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Mittwoch, 15. Juli 2015

Phono Pop Festival X, Rüsselsheim, 10. & 11. Juli 2015

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Konzert: Phono Pop Festival X
Ort: Altes Opelwerk, Rüsselsheim
Datum: 10. & 11. Juli 2015
Zuschauer: ein paar hundert, es hätten ruhig noch ein paar mehr sein können


Man könnte schon ein bisschen wehmütig werden, wenn man am späten Freitagnachmittag vom Opel-Bahnhof an den Bahngleisen entlang im angenehmen Sonnenschein zum Klinkerbau des alten Opelwerks in Rüsselsheim läuft, die Statue des Firmengründers vor dem Eingang wie einen alten Bekannten begrüßt und kurz darüber nachdenkt, dass dies aller Voraussicht nach das letzte Phono Pop Festival sein wird. Tatsächlich gilt es aber natürlich zuerst noch einmal dieses traumschöne und liebevoll organisierte Festival in vollen Zügen zu genießen und damit dies ungetrübt der Fall sein kann, wartet die diesjährige Ausgabe mit Kaiserwetter und einer extrem gelungenen Bandauswahl auf. 


Mit den fünf Jungs von Yesterday Shop geht’s gleich mal schön poprockig los, phasenweise sogar mit doppeltem Schlagwerk. Die nachzulesenden Coldplay-Einflüsse der mittlerweile aus dem Raum Reutlingen nach Berlin übergesiedelten Band sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Live haben die Songs allerdings erheblich mehr Druck und Energie als die Studioaufnahmen. Ein bisschen fehlt vielleicht noch der eine, wirklich hängen bleibende Megasong, aber die Chancen hierfür stehen bestimmt nicht schlecht. Ein sehr schöner Auftakt.  


Sehr haarig schließen sich auf der etwas größeren zweiten Bühne im nächsten Hof einmal um die Ecke die aus Oklahoma stammenden Other Lives an. Ganz gelingt es mir um diese Tageszeit noch nicht mich auf die träumerisch mehrschichtigen durchaus sehr spannenden Klänge der Amerikaner einzulassen. Zusätzlicher Trompeteneinsatz, Orgelklänge, Violinen, ein bisschen Glockenspiel und die etwas klagend klingende Tonlage von Sänger Jesse Tabish haben auf jeden Fall großes Potenzial, einen in ganz andere Welten zu entführen und ich hoffe auch, dass ihnen das bei unserer nächsten Begegnung gelingen wird. 


Erlend Øye sieht ein bisschen aus wie ein zu groß geratenes Bandenmitglied der Kleinen Strolche, auch wenn er dieses Jahr noch 40 wird. Und seine Fröhlichkeit ist unglaublich ansteckend. Er war mir mit seinen musikalischen Projekten stets irgendwie präsent. Die Kings Of Convenience liefern einen nahezu immer geeigneten Soundtrack für einen gemütlichen Abend mit Freunden und The Whitest Boy Alive habe ich leider zweimal live knapp verpasst. Um so schöner, dass es jetzt endlich klappen sollte und das neue leicht reggaeangehauchte Album Legao ist wie geschaffen für diesen angenehm lauen Sommerabend auf dem Fabrikgelände. 
Eine nette Auffrischung des kürzlichen Islandaufenthalts gab’s auch noch. Kaum war mir zu Ohren gekommen, dass der groß gewachsene Mulitinstrumentalist hinterm Keyboard ja übrigens Isländer sei, durfte Siggi auch schon die gesamte Bühne übernehmen und ein Lied in seiner lustig klingenden Muttersprache zum Besten geben. Und weil der Norweger Erlend überwiegend im viel sonnigeren Italien lebt und zwei Bandmitglieder seiner Rainbows Italiener sind, gibt’s auch noch ein bisschen gesungenen Italienischunterricht. Vielen Dank liebe Phono Pop Macher für diesen perfekten Headliner des ersten Abends. 


Meine jährliche Dosis Hip-Hop hatte ich gewissermaßen schon die Woche zuvor auf dem ATP Iceland mit einem packenden Auftritt der Altrapper Public Enemy gedeckt. Was Käptn Peng & die Tentakel von Delphi in Sachen deutschem Hip-Hop gekonnt zusammenreimen, macht ebenfalls Spaß und fehlender Einsatz von Audiosamples, also sozusagen handgemachter Live-Rap, kriegt mich dann auch durchaus ein zweites Mal. Um den Wortwitz nachzuvollziehen, muss ich dennoch bei Gelegenheit, vermutlich unter Zuhilfenahme von Google & Co, noch ordentlich nachlesen & -hören. Das sehr leckere Festival-Sponsoren-Bier zeigte auch schon Wirkung. 


Pünktlich und wieder nüchtern geht’s am nächsten Tag für uns weiter. 


Caroline Keating erzählt uns erstmal wie besonders stolz sie auf ihre tolle orangefarbene Hose heute sei, als sie sich am frühen Mittag an ihr E-Piano setzt. Die Hose schmeichelt ihrem sommersprossigen Teint tatsächlich ausgesprochen und die Kanadierin versteht es außerdem hervorragend ihren entzückenden Charme mit ihrer zarten Musik zu verbinden. Singer/Songwriterin am Klavier klingt ja mal zunächst nicht sonderlich aufregend. Ist es aber. Es war absolut zauberhaft und mir fehlten auch keine Begleitmusiker. Nach eigenem Bekunden arbeitet sie derzeit fleißig an neuem Material auf das man sich bereits freuen kann.


Am Samstag parkt ein Eistruck auf dem Weg zwischen den beiden Bühnen und eigentlich kommt man da nicht ohne ein Eis zu kaufen dran vorbei. Im Adamshof spielt sich John Bramwell , wahrscheinlich etwas besser bekannt als Sänger von I Am Kloot, ganz alleine warm. Der Hof war leer. Ein spannender Anblick beim Eisschlecken. 
Als es dann wirklich losgehen soll, ist der Gitarre zunächst kein verstärkter Ton zu entlocken. Der gute Herr Bramwell war nämlich ohne seine Gitarre in Rüsselsheim gelandet und tat sich mit dem fremden Ding etwas schwer. Und auch seine Setlist und sein Handy waren wohl abhanden gekommen wie er im Lauf des Auftritts erzählt. Weil er daher nicht selbst in der Lage ist ein Erinnerungsselfie zu machen, wurde kurzerhand der am Bühnenrand stehende Fotograf nach oben gezerrt, um einen winkenden Engländer und ein jubelndes Publikum von hinten zu fotografieren.


Nach einem weiteren Lied – die Gitarre funktionierte inzwischen - hüpft er von der Bühne und nimmt einem rauchenden Mädchen die Kippe aus der Hand, um mal kurz einen Zug zu nehmen. Er rauche ja schon länger nicht mehr, aber bei so einem Konzert …! Einmal sei er mit dem neu aufgenommenen Demotape im Autoradio durch die Gegend gefahren und wäre so entzückt von seinem eigenen neuen Song gewesen, dass er vor Rührung kurz habe anhalten müssen. Er lacht. „The sad thing about it, it’s a true story.” 


Ein bisschen selbstverliebt, herrlich britisch, leicht verschroben, einen Zahnarzt könnte er vielleicht auch bei Gelegenheit mal wieder aufsuchen. Aber er ist auch grundsympathisch und ich persönlich mag solche Geschichtenerzähler ausgesprochen gern, vor allem dann, wenn sie auch musikalisch noch zu überzeugen wissen und das tut John Bramwell mit seinem Können an der Leihgitarre und seiner ganz leicht knarzigen, sehr angenehmen Stimme zwischen Blues und Singer/Songwriter-Rock. 



In jedem guten Festival-Lineup sollte eigentlich eine schwedische Band enthalten sein. Am Samstag wird dieser Slot mit der Rückkehr von Rasmus Kellermans Bandprojekt Tiger Lou gefüllt, das mal wieder alles hat, was schwedische Musik häufig ausmacht: poppig, tanzbar, ein bisschen folkig und trotzdem melancholisch, sehnsuchtsvoll und traurig.

 
Schnipo Schranke muss man vermutlich lieben oder hassen. Mir ist das Soundkonstrukt etwas zu eintönig und die Texte treffen ganz und gar nicht meinen Wohlfühlbereich. Zu viel Kopfkino für mich, aber ich kann auch verstehen, dass viele Zuhörer von den rotzigen Ansagen und schamgrenzwertigen Zeilen fasziniert sind. Es ist auf jeden Fall anders und alles andere als gewöhnlich.


Die vier Herren von Okta Logue sind badeseetauglich gekleidet als sie kurz vor 8 die große Bühne betreten. Vielleicht kommen sie ja direkt da her. Sie haben es schließlich nicht weit nach Rüsselsheim, obwohl sie so ganz und gar undeutsch und auch ein bisschen aus der Zeit gefallen klingen mit ihren breiten psychedelischen Soundwänden mit viel Orgeleinsatz. Großartig und schön zu beobachten. Einzige kleine Einschränkung: Im dunklen Club mit einem Hauch Alkohol im Spiel gefallen sie mir noch ein ganz kleines bisschen besser. Da würde ich mich dann auch nicht so sehr an den Äußerlichkeiten aufhalten.


Nach den vielen wunderschönen ruhigen Momenten freuen wir uns nach der Okta Logue Einstimmung sehr auf eine Runde laut und krachig. Eigentlich dürfte ich das als Stuttgarterin ja noch nicht mal laut sagen, aber ich hatte es bis dahin tatsächlich nicht geschafft, die spätestens seit Anfang des letzten Jahres schwer gehypten Die Nerven live zu sehen. Man nimmt ja immer an, dass sich die Gelegenheit in der Heimatstadt einer Band dauernd und immer wieder ergeben wird.


 
Auch war ich noch etwas skeptisch, nachdem ein Freund gemeint hatte, dass er tatsächlich drei Anläufe benötigt hätte, um die drei Jungs richtig gut zu finden. Die wird es für mich tatsächlich nicht brauchen, auch weil die Band zwischenzeitlich vermutlich genug Erfahrung gesammelt hat, um sich nochmal zu verbessern und live schon mit dem ersten Song zu überzeugen. Ich hatte irgendwie mehr Schrammel- Drei-Akkord-Punk erwartet, weil reingehört hatte ich auch noch nicht in der gebotenen Ausführlichkeit. Das allerdings sehr bewusst, denn Die Nerven machen Musik, die mich primär erstmal live kriegen muss.


Bassist Julian Knoth und Gitarrist Max Rieger wechseln sich beim Gesang ab oder singen auch schon mal gemeinsam und das so gut und harmonisch, dass man den dunklen, häufig zornigen Texten durchaus folgen kann. Tausendsassa Kevin Kuhn am Schlagzeug trommelt wie irre und hat eine Mimik, die The Animal aus der Muppet Show alt aussehen lassen. Der Punk klingt durch, aber es ist viel mehr. Schön postrockig düster, laut und tanzbar. 


Leider hatten es Two Gallants nach dem packenden Nerven-Erlebnis ziemlich schwer bei mir. Obwohl die beiden Amerikaner durchaus in der Lage sind, wie eine mindestens 6-köpfige Band zu klingen. Sänger/Gitarrist/Keyboarder Adam Stephens verfügt über eine wahnsinnige Rockröhre und Tyson Vogel versteht sein Handwerk an den Drums ebenfalls bestens . Nach den ersten zwei Liedern kommt die vor bald drei Jahren schon mal erlebte Energie der beiden schließlich doch noch an und auch wenn die neuen Lieder nicht ganz an das ältere Material heranreichen, bleiben die Kalifornier für mich die vielleicht beste Rock-Blues-Folk-Umsetzung im minimalistischen Zweierteam.


Vor den Temples verabschieden sich die drei Macher des Phono Pops tatsächlich unter auffordernd gemeinten Pfiffen und traurigen Buh-Rufen von ihrem letzten Publikum. Es war grandios. Wie erwartet und auch wenn ich nach 8 Stunden Musik und fast so viel Sonne langsam etwas erschöpft bin, sind die Temples mit ihrer retropsychedelischen Musik, deren moderne Anleihen an 60er-Jahre Beatles und Co von den jungen Engländern hervorragend umgesetzt werden, ein gelungener Ausklang dieses ganz und gar gelungenen Festivals.


Weitere Bilder:


Montag, 23. Juli 2012

Yesterday Shop, Rüsselsheim, 21.07.12

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Konzert: Yesterday Shop
Ort: Altes Opelwerk, Rüsselsheim (Phono Pop Festival)
Datum: 21.07.2012
Dauer: gut 35 min


Fast hätte ich Yesterday Shop, die den zweiten Festival-Tag eröffnet haben, verpasst. Am Vorabend hatte ich sehr viele Konzerte gesehen und war froh, eine vermeintlich unwichtige Band am Anfang des Samstags entdeckt zu haben, die mir eine spätere Anreise ermöglichen würde. Unwichtig deshalb, weil ich zwar wusste, daß ich eine Gruppe namens Yesterday Shop dieses Jahr schon gesehen hatte, ich meinte aber, die nicht gemocht zu haben. Ganz sicher war ich aber nicht mehr, also habe ich nachgelesen, wie ich den Auftritt damals (im Januar) fand. Reichlich peinlich, aber für irgendwas muß so ein Tagebuch ja gut sein. Verdammt, ich mochte die ja doch. Und ich hatte mir sogar gewünscht, Yesterday Shop bald wieder zu sehen. Die längere Pause wurde also gestrichen, ich stand pünktlich um vier vor der Hauptbühne, natürlich abgehetzt, die Band ließ sich aber noch etwas Zeit und erschien erst mit zehnminütiger Verspätung.

Warum ich Yesterday Shop als Vorgruppe von Cymbals Eat Guitars in Köln so mochte, erlebte ich schnell wieder. Diese hochmelodiösen Gitarren, die mal ruhig-verträumt sind, um dann auszubrechen, sind wundervoll. Der hohe Gesang, der mich immer wieder an Coldplay erinnerte - und in Köln zunächst gestört hatte, passt hervorragend zu den schnellen Gitarren.

Yesterday Shop sind zu fünft, Schlagzeug, Bass und zwei bis drei Gitarren, ab und zu ein Keyboard. Ich habe leider blöderweise ihre EP verpasst und kenne nur die drei Stücke, die auf ihrer Website veröffentlicht sind. Ich kann daher leider nichts zu den Liedern sagen, die die aus Hamburg/Berliner Band gespielt hat. Das ärgert mich sehr, weil einige der Titel ganz hervorragend waren.

Besonders gut gefiel mir das letzte Stück. Dabei wurde am Ende der Refrain geloopt, und die Band verließ nach und nach die Bühne.

Yesterday Shop waren ein verdammt guter Auftakt in den zweiten Festivaltag. Daß man selbst die Konzerte um vier Uhr nicht verpassen durfte, macht so ein Wochenende in Rüsselsheim zwar zu einer noch größeren Herausforderung für die Kondition, spricht aber vor allem für des famose Lineup des Festivals. Wie Yesterday Shop so sind, werde ich nicht noch einmal vergessen. Die werde ich ganz sicher wiedersehen.

Setlist Yesterday Shop, Phono Pop, Rüsselsheim:

01: Fat Man & Little Boy
02: Winter Act I.
03: Paris Syndrom
04: Execution
05: Goodbye my Friend
06: Modern Philosophy
07: Paralyzing
08: We like Chopin

Links:

- Yesterday Shop, Köln, 12.01.12



Sonntag, 22. Juli 2012

Phono Pop Festival, 2. Tag, Rüsselsheim, 21.07.12

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Festival: Phono Pop
Ort: Altes Opelwerk, Rüsselsheim
Datum: 21.07.2012 (Tag 2)


von Gudrun aus Karlsruhe

Es ist immer wieder lustig: Sobald man (bewußt oder unbewußt) ein Bild davon hat, wie ein Tag wird, kommt es meist ganz anders. Zum Beispiel ein zweiter Festivaltag, wo man sich doch nach dem ersten Tag wie ein alter Hase fühlt...

Immerhin - meine im ersten Bericht geäußerten Wünsche wurden am zweiten Tag des Phono Pops aufs schönste erfüllt:
1) die Stimmung war weiter so gut und
2) das Wetter hielt sich nicht nur,
es wurde über Nachmittag und Abend immer besser. Ab dem Set von Talking to Turtles schien fast die ganze Zeit die Sonne. Wirklich ein Geschenk des Himmels für dieses wunderbare Festival!

Selbstverständlich war musikalisch alles top (wie erwartet und besser).

Aber an diesem Tag lag das Opel Werksgelände in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens. Die Anlage ließ dem damit verbundenen Fluglärm nicht wirklich eine Chance, sich störend auszuwirken, aber mein inneres Kind musste immer wieder fasziniert auf die zum greifen nahen Riesenvögel zeigen und sich daran ergötzen: Schau mal noch eins und noch eins und wie groß DAS ist... Und wenn dann zu den ersten Akkorden von U.F.O so eine richtig fette Boeing den Adamshof überfliegt und sich auch das Brummen in die Musik einfügt ist das ein ziemlich abgefahrenes Gefühl.

Waren am ersten Tag für mich die musikalischen Highlights wirklich dicht an dicht gesetzt (und dass ich ein Set ausgelassen hatte, um wenigstens etwas zu trinken und zu essen bereute ich dann schon fast nach begeisterten Berichten über das entgangene Konzert), lief der zweite Tag überhaupt nicht so perfekt durchgetaktet. Es ging schon mit etwas Verspätung auf der Hauptbühne los und damit klappte es ohnehin nicht mit dem fliegenden Wechsel.

Vielleicht lag es aber auch ein Stück weit daran, dass schon so viel Musikerlebnisse ''im Sack'' waren, dass ich an diesem zweiten Tag einiges entspannter unterwegs war. Ich habe mir mehr Zeit genommen, um mit Leuten zu reden und zu essen und zu trinken und hatte mit den vollständig erlebten Sets von Yesterday Shop, Talking to Turtles und Rue Royale drei wunderschöne Konzerte obenauf zu zu legen, ohne mich so abzuhetzen wie am ersten Tag. Dazu ein paar Eindrücke von anderen Konzerten, die zwar nicht zählen als Konzerterlebnis, aber für die positive Grundstimmung des Festivalerlebnisses.

Drittens war es die Rücksicht auf die eigenen Kraftreserven. Ich hatte mich frühzeitig entschieden, auf die letzten Sets zu verzichten, um noch eine vernünftige Zugverbindung nach Hause nutzen zu können und nicht nachts Wartezeit auf obskuren Bahnhöfen zu haben (immer wieder gern genommen: Bruchsal um 1:39 Uhr). Somit kann ich hier nicht vom grandiosen Abschied mit Nada Surf berichten. Aber wenn ich sage, dass auch ganz ohne dies der zweite Tag rundum einfach nur toll und gelungen war, sagt dies doch auch etwas aus über das Festival: denn hier gab es einfach keine zum aufwärmen benutzten acts, die mal bißchen üben sollten, sondern hier ging es gegen 16:15 Uhr gleich richtig zur Sache und das Prinzip wurde facettenreich durchgezogen bis zum Höhepunkt gegen Mitternacht (den Höhepunkt glaube ich hier Christoph einfach mal unbesehen!).

Die jungen Männer von Yesterday Shop spielten ein zugleich energetisches wie inniges Set. Die Musik gefiel mir so gut, dass ich mir die verfügbare EP mit nach Hause genommen habe. Es war sehr Gitarren-bestimmt aber zwischendurch immer wieder mit diesen Wendungen ins Euphorische die einerseits für so ein Sommerkonzert schön sind, aber auch von CD im Wohnzimmer gut bei mir funktionieren. Dies war also ein klarer Aufmerker für mich und eine Liveempfehlung an die werte Leserschaft.

Richtig toll fand ich dann das Set von Talking to Turtles. Ich verstieg mich gleich anschließend zu der Behauptung: Besseres wird kaum noch nachkommen können (natürlich rein subjektiv, wie immer hier).

Auch mit etwas Abstand betrachtet, stimmte dies. Zwischen Claudia Göhler am Keyboard (Akkordeon, Xylophon und ein paar Knöpfen) und Florian Sievers an den Gitarren entstand während der musikalischen Darbietung sozusagen deutlich sichtbar ein Geflecht an hin und her fließender Energie. Sie erzählten eine gemeinsam verarbeitete Lebensgeschichte als Musik für das Publikum nachvollziehbar. Dargereicht um sich darin zu spiegeln und daraus sinnvolle Schlüsse zu ziehen (sicher mehr mit dem Bauch als dem Kopf, aber ich weiß nicht, wie der Bauch redet), um darüber zu lächeln, wie sehr sich manches gleicht und was man für schöne Worte dazu finden kann. Irgendwie gestärkt kam ich mir im Anschluss vor.

Und Claudia Göhler strahlte und strahlte und machte uns alle glücklich. Die Frau am E-Bass stand ein bißchen wie daneben und ließ sich auch vom freundlichen Lächeln nicht anstecken. So macht halt jede/r ihrs/seins...

Was mir übrigens auch ein besonderer Genuss war: das war das erste
Konzert auf dem Phono Pop das ich ohne Gehörschutz geniessen konnte.

Ein Programmpunkt, der mich sofort für das Lineup des Phono Pop eingenommen hatte, war dass Rue Royale dort spielen würden. Als wir uns zuletzt in Göttingen sahen, hatte ich noch das Werbematerial ausgehängt, nun war es tatsächlich so weit, dass wir uns auf dem Festival wieder sehen und hören würden.

Es war nett, Rue Royale schon vorher im Festivalgetümmel zu treffen und kurz zu sprechen. Dies war zu einem frühen Zeitpunkt, als es wirklich noch sehr ruhig war und die Geschichte mit dem Wetter noch etwas unentschieden. Trotzdem schienen sie sich wohl zu fühlen.

Ich habe sie ja im laufenden Jahr schon mehrfach erleben dürfen. Nie ist ein Konzert wie ein anderes, aber hier in Festivalathmosphäre haben sie mich doch noch einmal richtig überrascht. Die bekannten Lieder waren hier noch eine Spur energetischer und für das viel größere Publikum mit passendem Druck präsentiert. U.F.O wurde direkt zur Stadionhymne und Crater in den Wechseln zwischen sehr leise und intim zu herausrufend esktatisch ein Abschluss, nach dem es dem Publikum
sichtlich schwer fiel, nun ohne Zugabe gehen zu müssen.

Im Publikum sah ich einige Fans mitsingen, aber auch alle anderen, denen der Name bis dahin nicht viel gesagt hatte, ließen sich mitnehmen und schließlich mitreißen und Rue Royale wurden wirklich abgefeiert. Alle die dabei waren können bezeugen, dass diese zarte Frau am Keyboard und der Mann mit Gitarre und Fußtrommel das Phono Pop zu ihren Füßen liegen hatten und im Energielevel den Jungs-Gitarren-Bands nichts schuldig blieben.

Hinterher bildete sich am Merch eine richtige Schlange und es gab viele glückliche Gesichter - nicht zuletzt das von Ruth. Was diesmal etwas fehlte war das Wortgeplänkel zwischen den Liedern. Beide wirkten sehr konzentriert und wollten den Zeitrahmen wohl auch möglichst genau einhalten. Neben Talking to Turtles war dies das einzige Set, was ich ohne Ohrschutz genießen konnte. Das geht also auch auf einem Festival!

Fazit der zwei Tage in Rüsselsheim:
Einen großen Dank an die Organisatoren!
Ein großer Dank an alle Bands und Mitkonzertbesucher für die schöne Zeit zusammen! Schön auch, dass die Bahnfahrer gut dran waren.

Ich fühle mich noch Glücks-trunken und werde wohl eine Weile brauchen, um alles gut weg zu sortieren als Vorrat für schlechtere Zeiten und ich würde gern wiederkommen.

Offene Wünsche gibt es nur wenige:
Weniger Lautstärke, mehr Damentoiletten und ein klein bisschen Verschnaufpause eingebaut, damit man auch mal am Merch schauen kann und sich nicht sorgen muss, ob es an der anderen Bühne vielleicht schon losgegangen ist.

Setlist Rue Royale, Phono Pop Festival, Rüsselsheim:

01: Get me Standing
02: Parachutes
03: Guide to an escape
04: Even in the darkness
05: Halfway blind
06: We'll go on alright
07: U.F.O.
08: Crater

Links folgen!

Freitag, 13. Januar 2012

Cymbals Eat Guitars, Köln, 12.01.12

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Konzert: Cymbals Eat Guitars
Ort: MTC, Köln
Datum: 12.01.2012
Zuschauer: ca. 70
Dauer: Cymbals Eat Guitars 70 min, Yesterday Shop knapp 40 min


Schön, es geht wieder los... Jahresrückblicke machen mir schrecklich viel Spaß, natürlich vor allem die anderer Musikverrückter, aber irgendwann muß ja auch für Nachschub gesorgt werden. Cymbals Eat Guitars aus den USA boten sich dafür an - sie spielten zu Beginn einer kurzen Deutschland-Tour im Kölner MTC.

Es sollte allerdings mit einer Vorgruppe beginnen. Bei (lokalen) Supportbands gibt es in Köln das Phänomen der Band der Saison. Immer wieder sieht man als häufiger Konzertbesucher in einem kurzen Zeitraum die gleiche Vorgruppe, was in der Regel nicht gut ist. Yesterday Shop aus Berlin (und ursprünglich aus Schwaben; ich hätte aber schwören können, der Sänger spreche rheinisch) würde ich mir als Support der Saison gefallen lassen - oder auch als Hauptgruppe irgendwann. Die fünf Musiker (drei Gitarren, Schlagzeug, Bass) nervten mich erst, weil der Gesang wieder hoch war, das Mikro des Sängers allerdings zu niedrig. Wie affig, daß er sich den Hals verrenken muß, um reinzusingen. Das war mir aber schnell egal, weil es musikalisch richtig gut wurde. Yesterday Shop bezeichnen ihren Stil als Shoegaze. Die Lieder der Band sind enorm melodiös, abwechslungsreich und herlich gitarrenlastig. Ich mochte den vierzigminütigen Auftritt sehr, das lange Klatschen der verstreuten Zuschauer bestätigte das.

Cymbals Eat Guitars aus New York (Staten Island) spielten im MTC angeblich ihre erste Clubshow in Deutschland. 2010 gehörten Cymbals Eat Guitars zum Haldern-Lineup, da hatte ich sie allerdings verpasst.

Das MTC hatte sich ganz gut gefüllt, hauptsächlich mit angenehm unhippen Menschen. Die New Yorker sind offenbar nicht die Band der Stunde, obwohl ihnen auch ihr zweites Album Lenses Alien gute Kritiken beschert hat.

Auf Platte hat Sänger Joseph d'Augustino schon eine dreckige, rockige Stimme und bricht immer mal wieder in Geschrei aus. Auf der Bühne sind die Brüllanteile aber ungleich größer, schien es mir. Joseph brüllte, was das Zeug hält. Und das Zeug hielt eine Menge. Mein linker Ohrstöpsel war nicht tief genug im Ohr, es brummt seit Verlassen des Clubs gewaltig.

Cymbals Eat Guitars haben unverkennbar eine Menge Pavement in ihrer Jugend gehört. Und allerlei anderer US Indierock-Bands. Richtig viel Neues habe ich in dem 70 minütigen Set nicht wahrgenommen, das brauchte es aber auch nicht für ein gutes Konzert. Gerade New Yorker Bands laufen schnell Gefahr, "originell" sein zu wollen, um zwischen all den kellnernden Musicaldarstellern und anderen Künstlern aufzufallen. Staten Island scheint da ausreichend weit von Manhattan weg zu sein, um Cymals Eat Guitars angenehm normal sein zu lassen. Lediglich Keyboarder Brian Hamilton sah nach New York aus, waren wir uns einig. Vermutlich stammt aber gerade der aus Philadelphia, das Joseph dem "we are... from New York" noch schnell nachschob.

Kein schlechter Auftakt des Konzertjahrs 2012, ich habe zwar keine neue Lieblingsband gesehen, Cymbals Eat Guitars gefielen mir aber wirklich gut.

Links:

- Cymbals Eat Guitars, Paris, 09.02.10
- Cymbals Eat Guitars, Paris, 24.11.09
- Cymbals Eat Guitars bei Platten vor Gericht





 

Konzerttagebuch © 2010

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