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Samstag, 18. Juli 2015

Phonopop Festival, Rüsselsheim, 11.07.15

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Konzert: Phonopop Festival
Ort: Rüsselsheim
Datum: 11. Juli 2015
Dauer: 8 h
Zuschauer: ca. 2000


Mein erster Ausflug zum Phonopop-Festival sollte zugleich auch mein letzter sein. Das 10-jährige Jubiläum nehmen die Veranstalter gleichzeitig zum Anlass, ihren Abschied bekannt zu geben und damit auch die Biografie des Phonopop zu beenden. Am Ende des Samstagabends bleibt mir die kleine Hoffnung, dass der Abschied vielleicht in wenigen Jahren rückgängig gemacht wird, wenn die Lust und Freude am Organisieren doch wieder groß genug und der Verlust dieses feinen Festivals zu schmerzhaft wird. 
Dieses Festival war für mich eines der wohltuend kleinen und sehr feinen im großen Chor all der Sommerfeste, die um Zuschauer buhlen. Das beginnt mit einer sehr konsequenten Künstlerauswahl, dem Verweigern gegen Mode- und Radiotrends und dem Vertrauen auf den eigenen Geschmack und damit auf Künstler, die nicht jedem bekannt sind und damit bei den Besuchern immer wieder Entdeckerlust wecken. Das geht weiter bis zur liebevoll ausgestalteten Location im alten Opel-Werk in Rüsselsheim. Da wird für Erfrischung mittels Wassersprühschlauch gesorgt, da hängen große Origami-Vögel in den Bäumen und die Fenster auf dem Weg zwischen den beiden Bühnen sind nachts von innen stimmungsvoll beleuchtet.
Die beiden Bühnen des Festivals liegen 2 Höfe auseinander und werden abwechselnd bespielt, so dass man jede Band sehen und hören kann. Das spart Zeit beim Umbau und gibt jedem die Chance, alle Konzerte mitzunehmen und den Künstlern die Möglichkeit, alle Gäste vor ihrer Bühne zu versammeln. Außerdem bleibt man zwischen den Konzerten in Bewegung und für mich mit Kamera war es perfekt, um für die Fotos immer einen Platz in bester Sichtweite zu bekommen.

Inner Tongue
Als ich das Gelände betrete, spielen Inner Tongue gerade ihre letzten Songs. Die Wiener Band blieb mir daher nicht so recht in Erinnerung.

Caroline Keating
Ihr Album „Silver Heart“ begleitet ich seit geraumer Zeit immer wieder und deshalb freute ich mich auf ihren Auftritt besonders. Caroline Keating begleitete sich selbst an ihrem E-Piano und spannte einen Bogen über bekannte und neue Songs. So sparsam der Auftritt instrumentiert war so spannungsreich wirkte doch ihre Stimme und fesselten ihre Lieder die Zuhörer knappe 45 Minuten.

Still Parade
Die ersten Takte, die ersten Songs verbreiteten Sommergefühle und passten zu den Temperaturen. Irgendwie war es, als ob der Strand gleich um die Ecke lag. Still Parade aus Berlin werden mit ihrer Musik in der Kategorie Dreampop/Dreamfolk verortet, für mich spielten sie ziemlich luftige Popsongs und sorgten so schon für ausgelassene Stimmung und Erfrischung. Auf jeden Fall werde ich diese Band und ihre Entwicklung weiter verfolgen.

John Bramwell
John Bramwell ist der Sänger von I Am Kloot und hier und heute als Solist unterwegs. Gerade so hat er es vom Flughafen nach Rüsselsheim geschafft, dabei seine Gitarre aber am Gepäckband nicht bekommen. Die Organisatoren haben ihm schnell einen Ersatz besorgt und so Stand dem Konzert nichts im Wege. I Am Kloot habe ich vor 2 Jahren im Dresdner Beatpol gesehen und höre nun die Songs der Band in einem akustischen Gewand. Heute leben sie von John Bramwells Stimme und der Art, wie er die Songs ankündigt und dann vorträgt. Lustig ist es schon, wenn er verschiedene Songs mit den selben Worten ankündigt als Lieder, die vom Trinken und Problemen handeln. Dann versenkt er sich in die Akkorde, schließt die Augen und lässt die Songs über den Hof fliegen.

Tiger Lou
facebook.com/TigerLou.official 2008 veröffentlichte die schwedische Band ihr letztes Album „A Partial Print“ und begeisterte mich damit vollkommen. 2 Konzerte ihrer anschließenden Tour habe ich besucht und dann wurde es ruhig um die Band, ihr Frontmann Rasmus Kellerman veröffentlichte noch ein recht katastrophal belangloses Soloalbum und damit hatte ich die Band aufgegeben. Um so erfreuter war ich, als ich las, dass Tiger Lou an neuem Material arbeiten und für 3 Konzerte nach Deutschland kommen, unter anderem zum Phonopop. Tiger Lou waren für mich der Anlass, die Tickets zu holen und hierher zu kommen. Und sie enttäuschten mich nicht. Tiger Lou präsentierten sich in Bestform, wie man bei Sportlern sagen würde. Die typische Bandbesetzung erweiterte diesmal Amanda für 2 Titel an der Trompete. Es gab bekannte Songs der bisherigen Alben und 2 neue als Ausblick auf eine demnächst erscheinende EP. Tiger Lou spielten sehr energiegeladen und mit einer Spielfreude als wären sie nie weg gewesen. Die neuen Songs fügten sich nahtlos in das Gesamtkonzert ein und so war ich mit der Band versöhnt und freue mich auf weitere Konzerte und Veröffentlichungen.

Okta Logue
Wir nähern uns dem Abendprogramm und damit den beim Publikum bereits mehrheitlich bekannten Künstlern. Und Okta Logue gehören als Lokalmatadoren quasi dazu. Hier haben sich Pink-Floyd-Jünger gefunden, die Riffs weitergesponnen und eigene Songs daraus entwickelt. Mittlerweile gibt es 2 Alben, Okta Logue waren schon als Vorband von Portugal.The Man unterwegs, wo ich sie zum ersten Mal wahrgenommen habe. Beim Phonopop haben Sie die Akzente - absichtlich oder nicht - so auf die Musik gelegt, der Gesang war kaum zu verstehen. Für mich ein bisschen schade, für die Fans war das offenbar kein Nachteil, die Band wurde gefeiert.

Two Gallants
Diese Band war für mich wie ein Meteoriteneinschlag. Ich hatte bisher nichts von ihnen gehört und ließ mich an dem Abend einfach überraschen. Und dann begannen Adam Stephens und Tyson Vogel ihr Set mit Gitarre und Schlagzeug und spielten nach dem Motto, hier werden keine Gefangenen gemacht. Es gab von Anfang ordentlich auf die Ohren und mächtig Druck aus den Boxen. Dabei spielen die beiden schon auch die feinen Saiten und streicheln die Becken. Dennoch schien es mir immer wieder, als arbeiten sich Two Gallants an einer inneren Zerrissenheit ab und finden Zuflucht nur im Aufbau von Klangkaskaden und -gewittern. Kurz gab es Erholung für das Publikum, als Adam Stephens sich ans Piano setzte. So gewaltig sich der Auftritt in die Ohren und Augen prägte, so wenig berührte mich die Band innerlich.

TripAdLib
Nicht nur beim Kosmonautfestival gibt es geheime Headliner. Auch beim Phonopop war ein Überraschungsgast angekündigt. Aus Mainz kommt TripAdLib und spielt einen Clubsound den ich nur aus Konserven kenne. Anfangs war ich überrascht, neben 2 Computern auch Schlagzeug und Bass auf der Bühne zu sehen, mit zunehmender Dauer ist diese Art Musik für mich leider zu langweilig.


Inzwischen war es spät in der Nacht und meine Energie auf The Temples zu warten erschöpft. So gibt es von mir leider keinen Bericht zum Finale und der allerletzten Band des Phonopop. Bleibt der Gesamteindruck, dass ich dieses Festival leider viel zu spät entdeckt habe und es bleibt die schwache Hoffnung, dass das Phonopop vielleicht doch irgendwann wieder ersteht.

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Mittwoch, 15. Juli 2015

Phono Pop Festival X, Rüsselsheim, 10. & 11. Juli 2015

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Konzert: Phono Pop Festival X
Ort: Altes Opelwerk, Rüsselsheim
Datum: 10. & 11. Juli 2015
Zuschauer: ein paar hundert, es hätten ruhig noch ein paar mehr sein können


Man könnte schon ein bisschen wehmütig werden, wenn man am späten Freitagnachmittag vom Opel-Bahnhof an den Bahngleisen entlang im angenehmen Sonnenschein zum Klinkerbau des alten Opelwerks in Rüsselsheim läuft, die Statue des Firmengründers vor dem Eingang wie einen alten Bekannten begrüßt und kurz darüber nachdenkt, dass dies aller Voraussicht nach das letzte Phono Pop Festival sein wird. Tatsächlich gilt es aber natürlich zuerst noch einmal dieses traumschöne und liebevoll organisierte Festival in vollen Zügen zu genießen und damit dies ungetrübt der Fall sein kann, wartet die diesjährige Ausgabe mit Kaiserwetter und einer extrem gelungenen Bandauswahl auf. 


Mit den fünf Jungs von Yesterday Shop geht’s gleich mal schön poprockig los, phasenweise sogar mit doppeltem Schlagwerk. Die nachzulesenden Coldplay-Einflüsse der mittlerweile aus dem Raum Reutlingen nach Berlin übergesiedelten Band sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Live haben die Songs allerdings erheblich mehr Druck und Energie als die Studioaufnahmen. Ein bisschen fehlt vielleicht noch der eine, wirklich hängen bleibende Megasong, aber die Chancen hierfür stehen bestimmt nicht schlecht. Ein sehr schöner Auftakt.  


Sehr haarig schließen sich auf der etwas größeren zweiten Bühne im nächsten Hof einmal um die Ecke die aus Oklahoma stammenden Other Lives an. Ganz gelingt es mir um diese Tageszeit noch nicht mich auf die träumerisch mehrschichtigen durchaus sehr spannenden Klänge der Amerikaner einzulassen. Zusätzlicher Trompeteneinsatz, Orgelklänge, Violinen, ein bisschen Glockenspiel und die etwas klagend klingende Tonlage von Sänger Jesse Tabish haben auf jeden Fall großes Potenzial, einen in ganz andere Welten zu entführen und ich hoffe auch, dass ihnen das bei unserer nächsten Begegnung gelingen wird. 


Erlend Øye sieht ein bisschen aus wie ein zu groß geratenes Bandenmitglied der Kleinen Strolche, auch wenn er dieses Jahr noch 40 wird. Und seine Fröhlichkeit ist unglaublich ansteckend. Er war mir mit seinen musikalischen Projekten stets irgendwie präsent. Die Kings Of Convenience liefern einen nahezu immer geeigneten Soundtrack für einen gemütlichen Abend mit Freunden und The Whitest Boy Alive habe ich leider zweimal live knapp verpasst. Um so schöner, dass es jetzt endlich klappen sollte und das neue leicht reggaeangehauchte Album Legao ist wie geschaffen für diesen angenehm lauen Sommerabend auf dem Fabrikgelände. 
Eine nette Auffrischung des kürzlichen Islandaufenthalts gab’s auch noch. Kaum war mir zu Ohren gekommen, dass der groß gewachsene Mulitinstrumentalist hinterm Keyboard ja übrigens Isländer sei, durfte Siggi auch schon die gesamte Bühne übernehmen und ein Lied in seiner lustig klingenden Muttersprache zum Besten geben. Und weil der Norweger Erlend überwiegend im viel sonnigeren Italien lebt und zwei Bandmitglieder seiner Rainbows Italiener sind, gibt’s auch noch ein bisschen gesungenen Italienischunterricht. Vielen Dank liebe Phono Pop Macher für diesen perfekten Headliner des ersten Abends. 


Meine jährliche Dosis Hip-Hop hatte ich gewissermaßen schon die Woche zuvor auf dem ATP Iceland mit einem packenden Auftritt der Altrapper Public Enemy gedeckt. Was Käptn Peng & die Tentakel von Delphi in Sachen deutschem Hip-Hop gekonnt zusammenreimen, macht ebenfalls Spaß und fehlender Einsatz von Audiosamples, also sozusagen handgemachter Live-Rap, kriegt mich dann auch durchaus ein zweites Mal. Um den Wortwitz nachzuvollziehen, muss ich dennoch bei Gelegenheit, vermutlich unter Zuhilfenahme von Google & Co, noch ordentlich nachlesen & -hören. Das sehr leckere Festival-Sponsoren-Bier zeigte auch schon Wirkung. 


Pünktlich und wieder nüchtern geht’s am nächsten Tag für uns weiter. 


Caroline Keating erzählt uns erstmal wie besonders stolz sie auf ihre tolle orangefarbene Hose heute sei, als sie sich am frühen Mittag an ihr E-Piano setzt. Die Hose schmeichelt ihrem sommersprossigen Teint tatsächlich ausgesprochen und die Kanadierin versteht es außerdem hervorragend ihren entzückenden Charme mit ihrer zarten Musik zu verbinden. Singer/Songwriterin am Klavier klingt ja mal zunächst nicht sonderlich aufregend. Ist es aber. Es war absolut zauberhaft und mir fehlten auch keine Begleitmusiker. Nach eigenem Bekunden arbeitet sie derzeit fleißig an neuem Material auf das man sich bereits freuen kann.


Am Samstag parkt ein Eistruck auf dem Weg zwischen den beiden Bühnen und eigentlich kommt man da nicht ohne ein Eis zu kaufen dran vorbei. Im Adamshof spielt sich John Bramwell , wahrscheinlich etwas besser bekannt als Sänger von I Am Kloot, ganz alleine warm. Der Hof war leer. Ein spannender Anblick beim Eisschlecken. 
Als es dann wirklich losgehen soll, ist der Gitarre zunächst kein verstärkter Ton zu entlocken. Der gute Herr Bramwell war nämlich ohne seine Gitarre in Rüsselsheim gelandet und tat sich mit dem fremden Ding etwas schwer. Und auch seine Setlist und sein Handy waren wohl abhanden gekommen wie er im Lauf des Auftritts erzählt. Weil er daher nicht selbst in der Lage ist ein Erinnerungsselfie zu machen, wurde kurzerhand der am Bühnenrand stehende Fotograf nach oben gezerrt, um einen winkenden Engländer und ein jubelndes Publikum von hinten zu fotografieren.


Nach einem weiteren Lied – die Gitarre funktionierte inzwischen - hüpft er von der Bühne und nimmt einem rauchenden Mädchen die Kippe aus der Hand, um mal kurz einen Zug zu nehmen. Er rauche ja schon länger nicht mehr, aber bei so einem Konzert …! Einmal sei er mit dem neu aufgenommenen Demotape im Autoradio durch die Gegend gefahren und wäre so entzückt von seinem eigenen neuen Song gewesen, dass er vor Rührung kurz habe anhalten müssen. Er lacht. „The sad thing about it, it’s a true story.” 


Ein bisschen selbstverliebt, herrlich britisch, leicht verschroben, einen Zahnarzt könnte er vielleicht auch bei Gelegenheit mal wieder aufsuchen. Aber er ist auch grundsympathisch und ich persönlich mag solche Geschichtenerzähler ausgesprochen gern, vor allem dann, wenn sie auch musikalisch noch zu überzeugen wissen und das tut John Bramwell mit seinem Können an der Leihgitarre und seiner ganz leicht knarzigen, sehr angenehmen Stimme zwischen Blues und Singer/Songwriter-Rock. 



In jedem guten Festival-Lineup sollte eigentlich eine schwedische Band enthalten sein. Am Samstag wird dieser Slot mit der Rückkehr von Rasmus Kellermans Bandprojekt Tiger Lou gefüllt, das mal wieder alles hat, was schwedische Musik häufig ausmacht: poppig, tanzbar, ein bisschen folkig und trotzdem melancholisch, sehnsuchtsvoll und traurig.

 
Schnipo Schranke muss man vermutlich lieben oder hassen. Mir ist das Soundkonstrukt etwas zu eintönig und die Texte treffen ganz und gar nicht meinen Wohlfühlbereich. Zu viel Kopfkino für mich, aber ich kann auch verstehen, dass viele Zuhörer von den rotzigen Ansagen und schamgrenzwertigen Zeilen fasziniert sind. Es ist auf jeden Fall anders und alles andere als gewöhnlich.


Die vier Herren von Okta Logue sind badeseetauglich gekleidet als sie kurz vor 8 die große Bühne betreten. Vielleicht kommen sie ja direkt da her. Sie haben es schließlich nicht weit nach Rüsselsheim, obwohl sie so ganz und gar undeutsch und auch ein bisschen aus der Zeit gefallen klingen mit ihren breiten psychedelischen Soundwänden mit viel Orgeleinsatz. Großartig und schön zu beobachten. Einzige kleine Einschränkung: Im dunklen Club mit einem Hauch Alkohol im Spiel gefallen sie mir noch ein ganz kleines bisschen besser. Da würde ich mich dann auch nicht so sehr an den Äußerlichkeiten aufhalten.


Nach den vielen wunderschönen ruhigen Momenten freuen wir uns nach der Okta Logue Einstimmung sehr auf eine Runde laut und krachig. Eigentlich dürfte ich das als Stuttgarterin ja noch nicht mal laut sagen, aber ich hatte es bis dahin tatsächlich nicht geschafft, die spätestens seit Anfang des letzten Jahres schwer gehypten Die Nerven live zu sehen. Man nimmt ja immer an, dass sich die Gelegenheit in der Heimatstadt einer Band dauernd und immer wieder ergeben wird.


 
Auch war ich noch etwas skeptisch, nachdem ein Freund gemeint hatte, dass er tatsächlich drei Anläufe benötigt hätte, um die drei Jungs richtig gut zu finden. Die wird es für mich tatsächlich nicht brauchen, auch weil die Band zwischenzeitlich vermutlich genug Erfahrung gesammelt hat, um sich nochmal zu verbessern und live schon mit dem ersten Song zu überzeugen. Ich hatte irgendwie mehr Schrammel- Drei-Akkord-Punk erwartet, weil reingehört hatte ich auch noch nicht in der gebotenen Ausführlichkeit. Das allerdings sehr bewusst, denn Die Nerven machen Musik, die mich primär erstmal live kriegen muss.


Bassist Julian Knoth und Gitarrist Max Rieger wechseln sich beim Gesang ab oder singen auch schon mal gemeinsam und das so gut und harmonisch, dass man den dunklen, häufig zornigen Texten durchaus folgen kann. Tausendsassa Kevin Kuhn am Schlagzeug trommelt wie irre und hat eine Mimik, die The Animal aus der Muppet Show alt aussehen lassen. Der Punk klingt durch, aber es ist viel mehr. Schön postrockig düster, laut und tanzbar. 


Leider hatten es Two Gallants nach dem packenden Nerven-Erlebnis ziemlich schwer bei mir. Obwohl die beiden Amerikaner durchaus in der Lage sind, wie eine mindestens 6-köpfige Band zu klingen. Sänger/Gitarrist/Keyboarder Adam Stephens verfügt über eine wahnsinnige Rockröhre und Tyson Vogel versteht sein Handwerk an den Drums ebenfalls bestens . Nach den ersten zwei Liedern kommt die vor bald drei Jahren schon mal erlebte Energie der beiden schließlich doch noch an und auch wenn die neuen Lieder nicht ganz an das ältere Material heranreichen, bleiben die Kalifornier für mich die vielleicht beste Rock-Blues-Folk-Umsetzung im minimalistischen Zweierteam.


Vor den Temples verabschieden sich die drei Macher des Phono Pops tatsächlich unter auffordernd gemeinten Pfiffen und traurigen Buh-Rufen von ihrem letzten Publikum. Es war grandios. Wie erwartet und auch wenn ich nach 8 Stunden Musik und fast so viel Sonne langsam etwas erschöpft bin, sind die Temples mit ihrer retropsychedelischen Musik, deren moderne Anleihen an 60er-Jahre Beatles und Co von den jungen Engländern hervorragend umgesetzt werden, ein gelungener Ausklang dieses ganz und gar gelungenen Festivals.


Weitere Bilder:


Montag, 11. Juli 2011

Bright Eyes, Wien, 05.07.11

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Konzert: Bright Eyes (Jenny and Johnny & Two Gallants)
Ort: Arena Open Air, Wien
Datum: 05.07.2011
Zuschauer: voll, etwa 3000
Konzertdauer: Bright Eyes 130 Minuten


Als Conor Oberst samt Musikerschaft die Bühne des Arena-Geländes betrat, klang der Regen langsam ab, der Himmel brach auf und warmes Sonnenlicht der letzte Strahlen tauchte alles in ein tolles Licht.

Klingt kitschig, war es auch, passt außerdem ganz gut zu Bright Eyes. Falls Herr Oberst samt (dieser) Band zur Zeit seine letzte Tour bestreitet, dann war dieser Abend ein würdiger Abschied.

Zuerst waren aber mal die Kalifornier von Two Gallants dran, eine Zweimannband mit der interessanten Besetzung Gesang/Schlagzeug.

Mit einigen großartigen Auftritten haben sich die beiden in Wien eine durchaus beachtliche Fangemeinde erspielt, die Tatsache, dass sie auf Conor Obersts Label Saddle Creek gesigned sind, dürfte zusätzlich den Ausschlag für die Entscheidung des Veranstalters, eine weitere Vorband zu engagieren, gegeben haben.

Diese Rechnung sollte aufgehen, Two Gallants spielten sich und das Publikum in einen kleinen Rausch, am Ende der 50 Minuten setzte es heftigen Jubel. Ob Jenny and Johnny dieser Vorlage nahekommen konnten?

Das Pärchen Jenny Lewis und Jonathan Rice bot recht netten, countryesken Folkpop (reichlich beliebig kategorisiert, ich weiß), der irgendwie nicht zu überzeugen wusste. Mich nicht und die meisten anderen auch nicht. Jedenfalls war auf dem überdachten Balkon und der angeschlossenen Bar defintiv mehr los, als vor der Bühne - auch weil es zu regnen begonnen hatte.

Gegen Ende hin gefielen mir die beiden Engländer und ihre Band zwar schon besser, dennoch war ich ganz froh, als sie das Feld räumten. Vielleicht bietet sich mal die Chance, in einem anderen Ambiente eins ihrer Konzerte neu zu erleben, an diesem Abend hatten Jenny and Johnny aber eher den Charakter einer Hintergrunduntermalung.

Zurück an den Anfang: Zu der etwas entrückten Stimme aus dem Off zu Firewall kamen Bright Eyes auf die Bühne, was ihnen entgegenschlug waren gewaltige Vorschusslorbeeren. Zu lange waren die Amerikaner nicht mehr in Wien gewesen, das merkte man deutlich.

Anfangs war Conor Oberst allerdings noch nicht sehr auf Interaktion mit dem Publikum aus, auch wenn besonders das ältere Four winds enthusiastisch aufgenommen wurde. Er antwortete auf seine Weise: War es auf der gesamten Europa-Tour bislang (sehr zum Missfallen der meisten Fans) ausgespart worden, schüttelte er völlig überraschend We are nowhere and it's now aus dem Ärmel. Was für eine schöne Geste! Dabei hatte ich die Hoffnung, meinen Lieblingssong beim Konzert zu hören, nach Betrachtung der in den Wochen zuvor gespielten Setlists, schon aufgegeben. Aber jetzt flatterte er doch, der yellow bird und verbreitete eine grandios fragile Stimmung. Glück und Gänsehaut - "I don't know if it's true, but I keep it for good luck."

Die folgenden zwei Songs, das live sehr überzeugende Lover I don't have to love und die derzeitige Single Shell Games (für die Gleiches gilt) setzten diese Stimmung fort, dann folgte aber eine Länge-Phase, in der Intensität und Größe der Darbietung etwas abnahmen. War egal, hinter mir lieferten sich der Verkäufer des Würstelstandes und der Crêpes-Bäcker eine interessante Auseinandersetzung, ihr Wienerisch ließ meine Gedanken zum Lua-Cover der Neigungsgruppe Sex, Gewalt & Gute Laune abtreiben...



Es dauerte allerdings nicht lange, bis Bright Eyes den Faden wieder fanden, Conor Oberst wagte sich an immer längere Geschichten und freute sich sichtlich über die Freude und die Konzentration, die das Publikum an den Tag legte.
Insgesamt war beinahe kein Unterschied zwischen der Rezeption alter und neuer Songs feststellbar, alte Klassiker wurden ebenso mitgesungen, wie das neue Material verinnerlicht wurde. Man hatte ein wenig das Gefühl, Conor Oberst könne fast nichts Neues bieten, so gut kannten alle ihn und sein Werk.

Konnte er aber: Nachdem mit dem Ladder Song der reguläre Teil des Konzerts zu Ende gegangen war, zog er eine verblüffende, beinahe befremdliche Show ab. Jeder Musiker wurde eigens vorgestellt und durfte ein kleine Solo zum Besten geben. So weit, so gewöhnlich. Nur die Art, wie Mr. Oberst das tat, erinnerte wahlweise an Stadionrock und die großen Egos von Hip Hop-Superstars: "All the way from fucking Kuhdorf, in the flash....", shoutete er und führte dabei komische Tänzelbewegungen vor.
Ob da wohl eine gewaltige Portion Ironie dahinter steckte? Weiß man bei ihm nie, aber gerade das macht diese interessante Persönlichkeit ja (mit) aus!

Die folgenden Zugaben unterstrichen jedenfalls die unantastbare Bedeutung dieses Musikers: Das schon erwähnte Lua war darunter, mit der immanenten Frage nach der Kluft zwischen Abend und Morgen. Würde man am nächsten Morgen auch noch so angetan von diesem Konzert sein? "Aufd Nacht is immer alles leiwand...", dolmetschte die genannte Neigungsgruppe, leiwand fand ichs am nächsten Morgen auch noch.

Vor allem auch wegen der letzten zwei Songs, die nach einem gemeinsam mit Jenny and Johnny performten Gillian Welch-Cover dran kamen: Das epische Road to joy und One for you, one for me.

"One for the people, one for the parliament. One for the weary, one for the malcontent. One for the master, one for the protégé. One for you, and one for me."
In der Tat war an diesem Abend für jeden was dabei. Für den Fan der ersten Stunde, für Neulinge, für Romantiker und für alte Rocker, für Melancholiker und für lebensfrohe Naturen. Wie es eine Freundin ausdrückte: "Tanzen, lachen, weinen - alles dabei."

Sollte dieser Abend wirklich eine Abschiedsvorstellung gewesen sein, dann darf man sich einerseits glücklich schätzen, dem beigewohnt zu haben, andererseits ist eine große Portion Wehmut angesagt. Die Bühne, von der Conor Oberst abtreten will, wird so einen Ausnahmemenschen nicht so schnell wiederfinden... Wien sagt danke!

Setlist Bright Eyes, Wien, 05.07.2011:

01: Firewall
02: Jejune stars
03: Take it easy (Love nothing)
04: Four winds
05: Bowl of oranges
06: Something vague
07: We are nowhere and it's now
08: Lover I don't have to love
09: Shell games
10: Approximate sunlight
11: Arc of time (Time code)
12: Falling out of love at this volume
13: Triple spiral
14: Cartoon blues
15: Beginner's mind
16: Landlocked blues
17: Hot knives
18: Poison oak
19: The calendar hung itself
20: Ladder song

21: Lua (Z)
22: Wrecking ball (Gillian Welch-Cover) (Z)
23: Road to joy (Z)
24: One for you, one for me (Z)

Aus unserem Archiv:

Bright Eyes, Köln, 21.06.11
Bright Eyes, Wiesbaden, 20.06.07
Bright Eyes, Paris, 30.03.07
Conor Oberst And The Mystic Valley Band, Paris, 13.09.08
Conor Oberst And The Mystic Valley Band, Köln, 11.09.08

Vielen Dank für die Fotos an Christoph!

Dienstag, 27. November 2007

Two Gallants, Paris, 27.11.07

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Konzert: Two Gallants

Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 27.11.2007
Zuschauer: reichlich


"Lern was Ordentliches, damit aus Dir was wird!" Wer hat diese Floskel nicht in (un)-schöner Regelmäßigkeit von seinen Eltern zu hören bekommen?

Adam Stephens und Tyson Vogel von den Two Gallants scheinen da mehr Glück gehabt zu haben. Ihre Eltern waren
heute abend in der Pariser Maroquinerie nämlich sogar im Publikum und dies nicht zum ersten Mal. "Vielen Dank an unsere Eltern, die zum fünften Gig in Folge dabei sind und uns bei dem, was wir machen, sehr unterstützen!". "Allerdings geht es für sie anschließend wieder zurück nach San Francisco". Sänger, Gitarrist und Mundharmonika-Spieler Adam war ziemlich gerührt, als er mit diesen Worten circa. in der Mitte des Konzerts seinen Erzeugern dankte. Muß ja auch ein schönes Gefühl sein, wenn Mami und Papi einem beim Ausüben seiner Leidenschaft zusehen. Toll, wenn Eltern nicht nur Stolz sind, wenn der Filius Anwalt, oder Arzt geworden ist.

Aber wie kann man auch nicht davon überzeugt sein, daß sich die Kinder für den richtigen Weg entschieden haben,
wenn man sieht, wie Stephens und Vogel für ihre Musik leben, ja geradezu in ihr aufgehen. Kaum eine andere Band legt soviel Herzblut, Inbrunst und Engagement an den Tag wie das teuflische Duo aus Kalifornien. Wenn der hagere Adam in sein Mikro krächzt und keift, daß ihm die Adern anschwellen, bleibt kein Auge trocken. Das Gleiche gilt für Tyson. Ich kenne keinen Drummer, der sich an seinem Instrument so verausgabt. Mit seinen langen Haaren betreibt er regelrechtes Headbanging. Mit dem ganzen Körper wippt er auf und ab, hämmert, klöppelt, oder streichelt seine Drums, ganz wie er es braucht. Das allein ist schon das Kommen wert, aber es gibt natürlich auch noch die oft rohen und ungehobelten Lieder zu hören, die von den Two Gallants mit einem Einsatz gespielt werden, als hinge davon ihr Leben ab. Manchmal melancholisch schön, manchmal aber auch hart und punkig, immer aber versehen mit herrlich zynischen und desillusionierten Texten. "I killed my wife today, dropped her body in the frisco bay, i had no chance it was the only way" ("Steady Rollin"), " I put you in my collection of regrets" ("Las Cruces Jail"), oder auch "who is gonna save me from myself?" ("Crow Jane"), wer textet schon süß-saurer? Und wer ist schon fleißiger als das amerikanische Duo? Vor ein paar Monaten erst, ist ihre wunderschöne, in Moll gehaltene EP "The Scenery Of Farewell" erschienen, da gibt es mit dem neuen Longplayer , der schlicht nach der Band benannt ist, schon wieder Nachschub. Von diesem stammten auch die beiden frühgespielten Stücke "Despite What You've Been Told" und "Reflections Of The Marionette", ansonsten aber...nichts! Erstaunlich, aber wahrscheinlich wollten sie nicht bloß Neues herunterleiern, sondern den Fans eine kunterbunte Mischung aus dem ersten Album "The Throes", dem Nachfolger "What The Toll Tells", der erwähnten EP und dem neuesten Output bieten. Zwei meiner Favoriten wurden immerhin hintereinander gespielt und zwar das traumhafte "Seems Like Home To Me", bei dem selbst der härteste Cowboy eine Träne verdrücken könnte und gleich im Anschluß das nicht minder wundervolle "Steady Rollin", bei dem neben den oben zitierten Textzeilen auch die Stelle "i'm waltzing with the holy ghost" sehr amüsant ist. Etwas verwundert war ich allerdings, daß sie später von der klaifornischen Band Happy Campers ein Lied coverten, obwohl sie doch so viel eigenen, spielenswerten Stoff hatten. Das Cover war zwar durchaus gelungen, ich hätte mir allerdings lieber "Threnody" gewünscht oder auch alternativ "The Hand That Held Me Down" bzw. "The Prodigal Son". All diese Perlen kamen aber nicht mehr, was wirklich sehr schade war. Zumindest der Folk-Punk Klassiker "Las Cruces Jail" (mein Gott, die Kuttner!) wurde dem Publikum aber nicht vorenthalten und so tanzten und sangen dann auch Franzosen, zahlreiche Amerikaner und auch Deutsche (neben mir standen noch zwei andere "Germans") zu dem bekanntesten Song der Band. Es sollte vorerst der Letzte sein. Aber wirklich nur vorerst. Denn entgegen der Aussage von Adam Stephens "we have almost finished yet", die nach circa 50 Minuten Spielzeit kam, ging es noch ziemlich lange weiter. Am Ende hatte das Duo über 100 (!) Minuten mit höchstem Einsatz gespielt. Vorangegangen war eine erste Zugabe, "Waves Of Grain", die sich auf für die Gruppe typische Weise über 10 Minuten hingezogen hatte, ein anschließendes Verschwinden der Burschen und die zweite Widerkehr mit dem mir bisher nicht bekannten "Damnatio Memoriae". Ein gutes Stück zweifelsohne, aber "Linger On" wäre mir lieber gewesen. Mein lauthals herausposaunter Wunsch, diesen Schmachtfetzen doch bitte zu spielen, blieb jedenfalls unerwidert. Mit " Crow Jane" vom ersten Album ("The Throes") wurde dann aber noch ein würdiger Abschlußtitel ausgewählt. Adam hatte sich wieder einmal die Seele aus dem Leib geschrien und Tyson's Arm war sicherlich weichgeprügelt. Sehr schön, daß ihre Eltern das unterstützen...

Setlist Two Gallants, Paris, La Maroquinerie:

01: Two Days Short Tomorrow
02: Despite What You've Been Told
03: Reflections Of The Marionette
04: Instrumental
05: Liza Jane (B-Seite)
06: Long Summer Day
07: Seems Like Home To Me, übergehend in
08: Steady Rollin'
09: Drive My Car
10: Happy Campers Cover11: Instrumentalintro übergehend in
12: Las Cruces Jail

13: Waves Of Grain (Z)

14: Langes Intro, übergehend in:
15: Damnatio Memoriae (Daytrotter Session 2006) (Z)
16: Crow Jane (Z)

Photos mit freundlicher Genehmigung von Robert Gil, der auf seiner Webseite photosconcerts inzwischen Bilder von über 2000 (!) Konzerten hat. Merci Robert!



Sonntag, 5. August 2007

Two Gallants, Haldern-Pop, 02.08.07

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Konzert: Two Gallants

Ort: Rees-Haldern (Haldern-Pop Festival)
Datum: 02.08.2007
Zuschauer: voll


Zu meiner Freunde hatten die Veranstalter auch das teuflische Duo Tyson Vogel (Schlagzeug, Gesang) und Adam Stephens (Gesang, Gitarre) eingeladen, welches sich hinter dem Namen Two Gallants verbirgt. Als ich die beiden vor ein paar Wochen in Paris gesehen hatte, waren sie noch gar nicht so sicher, ob sie die Reise nach Haldern antreten würden.

Umso glücklicher war ich deshalb, als ich den Blondschopf Adam und den langmähnigen Kapuzenträger Tyson beim Aufbau ihrer Geräte erblickte. Wenig später jaulte Adam dann gewohnt inbrünstig und herzerweichend "Seems Like Home To Me" ins Mikro und an den erstaunten Gesichtern im Publikum war zu erkennen, daß nicht jeder hier die Stimme des Sängers so schätzt, wie ich das tue. Anscheinend war das einigen Leute zu krächzig, zu folkig, zu traditionell amerikanisch vielleicht.

Mich hatten die Kalifornier mit ihrer unwiderstehlichen Mischung aus Folk, Punk, Country und Singer/Songwritertum aber schnell wieder auf ihre Seite gezogen. Besonders amüsant anzusehen war insbesondere wieder das energische und ungemein trockene Schlagzeugspiel von Tyson, bei dem er seine lange Mähne ähnlich einem Headbanger bei einem Heavy-Metal Konzert durch die Luft wirbeln ließ. Auch für mich etwas zäh waren allerdings einige ziemlich lange Instrumental-Passagen, bei denen die Musiker ausdauernd auf ihren Instrumenten vor sich hinschrammelten, bevor irgendwann glücklicherweise der mir sympathische Krächzgesang einsetzte.

Toll und sehr bewegend war allerdings erneut "Steady Rollin' mit der unwiderstehlichen Textpassage: " I shot my wife today, dropped her body in the frisco bay, i had no coice it was the only way..."

Bei solch tragisch-komischen Texten und der entsprechend herzerwärmenden Musik dürften dann auch dem härtesten Cowboy ein paar Tränchen über die Wangen gekullert sein, ich jedenfalls war gerührt...

Schneller und härter wurde es im Anschluß mit dem Hit "Las Cruces Jail", was durchaus ein paar Leutchen zum Tanzen brachte. Auch "Long Summer Day" kam sehr gut und sorgte mit seinem amüsanten Text ( "The Summer Day make a white man lazy") für ein Schmunzeln meinerseits. Insofern schade, daß nach lediglich sieben, allerdings teilweise sehr langen Titeln schon Schluss war. Auf die wunderbare Ballade "Linger On" von der neuen EP "The Scenery Of Farewell" wartete ich beispielsweise leider vergeblich...

Ich werde mir die Two Gallants deshalb im Spätherbst oder Winter noch einmal ansehen, dann wird auch endlich das neue Album erschienen sein. Und davon verspreche mir eine ganze Menge...

Links:

- Two Gallants in Paris (2006)
- und noch mal in Paris (2007)
- mehr Fotos





Montag, 21. Mai 2007

Two Gallants, Paris, 20.05.07

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Konzert: Two Gallants
Datum: 20.05.2007
Ort: L'Européen, Paris
Zuschauer: leider nicht ganz ausgelastet


Die Handzettel, die man ungefragt vor Konzerten in die Hand gedrückt bekommt, landen ja in schöner Regelmäßigkeit in Sekundenschnelle auf dem Boden - oder im nächsten Papierkorb. Neulich vor der Boule Noire bekam ich aber zur Abwechslung mal was Interessantes zugesteckt: "Two Gallants à l'Européen de Paris, Set acoustique!", las ich da auf dem aufgeweichten Fetzen. Das machte mich natürlich neugierig, ich orderte umgehend Karten.

An einem völlig verregneten Sonntag, an dem bis zum Abend das einzige Highlight der sensationelle Sieg von Roger Federer gegen Rafael Nadal in Hamburg war, begab ich mich ziemlich trantütig Richtung Place de Clichy. In der kleinen Rue Biot befindet sich der an einen Fernsehraum eines Gymnasiums gelegene Saal des Européen. Hier hatte ich zuletzt vor zwei Jahren Joanna Newsom gesehen, das war mir noch in guter Erinnerung, ansonsten ist das Programm dort aber eher mau. Ich stapfte die Treppe nach oben und ließ mich drinnen angekommen in einen der bequemen, roten Sessel fallen. Sich bei einem Konzert etwas Rumzulümmeln, tut auch mal gut, zumindest, wenn man müde und verpennt ist, wie ich das nun einmal war.

Die ersten Lieder der Two Gallants aus San Francisco, bestehend aus dem Sänger und Gitarristen Adam Stevens und dem Drummer Tyson Vogel, gingen in der Folge dann auch etwas an mir vorbei. Nicht, daß das an der tollen Band gelegen hätte, nein, nein, es lag vielmehr an der Gemütlickeit meiner Sitzgelegenheit und der Schwere meiner Augenlieder. Zudem handelte es sich ja auch um ein akustisches Konzert, sprich um ein solches, bei dem auf die elektrische Gitarre verzichtet wurde. Stattdessen hatte sich Adam reichlich mit diversen Mundharmonikas eingedeckt, die er auf dem Boden neben seinem Stühlchen in kleinen, weißen, rechteckigen Kästchen deponiert hatte. Spektakulär war, dass er seine "Arbeitsgeräte" während des Abends mehrfach wechselte, anscheinend gibt es auch da kleine (oder große?) Unterschiede, was den Klang betrifft...

Drummer Tyson hingegen, headbangte mit seiner langen Haarsträhne gewohnt wild an seinem Schlagzeug rum. Hochinteressant, wie der junge Bursche dieses Instrument behandelte, mal strich er mit seinen Drumsticks nur über die Pauken, mal trommelte er, wie von der Tarantel gestochen, drauflos. Dennoch, richtig gepackt hatte es mich erst ab Stück vier, was auch daran lag, daß gleich der Opener "All Your Faithless Loyalties" von der neuen EP "The Scenery Of Farewell" stammte, die noch keinem bekannt war, da sie erst am 4. Juni 2007 erscheinen wird.

Lied vier erkannte aber jeder im Raum, es war die herzerweichende Country-Ballade "Steady rollin". Plötzlich war ich hellwach und sang aus voller Kehle Textzeilen mit: "I shot my wife today, dropped her body in the frisco bay, I had no choice it was the only way, Death's coming, I'm still running. Out walzing with the holy ghost..." Es war herrlich, wer kann bei solch süß-sauren Texten schon sein Grinsen verkneifen?

Ich war jetzt tief in die Atmosphäre des Konzerts eingetaucht, stellte mir eine Wildwestlandschaft in den USA vor und sah mich gedanklich mit den Two Gallants in einem Cowboy-Saloon Whiskey trinken. Am liebsten hätte ich mit meinem Sitznachbarn geschunkelt, doch der zeigte sich ziemlich reserviert. Vielleicht hätte er vorher einen Jeam Beam zu sich nehmen sollen? Das Konzert wurde in der Folge immer besser, vor allem weil sich eine junge Cellistin zu den Herren dazugesellte und die Stücke wunderbar dramatisch unterstrich. Auf Anhieb angetan hatte es mir ein Stück namens "Linger on", das so anrührend war, daß noch dem härtesten Cowboy Tränen in die Augen stiegen. A propos Tränen: wenn man Sänger Adam so zuhörte, konnte man das Gefühl kriegen, er würde jeden Moment losweinen, so dermaßen steigert er sich in die Lieder hinein! Sah im Übrigen nicht nach gespielten Emotionen aus, ich nahm ihm das Leiden zu 100 % ab.

Fabelhaft war auch ein weiteres neues Stück, "Seems like home to me", das man auf der Homepage der Two Gallants legal und gratis runterladen kann! Ab und zu dann auch mal wieder Songs von dem zweiten Album "What the toll tells", vor allem "The Prodigal Sun", allerdings nicht das rockige "Las Cruces Jail." Stattdessen "Crow Jane" vom 2004er Debüt "The Throes". Auch dies wunderschön.

Leider dauerte das Konzert nicht allzu lange, aber dafür war es sehr intensiv. Eine der Zugaben kam dann noch einmal von "The Throes", ich spreche von dem Herzenswärmer "Nothing to you".

Unter verdientem Applaus verließen dann schließlich die beiden punkigen Cowboys die Bühne. Hach, was war das schön!

Auszüge aus der Setlist Two Gallants:

- All Your Faithless Loyalties
- Some Slender Rest
- Threnody
- Steady Rollin'
- Linger On
- Seems Like Home To Me
- The Prodigal Sun
- Crow Jane

- Nothing To You (Z)

Konzertermine Two Gallants:

22.05.07: Wien (WVK)
23.05.07: Genf (Alhambra)
14.07.07: Dour-Festival, Belgien
02. - 04.08.07: Haldern-Pop Festival!

von Oliver



Donnerstag, 23. November 2006

Two Gallants, Cold war kids, Hopper, Paris, 22.11.06

2 Kommentare
Konzert: Two Gallants, Cold war kids & Hopper
Datum:22.11.2006
Location: Nouveau Casino, Paris
Ausverkauft


Heute stand ein richtiger Bluesrock-Abend auf dem Programm, denn alle drei Gruppen könnte man trotz musikalischer Unterschiede unter dieses Genre zusammenfassen. Bei Bluesrock denkt man natürlich in erster Linie an Amerika und liegt damit auch meistens richtig, bei der Band Hopper jedoch nicht. Hinter dem Namen verbirgt sich nämlich ein französisches Quartett, beheimatet in Paris. Die Gruppe existiert bereits seit 1999, hat aber bisher erst ein Album mit dem schönen Titel "A tea with D" herausgegeben, welches ich nun in signierter Ausgabe besitze. Bei Hopper dominieren die Frauen, zumindest stimmlich, denn mit Aurélia Rivage und vor allem Dorothée Hannequin haben sie gleich zwei Sängerinnen, die von zwei männlichen Kollegen an Bass und Schlagzeug begleitet werden. Die zierliche Dorothée ist eine richtige Rockröhre, Vergleiche mit Courtney Love oder Dale Brodie von den Distillers erscheinen mir nicht abwegig. Der Sound der Band ist aber nicht so punkig wie bei den zuvor zitierten Ladys. Bluesangehauchter Rock trifft es schon ziemlich gut. Nicht überraschend also, daß sie Sparklehorse als Einfluss nennen. Über jedem Titel schwebt eine leichte Melancholie, vielleicht deshalb auch die Nennung der sehr sentimentalen Band Blonde Redhead als weitere Inspirationsquelle. Einen französischen Akzent hört man übrigens nicht heraus, man könnte sie wirklich für Amerikaner halten, wenn sie nicht die Ansagen auf französisch bringen würden. Mir hat ihr circa halbstündiges Set auf jeden Fall ziemlich gut gefallen und ich werde sie im Auge behalten, schon allein deshalb, weil ihr zweites Album, welches übrigens in Seattle produziert wurde (mit einem Produzenten, der u.a. schon für The Gossip gearbeitet hat), demnächst erscheinen wird.

Zu meiner Überraschung hatten die Veranstalter nach Hopper noch die Cold War Kids kurzfristig ins Programm genommen. Bei dieser jungen, amerikanischen Band handelt es sich um eine der Hoffnungen der Indieszene für 2007. Der britische NME hat sie kurzerhand schon zur besten neuen, amerikanischen Band benannt und bei MySpace haben sie bereits 200.000 Profilaufrufe und über 18.000 Freunde, obwohl ihr Debütalbum noch gar nicht erschienen ist. Entsprechend gespannt war ich natürlich auf ihren Auftritt. Der erste Song brachte den erwarteten Blues-Rock, aber einige rasante Tempowechsel und experimentelle Einlagen machten schon deutlich, daß man es hier mit einer überaus ambitionierten Gruppe zu tun hat. Kritiker werden das lieben, bei den Musikfans muß man abwarten. Der zweite Titel dann driftete plötzlich in der Mitte in eine Rap-Nummer à la Beastie Boys ab. Das Publikum war verblüfft, aber dies sollte der einzige Titel in diesem Stile werden. Ich muß an dieser Stelle mal ein paar Worte über den Sänger verlieren.

Äußerlich erinnert er mich ein wenig an den durchgeknallten Typen, der in "Natural Born Killers" an der Seite von Juliette Lewis gespielt hat. Kennt hier jemand dessen Namen? Stimmlich hat er eine erstaunliche Bandbreite, zur Verdeutlichung könnte man den knarzigen Sänger von Modest Mose nennen, aber auch Tom Waits, Jack White von den White Stripes oder den Sänger von Clap your hands say yeah. Genannte Namen verraten schon einiges über den Sound der mal bluesig, mal soulig, dann wieder rockig rüberkommt und fast immer eine leicht experimentelle Note hat. Überraschende Tempo-und-Stilwechsel sind keine Seltenheit und der Sänger setzt sich auch das ein oder andere mal an das Piano, um seine Band zu begleiten. Bei einer solchen Komplexheit fällt es mir schwer, jetzt schon ein Urteil zu bilden, denn die vier Amerikaner sind definitiv originell und innovativ, haben aber auch einen nicht zu unterschätzenden Nervfaktor.

Das Gleiche kann natürlich auch für den Haupt-Act des Abends die Two Gallants aus San Francisco gelten. Bis 22 Uhr 45 haben uns Sänger Adam Stephens und der langmähnige Drummer Tyson Vogel warten lassen, bis sie mit einer ihren unendlich traurigen Western-Balladen endlich ihr Set starteten. Bei den Two Gallants ist alles minimalistisch gehalten, es gibt nur Schlagzeug, Gitarre und Mundharmonika als Instrumente. Mehr brauchen sie aber auch nicht, um eine besondere Atmosphäre hinzuzaubern, denn beide legen sich dermaßen ins Zeug, daß man das Gefühl hat, sie hätten nichts dagegen, auf der Bühne zu sterben. Sänger Adam krächzt, jault und schreit sich die Seele aus dem Leib und Drummer Tyson headbangt regelrecht über seinem Schlagzeug. Soviel Einsatz und Hingabe sieht man selten, auch wenn es musikalisch zuweilen etwas amateurhaft erscheint. Aber gerade dieses Rohe, Unfertige, Spröde macht den besonderen Charme aus. Mein persönliches Higlight kommt mit "Steady rollin" schon an zweiter Stelle, ein Lied so herzzerreissend schön, daß auch noch dem hartgesottenstem Cowboy die Tränen kommen könnten.

Danach leider ein kleiner Leerlauf, da teilweise einfach nur instrumentell geschrammelt wird oder aber langsame Endlos-Songs (oft bis zu 10 Minuten) die Geduld etwas strapazieren. Zum Glück lassen sie es aber dann mit "Las Cruces Jail", der ersten Single, so richtig krachen und insbesondere die Songzeile " I put you in my collection of regrets" hat es mir wieder angetan. Sehr schön auch "The Prodigal Son" und "Waves of grain", die einen noch einmal gedanklich tief in den wilden Westen tragen. Das gesamte Set haben sie übrigens den Cold war kids gewidmet, die sie anscheinend sehr schätzen. Ein tolles Konzert einer sympatisch kauzigen Band!


von Oliver



 

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