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Samstag, 18. Juli 2015

Phonopop Festival, Rüsselsheim, 11.07.15

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Konzert: Phonopop Festival
Ort: Rüsselsheim
Datum: 11. Juli 2015
Dauer: 8 h
Zuschauer: ca. 2000


Mein erster Ausflug zum Phonopop-Festival sollte zugleich auch mein letzter sein. Das 10-jährige Jubiläum nehmen die Veranstalter gleichzeitig zum Anlass, ihren Abschied bekannt zu geben und damit auch die Biografie des Phonopop zu beenden. Am Ende des Samstagabends bleibt mir die kleine Hoffnung, dass der Abschied vielleicht in wenigen Jahren rückgängig gemacht wird, wenn die Lust und Freude am Organisieren doch wieder groß genug und der Verlust dieses feinen Festivals zu schmerzhaft wird. 
Dieses Festival war für mich eines der wohltuend kleinen und sehr feinen im großen Chor all der Sommerfeste, die um Zuschauer buhlen. Das beginnt mit einer sehr konsequenten Künstlerauswahl, dem Verweigern gegen Mode- und Radiotrends und dem Vertrauen auf den eigenen Geschmack und damit auf Künstler, die nicht jedem bekannt sind und damit bei den Besuchern immer wieder Entdeckerlust wecken. Das geht weiter bis zur liebevoll ausgestalteten Location im alten Opel-Werk in Rüsselsheim. Da wird für Erfrischung mittels Wassersprühschlauch gesorgt, da hängen große Origami-Vögel in den Bäumen und die Fenster auf dem Weg zwischen den beiden Bühnen sind nachts von innen stimmungsvoll beleuchtet.
Die beiden Bühnen des Festivals liegen 2 Höfe auseinander und werden abwechselnd bespielt, so dass man jede Band sehen und hören kann. Das spart Zeit beim Umbau und gibt jedem die Chance, alle Konzerte mitzunehmen und den Künstlern die Möglichkeit, alle Gäste vor ihrer Bühne zu versammeln. Außerdem bleibt man zwischen den Konzerten in Bewegung und für mich mit Kamera war es perfekt, um für die Fotos immer einen Platz in bester Sichtweite zu bekommen.

Inner Tongue
Als ich das Gelände betrete, spielen Inner Tongue gerade ihre letzten Songs. Die Wiener Band blieb mir daher nicht so recht in Erinnerung.

Caroline Keating
Ihr Album „Silver Heart“ begleitet ich seit geraumer Zeit immer wieder und deshalb freute ich mich auf ihren Auftritt besonders. Caroline Keating begleitete sich selbst an ihrem E-Piano und spannte einen Bogen über bekannte und neue Songs. So sparsam der Auftritt instrumentiert war so spannungsreich wirkte doch ihre Stimme und fesselten ihre Lieder die Zuhörer knappe 45 Minuten.

Still Parade
Die ersten Takte, die ersten Songs verbreiteten Sommergefühle und passten zu den Temperaturen. Irgendwie war es, als ob der Strand gleich um die Ecke lag. Still Parade aus Berlin werden mit ihrer Musik in der Kategorie Dreampop/Dreamfolk verortet, für mich spielten sie ziemlich luftige Popsongs und sorgten so schon für ausgelassene Stimmung und Erfrischung. Auf jeden Fall werde ich diese Band und ihre Entwicklung weiter verfolgen.

John Bramwell
John Bramwell ist der Sänger von I Am Kloot und hier und heute als Solist unterwegs. Gerade so hat er es vom Flughafen nach Rüsselsheim geschafft, dabei seine Gitarre aber am Gepäckband nicht bekommen. Die Organisatoren haben ihm schnell einen Ersatz besorgt und so Stand dem Konzert nichts im Wege. I Am Kloot habe ich vor 2 Jahren im Dresdner Beatpol gesehen und höre nun die Songs der Band in einem akustischen Gewand. Heute leben sie von John Bramwells Stimme und der Art, wie er die Songs ankündigt und dann vorträgt. Lustig ist es schon, wenn er verschiedene Songs mit den selben Worten ankündigt als Lieder, die vom Trinken und Problemen handeln. Dann versenkt er sich in die Akkorde, schließt die Augen und lässt die Songs über den Hof fliegen.

Tiger Lou
facebook.com/TigerLou.official 2008 veröffentlichte die schwedische Band ihr letztes Album „A Partial Print“ und begeisterte mich damit vollkommen. 2 Konzerte ihrer anschließenden Tour habe ich besucht und dann wurde es ruhig um die Band, ihr Frontmann Rasmus Kellerman veröffentlichte noch ein recht katastrophal belangloses Soloalbum und damit hatte ich die Band aufgegeben. Um so erfreuter war ich, als ich las, dass Tiger Lou an neuem Material arbeiten und für 3 Konzerte nach Deutschland kommen, unter anderem zum Phonopop. Tiger Lou waren für mich der Anlass, die Tickets zu holen und hierher zu kommen. Und sie enttäuschten mich nicht. Tiger Lou präsentierten sich in Bestform, wie man bei Sportlern sagen würde. Die typische Bandbesetzung erweiterte diesmal Amanda für 2 Titel an der Trompete. Es gab bekannte Songs der bisherigen Alben und 2 neue als Ausblick auf eine demnächst erscheinende EP. Tiger Lou spielten sehr energiegeladen und mit einer Spielfreude als wären sie nie weg gewesen. Die neuen Songs fügten sich nahtlos in das Gesamtkonzert ein und so war ich mit der Band versöhnt und freue mich auf weitere Konzerte und Veröffentlichungen.

Okta Logue
Wir nähern uns dem Abendprogramm und damit den beim Publikum bereits mehrheitlich bekannten Künstlern. Und Okta Logue gehören als Lokalmatadoren quasi dazu. Hier haben sich Pink-Floyd-Jünger gefunden, die Riffs weitergesponnen und eigene Songs daraus entwickelt. Mittlerweile gibt es 2 Alben, Okta Logue waren schon als Vorband von Portugal.The Man unterwegs, wo ich sie zum ersten Mal wahrgenommen habe. Beim Phonopop haben Sie die Akzente - absichtlich oder nicht - so auf die Musik gelegt, der Gesang war kaum zu verstehen. Für mich ein bisschen schade, für die Fans war das offenbar kein Nachteil, die Band wurde gefeiert.

Two Gallants
Diese Band war für mich wie ein Meteoriteneinschlag. Ich hatte bisher nichts von ihnen gehört und ließ mich an dem Abend einfach überraschen. Und dann begannen Adam Stephens und Tyson Vogel ihr Set mit Gitarre und Schlagzeug und spielten nach dem Motto, hier werden keine Gefangenen gemacht. Es gab von Anfang ordentlich auf die Ohren und mächtig Druck aus den Boxen. Dabei spielen die beiden schon auch die feinen Saiten und streicheln die Becken. Dennoch schien es mir immer wieder, als arbeiten sich Two Gallants an einer inneren Zerrissenheit ab und finden Zuflucht nur im Aufbau von Klangkaskaden und -gewittern. Kurz gab es Erholung für das Publikum, als Adam Stephens sich ans Piano setzte. So gewaltig sich der Auftritt in die Ohren und Augen prägte, so wenig berührte mich die Band innerlich.

TripAdLib
Nicht nur beim Kosmonautfestival gibt es geheime Headliner. Auch beim Phonopop war ein Überraschungsgast angekündigt. Aus Mainz kommt TripAdLib und spielt einen Clubsound den ich nur aus Konserven kenne. Anfangs war ich überrascht, neben 2 Computern auch Schlagzeug und Bass auf der Bühne zu sehen, mit zunehmender Dauer ist diese Art Musik für mich leider zu langweilig.


Inzwischen war es spät in der Nacht und meine Energie auf The Temples zu warten erschöpft. So gibt es von mir leider keinen Bericht zum Finale und der allerletzten Band des Phonopop. Bleibt der Gesamteindruck, dass ich dieses Festival leider viel zu spät entdeckt habe und es bleibt die schwache Hoffnung, dass das Phonopop vielleicht doch irgendwann wieder ersteht.

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Mittwoch, 15. Juli 2015

Phono Pop Festival X, Rüsselsheim, 10. & 11. Juli 2015

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Konzert: Phono Pop Festival X
Ort: Altes Opelwerk, Rüsselsheim
Datum: 10. & 11. Juli 2015
Zuschauer: ein paar hundert, es hätten ruhig noch ein paar mehr sein können


Man könnte schon ein bisschen wehmütig werden, wenn man am späten Freitagnachmittag vom Opel-Bahnhof an den Bahngleisen entlang im angenehmen Sonnenschein zum Klinkerbau des alten Opelwerks in Rüsselsheim läuft, die Statue des Firmengründers vor dem Eingang wie einen alten Bekannten begrüßt und kurz darüber nachdenkt, dass dies aller Voraussicht nach das letzte Phono Pop Festival sein wird. Tatsächlich gilt es aber natürlich zuerst noch einmal dieses traumschöne und liebevoll organisierte Festival in vollen Zügen zu genießen und damit dies ungetrübt der Fall sein kann, wartet die diesjährige Ausgabe mit Kaiserwetter und einer extrem gelungenen Bandauswahl auf. 


Mit den fünf Jungs von Yesterday Shop geht’s gleich mal schön poprockig los, phasenweise sogar mit doppeltem Schlagwerk. Die nachzulesenden Coldplay-Einflüsse der mittlerweile aus dem Raum Reutlingen nach Berlin übergesiedelten Band sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Live haben die Songs allerdings erheblich mehr Druck und Energie als die Studioaufnahmen. Ein bisschen fehlt vielleicht noch der eine, wirklich hängen bleibende Megasong, aber die Chancen hierfür stehen bestimmt nicht schlecht. Ein sehr schöner Auftakt.  


Sehr haarig schließen sich auf der etwas größeren zweiten Bühne im nächsten Hof einmal um die Ecke die aus Oklahoma stammenden Other Lives an. Ganz gelingt es mir um diese Tageszeit noch nicht mich auf die träumerisch mehrschichtigen durchaus sehr spannenden Klänge der Amerikaner einzulassen. Zusätzlicher Trompeteneinsatz, Orgelklänge, Violinen, ein bisschen Glockenspiel und die etwas klagend klingende Tonlage von Sänger Jesse Tabish haben auf jeden Fall großes Potenzial, einen in ganz andere Welten zu entführen und ich hoffe auch, dass ihnen das bei unserer nächsten Begegnung gelingen wird. 


Erlend Øye sieht ein bisschen aus wie ein zu groß geratenes Bandenmitglied der Kleinen Strolche, auch wenn er dieses Jahr noch 40 wird. Und seine Fröhlichkeit ist unglaublich ansteckend. Er war mir mit seinen musikalischen Projekten stets irgendwie präsent. Die Kings Of Convenience liefern einen nahezu immer geeigneten Soundtrack für einen gemütlichen Abend mit Freunden und The Whitest Boy Alive habe ich leider zweimal live knapp verpasst. Um so schöner, dass es jetzt endlich klappen sollte und das neue leicht reggaeangehauchte Album Legao ist wie geschaffen für diesen angenehm lauen Sommerabend auf dem Fabrikgelände. 
Eine nette Auffrischung des kürzlichen Islandaufenthalts gab’s auch noch. Kaum war mir zu Ohren gekommen, dass der groß gewachsene Mulitinstrumentalist hinterm Keyboard ja übrigens Isländer sei, durfte Siggi auch schon die gesamte Bühne übernehmen und ein Lied in seiner lustig klingenden Muttersprache zum Besten geben. Und weil der Norweger Erlend überwiegend im viel sonnigeren Italien lebt und zwei Bandmitglieder seiner Rainbows Italiener sind, gibt’s auch noch ein bisschen gesungenen Italienischunterricht. Vielen Dank liebe Phono Pop Macher für diesen perfekten Headliner des ersten Abends. 


Meine jährliche Dosis Hip-Hop hatte ich gewissermaßen schon die Woche zuvor auf dem ATP Iceland mit einem packenden Auftritt der Altrapper Public Enemy gedeckt. Was Käptn Peng & die Tentakel von Delphi in Sachen deutschem Hip-Hop gekonnt zusammenreimen, macht ebenfalls Spaß und fehlender Einsatz von Audiosamples, also sozusagen handgemachter Live-Rap, kriegt mich dann auch durchaus ein zweites Mal. Um den Wortwitz nachzuvollziehen, muss ich dennoch bei Gelegenheit, vermutlich unter Zuhilfenahme von Google & Co, noch ordentlich nachlesen & -hören. Das sehr leckere Festival-Sponsoren-Bier zeigte auch schon Wirkung. 


Pünktlich und wieder nüchtern geht’s am nächsten Tag für uns weiter. 


Caroline Keating erzählt uns erstmal wie besonders stolz sie auf ihre tolle orangefarbene Hose heute sei, als sie sich am frühen Mittag an ihr E-Piano setzt. Die Hose schmeichelt ihrem sommersprossigen Teint tatsächlich ausgesprochen und die Kanadierin versteht es außerdem hervorragend ihren entzückenden Charme mit ihrer zarten Musik zu verbinden. Singer/Songwriterin am Klavier klingt ja mal zunächst nicht sonderlich aufregend. Ist es aber. Es war absolut zauberhaft und mir fehlten auch keine Begleitmusiker. Nach eigenem Bekunden arbeitet sie derzeit fleißig an neuem Material auf das man sich bereits freuen kann.


Am Samstag parkt ein Eistruck auf dem Weg zwischen den beiden Bühnen und eigentlich kommt man da nicht ohne ein Eis zu kaufen dran vorbei. Im Adamshof spielt sich John Bramwell , wahrscheinlich etwas besser bekannt als Sänger von I Am Kloot, ganz alleine warm. Der Hof war leer. Ein spannender Anblick beim Eisschlecken. 
Als es dann wirklich losgehen soll, ist der Gitarre zunächst kein verstärkter Ton zu entlocken. Der gute Herr Bramwell war nämlich ohne seine Gitarre in Rüsselsheim gelandet und tat sich mit dem fremden Ding etwas schwer. Und auch seine Setlist und sein Handy waren wohl abhanden gekommen wie er im Lauf des Auftritts erzählt. Weil er daher nicht selbst in der Lage ist ein Erinnerungsselfie zu machen, wurde kurzerhand der am Bühnenrand stehende Fotograf nach oben gezerrt, um einen winkenden Engländer und ein jubelndes Publikum von hinten zu fotografieren.


Nach einem weiteren Lied – die Gitarre funktionierte inzwischen - hüpft er von der Bühne und nimmt einem rauchenden Mädchen die Kippe aus der Hand, um mal kurz einen Zug zu nehmen. Er rauche ja schon länger nicht mehr, aber bei so einem Konzert …! Einmal sei er mit dem neu aufgenommenen Demotape im Autoradio durch die Gegend gefahren und wäre so entzückt von seinem eigenen neuen Song gewesen, dass er vor Rührung kurz habe anhalten müssen. Er lacht. „The sad thing about it, it’s a true story.” 


Ein bisschen selbstverliebt, herrlich britisch, leicht verschroben, einen Zahnarzt könnte er vielleicht auch bei Gelegenheit mal wieder aufsuchen. Aber er ist auch grundsympathisch und ich persönlich mag solche Geschichtenerzähler ausgesprochen gern, vor allem dann, wenn sie auch musikalisch noch zu überzeugen wissen und das tut John Bramwell mit seinem Können an der Leihgitarre und seiner ganz leicht knarzigen, sehr angenehmen Stimme zwischen Blues und Singer/Songwriter-Rock. 



In jedem guten Festival-Lineup sollte eigentlich eine schwedische Band enthalten sein. Am Samstag wird dieser Slot mit der Rückkehr von Rasmus Kellermans Bandprojekt Tiger Lou gefüllt, das mal wieder alles hat, was schwedische Musik häufig ausmacht: poppig, tanzbar, ein bisschen folkig und trotzdem melancholisch, sehnsuchtsvoll und traurig.

 
Schnipo Schranke muss man vermutlich lieben oder hassen. Mir ist das Soundkonstrukt etwas zu eintönig und die Texte treffen ganz und gar nicht meinen Wohlfühlbereich. Zu viel Kopfkino für mich, aber ich kann auch verstehen, dass viele Zuhörer von den rotzigen Ansagen und schamgrenzwertigen Zeilen fasziniert sind. Es ist auf jeden Fall anders und alles andere als gewöhnlich.


Die vier Herren von Okta Logue sind badeseetauglich gekleidet als sie kurz vor 8 die große Bühne betreten. Vielleicht kommen sie ja direkt da her. Sie haben es schließlich nicht weit nach Rüsselsheim, obwohl sie so ganz und gar undeutsch und auch ein bisschen aus der Zeit gefallen klingen mit ihren breiten psychedelischen Soundwänden mit viel Orgeleinsatz. Großartig und schön zu beobachten. Einzige kleine Einschränkung: Im dunklen Club mit einem Hauch Alkohol im Spiel gefallen sie mir noch ein ganz kleines bisschen besser. Da würde ich mich dann auch nicht so sehr an den Äußerlichkeiten aufhalten.


Nach den vielen wunderschönen ruhigen Momenten freuen wir uns nach der Okta Logue Einstimmung sehr auf eine Runde laut und krachig. Eigentlich dürfte ich das als Stuttgarterin ja noch nicht mal laut sagen, aber ich hatte es bis dahin tatsächlich nicht geschafft, die spätestens seit Anfang des letzten Jahres schwer gehypten Die Nerven live zu sehen. Man nimmt ja immer an, dass sich die Gelegenheit in der Heimatstadt einer Band dauernd und immer wieder ergeben wird.


 
Auch war ich noch etwas skeptisch, nachdem ein Freund gemeint hatte, dass er tatsächlich drei Anläufe benötigt hätte, um die drei Jungs richtig gut zu finden. Die wird es für mich tatsächlich nicht brauchen, auch weil die Band zwischenzeitlich vermutlich genug Erfahrung gesammelt hat, um sich nochmal zu verbessern und live schon mit dem ersten Song zu überzeugen. Ich hatte irgendwie mehr Schrammel- Drei-Akkord-Punk erwartet, weil reingehört hatte ich auch noch nicht in der gebotenen Ausführlichkeit. Das allerdings sehr bewusst, denn Die Nerven machen Musik, die mich primär erstmal live kriegen muss.


Bassist Julian Knoth und Gitarrist Max Rieger wechseln sich beim Gesang ab oder singen auch schon mal gemeinsam und das so gut und harmonisch, dass man den dunklen, häufig zornigen Texten durchaus folgen kann. Tausendsassa Kevin Kuhn am Schlagzeug trommelt wie irre und hat eine Mimik, die The Animal aus der Muppet Show alt aussehen lassen. Der Punk klingt durch, aber es ist viel mehr. Schön postrockig düster, laut und tanzbar. 


Leider hatten es Two Gallants nach dem packenden Nerven-Erlebnis ziemlich schwer bei mir. Obwohl die beiden Amerikaner durchaus in der Lage sind, wie eine mindestens 6-köpfige Band zu klingen. Sänger/Gitarrist/Keyboarder Adam Stephens verfügt über eine wahnsinnige Rockröhre und Tyson Vogel versteht sein Handwerk an den Drums ebenfalls bestens . Nach den ersten zwei Liedern kommt die vor bald drei Jahren schon mal erlebte Energie der beiden schließlich doch noch an und auch wenn die neuen Lieder nicht ganz an das ältere Material heranreichen, bleiben die Kalifornier für mich die vielleicht beste Rock-Blues-Folk-Umsetzung im minimalistischen Zweierteam.


Vor den Temples verabschieden sich die drei Macher des Phono Pops tatsächlich unter auffordernd gemeinten Pfiffen und traurigen Buh-Rufen von ihrem letzten Publikum. Es war grandios. Wie erwartet und auch wenn ich nach 8 Stunden Musik und fast so viel Sonne langsam etwas erschöpft bin, sind die Temples mit ihrer retropsychedelischen Musik, deren moderne Anleihen an 60er-Jahre Beatles und Co von den jungen Engländern hervorragend umgesetzt werden, ein gelungener Ausklang dieses ganz und gar gelungenen Festivals.


Weitere Bilder:


Freitag, 19. Juli 2013

1. Tag beim Phono Pop, Rüsselsheim, 12.07.13

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Konzert: Phono Pop Festival mit 
  Wyoming
  Dope
  Ewert and the two dragons
Ort: Altes Opelwerk in Rüsselsheim
Zuschauer:1500
Datum: 12. Juli 2013
Dauer: 30 min +30 min + 45 min 



Immer wieder einmal erwische ich mich bei dem Gedanken, es wäre diesmal echt lohnend einen Blogbeitrag darüber zu schreiben, wie es dazu kam, dass ich das Konzert NICHT besuchen konnte. Gemacht habe ich das aber noch nie.
Die Geschichte meines diesjährigen Phono-Pop Besuches wäre fast so eine unerzählte geworden. Und das obwohl nach dem tollen Vorjahres-Festival der Termin des Phono Pops im Jahr 2013 sofort als unumstößliches Datum in meinen Konzertkalender eingemeißelt war und ich wohl unter dem ersten Dutzend Ticketkäufern zu finden bin.


Dann hatte sich das Schlafdefizit in der Woche extrem summiert - durch drei wunderbare Konzertabende in vier Tagen, die mich nie vor ein Uhr ins Bett entließen. Damit war klar, dass ich am Samstag vernünftiger sein musste und zusammen mit dem Fahrplan der DB ergab sich daraus der Zwang einen frühen Schnitt in der Mitte von SUUNS zu legen. Dazu kam noch zweifacher unerwarteter aber zu seltener Besuch und schwupps, war auf einmal am Freitag Abend auch der Plan für Samstag (nämlich rings um Dear Reader dabei zu sein) perdü.


Aber was soll's. Ich war da und das war wunderbar. Den Rest musste ich mir dann anhand der Berichte von Christoph und der schönen Fotos vorstellen und zusammenreimen. Erste Besucherin auf dem Gelände und Beta-Testerin mit dem Festival-Bändchenverschluss hatte ich diesmal eine Stunde Zeit auf einer Bierzeltgarnitur auch mental beim Phono Pop anzukommen. 


Der Tag war bis dahin mit ziemlich viel wichtigen und dicht gepackten Terminen und Rennerei vollgestopft gewesen, den zum Bersten vollen Zug hatte ich gerade so erreicht. All die damit verbundenen Gedanken musste ich zur Seite schieben. Statt dessen lieber umschauen, wer noch alles der Einladung des Phono Pop gefolgt war und Hallo sagen oder auch nur ein Lächeln schicken. Flugzeugen im Landeanflug hinterherträumen, die Sonne genießen, die entspannte Stimmung in mir aufnehmen und der Bedroomdisco-Mannschaft beim kicken zuschauen.



Als es dann ziemlich pünktlich mit Wyoming losging, war alles bestens. Die Musik ganz mein Geschmack und sympathisch. Das Publikum dabei und die allgemeine Stimmung wie erhofft freudig erregt und doch entspannt. Die etwas verträumte Grundstimmung der Songs funktionierte dank der energetischen Beats sehr gut auf der großen  Bühne und im Sonnenschein.


Einziges Manko, ich kam nicht so fix in den Modus - ganz schnell die Bühnen zu tauschen zwischen Wyoming und The Dope. So verpasste ich bei The Dope den Anfang und verließ das Set dann lieber etwas vorzeitig, damit es mir mit Ewert and the two dragons nicht ähnlich ging. Im Vorhören schon waren mir The Dope recht interessant erschienen und das erwies sich auch live als zutreffend. Es war tanzbar, energetisch, interessant und ein echter Aufmerker, wenngleich es mir in Summe zu laut war. Die Kommunikation mit einer dort neben mir das Konzert genießenden Freundin war ein geschriebenes: Schöner Krach! Alles andere ging nur nonverbal.


Schönes live-Extra für mich zu verfolgen, wie die Haare des Drummers flogen... 
  
Mein im Vorfeld gewähltes persönliches Highlight des Tages in Rüsselsheim waren Ewert and the two dragons. Und tatsächlich waren allein schon die 45 Minuten mit den blonden Männern aus Estland es wert, dass ich mich gegen alle Vernunft entschieden hatte, wenigstens an einem Restprogramm Phono Pop für mich festzuhalten. Christoph hat es im Detail beschrieben. Mir war für die Zeit ein Dauergrinsen im Gesicht festgeklebt. Ringsum erlebte ich auch ein erstaunlich kundiges Publikum. Es wurde textsicher mitgesungen und bei Eingangsakkorden wissend losgejubelt. 



Meine persönlichen Highlights waren wohl Pictures mit dem lässig gespielten Xylophon (mir fielen schon beim hingucken die Arme ab) und Good man down, wo aus dem Publikum schon der geklatschte Takt kam, der erst später von der Band aufgenommen wurde. Die letzten beiden Songs waren schon fast so hymnisch, dass es kurz vor Kitsch war. War aber in dem Moment der schönste vorstellbare Zustand und gar nicht süßlich und damit Nummer 8 der Setlist vielleicht mein schönster persönlicher Moment auf dem diesjährigen Phono Pop.

01: Speechless
02: Jolene
03: Sailorman
04: The rabbit
05: Pictures
06: Good man down
07: Road to the hill
08: (In the end) There's only love

Ehrlich - auch wenn es für Christoph das Konzert des ersten Tages war - SUUNS hat es mir leichter gemacht als gedacht, mich auf den Heimweg zu machen. Nur beim Gedanken an HVOB da machte mein Herz einen kleinen traurigen Hops. Aber wat mutt dat mutt.

Und nächstes Jahr dann wieder! Und vielleicht ja auch mal wieder ein Set ohne Hörschutz?

Aus unserem Archiv:
Christophs Bericht über Ewert and the two Dragons 
Ewert and the two Dragons, Düsseldorf, 3. 10. 2012
Ewert and the two Dragons, Paris, 22. 07. 2012 
Mein Phono Pop 2012: Tag 1 & Tag 2


Mehr Fotos:




Mittwoch, 17. Juli 2013

Suuns, Rüsselsheim, 12.07.13

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Konzert: Suuns
Ort: altes Opelwerk, Rüsselsheim (Phono Pop Festival)
Datum: 12.07.2013
Dauer: 40 min




Manchmal brauche ich ein paar Anläufe, um eine Band toll zu finden. Suuns aus Montréal sind eine der Gruppen der vergangenen Monate. Ich hatte sie auch bereits zweimal vor dem Phono Pop gesehen, war beide Male zu einem gewissen Grade fasziniert, aber mehr eben auch nicht. Ich hatte die Musik der Kanadier vermutlich noch nicht kapiert und hätte Suuns als einen dieser vorschnell gelobten Hypes abgetan, von denen es mehr als genug gibt.


Beim Phono Pop gibt es aber diese beiden Bühnen, die immer abwechselnd bespielt werden. Und weil ich am frühen Freitagabend noch nicht viel gesehen hatte, gab es keinen Grund, Suuns auszulassen.


Und diesmal zündete der durchaus nervige experimentelle Elektro-Kram bei mir sofort und vollkommen. Wenn man sich auf die Stücke der Band einlässt, driftet man herrlich in ihnen weg. Die Stimme des Sängers Ben Shemie kann anstrengend sein, sie kann aber eben auch herrlich betörend werden. Und weil ich über all das nach und nicht während des kurzen Auftritts nachdachte, funktionierten Songs wie 2020, das an Alan Vega erinnernde Sunspot oder das überragende Arena diesmal so gut. Suuns zogen mich restlos in ihren Bann.


Das bedeutet nicht zwangsläufig, daß Suuns mir auch in fünf Jahren noch wichtig sein werden. Aber bei nächster Gelegenheit werde ich sie mir immer wieder ansehen. Alleine, um den Überhit Music won't save you zu hören.

Bestes Konzert des ersten Phono Pop Tages!

Setlist Suuns, Phono Pop Festival, Rüsselsheim:

01: Bambi
02: 2020
03: Arena
04: Edie's dream
05: Pie IX
06: Sunspot
07: Music won't save you



Dear Reader, Rüsselsheim, 13.07.13

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Konzert: Dear Reader
Ort: altes Opelwerk, Rüsselsheim (Phono Pop Festival)
Datum:13.07.2013
Dauer:gut 45 min



Weil ich vor ein paar Wochen ein schlimmes Konzert der Editors in Duisburg erlebt und beschrieben habe, wurde mir meine mangelnde Bereitschaft zu Veränderungen vorgeworfen. Die Editors seien nicht etwa schlecht geworden, mir fehle nur der Horizont, den neuen Stil zu würdigen. Da Musik eine sehr ernste Sache ist, habe ich mir diese Kritik zu Herzen genommen und nachgedacht. Die Arctic Monkeys und die Strokes sind also doch gar nicht doofer geworden und warten darauf, von mir neu entdeckt zu werden. Veränderung ist toll! 

Erstaunlicherweise galt mein engstirniger Frühwerkkonservativismus bei Dear Reader nie. Es ist kein Geheimnis, daß ich den ersten Konzerten als Trio bzw. Quartett nachtrauere, allerdings war auch keiner der Auftritte später reizlos - nur anders:


- bei meinem ersten Konzert als Support von Sophia im Februar 2009 bestand Dear Reader aus Sängerin Cherilyn, Keyboarder Darryl und Schlagzeuger Michael. Eines der wichtigsten Stilelemente waren geloopte Liedsequenzen

- ein paar Monate später im Gebäude 9 kam die südafrikanische Geigerin Jean-Louise dazu, die

- eine Woche später in Nijmegen wieder weg war. Dafür standen mehrere Mitglieder von Get Well Soon mit Dear Reader auf der Bühne

- beim Berlinfestival im gleichen Sommer spielte Jean-Louise wieder mit - mein viertes Mal Dear Reader war das zweite in gleicher Aufstellung


- genau wie in Haldern 2009 (nur die Frisuren waren neu)

- einen Monat später spielte ihr Produzent Brent Knopf zusätzlich Gitarre

- zwischen September 09 und September 11 haben Dear Reader und ich uns nicht gesehen

- trotzdem erkannten wir uns wieder. Allerdings begleiteten jetzt zwei Schweden (die als Marching Band in der Hauptsache auftreten), Jean-Louise und Calexico-Trompeter Martin Wenk die mittlerweile in Berlin lebende Cherilyn

- ein paar Monate später in Wiesbaden ersetzte ein Alex aus Südafrika Martin Wenk

- und ohne Martin oder Alex bestritt die Band das Maifeld Derby 2012

Ganz schön herausfordernd für einen Veränderungsmuffel wie mich.


Im Adamshof, dem Bereich gleich hinter dem Opel-Werkstor, in dem die kleine Bühne aufgebaut war, trat Dear Reader als Duo, bestehend aus Cherilyn und Geiger Sam Vance-Law auf und - um es nach der langen Einleitung nicht zu spannend zu machen - es war auch in dieser Form vorzüglich!

Cherilyn, deren auffälligste Eigenschaft neben ihren musikalischen Talenten ihr
unglaublich charmantes Lächeln ist, stellte sich ans Keyboard, Sam mit Geige auf die andere Seite.

Mich verblüffte, wie wunderbar die Stimmen der beiden zusammenpassen. Sam singt sehr tief, hatte aber bei den ersten Stücken meist nur kleinere Gesangspassagen. Zum ersten Mal richtig trumpfte er bei Whale (BooHoo) vom zweiten Album auf. Großartig klang das!

Gegen Ende des Sets kamen zwei "echte" Duette nacheinander (in denen jeweils Pferde vorkamen), das "Cowboy-Lied" Already are und sensationelle a cappella Stück Victory, das mich an Chumbawamba erinnerte. 


Das kurze Programm bestand hauptsächlich aus Stücken vom aktuellen Album Rivonia; der Platte, auf der Cherilyn Geschichten aus ihrer südafrikanischen Heimat erzählt. Durch die Kürze des Sets blieb wenig Raum für alte Lieblinge. Kein Eisbär, auch wenn er mehrfach gewünscht wurde, aber auch kein Bend. Das Konzert wurde dadurch jedoch keinen Deut schlechter. Die neuen Stücke, die mir zum Teil noch nicht sehr vertraut sind, waren in dieser komprimierten Instrumentierung ganz großartig. Machmal loopte die Sängerin ihre Stimme wieder, manchmal sang Sam bloß "ba da da"s, und es klang immer toll!

Ich habe wirklich nicht gedacht, daß mich Dear Reader immer noch so begeistern können. Daß ich keines der Konzerte der aktuellen Tour gesehen hatte, hatte mir bis Samstag nicht gefehlt, jetzt schon!


Setlist Dear Reader, Phono Pop Festival, Rüsselsheim:

01: Man of the book
02: Took them away
03: Dearheart
04: Good hope
05: Down under, mining
06: Whale (BooHoo)
07: Camel (Not black nor white but camel)
08: From now on
09: Already are
10: Victory
11: What we wanted

Links:

- aus unserem Archiv:
Dear Reader, Freiburg, 21.05.13
Dear Reader, Stuttgart, 13.05.13
Dear Reader, Freiburg, 13.11.12
Dear Reader, Düsseldorf, 04.10.12
Dear Reader, Düsseldorf, 04.10.12
Dear Reader, Mannheim, 19.05.12
Dear Reader, Wiesbaden, 24.01.12
Dear Reader, Paris, 18.01.12
Dear Reader, Weinheim, 15.09.11
Dear Reader, Frankfurt, 11.09.11
Dear Reader, Wien, 08.10.09
Dear Reader, Marburg, 06.10.09
Dear Reader, Düsseldorf, 28.09.09
Dear Reader, Haldern, 15.08.09
Dear Reader, Berlin, 07.08.09
Dear Reader, Paris, 06.05.09
Dear Reader, Nijmegen, 25.04.09
Dear Reader, Köln, 18.04.09
Dear Reader, Paris, 19.02.09
Dear Reader, Köln, 12.02.09 




 

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