Festival: Best Kept Secret Festival Datum: 22. und 23.06.2013 (Tag 2 & 3) Zuschauer: 15.000 (ausverkauft)
von Dirk aus Mönchengladbach
Samstag
Auch der 2.Tag des Festivals konnte die ohnehin schon hohen Erwartungen erfüllen. Da mir leider keine "echte" Tastatur zur Verfügung steht, heute eine etwas kürzere Zusammenfassung. Beginnen wir den Bericht von hinten nach vorne, da die Eindrücke der Nacht noch frisch und besonders überzeugend waren.
Obwohl ich mich bewusst gegen die grossen Acts wie ALT J und Damien Rice entschieden hatte, endete der Abend mit einer Bombe. Savages, die ich vor kurzem schon in Köln im Club erleben durfte, gingen im kleinen Zelt einfach nur durch die Decke. Pünktlich und passend gingen die Damen um 0:00 auf die Bühne und lieferten einen derart intensiven, druckvollen und harten Postpunkgig ab, dass vielen beim Tanzen die Bierbecher um die Ohren flogen. Meiner Meinung nach eine der besten Livebands zur Zeit und definitiv in 2 Jahren auf jeder Hauptbühne des Planeten...zu Recht.
Fast genauso toll auch Melody's Echo Chamber deren verträumter Pop live ganz gross klingt und deren Band das ganze ebenfalls in einem Feedbackfinale ausklingen lässt. Auch hier ganz klar Potential für die Hauptbühne, gerade auch wegen der sympatischen und charismatischen Frontfrau.
Seine Band The History of Apple Pie zu nennen, mag man als gewagt bezeichnen können, aber eigentlich ist es egal. Berühmt wird dieses Multikulti-Shoegazerorchester wohl leider sowieso nicht, ich mag die grossartige Platte und den gestrigen Auftritt trotzdem sehr.
Doch kommen wir nun auch zu den Flops des Tages: Die Allah-Las durften auf der grossen Hauptbühne auftreten, konnten in mir aber keinen Zauber entfachen. Zu belanglos finde ich diese Retromasche bei der ich weder tanzen noch zuhören möchte. Dann lieber ein paar echte Retroscheiben auflegen oder Nick Waterhouse zuhören.
Zuhören war auch bei den Swans schwierig, erstens weil Sänger Michael Gira so über die Bühne stolpert, dass man ihm sofort Hilfe anbieten möchte, andererseits diese dröhnenden oft halbstündigen Titel auf einem Festival einfach überfordern. Nichts gegen komplexe Arrangements, aber Mogwai haben dazu wenigstens Melodien und Spass auf der Bühne.
Im stabilen, guten Mittelfeld wie immer Two Door Cinema Club und Efterklang, die beide vor riesigem Publikum auf der Hauptbühne antraten... da kann man nichts falsch machen, aber es gibt halt auch keine Überraschungen.
Als einer der ersten durfte gestern dann noch Indians eröffnen, und erspielte sich alleine mit Keyboard einen Achtungserfolg.
Sonntag
Das Pendeln mit dem Fahrrad (man ist ja schließlich in Holland) zwischen Hotel und Festival mit „Verpflegungsauto“ vor dem Gelände sollte sich auch am dritten Tag auszahlen, da das Wetter leider nicht besser wurde. Waren die Temperaturen für ein Festival eigentlich gut (nicht zu warm, aber auch nicht zu kalt), kam am Sonntag leider doch noch vereinzelt der große Regen dazu..
Da mein Hauptaugenmerk aber sowieso den Zeltbühnen TWO und THREE lag, keine wirkliche Einschränkung. Und so erlebte ich zur Mittagszeit auf der THREE eines der skurrilsten Konzerte seit Jahren. Autre Ne Veut, hinter dem sich, wie ich jetzt ergoogelte, eigentlich das Pseudonym von Arthur Ashin aus Brooklyn verbirgt und keine echte Band, waren mir durch ihre tolle Platte Anxiety aufgefallen. Und das, obwohl ich sonst weder etwas mit Autotune, Nu-Soul oder ähnlichem anfangen kann. Daher wollte ich der Live-Umsetzung eine Chance geben. Und dann stehen auf der Bühne ein mit bösem Blick die Zuschauer musternder Sänger mit umgedrehter Baseballkappe, eine blondierte Lady die aus einem David Lynch Filmset zu stammen scheint und ein Drummer in vollem White-Trash Gedächtnisanzug (Käppi, Shirt, abgeschnittene Jeans, Vollbart). Das Publikum staunt, aber dann knallen einem auch schon die Töne des besten Songs (Play by Play) entgegen. Mutig als Start denkt man noch doch dann merkt man erst wie gut das alles ist... ich will gar nicht auf alle Einzelheiten eingehen (der Pathos, das teilweise Gelächter im Publikum, das Winden auf dem Bühnenboden), es war super... aber wirklich empfehlen kann ich es auch keinem, sehr eigenartig... aber dafür geht man ja auf Festivals...
Kommen wir nun wieder zu normalen Menschen, und nachdem die Local Natives auf der Hauptbühne etwas unter dem Starkregen zu leiden hatten, war es Zeit für die Palma Violets. Normal ist hier auch relativ, aber zumindest auf der Insel würden diese Jungs nicht weiter auffallen. Schlecht gekleidet und reichlich betrunken gab es hier genau das, was man erwartete. Die jährliche British Sensation mit Songs wie Chicken Dipper und Rattlesnake Highway. Hier waren keine Molltöne am Start und Zeit einfach mal das Bier auf die Bühne zu werfen, um willenlos zu tanzen.
Zur Musik: Exakt wie die Libertines, bitte nur Heroin durch Bier ersetzen.
Danach war ein persönlicher Kleidungswechsel erforderlich, daher verpasste ich leider den DJ, den ich eigentlich unbedingt sehen wollte: Cashmere Cat. Aber es wurde Zeit für den großen Headliner Sigur Ros. Da will man ja nicht aussehen wie ein durchschnittlicher Festivalbesucher, wenn Jonsi sein bestes Jacket aus dem Schrank holt.
Sigur Ros begleiten mich seit vielen Jahren, seit dem ersten Konzert auf Bierbänken im Gebäude 9 bin ich Ihnen verfallen. Allerdings immer eher wegen der Konzerte, die mich noch nie enttäuscht haben. Es ist einfach ein Wunder, dass diese Band mittlerweile vor einem Festivalpublikum bestehen kann, ohne auch nur einen Schritt von der Vision ihrer Musik abzuweichen. Vieles wurde schon geschrieben, meistens hat es mit Engeln, Elfen und anderem Quatsch zu tun, meiner Meinung nach ist aber die pure Musikalität und die völlige Hingabe zur eigenen Kunst/Musik die alle in Ihren Bann zieht. Leider können hier Beschreibungen gar nichts von dem ausdrücken, was man bei Sigur Ros Konzerten erlebt. Meistens schießen einem bereits im ersten Song Tränen in die Augen, in der Mitte des Sets liegt ein Rocker einem Gothicmädel weinend im Arm und zum Schluss sitzt man noch mindestens 30min vor der Bühne ohne zu wissen warum...
Sigur Ros spielen heute ein paar neue Stücke, die wieder vor Melodien strotzen und haben natürlich Streicher, Bläser, einen Chor, tolle Visuals und zwei Schlagzeuger dabei. Jonsi bügelt die Gitarre und obwohl wieder keinerlei verbale Interaktion mit den Zuschauern erfolgt, fühlt man sich persönlich eingeladen, dieser Musik beiwohnen zu dürfen. Ein Traum von einer Band.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Keiner schafft es in Deutschland, so ein schönes Festival für 15.000 Menschen auszurichten. Und das bei der ersten Ausgabe, wo Probleme auch gerne verziehen werden. Ich habe keinmal an einem Getränkestand oder einer Toilette gewartet, es gab KEINE Dixieklos, keine Werbestände von Sponsoren, nicht mal Werbebanner. Ein 0,3 Bier kostete 3 EUR und man konnte an mindestens 50 PRIVATEN Essensständen kulinarisch einmal um die Welt reisen... ich bin nächstes Jahr wieder da.
Konzert: Haldern Pop Festival 2012, 2. Tag, mit Wye Oak, Other Lives, Dan Mangan u.v.a. Ort:Spiegelzelt und Mainstage Datum:10.08.2012 Zuschauer: Tausende
Der zweite Festivaltag wurde von uns erst um 15 Uhr 30 mit Wye Oak angestochen. Vorher war ausschlafen angesagt, schließlich waren wir im Urlaub, vor allem meine Frau, die sonst immer früh raus muss, pochte auf ihr Recht, lange zu pennen. Als wir die Vorhänge des Hotelzimmers (wir sind alt und komfortversessen, zelten kommt für uns nicht mehr in Frage) aufzogen, hielt sich die Sonne noch ein wenig zurück und es war leicht bewölkt, aber als wir das Festivalgelände erreichten, war Sonnenschein pur angesagt und die Temperaturen sommerlich warm. Beste Bedingungen für einen großartigen Festivaltag, auf den wir zudem durch ein spätes Frühstück mit herrlich starkem Espresso bei einem Italiener in dem Grenzstädtchen Goch gut vorbereitet waren. Weniger ausgeschlafen erschienen Andy Stack und Jenn Wasner alias Wye Oak, die heute erst aus Baltimore eingeflogen waren und zugaben, ziemlich durch den Wind zu sein. Leistungsmindernd wirkte sich der Schlafentzug und das Jetlag aber nicht aus. Mit viel Einsatz und Spielfreude präsentierten die beiden ihren erdigen Indierock, der mitunter ordentlich laut wurde. Jen schien eine diebische Freude daran zu haben, ihre Elektrische aufheulen zu lassen, während ihr musikalischer Partner am Schlagzeug (und Keyboard, manchmal gleichzeitig bedient!) hingegen weitestgehend stoisch agierte. Ein Paar voller Gegensätze. Sie die wilde Pipi Langstrumpf, er der fleißige Streber. Trotzdem harmonierten die beiden fast blind miteinander und ihr Set flutschte reibunsglos. Erstaunlich, daß sie es mit ihrem reduzierten Instrumentarium schafften, abwechslungsreich, melodiös und spannend zu klingen. Die Songs ihrer drei Alben waren jedenfalls ziemlich dufte und am Ende war es etwas schade, daß das Set nicht sonderlich lang war. City Slang Chef Cristof Ellinghaus schien mit dem Auftritt seiner Schützlinge zufrieden gewesen zu sein und auch ich hatte meinen Spaß mit dem explosiven Duo. Um 16 Uhr 30 dann die Begegnung mit einer der Bands der Stunde. Other Lives aus Oklahoma haben einen kometenhaften Aufstieg hinter sich, der sie sogar ins Vorprogramm von Radiohead katapultierte und etliche ausverkaufte eigene Shows beinhaltete. Dabei waren sie noch vor einem Jahr nahezu unbekannt, als sie vor ein paar glücklichen Zusehern in der kleinen Haldern Pop Bar aufspielten, da aber bereits erkennen ließen, daß mit ihnen unbedingt zu rechnen ist. Ihr drittes Album* Tamer Animals ist aber auch wirklich ein Schmuckkästchen, das mit unglaublich vielen Schätzen gefüllt ist. Kein Wunder, daß dann viele Musikfans auch hören wollen, wie die Liveumsetzung gelingt. Hervorragend nämlich! Jesse Tabish versteht es immer wieder, den tollen Songs der CD live mehr Druck, Schärfe und Tiefgang zu verleihen und seine hervorragende Liveband um die talentierte Cellistin, Geigerin und Autoharpistin Jenny Hsu zu dirigieren. Auch in Haldern 2012 spielten die Musiker wie aus einem Guß und verzauberten das in der Sonne schwitzende Publikum mit einem vielschichtigen, orchestralen Wildwestsound, den Jesse Tabish mit sensationeller Baritonstimme intonierte. Hit (ganz groß der sentimentale Titeltrack) reihte sich an Hit (For 12, Dark Horse) und auch hier hatte man sich durchaus Lust auf ein längeres Konzert, was aber auf Grund des dichtgedrängten Zeitplanes nicht möglich war. Danach musste ich erst einmal in Ruhe etwas essen und ein wenig chillen. Dazu gab es im hinteren Teil des Geländes bei den Merchständen auf sandigem Boden herrlich Gelegenheit. Hier konnte man prima relaxen, Kraft tanken und fühlte sich fast wie in einer kleinen Hippie Kommune. Alles passte, das Wetter, die netten Leute in Haldern und meine Stimmung (lag das vielleicht am Bier?). Selbst meine Wadenmuskulatur hatte sich ein wenig gelockert, wenngleich es immer noch zwickte und zwackte und ich mich humpelnd wie ein alter Mann fortbewegte. Zu dieser Zeit, es war in etwa viertel vor sechs, spielten die Indierocker White Rabbits auf der Hauptbühne, während kurze Zeit später die Briten Zulu Winter im Spiegelzelt für Stimmung sorgten. Ich selbst war erst um 18 Uhr 50 mit Dan Mangan wieder mit von der Partie.
Der liebenswürdige Kanadier erschien schon bei den Aufbauarbeiten (ein Zeichen seiner Bodenständigkeit) mit grünem Parka und seinem obligtorischen Lächeln im runden Gesicht. Der sympathische Bursche aus Vancouver hat aber auch wirklich gut lachen, denn zusammen mit seiner powervollen Band hat er es geschafft, vom Spiegelzelt (2011) auf die Hauptbühne aufzusteigen. Ein Verdienst seiner explosiven, äußerst inbrünstig vorgetragenen Konzerte, die immer mehr Fans rund um den Globus anzogen. Auch heute machte Dan Mangan seine Sache gut, konnte aber nicht mehr so ganz von dem "Aha- Effekt" im Publikum profitieren, dass ihn vor einem Jahr kennen- und lieben gelernt hatte. Damals war er ein unbekannter Newcomer und kaum einer wusste, wie wahnsinnig stimmungsvoll und berauschend seine Shows sind, heute aber erwartete jeder ein neuerliches Feuerwerk und noch mehr Extase. Trotzdem blieb es lange Zeit ziemlich ruhig auf den Rängen und erst beim Überhit Robots wurden letzte Blockaden endgültig gelöst. Zuvor hatten Mangan und seine Band einen wohlschmeckenden Cocktail aus den beiden letzten Alben Nice Nice Very Nice und Oh Fortune! bereitet und ein Lächeln auf so manches Gesicht gezaubert. Wir werden ihn also wiedersehen, diesen Pfundskerl mit dem diebischen Lächeln, dessen kann man sich sicher sein!
Gleich nach Ende des Konzertes von Dan Mangan, das auf der Hauptbühne stattgefunden hatte, bemühte ich mich, schleunigst ins Spiegelzelt zu Daughter aus England zu kommen. Hier machte sich mein Pressepass bezahlt, da ich die Möglichkeit hatte, über einen Seiteneingang schneller reinzukommen, ohne vorher in der Schlange zu stehen. Drinnen war es wahnsinnig voll und wegen des starken Nebels war es auch schwierig, die Protagonisten auf der Bühne zu erkennen. Dummerweise stand die britische Sängerin auch auf der rechten Seite, sodass ich die Seiten wechseln musste, da sie vorher im toten Winkel war. Durch meine Linse sah ich eine dünne, gutaufgelegte junge Dame mit E-Gitarre, die eine männliche Begleitgruppe anführte. Ihre Stimme klang sirenenhaft und herrlich verhuscht. Aber der verhallte Dreampop wich im weiteren Verlaufe einer noisigeren Instrumentierung und man konnte fast Postrockelemente erkennen. Laura Marling meets Sigur Ros, so schoss es mir durch den Kopf. Wie auch immer, ich genoß das Set und kann die Programmveranstalter des niederrheinischen Festivals nur beglückwünschen, diesen in Zukunft sicherlich dicken Fisch ans Land gezogen zu haben. Auf dem europäischen Festland waren Daughter noch nicht so oft, insofern waren die Haldener erneut früh am Ball und ich würde mich nicht wundern, wenn wir Daughter in Zukunft einmal auf der Hauptbühne erleben werden.
Erneuter Bühnenwechsel und zurück zur Mainstage auf der nun Thees Uhlmann und seine Band antraten. Mein Bloggerfreund Christoph hatte den Tomte-Sänger erst kurz vorher interviewt und von einem bestens aufgelegten und natürlich-sympathischen Kerl geschwärmt (der im Übrigen auch unser Konzerttagebuch liest! Yeah, baby). Und genauso kam Thees dann auch live rüber. Locker, gerade heraus und uneitel. Ein Typ, der seine Herkunft vom Lande nicht verleugnet und sich höchst erfreut zeigte, auf dem Dorf, sprich dem Haldern zu spielen. Das sei seit langer Zeit sein Traum gewesen. Beim Publikum kam er mit seiner unverkrampften Art ungemein gut an, viele Leute sangen die Texte mit und an dem satten, hochmelodischen Gitarrenrock hatte einfach jeder seinen Spaß. Ich persönlich erfreute mich zudem an dem Anblick der zuckersüßen Keyboarderin, die unverschämt jung aussah, aber sicherlich schon seit einer gewissen Zeit volljährig ist. Einzig der Anblick der Leute neben mir, mit den hässlichen T-Shirts, die unweigerlich auf einen dieser unsäglichen Junggesellenabschiede hindeuteten, irritierten mich ziemlich. Es gibt ja kaum etwas Schlimmeres als Junggesellenabschiede, finde ich zumindest und auch Hochzeitsgags wie das Entführen der Braut erscheinen mir absurd. Ich hätte möglicherweise jedem meine Freundschaft gekündigt, der mir damals bei meiner Eheschließung mit einem solchen Käse gekommen wäre. Aber Schluss mit diesem Exkurs, das Konzert von Thees war kurzweilig und in manchen Teilen gar berauschend. Musik mit deutschen Texten ist also nicht per se zu verdammen.
Gilt sicherlich auch für Niels Frevert, der nun im Spiegelzelt auflief.
Allerdings fehlte mir die Kraft, um mir den sensiblen Barden drinnen anzusehen und richtig aufzupassen. Stattdessen plauderte ich gemütlich auf einer der Bierbänke draußen mit einem Freund, denn wir sehen uns das Jahr über nur selten und haben kaum Gelegenheit, uns mal auszutauschen. Aber auch das gehört zu einem Festival dazu: Freunde treffen, soziale Kontakte pflegen, über die Qualität der Konzerte fachsimpeln. Zu Niels Frevert konnte ich mir keine richtige Meinung bilden, obwohl man den Auftritt auch draußen auf dem großen Bildschirm verfolgen konnte. Ich denke der Hamburger ex Nationalgalerie Mann ist gut, ansonsten hätte er nicht eine solch treue Gefolgschaft und wäre nicht bei dem glänzenden Label Tapete beheimatet.
Fraglich ist hingegen, was ich von Ben Howard zu halten habe. Der Engländer, der letztes Jahr noch beim Haldern Pop im Zelt spielte, hatte 2012 den Aufstieg auf die Hauptbühne geschafft und gefiel meiner Frau, die sich das Ganze aus der Nahe ansah, recht gut. Ich hörte das Konzert nur aus der Ferne, konnte demzufolge auch hier kein Urteil abgeben. In Frankreich, wo ich seit 10 Jahren lebe, ist er bereits ein Star, spielt 1.500er Locations und in Deutschland ist sein Aufstieg sicherlich auch noch nicht beendet. Ob ich dabei bin, wird die Zukunft zeigen.
Dabei war ich dann aber auf jeden Fall beim Konzert der Briten Diagrams. Von denen hatte ich viel erwartet, da sie mir in Paris vor ein paar Monaten ein fulminantes Konzert beschert hatten und meine Erwartungen wurden auch keineswegs enttäuscht. Ex Tunng Vorstand (der vor ein paar Jahren mit seiner alten Band bereits im Spiegelzelt aufgetreten war) Sam Genders und seine Truppe spielten druckvoll, abwechslungsreich und melodiesselig auf. Ihre Mischung aus funkigem Pop, Electronica und Folk war clever arrangiert und wartete auch mit einigen Hits auf. Tall Buildings beispielsweise zog irre gut, war groovy und catchy, ohne dümmlich und platt zu klingen. Unterstützt wurde Genders u.a. von einer hübschen rothaarigen Keyboarderin und einer im Hintergund agierenden Sektion aus Trompete, Saxofon und Geige. Einen Gag hatte sich die sympathische Band für den Schluß aufgehoben. Da wurden nämlich die Zuschauer gebeten, die anfänglich verteilten Luftballons in die Höhe zu werfen und so endete das prima Konzert wie auf einem Kindergeburtstag: Viele Ballons und viele glückliche lächelnde Gesichter. Schön!
Um 22 Uhr 55 ging es dann zurück auf die Mainstage. Dort warteten schon die Iren Two Door Cinema Club, um ihren bubblegumartigen Gitarrenpop abzufeuern. Das klang dann am Anfang auch noch frisch und teilweise enthusiasmierend, entwickelte sich im weiteren Verlaufe aber zu einer eher flachen Angelegenheit, weil einfach jedes Lied, jede Gitarrenmelodie und jeder Schlagzeugrhythmus ähnlich bzw. gleich klang. Immer deutlicher wurde, daß die junge Band keine eigene Identität hat und nur eine uninteressante Mixtur aus Franz Ferdinand, den Maccabees und Foals darstellt. Auch die wenigen neuen Lieder vom demnächst erscheinenden zweiten Album unterschieden sich kaum von den Hitsingles des ersten Albums. Einem Großteil des Publikums schien diese mangelnde Originalität aber egal zu sein. Viele tanzten zu den bisweilen karibisch anmutenden Rhythmen und den poppigen Melodien und gaben keine shit darauf, daß Two Door Cinema Club Klone sind, die dem Mainstream die Füße küssen.
Bessere Musik gab es dann wieder im Spiegelzelt. Es war schon nach Mitternacht als Wendy McNeill und ihre Band loslegten. Die Akkordeonspielerin aus Kanada hatte bereits 2010 das Halderner Publikum im Spiegelzelt entzückt und auch 2012 kam sie hervorragend an. Das lag zum einen Teil an ihrer äußerst liebenswürdigen herzlichen Art, zum anderen an ihrer markanten Stimme und ihren fein arrangierten Kammerpopsongs mit schwarzer Note. Zu jedem Lied erzählte McNeil übrigens auch eine Anekdote, sodass das gesamte Konzert eine Geschichte über den Fischer namens Eddie darstellte. Christoph hatte besonders gut aufgepasst. Er wird in seinem Bericht sicherlich detailliert auf diese interessante Story eingehen.
Ich hingegen verabschiede mich für heute, denn die anschließenden Konzerte waren mir zu spät und dies obwohl ich insbesondere Oberhofer sehr gerne gesehen hätte.
Morgen dann der Bericht vom dritten und letzten Festivaltag. Dann auch hoffentlich endlich Fotos!
* wenn man das Debüt unter dem Bandnamen Kunek hinzurechnet
Setlist Two Door Cinema Club, Haldern Pop Festival 2012:
01: Cigarettes In The Theater 02: Undercover Martyn 03: Do You Want It All? 04: This Is The Life 05: Wake Up 06: Something Good Can Work 07: You'reNot Stubborn 08: Settle 09: Costume Party 10: Handshake 11: Eat That Up, It's Good For You 12: What You Know 13: Sleep Alone 14: Come Back Home 15: I Can Talk
Setlist Other Lives, Haldern Pop Festival 2012:
01: As I Lay My Head Down 02: Old Statues 03: Landforms 04: Desert 05: For 12 06: Tamer Animals 07: Wheater 08: Dust Bowl III
Setlist Dan Mangan, Haldern Pop Festival 2012: 01: Oh Fortune! 02: Sold 03: If I Am Dead 04: Post War Blues 05: Robots
Setlist Thees Uhlmann, Haldern Pop Festival 2012: 01: Römer Am Ende Roms 02: Das Mädchen von Klasse 2 03: Vom Delta Bis Zur Quelle 04: Sommer In der Stadt 05: Zum Laichen Und Sterben Ziehn Die Lachse den Fluss Hinauf 06: Die Nacht War Kurz (Ich Stehe Früh Auf) 07: & Jay-Z Singt Uns Ein Lied 08: XOXO 09: Die Toten Auf dem Rücksitz Setlist Ben Howard, Haldern Pop Festival 2012:
01: Oats In The Water 02: Diamonds 03: Old Pine 04: The Wolves 05: Everything 06: Black Flies 07: Keeo Your Head Up 08: The Fear
Konzert: Jónsi (und ein paar andere) Ort: Domaine National de Saint Cloud bei Paris, Festival Rock en Seine Datum: 28.08.2010 Zuschauer: unfassbar viele Konzertdauer: etwa 50 Minuten
Der (heimliche) Headliner des 2. Festivaltags bei Rock en Seine war ohne Zweifel Jónsi, Sigur Ros-Frontmann auf Solopfaden. Er spielte zwar bereits um 19 Uhr 10 und durfte nur ungefähr 50 Minuten ran, dafür war aber sein Set einfach atemberaubend schön.
Angefangen hatte der heutige Samstag für mich sehr schwerfällig. Ich kam schlecht aus den Federn, hatte beschissen geschlafen und fühlte mich als hätte ich die Nacht unter einer Brücke verbracht. Erst um 17 Uhr 40 schaffte ich es auf das Festivalgelände. Im Gegensatz zu gestern spielte zwar der Wettergott mit, dafür aber war es eklig voll auf den Wiesen der Domaine National de Saint Cloud vor den Toren von Paris. "Du brauchst dich nicht beunruhigen, es gibt nicht so viele Leute", hörte ich allen Ernstes ein deutsches Mädchen in ihr Handy sprechen. Wie bitte? Erstens heißt es "zu beunruhigen" verflucht noch einmal und zweitens war die Anlage schwarz vor Menschen! Es war zum Kotzen! Am liebsten wäre ich gleich wieder nach Hause gefahren. Mein Schädel brummte und es gab im Gegensatz zu den letzten Jahren keinerlei Rückzugsmöglichkeiten. Die Schlangen an den Verpflegungsständen und den Toiletten waren kilometerlang und man kam auch nicht nah an die Bühnen ran. Es sei denn man hatte sich lange vorher angestellt und auf ein Konzert auf einer der anderen Bühnen verzichtet. Das Set der jungen Nordiren Two Door Cinema Club bekam ich deshalb nur von Weitem mit. Aus musikalischer Sicht zu verschmerzen, denn die Songs der Senkrechtstarter sind zwar frisch, hochmelodiös und einprägsam, aber auch recht belanglos und seicht. Indiepop, der keinem weh tut, wie geschaffen für Leute, die zum Frühstück Milchkaffee (der Kenner trinkt natürlich Espresso, schwarz versteht sich!) und Nutellabrote konsumieren. Kein Wunder, daß ein Titel wie Something Good Can Work in Frankreich bereits für einen Werbespot verwendet wurde. Sommerlicher Pop zum Mitpfeifen oder unter der Dusche summen und darüber hinaus bestens geeignet, Fahrstühle zu beschallen bzw. die Wartezeit auf den Abflug des Flugzeugs mittels Kopfhörerberieselung zu verkürzen. Damals lief auf den Kanälen der Airlines immer Dido oder Keane, heutzutage sicherlich Two Door Cinema Club. Mein Hauptproblem: Die Musik der Nordiren ist unerträglich happy, so etwas deprimiert mich immer zutiefst! Irgendwann hatten Two Door Cinema Club aber all ihre Bubblegum-Nummern verschossen und ich trollte mich total genervt Richtung Hauptbühne. Auch dort wurde ich von fröhlichen Klängen geärgert. Diesmal war es Palo Nutini, der bei einem Reggaestück auf "weißer Bob Marley" machte. Ich hätte mir jetzt am liebsten mit einer Pistole in den Mund geschossen, aber ich hatte gerade keine Wumme zur Hand. Also blieb ich wie ein Maikäfer am Boden liegen und begaffte die vorbeilatschenden Weiber. Wieder einmal gab es ein paar zuckersüße Eisprinzessinen darunter. Wenigstens etwas. Meine Laune wurde einen kleinen Tick besser, aber wirklich nur einen kleinen. Ich trat mir nun selbst in den Hintern (moralisch nicht physisch, so beweglich bin ich steifer Sack nicht) und latschte Richtung Scène de la Cascade, wo Jónsi angesetzt war. Es waren noch zwanzig Minuten bis zum Konzertbeginn und eigentlich musste ich dringend pissen. Beim Anblick der Schlange vor den Toiletten entschied ich mich aber einzuhalten. Auch dem (schlechten) Vorbild einiger männlicher Mitbürger, die einfach gegen Absperrungen pinkelten, folgte ich nicht, denn meine Frau mag so etwas gar nicht. Sie war zwar nicht da, hat mich aber dermaßen streng erzogen, daß ich auch nicht in ihrer Abwesenheit wild rumpisse. Man weiß ja nie, vielleicht hat sie ja eine App' auf ihrem i-phone, wo sie mich rund um die Uhr beobachten kann...
Nun stand ich da also blöd rum und glotze mit voller Blase auf die noch leere Bühne. Ich hatte die Arschlochkarte gezogen, denn in meiner Nachbarschaft standen die dümmsten Mistkäfer rum, die man sich vorstellen kann. Infantile Jugendliche, die allesamt selbstgedrehte Joints und Zigareten rauchten und mir den Qualm in die Nase bliesen. In einer reaktionären Fantasie stellte ich mir vor, wie Hardliner Sarkozy heraneilt, die blöden Kiffer von der Polizei abführen lässt und dem zuständigen Staatsanwalt befiehlt, die Rotznasen für 15 Jahre einzubuchten. Überflüssig zu sagen, daß meine Laune nach wie vor scheiße war. Dann plötzlich kam ein Ansager auf die Bühne und erklärte in holprigem französisch, daß es Tonprobleme gäbe und man kein elektrisches Konzert duchführen könne. Das Set würde akustisch werden, klärte er die verdutzten Zuschauer auf.
10 Minuten später erschien Jónsi ganz allein mit Akustikgitarre. Ich war gespannt, was mich erwarten würde. Langeweile pur oder tränentriefenden Momente? Zunächst überwog die Langeweile, aber mit jeder Minute wurde ich gelassener und ruhiger. Die bekloppten Jugendlichen, denen ständig die selbstgedrehten Zigaretten ausgingen und die deswegen auf nervtötende Weise ein Mächen neben mir permanent um Feuer anbettelten, versuchte ich so gut wie möglich zu ignorieren. Und dies gelang mir irgendwann! Jónsi hatte mich inzwischen mehr und mehr in seinen Bann gezogen und imponierte mir mit seiner unnachahmlichen Falsettstimme. Dabei war ich im Vorfeld trotz der euphorischen Berichte meines Kollegen Chistoph von Jonsis Auftritt beim Lattitude Festival skeptich gewesen. Schwülstiger Barockpop, vorgetragen mit viel Pathos, ist das wirklich etwas für mich? Im Falle des Sigur Ros Sängers: Ja! Der seltsam gekleidete Kerl (was war denn das für ein Fummel?) sang einfach so wunderschön, daß ich gar nicht anders konnte, als hinwegzuschmelzen. Zum Steine erweichen! Von den Worten seiner guttoralen Landessprache verstand ich kein Wort, aber das war egal, wichtiger war die Hingabe, die unwiderstehliche Melancholie seiner Stimme. Ab dem zweiten Lied hatte Jónsi Begleitung von etlichen Musikern bekommen, getreu der Regel: Sänger einer Band brauchen solo noch mehr Musiker als vorher, siehe Morrissey oder Peter Doherty, der im Bataclan neben den (fast) kompletten Babyshambles noch Streicher, Graham Coxon und Stephen Street aufgeboten hatte. Bei Jonsi waren es insgesamt 4 Mitstreiter. Am lustigsten anzusehen war der kahlköpfige Drummer, dessen lichtes Haupt von einer schwarzen Krone umrandet wurde. Aber auch der gutaussehende Bassist war ein Hingucker, denn er freute sich wie ein kleines Kind und lachte auf fast diebische Weise, als das Publikum von Lied zu Lied besser mitging und den Rhythmus mitklatschte. Für mich hätte es diese Klatscherei wie in der Hitparade mit Dieter Thomas Heck nicht gebraucht, aber der Band selbst gefiel dies offensichtlich gut, also war es in Ordnung. Der Chef Jónsi war ohnehin ganz auf seinen betörenden Votrag konzentriert und agierte unscheinbar und ohne großen Gesten. Seine ganze Art war bescheiden und überaus sympathisch, angesichts der Bekanntheit seiner Hauptband Sigur Ros eine ungemein schöne Erkenntnis. Auch als das Publikum nach dem Verklingen des letzten Liedes frenetisch jubelte, blieb er ganz ruhig und kostete den Triumph nicht aus. Fast schüchtern schlich er von der Bühne, dabei hatte er gerade große Kunst abgeliefert. Innerhalb einer knappen Stunde bin ich vom Skeptiker zum Fan geworden. Ich hatte befürchtet, Jónsi verfolge mit seinem mir vorher unbekannten Soloalbum den Weg zum international gefeierten, massenkompatiblen Popstar konsequent weiter, ohne künstlerisch voranzuschreiten. Bizarrer Pop für Millionen. Oder so. Übersehen hatte ich dabei aber, daß der Bursche einfach ein außergewöhnliches Talent ist. Daß man ihn mit unzähligen Fans teilen muss, ist deshalb zu verschmerzen.
Ein zauberhatfes Konzert, Ganz groß, Jonsi!
Die Setlist von Jónsi dürfte in etwa so ausgesehen haben.
Aus unserem Archiv:
Jónsi, Wien, 24.07.2010 Jónsi, Latitude Festival, 18.07.2010 (Christoph an die Arbeit, hop hop!)
Konzert: Two Door Cinema Club Ort: Fnac Montparnasse, Paris Datum: 22.03.2010 Zuschauer: 40-50 Konzertdauer: spärliche 13 Minuten
Man muss schon ein notorischer Nörgler sein, wenn man über das Pariser Konzertangebot lästert. Bereits um 12 Uhr nachmittags gaben Noah & The Whale (in meiner Abwesenheit) ein vierzigminütiges Gratiskonzert bei La Defense und um 15 Uhr 30 ging es in der Fnac Montparnasse weiter. Kein Eintritt, allerdings auch nur gerade einmal 13 Minuten (es gibt Nerds, die so etwas stoppen, ich gehöre nicht dazu, wurde aber anschließend über die Konzertdauer auf die Minute genau unterrichtet) Spielzeit. Etwas dürftig! Aber gut, wir wollten ja nicht nörgeln! Schließlich haben wir eine akustische Kostprobe von der Band der Stunde bekommen. Two Door Cinema Club heißen die jungen Iren (nicht Irren) und die sind in Frankreich zur Zeit in aller Munde. Das liegt sicherlich auch daran, daß sie beim französischen Label Kitsuné unter Vertag stehen und sich schon desöfteren in der Seine Metropole haben blicken lassen. Für mich war es eine Premiere, für meinen Freund Philippe (ein echter Fan!) bereits der fünfte Gig mit den Jungspunden. Was man von den drei Jungs zu hören bekam (zwei Akustikgitarristen & 1 Glöckchenspieler), war durchaus hübsch und launemachend, aber zu wenig aussagekräftig, um sich ein fundiertes Urteil zu bilden. Gesanglich lag das irgendwo zwischen den Maccabees und den Good Shoes und in der elektrischen Variante dürfte man von den genannten Bands auch nicht allzu weit entfernt sein. Nichts weltbewegend Neues bei Two Door Cinema Club also, aber frischer Indie-Pop, der zumindest 2010 auf einigen Ipods landen wird, bevor man 2012 wie die ganzen anderen jungen Bands aus Großbritannien und Irland wieder in der Versenkung verschwinden wird. Nicht, daß ich ihnen das gönnen würde. Von mir aus dürfen sie viel länger bleiben! Bloß kennt- bzw. hört etwa heute noch jemand Musik von The Bravery, den Good Books oder Cajun Dance Party, die bei Plattentests.de als ähnliche Bands aufgelistet werden?
Ausgewählte Konzerttermine von Two Door Cinema Club:
26.03.2010: Paradiso (mit Phoenix) 27.03.2010: AB (mit Phoenix), Brüssel 28.03.2010: Den Atelier (mit Phoenix), Luxemburg 08.04.2010: Gebäude 9, Köln 08.04.2010: Atomic Café, München 09.04.2010: Rosi's, Berlin 10.04.2010: Molotow, Hamburg
Video von Rockerparis (merci!). Two Door Cinema Club performen Undercover Martyn:
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