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Dienstag, 23. August 2016

John Bramwell, Düsseldorf, 20.08.16

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Konzert: John Bramwell
Ort: Weltkunstzimmer Düsseldorf (Acoustic Festival)
Datum: 20.08.2016
Dauer: 50 min
Zuschauer: vielleicht 300



John Bramwell war sternhagelvoll, als er die Bühne des Acoustic Festivals in Düsseldorf betrat. Am Nachmittag war es sonnig und die Altstadt verlockend. Der I Am Kloot Sänger hatte vorher auf einem erhöhten Treppenabsatz des Innenhofs, in dem der erste Teil des schönen Festivals stattfand, gesessen, ein paar lustige Selfies aufgenommen und Solveig Heilo (Katzenjammer) zugesehen. Als dann das Programm nach innen verlegt wurde, stand John noch mit zwei Frauen (Joco?) am Rand der Bühne und sang mit ihnen einen seiner Songs. Hier würde wohl noch für einen Gastauftritt geübt.

15 Minuten später als geplant kam der Sänger, der so gerne über "drinking and desaster" singt, auf die Bühne, legte seine Setlist auf den Boden, suchte verzweifelt nach dem Kabel seiner Gitarre und... machte nichts. "Ich habe eine Setlist geschrieben, sie hier hingelegt und jetzt, jetzt kann ich sie nicht lesen." Und weiter ging es - mit Schweigen. "It's a new art form which involves me doing hardly anything. I'm going to sing a song any time now."

Er begann dann irgendwann wirklich, als ihm ein Song einfiel. Und plötzlich war alles schön. Offenbar kann John in allen Aggregatzuständen singen.

Das war leider alles sehr komisch. Aber es war auch erschütternd. Aber nach den Liedern kamen wieder die Pausen. "Eine kleine große Bier bitte." So habe er in der Altstadt am Nachmittag sein Deutsch getestet. Der Kellner habe ein kleines und ein großes Bier gebracht. Als er dies erzählte, bekam John einen Lachanfall. Auch, als im auffiel, daß er zwischen den Stücken lange Pausen machte. "Time is money. Haha, das ist ein brillanter Albumtitel." Und lachte sich kaputt. Bei To the brink lobte der Sänger aus Manchester einen Mitsänger. "Out of time and out of tune." 

Erstaunlicherweise klangen seine Lieder wie immer, die Stimme war toll, er war gut! Man durfte nur nicht unbedingt auf die Texte achten. The moon is a blind eye kommentierte er anschließend mit "some of the right words and chords." Aber dann kamen wieder die Pausen, in denen er zum Beispiel erzählte, daß er brillante Ohren habe. "I'm a bat. I sleep upside down at night" - und lachte sich schlapp.

Den Gastauftritt gab es nicht. Vielleicht war er geplant und wurde vergessen. Egal. Irgendwann kam die Moderatorin auf die Bühne, um John professionell von ihr zu klatschen. Er spielte trotzdem noch ein Stück, sie kam anschließend wieder und hatte Erfolg.

Seine Lieder waren toll, leider stand das nicht im Mittelpunkt. Das Konzert hatte einen ziemlich miesen Beigeschmack, so als gucke man einem Tanzbären zu. Aber einem, der sehr schön tanzte.

Setlist John Bramwell, Acoustic Festival, Düsseldorf:

01: Mouth on me
02: I believe
03: No fear of falling
04: 86 TV's
05: To the brink
06: From your favourite sky
07: Twist
08: I still do
09: The moon is a blind eye
10: Masquerade
11: Gods and monsters
12: Proof

Links:

- aus unserem Archiv:
- John Bramwell, Rüsselsheim, 11.07.15 
- John Bramwell, Rüsselsheim, 11.07.15
- John Bramwell, Eindhoven, 24.06.14 
- I Am Kloot, Köln, 16.05.15
- I Am Kloot, Paris, 23.03.13
- I Am Kloot, Dresden, 15.03.13
- I Am Kloot, Rüsselsheim, 10.07.10
- I Am Kloot, Köln, 28.03.10
- I Am Kloot, Köln, 24.10.08
- I Am Kloot, Köln, 26.07.08
- I Am Kloot, Paris, 27.03.08




Samstag, 18. Juli 2015

Phonopop Festival, Rüsselsheim, 11.07.15

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Konzert: Phonopop Festival
Ort: Rüsselsheim
Datum: 11. Juli 2015
Dauer: 8 h
Zuschauer: ca. 2000


Mein erster Ausflug zum Phonopop-Festival sollte zugleich auch mein letzter sein. Das 10-jährige Jubiläum nehmen die Veranstalter gleichzeitig zum Anlass, ihren Abschied bekannt zu geben und damit auch die Biografie des Phonopop zu beenden. Am Ende des Samstagabends bleibt mir die kleine Hoffnung, dass der Abschied vielleicht in wenigen Jahren rückgängig gemacht wird, wenn die Lust und Freude am Organisieren doch wieder groß genug und der Verlust dieses feinen Festivals zu schmerzhaft wird. 
Dieses Festival war für mich eines der wohltuend kleinen und sehr feinen im großen Chor all der Sommerfeste, die um Zuschauer buhlen. Das beginnt mit einer sehr konsequenten Künstlerauswahl, dem Verweigern gegen Mode- und Radiotrends und dem Vertrauen auf den eigenen Geschmack und damit auf Künstler, die nicht jedem bekannt sind und damit bei den Besuchern immer wieder Entdeckerlust wecken. Das geht weiter bis zur liebevoll ausgestalteten Location im alten Opel-Werk in Rüsselsheim. Da wird für Erfrischung mittels Wassersprühschlauch gesorgt, da hängen große Origami-Vögel in den Bäumen und die Fenster auf dem Weg zwischen den beiden Bühnen sind nachts von innen stimmungsvoll beleuchtet.
Die beiden Bühnen des Festivals liegen 2 Höfe auseinander und werden abwechselnd bespielt, so dass man jede Band sehen und hören kann. Das spart Zeit beim Umbau und gibt jedem die Chance, alle Konzerte mitzunehmen und den Künstlern die Möglichkeit, alle Gäste vor ihrer Bühne zu versammeln. Außerdem bleibt man zwischen den Konzerten in Bewegung und für mich mit Kamera war es perfekt, um für die Fotos immer einen Platz in bester Sichtweite zu bekommen.

Inner Tongue
Als ich das Gelände betrete, spielen Inner Tongue gerade ihre letzten Songs. Die Wiener Band blieb mir daher nicht so recht in Erinnerung.

Caroline Keating
Ihr Album „Silver Heart“ begleitet ich seit geraumer Zeit immer wieder und deshalb freute ich mich auf ihren Auftritt besonders. Caroline Keating begleitete sich selbst an ihrem E-Piano und spannte einen Bogen über bekannte und neue Songs. So sparsam der Auftritt instrumentiert war so spannungsreich wirkte doch ihre Stimme und fesselten ihre Lieder die Zuhörer knappe 45 Minuten.

Still Parade
Die ersten Takte, die ersten Songs verbreiteten Sommergefühle und passten zu den Temperaturen. Irgendwie war es, als ob der Strand gleich um die Ecke lag. Still Parade aus Berlin werden mit ihrer Musik in der Kategorie Dreampop/Dreamfolk verortet, für mich spielten sie ziemlich luftige Popsongs und sorgten so schon für ausgelassene Stimmung und Erfrischung. Auf jeden Fall werde ich diese Band und ihre Entwicklung weiter verfolgen.

John Bramwell
John Bramwell ist der Sänger von I Am Kloot und hier und heute als Solist unterwegs. Gerade so hat er es vom Flughafen nach Rüsselsheim geschafft, dabei seine Gitarre aber am Gepäckband nicht bekommen. Die Organisatoren haben ihm schnell einen Ersatz besorgt und so Stand dem Konzert nichts im Wege. I Am Kloot habe ich vor 2 Jahren im Dresdner Beatpol gesehen und höre nun die Songs der Band in einem akustischen Gewand. Heute leben sie von John Bramwells Stimme und der Art, wie er die Songs ankündigt und dann vorträgt. Lustig ist es schon, wenn er verschiedene Songs mit den selben Worten ankündigt als Lieder, die vom Trinken und Problemen handeln. Dann versenkt er sich in die Akkorde, schließt die Augen und lässt die Songs über den Hof fliegen.

Tiger Lou
facebook.com/TigerLou.official 2008 veröffentlichte die schwedische Band ihr letztes Album „A Partial Print“ und begeisterte mich damit vollkommen. 2 Konzerte ihrer anschließenden Tour habe ich besucht und dann wurde es ruhig um die Band, ihr Frontmann Rasmus Kellerman veröffentlichte noch ein recht katastrophal belangloses Soloalbum und damit hatte ich die Band aufgegeben. Um so erfreuter war ich, als ich las, dass Tiger Lou an neuem Material arbeiten und für 3 Konzerte nach Deutschland kommen, unter anderem zum Phonopop. Tiger Lou waren für mich der Anlass, die Tickets zu holen und hierher zu kommen. Und sie enttäuschten mich nicht. Tiger Lou präsentierten sich in Bestform, wie man bei Sportlern sagen würde. Die typische Bandbesetzung erweiterte diesmal Amanda für 2 Titel an der Trompete. Es gab bekannte Songs der bisherigen Alben und 2 neue als Ausblick auf eine demnächst erscheinende EP. Tiger Lou spielten sehr energiegeladen und mit einer Spielfreude als wären sie nie weg gewesen. Die neuen Songs fügten sich nahtlos in das Gesamtkonzert ein und so war ich mit der Band versöhnt und freue mich auf weitere Konzerte und Veröffentlichungen.

Okta Logue
Wir nähern uns dem Abendprogramm und damit den beim Publikum bereits mehrheitlich bekannten Künstlern. Und Okta Logue gehören als Lokalmatadoren quasi dazu. Hier haben sich Pink-Floyd-Jünger gefunden, die Riffs weitergesponnen und eigene Songs daraus entwickelt. Mittlerweile gibt es 2 Alben, Okta Logue waren schon als Vorband von Portugal.The Man unterwegs, wo ich sie zum ersten Mal wahrgenommen habe. Beim Phonopop haben Sie die Akzente - absichtlich oder nicht - so auf die Musik gelegt, der Gesang war kaum zu verstehen. Für mich ein bisschen schade, für die Fans war das offenbar kein Nachteil, die Band wurde gefeiert.

Two Gallants
Diese Band war für mich wie ein Meteoriteneinschlag. Ich hatte bisher nichts von ihnen gehört und ließ mich an dem Abend einfach überraschen. Und dann begannen Adam Stephens und Tyson Vogel ihr Set mit Gitarre und Schlagzeug und spielten nach dem Motto, hier werden keine Gefangenen gemacht. Es gab von Anfang ordentlich auf die Ohren und mächtig Druck aus den Boxen. Dabei spielen die beiden schon auch die feinen Saiten und streicheln die Becken. Dennoch schien es mir immer wieder, als arbeiten sich Two Gallants an einer inneren Zerrissenheit ab und finden Zuflucht nur im Aufbau von Klangkaskaden und -gewittern. Kurz gab es Erholung für das Publikum, als Adam Stephens sich ans Piano setzte. So gewaltig sich der Auftritt in die Ohren und Augen prägte, so wenig berührte mich die Band innerlich.

TripAdLib
Nicht nur beim Kosmonautfestival gibt es geheime Headliner. Auch beim Phonopop war ein Überraschungsgast angekündigt. Aus Mainz kommt TripAdLib und spielt einen Clubsound den ich nur aus Konserven kenne. Anfangs war ich überrascht, neben 2 Computern auch Schlagzeug und Bass auf der Bühne zu sehen, mit zunehmender Dauer ist diese Art Musik für mich leider zu langweilig.


Inzwischen war es spät in der Nacht und meine Energie auf The Temples zu warten erschöpft. So gibt es von mir leider keinen Bericht zum Finale und der allerletzten Band des Phonopop. Bleibt der Gesamteindruck, dass ich dieses Festival leider viel zu spät entdeckt habe und es bleibt die schwache Hoffnung, dass das Phonopop vielleicht doch irgendwann wieder ersteht.

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Mittwoch, 15. Juli 2015

Phono Pop Festival X, Rüsselsheim, 10. & 11. Juli 2015

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Konzert: Phono Pop Festival X
Ort: Altes Opelwerk, Rüsselsheim
Datum: 10. & 11. Juli 2015
Zuschauer: ein paar hundert, es hätten ruhig noch ein paar mehr sein können


Man könnte schon ein bisschen wehmütig werden, wenn man am späten Freitagnachmittag vom Opel-Bahnhof an den Bahngleisen entlang im angenehmen Sonnenschein zum Klinkerbau des alten Opelwerks in Rüsselsheim läuft, die Statue des Firmengründers vor dem Eingang wie einen alten Bekannten begrüßt und kurz darüber nachdenkt, dass dies aller Voraussicht nach das letzte Phono Pop Festival sein wird. Tatsächlich gilt es aber natürlich zuerst noch einmal dieses traumschöne und liebevoll organisierte Festival in vollen Zügen zu genießen und damit dies ungetrübt der Fall sein kann, wartet die diesjährige Ausgabe mit Kaiserwetter und einer extrem gelungenen Bandauswahl auf. 


Mit den fünf Jungs von Yesterday Shop geht’s gleich mal schön poprockig los, phasenweise sogar mit doppeltem Schlagwerk. Die nachzulesenden Coldplay-Einflüsse der mittlerweile aus dem Raum Reutlingen nach Berlin übergesiedelten Band sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Live haben die Songs allerdings erheblich mehr Druck und Energie als die Studioaufnahmen. Ein bisschen fehlt vielleicht noch der eine, wirklich hängen bleibende Megasong, aber die Chancen hierfür stehen bestimmt nicht schlecht. Ein sehr schöner Auftakt.  


Sehr haarig schließen sich auf der etwas größeren zweiten Bühne im nächsten Hof einmal um die Ecke die aus Oklahoma stammenden Other Lives an. Ganz gelingt es mir um diese Tageszeit noch nicht mich auf die träumerisch mehrschichtigen durchaus sehr spannenden Klänge der Amerikaner einzulassen. Zusätzlicher Trompeteneinsatz, Orgelklänge, Violinen, ein bisschen Glockenspiel und die etwas klagend klingende Tonlage von Sänger Jesse Tabish haben auf jeden Fall großes Potenzial, einen in ganz andere Welten zu entführen und ich hoffe auch, dass ihnen das bei unserer nächsten Begegnung gelingen wird. 


Erlend Øye sieht ein bisschen aus wie ein zu groß geratenes Bandenmitglied der Kleinen Strolche, auch wenn er dieses Jahr noch 40 wird. Und seine Fröhlichkeit ist unglaublich ansteckend. Er war mir mit seinen musikalischen Projekten stets irgendwie präsent. Die Kings Of Convenience liefern einen nahezu immer geeigneten Soundtrack für einen gemütlichen Abend mit Freunden und The Whitest Boy Alive habe ich leider zweimal live knapp verpasst. Um so schöner, dass es jetzt endlich klappen sollte und das neue leicht reggaeangehauchte Album Legao ist wie geschaffen für diesen angenehm lauen Sommerabend auf dem Fabrikgelände. 
Eine nette Auffrischung des kürzlichen Islandaufenthalts gab’s auch noch. Kaum war mir zu Ohren gekommen, dass der groß gewachsene Mulitinstrumentalist hinterm Keyboard ja übrigens Isländer sei, durfte Siggi auch schon die gesamte Bühne übernehmen und ein Lied in seiner lustig klingenden Muttersprache zum Besten geben. Und weil der Norweger Erlend überwiegend im viel sonnigeren Italien lebt und zwei Bandmitglieder seiner Rainbows Italiener sind, gibt’s auch noch ein bisschen gesungenen Italienischunterricht. Vielen Dank liebe Phono Pop Macher für diesen perfekten Headliner des ersten Abends. 


Meine jährliche Dosis Hip-Hop hatte ich gewissermaßen schon die Woche zuvor auf dem ATP Iceland mit einem packenden Auftritt der Altrapper Public Enemy gedeckt. Was Käptn Peng & die Tentakel von Delphi in Sachen deutschem Hip-Hop gekonnt zusammenreimen, macht ebenfalls Spaß und fehlender Einsatz von Audiosamples, also sozusagen handgemachter Live-Rap, kriegt mich dann auch durchaus ein zweites Mal. Um den Wortwitz nachzuvollziehen, muss ich dennoch bei Gelegenheit, vermutlich unter Zuhilfenahme von Google & Co, noch ordentlich nachlesen & -hören. Das sehr leckere Festival-Sponsoren-Bier zeigte auch schon Wirkung. 


Pünktlich und wieder nüchtern geht’s am nächsten Tag für uns weiter. 


Caroline Keating erzählt uns erstmal wie besonders stolz sie auf ihre tolle orangefarbene Hose heute sei, als sie sich am frühen Mittag an ihr E-Piano setzt. Die Hose schmeichelt ihrem sommersprossigen Teint tatsächlich ausgesprochen und die Kanadierin versteht es außerdem hervorragend ihren entzückenden Charme mit ihrer zarten Musik zu verbinden. Singer/Songwriterin am Klavier klingt ja mal zunächst nicht sonderlich aufregend. Ist es aber. Es war absolut zauberhaft und mir fehlten auch keine Begleitmusiker. Nach eigenem Bekunden arbeitet sie derzeit fleißig an neuem Material auf das man sich bereits freuen kann.


Am Samstag parkt ein Eistruck auf dem Weg zwischen den beiden Bühnen und eigentlich kommt man da nicht ohne ein Eis zu kaufen dran vorbei. Im Adamshof spielt sich John Bramwell , wahrscheinlich etwas besser bekannt als Sänger von I Am Kloot, ganz alleine warm. Der Hof war leer. Ein spannender Anblick beim Eisschlecken. 
Als es dann wirklich losgehen soll, ist der Gitarre zunächst kein verstärkter Ton zu entlocken. Der gute Herr Bramwell war nämlich ohne seine Gitarre in Rüsselsheim gelandet und tat sich mit dem fremden Ding etwas schwer. Und auch seine Setlist und sein Handy waren wohl abhanden gekommen wie er im Lauf des Auftritts erzählt. Weil er daher nicht selbst in der Lage ist ein Erinnerungsselfie zu machen, wurde kurzerhand der am Bühnenrand stehende Fotograf nach oben gezerrt, um einen winkenden Engländer und ein jubelndes Publikum von hinten zu fotografieren.


Nach einem weiteren Lied – die Gitarre funktionierte inzwischen - hüpft er von der Bühne und nimmt einem rauchenden Mädchen die Kippe aus der Hand, um mal kurz einen Zug zu nehmen. Er rauche ja schon länger nicht mehr, aber bei so einem Konzert …! Einmal sei er mit dem neu aufgenommenen Demotape im Autoradio durch die Gegend gefahren und wäre so entzückt von seinem eigenen neuen Song gewesen, dass er vor Rührung kurz habe anhalten müssen. Er lacht. „The sad thing about it, it’s a true story.” 


Ein bisschen selbstverliebt, herrlich britisch, leicht verschroben, einen Zahnarzt könnte er vielleicht auch bei Gelegenheit mal wieder aufsuchen. Aber er ist auch grundsympathisch und ich persönlich mag solche Geschichtenerzähler ausgesprochen gern, vor allem dann, wenn sie auch musikalisch noch zu überzeugen wissen und das tut John Bramwell mit seinem Können an der Leihgitarre und seiner ganz leicht knarzigen, sehr angenehmen Stimme zwischen Blues und Singer/Songwriter-Rock. 



In jedem guten Festival-Lineup sollte eigentlich eine schwedische Band enthalten sein. Am Samstag wird dieser Slot mit der Rückkehr von Rasmus Kellermans Bandprojekt Tiger Lou gefüllt, das mal wieder alles hat, was schwedische Musik häufig ausmacht: poppig, tanzbar, ein bisschen folkig und trotzdem melancholisch, sehnsuchtsvoll und traurig.

 
Schnipo Schranke muss man vermutlich lieben oder hassen. Mir ist das Soundkonstrukt etwas zu eintönig und die Texte treffen ganz und gar nicht meinen Wohlfühlbereich. Zu viel Kopfkino für mich, aber ich kann auch verstehen, dass viele Zuhörer von den rotzigen Ansagen und schamgrenzwertigen Zeilen fasziniert sind. Es ist auf jeden Fall anders und alles andere als gewöhnlich.


Die vier Herren von Okta Logue sind badeseetauglich gekleidet als sie kurz vor 8 die große Bühne betreten. Vielleicht kommen sie ja direkt da her. Sie haben es schließlich nicht weit nach Rüsselsheim, obwohl sie so ganz und gar undeutsch und auch ein bisschen aus der Zeit gefallen klingen mit ihren breiten psychedelischen Soundwänden mit viel Orgeleinsatz. Großartig und schön zu beobachten. Einzige kleine Einschränkung: Im dunklen Club mit einem Hauch Alkohol im Spiel gefallen sie mir noch ein ganz kleines bisschen besser. Da würde ich mich dann auch nicht so sehr an den Äußerlichkeiten aufhalten.


Nach den vielen wunderschönen ruhigen Momenten freuen wir uns nach der Okta Logue Einstimmung sehr auf eine Runde laut und krachig. Eigentlich dürfte ich das als Stuttgarterin ja noch nicht mal laut sagen, aber ich hatte es bis dahin tatsächlich nicht geschafft, die spätestens seit Anfang des letzten Jahres schwer gehypten Die Nerven live zu sehen. Man nimmt ja immer an, dass sich die Gelegenheit in der Heimatstadt einer Band dauernd und immer wieder ergeben wird.


 
Auch war ich noch etwas skeptisch, nachdem ein Freund gemeint hatte, dass er tatsächlich drei Anläufe benötigt hätte, um die drei Jungs richtig gut zu finden. Die wird es für mich tatsächlich nicht brauchen, auch weil die Band zwischenzeitlich vermutlich genug Erfahrung gesammelt hat, um sich nochmal zu verbessern und live schon mit dem ersten Song zu überzeugen. Ich hatte irgendwie mehr Schrammel- Drei-Akkord-Punk erwartet, weil reingehört hatte ich auch noch nicht in der gebotenen Ausführlichkeit. Das allerdings sehr bewusst, denn Die Nerven machen Musik, die mich primär erstmal live kriegen muss.


Bassist Julian Knoth und Gitarrist Max Rieger wechseln sich beim Gesang ab oder singen auch schon mal gemeinsam und das so gut und harmonisch, dass man den dunklen, häufig zornigen Texten durchaus folgen kann. Tausendsassa Kevin Kuhn am Schlagzeug trommelt wie irre und hat eine Mimik, die The Animal aus der Muppet Show alt aussehen lassen. Der Punk klingt durch, aber es ist viel mehr. Schön postrockig düster, laut und tanzbar. 


Leider hatten es Two Gallants nach dem packenden Nerven-Erlebnis ziemlich schwer bei mir. Obwohl die beiden Amerikaner durchaus in der Lage sind, wie eine mindestens 6-köpfige Band zu klingen. Sänger/Gitarrist/Keyboarder Adam Stephens verfügt über eine wahnsinnige Rockröhre und Tyson Vogel versteht sein Handwerk an den Drums ebenfalls bestens . Nach den ersten zwei Liedern kommt die vor bald drei Jahren schon mal erlebte Energie der beiden schließlich doch noch an und auch wenn die neuen Lieder nicht ganz an das ältere Material heranreichen, bleiben die Kalifornier für mich die vielleicht beste Rock-Blues-Folk-Umsetzung im minimalistischen Zweierteam.


Vor den Temples verabschieden sich die drei Macher des Phono Pops tatsächlich unter auffordernd gemeinten Pfiffen und traurigen Buh-Rufen von ihrem letzten Publikum. Es war grandios. Wie erwartet und auch wenn ich nach 8 Stunden Musik und fast so viel Sonne langsam etwas erschöpft bin, sind die Temples mit ihrer retropsychedelischen Musik, deren moderne Anleihen an 60er-Jahre Beatles und Co von den jungen Engländern hervorragend umgesetzt werden, ein gelungener Ausklang dieses ganz und gar gelungenen Festivals.


Weitere Bilder:


Dienstag, 29. Juli 2014

Eels, Eindhoven, 24.06.14

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Konzert: EELS und John Bramwell
Ort: Naked Song Festival  in Eindhoven
Datum: 24.06.2014
Zuschauer: etwa 1200 (ausverkauft)



Bericht und alle Bilder von Dirk - vielen Dank!
 
Die WM, tolles Wetter,  Urlaubs-und Festivalzeit, da bleibt wenig Muße für Konzertberichte. Trotzdem muss hier einer her, denn es war ein toller Abend. Unsere niederländischen Freunde erfreuen uns ja immer wieder mit tollen Konzerten an noch tolleren Orten und so gilt es diesmal vom Naked Song Festival zu berichten. Dies fand allerdings trotz sommerlichen Datums komplett im Muziekgebouw von Eindhoven statt.

Auf sieben zum Teil sehr kleinen Bühnen im Theater verteilt ging es um den „nackten“ Song, also spielten vornehmlich Singer-/Songwriter auf. Aus Zeitgründen musste ich leider auf die frühen Acts verzichten und kann daher nur von John Bramwell, dem Sänger von I am Kloot berichten Er trat alleine mit seiner Gitarre im kleinen Konzertsaal auftrat. Er bot einen Auftritt bei dem er Solonummern mit seinen alten I am Kloot Klassikern mixte, dazu gab es launige Pubgeschichten. Leider klang immer eine etwas depressive Grundstimmung durch, da er wohl einige Rückschläge als Solokünstler in den letzten Jahren hinnehmen musste, was der Stimmung nicht gerade zuträglich war. Insgesamt eine gute aber nicht packende Performance die von seiner immer noch einmaligen Stimme getragen wurde. Für mich also nur ein Vorprogramm für die einmaligen EELS, die in den Niederlanden und Belgien ja immer noch ein vergleichsweise riesiges Stammpublikum anziehen. 


Hier im Blog leider nie ausgiebig gewürdigt ist das Gesamtwerk von Herrn E Fremden kaum noch vermittelbar. Seit der ersten Tour vor fast 20 Jahren !! in ständig veränderter Besetzung und vor allem Liveumsetzung seines Outputs, verbinden mich so viele Erinnerungen und großartige Momente mit dieser Band wie mit kaum einer anderen. Bühnenstürmungen, Weihnachtsmänner und Clowns auf der Bühne, Bestuhlung im Luxor incl. damals noch undenkbarem Rauchverbot, Streichertour, Zugaben nach Bühnenabbau bei Saallicht, aber vor allem seine Songs in immer neuen, dem Setting angepassten Strukturen und die passenden Coverversionen machen E zu einem der letzten großen Künstler des Indierock.



Und so auch an diesem Abend. Diesmal steht mal wieder seit langer Zeit ein klassisches, bestuhltes Theaterkonzert an, doch wer normale, süße Streicher erwartet hatte liegt wieder mal falsch, denn das gab es ja schon einmal. Diesmal umgibt sich der Meister zwar mit den gleichen Musikern wie bei der letzten Tour, aber sowohl Instrumentierung als auch die Outfits und Songs haben sich wieder komplett verändert. Diesmal steht eine in graue Anzüge gewandelte US-Südstaatenband auf der Bühne, komplett mit E am alten wackligen Saloonpiano, einem Stehbass und der von E „Sadmachine“ getauften Pedalsteel. Es wird viel gelacht auf der Bühne, E ist großer Form, obwohl schon ca. 30 Konzerte hinter und weitere 30 vor Ihm liegen und obwohl er hier seine aktuelle, und wohl traurigste Platte seit Jahren präsentiert, aber so ist das halt bei den EELS.

Die heute (für diese Tour) ausgewählten Songs sind herrlich. Die Spielfreude und Perfektion umwerfend und das Publikum begeistert. Gitarre und Trompete spielen auf, die Sadmachine jault und das Glockenspiel gibt den Rest. Songs wie Last Stop: this town, Mistakes of My Youth,  Grace Kelly Blues klingen wie Juwelen, kein Ton verschenkt, auch keiner zuviel… Selten hat mich ein Konzert trotz seiner Perfektion so begeistert. Lebten frühere Touren von mehr Spontanität ist hier der Triangelanschlag die Erfüllung.



Vor den Zugaben läuft E durch den kompletten Saal und lässt sich wahllos von allen drücken, er braucht die „Hugs“ für sein geschundene Seele, sagt er. Dann noch die passenden Cover-Versionen, diesmal trifft es Elvis (kein Witz) und zwei hier unbekanntere Songs von Nilsson und Leigh Harline, die aber natürlich genau wie EELS Songs dargeboten werden. Das Ende ist leider etwas kurz, aber das ist wirklich das einzige was hier zu bemängeln wäre. Ein weiterer Meilenstein in E`s Tourgeschichte. Jedesmal denke ich:  „Was soll als nächstes noch kommen ?“ - und er wird es wieder schaffen alle  zu überraschen…  


Setlist:
01. Where I'm At
02. When You Wish Upon a Star (Leigh Harline cover)
03. The Morning
04. Parallels
05. Mansions of Los Feliz
06. My Timing Is Off
07. A Line in the Dirt
08. Where I'm From
09. It's a Motherfucker
10. Lockdown Hurricane
11. A Daisy Through Concrete
12. Grace Kelly Blues
13. Fresh Feeling
14. I Like Birds
15. My Beloved Monster
16. Gentlemen's Choice
17. Mistakes of My Youth (Wonderful, Glorious outro)
18. Where I'm Going

19. Last Stop: This Town (Z)
20. Can't Help Falling in Love (Elvis Presley cover) (Z)
21. Turn On Your Radio (Nilsson cover)  (Z)


Aus unserem Archiv:
Eels, Heerlen, 04.04.13
Eels, Heerlen, 20.06.11

I Am Kloot, Paris, 23.03.13
I Am Kloot, Dresden, 15.03.13
I Am Kloot, Rüsselsheim, 10.07.10
I Am Kloot, Köln, 28.03.10
I Am Kloot, Köln, 24.10.08
I Am Kloot, Köln, 26.07.08
I Am Kloot, Paris, 27.03.08




 

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