Samstag, 17. Mai 2008

Bill Callahan (Smog), Paris, 16.05.08


Konzert: Bill Callahan (Smog)

Ort: L'Européen, Paris
Datum: 16.05.08
Zuschauer: circa 300Konzertdauer: gut 100 Minuten



"Kommst Du am Freitag auch zu Bill Callahan"?

June, der weibliche Part des französischen Folk-Duos June et Jim, die ich kürzlich im Vorprogramm von Alina Simone kennengelernt hatte, schien sich sicher zu sein, dass ich mit ja antworten würde, als sie mich das am vergangenen Mittwoch fragte.

Bill Callahan spielt in Paris? Das hatte ich ja gar nicht mitbekommen! Obwohl, wenn ich mir das so recht überlegte, hatte ich eine dunkle Erinnerung daran, von diesem Termin irgendwann einmal gelesen zu haben. Konzerte im Européen sind nicht gerade gut vermarktet, man liest selten in den einschlägigen Zeitschriften davon und so kann es passieren, dass man den Auftritt eines Musikers verpennt, den man immer schon mal sehen wollte.

Aber es war ja noch nicht zu spät, oder doch? Gab es noch Karten? Ich ging der Sache per Internet auf den Grund und für 20 Euro kam man in den Genuss der begehrten Tickets.

Aber was heisst schon begehrt, wie die warmen Semmeln schienen die Billets nicht gerade wegzugehen?! In dem kleinen Saal des Européen waren von den rund 350 Sitzplätzen noch schätzungsweise 50 unbelegt, obwohl da ein Musiker mitsamt Band spielen würde, der unter dem Namen Smog bzw. (Smog) bereits stattliche 11 Alben veröffentlicht hatte, die mitunter ganz vorzügliche Kritiken bekamen. Seit 2007 und dem Opus "Whoke On A Whaleheart" geht er aber unter seinem richtigen Namen Bill Callahan an den Start und ich ging davon aus, dass der Grossteil des Sets von Liedern des aktuellen Outputs bestritten würde. Weit gefehlt...

Vor dem Hörgenuss stand aber erst noch die beschwerliche Anreise mittels grässlich überfüllter U-Bahnen und dem Durchschlendern des Nutten-und Sexshopviertels Pigalle. Eine liderliche Gegend, in dem sich eine Pornokabine an die andere reiht und der Duft von Desinfektionsmitteln durch die halbgeöffneten Ladentüren weht. Touristen kommen trotzdem in Scharen hierher, weil hier auch das weltberühmte Moulin Rouge steht (gleich neben dem Konzertsaal la Loco) und Lieschen Müller ihren Kegelfreundinnen in Bottrop erzählen will, dass sie auf ihrem Paris-Trip auch die Muläng Rousch gesehen habe...

Am Européén angekommen, strahlt mir schon die Leuchtreklame vor der Tür entgegen: Bill Callahan. Man konnte es schwarz auf weiss lesen.

Aber wer würde das Vorprogramm bestreiten? Ich hatte keine Ahnung, hörte aber schon folkige Klänge (insofern keine Überraschnung) als ich die dunklen Treppenstufen Richtung Konzertsaal emporstieg. Ich öffnete vorsichtig und möglichst diskret die Tür und pflanzte mich auf das nächste freie Plätzchen.
Das intellektuelle Publikum - der bei Folk-Konzerten übliche Mix aus Ökos und Künstlertypen - schaute mucksmäuschenstill Richtung Bühne, auf der ich einen hageren Mann mittleren Alters erblickte, der nur mit seiner Klampfe bewaffnet, traditionelle Lieder vortrug. Wer war das? Optisch sagte er mir nichts...

Aber ein paar seiner Lieder schienen mir bekannt zu sein und sein gerolltes "r" verriet seine schottische Herkunft. "This is a traditional scottish song" kündigte er dann auch folgerichtig eines seiner Stücke an. Es war etwas zäh und ich langweilte mich zugegebenermassen etwas, obwohl der Mann eine schöne Stimme hatte. Erst später sollte ich aus dem Munde von Bill Callahan erfahren, dass ich da Alasdair Roberts gesehen hatte. Einen Küstler, der mit "The Amber Gatherers" 2007 ein Album vorgelegt hatte, dass glänzende Kritiken eingefahren hatte.

In der Pause nach dem Auftritt des Schotten plauderte ich etwas mit meinen neuen Freunden von June et Jim, die natürlich auch mit von der Partei waren. Ein reizendes Pärchen...

Und dann kam er. Bill Callahan, ein Mann, den ich mir bärtig und unprätentiös vorgestellt hatte, von dem ich allerdings wusste, dass er schon Folk-Prinzessinen wie Cat Power und Joanna Newsom flachgelegt hatte. Ich hätte mir insofern eigentlich denken können, dass er keine fette Bierwampe hat und auch keine Socken in den Sandalen trägt. Dass er aber dermassen dandyhaft und gutaussehend ist, hätte ich nie vermutet. Mit seinem weissen, leger aufgeknöpftem Hemd und dem dunklen, gutsitzenden Jacket sah er einfach umwerfend aus. Dazu noch die schicke enge Jeans und die feinen italienischen Schühchen und fertig war der John F. Kennedy der Folk-Musik. Ein Typ, der mich mit seinen graumelierten Haaren und den feinen Gesichtszügen auch noch an andere hochelegante Musiker erinnerte. Brian "Roxy Music" Ferry zum Beispiel, aber auch David Bowie, Timothy "James Bond" Dalton und sogar Roy Black oder Rex Gildo ( für Roy und Rex gilt natürlich: schöne Männer, scheiss Musik)...

Soviel zu den Äusserlichkeiten, kommen wir nun zur Gestik und Mimik, bevor wir uns ganz der Musik zuwenden. Bill "JFK" Callahan stand meistens kerzengerade und sehr nahe an seinem Mikro. Wenn er aber einmal mit den Beinen in die Knie ging, war sein Oberkörper stets ungekrümmt, genauso wie Skilehrer das von ihren Schülern verlangen, Haltungsnote 1 +. Manchmal hob er urplötzlich nur eines seiner Beine, in etwa vergleichbar mit Hündchen, die gegen eine Hauswand pinkeln. Diese Geste kam oft überraschend und sorgte für ein paar Schmunzler im Publikum, auch bei mir. Bill selbst lächelte allerdings fast nie, sondern wirkte kühl und unnahbar. Manchmal bewegte er sich etwas vom Mikro weg und schlenderte ein wenig über die Bühne, kehrte dann aber immer wieder recht rasch zu seinem Mikro zurück. Seinen Mund klebte er förmlich gegen den Stimmverstärker und wenn er sang, verzog er ziemlich eigenartig seine Mundwinkel. Er presste die einzelnen Worte geradezu heraus. Wer Alben von Bill Callahan bzw. Smog kennt, weiss, dass er eine Art Sprechgesang pflegt und fast wie ein Geschichtenerzähler daherkommt. Seine Stimme ist hierbei absolut aussergewöhnlich und sehr tief, als würde er jeden morgen mit Whiskey gurgeln, oder den ganzen Tag Pfeife rauchen. So etwas live zu erleben, war grossartig und noch besser als auf seinen ohnehin schon brillianten CDs.

Und wer vorher glaubte, langweiligen Schnarchnasenfolk präsentiert zu bekommen, sah sich zum Glück getäuscht, denn hier wurde zeitweise richtig gerockt. Mitverantwortlich hierfür waren seine recht jung aussehenden Bandkollegen, deren Namen mir aber nichts sagten. Besonders gut gefiel mir der spanische (mexikanische?) Drummer, der das Set ohne Kopfbedeckung begann, irgendwann aber eine braune Kappe überstreifte und von da an, um so leidenschaftlicher spielte.

Zu den einzelnen Songs:

Gestartet wurde mit der wundervollen Ballade Teenage Spaceship von dem hochgelobten Smog-Album Knock Knock, bevor mit dem recht flotten Diamond Dancer in das Bill Callahan Album eingestiegen wurde. Danach schon ein früher Höhepunkt: Our Anniversary von der CD Supper, begeisterte mich mit dem zarten, melodiösen Gitarrenriff, das sich durch das ganze Lied zieht. Bei i-tunes ist es der am häufigsten heruntergeladene Song von Smog. Eine wahre Perle!

Bei Rock Bottom Riser stach sofort der Text hervor:

I love my mother
I love my father
I love my sisters, too.
I bought this guitar
To pledge my love
To pledge my love to you.

Und kurze Zeit später:

I left my mother
I left my father
I left my sisters, too
I left them standing on the banks
And they pulled me out
Of this mighty, mighty, mighty river

Schwarze Texte also, die auf einen depressiven Charakter von Bill schliessen lassen und er guckte wirklich oft ziemlich betröpfelt drein, war aber alles andere als humorlos. Seine Art des Witzes fällt nur eben eher unter die Kategorie "Black Humour". Hiervon gab er dann auch einmal eine Kostprobe, als er Natural Decline ankündigte: "The next song is from an album which sold very poorely in France" - "Which one?", wollte ein vorlauter Franzose wissen - "All of them", entgegnete Bill ohne eine Miene zu verziehen. Das Lied ("the mind is alwas working, the mind is always turning, over and over") ist übrigens auf Rain On Lens enthalten.

Die zweite Szene, in der Bill Callahan zwischen den Liedern seinen Mund öffnete, ereignete sich dann etwas später, zu einem Zeitpunkt da die Musiker schon stark ins Schwitzen geraten waren. "Next time we will play in the hotel lobby, there we have air-conditionning!", kommentierte der Dandy kurz und trocken.

Der graumelierte Musiker hatte recht, die Luft in dem Saal war zum Schneiden, es herrschte wirklich eine unerträgliche Hitze. Trotzdem vergingen die circa 100 Minuten des Sets wieder recht schnell und als Sahnehäubchen gab es auch noch ein wunderschönes Lied vom aktuellen Album als Zugabe. "Sycamore" klang live nämlich noch viel besser als auf CD, da es hier nicht den störenden Backgroundgesang der Soulsängerin gab, die auf der Konserve das Lied leicht verhundst (eigentlich heisst es verhunzt, danke, Eike!).

Insgesamt ein brilliantes Konzert eines hocheleganten Musikers!


Setlist Bill Callahan, L'Européen, Paris:


01: Teenage Spaceship
02: Diamond Dancer
03: Our Anniversary
04: Blood Red Bird
05: Say Valley Maker
06: Rock Bottom Riser
07: Natural Decline
08: River Guard
09: Blood Flow
10: Cold Blooded Old Times
11: Let Me See The Colts

12: Sycamore (Z)


Konzerttermine von Bill Callahan in Deutschland und Österreich (jeweils mit Alasdair Roberts). Unbedingt hingehen!

18.05.2008: Berlin, Postbahnhof
19.05.2008: Köln, Gebäude 9
20.05.2008: Frankfurt, Brotfabrik
22.05.2008: Wien, WUK
23.05.2008: München, Orangehouse

Und am 30.05; spielt Bill Callahan beim Primavera Sound Festival in Barcelona!

Links:

- Videoclip zu "Rock Bottom Riser"
- Mehr Fotos von Bill Callahan hier

Konzertbesucher von Bill Callahan könnten auch mögen:

- Bonnie "Prince" Billy in Paris 2007
- Tindersticks in Paris 2008
- The National , zuletzt in Köln, November 2007
- Nina Nastasia in Paris 2008
- Iron & Wine, Paris 2008
- Micah P. Hinson, Paris 2008




3 Kommentare :

E. hat gesagt…

kein "diamond dancer"? hmm.

und, oliver, um etwas zu versaubeuteln, muss man nicht gleich auf den hund kommen, man kann es schlicht und ergreifend nur "verhunzen". (hihi.)
schöner bericht! logisch.

oliver r. hat gesagt…

Aber selbstverständlich kam "Diamond Dancer", Eike! Die Augen bitte nicht nur bei meinen kreativen Rechtschreibfehlern aufmachen (verhunzen klingt nach Wutz, ich mache lieber Hunde dafür verantwortlich), hehehe

Lies doch noch mal nach, da erwähne ich "Diamond Dancer" sogar im Text. Und was steht auf Nummer 2 der Setliste?

E. hat gesagt…

ich robbe auf knien!
oh, schande über mich! zum teeren und federn bereit, erweise ich dir und callahan die ehre!

 

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