skip to main
|
skip to sidebar
um
10:10
Konzert: Die Nerven
Ort: Húrra, Reykjavik (Iceland Airwaves)
Datum: 03.11.2016
Dauer: gut 40 min
Zuschauer: vielleicht 250 (volle Kneipe)
Ich habe gut drei Jahre und 2.200 km gebraucht, um endlich einmal Die Nerven live zu sehen und nach drei Minuten dachte ich, die ersten drei Jahre unserer Beziehung seien die besseren gewesen. Schlagzeuger Kevin Kuhn kam in T-Shirt und Unterhose auf die Bühne des Húrra, einer kleinen Kneipe in der Nähe des Kunstmuseums. Seine beiden Kollegen, Gitarrist Max Rieger und Bassist Julian Knoth waren zwar komplett bekleidet, schlossen sich aber Kevins Rockposen an. Albtraum war ein passender Titel für den Auftakt. Das also ist die spannendste Band* der spannenden Stuttgarter Szene? Dieses Rockgejamme? Es war zu voll, um gleich wieder rauszugehen - aber 40 Minuten können lang sein, wenn die Band schlimm ist.

Ein paar Augenblicke später dachte ich schon, daß 40 Minuten viel zu kurz sind. Im zweiten Lied (Barfuß durch die Scherben vom letzten Album Out) schwenkte meine leicht angeekelte Distanz um in kritiklose Begeisterung. Es stimmte, was alle auf mich eingeredet hatten, die Gruppe aus Esslingen ist eine fantastische Liveband mit mitreißenden Songs und faszinierend viel Energie.
Auch wenn viele Deutsche beim Airwaves waren, kannte sicher die Mehrheit im Saal vorher nichts von den Nerven. Aber sehr schnell zappelte jeder, auf der Bühne war auch wirklich reichlich überschüssige Energie vorhanden.
Die beiden Sänger Julian (der auch als All diese Gewalt Musik macht) und Max wechselten sich ab, stilistisch änderte sich dadurch nichts (es gibt ja solche Bands mit zwei Sängern, in denen die jeweilige Lieder typisch für den Sänger sind, Wolf Parade zum Beispiel).
Die Rockgesten, die es immer wieder gab, brauche ich nicht. Aber sie nervten irgendwann auch nicht mehr, weil die Lieder und die Art, wie sie gespielt wurden enorm stark waren. Bestes Stück war Angst, wobei sich das alles nicht viel nahm.
In den letzten Tagen bin ich unfreiwillig über einige dieser offenbar jetzt überall auftauchenden entsetzlichen Musiker wie Mark Forster, Tim Bendzko, Max Giesinger (vorher nie gehört) und Wincent Weiss (auch nicht) gestolpert. Wenn von einer neuen Musiker-Generation aus Deutschland die Rede ist, fallen diese Namen. Kein Wunder, daß man nach Island reisen muß, um die tollen deutschen Bands wie die Nerven oder Warm Graves kennenzulernen.
Setlist Die Nerven, Húrra, Reykjavik:
01: Albtraum
02: Barfuß durch die Scherben
03: Gerade deswegen
04: Schrapnell
05: Dreck
06: Blaue Flecken
07: Roter Sand
08: Angst
09: Der letzte Tanzende
Links:
- aus unserem Archiv:
- Die Nerven, Reykjavik, 03.11.16
- Die Nerven, Mannheim, 03.06.16
- Die Nerven, Bonn, 22.10.15
- Die Nerven, Rüsselsheim, 11.07.15
- Die Nerven, Stuttgart, 06.02.14
- Die Nerven, Stuttgart, 17.01.14
- Die Nerven, Karlsruhe, 07.12.13
- Die Nerven, Stuttgart, 06.09.13
- Die Nerven, Stuttgart, 01.08.13
* wobei sich da die Gelehrten streiten und auch Karies nennen
um
07:48
Konzert: Die Nerven
Ort: Húrra in Reykjavík (Iceland Airwaves)
Datum: 3. November 2016
Dauer: 35 min
Zuschauer: krachevoll (vielleicht 250)
All die tollen Fotos sind von Claudia - Vielen Dank!
Mein zweiter Tag beim Airwaves hatte vor allem aus zarten Frauenliedern bestanden - ein Highlight nach dem anderen - Musik ganz nach meinem Herzen. Freilich hatte ich sehenden Auges zugestimmt, lokalpatriotisch den Abend bei Die Nerven im Húrra Rockclub ausklingen zu lassen. Aus der Liste an Archivberichten unten kann man leicht ablesen, dass das Konzerttagebuch die Konzerte von Bassist Julian Knoth, Gitarrist Max Rieger und Kevin Kuhn am Schlagzeug sehr schätzt. Trotzdem ist weder der Krach noch ein Rockclub um Mitternacht (spätestens dann voller mehr oder weniger betrunkener junger Männer) mit einem Moschpit mein eigentliches Metier.
Am nächsten Tag standen deutsch sprechende Klugschwätzer hinter mir bevor das Konzert von Warm Graves beginnen sollten - einer deutschen Band (aus Leipzig). Die Unterhaltung ging etwa so: Ist wohl die einzige deutsche Band beim Airwaves - ach nee, da war noch eine - wie hieß die? Die Nerven! Aber die waren richtig schlecht. Wo hast Du sie angesehen? DIE hab ich mir nicht angesehen - da reicht doch youtube....
Ich musste schmunzeln, weil ich die Show ja immerhin gesehen hatte und aus verschiedenen Gründen gern das blöde Gespräch Messerscharf zerlegt hätte. Aber wer aufgrund von youtube Videos urteilt, der ist wohl ohnehin nicht zu "retten" und die passenden Entgegnungen fallen einem sowieso immer erst zu spät ein.
Ich fand das Konzert nämlich sogar richtig gut. Vor allem sehr unterhaltsam - was die Musik, die Performance und das Publikum betraf. Wenngleich nicht wirklich berührend (im Gegensatz zu vielen Leuten im Publikum, die total abgingen und hinterher die Band im Abbauen noch herzen mussten). Weil ich die Grundhaltung hinter all der verbalisierten Wut nicht glaube und mit Posen nicht so viel anfangen kann. Zum Glück hatte ich eine geschützte Ecke gefunden, von der ich trotzdem alles gut im Blick hatte und so wird mir der Abend auch deshalb als gut in Erinnerung bleiben, weil ich am Ende tatsächlich kein Bier über den Latz geschüttet bekommen habe.
Aus unserem Archiv:
Die Nerven, Mannheim, 03.06.16
Die Nerven, Bonn, 22.10.15
Die Nerven, Rüsselsheim, 11.07.15
Die Nerven, Stuttgart, 06.02.14
Die Nerven, Stuttgart, 17.01.14
Die Nerven, Karlsruhe, 07.12.13
Die Nerven, Stuttgart, 06.09.13
Die Nerven, Stuttgart, 01.08.13
Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves
um
15:29
Konzert: Maifeld Derby
Ort: Mannheim
Datum: 03.06.-05.06.2016
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: tägl. anders
Wir wollen hier auf die Beschreibung der einmaligen Vorzüge des Maifeld Derby`s verzichten. Oft genug haben wir bereits in den vergangenen Jahren darüber berichtet. Viel verändert hat sich zum Glück auch gar nicht, seit das Derby der Devise vieler anderer Festivals "immer größer" mit der einzig richtigen Antwort getrotzt hat: Die Musik ist wichtig.
Und davon gab es wieder fast alle Spielarten zu bewundern. Einziges Neuland, dass bisher noch im Programm fehlte: Ein großer DJ. Dieser spielte dann am Freitag zur Primetime als Headliner auf. Der australische Shooting-Star, im November wird er nur noch in großen Halle zu sehen sein, war daher auch zusammen mit dem restlichen Freitags-Hauptbühnen Programm auch schon der einzige Streitpunkt unter den Besuchern.
Während die einen, vor allem jüngeren Besucher/-innen (zum Teil in selbst bedruckten "Flume"-T-Shirts) den "Pop"-Abend mit SG-Lewis, Mo und Flume abfeierten, zogen "Die Nerven" das große Los. Ihr Late-Night-Auftritt im Brückenaward-Zelt wurde von einer, sich nach lauten Gitarren sehnenden Menge bejubelt.
Die Nerven nahmen das Geschenk gerne an und legten einen fulminanten Set hin, den ich ihnen, nach einem eher schwachen Gig in Bonn letztes Jahr, nie mehr zugetraut hätte.
Wilde Versionen, Punkrock, ein von der Decke tropfendes Zelt, das entschädigte den Rest der Besucher dann wieder für die poppigeren Töne vorab. Danach auch draußen Gewitter, nur ohne Gitarren, passt.
Begonnen hatte der Tag sonnig mit ersten, kleinen Highlights. "Mothers" und "Weaves" boten ausbaufähigen Indierock, die einen spröder, die anderen poppiger mit der wesentlich agileren Frontfrau und den für mich besseren Songs.
Danach die fabelhafte "Lilly among Clouds", die wirklich alle verzückte. Klingt ein wenig wie "Birdy", hat eine ganz tolle Stimme und die erschienene EP ist sehr hörenswert. Lilly gab sich natürlich, erklärte einige schöne Geschichten zu ihren Songs und zeigte sich schon erstaunlich sicher auf der Bühne, da werden wir noch viel mehr hören.
Der zweite Tag beginnt mit den Feinheiten des Derby`s. Ein Zauberer, eine Lesung, dann erst ab zur Fackelbühne wo "L`Aupaire" aufspielen. Ebenfalls mit einer fabelhaften CD dieses Jahr, wirkt das live alles viel gelöster und entspannter, Palmen haben sie auch auf der Bühne. Perfekt für einen sonnigen Nachmittag.
Zum Ende hin verliert es mit ruhigen Stücken, "der Song hat die wenigsten Spotify Clicks, ist aber unser Lieblingssong" etwas an Spannung, trotzdem ein gelungener Auftritt mit vielen Menschen vor der Bühne.
Weiter zu "Drangsal" ins große Zelt. Hier bin ich sehr gespalten, vielleicht auch altersmäßig zu vorbelastet, aber der Sinn dieses Ironie freien 80er Sounds will sich mir nicht erschließen. Immerhin gibt er sich im Vergleich zu einigen derben Interviews hier handzahm, grüßt seine Eltern und glänzt durch weitere witzige Kommentare.
Trotzdem war der Auftritt schnellt vergessen, weil "Elias" zum Tanz bat.
Auf der winzigen Bühne am Reitplatz bot er eine Art Gospelshow mit diversen eingängigen Songs. Dazu zeigte er wahre Frontmann-Qualitäten, trug besonders stylische Klamotten incl. Kapuze und alles sah schon sehr nach Grammy und großen Hallen aus. Ein Song in der Autowerbung, immer noch kein Album, das scheint heute völlig normal. Ein übervoller Parcours war begeistert.
"James Blake" war der zweite Headliner nach "Flume" am Freitag, und krasser könnte der Unterschied wohl kaum sein, außer das wiederum die jüngeren Besucher hier wieder in der Überzahl waren. Nach mittlerweile drei Alben mit dieser "schwierigen" Musik immer noch erfolgreich zu sein, war zumindest kein Masterplan.
So bleibt er sich auch heute treu, zwei Musiker unterstützen ihn bei seinen fast 90 Minuten, aber bei mir will der Funke einfach nicht überspringen.
So gerne ich die neue CD höre, live ist es einfach nicht mein Ding. Zu eintönig (tiefe Bässe, hoher Gesang, Samples) ist diese Leerstellenmusik, um lange zu fesseln. Eine Show gibt es auch kaum, Blake wirkt mit seinem sympathischen Lächeln hinter dem Keyboard eher wie ein netter Bank Azubi als ein Musiker auf einer großen Bühne.
Und so findet sich auch am zweiten Abend eine erstaunlich große Menge im Brückenaward-Zelt zum Mitternachtspunk ein, diesmal mit "Pissed Jeans". Diese haben natürlich keinerlei pädagogischen oder musikhistorischen Anspruch, aber die Band spielt einfach als ginge es um Alles. Wie im Flug vergeht die Zeit, eigentlich wollte man nur kurz nach dem Rechten sehen, und schon fliegt man quer durchs Zelt und schaut dem Sänger bei seinen absurd witzigen Rockposen zu.
Großartig auch, wie der Drummer seinem wandernden Schlagzeug hinterher trommelt, super...
Der Sonntag startet mit einer ersten Wurst während die nette "Sara Hartman" ihren radiotauglichen Folkrock spielt. Eine weitere sichere Bank für größere Bühnen in der Zukunft.
"Suuns" müssen danach leider schon früh ran (die Weitereise wartet). Das macht es den Besuchern aber auch nicht leichter, denn diese Musik ist eher was für düstere Nächte. Tolle Band, trotzdem.
"Destroyer" ebenfalls, hier mit voller Band am Start. Es klingt toll, guter Frontmann, gute Band, gute Songs....nur ein echter Hit fehlt noch..
Viele Mädchen warteten auf "Boy", viele Jungs auf "Dinosaur jr.", das kann Beziehungen zerreißen. Beide waren auf ihre Art perfekt, J. Mascis aber müsste sich eigentlich totlachen, dass er mit seinem Sound und seinem Kleidungsstil bis heute durchkommt. Wahrscheinlich tut er es auch.
Und dann, nachdem drei Tage immer mit einem Blick aufs Handy die Horrormeldungen vom RaR verfolgt wurden, trifft es auch Mannheim. Innerhalb von wenigen Minuten, vor dem Auftritt von "Daughter", nähert sich eine schwarze Wand dem Gelände. Alle bleiben ruhig, die meisten wollten ja sowieso Daughter sehen und pünktlich mit der Band startet auch das Gewitter.
"Daughter" sind an diesem Abend, für ihre Verhältnisse fast euphorisch. Es wird sogar gelacht auf der Bühne und die Geschichten ihres ersten Maifeld-Derbys hat die Band auch nicht vergessen. Damals endeten Sie betrunken bei "Gold Panda" und hatten einen tollen Abend.
Heute sind sie die Headliner und spielen alles was sie zu bieten haben. Wesentlich eleganter und gleichzeitig mit besseren Versionen als in Köln vor ein paar Monaten.
Es gibt sogar eine Zugabe, "Made of Stone" beendet das Set und das Festival, vorher gab es mit "Youth" und "Doing the right thing" die wohl schönsten Lieder der letzten Jahre.
Danach ist der Regen auch schon wieder verzogen und es bleibt ein weiteres, fantastisches Derby in Erinnerung. Bis zum nächsten Jahr.
Und dann war da noch der Mann mit der analogen APP zum Festival, Respekt.
Fotos: Michael Graef
um
16:06
Konzert: Die Nerven
Ort: Harmonie, Bonn
Datum: 22.10.2015
Dauer: 70min
Zuschauer: ca. 200
Der Rockpalast präsentierte wie jedes Jahr sein Crossroads-"Festival" in der Bonner Harmonie. Der Begriff Festival ist hier aber sehr weit gefasst, spielen pro Abend doch nur je zwei Bands auf einer Bühne des relativ kleinen Clubs.
Gespart wurde jedenfalls nicht, die komplette Technik incl. Schlagzeugerkamera an der Decke und Strobo-Lightshow wurde aufgefahren.
Die Nerven waren kurzfristig für eine andere Band eingesprungen, zum Glitterhouse-Label bestehen ja wohl durch das OBS im Sommer immer gute Kontakte.
Da die Nerven hier ihr erstes Konzert nach Veröffentlichung ihrer neuen Platte spielen sollten, dazu in ungewohntem Rahmen und vor dem eigentlichen Tourstart, klang das ganze nach einem interessanten Abend.
In der Harmonie selber ist die Zeit seit jeher stehengeblieben. Fotos alter Blues-und Rockveteranen zieren die Wände des Clubs. Dazu ein Publikum aus Langzeitverehrern des Rockpalastes und jungen Bonner Studenten.
Für die Nerven sicher neues Terrain, nach Jahren in weniger schönen Jugendclubs und Punkschuppen der Republik.
Erstaunlich war, wie wenig sich die Band davon beeindrucken ließ. Schon vom ersten Stück, dem tollen "Die Unschuld in Person" hörte man, wie sich der Sound der Band perfektioniert hat. Dazu die extrem gute Abmischung des Sounds durch die WDR-Profis, so hatte man die Nerven wohl noch nie gehört.
Es wurde der erwartet spannende Abend. Eine Band gerade auf dem Durchbruch zu neuen Ufern. Jetzt stehen die Entscheidungen an. Wie löst man sich vom Untergrund hin zu einem neuen Publikum, wie weit lässt man das Professionelle zu, wieviel Spontanität wird zu Gunsten einer perfekten Show geopfert?
Um es vorweg zu nehmen: Es war ein sehr guter Mix aus allem.
Die besten Songs aus dem neuen Album kamen für mich etwas zu früh ("Barfuß durch die Scherben"), aber vielleicht wächst der Mut zum neuen Programm ja noch während der Tour. Der wechselnde Gesang zwischen Max und Julian tat dem Ablauf ebenfalls gut. Allein die Cover-Version von "No love lost" mit dem teilweisen Gesangvon Drummer Kevin bot für mich keinen Reiz.
Zum Ende hin wurden die instrumentalen Teile dann wie erwartet länger und krachiger, die Spontanität und Spielfreude bei den alten Stücken ging noch leichter von der Hand. "Morgen breche ich aus" und "Angst" beenden den Set nach 60 Minuten, ein langes "Nie wieder scheitern" dient als Zugabe mit kleiner Feedbackorgie.
Die Band zeigt sich überaus freundlich und dankt für den "netten Abend". Viele weitere Abende werden folgen. Bleibt zu hoffen, dass sich alle Beteiligten (Band und Fans) mit den neuen Umständen arrangieren können. Hier zeigten die Nerven aber bereits, dass sie durchaus bereit sind in der nächsthöheren Liga mitzuspielen. Zu gönnen ist es ihnen schon lange.
Der Rockpalast wird dieses Konzert, zunächst gekürzt am 16.11.2015 zwischen 0:15 und 2:15 Uhr im WDR Fernsehen ausstrahlen.
Aus unserem Archiv:
Die Nerven, Rüsselsheim, 11.07.15
Die Nerven, Stuttgart, 06.02.14
Die Nerven, Stuttgart, 17.01.14
Die Nerven, Karlsruhe, 07.12.13
Die Nerven, Stuttgart, 06.09.13
Die Nerven, Stuttgart, 01.08.13
um
02:29
Konzert: Phono Pop Festival X
Ort: Altes Opelwerk, Rüsselsheim
Datum: 10. & 11. Juli 2015
Zuschauer: ein paar hundert, es hätten ruhig noch ein paar mehr sein können
Man könnte schon ein bisschen wehmütig werden, wenn man am späten Freitagnachmittag vom Opel-Bahnhof an den Bahngleisen entlang im angenehmen Sonnenschein zum Klinkerbau des alten Opelwerks in Rüsselsheim läuft, die Statue des Firmengründers vor dem Eingang wie einen alten Bekannten begrüßt und kurz darüber nachdenkt, dass dies aller Voraussicht nach das letzte Phono Pop Festival sein wird. Tatsächlich gilt es aber natürlich zuerst noch einmal dieses traumschöne und liebevoll organisierte Festival in vollen Zügen zu genießen und damit dies ungetrübt der Fall sein kann, wartet die diesjährige Ausgabe mit Kaiserwetter und einer extrem gelungenen Bandauswahl auf.

Mit den fünf Jungs von Yesterday Shop geht’s gleich mal schön poprockig los, phasenweise sogar mit doppeltem Schlagwerk. Die nachzulesenden Coldplay-Einflüsse der mittlerweile aus dem Raum Reutlingen nach Berlin übergesiedelten Band sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Live haben die Songs allerdings erheblich mehr Druck und Energie als die Studioaufnahmen. Ein bisschen fehlt vielleicht noch der eine, wirklich hängen bleibende Megasong, aber die Chancen hierfür stehen bestimmt nicht schlecht. Ein sehr schöner Auftakt.

Sehr haarig schließen sich auf der etwas größeren zweiten Bühne im nächsten Hof einmal um die Ecke die aus Oklahoma stammenden Other Lives an. Ganz gelingt es mir um diese Tageszeit noch nicht mich auf die träumerisch mehrschichtigen durchaus sehr spannenden Klänge der Amerikaner einzulassen. Zusätzlicher Trompeteneinsatz, Orgelklänge, Violinen, ein bisschen Glockenspiel und die etwas klagend klingende Tonlage von Sänger Jesse Tabish haben auf jeden Fall großes Potenzial, einen in ganz andere Welten zu entführen und ich hoffe auch, dass ihnen das bei unserer nächsten Begegnung gelingen wird.

Erlend Øye sieht ein bisschen aus wie ein zu groß geratenes Bandenmitglied der Kleinen Strolche, auch wenn er dieses Jahr noch 40 wird. Und seine Fröhlichkeit ist unglaublich ansteckend. Er war mir mit seinen musikalischen Projekten stets irgendwie präsent. Die Kings Of Convenience liefern einen nahezu immer geeigneten Soundtrack für einen gemütlichen Abend mit Freunden und The Whitest Boy Alive habe ich leider zweimal live knapp verpasst. Um so schöner, dass es jetzt endlich klappen sollte und das neue leicht reggaeangehauchte Album Legao ist wie geschaffen für diesen angenehm lauen Sommerabend auf dem Fabrikgelände.

Eine nette Auffrischung des kürzlichen Islandaufenthalts gab’s auch noch. Kaum war mir zu Ohren gekommen, dass der groß gewachsene Mulitinstrumentalist hinterm Keyboard ja übrigens Isländer sei, durfte Siggi auch schon die gesamte Bühne übernehmen und ein Lied in seiner lustig klingenden Muttersprache zum Besten geben. Und weil der Norweger Erlend überwiegend im viel sonnigeren Italien lebt und zwei Bandmitglieder seiner Rainbows Italiener sind, gibt’s auch noch ein bisschen gesungenen Italienischunterricht. Vielen Dank liebe Phono Pop Macher für diesen perfekten Headliner des ersten Abends.

Meine jährliche Dosis Hip-Hop hatte ich gewissermaßen schon die Woche zuvor auf dem ATP Iceland mit einem packenden Auftritt der Altrapper Public Enemy gedeckt. Was Käptn Peng & die Tentakel von Delphi in Sachen deutschem Hip-Hop gekonnt zusammenreimen, macht ebenfalls Spaß und fehlender Einsatz von Audiosamples, also sozusagen handgemachter Live-Rap, kriegt mich dann auch durchaus ein zweites Mal. Um den Wortwitz nachzuvollziehen, muss ich dennoch bei Gelegenheit, vermutlich unter Zuhilfenahme von Google & Co, noch ordentlich nachlesen & -hören. Das sehr leckere Festival-Sponsoren-Bier zeigte auch schon Wirkung.
Pünktlich und wieder nüchtern geht’s am nächsten Tag für uns weiter.
Caroline Keating erzählt uns erstmal wie besonders stolz sie auf ihre tolle orangefarbene Hose heute sei, als sie sich am frühen Mittag an ihr E-Piano setzt.
Die Hose schmeichelt ihrem sommersprossigen Teint tatsächlich ausgesprochen und die Kanadierin versteht es außerdem hervorragend ihren entzückenden Charme mit ihrer zarten Musik zu verbinden. Singer/Songwriterin am Klavier klingt ja mal zunächst nicht sonderlich aufregend. Ist es aber. Es war absolut zauberhaft und mir fehlten auch keine Begleitmusiker. Nach eigenem Bekunden arbeitet sie derzeit fleißig an neuem Material auf das man sich bereits freuen kann.
Am Samstag parkt ein Eistruck auf dem Weg zwischen den beiden Bühnen und eigentlich kommt man da nicht ohne ein Eis zu kaufen dran vorbei. Im Adamshof spielt sich John Bramwell , wahrscheinlich etwas besser bekannt als Sänger von I Am Kloot, ganz alleine warm. Der Hof war leer. Ein spannender Anblick beim Eisschlecken.
Als es dann wirklich losgehen soll, ist der Gitarre zunächst kein verstärkter Ton zu entlocken. Der gute Herr Bramwell war nämlich ohne seine Gitarre in Rüsselsheim gelandet und tat sich mit dem fremden Ding etwas schwer. Und auch seine Setlist und sein Handy waren wohl abhanden gekommen wie er im Lauf des Auftritts erzählt. Weil er daher nicht selbst in der Lage ist ein Erinnerungsselfie zu machen, wurde kurzerhand der am Bühnenrand stehende Fotograf nach oben gezerrt, um einen winkenden Engländer und ein jubelndes Publikum von hinten zu fotografieren.

Nach einem weiteren Lied – die Gitarre funktionierte inzwischen - hüpft er von der Bühne und nimmt einem rauchenden Mädchen die Kippe aus der Hand, um mal kurz einen Zug zu nehmen. Er rauche ja schon länger nicht mehr, aber bei so einem Konzert …! Einmal sei er mit dem neu aufgenommenen Demotape im Autoradio durch die Gegend gefahren und wäre so entzückt von seinem eigenen neuen Song gewesen, dass er vor Rührung kurz habe anhalten müssen. Er lacht. „The sad thing about it, it’s a true story.”
Ein bisschen selbstverliebt, herrlich britisch, leicht verschroben, einen Zahnarzt könnte er vielleicht auch bei Gelegenheit mal wieder aufsuchen. Aber er ist auch grundsympathisch und ich persönlich mag solche Geschichtenerzähler ausgesprochen gern, vor allem dann, wenn sie auch musikalisch noch zu überzeugen wissen und das tut John Bramwell mit seinem Können an der Leihgitarre und seiner ganz leicht knarzigen, sehr angenehmen Stimme zwischen Blues und Singer/Songwriter-Rock.
In jedem guten Festival-Lineup sollte eigentlich eine schwedische Band enthalten sein. Am Samstag wird dieser Slot mit der Rückkehr von Rasmus Kellermans Bandprojekt Tiger Lou gefüllt, das mal wieder alles hat, was schwedische Musik häufig ausmacht: poppig, tanzbar, ein bisschen folkig und trotzdem melancholisch, sehnsuchtsvoll und traurig.
Schnipo Schranke muss man vermutlich lieben oder hassen. Mir ist das Soundkonstrukt etwas zu eintönig und die Texte treffen ganz und gar nicht meinen Wohlfühlbereich. Zu viel Kopfkino für mich, aber ich kann auch verstehen, dass viele Zuhörer von den rotzigen Ansagen und schamgrenzwertigen Zeilen fasziniert sind. Es ist auf jeden Fall anders und alles andere als gewöhnlich.
Die vier Herren von Okta Logue sind badeseetauglich gekleidet als sie kurz vor 8 die große Bühne betreten. Vielleicht kommen sie ja direkt da her. Sie haben es schließlich nicht weit nach Rüsselsheim, obwohl sie so ganz und gar undeutsch und auch ein bisschen aus der Zeit gefallen klingen mit ihren breiten psychedelischen Soundwänden mit viel Orgeleinsatz. Großartig und schön zu beobachten. Einzige kleine Einschränkung: Im dunklen Club mit einem Hauch Alkohol im Spiel gefallen sie mir noch ein ganz kleines bisschen besser. Da würde ich mich dann auch nicht so sehr an den Äußerlichkeiten aufhalten.

Nach den vielen wunderschönen ruhigen Momenten freuen wir uns nach der Okta Logue Einstimmung sehr auf eine Runde laut und krachig. Eigentlich dürfte ich das als Stuttgarterin ja noch nicht mal laut sagen, aber ich hatte es bis dahin tatsächlich nicht geschafft, die spätestens seit Anfang des letzten Jahres schwer gehypten Die Nerven live zu sehen. Man nimmt ja immer an, dass sich die Gelegenheit in der Heimatstadt einer Band dauernd und immer wieder ergeben wird.
Auch war ich noch etwas skeptisch, nachdem ein Freund gemeint hatte, dass er tatsächlich drei Anläufe benötigt hätte, um die drei Jungs richtig gut zu finden. Die wird es für mich tatsächlich nicht brauchen, auch weil die Band zwischenzeitlich vermutlich genug Erfahrung gesammelt hat, um sich nochmal zu verbessern und live schon mit dem ersten Song zu überzeugen. Ich hatte irgendwie mehr Schrammel- Drei-Akkord-Punk erwartet, weil reingehört hatte ich auch noch nicht in der gebotenen Ausführlichkeit. Das allerdings sehr bewusst, denn Die Nerven machen Musik, die mich primär erstmal live kriegen muss.

Bassist Julian Knoth und Gitarrist Max Rieger wechseln sich beim Gesang ab oder singen auch schon mal gemeinsam und das so gut und harmonisch, dass man den dunklen, häufig zornigen Texten durchaus folgen kann. Tausendsassa Kevin Kuhn am Schlagzeug trommelt wie irre und hat eine Mimik, die The Animal aus der Muppet Show alt aussehen lassen. Der Punk klingt durch, aber es ist viel mehr. Schön postrockig düster, laut und tanzbar.

Leider hatten es Two Gallants nach dem packenden Nerven-Erlebnis ziemlich schwer bei mir. Obwohl die beiden Amerikaner durchaus in der Lage sind, wie eine mindestens 6-köpfige Band zu klingen. Sänger/Gitarrist/Keyboarder Adam Stephens verfügt über eine wahnsinnige Rockröhre und Tyson Vogel versteht sein Handwerk an den Drums ebenfalls bestens . Nach den ersten zwei Liedern kommt die vor bald drei Jahren schon mal erlebte Energie der beiden schließlich doch noch an und auch wenn die neuen Lieder nicht ganz an das ältere Material heranreichen, bleiben die Kalifornier für mich die vielleicht beste Rock-Blues-Folk-Umsetzung im minimalistischen Zweierteam.

Vor den Temples verabschieden sich die drei Macher des Phono Pops tatsächlich unter auffordernd gemeinten Pfiffen und traurigen Buh-Rufen von ihrem letzten Publikum. Es war grandios. Wie erwartet und auch wenn ich nach 8 Stunden Musik und fast so viel Sonne langsam etwas erschöpft bin, sind die Temples mit ihrer retropsychedelischen Musik, deren moderne Anleihen an 60er-Jahre Beatles und Co von den jungen Engländern hervorragend umgesetzt werden, ein gelungener Ausklang dieses ganz und gar gelungenen Festivals.
Weitere Bilder:
um
16:04
Mit ihrem zweiten regulären Studioalbum "FUN" legte die Stuttgarter Noise-Punk-Band Die Nerven eine der besten Platten des letzten Jahres vor. Live ist das Trio unübertrefflich. Umso mehr freuen wir uns, dass Bassist Julian Knoth seine Konzerte, Alben und Songs des Jahres mit uns teilt.
 |
| Photo: David Oechsle |
Konzerte des Jahres (chronologisch):
- Attatakakatta in Nürnberg, K4
- The Notwist in Stuttgart, Wagenhallen
- Laila in Haifa (ISR), Syrup
- Sleaford Mods in Esslingen, Komma
- Mamar Kassey, Roskilde Festival
- Laila in Esslingen, Komma
- Girl Band in Wien (AT), Flex
- Repetitor in Ebensee (AT), Kino
- Jockel & Die Vogelschar in Stuttgart, Merlin
- Bulbul in Röda (AT), Steyr
Alben 2014:
- Angelo Fonfara - Von Trash to Emo Beats / Angel's lost and recovered Teenage Days (2007 - 2011)
- Cherry Glazer - Haxel Princess
- Von Spar - Streetlife
- Human Abfall - Tanztee von Unten
- Karies - Seid umschlungen Millionen
- Mosquito Ego - Is there much kaputt?
- Tinariwen - Emmar
Nicht aus diesem Jahr, aber erst jetzt entdeckt. Sowieso dieses Jahr eher weniger Neuerscheinungen gehört:
- Nancy Sinatra - How does that grab you Darling?
- Mulatu Astatke - Mulatu of Ethiopia
- Jimi Tenor - Sähkömies
Team Dresch - Captian my Captain
- Hole - Live through this
- Hildegard Knef - Knef
Disappears
- Era
!!! - Thr!!!ler
Blondie - Parralel Lines
- Der KFC - ...letzte Hoffnung
- Die Doraus und die Marinas - Blumen und Narzissen
- Andreas Dorau - 70 Minuten Musik ungeklärter Herkunft
Meine Hits 2014:
- Cherry Glazer - White's not my Color this Evening
- Schnipo Schranke - Pisse
- Mosquito Ego - Cuntboat
- Lana Del Rey - West Coast
- Wye Oak - The Tower
- Esben and the Witch - No Dog
- Sinkane - How we be
- Sleaford Mods - Tied up in Nottz
- Tinariwen - Chaghaybou
- Von Spar - Chain of Command
um
15:34
Konzert: Die Nerven
Vorband: Angelo Fonfara
Ort: Beatbox im Club Schocken, Stuttgart
Datum: 06.02.2014
Dauer: Die Nerven 66 Minuten / Angelo Fonfara 34 Minuten
Zuschauer: 70 (ausverkauft) + etwa 20 auf der Treppe
Es ist eines dieser Konzerte, das man nicht verpassen will. Die mittlerweile in den großen Medien stattfindende Gruppe Die Nerven lädt zum Release-Konzert ihrer neuen Platte „FUN“ in die Beatbox im Club Schocken in der Innenstadt. Fünf Euro Eintritt, keinerlei Vorverkauf, keine Gäste- oder VIP-Liste und nur 70 Karten steigern den exklusiven Charakter. Im Publikum versammeln sich Fans, bekannte Gesichter des Stuttgarter Journalistenbetriebs, Szenegrößen und jede Menge Musiker. Dass es trotzdem keinesfalls um ein schnödes Sehen und Gesehenwerden geht, steht dennoch außer Frage. Die Leute sind hier, weil sie die Band sehen wollen. Keine halbe Stunde nach Einlass werden die ersten Besucher an der Abendkasse abgewiesen. Ausverkauft! Vom Plattenteller läuft der passende Soundtrack. Schönheiten der 60er, Songperlen und Superpunks Andreas Dorau-Cover.

Nach einer halbstündigen Dada-Show mit Gitarre und Drum Machine von Angelo Fonfara, einem interessanten Newcomer mit enormen Bewegungsdrang, steht die beste Band der Stadt und eine der zukunftsträchtigsten Formationen des Landes auf der Bühne.
„Max hat eine neue Gitarre, chic.“ Mein Nebenmann freut sich über Veränderung und ist erstaunt, als sich die vermeintliche E-Gitarre als Bass entpuppt. Max Rieger und Julian Knoth eröffnen mit einer erschlagenden Breitseite tiefer Bassläufe. Das hat dann ein wenig Doom Metal Appeal und so erinnert „Ich erwarte nichts mehr“ live kurz eher an die frühen Black Sabbath als an den kompromisslosen Noise Punk, den Die Nerven seit gut zwei Jahren perfektionieren. Wer jetzt befürchtet Rieger, Knoth und Kevin Kuhn würden einen überraschenden Stilbruch wagen, wird selbstredend beruhigt. Kuhns Schlagzeugspiel treibt den Song mit üblicher Finesse und als der Übergang in „Eine Minute schweben“ funktioniert, gewinnt der Abend zunehmend an Fahrt.

Innerhalb eines Jahres sehe ich Die Nerven zum sechsten Mal, stets haben sie sich verbessert. So auch heute. Die zum besonderen Anlass des Konzerts naheliegende Nervosität verdrängt die Gruppe mit dem, was sie auszeichnet, nämlich einer atemberaubenden Performance. Nur einmal muss ein Stück nach einem verpatzten Anfang wiederholt begonnen werden. Dass musikalische Präzision im Noise Punk gänzlich nebensächlich ist, muss an dieser Stelle nicht gesondert betont werden.
Doch beweisen die neuen Stücke die wachsende Qualität der Songstrukturen. Waren die Stücke auf „Fluidum“ und vor allem auf „Asoziale Medien“ noch – zugegeben brillant – pulsierende bruchstückartige, fast schemenhafte Skizzen, sind die neue Songs wie „Albtraum“, „Blaue Flecken“ oder „Rückfall“ zunehmend melodiös. Was „Irgendwann geht’s zurück“ oder „Dienstag Nachmittag 16:30“ andeuteten, wird in diesen Songs konsequent zu Ende gedacht.

Waren Die Nerven schon zur Veröffentlichung von "Fluidum" eine sehr gute Band, die zurecht die Aufmerksamkeit des deutschen Rollings Stones, der SPEX und auch dieses Blogs auf sich ziehen konnte, ist das Stuttgarter Trio spätestens jetzt eine echte Sensation. Das ekstatische Publikum im engen Kellerraum spricht Bände über die Performance und die Klasse der neuen Stücke.
Als Max Rieger vor „Angst“ erwähnt, dass auch für diesen Song ein Video gedreht wurde, das etwas mit Tocotronic zu tun habe, lüftet der riesige Gitarrist auch beiläufig das Geheimnis um eine mögliche Kollaboration mit den Hamburgern, ohne zu viel zu verraten. Das von Julian Knoth gesungene „Angst“ mutiert anschließend in seiner schonungslosen Darbietung, der originellen Rhythmenwechsel und der unterschwelligen Energie genau in der Setmitte zum großen Höhepunkt des Abends.

Spätestens jetzt ist das alles ein Selbstläufer. Die Nerven schenken mit „Der Letzte Tanzende“ am Schluss gebührend ein und zeigen sich als exzellente Gastgeber. Kuhn spielt im Twisted Sister-Shirts, dessen er sich rasch entledigt und später mit einem Hawaiihemd ablöst, mit aufgerissenen Augen und Mund harte, rasend schnelle Rhytmen, während Knoth und Rieger Feedback-Gewitter zünden.
Dass der Abend mit dem wütend schleppenden, bitterbösen „Morgen breche ich aus“ und hartem Zynismus endet, passt da perfekt ins Bild. Die wütenden jungen Männer glänzen in ihren Bühnenrollen als die Verkörperung des misanthropischen Nihilismus.
Als Zugaben „Stuttgart Kaputtgart“ von der Mythen umrankten Stuttgarter Punklegende Ätzer 81 und „Schützenliesel“ zu spielen, ist ein Geschenk an die Zuschauer. "Betonstadt, Betonstadt, ich hab' deine Mauern satt!" Die Nerven versöhnen die Szene der Wohnstadt Stuttgart mit dem spießigen Klischee.
Eine große Band der Zukunft ist in der Realität angekommen.
Am nächsten Morgen steht „FUN“ in den Läden und der Hype um die schwäbische Noise-Punk-Sensation nimmt groteske Züge an. Nachdem es kurz zuvor von Jan Wigger als „eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts“ gelobt wurde, folgen am Tag der Veröffentlichung das Newsportal von Arcor und die Online-Ableger von N24 und dem Focus mit Kaufempfehlungen. Und der Focus ist einmal auf meiner Linie. Bizarre Welt.
Setlist Die Nerven, Stuttgart:
01: Ich erwarte nichts mehr
02: Eine Minute schweben
03: Für Jahre
04: Albtraum
05: Irgendwann geht's zurück
06: Angst
07: Dienstag Nachmittag 16:30
08: Hörst du mir zu?
09: Blaue Flecken
10: Rückfall
11: Der letzte Tanzende
12: Morgen breche ich aus
13: Stuttgart Kaputtgart (Ätzer 81-Cover) (Z)
14: Schützenliesel (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- 17.01.2013, Die Nerven, Stuttgart
- 07.12.2013, Die Nerven, Karlsruhe
- 06.09.2013, Die Nerven, Stuttgart
- 01.08.2013, Die Nerven, Stuttgart
Tourdaten:
13.02. Dornbirn (A), Spielboden
14.02. München, Unter Deck
15.02. Graz, Forum Stadtpark
16.02. Wien (A), Rhiz
17.02. Nürnberg, K4
18.02. Leipzig, Conne Island
19.02. Berlin, Monarch
20.02. Hamburg, Uebel & Gefährlich
21.02. Köln, King Georg
22.02. Wiesbaden, Schlachthof