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Mittwoch, 15. Juli 2015

Phono Pop Festival X, Rüsselsheim, 10. & 11. Juli 2015

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Konzert: Phono Pop Festival X
Ort: Altes Opelwerk, Rüsselsheim
Datum: 10. & 11. Juli 2015
Zuschauer: ein paar hundert, es hätten ruhig noch ein paar mehr sein können


Man könnte schon ein bisschen wehmütig werden, wenn man am späten Freitagnachmittag vom Opel-Bahnhof an den Bahngleisen entlang im angenehmen Sonnenschein zum Klinkerbau des alten Opelwerks in Rüsselsheim läuft, die Statue des Firmengründers vor dem Eingang wie einen alten Bekannten begrüßt und kurz darüber nachdenkt, dass dies aller Voraussicht nach das letzte Phono Pop Festival sein wird. Tatsächlich gilt es aber natürlich zuerst noch einmal dieses traumschöne und liebevoll organisierte Festival in vollen Zügen zu genießen und damit dies ungetrübt der Fall sein kann, wartet die diesjährige Ausgabe mit Kaiserwetter und einer extrem gelungenen Bandauswahl auf. 


Mit den fünf Jungs von Yesterday Shop geht’s gleich mal schön poprockig los, phasenweise sogar mit doppeltem Schlagwerk. Die nachzulesenden Coldplay-Einflüsse der mittlerweile aus dem Raum Reutlingen nach Berlin übergesiedelten Band sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Live haben die Songs allerdings erheblich mehr Druck und Energie als die Studioaufnahmen. Ein bisschen fehlt vielleicht noch der eine, wirklich hängen bleibende Megasong, aber die Chancen hierfür stehen bestimmt nicht schlecht. Ein sehr schöner Auftakt.  


Sehr haarig schließen sich auf der etwas größeren zweiten Bühne im nächsten Hof einmal um die Ecke die aus Oklahoma stammenden Other Lives an. Ganz gelingt es mir um diese Tageszeit noch nicht mich auf die träumerisch mehrschichtigen durchaus sehr spannenden Klänge der Amerikaner einzulassen. Zusätzlicher Trompeteneinsatz, Orgelklänge, Violinen, ein bisschen Glockenspiel und die etwas klagend klingende Tonlage von Sänger Jesse Tabish haben auf jeden Fall großes Potenzial, einen in ganz andere Welten zu entführen und ich hoffe auch, dass ihnen das bei unserer nächsten Begegnung gelingen wird. 


Erlend Øye sieht ein bisschen aus wie ein zu groß geratenes Bandenmitglied der Kleinen Strolche, auch wenn er dieses Jahr noch 40 wird. Und seine Fröhlichkeit ist unglaublich ansteckend. Er war mir mit seinen musikalischen Projekten stets irgendwie präsent. Die Kings Of Convenience liefern einen nahezu immer geeigneten Soundtrack für einen gemütlichen Abend mit Freunden und The Whitest Boy Alive habe ich leider zweimal live knapp verpasst. Um so schöner, dass es jetzt endlich klappen sollte und das neue leicht reggaeangehauchte Album Legao ist wie geschaffen für diesen angenehm lauen Sommerabend auf dem Fabrikgelände. 
Eine nette Auffrischung des kürzlichen Islandaufenthalts gab’s auch noch. Kaum war mir zu Ohren gekommen, dass der groß gewachsene Mulitinstrumentalist hinterm Keyboard ja übrigens Isländer sei, durfte Siggi auch schon die gesamte Bühne übernehmen und ein Lied in seiner lustig klingenden Muttersprache zum Besten geben. Und weil der Norweger Erlend überwiegend im viel sonnigeren Italien lebt und zwei Bandmitglieder seiner Rainbows Italiener sind, gibt’s auch noch ein bisschen gesungenen Italienischunterricht. Vielen Dank liebe Phono Pop Macher für diesen perfekten Headliner des ersten Abends. 


Meine jährliche Dosis Hip-Hop hatte ich gewissermaßen schon die Woche zuvor auf dem ATP Iceland mit einem packenden Auftritt der Altrapper Public Enemy gedeckt. Was Käptn Peng & die Tentakel von Delphi in Sachen deutschem Hip-Hop gekonnt zusammenreimen, macht ebenfalls Spaß und fehlender Einsatz von Audiosamples, also sozusagen handgemachter Live-Rap, kriegt mich dann auch durchaus ein zweites Mal. Um den Wortwitz nachzuvollziehen, muss ich dennoch bei Gelegenheit, vermutlich unter Zuhilfenahme von Google & Co, noch ordentlich nachlesen & -hören. Das sehr leckere Festival-Sponsoren-Bier zeigte auch schon Wirkung. 


Pünktlich und wieder nüchtern geht’s am nächsten Tag für uns weiter. 


Caroline Keating erzählt uns erstmal wie besonders stolz sie auf ihre tolle orangefarbene Hose heute sei, als sie sich am frühen Mittag an ihr E-Piano setzt. Die Hose schmeichelt ihrem sommersprossigen Teint tatsächlich ausgesprochen und die Kanadierin versteht es außerdem hervorragend ihren entzückenden Charme mit ihrer zarten Musik zu verbinden. Singer/Songwriterin am Klavier klingt ja mal zunächst nicht sonderlich aufregend. Ist es aber. Es war absolut zauberhaft und mir fehlten auch keine Begleitmusiker. Nach eigenem Bekunden arbeitet sie derzeit fleißig an neuem Material auf das man sich bereits freuen kann.


Am Samstag parkt ein Eistruck auf dem Weg zwischen den beiden Bühnen und eigentlich kommt man da nicht ohne ein Eis zu kaufen dran vorbei. Im Adamshof spielt sich John Bramwell , wahrscheinlich etwas besser bekannt als Sänger von I Am Kloot, ganz alleine warm. Der Hof war leer. Ein spannender Anblick beim Eisschlecken. 
Als es dann wirklich losgehen soll, ist der Gitarre zunächst kein verstärkter Ton zu entlocken. Der gute Herr Bramwell war nämlich ohne seine Gitarre in Rüsselsheim gelandet und tat sich mit dem fremden Ding etwas schwer. Und auch seine Setlist und sein Handy waren wohl abhanden gekommen wie er im Lauf des Auftritts erzählt. Weil er daher nicht selbst in der Lage ist ein Erinnerungsselfie zu machen, wurde kurzerhand der am Bühnenrand stehende Fotograf nach oben gezerrt, um einen winkenden Engländer und ein jubelndes Publikum von hinten zu fotografieren.


Nach einem weiteren Lied – die Gitarre funktionierte inzwischen - hüpft er von der Bühne und nimmt einem rauchenden Mädchen die Kippe aus der Hand, um mal kurz einen Zug zu nehmen. Er rauche ja schon länger nicht mehr, aber bei so einem Konzert …! Einmal sei er mit dem neu aufgenommenen Demotape im Autoradio durch die Gegend gefahren und wäre so entzückt von seinem eigenen neuen Song gewesen, dass er vor Rührung kurz habe anhalten müssen. Er lacht. „The sad thing about it, it’s a true story.” 


Ein bisschen selbstverliebt, herrlich britisch, leicht verschroben, einen Zahnarzt könnte er vielleicht auch bei Gelegenheit mal wieder aufsuchen. Aber er ist auch grundsympathisch und ich persönlich mag solche Geschichtenerzähler ausgesprochen gern, vor allem dann, wenn sie auch musikalisch noch zu überzeugen wissen und das tut John Bramwell mit seinem Können an der Leihgitarre und seiner ganz leicht knarzigen, sehr angenehmen Stimme zwischen Blues und Singer/Songwriter-Rock. 



In jedem guten Festival-Lineup sollte eigentlich eine schwedische Band enthalten sein. Am Samstag wird dieser Slot mit der Rückkehr von Rasmus Kellermans Bandprojekt Tiger Lou gefüllt, das mal wieder alles hat, was schwedische Musik häufig ausmacht: poppig, tanzbar, ein bisschen folkig und trotzdem melancholisch, sehnsuchtsvoll und traurig.

 
Schnipo Schranke muss man vermutlich lieben oder hassen. Mir ist das Soundkonstrukt etwas zu eintönig und die Texte treffen ganz und gar nicht meinen Wohlfühlbereich. Zu viel Kopfkino für mich, aber ich kann auch verstehen, dass viele Zuhörer von den rotzigen Ansagen und schamgrenzwertigen Zeilen fasziniert sind. Es ist auf jeden Fall anders und alles andere als gewöhnlich.


Die vier Herren von Okta Logue sind badeseetauglich gekleidet als sie kurz vor 8 die große Bühne betreten. Vielleicht kommen sie ja direkt da her. Sie haben es schließlich nicht weit nach Rüsselsheim, obwohl sie so ganz und gar undeutsch und auch ein bisschen aus der Zeit gefallen klingen mit ihren breiten psychedelischen Soundwänden mit viel Orgeleinsatz. Großartig und schön zu beobachten. Einzige kleine Einschränkung: Im dunklen Club mit einem Hauch Alkohol im Spiel gefallen sie mir noch ein ganz kleines bisschen besser. Da würde ich mich dann auch nicht so sehr an den Äußerlichkeiten aufhalten.


Nach den vielen wunderschönen ruhigen Momenten freuen wir uns nach der Okta Logue Einstimmung sehr auf eine Runde laut und krachig. Eigentlich dürfte ich das als Stuttgarterin ja noch nicht mal laut sagen, aber ich hatte es bis dahin tatsächlich nicht geschafft, die spätestens seit Anfang des letzten Jahres schwer gehypten Die Nerven live zu sehen. Man nimmt ja immer an, dass sich die Gelegenheit in der Heimatstadt einer Band dauernd und immer wieder ergeben wird.


 
Auch war ich noch etwas skeptisch, nachdem ein Freund gemeint hatte, dass er tatsächlich drei Anläufe benötigt hätte, um die drei Jungs richtig gut zu finden. Die wird es für mich tatsächlich nicht brauchen, auch weil die Band zwischenzeitlich vermutlich genug Erfahrung gesammelt hat, um sich nochmal zu verbessern und live schon mit dem ersten Song zu überzeugen. Ich hatte irgendwie mehr Schrammel- Drei-Akkord-Punk erwartet, weil reingehört hatte ich auch noch nicht in der gebotenen Ausführlichkeit. Das allerdings sehr bewusst, denn Die Nerven machen Musik, die mich primär erstmal live kriegen muss.


Bassist Julian Knoth und Gitarrist Max Rieger wechseln sich beim Gesang ab oder singen auch schon mal gemeinsam und das so gut und harmonisch, dass man den dunklen, häufig zornigen Texten durchaus folgen kann. Tausendsassa Kevin Kuhn am Schlagzeug trommelt wie irre und hat eine Mimik, die The Animal aus der Muppet Show alt aussehen lassen. Der Punk klingt durch, aber es ist viel mehr. Schön postrockig düster, laut und tanzbar. 


Leider hatten es Two Gallants nach dem packenden Nerven-Erlebnis ziemlich schwer bei mir. Obwohl die beiden Amerikaner durchaus in der Lage sind, wie eine mindestens 6-köpfige Band zu klingen. Sänger/Gitarrist/Keyboarder Adam Stephens verfügt über eine wahnsinnige Rockröhre und Tyson Vogel versteht sein Handwerk an den Drums ebenfalls bestens . Nach den ersten zwei Liedern kommt die vor bald drei Jahren schon mal erlebte Energie der beiden schließlich doch noch an und auch wenn die neuen Lieder nicht ganz an das ältere Material heranreichen, bleiben die Kalifornier für mich die vielleicht beste Rock-Blues-Folk-Umsetzung im minimalistischen Zweierteam.


Vor den Temples verabschieden sich die drei Macher des Phono Pops tatsächlich unter auffordernd gemeinten Pfiffen und traurigen Buh-Rufen von ihrem letzten Publikum. Es war grandios. Wie erwartet und auch wenn ich nach 8 Stunden Musik und fast so viel Sonne langsam etwas erschöpft bin, sind die Temples mit ihrer retropsychedelischen Musik, deren moderne Anleihen an 60er-Jahre Beatles und Co von den jungen Engländern hervorragend umgesetzt werden, ein gelungener Ausklang dieses ganz und gar gelungenen Festivals.


Weitere Bilder:


Mittwoch, 15. August 2012

Haldern Pop Festival zweiterTag, Rees-Haldern, 09.08.12

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Konzert: Haldern Pop Festival 2012, 2. Tag, mit Wye Oak, Other Lives, Dan Mangan u.v.a.
Ort:Spiegelzelt und Mainstage
Datum:10.08.2012
Zuschauer: Tausende

Der zweite Festivaltag wurde von uns erst um 15 Uhr 30 mit Wye Oak angestochen. Vorher war ausschlafen angesagt, schließlich waren wir im Urlaub, vor allem meine Frau, die sonst immer früh raus muss, pochte auf ihr Recht, lange zu pennen.
Als wir die Vorhänge des Hotelzimmers (wir sind alt und komfortversessen, zelten kommt für uns nicht mehr in Frage) aufzogen, hielt sich die Sonne noch ein wenig zurück und es war leicht bewölkt, aber als wir das Festivalgelände erreichten, war Sonnenschein pur angesagt und die Temperaturen sommerlich warm. Beste Bedingungen für einen großartigen Festivaltag, auf den wir zudem durch ein spätes Frühstück mit herrlich starkem Espresso bei einem Italiener in dem Grenzstädtchen Goch gut vorbereitet waren.
Weniger ausgeschlafen erschienen Andy Stack und Jenn Wasner alias Wye Oak, die heute erst aus Baltimore eingeflogen waren und zugaben, ziemlich durch den Wind zu sein. Leistungsmindernd wirkte sich der Schlafentzug und das Jetlag aber nicht aus. Mit viel Einsatz und Spielfreude präsentierten die beiden ihren erdigen Indierock, der mitunter ordentlich laut wurde. Jen schien eine diebische Freude daran zu haben, ihre Elektrische aufheulen zu lassen, während ihr musikalischer Partner am Schlagzeug (und Keyboard, manchmal gleichzeitig bedient!) hingegen weitestgehend stoisch agierte. Ein Paar voller Gegensätze. Sie die wilde Pipi Langstrumpf, er der fleißige Streber. Trotzdem harmonierten die beiden fast blind miteinander und ihr Set flutschte reibunsglos. Erstaunlich, daß sie es mit ihrem reduzierten Instrumentarium schafften, abwechslungsreich, melodiös und spannend zu klingen. Die Songs ihrer drei Alben waren jedenfalls ziemlich dufte und am Ende war es etwas schade, daß das Set nicht sonderlich lang war. City Slang Chef Cristof Ellinghaus schien mit dem Auftritt seiner Schützlinge zufrieden gewesen zu sein und auch ich hatte meinen Spaß mit dem explosiven Duo.
Um 16 Uhr 30 dann die Begegnung mit einer der Bands der Stunde. Other Lives aus Oklahoma haben einen kometenhaften Aufstieg hinter sich, der sie sogar ins Vorprogramm von Radiohead katapultierte und etliche ausverkaufte eigene Shows beinhaltete. Dabei waren sie noch vor einem Jahr nahezu unbekannt, als sie vor ein paar glücklichen Zusehern in der kleinen Haldern Pop Bar aufspielten, da aber bereits erkennen ließen, daß mit ihnen unbedingt zu rechnen ist. Ihr drittes Album* Tamer Animals ist aber auch wirklich ein Schmuckkästchen, das mit unglaublich vielen Schätzen gefüllt ist. Kein Wunder, daß dann viele Musikfans auch hören wollen, wie die Liveumsetzung gelingt. Hervorragend nämlich! Jesse Tabish versteht es immer wieder, den tollen Songs der CD live mehr Druck, Schärfe und Tiefgang zu verleihen und seine hervorragende Liveband um die talentierte Cellistin, Geigerin und Autoharpistin Jenny Hsu zu dirigieren. Auch in Haldern 2012 spielten die Musiker wie aus einem Guß und verzauberten das in der Sonne schwitzende Publikum mit einem vielschichtigen, orchestralen Wildwestsound, den Jesse Tabish mit sensationeller Baritonstimme intonierte. Hit (ganz groß der sentimentale Titeltrack) reihte sich an Hit (For 12, Dark Horse) und auch hier hatte man sich durchaus Lust auf ein längeres Konzert, was aber auf Grund des dichtgedrängten Zeitplanes nicht möglich war.
Danach musste ich erst einmal in Ruhe etwas essen und ein wenig chillen. Dazu gab es im hinteren Teil des Geländes bei den Merchständen auf sandigem Boden herrlich Gelegenheit. Hier konnte man prima relaxen, Kraft tanken und fühlte sich fast wie in einer kleinen Hippie Kommune. Alles passte, das Wetter, die netten Leute in Haldern und meine Stimmung (lag das vielleicht am Bier?). Selbst meine Wadenmuskulatur hatte sich ein wenig gelockert, wenngleich es immer noch zwickte und zwackte und ich mich humpelnd wie ein alter Mann fortbewegte. Zu dieser Zeit, es war in etwa viertel vor sechs, spielten die Indierocker White Rabbits auf der Hauptbühne, während kurze Zeit später die Briten Zulu Winter im Spiegelzelt für Stimmung sorgten. Ich selbst war erst um 18 Uhr 50 mit Dan Mangan wieder mit von der Partie.

Der liebenswürdige Kanadier erschien schon bei den Aufbauarbeiten (ein Zeichen seiner Bodenständigkeit) mit grünem Parka und seinem obligtorischen Lächeln im runden Gesicht. Der sympathische Bursche aus Vancouver hat aber auch wirklich gut lachen, denn zusammen mit seiner powervollen Band hat er es geschafft, vom Spiegelzelt (2011) auf die Hauptbühne aufzusteigen. Ein Verdienst seiner explosiven, äußerst inbrünstig vorgetragenen Konzerte, die immer mehr Fans rund um den Globus anzogen.
Auch heute machte Dan Mangan seine Sache gut, konnte aber nicht mehr so ganz von dem "Aha- Effekt" im Publikum profitieren, dass ihn vor einem Jahr kennen- und lieben gelernt hatte. Damals war er ein unbekannter Newcomer und kaum einer wusste, wie wahnsinnig stimmungsvoll und berauschend seine Shows sind, heute aber erwartete jeder ein neuerliches Feuerwerk und noch mehr Extase. Trotzdem blieb es lange Zeit ziemlich ruhig auf den Rängen und erst beim Überhit Robots wurden letzte Blockaden endgültig gelöst. Zuvor hatten Mangan und seine Band einen wohlschmeckenden Cocktail aus den beiden letzten Alben Nice Nice Very Nice und Oh Fortune! bereitet und ein Lächeln auf so manches Gesicht gezaubert. Wir werden ihn also wiedersehen, diesen Pfundskerl mit dem diebischen Lächeln, dessen kann man sich sicher sein!

Gleich nach Ende des Konzertes von Dan Mangan, das auf der Hauptbühne stattgefunden hatte, bemühte ich mich, schleunigst ins Spiegelzelt zu Daughter aus England zu kommen. Hier machte sich mein Pressepass bezahlt, da ich die Möglichkeit hatte, über einen Seiteneingang schneller reinzukommen, ohne vorher in der Schlange zu stehen. Drinnen war es wahnsinnig voll und wegen des starken Nebels war es auch schwierig, die Protagonisten auf der Bühne zu erkennen. Dummerweise stand die britische Sängerin auch auf der rechten Seite, sodass ich die Seiten wechseln musste, da sie vorher im toten Winkel war. Durch meine Linse sah ich eine dünne, gutaufgelegte junge Dame mit E-Gitarre, die eine männliche Begleitgruppe anführte. Ihre Stimme klang sirenenhaft und herrlich verhuscht. Aber der verhallte Dreampop wich im weiteren Verlaufe einer noisigeren Instrumentierung und man konnte fast Postrockelemente erkennen. Laura Marling meets Sigur Ros, so schoss es mir durch den Kopf. Wie auch immer, ich genoß das Set und kann die Programmveranstalter des niederrheinischen Festivals nur beglückwünschen, diesen in Zukunft sicherlich dicken Fisch ans Land gezogen zu haben. Auf dem europäischen Festland waren Daughter noch nicht so oft, insofern waren die Haldener erneut früh am Ball und ich würde mich nicht wundern, wenn wir Daughter in Zukunft einmal auf der Hauptbühne erleben werden.

Erneuter Bühnenwechsel und zurück zur Mainstage auf der nun Thees Uhlmann und seine Band antraten. Mein Bloggerfreund Christoph hatte den Tomte-Sänger erst kurz vorher interviewt und von einem bestens aufgelegten und natürlich-sympathischen Kerl geschwärmt (der im Übrigen auch unser Konzerttagebuch liest! Yeah, baby). Und genauso kam Thees dann auch live rüber. Locker, gerade heraus und uneitel. Ein Typ, der seine Herkunft vom Lande nicht verleugnet und sich höchst erfreut zeigte, auf dem Dorf, sprich dem Haldern zu spielen. Das sei seit langer Zeit sein Traum gewesen. Beim Publikum kam er mit seiner unverkrampften Art ungemein gut an, viele Leute sangen die Texte mit und an dem satten, hochmelodischen Gitarrenrock hatte einfach jeder seinen Spaß. Ich persönlich erfreute mich zudem an dem Anblick der zuckersüßen Keyboarderin, die unverschämt jung aussah, aber sicherlich schon seit einer gewissen Zeit volljährig ist. Einzig der Anblick der Leute neben mir, mit den hässlichen T-Shirts, die unweigerlich auf einen dieser unsäglichen Junggesellenabschiede hindeuteten, irritierten mich ziemlich. Es gibt ja kaum etwas Schlimmeres als Junggesellenabschiede, finde ich zumindest und auch Hochzeitsgags wie das Entführen der Braut erscheinen mir absurd. Ich hätte möglicherweise jedem meine Freundschaft gekündigt, der mir damals bei meiner Eheschließung mit einem solchen Käse gekommen wäre. Aber Schluss mit diesem Exkurs, das Konzert von Thees war kurzweilig und in manchen Teilen gar berauschend. Musik mit deutschen Texten ist also nicht per se zu verdammen.

Gilt sicherlich auch für Niels Frevert, der nun im Spiegelzelt auflief.

Allerdings fehlte mir die Kraft, um mir den sensiblen Barden drinnen anzusehen und richtig aufzupassen. Stattdessen plauderte ich gemütlich auf einer der Bierbänke draußen mit einem Freund, denn wir sehen uns das Jahr über nur selten und haben kaum Gelegenheit, uns mal auszutauschen. Aber auch das gehört zu einem Festival dazu: Freunde treffen, soziale Kontakte pflegen, über die Qualität der Konzerte fachsimpeln. Zu Niels Frevert konnte ich mir keine richtige Meinung bilden, obwohl man den Auftritt auch draußen auf dem großen Bildschirm verfolgen konnte. Ich denke der Hamburger ex Nationalgalerie Mann ist gut, ansonsten hätte er nicht eine solch treue Gefolgschaft und wäre nicht bei dem glänzenden Label Tapete beheimatet.

Fraglich ist hingegen, was ich von Ben Howard zu halten habe. Der Engländer, der letztes Jahr noch beim Haldern Pop im Zelt spielte, hatte 2012 den Aufstieg auf die Hauptbühne geschafft und gefiel meiner Frau, die sich das Ganze aus der Nahe ansah, recht gut. Ich hörte das Konzert nur aus der Ferne, konnte demzufolge auch hier kein Urteil abgeben. In Frankreich, wo ich seit 10 Jahren lebe, ist er bereits ein Star, spielt 1.500er Locations und in Deutschland ist sein Aufstieg sicherlich auch noch nicht beendet. Ob ich dabei bin, wird die Zukunft zeigen.

Dabei war ich dann aber auf jeden Fall beim Konzert der Briten Diagrams. Von denen hatte ich viel erwartet, da sie mir in Paris vor ein paar Monaten ein fulminantes Konzert beschert hatten und meine Erwartungen wurden auch keineswegs enttäuscht. Ex Tunng Vorstand (der vor ein paar Jahren mit seiner alten Band bereits im Spiegelzelt aufgetreten war) Sam Genders und seine Truppe spielten druckvoll, abwechslungsreich und melodiesselig auf. Ihre Mischung aus funkigem Pop, Electronica und Folk war clever arrangiert und wartete auch mit einigen Hits auf. Tall Buildings beispielsweise zog irre gut, war groovy und catchy, ohne dümmlich und platt zu klingen. Unterstützt wurde Genders u.a. von einer hübschen rothaarigen Keyboarderin und einer im Hintergund agierenden Sektion aus Trompete, Saxofon und Geige. Einen Gag hatte sich die sympathische Band für den Schluß aufgehoben. Da wurden nämlich die Zuschauer gebeten, die anfänglich verteilten Luftballons in die Höhe zu werfen und so endete das prima Konzert wie auf einem Kindergeburtstag: Viele Ballons und viele glückliche lächelnde Gesichter. Schön!

Um 22 Uhr 55 ging es dann zurück auf die Mainstage. Dort warteten schon die Iren Two Door Cinema Club, um ihren bubblegumartigen Gitarrenpop abzufeuern. Das klang dann am Anfang auch noch frisch und teilweise enthusiasmierend, entwickelte sich im weiteren Verlaufe aber zu einer eher flachen Angelegenheit, weil einfach jedes Lied, jede Gitarrenmelodie und jeder Schlagzeugrhythmus ähnlich bzw. gleich klang. Immer deutlicher wurde, daß die junge Band keine eigene Identität hat und nur eine uninteressante Mixtur aus Franz Ferdinand, den Maccabees und Foals darstellt. Auch die wenigen neuen Lieder vom demnächst erscheinenden zweiten Album unterschieden sich kaum von den Hitsingles des ersten Albums. Einem Großteil des Publikums schien diese mangelnde Originalität aber egal zu sein. Viele tanzten zu den bisweilen karibisch anmutenden Rhythmen und den poppigen Melodien und gaben keine shit darauf, daß Two Door Cinema Club Klone sind, die dem Mainstream die Füße küssen.

Bessere Musik gab es dann wieder im Spiegelzelt. Es war schon nach Mitternacht als Wendy McNeill und ihre Band loslegten. Die Akkordeonspielerin aus Kanada hatte bereits 2010 das Halderner Publikum im Spiegelzelt entzückt und auch 2012 kam sie hervorragend an. Das lag zum einen Teil an ihrer äußerst liebenswürdigen herzlichen Art, zum anderen an ihrer markanten Stimme und ihren fein arrangierten Kammerpopsongs mit schwarzer Note. Zu jedem Lied erzählte McNeil übrigens auch eine Anekdote, sodass das gesamte Konzert eine Geschichte über den Fischer namens Eddie darstellte. Christoph hatte besonders gut aufgepasst. Er wird in seinem Bericht sicherlich detailliert auf diese interessante Story eingehen.

Ich hingegen verabschiede mich für heute, denn die anschließenden Konzerte waren mir zu spät und dies obwohl ich insbesondere Oberhofer sehr gerne gesehen hätte.

Morgen dann der Bericht vom dritten und letzten Festivaltag. Dann auch hoffentlich endlich Fotos!

* wenn man das Debüt unter dem Bandnamen Kunek hinzurechnet

Setlist Two Door Cinema Club, Haldern Pop Festival 2012:

01: Cigarettes In The Theater
02: Undercover Martyn
03: Do You Want It All?
04: This Is The Life
05: Wake Up
06: Something Good Can Work
07: You'reNot Stubborn
08: Settle
09: Costume Party
10: Handshake
11: Eat That Up, It's Good For You
12: What You Know
13: Sleep Alone
14: Come Back Home
15: I Can Talk

Setlist Other Lives, Haldern Pop Festival 2012:

01: As I Lay My Head Down
02: Old Statues
03: Landforms
04: Desert
05: For 12
06: Tamer Animals
07: Wheater
08: Dust Bowl III

Setlist Dan Mangan,
Haldern Pop Festival 2012:
01: Oh Fortune!
02: Sold
03: If I Am Dead
04: Post War Blues
05: Robots

Setlist Thees Uhlmann,
Haldern Pop Festival 2012:
01: Römer Am Ende Roms
02: Das Mädchen von Klasse 2
03: Vom Delta Bis Zur Quelle
04: Sommer In der Stadt
05: Zum Laichen Und Sterben Ziehn Die Lachse den Fluss Hinauf
06: Die Nacht War Kurz (Ich Stehe Früh Auf)
07: & Jay-Z Singt Uns Ein Lied
08: XOXO
09: Die Toten Auf dem Rücksitz
Setlist Ben Howard, Haldern Pop Festival 2012:

01: Oats In The Water
02: Diamonds
03: Old Pine
04: The Wolves
05: Everything
06: Black Flies
07: Keeo Your Head Up
08: The Fear




Mittwoch, 25. Juli 2012

Other Lives, Köln, 24.07.12

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Konzert: Other Lives
Ort: Luxor, Köln
Datum: 24.07.2012
Zuschauer: vielleicht 300
Dauer: 65 min



"Good music!" brüllte jemand in einer der ersten Liedpausen nach vorne. Auch wenn er nicht zu den originellsten Zwischenrufen* gehört, die ich bei Konzerten erlebt habe, hatte der Brüller natürlich recht. Auf so ein tolles Kompliment schien auch Other Lives Frontmann Jesse nicht vorbereitet zu sein. Sein Gegenkompliment "good people" wirkte ein wenig schüchtern.

Other Lives sind eigentlich keine Band für einen Sommerabend. So wie viele Folk- oder Folkrockgruppen, passen sie besser in eine schwermütigere Zeit. Als ich sie im Mai im strahlenden Sonnenschein auf der Hauptbühne des Primavera Festivals gesehen habe, war das aber so schön und ergreifend, daß solche Überlegungen vollkommen egal wurden. Belle and Sebastian kann man ja schließlich auch im November hören.

Weil es heute richtig sommerlich geworden war, kam uns die kurzfristige Hochverlegung vom Blue Shell ins Luxor sehr recht. Ein ausverkaufter Laden im Hochsommer macht keinen Spaß, da nimmt man eher ein dreiviertelvolles Luxor hin. Ich kann Zuschauerzahlen nicht schätzen, denke aber, daß sich die Entscheidung upzugraden für den Veranstalter gelohnt hat. Weil die Clubs 50 m von einander entfernt sind, hat es wohl auch keine Zuschauer gekostet, daß die Informationspolitik der Verlegung nicht schrecklich doll war. Ich bekam zweienhalb Stunden vor Einlaßbeginn per mail vom Kartenverkäufer mitgeteilt, daß man gerade vom Veranstalter informiert worden sei.

Mein einziges Clubkonzert von Other Lives vorher habe ich im März in Frankfurt gesehen, mit den wundervollen The Magnetic North als Vorgruppe. Damals überforderte mich der Auftritt der Amerikaner etwas, weil ich dicht an der Bühne stand und da so unglaublich viel zu beobachten war, daß ich viel zu unkonzentriert war, der Musik ausreichend zu folgen. Die zig Instrumente, bei einem der Musiker hatte ich acht verschiedene gezählt, die großen Leidensgesten von Jesse beim Singen, all das machte das Konzert so toll - aber auch so schwierig, ihm angemessen zu folgen. Heute stand ich doof - und weit weg - und konnte die Musik so umso besser genießen.

Other Lives spielen live offenbar ein festes Programm. Die Setlist war exakt die gleiche vom März. Bis auf wenige Ausnahmen kommen nur Stücke vom aktuellen Album Tamer animals zum Zuge. Aber was heißt schon "nur"? Die Platte ist schließlich hervorragend, und daß ich dieses Konzert so schon einmal gesehen habe, ist mir auch erst nachher anhand meiner Notizen aufgefallen, als ich die Setlist notiert habe. Der Abend war grandios, ohne Abstriche!

Referenzen zu suchen, nach was die Band aus Oklahoma klingt, ist zwar ein schöner Versuch, deren Musik besser beschreiben zu können, tut ihr aber auch unrecht. Ich hatte heute einige Interpol-Momente. Daß Landforms nach Interpol klingt ist das eine, Jesses Gesang (oder die Stimme, ich bin nicht ganz sicher) erinnerte mich aber auch bei einigen anderen Stücke an Paul Banks. Verrückt, das war mir noch nie aufgefallen! Landforms ging übrigens in Desert über und bildete so ein sicher acht- bis zehnminütiges Lied ohne Bruch, das sehr ergreifend war. Beste Titel des Abends waren aber andere. Ich mache mir als Gedächtnisstütze Ausrufezeichen hinter die Highlights. Mein Büchlein ist heute voll von gekritzelten Markierungen. Das unveröffentlichte Take us alive (mit dem Refrain "keep your eyes open"), Old statues und der Überhit For 12 waren die besonderen Knüller!

Nachdem die fünf Musiker nach Dusk bowl III (nach einer knappen Stunde) von der Bühne gingen, kam Jesse kurz danach alleine zurück. Er nutzte den gleichen Weg wie am Anfang, er kam nicht durch die Tür am Bühnenrücken, er kam von vorne aus dem Toiletten. Black tables spielte er alleine am Klavier, es war das einzige Lied vom 2009er Debütalbum. Das war sehr schön, fiel aber wie die zweite Zugabe Dusk bowl II ("it's an Oklahoma song") gegenüber den hymnischen Hits vorher ein wenig ab.

Der Zwischenrufer hatte also mit seinem euphorischen Kommentar natürlich vollkommen recht. Gute Musik! Ich verzeihe Other Lives daher auch gerne, daß sie mir eine andere Band weggenommen haben. Seit ich ihre Musik so liebe, habe ich nämlich gar kein Interesse mehr an den Fleet Foxes.

Setlist Other Lives, Luxor, Köln:

01: As I lay my head down
02: Dark horse
03: Old statues
04: Landforms
05: Desert
06: Great sky
07: Take us alive
08: For 12
09: Tamer animals
10: Weather
11: Dust bowl III

12: Black tables (Jesse solo) (Z)
13: Dusk bowl II (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Other Lives, Frankfurt, 27.03.12
- Other Lives, Paris, 23.03.12
- Other Lives, Paris, 02.11.11
- Other Lives, Paris, 01.09.11


* das "Lach doch mal" am Samstag zur Talking To Turtles Bassistin mit dem grimmigen Gesichtsausdruck fällt mir da ein. Oder mein Liebling, der Zwischenruf an eine schlimme Bluesrock-Vorgruppe im Gebäude 9, als es jemand mit "viel schneller!" perfekt traf. In Frankreich gibt es laut Oliver drei regelmäßige Zwischenrufe: "Rock'n'roll", "ausziehen" und "David Bowie". Wenn man französische Konzertmitschnitte sieht, wird man oft einen davon erleben


- die Fotos sind alt. Ich stand zu weit weg, und das Licht war zu mies. Die Frisuren sind aber unverändert!




Dienstag, 27. März 2012

Other Lives & The Magnetic North, Frankfurt, 27.03.12

2 Kommentare

Konzert: Other Lives & The Magnetic North
Ort: Brotfabrik, Frankfurt
Datum: 27.03.2012

Zuschauer: ganz gut gefüllt

Dauer: Other Lives gut 60 min, The Magnetic North 33 min



Angenommen, ein deutscher Sänger hörte plötzlich Stimmen, die ihm einflüsterten, er müsse sofort einen Liederzyklus über seine Heimat schreiben, über die Eifel vielleicht, über Baden oder das Vogtland. Mit ein paar Freunden ins Gartenhaus der Eltern, eine Aufnahmesession am alten Baggersee und eine mit dem Männergesangsverein des Nachbardorfs, fertig! Nur würden wir niemals über über solch ein Projekt berichten, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen* kann, wie eine solche vertonte Heimatliebe anders als scheußlich sein könnte.

Trotzdem habe ich mir so etwas heute angesehen - und war begeistert. Die Geschichte spielt allerdings eine Ecke weiter nördlich, ganz im (von London aus) magnetischen Norden Großbritanniens, auf den Orkney Inseln. Diese karge Inselgruppe, die ungefähr so viele Einwohner hat wie Meckenheim, liegt vor der schottischen Nordküste und blickt auf eine wechselvolle Geschichte zwischen norwegischer, schottischer und britischer Herrschaft zurück. Auf einer dieser Inseln ist Gawain Erland Cooper aufgewachsen, der mit 18 der Insel entflohen und gemeinsam u.a. mit Simon Tong Erland And The Carnival gegründet hat, eine Folkband, die mir in den vergangenen Jahren große Freude gemacht hat. Eines der Konzerte dieser Band, die ich in Köln gesehen hatte, wurde von einer jungen Irin namens Hannah Peel eröffnet. Hannah und Simon wurden dann auch Erlands Partner bei seiner musikalischen Heimatreise, bei Orkney - Symphony Of The Magnetic North, einer Liebeserklärung (oder Aufarbeitung) der Kindheit auf den kleinen Inseln. Lange Einleitung für ein Konzert einer ganz anderen Band... Aber meine Hauptmotivation heute war die Supportband; ich wollte eines der ersten Konzerte von The Magnetic North erleben, nachdem ich durch ihre Vorabveröffentlichungen bei Facebook ordentlich angefixt worden bin.

Es war das vierte Konzert der Briten (jemals), die live von einem Schlagzeuger begleitet wurden. Die Arrangements der Platte, die im Mai erscheint, viele Streicher, der Kneipenchor von Hoy, die Glöckchen und das (mindestens eingebildete) Meeresrauschen fehlten heute, dafür waren die Gitarren lauter und die elektronischen Rhythmen weniger dezent. Trotzdem verzauberte mich der Auftritt vollkommen. Daß mit Simon Tong, Erland Cooper, aber vor allem auch Hannah Peel, die die Stücke arrangiert, wahnsinnig viel Talent in dieser Band vereint ist, merkt man überall, eben auch in der der kleinen Supporttour geschuldeten anderen Instrumentierung. Im Sommer werden The Magnetic North Konzerte mit Streichern, Bläsern und Chor in Schottland (u.a. in der Kathedrale auf den Orkneys) spielen, ganz sicher ein ganz besonderes Erlebnis. Aber auch abgespeckt, ohne die ganz sphärische Stimmung funktionierte das Heimatstück ganz ausgezeichnet!

Nach einer guten halben Stunde Orkney-Symphony wurde es anschließend deutlich weltlicher, aber nicht viel schlechter. Other Lives aus den USA spielten ebenfalls ihr erstes Konzert in Frankfurt. Ich habe die Band um Jesse Tabish erst richtig über ihr aktuelles Album Tamer Animals kennengelernt und wollte sie dringend einmal sehen.

Auch wenn die Musik vorzüglich war, konnte ich mich nur schwer
darauf konzentrieren, weil es auf der Bühne so unglaublich viel zu sehen gab. Jesse sieht aus wie eine Mischung aus Hans Süper, Leslie Mandoki und Robin Pecknold und hüpft über die Bühne wie Rumpelstilzchen. Dabei war da kaum Platz zum Rumpeln, weil überall Keyboards standen und dann scheinbar alle anderen Instrumente, die noch ins Flugzeug passten, von oben draufgekippt wurden. Ich hatte mir den Spaß gemacht, aufzuschreiben, wer was spielt, dabei waren der Schlagzeuger (nur Schlagzeug - Amateur!), Jesse (Gitarre, Keyboard) und Geigerin Jenny (Cello, Geige, Keyboard, Hirschgeweihglöckchen, Glockenspiel) noch diejenigen, die den Stempel "Multiinstrumentalist" am wenigsten verdienten. Während der Musiker hinten rechts mindestens acht Instrumente spielte, punktete sein Vordermann damit, daß er meist drei Geräte gleichzeitig dabei hatte, die Gitarre am Gurt auf dem Rücken, Geige oder Keyboard und Trompete in den Händen. Ich glaube, ich hätte auch ohne Ton richtig viel Spaß gehabt!

Umso besser aber, daß es auch musikalisch toll war! Zwar war meine Aufmerksamkeit noch einmal ernsthaft gefährdet, als mein Nachbar in der Mitte des Konzerts vollkommen zutreffend feststellte: "klingt wie Kula Shaker", sie reichte aber aus, um die gute Stunde Other Lives sehr zu genießen, auch das taugte viel!

Trotz der aberwitzig vielen Instrumente klangen Other Lives auf der Bühne anders als auf Platte. Auch wenn zwei Streicher anwesend waren, fehlten die symphonischen Elemente weitestgehend. Aus der Kino-Musik wurde etwas Konzerttauglicheres. Aber die fehlende Dramatik von Violinen-Batterien kompensierte der strubbelige Sänger durch große Gesten. Jesse litt am schönsten, wenn er sich die Faust auf die Brust schlug. In den Momenten sah man ihm allerlei Seelenqual an (vermute ich; sein Gesicht war zwischen den Haaren selten zu erkennen).

Auch wenn sie ab und zu solche Momente hatte, ist die Musik der Amerikaner nicht immer Kula Shaker ähnlich. Wenn man mag, hört man die Fleet Foxes raus (bevor die langweilig wurden) oder eine weniger kitschige Version von Mercury Rev, immer wieder auch Get Well Soon, die eben schon einmal als Vergleich herhalten mussten.

Ein rundum gelungener Konzertabend mit zwei sehr unterschiedlichen aber ebenso spannenden Bands! Auch wenn Other Lives viele gute Stücke im Programm hatten, hieß das mit Abstand beste Lied des Abends Bay Of Skaill, und die liegt an der Westküste von Mainland - der größten der Orkney Inseln.


Setlist Other Lives, Brotfabrik, Frankfurt:

01: As I lay my head down
02: Dark horse
03: Old statues
04: Landforms
05: Desert
06: Great sky
07: Take us alive
08: For 12
09: Tamer animals
10: Weather
11: Dust bowl III

12: Black tables (Jesse solo) (Z)
13: Dustbowl II

Links:

- Other Lives, Paris, 23.03.12
- Other Lives, Paris, 02.11.11
- Other Lives, Paris, 01.09.11
- Erland And The Carnival, Köln, 30.10.11
- Erland And The Carnival & Hannah Peel, Paris, 13.05.11
- Erland And The Carnival & Hannah Peel, Köln, 27.04.11
- Erland And The Carnival, Duisburg, 12.11.10


* so etwas könnte in Deutschland höchstens bei Locas In Love oder Konstantin Gropper funktionieren.



Sonntag, 25. März 2012

Other Lives, Paris, 23.03.12

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Konzert: Other Lives
Ort: Fnac Ternes, Paris

Datum: 23.03.2012

Zuschauer: um die 100

Konzertdauer: 40-45 Minuten



In der gebotenen Kürze soll an dieser Stelle auf den Showcase der Amerikaner Other Lives im Kulturkaufhaus Fnac in Paris eingegangen werden.

Die Senkrechtstarter der letzten 12 Monate waren sich nicht zu schade, rund 100 Zuschauer umsonst und akustisch zu beglücken, obwohl sie am gleichen Abend eine seit Wochen ausverkaufte Show im Café de la Danse (Kapazität 500 Zuschauer) auf dem Programm stehen hatten. Sie legten sich wirklich ins Zeug und ließen sich auch instrumententechnisch nicht lumpen. Geige, Cello, ein altes Piano, ein Harmonium und noch viel mehr wurde aufgeboten, um die erlesenen Tracks ihres Erfolgsalbums Tamer Animals naturgetreu wiederzugeben. Verblüffend hierbei, wie perfekt die leicht würzige Stimme von Jesse Tabish klang, wie fehlerlos das Cellospiel der süßen Jenny Hsu war und wie harmonisch ingesamt gespielt wurde. Das war wirklich großes Kino für lau und eine beeindruckende Demonstration der Klasse von Other Lives.



Ihre Hits (For 12! Old Statues) reihten sich wie Perlen auf einer Kette aneinander, wobei für mich nach wie vor nichts an die Brillanz von Tamer Animals rankommt. Die Melodie ist einfach unwiderstehlich, der Gesang betörend, die epische Wucht gewaltig.

Gegen Ende erreichte allerdings The Partisan (Leonard Cohen) ebenfalls noch einmal diese Intensität. Mehrere Minuten lang wurde dieser Klassiker ausgekostet, die vielen Songzeilen mit enormen Gefühl vorgetragen, das Tempo an den passende Stellen verschärft, dann aber auch wieder zurückgenommen. Keine Frage, das war famos.


Sogar eine Zugabe gab es noch, allein am Piano von Jesse Tabish vorgetragen, bevor Autogrammjäger sich CDs und Zettel signieren ließen und Erinnungsfotos schoßen.

Setlist Other Lives, Showcase Fnac Ternes, Paris:

01: Old Statues
02: For 12
03: Folk Song
04: Tamer Animals
05: Dust Bowl III
06: The Partisan (Leonard Cohen)

07: Black Tables

Aus unserem Archiv:

Other Lives, Paris, 02.11.11
Other Lives, Paris, 01.09.11

Ausgewählte Konzerttermine Other Lives (+ The Magnetic North)

26.03.2012: Le Romandie, Lausanne
27.03.2012: Brotfabrik, Frankfurt
29.03.2012: Festsaal Kreuzberg, Berlin
30.03.2012: Knust, Hamburg
31.03.2012: Vera, Groningen
01.04.2012: Melkweg, Amsterdam
022.04.2012: Botanique, Brüssel (+ Deer Tick)



Donnerstag, 3. November 2011

Agnes Obel, Florent Marchet & Other Lives, Paris, 02.11.11

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Konzert: Agnes Obel, Florent Marchet und Other Lives

Ort: Le Casino de Paris
Datum: 02.11.2011
Zuschauer: 1400 (Fassungsvermögen 2000, es war also nicht besonders voll)


Guter Konzertabend im Rahmen des kultigen Festival des Inrocks. Klarer Sieger innerhalb der auftretenden Künstler war der in seiner Muttersprache singende Franzose Florent Marchet. Der Kerl hat einen herrlich zynischen Humor und sparte weder in seinen Ansagen noch in seinen Chansons mit bissigen Kommentaren. Er ist ein moderner Kabarettist, der ähnlich wie die Schriftsteller Philipp Djian, Michel Houellebecq und Fréderic Beigbeder, die französische Gesellschaft kritisiert, ja oft karrikiert aber, und das ist besonders schön, sich selbst dabei nie ausnimmt. Vor allem aber ist er ein famoser Musiker mit einem Sinn für fabelhafte Melodien und melancholische Stimmungen.

Mit seinem Stück Eau de Rose hat er mich ganz schön aufgewühlt. Schaut es euch in dieser feinen Session von der Blogothèque an:



Florent durfte aber heute abend nicht als Erster ran. Vor ihm wurden (in meiner Abwesenheit) die Belgier Balthazar (nicht zu verwechseln mit dem einzigartigen Troy) auf das Volk gehetzt, bevor die Amerikaner Other Lives aufliefen.

Eine famose Band, diese Other Lives. Angeblich nach dem deutschen Erfolgsfilm "Das Leben der anderen" benannt, sind sie in den letzten Wochen und Monaten immer bekannter und beliebter geworden.Man spricht inzwischen von ihnen, nein mehr noch, man hört sie und fast jeder findet das aktuelle zweite Album Tamer Animals hervorragend. Von diesem Opus stammte auch heute jedes Stück. Lieder voller epischer Kraft und Würde, wüstensandgetränkt, sentimental, betörend schön. Sie könnten perfekt in
einem Soundtrack verwenden werden, erinnern bisweilen an die Westernmusik von Ennio Morricone.

Die Truppe aus Oklahoma hinterließ auch heute in Paris einen exzellenten Eindruck. Wenn man solch starke Songs wie For 12, Tamer Animals, Dark Horse Oder As I Lay My Head Down in seinem Repertoire hat, kann halt eben nicht viel schiefgehen. Orchestral instrumentiert, mit Trompete, Geige und Cello entzückend und bestens arrangiert, trumpfte die Gruppe um Sänger und Songwriter Jesse Tabish auf und gewann etliche neue Fans hinzu. Wenn es etwas zu bemängeln gab, dann war es lediglich, daß man sich ab und zu einen Uptempo Song und eine richtige E Gitarre gewünscht hätte, die dem cinematografischen Wüstenshoegaze mehr Schärfe
hätte verleihen können. Vergleichbare Bands wie The National oder Get Well Soon setzen solche Mittel live immer wieder erfolgreich ein und schaffen es so, Bewegung ins Publikum zu bringen. Bei Other Lives hingegen beschränkten sich die Zuschauer heute auf ein festlich leises Zuhören.

Dennoch : OtherLives sind eine sehr positive Erscheinung des Musikjahres 2011 und ich hatte auch noch das Glück, zufälligerweise Jenny Hsu (die süße Celistin) und Colby Owens (der nette Schlagzeuger) in einem Restaurant gleich neben der Location zu treffen.

Nun aber war die Zeit für Florent Marchet und sein Band gekommen. Der Franzose sah zum Schießen aus. Wie ein britischer Gentleman Farmer. Er trug eine Art Knickerbocker Hose mit roten Strümpfen, und einen Pullunder auf kurzem weißen Hemd und senffarbener Krawatte. Dieser kuriose Look war natürlich mit einem Augenzwinkern versehen, wie so einiges andere mehr bei diesem atypischen Musiker. Er hat eine famose Beobachtungsgabe und ein großes Talent, die Marotten der Bourgeoisie aufzudecken und diese überspitzt darzustellen.

Schon gleich zu Beginn äußerte er zynisch: "ach herrlich hier in Paris zu spielen. Nicht in dieser dümmlichen französischen Provinz. Hier in Paris sind die Leute kultiviert, gut angezogen,
sehen einfach großartig aus. Selbst im Dunkeln!"

Dann ließ er seine Musik sprechen und diese hatte es in sich. Mit spielerischer Leichtigkeit wechselte Florent vom französischen Chanson zum vom Britpop infizierten melodischen Gitarrenrock, beherrschte aber auch Eletropop und Folk aus dem eff eff. Er ist ein Riesentalent, spielt hervorragend Klavier und Gitarre und ist auch als Performer ganz dufte. Wahnsinn, was für eine Show er heute wieder abzog, wie agil und aufgepuscht er war!

Aber er kann auch ruhig und melancholisch und dann herrscht Taschentuch- Alarm. Als er bei der Ballade Eau de Rose textlich sentimental fragte: (...et je pleure dans tes bras) "Aurons nous des enfants?- werden wir
Kinder haben?" , bekam ich feuchte Augen, musste aber kurze Zeit später schon wieder über seine lustigen Sprüche lachen. "Ça va?" fragte er in die Runde, winkte aber die Antwort noch nicht einmal abwartend sofort ab und meinte: "Ist natürlich eine rhetorische Frage. Natürlich geht es euch gut, ihr seit doch hier alle mit dem goldenen Löffel im Mund aufgewachsen. Schließlich wohnt ihr in Paris, der schönsten Stadt der Welt. Nein, beschweren könnt ihr euch wirklich nicht." Sagte es und widmete das nächste Lied einer gewissen Giulia S, einem winzig kleinen Mädel, das kürzlich von einer hochrangigen deutschen Politikerin einen Teddy Bär von Steiff geschenkt bekommen hat....

Das Set fluschte so richtig schön und hielt Ohrwürmer
noch und nöcher bereit, die von den drei vorzüglichen Alben des Franzosen stammten. Zu dem Stephan Eicher Cover Des Haus des Bas stieß dann auch noch Gaetan Roussel von der berühmten Band Louis Attaque mit hinzu, bevor der diskoartige Song La Famille Kinder das euphorisierende Konzert beendete.

Wer sich für französische Musik mit französischen Texten interessiert, sollte sich, soweit noch nicht geschehen, unbedingt mal Florent Marchet anhören.

Den Schlußpunkt unter den heutigen Konzertbend setzen aber die Damen.
Die in Berlin lebende Dänin Agnes Obel hatte wie immer ihre Cellistin dabei, aber dieses mal gab es auch eine Harfespielerin, die das klassisch anmutende Klangbild bereicherte. Agnes bestach erneut durch Stimme und gefühlvolles Klavierspiel, konnte mich aber diesmal nicht so packen wie vor einem Jahr in der wesentlich kleineren Boule Noire. Im großen Casino de Paris ging ein wenig die Intimtät flöten und hinzu kam, daß drei Mädels in meiner Nachbarschaft permanent und ungeniert plauderten. Das störte ungemein und ich fragte mich, warum manche Leute nicht eher ins Kino oder ins Café gehen, anstatt die anderen Leute zu nerven.

Hinsichtlich der performten Songs war unbedingt das Cover Katie Cruel zu erwähnen. Agnes verlieh dem traditionellen Stück Inbrunst und Anmut und nahm ihm auch den folkigen Aspekt, der ansonsten immer dominiert, etwa in der Version der Fleet Foxes. Ansonsten ragte On Powdered Ground heraus. Herrlich der langgezogene, hohe, an Kate Bush erinnernde Gesang, herzerwämend das Pianospiel. "Don't break your back on the track", intonierte Obel gleich mehrfach und wurde von Sekunde zu Sekunde immer energischer und intensiver. "Ououhouh, ahaha", greinte sie am Ende und versetzte mir damit sogar eine kleine Gänsehaut.



Dann war Schluß und das Publikum begab sich friedlich und zufrieden Richtung Foyer.

Setlist Florent Marchet, Casino de Paris (merci à Philippe D!) :

01: Courchevel
02: Benjamin
03: Levallois
04: L'eau de Rose
05: L'Idole
06: La Chance de ta vie
07: Qui je suis
08: Hors Piste
09: Narbonne Plage
10: Je n'ai pensé qu'à moi
11: Des Hauts des Bas (Stephan Eicher) avec G. Roussel
12: La Charette
13: La Famille Kinder



Montag, 5. September 2011

Other Lives, Paris, 01.09.11

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Konzert: Other Lives

Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 01.09.2011
Zuschauer: recht viele
Konzertdauer: gut 45 Minuten
Raumtemperatur: gefühlte 60 ° Celsius


Von gefühlvoll orchestrierten Westernballaden war im Musikexpress die Rede, aber auch von der Stadt Stillwater in Oklahoma, von endlos weiten Prärielandschaften und von Ennio Morricone. Und immer wieder fällt der Begriff Red Dirt Music im Zusammenhang mit der amerikanlischen Band Other Lives. Red Dirt Music ist der typische Sound von Stillwater, ein Amalgam aus Folk, Country und Blues.

Other Lives aus Stillwater kann man stilistisch durchaus in die Folkecke stellen, aber ihr Klangbild wird bereichert durch Elemente des Shoegaze, des Dreampop und der Klassik. Nicht weniger als sechs Musiker waren in der Pariser Flèche d'or notwendig, um die komplexen Soundlandschaften live darzubieten, darunter eine Cellistin, ein Trompeter und ein Pianist. Instrumententechnisch kamen auch Harmonium, Geige, Orgel und ein Xylophon zum Einsatz.

Dabei ist das Projekt Other Lives eigentlich das Baby eines Mannes, des Multiinstrumentalisten und Sängers Jesse Tabish. Der kann freilich nicht alles alleine machen und so hat er live ähnlich wie Konstantin Gropper von Get Well Soon eine ausgewachsene Band dabei.

Wunderschön war das, was die zahlreichen Musiker aus dem mittleren Westen der USA boten. Ein verhuschter Schwebesound mit Countryparfum erfüllte die bullenheiße Flèche d'or und wer nicht schon von der Hitze benebelt war, war es nun von der Musik. Die Zuschauer schwitzten und staunten. Komplimente wurden zwischen den Songs ausgesprochen. Auch mir sagte das Gehörte zu, allerdings wurde für meine Begriffe die Grenze zum Bombast manchmal hart angetestet. Aber das Ganze war zu gekonnt arrangiert, zu subtil, zu schön, um wirklich meckern zu können. Hatte man sich darauf eingelassen, daß Other Lives kaum Bodenhaftung und Geerdetheit aussenden, konnte man herrlich davonschweben und sich berieseln lassen.

Mit ruhiger und markanter Stimme trug Jesse Tabish Songs vor, die zum Großteil vom zweiten Album Tamer Animals stammten. Dark Horse war sicherlich ein Highlight. Wunderschön hier das Cello, aber auch die Trompete vefehlte ihren berauschenden Effekt nicht und als eine Geige hinzukam, war der Wohlklang perfekt. Aber auch For 12 erwärmte die Herzen, beamte einen gedanklich in amerikanische Wüstenlandschaften und entführte einen ins Reich der Träume.

Jäh aus meinem Traum geweckt wurde ich allerdings, als beim Leonhard Cohen Cover The Partisan ein Franzose den Text laut und unfassbar schief mitsang. Er wollte wohl seine Freunde beeindrucken und zog die Nummer komplett durch. Gräßlich!

Den insgesamt guten Eindruck konnte dieses Vorkommnis jedoch nicht erschüttern und auch die unerträgliche Hitze, die an jenem Abend in der Flèche d'or herrschte, war hinterher nur noch eine schwache Erinnerung. Was blieb war das Entzücken ob des Entdeckens einer vielversprechenden neuen Band, von der wir sicherlich noch einiges hören und lesen werden.

Achso ich habe das schönste Lied des Abends nicht erwähnt: Tamer Animals. Zum Niederknien!






 

Konzerttagebuch © 2010

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