquil natürlich Sängerin
Amy Millan. Amys Stimme ist wundervoll. Die für mich besten Lieder der Stars sind aber die, in denen beide Frontleute singen. Besonders herzerweichend wird das dann, wenn Amy und Torquil sich ansingen, sich anschmachten. Aber auch wenn das ein oder andere Lied auf Platte sehr ruhig und kuschelrockig klingt, ist es live schon eine Nummer härter.

Der Berlin-Auftritt der Stars war für mich ein perfekter Appetitanreger für Köln kommende Woche, selbst, wenn ich dann noch mal "Genova
Heights" hören muß.

Setlist Stars PopKomm:

01: Take me to the riot
02: Set yourself on fire
03: Elevator love letter
04: The ghost of Genova Heights
05: What I'm trying to say
06: My favourite book
07: Midnight coward
08: Soft revolution
09: Bitches in Tokyo
10: The night starts here
11: Ageless beauty
12: Your ex-lover's dead

Links:

- mehr Fotos



Malajube, Berlin, 20.09.07

10 Kommentare

Konzert: Malajube (City Slang Night auf der PopKomm)

Ort: Fritz Club im Postbahnhof, Berlin
Datum: 20.09.2007
Zuschauer: sehr viele


Eigentlich sollte die PopKomm bei mir folgendes Motto haben: "Keine Los Campesinos!, kein Christoph." Die walisische Sensationsband war nämlich der Hauptgrund, ein Ticket für den City Slang Labelabend im Postbahnhof zu kaufen. Die Stars und Malajube waren zwar auch angesetzt, hätten mich aber nicht extra nach Berlin gelockt. Los Campesinos! sind allerdings leider mit den Arbeiten an ihrer Platte nicht fertig geworden und arbeiten weiter in Kanada, statt nach Berlin zu kommen. Um noch kräftig Salz in die Wunden zu kippen, hatten die Veranstalter auf einer Leinwand Videos der Bands des Labels laufen lassen. Da lief dann auch "We throw parties, you throw knives", na toll!

Malajube und die Stars an einem Abend sind ja auch nicht so schlecht...

Vor Malajube traten allerdings noch zwei andere Bands auf: Ein Kanadier namens Gentleman Reg, der als Los Campesinos! Ersatz gebucht worden war. Das war eine schöne Idee, die allerdings nicht funktioniert hat, ich fand Gentleman Reg wenig
berauschend.

Nächste Band war Caribou, wobei Band falsch ist, denn
Caribou ist der Projektname des kanadischen Musikers und Doktors der Mathematik Daniel V. Snaith. Live wird Snaith aber von einer Band begleitet, heute standen drei Musiker mit ihm auf der Bühne. Die Musik der Band war sehr ungewöhnlich, schon der Bühnenaufbau war komisch: Vorne standen zwei Schlagzeuge, die bei einigen Liedern auch von zwei Drummern gespielt wurden. Die Lieder waren recht experimentell, erinnerten mich anfangs ein wenig an Battles, das paßt ja auch, schließlich wird deren Stil ja oft als Math Rock bezeichnet. Später wurden die Lieder dann etwas popiger, sogar mit Gesang. Das war interessant, hat mich aber nicht richtig überzeugt.

Im großen Saal begann dann ohne große Pause mein
erstes Highlight: Malajube aus Montreal. Was soll ich über eine Band schreiben, die ich in den letzten zwei Monaten bereits dreimal gesehen habe? Vielleicht, daß auch das vierte Mal hochgradig originell und faszinierend war? Oder daß Sänger Julien diesmal keine Wollmütze und keine Stirnband sondern eine Kaputze auf dem Kopf hatte? Keyboarder Thomas wohl viele identische rote T-Shirts hat, denn er trug wieder eines?

Auch wenn ich mich also wiederhole: Auch diesmal waren Malajube wahnsinnig gut! Die Band spielte zwar nur sieben Stücke, darunter wie schon in Köln das vollkommen brillante Instrumentalstück, das vermutlich "Contrôle" heißt und "Pirate d'Hochelaga", das auch bisher unveröffentlich ist. Die anderen fünf Lieder waren perfekt wie immer, leider spielten die Kanadier bei diesem Showcase keine Stücke von ihrer ersten CD, die mit jedem Hören besser wird.

Ich finde bei Malajube toll, wie präzise die Band spielt, vor allem dann, wenn es
schnell und wild wird, Thomas tief über seinem Keyboard hängt und heftig drauf haut, der Schlagzeuger (mit Manowar* T-Shirt) mit fliegender Mähne an den Hund der Muppet Show erinnert (das ist treffender als der Vergleich mit Muppet Show Tier), der Bassist und zweite Gitarrist wippend, Julien auf der Bühne sitzend spielen. Diesmal saß der Sänger nicht nur, er lag sogar eine Weile Gitarre spielend auf der Bühne. Thomas erklärte das damit, daß die Tour damit zu Ende sei und Julien vermutlich müde sei.

Schade, daß ich damit Malajube wohl eine Weile nicht sehen werde, ich hätte nämlich
jetzt schon wieder Lust auf die Band!

Setlist Malajube PopKomm:

01: Etienne d'août
02: Pâte filo
03: Montréal -40° C
04: Contrôle (?) (instrumental)
05: La monogamie
06: Casse-cou
07: Pirate d'Hochelaga

Links:

- Malajube in Paris im März 07
- bei den Inrocks in Paris
- Malajube auf dem Haldern-Festival
- und im August im Cooky's in Frankfurt
- sowie im September in Köln
- mehr Fotos

* nein, Christina hat natürlich recht, er trug ein Menomena T-Shirt!





 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates