Posts mit dem Label Wye Oak werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wye Oak werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 15. August 2012

Haldern Pop Festival zweiterTag, Rees-Haldern, 09.08.12

0 Kommentare

Konzert: Haldern Pop Festival 2012, 2. Tag, mit Wye Oak, Other Lives, Dan Mangan u.v.a.
Ort:Spiegelzelt und Mainstage
Datum:10.08.2012
Zuschauer: Tausende

Der zweite Festivaltag wurde von uns erst um 15 Uhr 30 mit Wye Oak angestochen. Vorher war ausschlafen angesagt, schließlich waren wir im Urlaub, vor allem meine Frau, die sonst immer früh raus muss, pochte auf ihr Recht, lange zu pennen.
Als wir die Vorhänge des Hotelzimmers (wir sind alt und komfortversessen, zelten kommt für uns nicht mehr in Frage) aufzogen, hielt sich die Sonne noch ein wenig zurück und es war leicht bewölkt, aber als wir das Festivalgelände erreichten, war Sonnenschein pur angesagt und die Temperaturen sommerlich warm. Beste Bedingungen für einen großartigen Festivaltag, auf den wir zudem durch ein spätes Frühstück mit herrlich starkem Espresso bei einem Italiener in dem Grenzstädtchen Goch gut vorbereitet waren.
Weniger ausgeschlafen erschienen Andy Stack und Jenn Wasner alias Wye Oak, die heute erst aus Baltimore eingeflogen waren und zugaben, ziemlich durch den Wind zu sein. Leistungsmindernd wirkte sich der Schlafentzug und das Jetlag aber nicht aus. Mit viel Einsatz und Spielfreude präsentierten die beiden ihren erdigen Indierock, der mitunter ordentlich laut wurde. Jen schien eine diebische Freude daran zu haben, ihre Elektrische aufheulen zu lassen, während ihr musikalischer Partner am Schlagzeug (und Keyboard, manchmal gleichzeitig bedient!) hingegen weitestgehend stoisch agierte. Ein Paar voller Gegensätze. Sie die wilde Pipi Langstrumpf, er der fleißige Streber. Trotzdem harmonierten die beiden fast blind miteinander und ihr Set flutschte reibunsglos. Erstaunlich, daß sie es mit ihrem reduzierten Instrumentarium schafften, abwechslungsreich, melodiös und spannend zu klingen. Die Songs ihrer drei Alben waren jedenfalls ziemlich dufte und am Ende war es etwas schade, daß das Set nicht sonderlich lang war. City Slang Chef Cristof Ellinghaus schien mit dem Auftritt seiner Schützlinge zufrieden gewesen zu sein und auch ich hatte meinen Spaß mit dem explosiven Duo.
Um 16 Uhr 30 dann die Begegnung mit einer der Bands der Stunde. Other Lives aus Oklahoma haben einen kometenhaften Aufstieg hinter sich, der sie sogar ins Vorprogramm von Radiohead katapultierte und etliche ausverkaufte eigene Shows beinhaltete. Dabei waren sie noch vor einem Jahr nahezu unbekannt, als sie vor ein paar glücklichen Zusehern in der kleinen Haldern Pop Bar aufspielten, da aber bereits erkennen ließen, daß mit ihnen unbedingt zu rechnen ist. Ihr drittes Album* Tamer Animals ist aber auch wirklich ein Schmuckkästchen, das mit unglaublich vielen Schätzen gefüllt ist. Kein Wunder, daß dann viele Musikfans auch hören wollen, wie die Liveumsetzung gelingt. Hervorragend nämlich! Jesse Tabish versteht es immer wieder, den tollen Songs der CD live mehr Druck, Schärfe und Tiefgang zu verleihen und seine hervorragende Liveband um die talentierte Cellistin, Geigerin und Autoharpistin Jenny Hsu zu dirigieren. Auch in Haldern 2012 spielten die Musiker wie aus einem Guß und verzauberten das in der Sonne schwitzende Publikum mit einem vielschichtigen, orchestralen Wildwestsound, den Jesse Tabish mit sensationeller Baritonstimme intonierte. Hit (ganz groß der sentimentale Titeltrack) reihte sich an Hit (For 12, Dark Horse) und auch hier hatte man sich durchaus Lust auf ein längeres Konzert, was aber auf Grund des dichtgedrängten Zeitplanes nicht möglich war.
Danach musste ich erst einmal in Ruhe etwas essen und ein wenig chillen. Dazu gab es im hinteren Teil des Geländes bei den Merchständen auf sandigem Boden herrlich Gelegenheit. Hier konnte man prima relaxen, Kraft tanken und fühlte sich fast wie in einer kleinen Hippie Kommune. Alles passte, das Wetter, die netten Leute in Haldern und meine Stimmung (lag das vielleicht am Bier?). Selbst meine Wadenmuskulatur hatte sich ein wenig gelockert, wenngleich es immer noch zwickte und zwackte und ich mich humpelnd wie ein alter Mann fortbewegte. Zu dieser Zeit, es war in etwa viertel vor sechs, spielten die Indierocker White Rabbits auf der Hauptbühne, während kurze Zeit später die Briten Zulu Winter im Spiegelzelt für Stimmung sorgten. Ich selbst war erst um 18 Uhr 50 mit Dan Mangan wieder mit von der Partie.

Der liebenswürdige Kanadier erschien schon bei den Aufbauarbeiten (ein Zeichen seiner Bodenständigkeit) mit grünem Parka und seinem obligtorischen Lächeln im runden Gesicht. Der sympathische Bursche aus Vancouver hat aber auch wirklich gut lachen, denn zusammen mit seiner powervollen Band hat er es geschafft, vom Spiegelzelt (2011) auf die Hauptbühne aufzusteigen. Ein Verdienst seiner explosiven, äußerst inbrünstig vorgetragenen Konzerte, die immer mehr Fans rund um den Globus anzogen.
Auch heute machte Dan Mangan seine Sache gut, konnte aber nicht mehr so ganz von dem "Aha- Effekt" im Publikum profitieren, dass ihn vor einem Jahr kennen- und lieben gelernt hatte. Damals war er ein unbekannter Newcomer und kaum einer wusste, wie wahnsinnig stimmungsvoll und berauschend seine Shows sind, heute aber erwartete jeder ein neuerliches Feuerwerk und noch mehr Extase. Trotzdem blieb es lange Zeit ziemlich ruhig auf den Rängen und erst beim Überhit Robots wurden letzte Blockaden endgültig gelöst. Zuvor hatten Mangan und seine Band einen wohlschmeckenden Cocktail aus den beiden letzten Alben Nice Nice Very Nice und Oh Fortune! bereitet und ein Lächeln auf so manches Gesicht gezaubert. Wir werden ihn also wiedersehen, diesen Pfundskerl mit dem diebischen Lächeln, dessen kann man sich sicher sein!

Gleich nach Ende des Konzertes von Dan Mangan, das auf der Hauptbühne stattgefunden hatte, bemühte ich mich, schleunigst ins Spiegelzelt zu Daughter aus England zu kommen. Hier machte sich mein Pressepass bezahlt, da ich die Möglichkeit hatte, über einen Seiteneingang schneller reinzukommen, ohne vorher in der Schlange zu stehen. Drinnen war es wahnsinnig voll und wegen des starken Nebels war es auch schwierig, die Protagonisten auf der Bühne zu erkennen. Dummerweise stand die britische Sängerin auch auf der rechten Seite, sodass ich die Seiten wechseln musste, da sie vorher im toten Winkel war. Durch meine Linse sah ich eine dünne, gutaufgelegte junge Dame mit E-Gitarre, die eine männliche Begleitgruppe anführte. Ihre Stimme klang sirenenhaft und herrlich verhuscht. Aber der verhallte Dreampop wich im weiteren Verlaufe einer noisigeren Instrumentierung und man konnte fast Postrockelemente erkennen. Laura Marling meets Sigur Ros, so schoss es mir durch den Kopf. Wie auch immer, ich genoß das Set und kann die Programmveranstalter des niederrheinischen Festivals nur beglückwünschen, diesen in Zukunft sicherlich dicken Fisch ans Land gezogen zu haben. Auf dem europäischen Festland waren Daughter noch nicht so oft, insofern waren die Haldener erneut früh am Ball und ich würde mich nicht wundern, wenn wir Daughter in Zukunft einmal auf der Hauptbühne erleben werden.

Erneuter Bühnenwechsel und zurück zur Mainstage auf der nun Thees Uhlmann und seine Band antraten. Mein Bloggerfreund Christoph hatte den Tomte-Sänger erst kurz vorher interviewt und von einem bestens aufgelegten und natürlich-sympathischen Kerl geschwärmt (der im Übrigen auch unser Konzerttagebuch liest! Yeah, baby). Und genauso kam Thees dann auch live rüber. Locker, gerade heraus und uneitel. Ein Typ, der seine Herkunft vom Lande nicht verleugnet und sich höchst erfreut zeigte, auf dem Dorf, sprich dem Haldern zu spielen. Das sei seit langer Zeit sein Traum gewesen. Beim Publikum kam er mit seiner unverkrampften Art ungemein gut an, viele Leute sangen die Texte mit und an dem satten, hochmelodischen Gitarrenrock hatte einfach jeder seinen Spaß. Ich persönlich erfreute mich zudem an dem Anblick der zuckersüßen Keyboarderin, die unverschämt jung aussah, aber sicherlich schon seit einer gewissen Zeit volljährig ist. Einzig der Anblick der Leute neben mir, mit den hässlichen T-Shirts, die unweigerlich auf einen dieser unsäglichen Junggesellenabschiede hindeuteten, irritierten mich ziemlich. Es gibt ja kaum etwas Schlimmeres als Junggesellenabschiede, finde ich zumindest und auch Hochzeitsgags wie das Entführen der Braut erscheinen mir absurd. Ich hätte möglicherweise jedem meine Freundschaft gekündigt, der mir damals bei meiner Eheschließung mit einem solchen Käse gekommen wäre. Aber Schluss mit diesem Exkurs, das Konzert von Thees war kurzweilig und in manchen Teilen gar berauschend. Musik mit deutschen Texten ist also nicht per se zu verdammen.

Gilt sicherlich auch für Niels Frevert, der nun im Spiegelzelt auflief.

Allerdings fehlte mir die Kraft, um mir den sensiblen Barden drinnen anzusehen und richtig aufzupassen. Stattdessen plauderte ich gemütlich auf einer der Bierbänke draußen mit einem Freund, denn wir sehen uns das Jahr über nur selten und haben kaum Gelegenheit, uns mal auszutauschen. Aber auch das gehört zu einem Festival dazu: Freunde treffen, soziale Kontakte pflegen, über die Qualität der Konzerte fachsimpeln. Zu Niels Frevert konnte ich mir keine richtige Meinung bilden, obwohl man den Auftritt auch draußen auf dem großen Bildschirm verfolgen konnte. Ich denke der Hamburger ex Nationalgalerie Mann ist gut, ansonsten hätte er nicht eine solch treue Gefolgschaft und wäre nicht bei dem glänzenden Label Tapete beheimatet.

Fraglich ist hingegen, was ich von Ben Howard zu halten habe. Der Engländer, der letztes Jahr noch beim Haldern Pop im Zelt spielte, hatte 2012 den Aufstieg auf die Hauptbühne geschafft und gefiel meiner Frau, die sich das Ganze aus der Nahe ansah, recht gut. Ich hörte das Konzert nur aus der Ferne, konnte demzufolge auch hier kein Urteil abgeben. In Frankreich, wo ich seit 10 Jahren lebe, ist er bereits ein Star, spielt 1.500er Locations und in Deutschland ist sein Aufstieg sicherlich auch noch nicht beendet. Ob ich dabei bin, wird die Zukunft zeigen.

Dabei war ich dann aber auf jeden Fall beim Konzert der Briten Diagrams. Von denen hatte ich viel erwartet, da sie mir in Paris vor ein paar Monaten ein fulminantes Konzert beschert hatten und meine Erwartungen wurden auch keineswegs enttäuscht. Ex Tunng Vorstand (der vor ein paar Jahren mit seiner alten Band bereits im Spiegelzelt aufgetreten war) Sam Genders und seine Truppe spielten druckvoll, abwechslungsreich und melodiesselig auf. Ihre Mischung aus funkigem Pop, Electronica und Folk war clever arrangiert und wartete auch mit einigen Hits auf. Tall Buildings beispielsweise zog irre gut, war groovy und catchy, ohne dümmlich und platt zu klingen. Unterstützt wurde Genders u.a. von einer hübschen rothaarigen Keyboarderin und einer im Hintergund agierenden Sektion aus Trompete, Saxofon und Geige. Einen Gag hatte sich die sympathische Band für den Schluß aufgehoben. Da wurden nämlich die Zuschauer gebeten, die anfänglich verteilten Luftballons in die Höhe zu werfen und so endete das prima Konzert wie auf einem Kindergeburtstag: Viele Ballons und viele glückliche lächelnde Gesichter. Schön!

Um 22 Uhr 55 ging es dann zurück auf die Mainstage. Dort warteten schon die Iren Two Door Cinema Club, um ihren bubblegumartigen Gitarrenpop abzufeuern. Das klang dann am Anfang auch noch frisch und teilweise enthusiasmierend, entwickelte sich im weiteren Verlaufe aber zu einer eher flachen Angelegenheit, weil einfach jedes Lied, jede Gitarrenmelodie und jeder Schlagzeugrhythmus ähnlich bzw. gleich klang. Immer deutlicher wurde, daß die junge Band keine eigene Identität hat und nur eine uninteressante Mixtur aus Franz Ferdinand, den Maccabees und Foals darstellt. Auch die wenigen neuen Lieder vom demnächst erscheinenden zweiten Album unterschieden sich kaum von den Hitsingles des ersten Albums. Einem Großteil des Publikums schien diese mangelnde Originalität aber egal zu sein. Viele tanzten zu den bisweilen karibisch anmutenden Rhythmen und den poppigen Melodien und gaben keine shit darauf, daß Two Door Cinema Club Klone sind, die dem Mainstream die Füße küssen.

Bessere Musik gab es dann wieder im Spiegelzelt. Es war schon nach Mitternacht als Wendy McNeill und ihre Band loslegten. Die Akkordeonspielerin aus Kanada hatte bereits 2010 das Halderner Publikum im Spiegelzelt entzückt und auch 2012 kam sie hervorragend an. Das lag zum einen Teil an ihrer äußerst liebenswürdigen herzlichen Art, zum anderen an ihrer markanten Stimme und ihren fein arrangierten Kammerpopsongs mit schwarzer Note. Zu jedem Lied erzählte McNeil übrigens auch eine Anekdote, sodass das gesamte Konzert eine Geschichte über den Fischer namens Eddie darstellte. Christoph hatte besonders gut aufgepasst. Er wird in seinem Bericht sicherlich detailliert auf diese interessante Story eingehen.

Ich hingegen verabschiede mich für heute, denn die anschließenden Konzerte waren mir zu spät und dies obwohl ich insbesondere Oberhofer sehr gerne gesehen hätte.

Morgen dann der Bericht vom dritten und letzten Festivaltag. Dann auch hoffentlich endlich Fotos!

* wenn man das Debüt unter dem Bandnamen Kunek hinzurechnet

Setlist Two Door Cinema Club, Haldern Pop Festival 2012:

01: Cigarettes In The Theater
02: Undercover Martyn
03: Do You Want It All?
04: This Is The Life
05: Wake Up
06: Something Good Can Work
07: You'reNot Stubborn
08: Settle
09: Costume Party
10: Handshake
11: Eat That Up, It's Good For You
12: What You Know
13: Sleep Alone
14: Come Back Home
15: I Can Talk

Setlist Other Lives, Haldern Pop Festival 2012:

01: As I Lay My Head Down
02: Old Statues
03: Landforms
04: Desert
05: For 12
06: Tamer Animals
07: Wheater
08: Dust Bowl III

Setlist Dan Mangan,
Haldern Pop Festival 2012:
01: Oh Fortune!
02: Sold
03: If I Am Dead
04: Post War Blues
05: Robots

Setlist Thees Uhlmann,
Haldern Pop Festival 2012:
01: Römer Am Ende Roms
02: Das Mädchen von Klasse 2
03: Vom Delta Bis Zur Quelle
04: Sommer In der Stadt
05: Zum Laichen Und Sterben Ziehn Die Lachse den Fluss Hinauf
06: Die Nacht War Kurz (Ich Stehe Früh Auf)
07: & Jay-Z Singt Uns Ein Lied
08: XOXO
09: Die Toten Auf dem Rücksitz
Setlist Ben Howard, Haldern Pop Festival 2012:

01: Oats In The Water
02: Diamonds
03: Old Pine
04: The Wolves
05: Everything
06: Black Flies
07: Keeo Your Head Up
08: The Fear




Dienstag, 21. Juni 2011

Wye Oak, Wien, 12.06.11

0 Kommentare

Konzert: Wye Oak & Waters
Ort: Chelsea, Wien

Datum: 12.06.2011

Zuschauer: nahezu ausverkauft

Konzertdauer: ca. 70 Minuten


the death cat ist einer der interessantesten Wiener Blogs, die sich mit der Musik befassen, die wir hier alle mögen. Deshalb folgend ein Gastbeitrag von "Todeskatze" Alexander, der das Wye Oak-Konzert vergangene Woche besucht und sich Gedanken dazu gemacht hat. Vielen Dank!

Das Donnerwetter blieb aus. Es war nur ein verregnetes Wye Oak-Konzert im Chelsea.

Das Wiener Besuchsverhalten bei Konzerten mutet manchmal seltsam an. Während nicht weniger als vier schwedische Künstler beim von der Vienna Songwriting Association in der Szene organisierten Singer/Songwriter Fest kaum mehr als 40 Gäste um sich scharten, bescherte keine zwei Wochen später das amerikanische Folk-Rock Duo Wye Oak dem Chelsea ein nahezu volles Haus. Wie solch extreme Unterschiede entstehen, wird wohl noch länger unergründet bleiben. Ergründen lässt sich dagegen schon, warum Wye Oak’s Jenn Wasner und Andy Stack bei ihrem Auftritt nicht so recht zu überzeugen wussten. Das erhoffte Donnerwetter auf der Bühne blieb nämlich aus. Es regnete nur.

Der 12. Juni in Wien. Strahlender Sonnenschein, angenehme 23 Grad. Hinsichtlich des Wetters also ein perfekter Tag des noch jungen Sommers 2011. Nicht zu heiß, aber warm genug, um nach 21 Uhr, unmittelbar vor Konzertbeginn, kurzärmlig in den Schanigärten rund um das Chelsea der Gemütlichkeit zu frönen. Dennoch dauerte es nicht lange, bis die ersten Regentropfen zu spüren waren. Zu diesem Zeitpunkt war man allerdings schon unter Dach bei Wye Oak – und einer an diesem Abend angezählten Frontfrau Jenn Wasner.

"It’s funny if you’ve never been to a city and when you actually come here you see your own face everywhere."

Dabei hatte der Abend mit dieser Anekdote lustig und vielversprechend begonnen. Wasner spielte darin auf die aktuellen Monatsplakate des Chelseas an, auf denen neben den Programmhighlights auch ihr eigenes Portrait zu sehen ist – überlebensgroß! Wahrlich eine lustige Vorstellung, wenn man sich selbst in eine solche Situation versetzt. Schnell aber wurde klar, dass diese Anekdote zu Konzertbeginn nur die sprichwörtlich gute Miene zum bösen Spiel war, denn bereits wenige Augenblicke später wurde klar, warum Wasner an diesem Abend während des Konzerts nicht weniger als vier alkoholische Drinks schlürfte, die Bemühungen Stacks eine lockere Konzertatmosphäre zu schaffen unfreundlich quittierte und auch sonst kaum Emotionen bei der eigenen, an sich emotionsgeladenen Musik zeigte: “I just broke up with my boyfriend”. Hm. Das ist just im Zeitraum einer Band-Tour dann wohl doch eher ungünstig, denn wer meint, dass bei tendenziell melancholischen Nummern, wie sie Wye Oak zu spielen pflegen, eine betrübte Grundstimmung und schlechte Laune nicht groß ins Gewicht fallen, der mag damit nur bedingt Recht haben. Schlechte Laune ist es nämlich auch, die Körpersprache abweisend und Kommunikation kalt wirken lässt. Dies bekam man im Chelsea zu spüren. Zwar weniger als Publikum, dafür aber eben als Wasners Band: und die reduziert sich ja bekanntlich auf den Multiinstrumentalisten Andy Stack.

Es überraschte an diesem Abend also nicht weiter, dass Wye Oak als Band vor allem musikalisch enttäuschten. Auch wenn die im gepflegten Shoegaze-Stil vorgetragenen Nummern, in erster Linie eine Auswahl des aktuellen Albums Civilian, erwartungsgemäß wuchtig und somit gewissermaßen eindrücklich waren, konnte Wye Oak als Live-Act nicht überzeugen. Überzeugend wirkte alleine die Vorstellung von Andy Stack am Schlagzeug, der parallel zum Schlagzeugspielen über seinen Synthesizer auch noch für das Spielen von Melodien, der Basslinie oder das Einspielen von Samples verantwortlich zeichnete. Seine Darbietung wirkte letztendlich aber zu isoliert, stand sie doch in keiner direkten Verbindung zu Jenn Wasners Gesang und Gitarrenspiel, welche in permanentem Sicherheitsabstand erfolgten. Somit fehlte es an jeder Interaktion, jeder Kommunikation untereinander. Die Bühne wirkte, trotz Wye Oak, verwaist.

Wye Oak besuchten an diesem Abend erstmals Wien, schafften es dabei aber nicht, ihrer Musik auch ein Gesicht zu geben; die Frau am Monatsplakat des Chelseas muss wohl doch eine andere als Jenn Wasner gewesen sein. Die grundsätzliche Begeisterung für Wye Oak und ihre zeitgemäße Musik, in der sie Stilrichtungen wie Rock, Folk und Elektronik kombinieren und die in Verbindung mit den beiden Amerikanern gerne schon mal als “21st Century Folk” bezeichnet wird, muss von einer solchen Vorstellung allerdings nicht zwangsläufig gelindert werden. Schließlich haben wir alle mal einen schlechten Tag und das kann man als Zuhörer auch so stehen lassen. Und einfach weiterhören, woran man bisher bei Wye Oak Gefallen hatte.

Aus unserem Archiv:
Wye Oak, Paris, 07.09.09
Wye Oak, Paris, 05.11.08


Dieser Bericht entstand für thedeathcat.com und ist hier erstmals veröffentlicht worden. Danke an Alexander!


Die Fotos (dürften den Abend im Chelsea allerdings nicht authentisch treffen) stammen von Mathias Hielscher, z.V.g von den werten Cityslang-Freunden - Dankeschön!

Dienstag, 8. September 2009

The Dodos & Wye Oak & Mina Tindle, Paris, 07.09.09

0 Kommentare

Konzert: The Dodos (Wye Oak, Mina Tindle)
Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 07.09.2009
Zuschauer: ausverkauft!
Konzertdauer: insgesamt mit den drei Acts fast 2 1/2 Stunden Musik



An einem heißen Spätsommertag an dem die Mainstreamfuzzis zu Coldplay (aber Vorsicht: immerhin spielten dort auch die Flaming Lips (!) und Bat For Lashes im Vorprogramm), die Nostalgieheinis zu den Pastels (zusammen mit den Tenniscoats) und die Indieblödmänner zu den Dodos gepilgert sind, schloß ich mich der letzten Fraktion an.

Es wartete in der Maroquinerie nämlich ein rundum feines Programm auf die nach dem langen Festivalsommer nach Clubkonzerten dürstenden Zuschauer. Kein Wunder also, daß der Kellerschuppen ausverkauft war und sich schwitzende Menschen auf der Pelle hingen.

Den Auftakt der Hitzeschlacht machte Mina Tindle. Schon seit etlichen Monaten klebe ich der hochcharmanten Pauline, so ihr bürgerlicher Vorname, auf den Fersen. Kaum eines ihrer wunderbaren Konzerte habe ich verpasst, seitdem ich mich im Oktober 2008 in der Flèche d'or mit dem MinaTindle-Virus infiziert habe. Und auf die Wange geküsst habe ich sie auch (ich deutscher Charmeur, ich!), obwohl das ja wegen der schweinsichen Grippe in Frankreich angeblich zur Zeit verboten sei.

Aber kommen wir zur Musikalie. Mina hat nämlich in den Sommerferien nicht gefaulenzt, sondern an neuen Songs gefeilt, von dem sie auch den ein oder anderen heute spielte. Zunächst ganz alleine an der Gitarre, wechselte sie hinters Piano, bevor ihre Band einmarschierte. Diese war allerdings heute etwas dezimiert. Stammschlagzeuger Thomas Pirot befand sich ebenso wie Banjospieler JP Nataf nicht auf der Bühne, sondern unter den Zuschauern. Mit dabei war allerdings Maxime (er klimpert auch bei den tollen Toyfight und Please Don't Blame Mexico) am Klavier und der Multiinstrumentalist Sidi Ali, der neben dem E-Gitarrensound für den Glöckchen-und Melodicaklang verantwortlich zeichnete. Zu dritt performten sie natürlich auch den Indiehit The Kingdom, der als Vinylsingle erhältlich ist und nicht nur mit einem hübschen Artwork (ein Fuß, der von Pauline?), sondern auch mit einem inseitig befindlichen Downloadcode aufwarten kann. Andere Perle des Sets: To Carry Many Small Things, bei dem Pauline ihre ganzen stimmlichen Fähigkeiten ausspielte. Gesegnet mit einem Goldkehlchen, das dem der Kandierin Feist nicht unähnlich ist, trällerte sie so herzallerliebst ins Mikro, daß sich mir die Nackenhaare aufstellten. Ihre Stimme scheint mir noch fester und perfekter geworden zu sein und auch ihr Akzent ist für eine Französin, die englische Texte intoniert, sehr beachtlich. Da zeigte sich sogar Oberdodo Meric Long angetan und zwinkerte Mina nach der Show auch noch nett zu.


Nach einer Umbaupause ging es mit dem amerikanischen gemischten Doppel Wye Oak weiter. Sie spielt Gitarre und singt, er trommelt (mit einer Hand!) und spielt Keyboard (mit der anderen Hand) und dies gleichzeitig! Womit haben wir es bei den beiden musikalisch zu tun? Mit welchen anderen Bands sind sie vergleichbar? Mit den Blood Red Shoes? Mit den White Stripes? Mit Cat Power? Mit Scout Niblett? Mit PJ Harvey? Oder etwa mit Beach House? Hmm... Nun, sie sind weder so garagenrockig wie die Blood Red Shoes, noch so heavy und bluesig wie die White Stripes, nicht so balladesk und soulig wie Cat Power, nicht so kratzbürstig und feurig wie Scout Niblett, auch nicht so extravangt wie PJ Harvey und schon gar nicht so schmachtend und menalcholisch wie Beach House. Und dennoch: ihr Sound hat von allen zitierten Bands etwas. Zudem haben sie sich seit dem letzten Mal, als ich sie in der Pariser Flèche d'or gesehen hatte, weiterentwickelt, ein neues Album (The Knot) rausgebracht, das dem sehr ordentlichen If Children folgte und sich auch optisch verändert. Wobei sich das mit der optischen Veränderung eher auf die Sängerin Jenn Wasner bezog, die deutlich blondere Haare und ein wesentlich feminineres Outfit hatte. Drummer Andy Stack sah mit seiner Brille und seinem Matematikgeniegesicht eigentlich noch aus wie vorher. Aber das Wichtigste ist: sie haben mich heute richtiggehend beeindruckt! Hatten sie mir schon beim ersten Male gut gefallen, wurde mir heute klar, daß wir es hier mit einer wirklich hochinteressanten und starken Band zu tun haben, die in Indiekreisen noch gehörig Staub aufwirbeln sollte! Sie hat nämlich eine außergewöhnlich schöne Stimme und er ein solch ausgeprägtes Taktgefühl, daß es schon mit dem Teufel zugehen sollte, wenn die nicht noch deutlich bekannter würden. Also auf gar keinen Fall verpassen, wenn sie mit den Dodos in Hamburg und Berlin spielen!

Hier die Termine:

09.09.09: Michelle Records, Hamburg, Schaufensterkonzert, 18 Uhr
09.09.09: Byte FM Residency , Grüner Jäger, Hamburg, 20 Uhr
10.09.09: Molotow, Hamburg
11.09.09: Magnet, Berlin

In Paris war es inzwischen fast 22 Uhr geworden, als die Dodos endlich aus der Kabine ins Scheinwerferlicht traten. Aus dem Duo Meric Long (Gitarre, Gesang) und Logan Kroeber (Drums, Backgroundgesang) ist inzwischen dauerhaft ein Trio geworden, denn der Vibraphonist Keaton Snyder verstärkt die Truppe nun regelmäßig. Eine Bereicherung dieser Keaton, denn es war schon beeindruckend, wie er mit dem Geigenbogen das Xylophon ähnliche Instrument bearbeitete. Charismatischster Akteur bei den Kaliforniern ist aber weiterhin der smarte Meric Long, der nicht nur ein blendendes Ausshen, sondern auch eine gehörige Portion Energie zu bieten hat. Von Anfang an wirbelte er mit viel Einsatz über die Bühne und ließ sich dabei auch nicht durch die subtropischen Temperaturen in der Maroquinerie aufhalten. Es dürften gut und gerne 45 ° gewesen sein und man fühlte sich, als würde man mit Klamotten in einer Sauna stehen. Logisch, daß bei diesen Bedingungen das Hemd von Meric ziemlich schnell die Farbe wechselte und immer dunkler wurde. Am Ende klebte ihm das schweißtriefende Teil am wohlgeformten Körper und er dürfte bestimmt 2-3 Liter Flüssigkeit verloren haben. Aber auch Logan Kroeber agierte rsant. Sein atemberaubend schnelles und perkussives Schlagzeugspiel ist ja schon legendär und man fragt sich, ob er sich nicht bald einen Tennisarm holt, wenn er so weitermacht. Witzig ist, daß er äußerlich beim Spiel kaum Regung zeigt, Grimassen schneiden ist bei ihm im Gegensatz zu der Witzfigur die bei den Killers hinter der Schießbude sitzt, nicht angesagt.

Der Auftakt in das fulminante Set erfolgte mit einem Knüller vom Vorgängeralbum Visiter. Mit Paint The Rust hinterließen die Dodos gleich ihre spezielle Duftnote, die da wäre: pschydelisch angehauchter Indierock in Lichtgeschwindigkeit. Schrammelig, verhallt, düster und äußerst tight. Keine Frage, diese Band ist nicht nur ein Bloggerhype, der ein paar Monate hält. Den besten Beweis dafür lieferten die 3 Jungs mit ihren neuen Stücken vom Album Time To Die, von dem sie so einiges spielten. Besonders schön war Fables, mit Sicherheit eine Perle unter den Neuheiten, aber auch Longform und andere neue Songs wussten zu gefallen. Verblüffend war, daß die Dodos immer noch so schrammelig und düster klangen wie eh und je, obwohl Time To Die doch eigentlich melodiöser, poppiger und ruhiger gehalten ist als der Vorgänger Visiter. Einige Zuschauer bemängelten dann auch hinterher, daß die schöne, an Paul MacCartney erinnernde Stimme von Meric Long, manchmal etwas unter dem Lärm und dem Trommelhagel unterging. Aber es ist wie es ist, die Dodos, insbesondere Meric, sind nun einmal hyperaktive, junge Leute, die sich nur ungerne zurücknehmen und stattdessen lieber volle Pulle spielen. Das gefiel wiederum den Tempofanatikern im Publikum und letztlich kamen die allermeisten Besucher auf ihre Kosten. Klar zu erkennen war allerdings, daß die alten Knüller wie Jodi, Fools oder Red And Purple immer noch am besten zogen. Für die neuen Sachen brauchen die Fans halt eben noch ein wenig Zeit...

Pour nos lecteurs français:

Le 7 septembre 2009 fut une journée riche en événements musicaux. Coldplay jouaient au Stade de France (avec les Flaming Lips et Bat For Lashes en première partie!), les cultissimes Pastels (même Kurt Cobain était fan!) occupaient le Point FMR et les Dodos étaient tête d'affiche à la Maroquinerie. Quoi choisir? Les Dodos bien sûr! De plus les deux premierérs parties étaient excellents! La très charmante française Mina Tindle ouvrait le bal avec ses compositions douces et belles et impressionnait une fois de plus par sa voix de velours, souple et ferme à la fois, qui rapelle un peu celle de Feist, mais on mieux! Mina commencait seule à la guitare, puis s' installait derrière son piano, avant que son groupe, composé du clavieriste Maxime (également membre des magnifiques Toy Fight et Please Don't Blame Mexico) et du multiinstrumentaliste Sidi Ali viennent la soutenir.Étonnament son batteur Thomas Pirot (qui brille aussi dans Nelson et Please Don't Blame Mexico) et le charismatique JP Nataf, qui joue souvent le banjo pour elle, n'étaient pas sur scène, mais regardaient le beau spectacle en tant que visiteur. C'était un peu dommage, Thomas aurait peut-être pu donner un peu plus de punch à des morceuax comme le single The Kingdom (disponible en vinyle avec un code de téléchargement) mais cela permettait la voix de Mina Tindle de s'exprimer pleinement. Côté morceaux on pourra citer surtout To Carry Many Small Things et la dernière chanson Lovely Day qui clôturait un concert court, mais sublime.

Puis le public dans une maroquinerie chaude à mourir a eu droit à un duo amérciain, délicat et complexe à la fois. La blonde Jenn Wasner y jouait de la guitare et chantait d'une manière touchante ( sa voix rapellait un peu celle de Cat Power, mais aussi celle de Scout Niblett ou Beach House) et Andy Stack battait comme un beau diable avait sa main droite, tandis que sa main gauche jouait du piano! Les deux ont su parfaitement alterner les phases calmes et melancholiqes et les passages puissants et dynamiques. Un jeune groupe plein de promesse donc, qui vient de publier son deuxième album The Knot qui succède au déjà très bon If Children. À suivre de très près!


La Maroquinerie étaient pleine comme un oeuf quand les surpuissants Dodos entammaient leur set. Desormais devenu trio ( avec Keaton Snyder au vibraphone), le groupe de San Francico, emmené par leur beau chanteur Meric Long a joué à fond les ballons dès le début. Et quel début! Avec le déjà classique Paint de Rust, tiré de l'album Visiter , ils ont tout de suite donné un exemple de leur style atypique avec une composition psychédelique et ultrarapide. Puis ils ont joué pas mal de titres de leur nouvel album Time To die , comme le beau Fables ou l'intense Longform. Ils étaient en belle forme, bougaient énormément et transpiraient comme des boeufs. Concert irréprochable donc, si ce n'est le fait qu'on avait du mal à percevoir la très belle voix á la Paul MacCartney de Meric Long et qu'avec tout le bruit la finesse et la subtilité en ont souffert un peu. Reste a constater que les titres du précédant album Visiter comme Fools ou Jodi fonctionnnait toujours le mieux et que les fans ont encore besoin d'un peu de temps pour se familiariser avec les nouveautés.




Donnerstag, 6. November 2008

Dr.Dog & Tahiti Boy, Paris, 05.11.08

0 Kommentare

Konzert: Dr. Dog & Tahiti Boy & The Palmtree Family (Wye Oak, 2 Soft)
Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 05.11.2008
Zuschauer: so einige
Konzertdauer: Dr. Dog: gut 40 Minuten, Tahity Boy ebenfalls, Wye Oak und 2 Soft jeweils circa. 30 Minuten



Ich musste am heutigen 5. November einige Male über die Worte des englischen Punk-Poeten Billy Bragg nachdenken. Vor ein paar Wochen hatte er bei seinem Konzert in der Pariser Maroquinerie gesagt, daß er hoffe, daß zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte ein schwarzer Präsident gewählt werde. Gleichzeitig gab Billy aber zu bedenken, daß dies allein so gut wie nichts ändern werde. Wenn Veränderung stattfinden solle, so Bragg, dann müsse sie von der Gesellschaft ausgehen und nicht von Politikern ("it's the people who change something").

In der Metro fragte ich mich, ob für die Pariser unterschiedlicher Hautfarbe neue Zeiten angebrochen sind. Ein hellhäutiger Herr mir gegenüber las die Zeitung und ich erspähte auf der Rückseite die Schlagzeile: "Ce soir là à Chicago, Noirs et Blancs réunis" - An diesem Abend waren in Chicago Schwarze und Weiße vereint". Auf dem Fotos sah man eine Farbigen, der weinte. Das berührte mich. Neben mir saß ein schwarzes Mädchen, sie schien das Ganze eher kalt zu lassen.

Als ich ausstieg, sah ich interessantwerweise einen schwarzen Pariser, der ebenfalls die Zeitung las und kurze Zeit später kam ich an dem farbigen Zeitschriftenhändler vorbei.

"It's the peolpe who can change something", rief ich mir die Worte von Billy Bragg ins Gedächntis zurück.

In der Flèche d'or angekommen, wurde das Thema des Tages natürlich auch aufgegriffen. Der DJ, der vor den Bands auflegte (der Sänger der Band Chicros), hatte demonstrativ eine alte Platte von Fela Kuti vor sein Mischpult aufgestellt: Fela Kuti- The Black President.
Musikalisch war das Thema heute aber nicht politischer Natur.
Motto war Tahity Boy vs. Dr. Dog. Der Pariser Band Tahiti Boy & The Palmtree Family war also der Coup gelungen, die durchgeknalleten Amis Dr. Dog zu verpflichten. Ober Tahiti Boy David Stanke, der kleine Pianist mit den Locken, bezeichnete die Band aus Philadelphia gar als beste der Welt und auch Barack Obama wurde witzigerweise eine entsprechende Wortblase in den Mund gelegt.

Konzertabende in der Flèche d'or bestehen aber immer aus mehr als zwei Bands, in der Regel treten vier Gruppen hintereinander auf.

Das gemischte französische Duo 2 Soft machte den Beginn. Und es war wirklich ziemlich hübsch, was die beiden Bretonen boten. Lediglich der sich aufdrängende Vergleich zu den immens erfolgreichen Cocoon war am Anfang etwas iritierend. Bei beiden Bands nämlich spielt der Herr vornehmlich Ukulele und die junge blonde Frau ist für die Göckchen und die Percussions verantwortlich. Aber das dürfte rein zufällig sein, zumal 2 Soft als Einflüsse in erster Linie, Jack Johnson, Turin Brakes und K's Chice angeben. Der Sound von 2 Soft ist entsprechend relaxt, sonnig und mit einer kindlichen Note versehen. Auch bei der Bühnendeko haben sich die Franzosen etwas ausgedacht. Da gibt es Blümchen, Lampions und ähnlichen Firlefanz, der die Stimmung festlicher werden ließ. Extrem viele Leute waren allerdings noch nicht anwesend, als Launemacher wie Playmobil, Bubblegum, oder Eskimo gespielt wurden. Hört sie Euch bei MySpace an, sie sind es wert und der französische Akzent bei den englischen Texten ist auch süß und, oder etwa nicht?

Nach der Umbaupause ging es mit einem erneuten gemischten Duo dann weniger infantil und niedlich zu. Wye Oak sind bei dem famosen Merge-Lable gesignt und haben witzigerweise gerade erst kürzlich auf einer Fähre zwischen Dover und Calais Kurt Wagner kennengelernt, der mit seiner Band Lambchop, der wohl bekanntetse Künstler bei Merge ist.

Die Blondine Jenn Wasner spielt bei Wye Oak die Gitarre und singt auch, während der Brilenträger Andy Stack trommelt und die Backvocals beisteuert.

Die Stimme von Jenn ist wunderschön, davon konnte man sich sofort überzeugen. Bei Please Concrete, welches ruhig und bedächtig anfing, bot sie erste Kostproben davon. Der Song wurde aber im Verlaufe immer schneller und als das Schlagzeug einsetzte, konnte man sogar gewisse Spuren von Noise im Stile der Vorbilder Yo La Tengo erkennen. Toll bei Wye Oak ist, das die Lieder verschiedene Wendungen haben, Stimmungs-und Tempowechsel aufbieten können und somit im besten Sinne indie sind. Hier wird nicht auf den schnellen Charthit hingearbeitet, sondern man will von Anfang an mit Qualität aufwarten. Und wenn ich sage von Anfang an, muss ich ergänzen, daß ihr Debütalbum If Children schon wieder fast 9 Monate auf dem Buckel hat, denn in ihrer Heimat Amerika ist das Werk bereits Anfang des Jahres erschienen. In Europa sind wir wieder mal später dran, da steht If Children gerade erst in den Läden. Ich spreche hiermit eine Kaufempfehlung aus, das ist nämlich wirklich eine harmonische, erlesene Geschichte geworden. Ich habe mich in den letzten beiden Tagen selbst davon überzeugt. Interessanterwesie stammten am heutigen abend in der Pariser Flèche d'or gerade einmal drei Lieder von If Children, darunter Please Concrete und das famose, herzerwärmende Family Glue. Der Rest der 6-7 Lieder, die geboten wurde, waren hingegen neu, die Songs werden dann auf dem zweiten Output zu finden sein. Bis dieses Werk dann in Europa zu beziehen sein wird, dürfte allerdings noch eine ganze Weile ins Land gehen. Nutzt deshalb die Gelegenheit Wye Oak zusammen mit Dr. Dog in Eurer Stadt zu sehen!

Hier sind ausgewählte Konzerttermine von Wye Oak mit Dr. Dog:

09.11.2008: El Lokal, Zürich
10.11.2008: 59 to 1, München
11.11.2008: La Casa, Mailand
12.11.2008: Luxor, Köln
19.11.2008: Lido, Berlin
20.11.2008: Knust, Hamburg
21.11.2008: Merleyn, Nijmegen
22.11.2008: Ekko, Utrecht
23.11.2008: Paradiso, Amsterdam

Die durchgeknallten Amerikaner von Dr. Dog stürmten schließlich als vorletzte Band die Bühne. Vor circa zwei Jahren hätte ich bereits einmal die Gelegenheit gehabt, diese wilde Truppe zu sehen, aber ich erschien zum Konzert von Clap Your Hands Say Yeah, die seinerzeit von Dr. Dog supportet worden, zu spät.

Jetzt also eine neue Chance, die Amis zu begutachten und diesmal ließ ich die Gelegenheit nicht verstreichen. In den Vereigiten Staaten konnte man Dr. Dog in den letzten Jahren so einige Male sehen, denn sie waren nicht nur Vorgruppe von Clap Your Hands Say Yeah,
sondern auch von musikalischen Schwergewichten wie den Strokes, den Raconteurs und den Black Keys. In Europa sind sie aber bisher selten aufgetreten und umso mehr schätzte ich, heute abend in der Flèche d'or zu sein.

Aber ist das Quintett aus Philadelphia wirklich die beste Band der Welt wie die Jungs von Tahity Boy and The Palmtree Family behaupteten?

Nun, sie klingen zumindest manchmal nach einer der besten Bands der Musikgeschichte und zwar den Beatles.
Mit den berühmten Engländern teilen die Kerle von Dr. Dog auch das psychedelische Element und die feinen Chorgeänge, was dazu führt, daß Musikkritiker auch die Beach Boys als Referenzband nennen. Aber der Sound der verrückten Burschen ist gar nicht so leicht in eine Schublade zu stecken, denn neben ihrer Vorliebe für psychedelischen 60 ies Pop gibt es auch ein deutlich heraushörbares Blues-Element, vor allem wenn der Sänger mit der witzigen Zipfelmütze und der krächzigen Reibeisenstimme sang. Sein Kollege mit der Schneekappe und den Hosenträgern hingegen, zwitscherte eher wie John Lennon, so daß ein interessanter Kontrast entstand.

Aufmerksam geworden war ich bereits vor 3 Jahren, als Dr. Dog ihr drittes Album Easy Beat veröffentlichten, das ziemlich gute Kritiken in der Fachpresse erhielt. Inzwischen sind wir aber bereits zwei Longplayer weiter, denn nach We All Belong (2007) kam Fate im Juli 2008 auf den Markt. Und dieser neue Output, von dem auch die meisten Lieder des heutigen Abends stammten,
hat es wirklich in sich! Ich hatte dieses Werk vorher noch nicht, aber nachdem es so einige Male an diesem Wochenende bei mir lief, kann ich wirklich behaupten, daß es sich um eine vorzügliche Platte handelt! Besonders toll ist The Old Days, das sie auch in der Flèche d'or gespielt haben. Ein Lied, das einen augenblicklich in gute Laune versetzt und mit seinem charmanten Retrosound, die Musikfans in der Pariser Flèche d'or entzückte. Die Musiker auf der Bühne hüpften hierzu wie wildgewordene Schlümpfe über die Bühne, vor allem Dingen dann, als das Lied urpötzlich enorm beschleunigte. Als hätten sie Sprungfedern in ihren Schuhen, flogen sie in einer Reihe über das Parkett und sorgten für ein breites Grinsen im Publikum. Ich denke, es wurde auch The Breeze gespielt, ein melancholischer Popsong, den die Beatles vermutlich auch so ähnlich geschrieben hätten. Das war herzerwärmend, denn der Chorgesang hierzu war einfach wunderschön. Schließlich glaube ich mich daran erinnern zu können, daß auch The Ark performt wurde. Ein Song, der ein wenig an Bright Eyes, aber auch an Arcade Fire erinnert. Überhaupt sind Dr. Dog stilistisch eine kunterbunte Mischung aus allen möglichen Bands und Künstlern, man hätte Probleme aufzuzählen, was in dem Bonbon alles so drinsteckt.

Aber am besten ihr entdeckt die Band in Deutschland ganz schnell für Euch und macht Euch selbst ein Bild! Die Konzerttermine zusammen mit Wye Oak habe ich oben schon aufgelistet,
also geht da hin!

Über Tahiti Boy und seine Palmtree Family schließlich, habe ich auf diesem Blog schon desöfteren berichtet. Die Jungs, die auf ihrem in Brooklyn produzierten Debüt-Album erlesene Gäste wie Jonathan Morali (Syd Matters) und Tunde Adebimpe (TV On The Radio) aufbieten können, wirbelten auch heute wieder mit viel Schwung über die Bühne und ließen ihrem 60 ies Pop freien Lauf.






 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates