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Dienstag, 25. Oktober 2016

Daughter, Berlin, 14.10.16

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Konzert: Daughter
Ort: Columbiahalle Berlin
Datum: 14.10.2016
Dauer: 95 min
Zuschauer: ca. 1200
Fotos: Markus Werner

Die Columbiahalle ist gut gefüllt, ganz ausverkauft ist sie nicht. Ich überschlage und komme auf gut 1200 Besucher. Vom Rang habe ich einen guten Blick auf die Bühne, für Fotos ist es aber schon etwas weit von der Bühne weg.



Nachdem ich Daughter im Juli in Montreux gesehen hatte, war ich nach dem Festivalset neugierig auf ein richtiges Konzert.
Daughter ist ein Trio, in dem neben Elena Tonra der Gitarrist Igor Haefeli und der Schlagzeuger Remi Aguilella spielen. Auf der Bühne sind sie zu viert, leider habe ich den Namen der Keyboarderin nicht herausgefunden.



Sie betreten die Bühne und beginnen ohne Umschweife. Daughter brauchen keine Showeffekte, Videoeinspielungen oder extrovertierte Auftritte. Die heftigsten Bewegungen während des Konzerts vollführt von Zeit zu Zeit Igor Hefeli, wenn er sich vor seiner Pedal-Strecke bei kurzen Soli verbiegt. Die Musik zieht mich von sich aus ebenso in den Bann wie die Texte und Elenas Gesang. Mich faszinieren die Wechsel zwischen zerbrechlicher Stimmung und aufbrausenden Klangkaskaden der Titel. Es schwingt viel Melancholie in der Musik, manches stimmt pessimistisch und dennoch finden Daughter in jedem Lied einen optimistischen Dreh, irgendeinen Trick, dass ich immer wieder fröhlich aus den Songs herauskomme und begeistert nach dem nächsten klatsche. Ich fühle bei Elena Tonra, dass sie Geschichten erzählt, die sie selbst erlebt oder durchlitten hat und meist hat es den Anschein und die Leichtigkeit, dass sie über was auch immer hinweggekommen ist mit ihrer Musiktherapie, aber wer weiß...
Die Lichtstimmung ist über das gesamte Konzert hin sehr dezent und der Musik angepasst und keineswegs Selbstzweck.



Nach dem Konzert in Montreux mit einem 60-minütigen Festivalset erlebte ich hier ein extensives Konzert mit den Songs der beiden letzten Alben. Elena war an diesem Abend nach eigenem Erzählen von Erkältung geplagt, ließ sich nichts anmerken und verschwand nur einmal hinter die Bühne, so dass Igor bemerkte "the singer is missing“. Den stressigsten Job des Abends hatte der Gitarren-Guy, der zwischen den Songs fast immer mit 2 Gitarren unterwegs war, eine für Igor und eine für Elena. So bekam auch er einiges mit wie das Publikum die Band feierte.


Webseite Daughter



Setlist
01. New Ways
02. Numbers
03. Alone/With You
04. How
05. Tomorrow
06. Winter
07. Doing The Right Thing
08. Mothers
09. Love
10. No Care
11. To Belong
12. Human
13. Youth
14. Smother
15. Shallows

16. Medicine (Z)
17. Fossa (Z) 

Aus unserem Archiv 
Daughter, Montreux, 12.07.16
Daughter, Barcelona, 02.06.16
Daughter, Maifeld Derby, 05.06.16
Daughter, Köln, 31.01.16
Daughter, Larmer Tree Gardens, 31.08.13
Daughter, Mannheim, 31.05.13
Daughter, Frankfurt, 16.04.13
Daughter, Köln, 08.04.13
Daughter, Brüssel, 04.04.13
Daughter, Luxemburg, 10.11.12
Daughter, Paris, 07.11.12
Daughter, Haldern, 11.08.12
Daughter, Haldern, 11.08.12 






Freitag, 26. August 2016

Haldern Pop, 3. Festivaltag, 13.08.16

1 Kommentare

Konzert: Haldern Pop Festival, 3. und letzter Festivaltag mit Conner Youngblood, Wintergatan, Ebbot Lundberg & The Indigo Children, Hubert von Goisern, Julia Holter, Yak, Thees Uhlmann, Albin Lee Meldau, Daughter, Jason Isbell, Minor Victories, The Graveltones und vielen anderen
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 13.08.2016



Den letzten Festivaltag liess ich spät angehen. Ich war am Samstag erst gegen 4 Uhr ins Bett gekommen und hatte mächtig Schlafrückstand. Ich entschied mich den Haldern-Sonntag ganz entspannt erst um 16 Uhr beginnen zu lassen, um  mir als Ersten den jungen Amerikaner Conner (Conner mit "e" und nicht mit "o", wie es im Programmheft fälschlicherweise stand) Youngblood im Tonstudio anzusehen. Allerdings war ich nicht der Einzige der auf diese Idee gekommen war. Als ich meinen netten Spaziergang durch die idyllischen Felder zur Venue hin beendet hatte, sah ich eine Menschenschlange draussen rumstehen. Leute die gerne reinwollten, aufgrund Platzmangels aber nicht konnten.


Diejenigen die es allerdings geschafft hatten pünktlich in das Tonstudio reinzukommen wurden mit einem kostenlosen Saunagang belohnt. Ich selbst gehörte nicht dazu und hörte von draussen aus ein wenig zu. Das war natürlich unbefriedigend (nicht der verpasste Saunagang, sondern das Nichtsehen des Konzertes). Gegen Ende des Sets wurde es aber leerer und ich schaffte es in den kleinen Raum durchzudringen in dem die Luft regelrecht stand und Conner schweisstriefend mit Gitarre und Laptop agierte. Der Bursche sah blendend aus, hatte einen gestählten Body und Rastazöpfe und sang im angesagten James Blake Stil, sprich mit Kopfstimme und souligem Einschlag. Conner war nicht der klassische folkige Singer Songwriter mit Bart und Karohemd, sondern ein sportlicher Jungspund, der auch musikalisch modern und cool klang. Ganz zum Schluss spielte er sogar einen rein akustischen Song, ohne Samples, ohne Loops und ohne Stimmverfremdung und interessanterweise gefiel mir diese puristische Darbietung sogar am Besten, weil man sehen konnte, dass der Texaner auch ganz ohne technische Hilfsmittel was rüberbringen konnte. Definitiv ein Talent, das man beobachten sollte!




Talent hatten auch die schwedischen Postrocker Wintergatan die ich vor ein paar Jahren schon ein mal im Halderner Tent gesehen hatte. Damas war ich begeistert von der Kreativität, der Frische, der Originalität dieser instrumentalen Band, die sogar eigene Instrumente bastelt und bezaubernde Töne produzierte. Allerdings fragte ich mich, ob ohne den Überraschungsfaktor die Musik immer noch betörend auf mich wirken konnte. Sie konnte! Und wie! In der herrlichen Mittagssonne boten die Skandinavier auf der Hauptbühne ein äusserst unterhaltsames, abwechslunsgreiches und bewegendes Set voller packender Melodien und Einfälle.


Der Chef der Band war zudem zu Scherzen aufgelegt. Er erklärte, dass die ganze Musiziererei eine Arbeit von "try and error" sei, was aber nicht notwendigerweise schlimm sei, denn selbst Fehler könnten in der Kunst dafür sorgen, dass ein Projekt paradoxerweise besonders gut klappt. Er nannte einen Haifilm von Spielberg als Beispiel, in dem die Haiaufnahmen zu Beginn wegen technischer Probleme weggeschnitten werden mussten, was aber nur eine Steigerung der Spannung zur Folge hatte, weil der Hai so plötzlich und so überraschend auftauchte.

Anekdoten dieser Art trugen zu einer lockeren Atmosphäre hinzu, aber Wintergatan waren keine Witztruppe, die nur von visuellen Effekten und netten Ansagen lebte, sondern auch wirklich spannende Musik macht, die auch an jedem Ort der Welt funktionieren könnte. Ich langweilte mich jedenfalls keine Spur und verbuchte insgesamt ein wirklich gelungenes Konzert. Schweden sind eben toll.

Halt! Sagte ich gerade Schweden sind toll ? Grundsätzlich würde ich das so unterschreiben, allerdings konnte mich Albin Lee Meldau, der mit Ebbott Lundberg den Startplatz getauscht hatte im Anschluss im Spiegeltent nicht wirklich überzeugen. Lag aber eher an meinen musikalischen Präferenzen als an anderen Dingen. Wie schon erwähnt bin ich kein Fan dieser Neo Soul- Neo Jazz Szene, die James Blake und Sam Smith losgetreten haben und Kopfstimmen gehen mir inzwischen meistens auf die Nerven. Somit war dann der Auftritt von Albin eher nicht mein Fall.


Hubert von Goisern vermochte mich danach auf der Hauptbühne allerdings noch weniger zu begeistern. Ein jodelnder Steirer mit Blasmusik, Alpen Pedalsteel und jovialer Kommunikation mit dem Publikum ("sann Steirer do?"), das war schon sehr speziell. Ich fühlte mich fast wie im Musikantenstadl, aber zum Glück gibt es in Haldern ja auch einen schönen Pressebereich am Waldrand, in den ich mich während des Konzertes des Österreichers verzog.

19Uhr 30: Zeit für Julia Holter


Was für ein Leckerbissen! Julia Holter in Haldern auf der Hauptbühne! Im Spiegelzelt hatte sie ja bereits schon mal gespielt, nun also der Aufstieg auf die Main Stage. Schade nur, dass sich nicht extrem viele Festivalgäste zur Prime Time vor der grössten Stage des Popfestivals wiederfanden, sondern stattdessen mehrheitlich den neben dem Spiegeltent gelegenen Biergarten bevölkerten. Da legt die Holter das laut Kritikern allerbeste Album des Jahres 2015 vor und dennoch ist sie noch kein richtiger Star, zumindest ist sie hinsichtlich ihres Publikumerfolges immer noch nicht im Mainstream angekommen! Sehr verwunderlich ist das allerdings nicht. Obwohl ihr letztes Album wesentlich zugänglicher als die Vorgänger war, bleibt sie immer noch ein wenig verhuscht, schrullig und experimentell und letztlich ist das auch gut so, denn wollen wir wirklich alle einen gleichklingenden Einheitsbrei hören ?


Allerdings hätte auch ich als bekennender Fan der begnadeten Chanteuse etwas zu beanstanden und zwar die Livepräsenz der Band. Schon bei einem Konzert in Paris war mir aufgefallen wie bräsig und abwesend der Drummer spielte, wie wenig mitreissend die rothaarige Violonistin bei der Ausübung ihrer Kunst anzusehen war und wie weltenrückt der gothische angehauchte (schwarze Fingernägel) Kontrabassist agierte. Eine fetzigere Band hätte dem Set sicherlich gutgetan. Nun muss man natürlich auch berücksichtigen, dass die Studioversionen der Songs äusserst komplex und live nur schwer umsetzbar sind, aber ein wenig mehr Schwung und Harmonie (manchmal klang alles ein wenig schief) hätte ich mir schon gewünscht. Holter selbst war allerdings kein Vorwurf zu machten, sie sang sehr gut und äusserst lieblich und verzog ihren Mund beim Singen immer wieder zu einer süssen Schnute. Auf Kumpel mit dem Publikum machte sie aber nicht, das ist nicht so ihre Art und passt auch nicht sonderlich zu der traumversunkenen, bizarren Musik der Amerikanerin.


Julia Holter spielte vorwiegend Songs von ihrem aktuellen Album Have You In My Wilderness (glänzend: Feel You und Betsy On The Roof) aber auch 2 vom Vorgänger Loud City Sounds (u.a. Opener In The Green Wild) und eins von Tragedy.

Das etwa 60 minütige Set war unter dem Strich sehr ordentlich, vermochte aber aus oben genannten Gründen nicht ganz die Brillanz der Alben widerzuspiegeln. Julia Holter muss noch etwas arbeiten (oder eine bessere Band verpflichten) um ein Publikumsmagnet zu werden. Angesichts des riesigen Talentes der sympathischen Dame mit den inzwischen leicht graustichigen Haaren mache ich mir dahingehend aber keine allzu grossen Sorgen.

Setlist Julia Holter

01: In The Green Wild
02: Silhouette
03: So Lilies
04: Horns Surrounding Me
05: Lucette Stranded On The Island
06: Hello Stranger (Barbara Streisand)
07: Feel You
08: Everytime Boots
09: Betsy On The Roof
10: Vasquez
11: Sea Calls Me Home


Die jungen Briten Yak im Spiegeltent danach waren vor allem eins: laut. Sehr laut. Sie mischten das Publikum von Beginn an auf und Sänger und Gitarrist Oliver Henry Burslem liess es sich nicht nehmen in der Mitte des Sets in die Menge zu springen. Da johlte die aufgepeitschte Meute. Mir war dieser schwere Indie Rock mit Punkeinschlag aber doch etwas zu wild, in meinem Alter mag man es halt eben eher gesetzter. Das jugendliche Publikum kam allerdings voll auf seine Kosten.

Leiser waren dann Thees Uhlmann und Band auf der Hauptbühne danach. Der solide melodische Gitarrenrock des Neuschriftstellers gefiel mir gut, war aber natürlich nicht wirklich originell. Manche fanden auch seine Ansagen etwas nervig, ich hingegen fand sie eher lustig. Ein netter Kerl, der Thees. Kommt vom Land, genau wie ich. Und seine Musik mag ich im Zweifel lieber als die des 17. neuen James Blake Klon.


Ebbot Lundberg and The Indigo Childern im Zelt wollte ich danach auf keinen Fall verpassen. Seit dem Album Origins Vol 1 von The Soundtrack of Our Lives bin ich grosser Fan der schwedischen Rockband, die auch schon  in der Vergangenheit in Haldern auf der Hauptbühne gespielt hatte. Deren Sänger Ebbot kam dann auch mal als akustischer Soloact und heuer nun wieder mit einer neuen, sehr jungen Band, in der es auffällig viele attraktive junge Männer gab. Ebbot wirkte neben den dünnen Heringen noch etwas fülliger als sonst schon, aber das machte natürlich überhaupt nichts, weil ihm die Leibesfülle noch mehr Bühnenpräsenz und Power verleiht und sicherlich auch zur ungemeinen Wucht seiner fabelhaften Reibeisenstimme beiträgt. Der notorische Kuttenträger hatte zur Feier des Tages ein feines Tuch um seinen breiten Hals gelegt und das Gesicht mit Kriegsbemalung überzogen, die durch den Schweiss bedingt in der Folge von seinen Wangen und seiner Stirne hinunterlief. Ein Bär von einem Mann dieser Ebbot, so urwüchsig wie man ihn wohl nur in wilden Ländern wie Schweden oder Kanada finden kann! Und sein Gebaren auf der Bühne hatte nichts von seiner hypnotischen Wirkung verloren, der Bartträger zog mich schon in den allerersten Minuten in seinen Bann.




Eingefleischte TSOOL Fans fragten sich möglicherweise vorher ob auch Stücke der inzwischen aufgelösten Band gespielt werden würden (Antwort: ja eins am Schluss, und was für eins!), ich hingegen war offen für die neuen Titel und das aktuelle Projekt von Ebbot. Musikalisch konnte ich ohnehin keine grossen Unterscheide zu TSOOL erkennen, Ebbot ist seinem Mix aus Psychedelic Rock, Hardrock und schwermütiger Popballade weiterhin treu geblieben und so waren dann auch die Stücke   schön abwechslungs- und facettenreich. Nach einem ersten Teil mit einem eher soften For The Ages To Come gab es im Mittelteil zwei Songs die man fast als heavy bezeichnen konnte, bevor gegen Ende mit I See Forever wieder eine dieser herzzerreissenden und keine Spur kitschigen Balladen gespielt wurde.


Dass der krönende Abschluss dann mit Second Life Replay ein Song von TSOOL war, war vielleicht ein Zugeständnis an die Fans dieses tollen Projekts und trotz der Güte der mit den Indigo Childern gebotenen Lieder ragte dieser Song von 2008 heraus. Er begann schleppend mit Orgel und Mundharmonika bevor er sich in einen hymnisch epischen Schocker mit wildem Schlagzeugwirbel verwandelte. Das war atemberaubend und dauerte auch fast 10 Minuten, von den keine einzige langweilig war. Hinterher fiepten kräftig die Ohren, aber man verliess das Tent mit dem guten Gefühl hier ein absolutes Highlight miterlebt zu haben.

Dann Daughter auf der Hauptbühne.


Schon ein paar Stunden vor dem Konzert von Daughter hatte ich zufällig erfahren, wer die britische Band um Elena Tonra verstärken würde: Cathy Lucas, die ehemalige Geigerin von Fanfarlo! Ich hatte die nette junge Dame mittags zufällig auf dem Gelände getroffen und sie in meiner penetranten Art in ein Gespräch verwickelt, in der es natürlich hauptsächlich um Fanfarlo, eine Band die in der Vergangenheit bereits auf der Hauptbühne gespielt hatte, ging. Dieses Projekt sei beendet, aber sie sei nun seit einem Monat Keyboarderin bei Daughter. Leider sah man Cathy dann aber kaum auf der Bühne, sie agierte weit hinten rechts im Dunkeln. Ohnehin war die Show eher auf die zierliche Sängerin Elena ausgerichtet, die in elegante schwarze Kleidung gehüllt war und so auch optisch den düster-melancholischen Charakter ihrer Musik unterstrich. Die Männer in der Band spielten eher Nebenrollen und waren weit aussen postiert. Aber auch Tonra selbst war nicht die klassische Bandleaderin, die überdrehte Frontfrau, die für Stimmung sorgt. Der mystischen Musik enstprechend, war sie eher zurückhaltend, hielt sich nicht mit langen Ansagen (die ohnehin unpassend gewesen wären) auf und konzentrierte sich ganz auf ihr Gitarrenspiel und ihren wundervollen Gesang. Hauchzart und flehentlich sang sie und die Gitarrenmelodien klangen fast ähnlich genial wie bei Interpol oder The National, zwei Bands die man durchaus mit Daughter vergleichen kann. Zwar sind Daughter weder wirklich Post Punk (wie eben Interpol) oder folkig (wie bisweilen The National), aber dennoch hört man eine ähnliche ADN heraus. Allesamt sind die Künstler Nachtschattengewächse, Leute, die erst im Dunkeln aufblühen und das Tageslicht eher meiden (daher sicherlich auch der blasse Teint von Elena) und Zuflucht in depressiven Songtexten suchen. Das mag teilweise ein wenig gekünstelt wehlklagend rüberkommen und manchmal auch bombastisch, aber die Anziehungskraft war heuer dennoch so gross, dass kein Plaz blieb um musikphilosophisch erötern zu müssen, ob die genannten zeitgenössischen Bands ähnlich authentisch wie Joy Division sind oder nicht.



Das Set bestand je zur Hälfte aus Stücken des Debüts If You Leave und des Zweitlings Not To Disappear so dass auch diejenigen auf ihre Kosten kamen, die das erste Album bevorzugen. Von diesem stammte das himmlisch leichte Tomorrow mit seinen mandolinenartig klingenden Perlgitarren und dem "Ohohoho-Refrain", während Numbers (an dritter Stelle gespielt) von dem 2. Werk stammte. Alles klang sehr harmonisch und atmosphärisch langsame und rockig schnelle Songs wechselten sich perfekt ab.

Gut eine Stunde genoss ich den luftigen Schwebesound und weil das Konzert so gut war verzichtete ich auch am Ende auf einen Abstecher in das Spiegeltent in dem der begabte Countrysänger Jason Isbell auftrat.

Musikalisch war dieser Schachzug von mir clever, denn die heutigen Headliner Minor  Victories (oder waren Daughter Headliner?) knüpften stilistisch an den Sound von Daughter an.


Minor Victories, eine Art Supergroup mit Rachel von Slowdive, Stuart von Mogwai, Martin Bulloch (dem Drummer von Mogwai) und dem Bassisten James Lockey der Editors.

Rachel war von Beginn an Blickfang mit ihrem extravaganten Kleid mit dem auffälligen Federkragen, aber auch stimmlich wusste sie zu entzücken. Die Sanftheit und Melancholie ihrer Stimme war nach wie vor unbeschreiblich und sie schien kaum gealtert zu sein, obwohl die besten Zeiten von Slow Dive schon gefühlte Ewigkeiten zurückliegen. Aber es muss nicht immer Slow Dive und auch nicht immer Mogwai sein, das Mischprodukt Minor Victories war ähnlich berauschend und hypnotisch. "Tolle Atmosphäre" lobte der holländische Moderator gleich mehrfach hinterher und in der Tat kam der Shoegaze Sound zu der späten Uhrzeit perfekt rüber. Dennoch waren anscheinend schon ein paar Festivalbesucher in ihren Zelten verschwunden, vor der Hauptbühne war es keineswegs brechend voll. Diejenigen die nicht da waren, verpassten brillante Stücke wie A Hundred Ropes oder Higher Hopes und vor allem das gigantische und abschliessende Out To Sea, das feuerwerksähnlich knallte


Das Haldern Pop Festival 2016 wurde nach dem letzten Ton der Minor Victories für beendet erklärt. Zumindest von dem holländischen Moderator. Dabei spielte aber noch eine Band im Anschluss im Spiegeltent. Nein, nicht wie geplant die Schotten Frightened Rabbit, die mussten kurzfristig absagen, sondern die bluesrockigen Graveltones, die bereits am morgen in der Bar auf dem Programm gestanden hatten. Ein wildes Duo, bestehend aus Jimmy O (Gitarre, Gesang) und dem Hut tragenden Drummer Mikey Sorbello, das schnörkellos und roh auftrumpfte und sichtlich seinen Spass hatte. Ich sah mir 3 Songs von ihnen noch an, dann waren auch meine letzten Kraftreserven erschöpft und ich trat die Reise in mein Bed And Brekfast in Borghese bei Emmerich an. Alles Hat ein Ende nur die Wurst hat zwei, wie Jimmy O richtig sagte...


Mittwoch, 20. Juli 2016

Hælos, Daughter, Montreux, 12.07.16

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Konzert: Hælos, Daughter
Ort: Jazz Lab, Montreux
Datum: 12.07.2016
Dauer: 45 und 60 min
Zuschauer: ca. 1500
 

Frischer Wind aus London - Hælos


Unser erster Abend beim 50. Montreux Jazz Festival war gleich einer der Höhepunkte. Auf dem Programm standen als Eröffnung Hælos aus London. In den letzten Tagen und auf der Anreise hatte ich mich nochmals durch die Werke der teilnehmenden Bands und Künstler gehört. Nun war ich gespannt auf die Bühnenumsetzung.



Hælos spielten ein Dreiviertelstundenset mit unglaublicher Energie. Gleich zu Beginn wurde mit massivem Bässen Druck auf die Brustkörbe gemacht und gezeigt, dass die Band hier in die Vollen gehen wollte. Elektrisierend und treibend drückten die Songs nach vorn, dominiert von der männlichen Rhythmussektion. Diese spielte die Songs live und mit kompletter Band, es war als würden sie The XX auf 45 Umdrehungen bringen und durch ein fettes Schlagzeug erden.


Das für mich Spannende an dieser Band ist der Gesang und die Stimme von Lotti Bernadout. Und dann stand da noch Arthur Delaney neben ihr am Mikrofon, der aber an dem Abend nicht so recht zu Geltung kam. Lotti Bernadout hatte die stimmliche Bühnenpräsenz fast für sich. Hælos haben im März dieses Jahres ihr Debütalbum „Full Circle“ veröffentlicht und präsentierten Songs daraus an diesem Abend.

Nach 45 kurzen Minuten war der stimmungsvolle Einstieg in den Abend auch schon wieder vorbei.

Webseite: haelos.com

Heimspiel für Daughter


Nach 30 Minuten Umbaupause geht es pünktlich weiter. Das übrigens ist ein Markenzeichen des Montreux Jazz Festival, dass die Konzerte fast ausnahmslos pünktlich beginnen. Die jahrelangen Erfahrung der Crews sind unschätzbar für die Organisation eines solch großen Events.

Meine große Vorfreude auf Daughter und auf das Konzerterlebnis schlägt in Begeisterung um, als die ersten Töne erklingen. Sie bauen einen wohltuenden Kontrast und eine fast intime Konzertatmosphäre auf, Daughter spielen in ihren Songs die lauten wie die leisen Töne konsequent aus. Teilweise werden die Titel mit ihren bewegenden Texten von Elena Tonra a capella beendet und – wie wunderbar – das Publikum ist still bis zum letzten Ton und selbst die Handys bleiben zumeist in den Taschen.


Für Daughter ist dieses Konzert fast ein Heimspiel: neben Elena Tonra und Remi Aguilella ist es Igor Haefeli an den Tasten und Gitarre, der als geborener Schweizer den Kontakt zum Publikum auf Französisch herstellt.

 
Mit diesem Set sind Daughter in ihrer Dynamik und Variabilität der musikalischen Ausdrucksmittel ein schöner Kontrast zu Hælos. Besonders auch dann, wenn Elena Tonra allein spielt und singt. Insgesamt beherrscht eine melancholische Stimmung den Saal, die Songs der Alben werden etwas rauher umgesetzt und ziehen das Publikum in ihren Bann.

Nach 60 Minuten und ohne Zugabe bin ich begeistert und sicher, eines der berührendsten Konzerte des Jahres erlebt zu haben.

Webseite: ohdaughter.com

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass als Headliner des Abends Grimes alias Claire Boucher aus Kanada angekündigt ist. Nach drei Songs habe ich aber den Saal verlassen. Immerhin verdient Claire Boucher Respekt für den Versuch, etwas Eigenes zu kreieren. Eine hyperaktive Tanzcrew, Musik aus dem Computer und eine piepsige Stimme sind leider nicht mein Geschmack.

Aus unserem Archiv:
Daughter, Barcelona, 02.06.16
Daughter, Köln, 31.01.16
Daughter, Larmer Tree Gardens, 31.08.13
Daughter, Mannheim, 31.05.13
Daughter, Frankfurt, 16.04.13
Daughter, Köln, 08.04.13
Daughter, Brüssel, 04.04.13
Daughter, Luxemburg, 10.11.12
Daughter, Paris, 07.11.12
Daughter, Haldern, 11.08.12
Daughter, Haldern, 11.08.12 



Donnerstag, 9. Juni 2016

Daughter, Barcelona, 02.06.16

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Konzert: Daughter
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 02.06.2016
Dauer: knapp 60 min
Zuschauer: viele tausend



Als ich vor ein paar Jahren mit Daughter über die langsam größer werdenden Säle gesprochen hatte und die wenig mutige Prognose geäußert hatte, daß die Bühnen riesig würden, die sie in den nächsten Jahren bespielen würden, guckten mich Elena, Igor und Remi lachend an. Jetzt ist die Band aus London genau da angekommen, auf den Festival-Hauptbühnen. Da, wo in Barcelona später noch LCD Soundsystem oder Radiohead spielen sollten. 

Sound und Erscheinung haben sich kaum geändert seit damals. Elena ist zwar weniger schüchtern, die meisten Ansagen übernimmt aber weiterhin Gitarrist Igor, der gebürtige Schweizer.

Was genau den Reiz der Musik von Daughter für mich ausmacht, kann ich schwer greifen. Elenas wundervolle, tiefe Stimme und die fantastischen Gitarren sind sicher Hauptgrund der Faszination der Musik der Band. Auch wenn ich keinen Ahnung von Schlagzeugen haben, ist aber auch Remis Anteil am herrlichen Sound nicht zu unterschätzen. Die drei haben früh ihren Klang gefunden und perfektionieren den seitdem.

Wie schon in Köln im Januar waren es aber nicht nur die drei Musiker auf der Bühne. Live werden Daughter von Lucy Parnell an Keyboard und Bass unterstützt. Immer mal wieder singt Lucy auch zweite Stimme. Ob sich das auf die Songs der zweiten Platte beschränkt, weiß ich nicht. 


Im Januar in der Live Music Hall hatte die Londoner Band noch gleich viele Lieder von den beiden Alben gespielt, mich hatte das bei der Tour zur zweiten Platte überrascht. Von den fünf Liedern, die im Vergleich zur Köln-Setlist fehlten, waren vier alt - Winter, Amsterdam, Shallows und Home. Ansonsten spielt die Band das gleiche Grundgerüst wie damals. Obwohl das schrecklich langweilig sein muß, was nichts negativ Routiniertes auszumachen, ganz im Gegenteil. Die Sängerin hatte blendende Laune und strahlte. Die Daughters sahen allerdings aber auch verdammt müde aus. Sie hatten bereits vor und nach der ersten Platten endlos getourt und sind auch mit Not to disappear schon lange unterwegs (incl. Nordamerika und Asien). Zwei Top-20-Plätze in den britischen Album-Charts hätten früher vermutlich gute Einnahme-Quellen dargestellt - für Band und Label. Heute jagt man Bands immer und immer wieder um den Globus, weil von den Platten niemand leben kann.


Hoffentlich finden Daughter zwischen all dem Touren auch Zeit für Ideen für neue Lieder. So weit ich weiß, hat die Band bisher nichts Neues gespielt. 


Ob die Bühnen noch größer werden? Ich weiß es nicht. Ich würde es Elena, Remi und Igor gönnen.

Setlist, Daughter, Primavera Festival: 

01: How
02: Tomorrow
03: Numbers
04: Alone / With you
05: Human
06: Doing the right thing
07: No care
08: Smother
09: New ways
10: Youth
11: Fossa 


Links:

- aus unserem Archiv:
- Daughter, Mannheim, 05.06.16

- Daughter, Köln, 31.01.16
- Daughter, Larmer Tree Gardens, 31.08.13
- Daughter, Mannheim, 31.05.13
- Daughter, Frankfurt, 16.04.13
- Daughter, Köln, 08.04.13
- Daughter, Brüssel, 04.04.13
- Daughter, Luxemburg, 10.11.12
- Daughter, Paris, 07.11.12
- Daughter, Haldern, 11.08.12
- Daughter, Haldern, 11.08.12



Maifeld Derby, Mannheim, 03.06.-05.06.16

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Konzert: Maifeld Derby
Ort: Mannheim
Datum: 03.06.-05.06.2016
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: tägl. anders



Wir wollen hier auf die Beschreibung der einmaligen Vorzüge des Maifeld Derby`s verzichten. Oft genug haben wir bereits in den vergangenen Jahren darüber berichtet. Viel verändert hat sich zum Glück auch gar nicht, seit das Derby der Devise vieler anderer Festivals "immer größer" mit der einzig richtigen Antwort getrotzt hat: Die Musik ist wichtig.

Und davon gab es wieder fast alle Spielarten zu bewundern. Einziges Neuland, dass bisher noch im Programm fehlte: Ein großer DJ. Dieser spielte dann am Freitag zur Primetime als Headliner auf. Der australische Shooting-Star, im November wird er nur noch in großen Halle zu sehen sein, war daher auch zusammen mit dem restlichen Freitags-Hauptbühnen Programm auch schon der einzige Streitpunkt unter den Besuchern. 

Während die einen, vor allem jüngeren Besucher/-innen (zum Teil in selbst bedruckten "Flume"-T-Shirts) den "Pop"-Abend mit SG-Lewis, Mo und Flume abfeierten, zogen "Die Nerven" das große Los. Ihr Late-Night-Auftritt im Brückenaward-Zelt wurde von einer, sich nach lauten Gitarren sehnenden Menge bejubelt. 


Die Nerven nahmen das Geschenk gerne an und legten einen fulminanten Set hin, den ich ihnen, nach einem eher schwachen Gig in Bonn letztes Jahr, nie mehr zugetraut hätte. Wilde Versionen, Punkrock, ein von der Decke tropfendes Zelt, das entschädigte den Rest der Besucher dann wieder für die poppigeren Töne vorab. Danach auch draußen Gewitter, nur ohne Gitarren, passt.


Begonnen hatte der Tag sonnig mit ersten, kleinen Highlights. "Mothers" und "Weaves" boten ausbaufähigen Indierock, die einen spröder, die anderen poppiger mit der wesentlich agileren Frontfrau und den für mich besseren Songs.


Danach die fabelhafte "Lilly among Clouds", die wirklich alle verzückte. Klingt ein wenig wie "Birdy", hat eine ganz tolle Stimme und die erschienene EP ist sehr hörenswert. Lilly gab sich natürlich, erklärte einige schöne Geschichten zu ihren Songs und zeigte sich schon erstaunlich sicher auf der Bühne, da werden wir noch viel mehr hören. 



Der zweite Tag beginnt mit den Feinheiten des Derby`s. Ein Zauberer, eine Lesung, dann erst ab zur Fackelbühne wo "L`Aupaire" aufspielen. Ebenfalls mit einer fabelhaften CD dieses Jahr, wirkt das live alles viel gelöster und entspannter, Palmen haben sie auch auf der Bühne. Perfekt für einen sonnigen Nachmittag. 

Zum Ende hin verliert es mit ruhigen Stücken, "der Song hat die wenigsten Spotify Clicks, ist aber unser Lieblingssong" etwas an Spannung, trotzdem ein gelungener Auftritt mit vielen Menschen vor der Bühne.

Weiter zu "Drangsal" ins große Zelt. Hier bin ich sehr gespalten, vielleicht auch altersmäßig zu vorbelastet, aber der Sinn dieses Ironie freien 80er Sounds will sich mir nicht erschließen. Immerhin gibt er sich im Vergleich zu einigen derben Interviews hier handzahm, grüßt seine Eltern und glänzt durch weitere witzige Kommentare. Trotzdem war der Auftritt schnellt vergessen, weil "Elias" zum Tanz bat. 


Auf der winzigen Bühne am Reitplatz bot er eine Art Gospelshow mit diversen eingängigen Songs. Dazu zeigte er wahre Frontmann-Qualitäten, trug besonders stylische Klamotten incl. Kapuze und alles sah schon sehr nach Grammy und großen Hallen aus. Ein Song in der Autowerbung, immer noch kein Album, das scheint heute völlig normal. Ein übervoller Parcours war begeistert.

"James Blake" war der zweite Headliner nach "Flume" am Freitag, und krasser könnte der Unterschied wohl kaum sein, außer das wiederum die jüngeren Besucher hier wieder in der Überzahl waren. Nach mittlerweile drei Alben mit dieser "schwierigen" Musik immer noch erfolgreich zu sein, war zumindest kein Masterplan. So bleibt er sich auch heute treu, zwei Musiker unterstützen ihn bei seinen fast 90 Minuten, aber bei mir will der Funke einfach nicht überspringen.


So gerne ich die neue CD höre, live ist es einfach nicht mein Ding. Zu eintönig (tiefe Bässe, hoher Gesang, Samples) ist diese Leerstellenmusik, um lange zu fesseln. Eine Show gibt es auch kaum, Blake wirkt mit seinem sympathischen Lächeln hinter dem Keyboard eher wie ein netter Bank Azubi als ein Musiker auf einer großen Bühne.

Und so findet sich auch am zweiten Abend eine erstaunlich große Menge im Brückenaward-Zelt zum Mitternachtspunk ein, diesmal mit "Pissed Jeans". Diese haben natürlich keinerlei pädagogischen oder musikhistorischen Anspruch, aber die Band spielt einfach als ginge es um Alles. Wie im Flug vergeht die Zeit, eigentlich wollte man nur kurz nach dem Rechten sehen, und schon fliegt man quer durchs Zelt und schaut dem Sänger bei seinen absurd witzigen Rockposen zu.

Großartig auch, wie der Drummer seinem wandernden Schlagzeug hinterher trommelt, super... 

Der Sonntag startet mit einer ersten Wurst während die nette "Sara Hartman" ihren radiotauglichen Folkrock spielt. Eine weitere sichere Bank für größere Bühnen in der Zukunft.

"Suuns" müssen danach leider schon früh ran (die Weitereise wartet). Das macht es den Besuchern  aber auch nicht leichter, denn diese Musik ist eher was für düstere Nächte. Tolle Band, trotzdem. 

"Destroyer" ebenfalls, hier mit voller Band am Start. Es klingt toll, guter Frontmann, gute Band, gute Songs....nur ein echter Hit fehlt noch.. 

Viele Mädchen warteten auf "Boy", viele Jungs auf "Dinosaur jr.", das kann Beziehungen zerreißen. Beide waren auf ihre Art perfekt, J. Mascis aber müsste sich eigentlich totlachen, dass er mit seinem Sound und seinem Kleidungsstil bis heute durchkommt. Wahrscheinlich tut er es auch.

Und dann, nachdem drei Tage immer mit einem Blick aufs Handy die Horrormeldungen vom RaR verfolgt wurden, trifft es auch Mannheim. Innerhalb von wenigen Minuten, vor dem Auftritt von "Daughter", nähert sich eine schwarze Wand dem Gelände. Alle bleiben ruhig, die meisten wollten ja sowieso Daughter sehen und pünktlich mit der Band startet auch das Gewitter.  
"Daughter" sind an diesem Abend, für ihre Verhältnisse fast euphorisch. Es wird sogar gelacht auf der Bühne und die Geschichten ihres ersten Maifeld-Derbys hat die Band auch nicht vergessen. Damals endeten Sie betrunken bei "Gold Panda" und hatten einen tollen Abend. 

Heute sind sie die Headliner und spielen alles was sie zu bieten haben. Wesentlich eleganter und gleichzeitig mit besseren Versionen als in Köln vor ein paar Monaten. Es gibt sogar eine Zugabe, "Made of Stone" beendet das Set und das Festival, vorher gab es mit "Youth" und "Doing the right thing" die wohl schönsten Lieder der letzten Jahre. 

Danach ist der Regen auch schon wieder verzogen und es bleibt ein weiteres, fantastisches Derby in Erinnerung. Bis zum nächsten Jahr. 



Und dann war da noch der Mann mit der analogen APP zum Festival, Respekt.
Fotos: Michael Graef 

Dienstag, 2. Februar 2016

Daughter, Köln, 31.01.16

2 Kommentare

Konzert: Daughter
Ort: Live Music Hall, Köln
Datum: 31.01.2016
Dauer: Daughter gut 90 min, John Joseph Brill 25 min
Zuschauer: ausverkauft (1.500)*



Ob auch englische Kinder von irgendwelchen alten Tanten bei Treffen immer mit "was bist du groß geworden" begrüßt werden? Dann kennte Sängerin Elena Tonra das, was sie vermutlich jetzt häufig hört. Denn was sind Daughter in den letzten zweieinhalb Jahren groß geworden! 

Ab August 2012 hatte ich die Londoner Band in 12 Monaten siebenmal gesehen. Danach verschwand sie ins Studio, um ihr zweites Album zu erarbeiten. Die Platte erschien vor zwei Wochen und trägt den passenden Titel Not to disappear. Wer die Band erst damit kennenlernte, hatte keine Chance mehr, eines der Konzerte einer kurzen Europa-Tour zu besuchen, alle Abende waren schnell ausverkauft, in Köln sogar doppelt. Tickets für die Kantine waren ruckzuck weg, nach der Hochverlegung in die Live Music Hall dauerte es kaum länger, bis auch da alles vergriffen war. Leider ging eine erneute Verlegung ins (voll) viel angenehmere E-Werk nicht, weil Karneval ist und Karneval größer als die größten Indiebands ist. 


Als um acht der Support begann, war die Halle noch nicht richtig voll. Nicht voll ist die LMH kein so schlechter Ort für Konzerte, weil sie oft gut klingen, so auch beim Vorprogramm. John Joseph Brill ist ein Singer / Songwriter aus London, der wie eine schlankere und etwas kleinere Version von Hagrid aussieht und in 25 min sechs Lieder spielte, die mir recht gut gefielen. Aber - und das ist ein wenig das Problem - hängen blieben sie nicht.


In der vierzigminütigen Umbaupause füllte sich die Halle bis auf den letzten Platz. Zuletzt war es zwar auch schon das Stollwerck, in den vergangenen drei Jahren sind Daughter aber noch einmal kraftig gewachsen. Ich könnte mir durchaus vorstellen, daß die Konzerte einen nächsten Tour das Londoner Trio auch noch ins Palladium bringen. Warum, weiß ich nicht so recht. Ich verstehe schon lange nicht mehr, warum eine Band die zu gut dafür ist, plötzlich die Massen anspricht, obwohl die sie doch eigentlich nicht kennen könnten. Daughter-Songs liefen dieses Jahr mindestens viermal im Dschungelcamp. Da war die Tour aber lange schon ausverkauft. Ich habe diesen "ich hasse es, wenn meine Freunde berühmt werden" - Reflex nicht. Ich gönne Bands, die ich mag, jeden Erfolg! Das wird man ja wohl man sagen dörfen! Manchmal verstehe ich aber eben nicht, wie wer wann groß wird.


Wie schon 2012 hatten Daughter einen zusätzlichen Musiker für Bass und Keyboard dabei. Damals war es ein Bassist, heute eine Musikerin, deren Namen ich nicht kenne. 


Die drei wirklichen Bandmitglieder sind fast unverändert. Elena wirkte eine Spur weniger verhutschelt als vor drei Jahren, Gitarrist Igor Haefeli hat einen Musketier Bart. Schlagzeuger Remi Aguilella und der Charme der drei sind wie damals. 

Daughter begannen das Konzert mit How vom neuen Album, Tomorrow vom ersten und Numbers wieder vom aktuellen - und sie klangen wie immer! Elenas eindrucksvolle, zarte Stimme, die wahnsinnigen Gitarren und Remis tolles Trommeln. 


Dummerweise gehören in der Live Music Hall Fotografieren und Schreiben nicht zusammen. Fotografen werden nach den drei Liedern über den Hof rausgeführt und enden wieder ganz hinten im Saal. Konzerte fünzig Meter von der Band entfernt zu erleben, ist so wie Wimbledon-Endspiele auf der Wiese neben dem Stadion. Zu einem Konzert gehört eben nicht nur die Qualität von Band, deren Musik und Sound, die anderen Umstände, die Nachbarn, das spielt alles eine große Rolle. Hinten in der LMH kann man keine herausragenden Auftritte erleben. Daughter klangen wundervoll, die Songauswahl der Tour ist top, die Band rechtfertig die neue Größe in jeder Sekunde. Aber dummerweise habe ich bisher schon so manches magische Daughter-Konzert erlebt. So weit weg von der Bühne, mit schon deutlich gedämmter Lautstärke, wird auch das beste Konzert nicht zu einem umwerfenden.


Daughter spielten 50% alte und 50% neue Songs; erstaunlich eigentlich. Vor drei Jahren hatte ich Elena, Igor und Remi darauf angesprochen, wie sehr mich bei ihnen beeindruckte, daß sie als junge Band mit wenig Material 80-minütige Konzerte spielten. Die drei lachten und antworteten, daß sich das ändere, wenn sie erst einmal ihre Instrumente schneller stimmen könnten. Dafür haben sie heute jemanden, die Konzerte dauern zehn Minuten (oder zwei Lieder länger). Ganz so schlimm kann das mit dem Stimmen also nicht gewesen sein. 

Daughter leben von Elenas zarter, manchmal entrückt klingender Stimme, die perfekt zu den beiden Gitarren passt. Viele Lieder haben diesen Touch Gelangweilheit (nicht mit Langeweile verwechseln!), die The xx als Stilmittel geprägt hat, ich liebe das!


Am Ende des Konzerts stand das lange Fossa, das mit seinen zig Brüchen, Gesangsechos (wohl von der Bassistin und Keyboarderin live übernommen. So recht erkennen konnte ich das vom Neumarkt aus nicht), sich wohl am deutlichsten von den frühen Stücken weiterentwickelt hat.  

Wie auf Not to disappear folgte - hier als Zugabe - noch Made of stone. Im Gegensatz zu den treibenden Gitarren am Fossa-Ende ist Made of stone ruhig, langsam und verträumt. Im regulären Set wäre das Stück vermutlich untergegangen. Ich hatte zwar auf eines der abwegigen aber wundervollen Cover, die Daughter spielen, gehofft. Das an den Schluß zu setzten, macht aber ganz offensichtlich großen Sinn.

Die alte Tante kann auch bei der Tour zur nächsten Platte wieder nerven, Daughter werden noch kräftig weiterwachsen. Sie in kleineren Clubs wie dem Gebäude 9 zu sehen, bleibt vermutlich ein Traum.  


Setlist Daughter, Live Music Hall, Köln:

01: How
02: Tomorrow
03: Numbers
04: Alone / With you
05: Amsterdam
06: Human
07: Doing the right thing 
08: Shallows
09: Home
10: No care
11: Winter
12: Smother
13: New ways
14: Youth
15: Fossa

16: Made of stone (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Daughter, Larmer Tree Gardens, 31.08.13
- Daughter, Mannheim, 31.05.13
- Daughter, Frankfurt, 16.04.13
- Daughter, Köln, 08.04.13
- Daughter, Brüssel, 04.04.13
- Daughter, Luxemburg, 10.11.12
- Daughter, Paris, 07.11.12
- Daughter, Haldern, 11.08.12
- Daughter, Haldern, 11.08.12




* die Angaben, wie hoch die Kapazität der LMH ist, schwanken zwischen 1.300 und 1.800. Es fühlte sich aber definitiv nicht nach einem 1.300-Ausverkauft an.


Montag, 9. September 2013

Daughter, End Of The Road Festival, 31.08.13

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Konzert: Daughter
Ort: Larmer Tree Gardens (End Of The Road Festival)
Datum: 31.08.2013
Dauer: knapp 60 min



"I love you!" - "I love you, too!" - "I love  you more!" 

Daughter-Sängerin Elena Tonra hatte große Mühe, ernst zu bleiben, als die Liebesbekundigungen im Publikum immer absurdere Formen annahmen. Daughter werden stetig größer, dies wurde auch beim End Of The Road Festival deutlich. Das Trio aus London, das live seit ein paar Monaten von einem zusätzlichen Gitarristen / Keyboarder unterstützt wird (Luke), hatte zuletzt The National auf deren US-Tour supportet und spielte am End Of The Road Samstag zur Primetime unmittelbar vor dem Headliner Sigur Rós auf der Garden Stage. Ich habe einige Konzerte am Wochenende auf dieser wunderschönen Bühne gesehen, keines war so überlaufen wie das von Daughter.

Auch wenn der Liebeswettbewerb Elena einen kurzen Moment aus der Fassung gebracht hat und sie das Ende des gerade gespielten Amsterdam verpatzte ("always good to end a song with a wrong note"), ist Daughter der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen. Die Band ist neben der Bühne charmant und fröhlich wie vor einem Jahr. Die großen Hallen, die steigende Zahl derjenigen, die etwas von ihr wollen, haben keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Und auf der Bühne waren Elena, Igor und Remi von Beginn an, bzw. seitdem ich ihre Konzerte sehe, hoch professionell. 

Auch dieses Konzert hätte man wieder mitschneiden und verkaufen können - trotz der falschen Note am Ende von Amsterdam. Daughter schaffen es ein ums andere Mal, ihre komplexen Songstrukturen mit den wechselnden Rhythmen und Lautstärken perfekt live umzusetzen, ohne dabei zu "werkstreu" zu sein. 

Viele Überraschungen bot das einstündige Konzert nicht, ich hatte auch keine neuen Lieder oder eines ihrer Cover erwartet. Das Trio dauertourt seit einem Jahr, da scheint nicht viel Gelegenheit zu sein, neue Musik zu schreiben. Vielleicht spielen Daughter dann im November z.B. ihr Get lucky Cover.


Bestes Lied? Still! Was sonst? Und dann Home, Youth, Tomorrow, Candles und die anderen Lieblinge. 

Die Voraussetzungen für dieses Konzert waren für mich nicht besonders gut. Ich hatte Daughter so oft gesehen, kam abgehetzt von Warpaint rübergeeilt, die gerade ihr Set beendet hatten und musste sofort nach der letzten Note zurückhasten, um nichts von Sigur Rós zu verpassen. Und trotzdem war das Konzert das erwartetete Highlight. Daughter und ich, wir sind noch lange nicht am Ende der Straße angekommen.

Setlist Daughter, End Of The Road Festival:

01: Still
02: Amsterdam
03: Love
04: Landfill
05: Smother
06: Winter
07: Candles
08: Human
09: Tomorrow
10: Youth
11: Home

Links:

- aus unserem Daughter-Archiv:
- Daughter, Mannheim, 31.05.13
- Daughter, Frankfurt, 16.04.13
- Daughter, Köln, 08.04.13
- Daughter, Brüssel, 04.04.13
- Daughter, Luxemburg, 10.11.12
- Daughter, Paris, 07.11.12
- Daughter, Haldern, 11.08.12
- Daughter, Haldern, 11.08.12


 

Konzerttagebuch © 2010

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