Freitag, 16. Mai 2008

Lightspeed Champion, Paris, 15.05.08


Konzert: Lightspeed Campion (These New Puritans, Glasvegas, Koko von Napoo)
Ort: La Maroquinerie, Paris (Inrocks Indie-Club)
Datum: 15.05.2008
Zuschauer: ausverkauft, aber wegen der Hitze zunächst nicht restlos gefüllt
Konzertdauer: alle 3 Vorgruppen circa 30 Minuten, Lightspeed Champion knapp 60 Minuten



Wenn man doch gleichzeitig auf zwei verschiedenen Konzerten sein könnte!


An diesem warmen 15. Mai wäre ich zu gerne wieder dazu in der Lage gewesen. Es gab nämlich zwei parallel laufende Veranstaltungen, die mich interessierten. Zum einen den einmal im Monat stattfindenden Inrocks Indie Club in meiner geliebten Maroquinerie und zum anderen ein Konzert von Folk-Barde Scott Matthews, der im Point FMR gastierte. Von letztgenanntem Konzert hatte ich allerdings erst sehr spät erfahren und zwar zu einem Zeitpunkt als Tickets für Lightspeed Campion längst geordert waren. Trotzdem kaufte ich eine Karte für Scott, denn ich wollte mich nach Glasvegas von der Maroquinerie abseilen und ins Point FMR hetzen. Lightspeed Champion interessierte mich nämlich nicht sonderlich, ich hatte Dev im November letzten Jahres schon einmal gesehen und bin auch kein Fan seiner CD.

Meine Pläne stellten sich aber leider als überambitioniert heraus, denn ich kam noch nicht einmal dazu, mein Ticket für Herrn Matthew abzuholen, ich hatte schlicht und einfach zu viel zu tun. Mist!

Volle Konzentration also auf den Inrocks Indie Club, der mit dem Auftritt der Pariserinnen Koko von Napoo begann. Ob es an den heissen Weibern auf der Bühne lag, dass mir so unglaublich warm war? Nun, zum Teil, denn ich musste zuvor den Berg Richtung Maroquinerie (rue menilmontant) zu Fuss besteigen, da die Buslinie 96 bestreikt wurde. Die Franzosen und ihre Streiks, eine unendliche Geschichte! Da frage ich mich doch, was Herr Sarkozy den ganzen Tag treibt. Der hat wohl alle Hände voll mit der Carla zu tun! Könnte er nicht einfach diese Streiks und Demos kurzerhand verbieten, zumindest wenn Konzertblogger Oliver Peel zu einem Gig muss?

Mit völlig verschwitztem T-Shirt stand ich also vor mich hin müffelnd in dem noch nicht besonders gut gefüllten Laden und glotzte auf die Bühne. Dort agierten die drei feschen Mädels und der mir vollkommen egale junge Mann am Bass. Im Mittelpunkt: die brünette Sängerin Toupie, die auch Gitarre und Klavier spielt und zuweilen in eine grüne Melodica bläst. Sie hatte sich extra für mich hübsch gemacht und war in einen roten Faltenrock geschlüpft (passend hierzu der Nagellack) zu dem sie wundervolle, karamellbraune Schuhe trug. Obenherum war sie in ein weisses Lightspeed Champion T-Shirt gehüllt. Der Headliner des heutigen Abends, mit dem Koko von Napoo auch durch Frankreich touren, hatte wohl die Spendierhosen an und der gesamten Pariser Band T-Shirts gestiftet. Ein netter Kerl dieser Devonte Hynes, ein richtiger Frauenversteher...

Mit der für den heutigen Abend passenden Kleidung konnte also nicht viel schief gehen und obwohl ich gegenüber dem über die Girlgroup lästernden Fotografen Robert Gil, behauptete, dass ich Koko von Napoo auch nicht so grandios fände, amüsierte ich mich insgeheim grossartig. Zum einen finde ich die schräge Stimme von Toupie, die wie die Sängerin der Eighties Band Altered Images klingt, ziemlich geil, zum anderen gefällt mir auch der schrammelig dargebotene New-Wound Sound. Alles ist sehr amateurhaft (die Schlagzeugerin macht auf mich immer den Eindruck, dass sie sich sehr konzentrieren müsse, um sich nicht zu verspielen) und simpel gehalten, dafür aber sehr eingängig und auch tanzbar. Und Hits haben die Kokos reichlich zu bieten, eigentlich ist jedes Lied ein Kracher! "Polly" und Jonbon" findet man auch auf ihrer MySpace Seite, aber es gibt noch andere Perlen, die man im Moment nur auf Konzerten hören kann. "I'm Dead" beispielsweise ist mit seinem scharfen Basslauf und der Synthiesprenklern bester 80 er Jahre Indie-Pop im Stile von New Order und das ein oder andere Stück hätte auch Blondie nicht besser hinbekommen.

"Felicitations et bravo" also von meiner Seite an Koko von Napoo für ein knallbuntes und kurzweiliges 30 Minuten Set!

Im Anschluss blieben wir mit den Schotten Glasvegas musikalisch beim Thema Eighties- Revival. Die Bühne war in äusserst dichten roten Nebel gehüllt, so dass man von den Musikern nur die schwarzen Umrisse und ab und zu das Gesicht des Sängers (James Allan) mit der schmalzigen Elvis Presley Tolle sah. Man konnte anhand der Silhouetten erahnen, dass die Schotten, die vom NME in den höchsten Tönen gelobt werden, nicht sonderlich schlank waren, aber die Optik spielte hier überhaupt keine Rolle. Es ging in allererster Linie um eine melancholische und leicht gothisch zu nennende Atmosphäre, die mit Hilfe des rot-schwarzen Lichts und einer wahren Wand hochmelodischer Gitarren erzeugt wurde. Wow, welch hymnischer und euphorisierender Sound, kein Wunder, dass der NME von den neuen Jesus & Mary Chain schwärmt und die Single "Daddy's Gone" zur Nummer 2 (!) seiner Jahrescharts 2007 gewählt hat! Nicht nur von diesem Hit war auch ich von den Socken, sondern im Grunde genommen von jedem Song, der da abgefeuert wurde. Sänger James Allan sang zeitweise wie ein schottischer Robert Smith (Akzent inklusive) und die weibliche Schlagzeugerin Caroline McKay trommelte hinten wie eine Wilde, das es eine wahre Wonne war.

Und dann diese unfassbare Nummer "Geraldine", ein zukünftiger Klassiker des Brit-Pop. Schade, dass nach lediglich 30 Minuten schon Schluss war, ich hätte noch stundenlang den atmosphärischen Klängen zuhören können. Kurzum: meine neue englische Lieblingsband, von der sich auch andere Zuschauer begeistert zeigten. Philippe sah Ähnlichkeiten zu Aztec Camera, den Manic Street Preachers und natürlich Jesus And Mary Chain, ich allerdinsg auch zu den frühen U2, was mir die Sache aber nicht im Geringsten vermieste. Malcolm Middleton oder The Twilight Sad wären ohnehin die passenderen Referenzen gewesen.

Also vergesst sofort Las Vegas und merkt euch Glasvegas!

Die Schotten werden dieses Jahr bei allen renommierten englischen Festivals auftreten, Glastonbury, T in The Park, etc. Wer Glück und Zeit hat, ist dabei!

Setlist Glasvegas, La Maroquinerie, Paris:

01: Flowers And Football Tops
02: Lonesome Swan
03: It's My Own Cheatin Heart That Makes Me Cry
04: Geraldine
05: Polmont
06: Go Square Go
07: Daddy's Gone

Nach Glasvegas enterte eine andere junge "NME-Band" die Bühne der Maroquinerie. Ihr Name: These New Puritans. Eigentlich ein Quartett mit weiblicher Keyboard-Spielerin (Sophie Sleigh- Johnson), heute aber nur zu dritt und rein männlich. Präsent waren neben dem Bassisten Thomas Hein die Brüder Barnett, Jack verantwortlich für Gitarrenspiel und Gesang und sein Zwilling Georg, zuständig für die Drums und das "Löcher-in-die-Luft gucken" (was hatte er da oben an der Decke bloss gesehen?).

Ein stylishes Trio, das so schick ist, dass sich schon Modedesigner Hedi Slimane auf sie gestürzt hat und sie womöglich in klamottentechnischer Hinsicht berät. Ob er für Sänger Jack Barnett auch dieses seltsame Oberteil angefertigt hat, was dieser heute trug? Und was war das eigentlich?
Eine Ritterrüstung? Ein Adlerkostüm? Ich hatte soetwas jedenfalls noch nie gesehen...

Und kostbare Spielzeit wollten die jungen Engländer wohl auch nicht vergeuden, sie stiegen mit Volldampf in ihr 32 minütiges Set ein und feuerten mit "Navigate, Navigate", "Swords Of Trouth" und Numbers" (what's your favourite number?") drei UK-Singles hintereinander ab. Allesamt schrammelige Neo-New Wave Nummern, die äusserst hibbellig und tanzbar daher kamen. Ich musste aufgrund der düsteren Grundstimmung un dem nörgeligen, repetetiven Gesang sofort an die Kultband The Fall denken.
Junge Leser, die The Fall nicht kennen, stellen sich einfach eine rohere und weniger meliodiöse Form von Franz Ferdinand und Bloc Party vor. In der Fachpresse werden sie zudem oft mit den Klaxons verglichen (mit denen sie auch schon auf Tour waren), aber sie scheinen mir live doch deutlich weniger elektronisch zu sein.

Als persönliches Highlight des Sets empfand ich "Elvis", das mit einem gemeinen Basslauf und treibendem Sound gefallen konnte. Stücke wie "FFF" (Fire Fire Fire) und das abschliessende "Infinity" wirkten hingegen recht monoton und sorgten somit für eine gemischte Einschätzung des Potentials dieser aufstrebenden Band. Fetzig und stylish sind sie, aber ob das reicht, um auch noch 2009 eine Rolle bei den Kids zu spielen, muss man abwarten. 2008 sind sie jedoch bei fast allen wichtigen Festivals dabei, sei es Benicassim, Pukkelpop, oder gar bei dem japanischen Summer Sonic Event.

Setlist These New Puritans, La Maroquinerie, Paris:

01: Navigate- Colours
02: Swords Of Truth
03: Numerology AKA Numbers
04: C 16 TH
05: Elvis
06: Colours
07: En Papier
08: FFF
09: Infinity

Auf den diesen Konzertabend abschliessenden Auftritt von Lightspeed Champion musste man eine ganze Weile warten.

"Sorry for the wait" entschuldigte sich dann auch der pelzkappetragende Sänger Devonte Hynes, der hinter dem Projektnamen Lightspeed Champion steckt. Zvor hatte schon seine niedliche Drummerin Trockenübungen an ihrem Schlagzeug gemacht. Sie war die Erste von der Band, die sich auf der Bühne blicken liess, wahrscheinlich wollte sie sich ausgiebig mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut machen...

Die kleine Lady, die mit ihrem Dress und dem flotten Tuch an eine Pfadfinderin erinnerte, war schon die dritte Schlagzeugerin des Abends, nur bei These New Puritans gab es einen männlichen Drummer. Drummerin, ein typischer Frauenberuf? Scheint zumindest stark im Kommen zu sein!

Und Männer spielen jetzt neuerdings Geige, oder was? Eigentlich ist dies ja das typisch weibliche Instrument, man braucht bloss einmal in die Berliner Philharmonie zu gehen, oder sich anzusehen,
wer bei Get Well Soon, Operator Please und Arcade Fire fiedelt. Bei Lightspeed Chamion ist aber alles ein wenig anders...

Ein schwarzer Mann mit Pelzkappe und Brille, der damals bei den Test-Icicles den New-Rave miterfunden hatte und nun mitsamt männlichem Geiger und weiblicher Gitarristin Folk-Pop im Stile von Conor "Bright Eyes" Oberst spielt, mit dessen Musikern er auch das Album "Falling Off The Lavender Bridge" in Omaha aufgenommen hat. Schon komisch, oder?
Und dafür im übrigen hervorragende Kritiken eingeheimst hat. Ich bin allerdings nicht sein allergrösster Fan, das muss ich gestehen. Und damit meine ich jetzt nicht meine recht bescheidene Körpergrösse, sondern die Tatsache, dass mir seine Kompositionen zeitweilig ein wenig zu süsslich sind. Man muss sich nur einmal das schmalzige Teil "All To Shit" anhören, dass gegen Ende kam, um zu wissen, was ich meine.

Insgesamt ist das Liedmaterial von Devonte aber gar nicht mal so schlecht, den Hit "Galxy Of The Lost" muss auch ich ihm lassen und das neue Stück
"Marlene" kam recht fetzig und dennoch melodiös daher. Darüber hinaus muss man auch den Soundtechnikern in der Maroquinerie mal ein Kompliment machen, der Sound war klar, druckvoll und präzise. Und dass lag natürlich auch an der gut eingespielten Band, die sehr interessante und charmante Kompositionen zu bieten hat, die mich wohl vollends begeistern würden, wenn nicht desöfteren die Extraportion Zuckerguss darübergekippt würde.

Wirklich etwas für's Herz war aber der Kurzauftritt der süssen Mädels von Koko von Napoo, die Devonte galanterweise als "amazing band" bezeichnete. Die Pariserinnen sangen zu "Madame van D" herzallerliebst und mit viel Einsatz mit und wurden zu recht gefeiert. Von den angekündigten französischen Lyrics, die extra für heute eingebaut werden sollten, habe ich aber irgendwie nichts mitbekommen. Vielleicht habe ich nicht richtig hingehört?!

Richtig hingehört dürfte ich aber bei der Ankündigung der Singleauskopplung "Tell Me What It's Worth" haben, denn diese stellte der sehr gut gelaunte Herr Hynes als "Let's fucking kill it" vor.

Ansonsten zeigte er sich aber guterzogen und galant und kam vor allem beim weiblichen Publikum sehr gut an.

Neben der Gitarre spielte er auch Keyboard und zu "All To Shit" sogar Schlagzeug und stellte sich gar nicht mal so dumm dabei an. Letzlich endete er nach circa einer Stunde Spielzeit auf der rechten Box und spielte über den Köpfen der erstaunten Zuschauer seine melodiösen Riffs weiter. Abgefahren!...

Setlist Lightspeed Champion, Maroquinerie, Paris:

01: Galaxy Of The Lost
02: Marlene (neu)
03: Dry Lips
04: Madame Van D
05: Tell Me What It's Worth
06: No Surprise
07: Happy Birthday (neu)
08: All To Shit
09: Star Wars Surprise (eigentlich Midnight Surprise)


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