Posts mit dem Label Thees Uhlmann werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Thees Uhlmann werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 26. August 2016

Haldern Pop, 3. Festivaltag, 13.08.16

1 Kommentare

Konzert: Haldern Pop Festival, 3. und letzter Festivaltag mit Conner Youngblood, Wintergatan, Ebbot Lundberg & The Indigo Children, Hubert von Goisern, Julia Holter, Yak, Thees Uhlmann, Albin Lee Meldau, Daughter, Jason Isbell, Minor Victories, The Graveltones und vielen anderen
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 13.08.2016



Den letzten Festivaltag liess ich spät angehen. Ich war am Samstag erst gegen 4 Uhr ins Bett gekommen und hatte mächtig Schlafrückstand. Ich entschied mich den Haldern-Sonntag ganz entspannt erst um 16 Uhr beginnen zu lassen, um  mir als Ersten den jungen Amerikaner Conner (Conner mit "e" und nicht mit "o", wie es im Programmheft fälschlicherweise stand) Youngblood im Tonstudio anzusehen. Allerdings war ich nicht der Einzige der auf diese Idee gekommen war. Als ich meinen netten Spaziergang durch die idyllischen Felder zur Venue hin beendet hatte, sah ich eine Menschenschlange draussen rumstehen. Leute die gerne reinwollten, aufgrund Platzmangels aber nicht konnten.


Diejenigen die es allerdings geschafft hatten pünktlich in das Tonstudio reinzukommen wurden mit einem kostenlosen Saunagang belohnt. Ich selbst gehörte nicht dazu und hörte von draussen aus ein wenig zu. Das war natürlich unbefriedigend (nicht der verpasste Saunagang, sondern das Nichtsehen des Konzertes). Gegen Ende des Sets wurde es aber leerer und ich schaffte es in den kleinen Raum durchzudringen in dem die Luft regelrecht stand und Conner schweisstriefend mit Gitarre und Laptop agierte. Der Bursche sah blendend aus, hatte einen gestählten Body und Rastazöpfe und sang im angesagten James Blake Stil, sprich mit Kopfstimme und souligem Einschlag. Conner war nicht der klassische folkige Singer Songwriter mit Bart und Karohemd, sondern ein sportlicher Jungspund, der auch musikalisch modern und cool klang. Ganz zum Schluss spielte er sogar einen rein akustischen Song, ohne Samples, ohne Loops und ohne Stimmverfremdung und interessanterweise gefiel mir diese puristische Darbietung sogar am Besten, weil man sehen konnte, dass der Texaner auch ganz ohne technische Hilfsmittel was rüberbringen konnte. Definitiv ein Talent, das man beobachten sollte!




Talent hatten auch die schwedischen Postrocker Wintergatan die ich vor ein paar Jahren schon ein mal im Halderner Tent gesehen hatte. Damas war ich begeistert von der Kreativität, der Frische, der Originalität dieser instrumentalen Band, die sogar eigene Instrumente bastelt und bezaubernde Töne produzierte. Allerdings fragte ich mich, ob ohne den Überraschungsfaktor die Musik immer noch betörend auf mich wirken konnte. Sie konnte! Und wie! In der herrlichen Mittagssonne boten die Skandinavier auf der Hauptbühne ein äusserst unterhaltsames, abwechslunsgreiches und bewegendes Set voller packender Melodien und Einfälle.


Der Chef der Band war zudem zu Scherzen aufgelegt. Er erklärte, dass die ganze Musiziererei eine Arbeit von "try and error" sei, was aber nicht notwendigerweise schlimm sei, denn selbst Fehler könnten in der Kunst dafür sorgen, dass ein Projekt paradoxerweise besonders gut klappt. Er nannte einen Haifilm von Spielberg als Beispiel, in dem die Haiaufnahmen zu Beginn wegen technischer Probleme weggeschnitten werden mussten, was aber nur eine Steigerung der Spannung zur Folge hatte, weil der Hai so plötzlich und so überraschend auftauchte.

Anekdoten dieser Art trugen zu einer lockeren Atmosphäre hinzu, aber Wintergatan waren keine Witztruppe, die nur von visuellen Effekten und netten Ansagen lebte, sondern auch wirklich spannende Musik macht, die auch an jedem Ort der Welt funktionieren könnte. Ich langweilte mich jedenfalls keine Spur und verbuchte insgesamt ein wirklich gelungenes Konzert. Schweden sind eben toll.

Halt! Sagte ich gerade Schweden sind toll ? Grundsätzlich würde ich das so unterschreiben, allerdings konnte mich Albin Lee Meldau, der mit Ebbott Lundberg den Startplatz getauscht hatte im Anschluss im Spiegeltent nicht wirklich überzeugen. Lag aber eher an meinen musikalischen Präferenzen als an anderen Dingen. Wie schon erwähnt bin ich kein Fan dieser Neo Soul- Neo Jazz Szene, die James Blake und Sam Smith losgetreten haben und Kopfstimmen gehen mir inzwischen meistens auf die Nerven. Somit war dann der Auftritt von Albin eher nicht mein Fall.


Hubert von Goisern vermochte mich danach auf der Hauptbühne allerdings noch weniger zu begeistern. Ein jodelnder Steirer mit Blasmusik, Alpen Pedalsteel und jovialer Kommunikation mit dem Publikum ("sann Steirer do?"), das war schon sehr speziell. Ich fühlte mich fast wie im Musikantenstadl, aber zum Glück gibt es in Haldern ja auch einen schönen Pressebereich am Waldrand, in den ich mich während des Konzertes des Österreichers verzog.

19Uhr 30: Zeit für Julia Holter


Was für ein Leckerbissen! Julia Holter in Haldern auf der Hauptbühne! Im Spiegelzelt hatte sie ja bereits schon mal gespielt, nun also der Aufstieg auf die Main Stage. Schade nur, dass sich nicht extrem viele Festivalgäste zur Prime Time vor der grössten Stage des Popfestivals wiederfanden, sondern stattdessen mehrheitlich den neben dem Spiegeltent gelegenen Biergarten bevölkerten. Da legt die Holter das laut Kritikern allerbeste Album des Jahres 2015 vor und dennoch ist sie noch kein richtiger Star, zumindest ist sie hinsichtlich ihres Publikumerfolges immer noch nicht im Mainstream angekommen! Sehr verwunderlich ist das allerdings nicht. Obwohl ihr letztes Album wesentlich zugänglicher als die Vorgänger war, bleibt sie immer noch ein wenig verhuscht, schrullig und experimentell und letztlich ist das auch gut so, denn wollen wir wirklich alle einen gleichklingenden Einheitsbrei hören ?


Allerdings hätte auch ich als bekennender Fan der begnadeten Chanteuse etwas zu beanstanden und zwar die Livepräsenz der Band. Schon bei einem Konzert in Paris war mir aufgefallen wie bräsig und abwesend der Drummer spielte, wie wenig mitreissend die rothaarige Violonistin bei der Ausübung ihrer Kunst anzusehen war und wie weltenrückt der gothische angehauchte (schwarze Fingernägel) Kontrabassist agierte. Eine fetzigere Band hätte dem Set sicherlich gutgetan. Nun muss man natürlich auch berücksichtigen, dass die Studioversionen der Songs äusserst komplex und live nur schwer umsetzbar sind, aber ein wenig mehr Schwung und Harmonie (manchmal klang alles ein wenig schief) hätte ich mir schon gewünscht. Holter selbst war allerdings kein Vorwurf zu machten, sie sang sehr gut und äusserst lieblich und verzog ihren Mund beim Singen immer wieder zu einer süssen Schnute. Auf Kumpel mit dem Publikum machte sie aber nicht, das ist nicht so ihre Art und passt auch nicht sonderlich zu der traumversunkenen, bizarren Musik der Amerikanerin.


Julia Holter spielte vorwiegend Songs von ihrem aktuellen Album Have You In My Wilderness (glänzend: Feel You und Betsy On The Roof) aber auch 2 vom Vorgänger Loud City Sounds (u.a. Opener In The Green Wild) und eins von Tragedy.

Das etwa 60 minütige Set war unter dem Strich sehr ordentlich, vermochte aber aus oben genannten Gründen nicht ganz die Brillanz der Alben widerzuspiegeln. Julia Holter muss noch etwas arbeiten (oder eine bessere Band verpflichten) um ein Publikumsmagnet zu werden. Angesichts des riesigen Talentes der sympathischen Dame mit den inzwischen leicht graustichigen Haaren mache ich mir dahingehend aber keine allzu grossen Sorgen.

Setlist Julia Holter

01: In The Green Wild
02: Silhouette
03: So Lilies
04: Horns Surrounding Me
05: Lucette Stranded On The Island
06: Hello Stranger (Barbara Streisand)
07: Feel You
08: Everytime Boots
09: Betsy On The Roof
10: Vasquez
11: Sea Calls Me Home


Die jungen Briten Yak im Spiegeltent danach waren vor allem eins: laut. Sehr laut. Sie mischten das Publikum von Beginn an auf und Sänger und Gitarrist Oliver Henry Burslem liess es sich nicht nehmen in der Mitte des Sets in die Menge zu springen. Da johlte die aufgepeitschte Meute. Mir war dieser schwere Indie Rock mit Punkeinschlag aber doch etwas zu wild, in meinem Alter mag man es halt eben eher gesetzter. Das jugendliche Publikum kam allerdings voll auf seine Kosten.

Leiser waren dann Thees Uhlmann und Band auf der Hauptbühne danach. Der solide melodische Gitarrenrock des Neuschriftstellers gefiel mir gut, war aber natürlich nicht wirklich originell. Manche fanden auch seine Ansagen etwas nervig, ich hingegen fand sie eher lustig. Ein netter Kerl, der Thees. Kommt vom Land, genau wie ich. Und seine Musik mag ich im Zweifel lieber als die des 17. neuen James Blake Klon.


Ebbot Lundberg and The Indigo Childern im Zelt wollte ich danach auf keinen Fall verpassen. Seit dem Album Origins Vol 1 von The Soundtrack of Our Lives bin ich grosser Fan der schwedischen Rockband, die auch schon  in der Vergangenheit in Haldern auf der Hauptbühne gespielt hatte. Deren Sänger Ebbot kam dann auch mal als akustischer Soloact und heuer nun wieder mit einer neuen, sehr jungen Band, in der es auffällig viele attraktive junge Männer gab. Ebbot wirkte neben den dünnen Heringen noch etwas fülliger als sonst schon, aber das machte natürlich überhaupt nichts, weil ihm die Leibesfülle noch mehr Bühnenpräsenz und Power verleiht und sicherlich auch zur ungemeinen Wucht seiner fabelhaften Reibeisenstimme beiträgt. Der notorische Kuttenträger hatte zur Feier des Tages ein feines Tuch um seinen breiten Hals gelegt und das Gesicht mit Kriegsbemalung überzogen, die durch den Schweiss bedingt in der Folge von seinen Wangen und seiner Stirne hinunterlief. Ein Bär von einem Mann dieser Ebbot, so urwüchsig wie man ihn wohl nur in wilden Ländern wie Schweden oder Kanada finden kann! Und sein Gebaren auf der Bühne hatte nichts von seiner hypnotischen Wirkung verloren, der Bartträger zog mich schon in den allerersten Minuten in seinen Bann.




Eingefleischte TSOOL Fans fragten sich möglicherweise vorher ob auch Stücke der inzwischen aufgelösten Band gespielt werden würden (Antwort: ja eins am Schluss, und was für eins!), ich hingegen war offen für die neuen Titel und das aktuelle Projekt von Ebbot. Musikalisch konnte ich ohnehin keine grossen Unterscheide zu TSOOL erkennen, Ebbot ist seinem Mix aus Psychedelic Rock, Hardrock und schwermütiger Popballade weiterhin treu geblieben und so waren dann auch die Stücke   schön abwechslungs- und facettenreich. Nach einem ersten Teil mit einem eher soften For The Ages To Come gab es im Mittelteil zwei Songs die man fast als heavy bezeichnen konnte, bevor gegen Ende mit I See Forever wieder eine dieser herzzerreissenden und keine Spur kitschigen Balladen gespielt wurde.


Dass der krönende Abschluss dann mit Second Life Replay ein Song von TSOOL war, war vielleicht ein Zugeständnis an die Fans dieses tollen Projekts und trotz der Güte der mit den Indigo Childern gebotenen Lieder ragte dieser Song von 2008 heraus. Er begann schleppend mit Orgel und Mundharmonika bevor er sich in einen hymnisch epischen Schocker mit wildem Schlagzeugwirbel verwandelte. Das war atemberaubend und dauerte auch fast 10 Minuten, von den keine einzige langweilig war. Hinterher fiepten kräftig die Ohren, aber man verliess das Tent mit dem guten Gefühl hier ein absolutes Highlight miterlebt zu haben.

Dann Daughter auf der Hauptbühne.


Schon ein paar Stunden vor dem Konzert von Daughter hatte ich zufällig erfahren, wer die britische Band um Elena Tonra verstärken würde: Cathy Lucas, die ehemalige Geigerin von Fanfarlo! Ich hatte die nette junge Dame mittags zufällig auf dem Gelände getroffen und sie in meiner penetranten Art in ein Gespräch verwickelt, in der es natürlich hauptsächlich um Fanfarlo, eine Band die in der Vergangenheit bereits auf der Hauptbühne gespielt hatte, ging. Dieses Projekt sei beendet, aber sie sei nun seit einem Monat Keyboarderin bei Daughter. Leider sah man Cathy dann aber kaum auf der Bühne, sie agierte weit hinten rechts im Dunkeln. Ohnehin war die Show eher auf die zierliche Sängerin Elena ausgerichtet, die in elegante schwarze Kleidung gehüllt war und so auch optisch den düster-melancholischen Charakter ihrer Musik unterstrich. Die Männer in der Band spielten eher Nebenrollen und waren weit aussen postiert. Aber auch Tonra selbst war nicht die klassische Bandleaderin, die überdrehte Frontfrau, die für Stimmung sorgt. Der mystischen Musik enstprechend, war sie eher zurückhaltend, hielt sich nicht mit langen Ansagen (die ohnehin unpassend gewesen wären) auf und konzentrierte sich ganz auf ihr Gitarrenspiel und ihren wundervollen Gesang. Hauchzart und flehentlich sang sie und die Gitarrenmelodien klangen fast ähnlich genial wie bei Interpol oder The National, zwei Bands die man durchaus mit Daughter vergleichen kann. Zwar sind Daughter weder wirklich Post Punk (wie eben Interpol) oder folkig (wie bisweilen The National), aber dennoch hört man eine ähnliche ADN heraus. Allesamt sind die Künstler Nachtschattengewächse, Leute, die erst im Dunkeln aufblühen und das Tageslicht eher meiden (daher sicherlich auch der blasse Teint von Elena) und Zuflucht in depressiven Songtexten suchen. Das mag teilweise ein wenig gekünstelt wehlklagend rüberkommen und manchmal auch bombastisch, aber die Anziehungskraft war heuer dennoch so gross, dass kein Plaz blieb um musikphilosophisch erötern zu müssen, ob die genannten zeitgenössischen Bands ähnlich authentisch wie Joy Division sind oder nicht.



Das Set bestand je zur Hälfte aus Stücken des Debüts If You Leave und des Zweitlings Not To Disappear so dass auch diejenigen auf ihre Kosten kamen, die das erste Album bevorzugen. Von diesem stammte das himmlisch leichte Tomorrow mit seinen mandolinenartig klingenden Perlgitarren und dem "Ohohoho-Refrain", während Numbers (an dritter Stelle gespielt) von dem 2. Werk stammte. Alles klang sehr harmonisch und atmosphärisch langsame und rockig schnelle Songs wechselten sich perfekt ab.

Gut eine Stunde genoss ich den luftigen Schwebesound und weil das Konzert so gut war verzichtete ich auch am Ende auf einen Abstecher in das Spiegeltent in dem der begabte Countrysänger Jason Isbell auftrat.

Musikalisch war dieser Schachzug von mir clever, denn die heutigen Headliner Minor  Victories (oder waren Daughter Headliner?) knüpften stilistisch an den Sound von Daughter an.


Minor Victories, eine Art Supergroup mit Rachel von Slowdive, Stuart von Mogwai, Martin Bulloch (dem Drummer von Mogwai) und dem Bassisten James Lockey der Editors.

Rachel war von Beginn an Blickfang mit ihrem extravaganten Kleid mit dem auffälligen Federkragen, aber auch stimmlich wusste sie zu entzücken. Die Sanftheit und Melancholie ihrer Stimme war nach wie vor unbeschreiblich und sie schien kaum gealtert zu sein, obwohl die besten Zeiten von Slow Dive schon gefühlte Ewigkeiten zurückliegen. Aber es muss nicht immer Slow Dive und auch nicht immer Mogwai sein, das Mischprodukt Minor Victories war ähnlich berauschend und hypnotisch. "Tolle Atmosphäre" lobte der holländische Moderator gleich mehrfach hinterher und in der Tat kam der Shoegaze Sound zu der späten Uhrzeit perfekt rüber. Dennoch waren anscheinend schon ein paar Festivalbesucher in ihren Zelten verschwunden, vor der Hauptbühne war es keineswegs brechend voll. Diejenigen die nicht da waren, verpassten brillante Stücke wie A Hundred Ropes oder Higher Hopes und vor allem das gigantische und abschliessende Out To Sea, das feuerwerksähnlich knallte


Das Haldern Pop Festival 2016 wurde nach dem letzten Ton der Minor Victories für beendet erklärt. Zumindest von dem holländischen Moderator. Dabei spielte aber noch eine Band im Anschluss im Spiegeltent. Nein, nicht wie geplant die Schotten Frightened Rabbit, die mussten kurzfristig absagen, sondern die bluesrockigen Graveltones, die bereits am morgen in der Bar auf dem Programm gestanden hatten. Ein wildes Duo, bestehend aus Jimmy O (Gitarre, Gesang) und dem Hut tragenden Drummer Mikey Sorbello, das schnörkellos und roh auftrumpfte und sichtlich seinen Spass hatte. Ich sah mir 3 Songs von ihnen noch an, dann waren auch meine letzten Kraftreserven erschöpft und ich trat die Reise in mein Bed And Brekfast in Borghese bei Emmerich an. Alles Hat ein Ende nur die Wurst hat zwei, wie Jimmy O richtig sagte...


Dienstag, 10. Juni 2014

Thees Uhlmann, Köln, 09.06.14

1 Kommentare

Konzert: Thees Uhlmann
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 09.06.2014
Dauer: 95 min
Zuschauer: ausverkauft



Wie vor jedem großen Fußball-Turnier sind es nicht die letzten durchwachsenen Testspiele oder die unverständlicherweise fehlende Trainerdebatte, die mich besonders nerven, es ist diese immer gleiche Diskussion um Lukas Podolski. Spielt die gesamte Nationalmannschaft schlecht, schießt sich die Kritik ausschließlich auf ihn ein, auch wenn er den Großteil des Spiels gar nicht auf dem Feld stand. Vor einigen Monaten hatte ich erstmals Zweifel, ob der Bundestrainer ihn überhaupt zur WM mitnehmen würde. Eine Nichtberücksichtigung hätte meine jahrealte Vorhersage zerstört, daß Poldi bald Rekordnationalspieler sein wird, sie hätte mir aber vor allem jeden Spaß an der Weltmeisterschaft genommen. 

Und wie ist es dann grundsätzlich bei Turnieren? Lukas Podolski spielt groß auf, als wäre es immer noch 2006 und die dämlichen Kritiker halten mal ein paar Tage ihren Mund.

Mit Thees Uhlmann ist es oft genauso.*

Wenn ich Freunden erzähle, wie gut ich dessen zweite Platte finde, wie toll Konzert x war, kommen immer wieder spitze Kommentare. Tomte wären schon toll gewesen und nein, gesehen habe man Thees solo nicht und die Platten auch nicht gehört, aber das Interesse dafür sei eben auch nicht mehr da. Wenn ich mir all das hätte einreden lassen (und ich höre in Musikdingen sehr oft auf Freunde, die im Zweifel alle sehr viel mehr Ahnung als ich haben), hätte ich ein wieder einmal großartiges Konzert verpasst. Thees Uhlmann und Band spielten auf wie Poldi gegen Armenien.

Das Konzert im Gebäude 9 (aus dem der in Hamburg lebendende Sänger längst rausgewachsen ist), hatte eine spektakuläre Vorgeschichte. Als der Club vor einigen Monaten akut von der Schließung bedroht war, weil ein Stadtentwicklungsplan des Areals in Köln-Deutz (nicht Kalk, Thees!) zwischen all dem kreativen Wohnraum keinen Platz für Kunst vorsah, gingen unter anderem viele Künstler auf die Barrikaden. Thees Uhlmann schrieb einen hervorragenden Text, warum Musikclubs und speziell dieser erhaltenswert seien und was Köln ohne das Gebäude 9 verloren ginge. Ein paar Tage später wurde das Konzert in Köln angekündigt:

"Einmal kurz in den Tour-Plan geguckt. Festgestellt, dass wir frei haben vor dem Auftritt im Zakk in Düsseldorf am 10.06.! Frei haben - nicht so unser Ding. Beim Gebäude9 in Köln nachgefragt, ob da noch ein Date frei ist - haben die gesagt 'Ja!', haben wir zurück gefragt: 'Können wir andocken?', haben die gesagt: 'Dockt!' Thees Uhlmann & Band deutzen am 09.06.2014 ab 20 Uhr. Duden: 'deutzen' - 'in einem Laden spielen, in dem man unbedingt noch in 10 Jahren spielen möchte.'"

Das Konzert war natürlich schnell ausverkauft, der letzte Kölner Auftritt fand im E-Werk statt. Ein knallvolles Gebäude 9 im Hochsommer ist warm, das schreckte aber niemanden ab. Als es nach der sehr guten Kölner Vorgruppe Neufundland um kurz nach halb zehn losging, war der Club gerammelt voll, sodaß irgendwann auch der kühlende Effekt der offenen Tür nicht mehr stark bemerkbar war. Aber es war egal. Die 95 Minuten rechtfertigten das. Es war mein bisher bestes Thees Uhlmann  Konzert!

Man merkte dem Sänger an, wie viel Spaß ihm der Auftritt machte. Thees hat zwei Jahre in Köln gelebt und studiert und war oft im Gebäude 9, wie er erzählte. Er nutzte mehrere Pausen, um über den Club zu sprechen - aber auch über das parallel stattfindende Birlikte-Fest in der Keup-Straße.

Die Songauswahl überraschte mich, weil der Schwerpunkt eindeutig auf der ersten Platte lag. Bis auf Paris im Herbst spielte die Band alle Stücke von #1, vom Nachfolger kamen deutlich weniger Songs. Mittendrin eine sehr schöne Überraschung: Schreit den Namen meiner Mutter vom dritten Tomte-Album.

Nach drei Zugaben war die Vorgabe von anderthalb Stunden eigentlich erreicht ("Rockmusiker werden oft gefragt, wie anstrengend ihr Leben ist - ich muß 90 min am Tag arbeiten und darf dabei Bier trinken"). Aber Köln ist Fußballsstadt (mit zwei Profivereinen). Thees kam zurück und spielte Das hier ist Fußball zum Abschluß ohne seine hervorragende Band.

Wegen der Vorgeschichte war es vorher schon ein besonderes Konzert. Es war aber eben auch musikalisch besonders gut und jeden eigenen und fremden Schweißtropfen wert. Thees kämpfte wacker mit der Hitze, die Lederjacke blieb bis zum siebten Lied an. Erst danach kam das "Kölsch, Kippe, Lederjacke"-Shirt zum Vorschein.

Bei & Jay-Z singt uns ein Lied textete Thees eine Zeile des Raps in "hab' 99 Probleme, Köln ist keins davon" um. Daß ihm ein Club in seiner vorübergehenden Heimat noch so am Herzen liegt und er sich für den mit solch einem Konzert einsetzt, ist vorbildhaft!

Setlist Thees Uhlmann, Gebäude 9, Köln:

01: Weiße Knöchel
02: Die Toten auf dem Rücksitz
03: Vom Delta bis zur Quelle
04: Lat: 53.7 Lon: 9.11667
05: Am 07. März
06: Und Jay-Z singt uns ein Lied
07: Es brennt
08: Das Mädchen von Kasse 2
09: 17 Worte
10: Schreit den Namen meiner Mutter (Tomte)
11: Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluß hinauf
12: Die Nacht war kurz (ich stehe früh auf)
13: Zugvögel

14: Römer am Ende Roms (Z)
15: Sommer in der Stadt (Z)
16: Der Fluß und das Meer (Z)

17: Das hier ist Fußball (Tomte) (Z)

Links: 

- aus unserem Archiv:
- Thees Uhlmann, Stuttgart, 10.11.13
- Thees Uhlmann, Großpösna, 18.08.13
- Thees Uhlmann, Mannheim, 01.06.13
- Thees Uhlmann, Haldern, 10.08.12
- Thees Uhlmann, Scheeßel, 23.06.12
- Thees Uhlmann, Trier, 10.12.11
- Thees Uhlmann, Köln, 25.10.11
- Neufundland, Reutlingen, 27.07.13


* also nicht, daß er den Mund hält. Auch nach einer Ansage "zum nächsten Song kann ich wirklich nichts sagen" folgte ein längerer Monolog.



Dienstag, 18. März 2014

Thees Uhlmann & Band, Frankfurt, 11.03.2014

0 Kommentare

Konzert: Thees Uhlmann & Band
Vorband: Intergalactic Lovers
Ort: Neue Batschkapp, Frankfurt am Main
Datum: 11.03.2014
Dauer: Thees Uhlmann 105 Minuten / Intergalactic Lovers 41 Minuten
Zuschauer: einige hundert (nicht ausverkauft)




Mit erstaunlicher Kontinuität arbeitet Thees Uhlmann an seinem Image als norddeutsche Antwort auf Bruce Springsteen. Der Anspruch zeigt sich einerseits in den Songs, der Art Komposition, den offensichtlichen Textbezüge und ähnlichen Themen. Weitaus deutlicher offenbart sich das Vorgehen aber in der Live-Präsentation: Schwitzend, freudestrahlend, immer an der Grenze zur völligen Verausgabung wirbelt der Mann, der einst mit Tomte verkopften Indie-Rock fabrizierte, über die deutschen Clubbühnen, gefällt in springsteenesker Art mit einer Anekdotenplauderei, wie sie nur einem Epigonen gelingen kann, der die großartige Box Live/1975-1985 eingehend kennt, den Boss selbst häufig sah. Wie gut Uhlmann das gelingt, zeigt sich auch im Publikum seiner Konzerte, das besteht nämlich nicht nur aus der alten Tomte-Garde und Casper-Fans, nein, auch die besonders leidenschaftliche deutsche Anhängerschaft Springsteens ist immer häufiger auf seinen Konzerten anzutreffen. So deutlich aufgefallen wie bei meinem ersten Besuch in der neuen Batschkapp in einem ehemaligen Fabrikgebäude in der Nähe des Hessencenters, ist es mir allerdings noch nie. Dass diese gesetzte Zuhörerschaft später auch die uhlmann'schen Geschichten aus der Provinz zwischen Stade und Cuxhaven mitsingt, dürfte für dem Fan in Thees Uhlmann einer besonderen Würdigung gleichkommen. 

Es ist mein erster Besuch in der neuen Batschkapp. Der Originalclub gehörte vor meinem studienbedingten Umzug nach Stuttgart für mich und viele andere im erweiterten Rhein-Main-Gebiet mit seiner bewegten Geschichte, seiner einmaligen Atmosphäre und jeder Menge großartiger Konzerte, die man in dieser Art zum Teil nur dort erleben konnte (man denke an Billy Bragg in Iggy-Pop-Manier 2008 oder eines der raren Deutschland-Gastsspiele der wahrlich legendären New York Dolls 2009), zu den prägendsten Konzertorten mit beeindruckender Tradition. Dem Umzug von Eschersheim in die Gwinnerstraße stand ich entsprechend kritisch gegenüber. Nostalgie und ikonische Clubs sind wichtig, doch zeigt sich der erste Vorteil bereits bei der Anfahrt. Während es rund um die alte Batschkapp kaum möglich war zu parken, bietet sich hier jede Menge Platz. Die intime und einmalige Atmosphäre jedoch weicht einer zwar stilvollen Halle mit mehr Raum und hohen Decken, verliert dabei aber den beengten, schweißtreibenden Charme einer legendären Spielstätte. Beim Betreten der Halle wird deutlich, dass ein nicht kleiner Teil mit schwarzen Tüchern abgehängt und auch die Empore geschlossen ist. 


Als die belgische Vorband Intergalactic Lovers die Bühne betritt, scheint der ausgewiesene Zuschauerbereich jedoch gut gefüllt. Wie erwartet kann das für die Tour zum Quintett gewachsene Quartett überzeugen. Die Eröffnung mit „Northern Rd.“ gerät mit seiner angedeuteten Wall of Sound wie auf dem Album zum perfekten Einstieg. Sängerin Lara Chedraoui punktet mit einnehmender Ausstrahlung zwischen der jungen Patti Smith und PJ Harvey und sympathischen Tour-Geschichten. Man sei Uhlmann dankbar, eingeladen worden zu sein und genieße vor allem die erstmalige Fahrt im Nightliner, erst recht, wenn keiner schnarche. Gastgitarrist und Keyboarder Philipp Weies aus Köln sieht ein wenig aus wie der junge Pete Townshend, spielt äußerst souverän und scheint eine echte Verstärkung der Band zu sein. 

Spätestens mit „Islands“, der ersten – heute Thees Uhlmann gewidmeten – Single, hat die, bei dessen Label Grand Hotel van Cleef veröffentlichende Gruppe, die Zuschauer für sich gewonnen. Besonders der vorletzte Song, „Delay“, gibt der Band die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten auszuspielen. Der Applaus nach „The Fall“ und knapp 40 vielversprechenden Minuten fällt entsprechend anerkennend aus.

Setlist Intergalactic Lovers, Frankfurt:

01: Northern Rd.
02: Shewolf
03: Great Evader
04: Islands
05: No Regrets
06: Obstinate Heart
07: Delay
08: The Fall



Anders als Konzerte seines Vorbilds aus New Jersey sind Auftritte des heutigen Protagonisten in der Regel weitgehend vorhersehbar, zumindest was die Songauswahl angeht, hier ändert sich selten Grundlegendes. Wie gewöhnlich empfängt einen das wabernde Electro-Intro, bevor die Band mit „Weiße Knöchel“ einsetzt. Das ernüchternde Bild des trostlosen Lebens eines SPD-Wahlkämpfers ist rührend-pathetisch und mitreißend zugleich. Uhlmann beschwört noch einmal den untergegangen Glanz des industriellen Ruhrpotts, wagt damit Themen anzugreifen, an denen man in Deutschland leicht scheitern kann. Doch anders als Wolfgang Niedecken gelingt Uhlmann der Spagat, sich kaum ins Deutsche zu transferierenden Handlungsmustern aus großen US-Folksongs anzunehmen und diese so zu verinnerlichen, dass seine Songs wirklich etwas zu sagen haben. 

„Das Mädchen von Kasse 2“, der Saal weiß, dass die Würdigung des Arbeitsalltag einer Schlecker-Kassiererin folgen wird, weiß, dass nun die Liebeserklärung mit der markanten Basslinie an der Reihe ist. Fäuste werden gereckt, es wird kollektiv mitgesungen. Uhlmann tänzelt mit wild-hektischen Bewegungen über die Bühne, während seine hervorragende Band um Keyboarderin Julia Hügel, Hubert Steiner am Bass, die Gitarristen Tobias Kuhn und Martin Kelly sowie Schlagzeuger Max Perner stadiontauglichen Rock spielt. 


Der Weg vom introvertierten Indie-Rocker hin zum Frontmann, der alle großen Gesten verinnerlicht hat, gelang Uhlmann in den letzten Jahren, ohne beliebig zu werden. Männer um die 50 mit Springsteen-Shirts nicken weitgehend rhythmisch mit dem Kopf, junge Mädchen strahlen und eine Frau mittleren Alters hinter mir fasst die allgemeine Stimmung der meisten Anwesenden schon früh im Set zusammen: „Thees ist einfach der Geilste.“ 

Natürlich kombiniert der gebürtige Hemmoorer, der "immer eine Britpop-Frisur wie Liam Gallagher" gewollt habe "und dabei aussah wie eine traurige Hausfrau aus Manchester", nur das was andere, was Springsteen international und Bernd Begemann – und teilweise auch Die Toten Hosen, deren „Liebeslied“ er heute akustisch spielt – national vorgemacht haben. Dabei kann er aber sein eigenes Charisma und seine immense Energie so geschickt einsetzen, dass es kein Wunder ist, dass er mittlerweile zu den Künstlern Deutschlands mit der größten hinterher reisenden Anhängerschaft zählt. Hin und wieder werden eben diese angesprochen, der Kontakt zwischen Musiker und Fans ist kumpelhaft eng, ein weiterer Grund für deren Treue. 

Dazu gibt es inzwischen populäre Songs wie „& Jay-Z singt uns ein Lied“, „Vom Delta bis zur Quelle“ oder „Am 7. März“, die mit einem ungemeinen Hitpotential ausgestattet sind und entsprechend gefeiert werden. Erwartungsgemäß berührt „Römer am Ende Roms“ mit dem "Thunder Road"-Mundharmonika-Intro, seinen intertextuellen Anspielungen und reinem Pathos besonders, „Es brennt“ hält das Niveau, „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ ist schon jetzt ein Klassiker und nach „17 Worte“ ist man – obwohl es doch schon vorher klar war – wie immer aufs Neue überrascht, dass das reguläre Set schon vorbei ist. 

Die rührselige Heimathymne „Lat: 53.7 Lon: 9.11667“ als erste Zugabe passt für mich heute Abend wie die Faust aufs Auge. Neben einem alten Schulfreund, den ich seit fast zwei Jahren nicht mehr gesehen habe, stehe ich im Nachfolger des wichtigsten Clubs meiner Jugend, bevor ich wieder zu meinen Eltern in das oberhessische Dorf meiner Kindheit fahre. Der Heimaturlaub in Lat: 50.3 Lon: 9.196944 bekommt in Frankfurt seinen passenden Soundtrack verpasst. „Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten / Und ich weiß nicht wirklich, was soll es bedeuten.“, und so weiter, „hier komm ich her“
Mit „Die Toten auf dem Rücksitz“ endet das Konzert nach „Die Nacht war kurz (Ich stehe früh auf)“ und „Kaffee und Wein“ traditionell. Wie viele potentielle Hits diesem Mann, der sich für die Zugaben ein T-Shirt mit der Aufschrift "Bier kaltstellen ist auch irgendwie kochen" angezogen hat, mit Tobias Kuhn auf zwei Soloalben gelungen sind, ist schon bemerkenswert. 
Dann geht es nachhause auf der B521, bis ich irgendwann zu mir selbst sagen kann, "das ist meine Straße und das ist mein Haus". Nostalgie und Pathos tun manchmal doch ganz gut.



Setlist Thees Uhlmann, Frankfurt:

01: Weiße Knöchel
02: Das Mädchen von Kasse 2
03: Am 07. März
04: & Jay-Z singt uns ein Lied
05: Vom Delta bis zur Quelle
06: Zugvögel
07: Der Fluss und das Meer
08: Liebeslied (Die Toten Hosen-Cover)
09: Römer am Ende Roms
10: Es brennt
11: Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
12: 17 Worte

13: Lat: 53.7 Lon: 9.11667 (Z)
14: Sommer in der Stadt (Z)
15: Die Nacht war kurz (Ich stehe früh auf) (Z)

16: Kaffee & Wein (Z)
17: Die Toten auf dem Rücksitz (Z) 


Links:
- aus unserem Archiv:
- Thees Uhlmann & Band, Stuttgart, 10.11.2013
- Thees Uhlmann & Band, Großpösna, 18.08.2013
- Thees Uhlmann & Band, Mannheim, 01.06.2013
- Thees Uhlmann & Band, Haldern, 09.08.2012
- Thees Uhlmann & Band, Scheeßel, 23.06.2012
- Thees Uhlmann & Band, Trier, 10.12.2011
- Thees Uhlmann & Band, Köln, 25.11.2011
- Thees Uhlmann & Band, Bielefeld, 12.12.2010
- Tomte, Wien, 05.09.2009
- Tomte, Mülheim, 25.03.2009
- Intergalactic Lovers, Mannheim, 02.06.2013


Mittwoch, 27. November 2013

Thees Uhlmann & Band, Stuttgart, 10.11.2013

0 Kommentare

Konzert: Thees Uhlmann & Band
Vorband: Rob Lynch
Ort: LKA Longhorn, Stuttgart
Datum:10.11.2013
Dauer:Thees Uhlmann 108 Minuten / Rob Lynch 40 Minuten
Zuschauer: über 1000



Völlig verausgabt legt Thees Uhlmann nach fast zwei Stunden das Mikrophon endgültig aus der Hand, strahlt mit dem Lächeln des ewigen Lausbuben in den fast ausverkauften 1500er Club im industriell geprägten Stuttgarter Außenbezirk Wangen, saugt noch einmal die Atmosphäre auf. 
Der Legendenstatus des LKA Longhorn ist spätestens nach dem Stuttgart 21 bedingten Wegfall der Röhre in der Schwabenmetropole einmalig, vergleichbar mit dem der alten Batschkapp in Frankfurt. Die Liste derer, die in den knapp 30 Jahren seit Bestehen des Clubs hier gespielt haben, liest sich wie ein Who is Who der Popmusik seit damals. Die Plakate im verglasten Backstage-Bereich, der wie ein Panorama-Deck oberhalb des Innenraums mit Blick über die Zuschauer liegt, sprechen Bände; Nirvana traten hier auf, Eminem oder Nick Cave. Viele in Stuttgart wissen schöne Anekdoten zu erzählen über ihren ersten Konzertbesuch hier oder großartige Momente. Ein bekannter Stuttgarter Blogger sah hier einst Björk, ein guter Freund einen berauschenden Steve Earle. Mein Kommilitone, der mich heute zu Thees Uhlmann begleitet, kommt beim Blick auf die auffällige Treppe, die Backstage und Bühne verbindet, ins nostalgische Schwärmen, erinnert sich an sein erstes Kooks-Konzert als Teenager in den mittleren 00er Jahren und das erhabenene Herabschreiten der damals als Heilsbringer des Indie-Pops gefeierten Engländer die Treppe hinunter – als beeindruckende Manifestation ihrer Coolness. Während bei den Kooks die Haare irgendwann wichtiger wurden als die Musik, sind Uhlmann narzisstische Anflüge scheinbar egal. In tief hängender Levi’s und Jeansjacke wirbelt der 39-Jährige mit der unscheinbaren Frisur über die Bühne und zelebriert anachronistische Tugenden der Rockmusik. 


Der Schweiß strömt ihm am Ende des Abends über die Stirn, als er sich Arm in Arm gemeinsam mit seiner eingespielten Band verneigt. Als Gründer des einflussreichen Hamburger Indie-Labels Grand Hotel van Cleef arbeitet er seit Jahren an seinem Wunschbild einer lebendigen Musikszene. Dass ein Newcomer seiner eigenen Plattenfirma auf seiner Tour das Vorprogramm spielt, ist freilich Ehrensache. Und der junge nordenglische Akustikpunk Rob Lynch macht mit seiner Band tatsächlich eine gute Figur. Am Ende seines zwischen geschrammelter Rohheit und poppigen Harmonien changierenden, knapp 40-minütigen Sets, blickt er in die glückselige Menge und darf sich herzlich aufgenommen fühlen: Die Zuschauer singen mit, grölen Refrain-Chöre, fordern Zugaben, ein für Vorbands ungewöhnliches, rares Vorkommnis. 
 Mit dem versierten Song- und Soundtüftler Tobias Kuhn an seiner Seite hatte Uhlmann vor wenigen Jahren den Schritt zum Solokünstler gewagt und den verkopften Indie-Rock seiner Band Tomte – irgendwo zwischen Arbeiterklassen-Britpop und US-College-Rock – hinter sich gelassen und mit springsteen’esken Hymnen auf das einfache und das Durchschnittsleben abgelöst. Sein erstes – selbstbetiteltes – Soloalbum trumpfte mit einer handverlesenen Reihe charismatischer Songs auf, die nach kurzer Eingewöhnungsphase zu heimlichen Hits wurden.
Dass sein zweites Album, „#2“, ebenjene Position der Charts erreichte, obwohl zahlreiche Fans ob des sehr gefälligen, poppigen Sounds die Nase rümpften, ist zunächst wenig verwunderlich, doch gewinnt auch das erfahrungsgemäß schwierige Nachfolgewerk einer großen Platte durch wiederholtes Hören an Klasse. Spätestens der Live-Test belegt die Güte: Thees Uhlmann betritt breitbeinig die Bühne, nachdem elektronisches Pulsieren dem Publikum den Beginn des Konzerts ankündigte. Nach mehrern langen Konzertabenden an den Tagen zuvor bin ich müde, doch weicht die Lethargie der allgemeinen Euphorie um mich herum.
„Weiße Knöchel“, die exemplarisch-ernüchternd an einem langjährigen SPD-Mitglieds erzählte, düstere Liebeserklärung an den untergegangenen Arbeiterglanz des Ruhrpotts, zu Beginn ist ein grandioser Auftakt und Uhlmann gelingt es mit Leidenschaft und starken Songs das Niveau hochzuhalten. Direkt mit „Das Mädchen von Kasse 2“, seiner feinfühligen Ode vom ersten Album an eine von einem Kunden mies behandelte Schlecker-Verkäuferin, weiterzumachen, ist ein Zugeständnis an die Fans des ersten Albums, das vom Publikum mit tosendem Applaus honoriert wird. Wenige Stücke stehen deutlicher für die lyrische wie musikalische Zäsur nach dem (vorläufigen?) Ende Tomtes. Uhlmann selbst sprach in der Vergangenheit immer wieder von einem Wechsel des Blickwinkels und trifft den Kern der Sache recht pointiert. Wäre das Thema bei Tomte vermutlich tatsächlich als bitterböse Abrechnung mit dem unhöflichen Kunden abgehandelt worden, ist der Solosong eine umarmende Skizze des Alltags einer hart arbeitenden Frau, deren Wirken niemals angemessen honoriert wird. Es sind Momente wie dieser, die die ständigen Springsteen-Vergleiche zulassen, ohne dass sich Referenzen ausschließlich im bloßen Epigonentum zeigen. Springsteens stärkste Songs waren meist Sozial- oder Milieustudien, Uhlmann nimmt sich dieser Tugend an. Dabei gelingt es ihm besser als momentan sonst jemanden in Deutschland diesen uramerikanischen Themenkatalog vom Scheitern und Glauben an den American Dream auf deutsche Verhältnisse zu transferieren. Wo Wolfgang Niedecken seit Jahrzehnten peinlich versagt, punktet Uhlmann.


"Es ist so ein witziger Zufall der Geschichte, dass die taz Jahre lang darum gekämpft hat, dass es in Berlin eine Rudi-Dutschke-Straße gibt und die führt jetzt direkt am Gebäude der Bildzeitung vorbei", kündigt Uhlmann "Am 07. März" an. Auch wenn Rudi Dutschke nicht wie in der ersten Single von "2" behauptet in Berlin-Pankow – und damit im gleichen Krankenhaus wie Uhlmanns Mutter – geboren wurde, ist der Song eine geschickte Umsetzung einer simplen Idee. Das name dropping ist unaufgeregt und nie aufdringlich, selbst wenn das Lied als solches die Klasse des dazugehörigen, besten deutschen Musikvideos des Jahres kaum halten kann. Folglich ist es naheliegend, dass zwischen neuen Stücken die Songs des ersten Albums wie moderne Klassiker gefeiert werden: „& Jay Z singt uns ein Lied“ ist traditionell ein Stimmungsgarant, die erste Strophe, der in der Studioversion von Casper eingespielte Rappassage, übernimmt der gebürtige Hemmoorer – wie in Abwesenheit des Bielefelder Rappers üblich – mit Bravour, quittiert von ekstatischen Zwischenapplaus. 
Weder „Die Bomben meiner Stadt“, „Zugvögel“ noch „Der Fluss und das Meer“ können zu guter Letzt an die Qualität der besten Momente der ersten Veröffentlichung heranreichen, doch das fällt live nicht ins Gewicht. Gefeiert wird der Protagonist sowieso und wenn er zur Ruhe kommt, um seine atemlosen Anekdoten zu erzählen, ist er ohnehin am besten. Geworfene Gitarren und zahllose Geschichten gehören genauso zu einem Thees Uhlmann-Konzert dazu wie kollektives Springen bei „Vom Delta bis zur Quelle“, melancholisches Kopfnicken bei „Kaffee und Wein“, mit der Schlüsselzeile „Ich hab einen exzellenten Ruf zu verlieren in schlechten Kreisen“, die der leidenschaftliche St. Pauli-Fan in einer biergeschwängerten Nacht von einem HSV-Hooligan klaute, oder seine im besten Sinne kitschige Heimathymne, die in ihrer Haltung ein wenig an John Mellencamps „Small Town“ erinnert. 


Spätestens bei „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ darf sich Uhlmann als Rockstar fühlen, über tausend Zuschauer singen den Refrain, während Julia Hügel die eingängige Melodie auf dem Klavier klimpert. Überhaupt ist es die grandios harmonierende Band, die der norddeutschen Rampensau die nötige Freiheit lässt. Neben Hügel und dem musikalischen Mastermind Tobias Kuhn, glänzen der Schotte Martin Kelly (Teil des Duos Martin & James) an der Gitarre, Markus Perner am Schlagzeug und Bassist Hubert Steiner als homogene Truppe. 
 Zwei Zugabenblöcke folgen: Der einstige Opener – die Springsteen-Hommage „Römer am Ende Roms“ – eröffnet den Reigen, „Die Nacht war kurz (ich stehe früh auf)“ folgt, bevor die Band wieder die Bühne verlässt. Uhlmann nutzt die Zeit für eine schnell gerauchte Zigarette, kehrt eingehakt bei seiner jungen Keyboarderin zurück, hält auf der Treppe inne, winkt, lässt sich augenzwinkernd wie ein großer Star feiern. Für seine Fans ist er ohnehin der Größte.  

„Zerschmettert in Stücke der Nacht“, das auf dem Studioalbum noch wie ein uninspirierter „Streets Of Philadelphia“-Aufguss klang, gefällt mir heute gehörig reduziert weitaus besser. Zum Schluss erzählt Uhlmann noch mal eine Geschichte, berichtet von Hakan, dem kleinen Sohn eines Freundes, der dachte, Thees sei Bäcker, da er bei „Die Toten auf dem Rücksitz“, immer „Torten“ verstand. Lacher und frenetischer Applaus, dann endet ein hervorragendes Konzert mit abgewandelten Refrain. 
Am Ende finde ich mich im Backstage wieder, Uwe Capelle – guter Bekannter und Thees’ Oberfan – nimmt uns mit. Der Blick von Oben auf das Meer leerer Becher ist außergewöhnlich und als ich schließlich selbst die legendäre Treppe hinabsteige, erfüllt sich ein Traum. An Schlaf ist nicht zu denken. Ach, Thees. Danke dafür. 



Setlist Thees Uhlmann & Band, Stuttgart:

01: Weiße Knöchel 
02: Das Mädchen von Kasse 2
03: Am 07. März
04: & Jay Z singt uns ein Lied
05: Die Bomben meiner Stadt
06: Zugvögel
07: Der Fluss und das Meer
08: Vom Delta bis zur Quelle
09: Es brennt
10: Kaffee & Wein
11: Lat: 53.7. Lon: 9.11667
12: Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
13: 17 Worte

14: Römer am Ende Roms (Z)
15: Die Nacht war kurz (ich stehen früh auf) (Z)

16: Zerschmettert in Stücke der Nacht (Z)
17: Die Toten auf dem Rücksitz (als Die Torten auf dem Rücksitz) (Z)


Links:
-aus unserem Archiv:
- Thees Uhlmann & Band, Großpösna, 18.08.2013
- Thees Uhlmann & Band, Mannheim, 01.06.2013
- Thees Uhlmann & Band, Haldern, 09.08.2012
- Thees Uhlmann & Band, Scheeßel, 23.06.2012
- Thees Uhlmann & Band, Trier, 10.12.2011
- Thees Uhlmann & Band, Köln, 25.11.2011
- Thees Uhlmann & Band, Bielefeld, 12.12.2010
- Tomte, Wien, 05.09.2009
- Tomte, Mülheim, 25.03.2009
- Rob Lynch, Karlsruhe, 06.02.2013




Samstag, 24. August 2013

Thees Uhlmann & Band, Großpösna, 18.08.2013

0 Kommentare

Konzert: Thees Uhlmann & Band
Ort: Großpösna, Störmthaler See (Highfield Festival)
Datum: 18.08.2013
Dauer: etwa 45 Minuten
Zuschauer: tausende


„Römer am Ende Roms“ zur Eröffnung ist ein Standard eines Thees Uhlmann-Konzerts. Dass Uhlmann das Stück zu Beginn seines kurzfristig angesetzten Highfield-Auftritts spielen würde, war nicht wirklich zu bezweifeln, trotzdem schwingt mit dem mit Springsteen-Zitaten gespickten Liebeslied ein erhabenes Gefühl an diesem Spätnachmittag Mitte August mit. 
Es ist stürmisch, die Luft scheint Sand getränkt, Regentropfen prasseln einem ins Gesicht: Uhlmann wurde wenige Tage zuvor als Ersatz für den englischen Akkustikpunk und „hardest working man in showbiz“ (Billy Bragg) Frank Turner aus Winchester, der wegen eines Rückenleidens eine Reihe Auftritte absagen musste, bestätigt. 
Uhlmann selbst ist Fan und guter Bekannter des Briten und sieht es als Ehre seinen Urlaub um wenige Tage zu verschieben. Dass er mit „Römer am Ende Roms“, das nicht nur auf Springsteens „Dancing in the Dark“ verweist, sondern auch textlich angedeutet und vor allem musikalisch augenscheinlich an dessen „Thunder Road“ angelegt ist, beginnt, lässt einen positiv an Turner denken, dessen reduzierte Akustikversion des „Born To Run“-Songs das beste Springsteen-Cover ist, das ich kenne. 
 Beide vereint die leidenschaftliche Liebe zur Rock-Ikone aus New Jersey, was man glücklicherweise auch der Musik anhört. Als Solokünstler inszeniert sich Thees Uhlmann gekonnt als deutscher Boss und kommt ebenso wie Turner auch bei eingefleischten Springsteen-Fans an. Der Pathos passt auf dem im diesen Jahr vom amerikanischen Punk geprägten Highfield Festival kontrastiv; „Triff mich an der Kirche / denn ich habe Lust zu schwören, / dass wir für den Rest der Tage zusammen gehören / Triff mich bitte mitten ins Herz / Triff mich auf der Bank im Park / Even though we are just dancers in the dark“, singt Uhlmann inbrünstig, während Julia Hügels Pianospiel und der Mundharmonika-Einsatz keinen Zweifel an einer „Thunder Road“-Referenz lassen. 
Eine tolle Band hat der auf Solopfaden wandelnde Tomte-Frontmann da um sich versammelt. Neben der erwähnten Musikstudentin Julia Hügel sind das Martin Kelly (von Martin & James) an der Gitarre, Markus Perner an den Drums, Hubert Steiner am Bass und Tobias Kuhn (Gitarre und Mundharmonika). Kuhn, der auch das selbstbetitelte Debütalbum des gebürtigen Hemmoorers produzierte, ist ein wichtiger Faktor für den großartigen Verlauf Uhlmanns Solokarriere. Verantwortlich für klangästhetische Prozesse ist der ehemalige Miles-Sänger derjenige, der dafür sorgte, dass „Thees Uhlmann“ eine der besten deutschen Indie-Pop-Veröffentlichungen der letzten Jahre wurde. Darüber möchte man ihm sogar die Beteiligung als Co-Produzent am aktuellen, wirklich furchtbaren Toten Hosen-Album „Ballast der Republik“ verzeihen, aber für die Songs kann er freilich auch nichts. 
Knapp eine Dreiviertelstunde hat Uhlmann in Großpösna Zeit seine Lieder zu präsentieren und es gelingt dem 39-jährigen souverän ein begeisterndes Set zwischen subtiler Alltagsbeobachtung und ausgelassener Indie-Party zu spielen.  
„Das Mädchen von Kasse 2“, „Vom Delta bis zur Quelle“, „Die Toten auf dem Rücksitz“, wer es sich leisten kann drei Songs dieser Klasse hintereinander zu spielen, kann zurecht in seine Songwriter-Qualitäten vertrauen.  
„Sind heute Eltern hier?“, Uhlmann erzählt von seiner 6-jährigen Tochter in Berlin, solidarisiert sich mit anwesenden Müttern und Vätern, denen es gelingt Konzertleidenschaft und Kinderbetreuung zu koordinieren und spielt das für junge Familien wohl programmatische „Die Nacht war kurz (und ich stehe früh auf)“. Wieder setzt die Mundharmonika nebraska'esk ein, der angenehm wabernde Bass lenkt kurz ab, lässt einen an das morgendliche Aufstehen denken, dann setzt der Refrain mit der Titel gebenden Zeile ein, die vom begabten Sänger Tobias Kuhn wiederholt wird. 
Auf Thees Uhlmann-Konzerten wird viel gesprochen, die Geschichte aus der niedersächsischen Provinz, die er vor „Lat: 53.7. Lon: 9.11667“ erzählt, steht in bester „The River“-Tradition, glänzt mit Anekdotenreichtum und Einblicken in die uhlmann'sche Biografie. Während die Band dezent die Melodie des Stückes liefert, berichtet der Frontmann aus seinem Kinderzimmer, vom ständigen Fahrradfahren, von den väterlichen Aggressionen gegen Kreator und Slayer, dem Tod der Oma eines Kumpels, der eigentlich zu einer Party gerufen hat. „Hier komm ich her, hier bin geboren, hier komm ich her“, singt Uhlmann im Refrain und widmet es allen Besuchern, die vom Land kommen. Selten wurde die Verwurzlung in provinzieller Erinnerung ehrlicher und besser formuliert als in diesem Song, „Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten / Und ich weiß nicht wirklich, was soll es bedeuten.“ Melancholisch denkt man selbst an die eigenen Kindheit auf dem Land zurück und ist froh dort aufgewachsen zu sein. Emotionen werden geweckt, ohne zu Verkitschen, Kontraste klingen an, Kritik wird deutlich, doch überwiegt, ja verbleibt auch in den Grautönen die Identität, nach der die urbane Gesellschaft, gerade die, die es aus der Provinz dorthin verschlug, suchen. „Hier gibt es Restaurants, in die niemand geht, / Weil das Essen um Punkt sechs auf den Tischen steht. / Hier gibt es Kühe auf den Weiden und Atomkraftwerke / Und reden war noch niemals unsere stärkste Stärke. / Haben hohe Himmel im tiefsten Blau. / Hier nimmt man seine Jugendliebe noch zur Frau.“ Man akzeptiert den Pathos, weil er treffend ist, man legt es nicht als Zynismus aus, weil es wertneutral berichtet, wie das Leben spielt. Es sind Lieder, wie dieses, die den Künstler Thees Uhlmann auszeichnen und die die Springsteen-Vergleiche zulassen. 
Nächste Woche erscheint „#2“, das zweite Album unter eigenem Namen. Mit „Am 07. März“ wird nur ein neues Stück vor den Toren Leipzigs gespielt. Der eingängige „Ohoho“-Refrain lässt einen Hit erwarten. Name- und date-dropping stört nicht; ausgehend vom gemeinsamen Geburtstag seiner Mutter und Rudi Dutschke im selben Krankenhaus in Berlin-Pankow berichtet Uhlmann von weiteren Ereignissen an diesem Tag in der Geschichte: Von der Rhein-Überquerung der Amerikaner bei Remagen im zweiten Weltkrieg, über die Veröffentlichung von „American Psycho“, dem ersten Mal „We Are The World“-Hören, der Patentierung des Telefons, die erste "Sendung mit der Maus" bis hin zur Gründung der FDJ. Dazu gibt es wunderbare Zeilen wie „Die Menschen spielten wirklich irgendwann mal Tennis“. 
Dass die Technik ausgerechnet bei „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“, dem größten Solohit, der Assoziationen zu einer anderen wichtigen Band im Uhlmann'schen Kosmos zulässt, nämlich Oasis, ist tatsächlich ärgerlich. Wütend wirft Uhlmann den Mikrophonständer um, das Publikum singt währenddessen den Refrain, bevor die Probleme behoben sind und sich der Song als zu erwartendes Highlight beweist. 
Die Zuschauer toben, Uhlmann zieht die Lederjacke aus, steht im schwarzen T-Shirt vor den Zuschauern, lässt sich feiern. Die Strophen entfalten ihre glänzende Wirkung mit dem aufbäumenden Einsetzen des Refrains erst richtig. Ein Feedback hallt nach, tosender Applaus. 
„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht; Casper aus Bielefeld kann heute nicht bei uns sein. Jetzt die schlechte, ich muss selbst rappen.“ „& Jay Z singt uns ein Lied“ markiert den Schlusspunkt eines starken Konzerts, das den Ausfall Turners fast vergessen macht. Die Zuschauer singen den ikonischen Song eindrucksvoll mit, dann käme Caspers Einsatz, Uhlmann beginnt zu rappen; „Mehr Kraft als Mut mit mehr Schnaps als Blut / In den Augen, Taumel durch die Nacht im Flug schlafimmun / Ab und zu Lebenslichter schwebenden Songs / Hab' 99 Probleme, wir sind jedes davon“, dann bricht er ab, der Refrain setzt verfrüht ein, die Zuschauer spielen euphorisiert mit. 
Verschwitzt und strahlend lächelnd verabschiedet sich Uhlmann mit einer Verneigung: „Wenn ich daran denke, mit Gaslight Anthem auf einer Bühne zu stehen, geht mir einer ab! Und Tocotronic sollen 'Jenseits des Kanals' spielen. Wir sehen uns bald!“ 
 45 Minuten nach dem verspielten Piano-Intro von „Römer am Ende Roms“ ist man begeistert. Es gelingt ihm, Menschen glücklich zu machen - auch das scheint ein Standard zu sein. Das ist das größte Kompliment, das man Uhlmann machen kann. Er ist auf einem guten Weg, seine Stellung als deutscher Musiker in der Tradition Springsteens zu festigen, ohne ins bloße Epigonentum abzufallen. Ich gratuliere!


Setlist Thees Uhlmann & Band, Großpösna:

01: Römer am Ende Roms
02: Das Mädchen von Kasse
03: Vom Delta bis zur Quelle
04: Die Toten auf dem Rücksitz
05: Die Nacht war kurz (ich stehe früh auf)
06: Lat: 53.7. Lon: 9.11667
07: Am 07. März (neu)
08: Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
09: & Jay Z singt uns ein Lied


Links:
- aus unserem Archiv:
- Thees Uhlmann & Band, Mannheim, 01.06.2013 
- Thees Uhlmann & Band, Haldern, 09.08.2012
- Thees Uhlmann & Band, Scheeßel, 23.06.2012
- Thees Uhlmann & Band, Trier, 10.12.2011
- Thees Uhlmann & Band, Köln, 25.11.2011
- Thees Uhlmann & Band, Bielefeld, 12.12.2010
- Tomte, Wien, 05.09.2009
- Tomte, Mülheim, 25.03.2009

Freitag, 7. Juni 2013

Thees Uhlmann & Band feat. Casper, Maifeld Derby 2013, 01.06.2013

0 Kommentare

Konzert: Thees Uhlmann & Band feat. Casper
Ort: Maifeld Derby 2013, Mannheim
Datum: 01.06.2013
Dauer: 70min
Zuschauer: sehr gut gefülltes Palastzelt, max. ca. 3000


Sämtliche großartige Bilder von Christoph! Danke!

Was kann man zu Thees Uhlmann schon noch groß sagen? Oder besser gesagt was kann man nicht über ihn sagen? Lebende Legende! Gevatter Indie (für diesen Ausspruch immer und immer wieder Credits an Casper!)! Die Liste der persönlichen Errungenschaften nimmt kein Ende, wenn man nur mal an Tomte denkt oder die kleine Tatsache, dass Herr Uhlmann mit Reimer Bustorff und Marcus Wiebusch vor nun mehr als 10 Jahren das legendäre Indie-Label „Grand Hotel van Cleef“ ins Leben rief und zwar einfach „weil unsere Musik einfach Niemand wollte und dann haben wir das eben selbst gemacht“. Das Thees Uhlmann immer noch kompromisslos für Indie-Musik steht und dafür eintritt, sollte sein Auftritt an diesem Abend mehr als deutlich machen!

Sowie Thees endlich nach seiner Band die Bühne betrat, brach das gesamte Palastzelt sofort in tosenden, sympathisierenden Beifall aus. Das Set bestand selbstredend zum Großteil aus Songs seines ersten Solo-Albums „Thees Uhlmann“, die dem Publikum mittlerweile merklich ans Herz gewachsen sind (Fanboys in der ersten Reihe, die Thees mit herzzereißender Begeisterung jede Silbe entgegenschrien, auch wenn viele unter ihnen sich vermutlich immer noch fragen werde, was denn nun mit Tomte werden wird). Los ging es mit „Römer am Ende Roms“, das noch mit einer vergleichsweise kurzen Ansage angekündigt wurde. Wer Thees Uhlmann schon einmal live erleben durfte, der weiß, dass er ein Mann der vielen Worte ist. Das mag manchen vielleicht nicht gefallen, ist ihm aber glücklicherweise vollkommen egal, wie man bei der Ansage zu „Sommer in der Stadt“ live miterleben durfte. Thees trug eine einigermaßen lange Anekdote vor und irgendein respektloser Mensch im Publikum meinte wohl, es sei total witzig ihn mit einem Gummiband abzuwerfen. Das Geschoss mit einem kurzen, abfälligen Blick bedenkend, meinte Thees nur „Also bei uns in Hamburg wirft man wenigstens mit Bengalos und nicht so beschissenen Raverbändern!“ Recht hat er und unbeirrt ging es weiter.


Genau dies meine ich mit Kompromisslosigkeit und der gesamte Auftritt trug eine deutliche eigene Handschrift, da Thees Uhlmann einfach das macht, was er gerne macht und sich auch nicht scheut es auf eigene Art und Weise zu machen. Ein weiteres Highlight auch die Tatsache, dass Thees es erwähnenswert fand das Maifeld an sich und das „kleine Dorf namens Indie“ und die gesamte Szene zu zelebrieren und das Lied „Lat:53.7 Lon 9.11667“ allen Anwesenden und Helfern beim Maifeld zu widmen. Obwohl der Tag wirklich schon lang und anstrengend gewesen war, so belebte mich der Auftritt wieder mit Energie und es war toll dabei sein zu dürfen. Spannend erwartet selbstverständlich auch die neuen Lieder des im Spätsommer erscheinenden zweiten Soloalbums von Thees. Auf Uhlmann'sche Art anmoderiert, gab es zunächst „Zugvögel“, das man bereits in einer Videogrußbotschaft vor den Festivals auszugsweise hören durfte und auch live sehr vielversprechend klang und gegen Ende des Sets noch „Die Bomben meiner Stadt“, das mir zugegebenermaßen eine Portion Skepsis abverlangte, aber man wird sehen, wie das im Endeffekt auf dem Album klingt.


Nach „17 Worte“ dann der große Moment, um den ich das Universum angefleht hatte: die zweite Strophe von „& Jay-Z singt uns ein Lied“ neigt sich dem Ende zu, der Refrain setzt wieder ein, mein Puls liegt bei circa 200 und dann passiert es tatsächlich genauso verrückterweise, wie ich es bereits letztes Jahr bei „10 Jahre GhvC“ miterleben durfte: Casper springt auf die Bühne und rappt seinen Part in „& Jay-Z singt uns ein Lied“! Das war einfach nur wundervoll. „Auf & Ab, Euphorie und zuckersüße Lethargie. Weg und Ziel zugleich, nur noch Fragen die blieben, für die Komödie gezahlt, aber für das Drama geblieben.“ Eine meiner persönlichen Lieblingspassagen, in einem an sich bereits wundervollen Song. Casper rappt mit solcher Vehemenz und Kraft, wie man es gewohnt ist und das sowieso schon tobende Palastzelt nimmt den Lautstärkepegel an, den man von Caspers Konzerten gewohnt ist: ohrenbetäubend! Ich persönlich war zu diesem Moment und von diesem Moment an schon etwas weggetreten, einfach da ich mir das genauso so sehr gewünscht habe und Caspers geschriene Frage „MANNHEIM? HABT IHR NOCH BOCK?!“ konnte ich vor lauter Begeisterung schon gar nicht mehr richtig beantworten.



Pure Gänsehaut und Glückseeligkeit, als die ersten Töne von „XOXO“ das Zelt erfüllen und ich kann nicht mehr klardenken. Ein Privileg für jeden Fan diese Kombination aus den beiden Features im Original einmal miterleben zu dürfen und ich weiß nicht wohin mit meiner Begeisterung. Im Zweifelsfall einfach Springen und Mitschreien, bis man nicht mehr kann und genau das mache ich dann auch! Das Casper, der meines Wissens nach an diesem Abend zum ersten Mal seit Dezember 2012 auf der Bühne stand und einfach nur noch vor sich hingrinste und strahlte, das Publikum beobachtete und auf die gewohnte rauhe Art und Weise anwies angebrachterweise auszurasten, war auch wunderbar mitzuerleben, da man ihm spürbar anmerkte, wie sehr er es genoss wieder auf der Bühne zu stehen und gar nicht wusste, wohin mit der aufgestauten Energie. Um mich herum nur noch Fangesänge des Refrains von „XOXO“, Gekreische von Indiegirls, man springt, liegt sich in den Armen und genießt diesen besonderen Moment. Wie perfekt sich Thees Uhlmann und Casper widersprechen und zugleich ergänzen lässt sich bereits an den beiden Features ablesen, allerdings nimmt das live noch eine andere Dimension an, wenn sich die beiden förmlich in den Armen liegen und Casper vor lauter Begeisterung seinen Einsatz zur zweiten Stophe von „XOXO“ verpasst. So muss das sein! Ich werde jetzt nicht die passende Textstelle aus „XOXO“ dazu zitieren, da sich jeder Casper-Fan genau denken kann, was man hier jetzt schreiben könnte! Es war einfach wunderbar.



Auch wenn die beiden neuen Songs mich noch nicht hundertprozentig überzeugen konnten, konnte Thees Uhlmann an diesem Abend abermals seinen Status als lebende Legende, als Hamburger Original (ja, ich weiß, dass er eigentlich aus Hemmoor kommt!), als kompromisslos guter, sehr souveräner Entertainer unterstreichen und lieferte mir insbesonders durch den Gastauftritt von Casper die Kirsche auf der Sahnehaube auf dem Törtchen, dass sich Maifeld Derby Wochenende nannte – und das bereits am Samstagabend. Man könnte mir vorwerfen, dass der Vergleich minimal dick aufgetragen ist, aber für mich fühlte es sich haargenau so an. Wir verließen schweigend das Gelände, stiegen schweigend ins Auto und fuhren schweigend nach Hause. Und zwar vor Begeisterung strahlend, weil wir ausnahmsweise mal keine Worte mehr fanden. Das muss man erstmal hinbekommen. Einfach nur „DANKE!“ für das erste Highlight des noch jungen Festivalsommers!


Setlist: Thees Uhlmann & Band feat. Casper, Maifeld Derby 2013, 01.06.2013

01: Römer am Ende Roms
02: Das Mädchen von Kasse 2
03: Vom Delta bis zur Quelle
04: Zugvögel (neu)
05: Lat: 53.7 Lon: 9.11667
06: Sommer in der Stadt
07: Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
08: 17 Worte
09: & Jay-Z singt uns ein Lied (mit Casper)
10: XOXO (mit Casper)
11: Die Bomben meiner Stadt (neu)

12: Die Nacht war kurz (ich steh früh auf) (Z)
13: Die Toten auf dem Rücksitz (Z) 

Das gesamte Fotoset von Christoph hier: http://www.flickr.com/photos/-christoph-/with/8971731165/


 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates