Posts mit dem Label Mousonturm werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Mousonturm werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 15. November 2013

Enno Bunger, Frankfurt, 11.11.13

0 Kommentare

Konzert: Enno Bunger
Ort: Mousonturm, Frankfurt
Datum: 11.11.2013
Dauer: Enno Bunger ca. 90 min, Woods of Birnam ca. 30 min
Zuschauer: ca. 200




von Ursula von neulich als ich dachte

Letzte Woche noch rügte ich Christoph auf Facebook dafür, dass er scherzhaft beim The National-Konzert ein Gemetzel an den anderen Konzertbesuchern ersehnte, vorgestern war ich dann selbst so weit. Dass das Publikum beim Enno Bunger-Konzert im Mousonturm zu 75 % weiblich war, überraschte zunächst nur, aber störte selbstverständlich nicht. Dass viele der altersmäßig breit gestreuten Besucherinnen unter hormoneller Unausgeglichenheit zu leiden schienen, muss man beim Konzert eines Dichters trauriger Liebeslieder wohl akzeptieren, da werden eben Retterinneninstinkte wach. Dass die alleraufgeregteste Konzertbesucherin direkt vor uns, also quasi zwischen uns und Enno saß, war dann aber schon extrem störend. Es ist einfach unheimlich schwer, der eher ruhigen Musik zuzuhören, wenn vor einem im Sitzen abgetanzt, headgebangt und Luftklavier gespielt wird, und wenn jeder einzelne Applaus mit einem extralauten "WUHUU!" eingeleitet und die kleinste Bemerkung des Idols mit einem demonstrativen Lacher bedacht wird. Herrje, das war wirklich schwer zu ertragen. 

Aber beginnen wir am Anfang, denn Enno war dieses Mal nicht allein gekommen. Seine Vor- und spätere Begleitband waren Woods of Birnam. Wem dieser Name bekannt vorkommt, der hat wahrscheinlich Macbeth gelesen. Dieser bekommt in Shakespeares Drama von den Hexen prophezeit, er könne nur besiegt werden, wenn der Wald von Birnam sich auf sein Schloss zubewegt. Macbeth hält das für unmöglich, aber sein Bezwinger Macduff tarnt einfach seine Soldaten mit Laub und Ästen aus dem Wald. 

Der Theaterkontext ist wohl bei der Band kein Zufall, ihr Sänger ist nämlich der nicht unbekannte Schauspieler Christian Friedel ("Das weiße Band"), die restlichen Musiker sind von Polarkreis 18 (deren eigentlicher Sänger Felix Räuber ja dieses Jahr allein mit Maximilian Hecker unterwegs war). Die Band hat bislang ein Konzept-Minialbum zu Hamlet (irgendwer mag hier definitiv Shakespeare), mit dem sie aktuell am Schauspiel Dresden auftritt, und eine EP (The Healer) veröffentlicht, ein richtiges Album kommt 2014. 


In Frankfurt trat die Band, die eigentlich ein Quintett ist, nur zu dritt auf, mit Sänger Christian am Keyboard, Philipp Makolies an der Gitarre und Uwe Pasora am Bass. Normalerweise enthält das Lineup zusätzlich noch Ludwig Bauer am Keyboard und Christian Grochau als Schlagzeuger. 

Wie das meiner Erfahrung nach immer der Fall ist, profitierte die Band vom bestuhlten Saal: Die Leute saßen bereits auf ihren Plätzen und waren somit eher bereit, etwas Unbekanntem zuzuhören. Ich fand den sehr wechselhaften, teils unheimlich hohen, dann auch wieder "normalen" Gesang zunächst gewöhnungsbedürftig, aber mit den letzten beiden Songs, insbesondere dem sehr starken I'll call thee Hamlet konnten mich Woods of Birnam dann doch noch packen. Speziell das Hamlet-Album muss ich mir definitiv einmal anhören - was nun geht, da mein Freund nach dem Konzert noch beide Tonträger der Band erwarb. 

Setlist Woods Of Birnam, Mousonturm, Frankfurt: 

01: Daylight 
02: The Healer 
03: Greenwood Tree 
04: Remembrance 
05: Dance 
06: I’ll Call Thee Hamlet 
07: Soon 

Nach einer halben Stunde verabschiedete sich die Band kurz und kehrte dann mit Enno Bunger, der nun den zentralen Platz am Keyboard einnahm, zurück. Dazu kam noch ein am Set der Vorband nicht beteiligter Schlagzeuger. Nun nahm auch das Hormonunheil (siehe Eingangsabsatz) seinen Lauf. Enno begann sein Set zunächst allein mit Abspann und spielte auch im Folgenden hauptsächlich Lieder von seinem aktuellen Album Wir sind vorbei. Den Witz, dass er es ursprünglich Enno Sunshine When She's Gone nennen wollte, kannten wir bereits von einem früheren Konzert in Offenbach, hätten aber sicher dennoch geschmunzelt, wenn man sich direkt vor uns nicht so demonstrativ vor Lachen ausgeschüttet hätte. 

Enno erzählte im Folgenden, dass es es sehr genieße, mit Band auf Tournee zu sein, und dass die Band vor zwei Abenden mit Woodkid saufen gewesen sei (Beweisbild hier). Auch von seinem neuen Tourneeveranstalter zeigte er sich begeistert, allerdings sei in diesem November laut diesem "jeder, der eine Gitarre halten kann" auf Tournee, weshalb viele Hallen ausgebucht seien und man deshalb die Termine in einer geographisch unsinnigen Reihenfolge abfahren müsse (Bielefeld, Dresden, Frankfurt, Berlin ...). Offensichtlich haben die Herren auf den langen Busfahrten aber viel Spaß miteinander. 

Überhaupt sprach Enno dieses Mal wieder viel, was die extrem traurige Stimmung der Songs vom zweiten Album ein wenig ausglich. Manche Geschichten kannten wir bereits (Freundschaft ist beliebt bei kleinen Mädchen, die Youtubevideos für ihre beste Freundin machen, außerdem konnte er mit dem Lied schon einen Metalfan rühren), andere waren uns neu (Enno wurde auf der Straße angesprochen und gefragt, ob er Thom York sei, worauf er behauptete, Peter Fox zu sein, und den Fragenden in dessen Namen Autogramme gab). 

Als Enno ankündigte, er wolle nun ein paar Songs aus dem ersten Album spielen, sagte er, wer diese nicht hören wolle, könne einfach so lange eine rauchen gehen - worauf seine Begleitband komplett die Bühne verließ und das Publikum gefragt wurde, was man denn hören wolle. Am häufigsten wurden Wahre Freundschaft und Pass auf dich auf gewünscht, die Enno dann allein vortrug. Zu Pass auf dich auf erklärte er noch, dass es ihm minimale GEMA-Einnahmen beschere, denn es werde gerne bei Fernsehformaten wie Mitten im Leben verwendet. Der Song sei durch Inas Nacht bekannt geworden, wobei bei der Probe Ina noch schön und leise mitgesungen habe, das habe sich jedoch während der Aufzeichnung und ihrem Konsum etlicher Schnäpse in ein unangenehmes Mitgegröle verwandelt. 

Auf der Setliste, die wir später sahen, war übrigens nur vermerkt gewesen, dass Enno an dieser Stelle ein bis zwei Lieder allein spielt, folglich war die Bitte um Zuschauerwünsche eine ernst gemeinte - während des Konzertes hatten wir ein wenig daran gezweifelt. Im Anschluss spielte der Sänger ein neues Lied, das als Refrain "Das Licht am Ende des Tunnels ist kaputt" hatte. Man kann also wohl davon ausgehen, dass Album Nummer drei in textlicher Hinsicht keine Kehrtwende Richtung Optimismus beinhalten wird. In der Ankündigung des Songs erklärte Enno, dass ihn Radiohören beim Autofahren stets superwütend mache, weil überall dieselben drei Lieder laufen, zurzeit wohl hauptsächlich An Tagen wie diesen von den Toten Hosen. Diese hätten ein astreines Liedkonzept, in dem man bei jedem Refrain "Wohoo!" mitgrölen könne, was er uns an einigen Beispielen demonstrierte. Nach anschließenden Rückkehr der Band hörten wir zunächst eine rockige ("Ennowar"-)Version von Die Flucht. 

Nach Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung und Herzschlag war dann erst einmal Schluss, wobei das Publikum nicht lange um eine Zugabe betteln musste. 


Es folgten noch zwei Lieder, zuerst ein weiteres neues, das zur allgemeinen Überraschung auf Englisch war. Als Refrain machte ich "This won't break me" bzw. "You won't break me" aus, auf der Setliste war jedoch nur "You" vermerkt. Den Abschluss bildete mit Regen wieder ein Lied von Wir sind vorbei, dann trat die nach all den traurigen Texten immer noch gut gelaunte Band gemeinsam an den Bühnenrand und verbeugte sich. 

Enno Bunger mit Bandbegleitung zu sehen, war - von den Störfaktoren abgesehen - ein sehr schönes Erlebnis, das seine sowieso guten Songs noch einmal spannender und abwechslungsreicher wirken ließ. 

Setlist Enno Bunger, Mousonturm, Frankfurt: 

01: Abspann (solo) 
02: Leeres Boot 
03: Roter Faden 
04: Astronaut 
05: Präludium 
06: Blockaden 
07: Euphorie 
08: Wahre Freundschaft (solo) 
09: Pass auf dich auf (solo) 
10: Am Ende des Tunnels (solo) 
11: Die Flucht 
12: Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung 
13: Herzschlag 

14: You 
15: Regen 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Enno Bunger, Mannheim, 31.05.13
- Enno Bunger, Mannheim, 31.05.13
- Enno Bunger, Offenbach, 09.05.13
- Enno Bunger, Stuttgart, 19.03.13 
- Enno Bunger, Karlsruhe, 31.01.13 (TV Noir)
- Enno Bunger, Darmstadt, 27.01.13 (TV Noir) 

Fotos: Dirk von Platten vor Gericht



Freitag, 1. November 2013

Erdmöbel, Frankfurt, 30.10.13

0 Kommentare

Konzert: Erdmöbel
Ort: Mousonturm, Frankfurt
Datum: 30.10.2013
Dauer: 120 min
Zuschauer: ca. 150



von Dirk von Platten vor Gericht

Bin ich also der Versuchung doch erlegen! Eigentlich wollte ich keinen weiteren Auftritt der Band Erdmöbel mehr besuchen, damit meine eigentliche Lieblingsband Oasis, von denen ich in näherer Zukunft keine weiteren Konzerte erwarte, nicht in meiner persönlichen Konzertstatistik von diesen überholt wird. Mein Hilferuf bei der Vorstellung von Kung Fu Fighting von Platten vor Gericht wurde nicht erhört, niemand lud mich gestern zu sich nach Hause oder auf ein alternatives Konzert ein, so dass ich der Dreifachverlockung (keine Champions League im Fernsehen, Erdmöbel im 100-km-Umkreis und ein Platz auf der Gästeliste) nicht widerstehen konnte. 


Über Facebook hatten Erdmöbel noch am gleichen Tag mit den Worten „Kommt alle und bringt alle mit!“ zum Besuch ihres Konzertes aufgefordert. Also habe ich mein Bestes gegeben, um mein kleines Auto bis unters Dach mit Konzertwilligen zu füllen. Die Ausreden lauteten jedoch: Grippe, aufs Kind aufpassen (gleich zweimal) und zu viele Erdmöbel-Konzerte in den letzten Jahren. Bis auf letztere konnte ich alle Argumente akzeptieren, aber meine Freundin steht aktuell bei 3 besuchten Erdmöbel-Konzerten und ist von meinen 14 noch so weit entfernt, wie der Kölner Dom vom Frankfurter Messeturm. 

Beim Betreten des im letzten Jahr neu gestalteten Mousonturms hatte ich große Bedenken, dass es den anderen Besuchern bei der Begleitungsakquise ähnlich ergangen war wie mir, denn 20 Minuten vor dem eigentlichen Konzertbeginn versammelten sich gerade einmal 10 Personen in der Konzerthalle. Doch die Besucher des Künstlerhauses Mousonturm scheinen an die Abläufe der Theaterproduktionen dieses Hauses gewöhnt, strömten erst kurz vor 21 Uhr in den Konzertsaal und füllten ihn noch angemessen. 


Nahezu pünktlich betraten die Musiker die Bühne, deren Hintergrund ein Ausschnitt aus dem aktuellen Plattencover zierte. Passend dazu waren alle Bandmitglieder (größtenteils) rosa gewandet. Diesen Dresscode trieb Wolfgang Proppe (Keyboards) mit seinen rosa Stricksocken auf die Spitze – dachte ich, bis ich seinen pinken Glitzerring sah, der ihm auch prompt den Beinamen „Liberace“ einbrachte. Aber auch Markus Berges (Gesang, Gitarre) Plektrum sowie Ekki Maas’ (Bass) Button waren in dieser Farbe gehalten - eine Liebe zum Detail, die sich auch in der Musik der Band widerspiegelt. 

Das Konzert wurde mit Peng eröffnet, was wirklich kein Knaller-Auftakt war. Danach (oder zumindest nach dem bald folgenden Cardiff) „ging es“ - gegensätzlich zu einem Erdmöbel-Text - „immer bergauf“. Den Großteil des Sets bestritten Erdmöbel mit Songs aus den letzten beiden Alben: Kung Fu Fighting wurde bis auf Zollstockbad komplett dargeboten, Krokus mit immerhin sechs Titeln bedacht. 


Von den neuen Titeln gefielen mir in ihren Live-Versionen vor allem Gefäße, das mit einem langen instrumentalen und sehr rhythmischen Intro zelebriert wurde, so dass Markus das Publikum zum Ausdruckstanz aufforderte, und Henning Beckmann und Christa Becker, die erstmals mit Erdmöbel auf Tour ist, ausreichend Raum für Solos an Posaune bzw. Querflöte gab, sowie Club der senkrecht Begrabenen, das die Besucher zum Mitklatschen und –singen animierte (was weniger fürchterlich war als es hier klingt). 

Bei Kung Fu Fighting wurde das Publikum in Anlehnung an das dazugehörige Video zum Knutsch-Contest aufgefordert, den auf der aktuellen Tournee Münster, die Heimatstadt der Band, mit einer Rate von 70-80% anführte. Da konnte Frankfurt nicht mithalten - vielleicht aber bei der Reaktion des Publikums auf der nach oben offenen Entzückungsäußerungsskala, wenn die Wahl-Kölner ältere Titel wie Dawai Dawai oder In den Schuhen von Audrey Hepburn ankündigten. 


Bei Jede Nacht übernahm Christian Wübben (Schlagzeug) - zumindest im Refrain - den Gesangspart der in Los Angeles weilenden Gastsängerin Désirée Nosbusch. Vielleicht hätte man hier Christa Becker fragen können, ob sie singen und die Flöte einmal zur Seite legen kann. Auch das ursprünglich sehr gitarrige Wurzelseliger war mit diesem Instrument doch etwas gewöhnungsbedürftig. 

Bewegliche Ferien wurde den – wenn auch nicht so titulierten – Assi-Punks von Eisenpimmel gewidmet. Über einen Artikel („Currywurst mit Vollidioten“) in der Intro über die Band musste ich vor Jahren Tränen lachen – hier lohnt sich die Internetrecherche. Die Liedtitel der Duisburger wollte Ekki bei der Ansage nicht preisgeben, so dass ein Zuschauer mit Komma lecka bei mich unten bei aushelfen musste. Ich hätte noch Bier zu mir hinzufügen können. Bier ist ein gutes Stichwort, denn Erdmöbel wollten nach dem Konzert noch alle im „Moseleck“ treffen und fragten sich und uns, ob es in Frankfurt auch ein Oktoberfest gebe und ob dort Äppelwoi getrunken werde. 


Doch zuvor sollten noch Blinker, dessen „blinkt, blinkt, blinkt...“-Textpassagen, die noch deutlich länger ausfielen als auf Platte und die Vorstellungsrunde der Bandmitglieder sehr gelungen integrierte, von Stroboskop-Flackern untermalt wurden, sowie Das Leben ist schön das Hauptset beschließen. 

Auf der Setliste standen zunächst 17 nummerierte Titel und danach noch acht weitere in loser Reihenfolge. Erster Erster wurde noch in den Hauptteil integriert, und man durfte gespannt sein, welche der noch ausstehenden, vermutlich zur Auswahl gedachten Titel, noch gespielt würden. Bis auf Arbeiten alle! Mit gleich zwei Blocks zu je drei Songs belohnten Erdmöbel die lauthals nach Zugabe rufenden Frankfurter. Wobei mir persönlich der erste mit Anfangs Schwester heißt Ende, Vergnügungslokal mit Weinzwang und Dreierbahn besonders gut gefiel. 



Den Abschluss eines schönen Konzertabends bildete die unvermeidliche Coverversion Nah bei dir, die sicherlich allen Anwesenden auch noch auf dem Nachhauseweg im Kopf herumgegeistert ist. 

Am 18. Dezember geben Erdmöbel ein Konzert in der Kulturkirche in Nippes, das liegt auch innerhalb der 100-km-Grenze und Fußball wird dann vermutlich auch nicht gespielt. Selbst wenn ich nicht auf der Gästeliste stehen sollte (gestern habe ich dies zumindest mit dem Kauf von zwei Schallplatten ausgeglichen), so war ich doch noch nie auf einem Weihnachtskonzert von Erdmöbel.... 


Setlist Erdmöbel, Mousonturm, Frankfurt:

01. Peng 
02. Ausstellung über das Glück 
03. 77ste Liebe 
04. Cardiff 
05. Bewegliche Ferien 
06. Jetzt 
07. Kung Fu Fighting 
08. Vivian Maier 
09. Wurzelseliger 
10. Dawai Dawai 
11. Wort ist das falsche Wort 
12. Gefäße 
13. Jede Nacht 
14. Club der senkrecht Begrabenen 
15. In den Schuhen von Audrey Hepburn 
16. Erster Erster 
17. Blinker 
18. Das Leben ist schön

19. Anfangs Schwester heißt Ende 
20. Vergnügungslokal mit Weinzwang 
21. Dreierbahn

22. Die Devise der Sterne 
23. Snoopy T-Shirt 
24. Nah bei dir 



Weitere Erdmöbel-Konzerte: 

01.11.13: Tübingen, Sudhaus Tübingen 
02.11.13: Karlsruhe Durlach, Festhalle Durlach 
07.11.13: Hannover, Musikzentrum Hannover 
08.11.13: Krefeld, Kulturfabrik Krefeld 
18.12.13: Köln, Kulturkirche Köln 
15.02.14: Lage, Evangelische Dorfkirche Heiden


Mittwoch, 25. September 2013

Anna von Hausswolff, Frankfurt, 24.09.13*

0 Kommentare

Konzert: Anna von Hausswolff
Ort: Mousonturm (Studio), Frankfurt
Datum: 24.09.2013
Dauer: 85 min
Zuschauer: knapp 100 (recht voller Raum) 



Beim Haldern-Pop Festival Anfang August hatte ich mich vor allem auf den Auftritt der Schwedin Anna von Hausswolff gefreut. Ihre beiden Alben - vor allem das von mir oft gehörte Ceremony, das im Juni bei City Slang erschienen ist, begeistern mich immer wieder. Vor Haldern war ich trotz meiner Vorfreude aber skeptisch, ob die Musikerin den Kirchen-Sound, die schweren Orgel-Breitseiten live umsetzen könnte. Sie konnte - und wie! Manche Stücke waren mehr Postrock als Düsterpop und ließen nicht nur mich mit offenem Mund zurück. Das Konzert war noch eine gute Ecke besser als erhofft!

Seit heute ist die Schwedin mit ihrer Band auf Deutschland-Tour, Auftakt dazu war das Studio im ersten Stock des Mousonturms in Frankfurt. "Ich habe schon einmal in Frankfurt gespielt. Mein allererstes Konzert war in der Städelschule, das vergesse ich aber immer wieder, wenn ich nach meinem ersten Auftritt gefragt werde." Zu ihrem zweiten Frankfurter Konzert waren vielleicht 100 Zuschauer gekommen. Das Studio, das wie eine Mini-Ausgabe des Saals unten aussieht (und damit ein ebenso schöner Konzertort ist), war recht gut gefüllt, als Anna und ihre vier Begleiter (Gitarre, Bass, Schlagzeug und Synthesizer) um 21.15 Uhr auftraten. 

Mit Mountains grave von Ceremony begann das Konzert - und damit mit einem der besten Stücke der aktuellen Platte. Irgendetwas war trotz aller Erhabenheit des Lieds anders als bei der Studioversion und als in Haldern. Ich glaube, es waren anders klingende Gitarren, ich weiß es aber nicht sicher. Aber ich habe es sehr angetan aufgenommen, weil es ein Zeichen besonderer Qualität ist, wenn gerade junge Künstler ihre Stücke live weiterentwickeln und variieren. Und natürlich nicht etwa, weil sie ein Lied nicht zweimal gleich hinbekämen sondern weil sie bewußt verändern. Ein Paradebeispiel dafür sind die fabelhaften Warpaint, die dies regelmäßig machen. Wegen des Frankfurter Anna von Hausswolff Konzerts hatte ich mich beim End Of The Road Festival vor ein paar Wochen bei paralleler Ansetzung gegen die Schwedin entscheiden müssen und für... Warpaint. So klein ist die Indiewelt.


Nach Mountains grave folgte etwas herrlich Skurriles. Es wurde dunkel, die Nebelmaschinen wurden angeworfen und die Band spielte dazu wummernde Geräusche. Anna erzeugte irgendwann Töne, die vermutlich ein Nebelhorn darstellen sollten (oder meine Phantasie hat sich treiben lassen). Diese "Nebel und dagegen Ankämpfen-Variationen" gingen nahtlos in Liturgy of light über, das eine weitere strahlende Perle des zweiten Albums ist, bevor mit Epitaph of Theodor der Star des Haldern-Konzerts angestimmt wurde. Im Gegensatz zu damals war das Lied über das Grabmal eines Theodor diesmal weit weniger lang und postrockig. Es war alles andere als schlecht, die Version in Haldern war allerdings noch viel beeindruckender.

Mit Deathbed folgte das nächste Stück von Ceremony, das ein düsteres Thema hat. Anna verarbeitet auf ihrer zweiten Platte u.a. den Tod ihres Großvaters, wobei die junge Schwedin den Tod pragmatisch zu sehen scheint. "Ceremony is a celebration of life and everything that it contains, especially death, because in death we will be truly one with nature again." Auch Deathbed hatte ein ewig langes Intro und schien mir abgewandelt zu sein. Und auch Deathbed ist eines der besten Lieder von Ceremony, aber das sind ja die meisten.

Vor Sova und Harmonica beklagte Anna zu wenig Effekt auf ihrem Mikrophon. "I'm an effect maniac!"  Von zu wenig Effekt vorher oder anderem schlechtem Klang konnte aber während des Konzerts überhaupt keine Rede sein. Das einzige, das das Konzertvergnügen deutlich verringerte, war die Bullenhitze im Studio. Die Saunatemperaturen im großen Saal sind ein Running gag, da war es offenbar nur konsequent, daß es auch oben heiß war. Ein komplett durchgeschwitztes Hemd wie das vor mir habe ich jedenfalls noch nicht oft Ende September gesehen. Schade, daß sich Klimatisierung von Konzertsälen in Deutschland nie durchgesetzt hat. Vermutlich sind wir dazu viel zu gutmenschlerisch. Leiden für die Umwelt, und so.


Harmonica ist wieder eines dieser persönlichen Lieder der Schwedin. Das besungene Instrument schenkte der Großvater, der ein Tüftler war und unter anderem einen Würstchenautomat erfand, den Anna uns beschrieb ("hier laufen die Würste her und da treffen sie aufs Brot..."), der Musikerin kurz vor seinem Tod. Harmonica beginnt mit Handklaschen des Synthesizer-Spielers Filip Leyman (der Ceremony produziert hat), in das glücklicherweise niemand im Publikum einstieg.

Das vorletzte reguläre Stück war das einzige bis dahin, das nicht von Ceremony stammt. Es war das Cover Come wander with me von Jeff Alexander, das sie schon in Haldern gespielt hatte, das aber diesmal in Funeral for my future children überging. Vermutlich 15 Minuten hatten diese beiden Lieder gedauert, mit vielen Rhythmus-Wechseln und viel Orgeltönen und einer immer lauter werdenen Sängerin.


Es war zwar wirklich unerträglich heiß und die Fluktuation aus dem Saal war groß (der Wasserhaushalt...), trotzdem war die Erleichterung groß, daß Anna zu Zugaben zurückkam. Die erste (Sun rise) ist auf dem Album. Anna von Hausswolff stand dazu in der Mitte der Bühne und hatte ihren Platz rechts hinter der Mini-Orgel verlassen. Sie wurde nur von Filip und ihrem Gitarristen Karl Vento begleitet. Die beiden anderen Musiker kamen danach zurück, um ein neues Lied zu spielen. Das Stück hat noch keinen Titel ("actually we call it 'new song'), das einen schwedischen Text und einen dramatischen Lautstärke- und Spannungsanstieg hat. Karl spielte dabei seine Gitarre mit einem Geigenbogen, was zur Dramaturgie des Titel schön passte. Auch New song war wundervoll und herrlich erhaben.

Das Konzert hat meine hohe Meinung von der Schwedin mit der hohen Stimme noch einmal bestätigt. Wir können uns da ganz sicher noch auf viele gute Lieder und Auftritte freuen. Wobei das mit dem Freuen auf traurige Lieder ja immer so eine Sache ist.

Setlist Anna von Hasswolff, Mousonturm (Studio), Frankfurt:

01: Mountains grave
02: Liturgy of light
03: Epitaph of Theodor
04: Deathbed
05: Sova
06: Harmonica
07: Come wander with me (Jeff Alexander Cover)
08: Funeral for my future children

09: Sun rise (Z)
10: neu (Z) 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Anna von Hausswolff, End Of The Road Festival, 31.08.13
- Anna von Hausswolff, Haldern Festival,10.08.13

Tourdaten:

26.09.13: Berlin, Volksbühne
27.09.13: Hamburg, Reeperbahn Festival
28.09.13: Kiel, Alte Pumpe
30.09.13: Köln, Gebäude 9
01.10.13: Leipzig, Werk 2
02.10.13: Nürnberg, Muz
03.10.13: Heidelberg, Enjoy Jazz Festival
04.10.13: Basel, Parterre
05.10.13. Lyon, Le Sonic
06.10.13: Bern. Dampfzentrale
07.10.13: Freiburg (i.Br.) Café Atlantik
09.10.13: Wien, Arena
11.10.13: München, Feierwerk
12.10.13: Graz, Steirischer Herbst
14.10.13: Paris, La flèche d'or


* dieser Artikel ist den beiden Orgellehrern meiner Kindheit gewidmet, die mir ermöglicht haben, erst 25 Jahre später zu erkennen, was für ein wundervolles Instrument eine Orgel ist 

- mehr Fotos gleich



Dienstag, 29. Januar 2013

Paul Banks, Frankfurt, 28.01.13

1 Kommentare

Konzert: Paul Banks
Ort: Mousonturm, Frankfurt
Datum: 28.01.2013
Zuschauer: ca. 200
Dauer: knapp 75 min (Pascal Finkenauer 25 min)



Die schönste Szene des Abends passierte, als Paul Banks' Band zur ersten Zugabe zurück auf die Bühne kam. Der blonde Schlagzeuger beugte sich nach vorne und raunte seinem Sänger zu, daß der vergessen habe, seinen Namen zu nennen. "Habe ich euch den Drummer nicht vorgestellt? Nein? Das ist..." Dummerweise nuschelte Paul den dann so sehr, daß die Beschwerde umsonst war. Seine anderen Kollegen hatte der Interpol-Sänger zwischendurch vorgestellt, mir kam vom Sehen nur Gitarrist Damien Paris bekannt vor, er gehörte sicher schon 2009 zu Pauls Liveband, als er als Julian Plenti mit seinem ersten Solo-Album auf Tour war. Damien war mir damals als guter Musiker aber vor allem als Meister großer Rockstar-Gesten in Erinnerung geblieben.


Auch ansonsten hatte mir das Solo-Konzert vor gut drei Jahren mehr Spaß gemacht als erwartet. Wenn man die Interpol-Stimme hört, die sich mit ihrem herrlich nörgelnden Klang durch große Gitarren-Stücke singt, erwartete man - erwartete ich - auch die großartigen Melodien von Interpol, als ich Julian Plentis Debüt gekauft habe. Natürlich war das Unsinn. Mir gefiel es gut, die große Liebe war es aber nicht. Also hatte ich auch keine großen Live-Erwartungen. Das Konzert überzeugte mich restlos, deshalb war es keine Frage, daß ich mir auch die zweite Deutschland-Tour, diesmal unter Pauls echtem Namen ansehen würde.

Der umgebaute Mousonturm war noch erschreckend leer, als ich kurz vor Beginn der Vorgruppe in den Saal kam. Kurz vor neun waren gerade mal 30 Leute da. Das besserte sich bis zehn deutlich, es blieb aber auch da weit unter ausverkauft - wie vor drei Jahren übrigens auch.


Das Vorprogramm von Pascal Finkenauer und Band habe ich weitesgehend verpasst. Dabei hatte es gut angefangen, das erste Stück (Text: "auf dem Fest aller Feste") gefiel mir gut. Danach flachten der Auftritt und mein Interesse ab. 

Da der Support nach 25 min bereits durch war, hatten die Helfer der Hauptgruppe lange Zeit, alles vorzubereiten. Leider nutzte das nicht viel, denn als Paul Banks und seine drei Kollegen begannen, wurde es sehr laut, aber auch sehr dürftig ausgesteuert. Skyscraper vom Julian Plenti Album begann sehr langsam und ruhig, brach dann aber krachig aus, mit viel zu leiser Stimme des Sängers. Im Laufe des Konzerts besserte sich das ein wenig, Pauls Gesang blieb aber vorne deutlich zu leise im Vergleich zu den Instrumenten. Ich bin wahrlich kein großer Experte, mir schien aber auch Damiens Gitarre im Vergleich zu den anderen Geräten zu dominant (wobei dessen Spiel so herrlich anzuhören ist, daß es Schlimmeres gibt, als dies im Vordergrund zu hören!). Mit lauter abgemischter Stimme des Sängers wäre der Klang toll gewesen, Lautstärke ist schließlich kein Teufelszeug, wenn die Verhältnisse untereinander passen.


Es begann also mit alten Stücken, denn nach Skycraper folgte auch noch Fun that we have - und in der ersten Konzerthälfte in der Mehrzahl Lieder vom Debüt. Damals, als Paul nur dieses Album hatte, unterließ er es, Interpol-Titel zu spielen, er coverte stattdessen in Köln zum Beispiel die Pixies oder die schrecklichen America. Gestern waren nur eigene Sachen von beiden Platten und das unveröffentlichte Goodbye Toronto, das er schon 2009 gespielt hat, im Programm.

Auch wenn nicht all seine Lieder große Hits sind, waren die 75 Minuten musikalisch toll und kurzweilig. Es machte Spaß! Offenbar auch dem Sänger, denn der lachte oft und schien bestens aufgelegt zu sein, auch wenn er ganz offensichtlich andere Zuschauermengen gewohnt ist. Das macht mir Banks extrem sympathisch. Mit einem Supermodel liiert, als Sänger einer großen New Yorker Band, das legt eigentlich nahe, daß solche Stationen in halbvollen (wenn auch sehr schönen!) Sälen in Hessen nicht unbedingt die spannendsten Abende des Jahres sind. Paul schien es aufrichtig Spaß zu machen!

Sehr gut neben Goodbye Toronto, den Hits The base und Over my shoulder und dem wundervollen (an Tiger Lou erinnernden) Istrumental-Stück Lisbon gefielen mir Young again und die Jahrmarkt-Gitarren bei Arise, awake!

Mit Summertime is coming endete das reguläre Set komisch. Das Lied ist toll, es trudelt allerdings aus, ist damit vollkommen ungeeignet, am Ende eines Programms zu stehen. Die beiden Zugaben, das ruhige On the esplanade und vor allem Games for days entschädigten aber dafür locker! Es war zwar ein guter Abend, aber wegen des breiigen Gesangs leider nicht mehr. Da ich aber auch Spaß an den kleinen Sachen habe, war das letzlich nicht so schlimm, weil Paul Banks die schönste Gitarre der Welt hatte. Auf deren Oberseite ist nämlich Audrey Hepburn gedruckt!

Setlist Paul Banks, Mousonturm, Frankfurt:

01: Skyscraper
02: Fun that we have
03: I'll sue you
04: Only if you run
05: Arise, awake
06: Goodbye Toronto
07: Fly as you might
08: No chance survival
09: Young again
10: Lisbon
11: Over my shoulder
12: No mistakes
13: The base
14: Paid for that
15: Summertime is coming

16: On the esplanade (Z)
17: Games for days (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Julian Plenti, Paris, 13.12.09
- Julian Plenti, Köln, 08.12.09

- Interpol, Saint Cloud, 28.08.11
- Interpol, Barcelona, 26.05.11
- Interpol, Paris, 15.03.11
- Interpol, München, 12.03.11
- Interpol, Dortmund, 22.11.10
- Interpol, Paris, 17.09.10
- Interpol, Montreux, 16.07.08
- Interpol, Brüssel, 23.11.07
- Interpol, Paris, 21.11.07
- Interpol, Köln, 19.11.07
- Interpol, Hohenfelden, 17.08.07
- Interpol, Köln, 11.05.07
- Interpol, Paris, 10.05.07





Sonntag, 27. Januar 2013

Get well soon, Frankfurt, 21.01.13

0 Kommentare
Konzert: Get well soon mit Support Denis Jones
Ort: Mousonturm in Frankfurt
Zuschauer: etwa 600 (ausverkauft)
Konzertdauer:  40 min + 90 min


Da ist es wieder: ein denkwürdiger Konzertabend verborgen in einem unübersichtlichen Knäuel an Gefühlen und Gedanken, das unbedingt  aufgeriffelt gehört um einen nachvollziehbaren Bericht zu produzieren. Aber wo anfangen? Nehmen wir die Bank! Weil - es war nicht wirklich klar, ob ich mir den Mut fasse für das Frankfurter Konzert.

Das ist nicht der Mousonturm
Noch am Montag Morgen war das Glatteis in Karlsruhe so schlimm, dass ich mir den dienstlichen Mainzer Termin für den Tag aus dem Kopf schlagen musste. Mittag ging es wenigstens bis zur Haltestelle der Straßenbahn - aber was die Deutsche Bahn aus dem Wetter machen und wie es wohl in Frankfurt sein würde?  ... Die Fahrt verlief aber relativ planmäßig und ich fand die Frankfurter Innenstadt tief verschneit vor: die Zeil war im mittleren Teil im Dornröschenschlaf des Schnees märchenhaft versunken (*). Die Straße mit dem Mousonturm fand ich ohne Umwege und ließ es mir dort im Restaurant erst einmal gut gehen. Ankommen, Luft holen,  runterkommen und umschalten konnte ich dort sehr gut. Gegen 20 Uhr Tanita finden und ins Gespräch kommen klappte bestens in dieser Umgebung. Auch danach verlief alles freundlich und ruhig - ohne warten oder Drängelei. Dabei war das Konzert schon eine Weile ausverkauft.

Denis Jones hatte sogar schon begonnen, als wir pünktlich 21 Uhr vor der Bühne standen. Live gefiel mir die Darbietung des Zappelphillips recht gut - beim vorhören zu Hause hatte ich damit nicht so viel anfangen können. Insgesamt für mich etwas zu laut und die Bässe ließen den Boden vibrieren, aber doch interessanter als gedacht. Es gehört  wohl auch etwas abseitiger Humor dazu, sein Set mit "Beginning" abzuschließen. 

Noch schöner fand ich es zu zu sehen, wie einige Konzertbesucher neben mir total fröhlich zu den Songs abgingen und Denis Jones anfeuerten. Und ihm damit ein Lächeln ins Gesicht zauberten ("these guys know my songs!") - tatsächlich musste er noch eine Zugabe geben, bevor er nach etwa 45 min die Bühne für Get well soon frei machen durfte. Obwohl schon sehr viele Instrumente auf der Bühne standen, musste auch noch etwas umgeräumt werden und erst 22:10 Uhr ging es mit


Konstantin  Gropper (Gitarre, Gesang)
Maximilian Schenkel (Gitarre, Trompete, Vibraphon), 
Timo Kumpf (Bass), 
Verena Gropper (Geige, Gesang, Saiteninstrumente, Schlagwerk), 
Marcus Wuest (Keyboard, Gesang) 
Paul Kenny (Schlagzeug) 

in mir aus den beiden Konzerten in Heidelberg und Düsseldorf vertrauter Besetzung los.  Die Hörschutzstöpsel durften in diesem Teil des Konzertes in der Tasche bleiben.

Auch schön: Obwohl es sehr voll war, gab es keinerlei Gedrängel oder Nervosität. Vielmehr eine gespannte Erwartung, die fast körperlich spürbar war. Eigentlich war es ja ein Nachholtermin für das Konzert, das am 8. Oktober ausfallen musste, weil der Mousonturm um seinen künstlerischen Leiter Niels Ewerbeck trauerte. Dann auch noch ein Konzert in der Nähe der Heimat der Musiker. Kein Wunder, dass die Nachfrage entsprechend groß war und damit auch eine besondere Stimmung entstand. Ich stand einen Meter vor Maximilian Schenkel und drei Meter neben Verena Gropper. Konstantin Gropper sah ich auch noch gut, aber Schlagzeug, Bass und Keyboard habe ich im Konzert nur gehört. Da das Keyboard nur etwas hinter Maximilian Schenkel stand, hätte ich es besser sehen können sobald das Vibraphon gespielt wurde, aber die Beleuchtung ließ das kaum zu.




Aber zurück zur Musik. Schon vom ersten Takt an hatte sie mich gepackt und ließ mich bis zum Schluss nicht mehr los. Zunächst gab es bis zu meinem ersten persönlichen Höhepunkt 5 Steps/7 Swords keine Zwischenansagen. Dieses Lied rührt mich immer neu an und ist vielleicht mein Lieblingslied von Get well soon.


Danach gab es zwischen den euphorisch gefeierten Songs auch ab und zu Ansagen, die sich z.B. auf die gerade in der Niedersachsenwahl wieder von den Toten erstandenen FDP-Zombies bezogen oder auf den Vorteil, den Kinder in der Familie haben (man kann dann guten Gewissens Disney Filme schauen). Die Band wirkte konzentriert, aber auch irgendwie freudig erregt.


Für mich gehören viele der Lieder der Scheibe Vexations zu meinen Lieblingen und auch diesbezüglich kam ich auf meine Kosten mit We are free, Angry young man, A voice in the louvre zu dem schon genannten Überhit 5 Steps/7 Swords.  Dem Bonusmaterial dieser Platte entstammt Good Friday, das mir in der Frankfurter Konzertdarbietung auch besonders im Gedächtnis geblieben ist. Die winzigen Zymbeln, die doch so eine einmalige Stimmung schaffen und Verenas überirdischer Gesang.  Ganz energetisch  endete das reguläre set mit You Cannot Cast Out The Demons, you might as well dance.


Dazu habe ich dieses Video gefunden, das meiner Meinung nach die Stimmung zu diesem Zeitpunkt bestens einfängt.

 

Beim umsehen zwischendurch schaute ich nur in entrückte Gesichter und dachte, es wäre doch einmal gut, ein Konzert nicht durch die Bühnenfotos, sondern durch Bilder von glücklichen Gesichtern im Publikum zu illustrieren (mal deren Einverständnis zur Veröffentlichung vorausgesetzt). 


Nach 65 min war zwar Schluss mit dem regulären Set, aber es gab noch drei Zugaben, u.a. ein Elton John cover zu dem auch Denis Jones wieder auf die Bühne und vor meine Nase kam. Und schließlich ganz zum Schluss noch ein vierter Song, der nicht auf der Setliste aufgeführt war, also spontan dazugeschlagen worden war und der uns total energetisch in die Nacht schickte (vielleicht Lost in the mountains of the heart oder We are ghosts?)


Als wir gegen 23:45 Uhr schließlich den Mousonturm verließen, war ich mir ziemlich sicher, hier schon eines meiner 2013er-top-ten-Konzerte gesehen zu haben. Und wenn mich die Sehnsucht packt (bestimmt noch häufig in der grauen Jahreszeit!) greife ich zur Konserve (die bis auf den letzten Zugabensong der identischen Setlist folgt). Vielen Dank an Get well soon für diesen wirklich besonderen und überirdisch schönen Konzertabend in Frankfurt!


(*) Die Sorgen waren berechtigt: am Dienstag in Darmstadt habe ich mich - ganz ohne Glatteis - im Schnee noch ganz ordentlich hingelegt und Madame Knie ist auch nach fast einer Woche noch heftig im Streik.

Ich war - wie eher selten - nicht allein im Konzert und Tanita hat ihren wunderschönen Bericht schon längst fertig (inkl. Setlist):

Bericht von Tanita


Dienstag, 22. Januar 2013

Get Well Soon, Frankfurt, 21.01.13

1 Kommentare

Konzert: Get Well Soon
Ort: Mousonturm, Frankfurt
Datum: 21.01.2013


von Tanita 



Gestern Abend war einer dieser wenigen besonderen Abende, die nur ganz ganz selten und vereinzelt auftreten und gerade deshalb so kostbar sind und unbedingt festgehalten werden sollten, damit ich mich noch in vielen Jahren daran erinnern kann. Ein Abend an dem das Leben so unfassbar lebenswert, verrückt und einfach nur toll ist, dass ich persönlich noch nicht ganz sicher bin, dass das wirklich alles so passiert ist. Gegen Nachmittag habe ich mich aufgrund der ungewissen Wetterverhältnisse relativ früh in Richtung Frankfurt aufgemacht, da ich meinem ersten Konzert des Jahres schon seit Tagen, wenn nicht Wochen entgegen gefiebert hatte und einfach nichts schiefgehen durfte. Heute nun sollte es endlich soweit sein: mein allererstes Get Well Soon Konzert. „Das allererste?!“, werden nun manche gleich empört denken. Wie kann man nur erst beim mittlerweile dritten Album auf den Geschmack gekommen sein? Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, schiebe es aber sicherheitshalber mal auf mein junges Alter und meinen, 2008, dem Jahr in dem Get Well Soon ihr erstes Album veröffentlichten, noch nicht sonderlich ausgefallenen Musikgeschmack. Nun aber hat es mich um so mehr erwischt und Konstantin Groppers unvergleichliche Stimme und komplexe Arrangements haben mich voll und ganz in ihren Bann gezogen und ich hatte extrem hohe Erwartungen an den Abend. Aufgrund dessen, dass das Konzert ursprünglich bereits im Oktober hätte stattfinden sollen und dann leider verschoben werden musste, war meine Begleitung leider verhindert und ich stapfte zunächst alleine durch den Schneematsch Richtung Mousonturm und schaffte es wie immer erstmal zielsicher trotz Handynavigation in die falsche Richtung zu laufen. Als ich dann endlich am Mousonturm ankam, war ich erstens vollkommen durchgefroren und zweitens etwas überrascht, da ich mir den Mousonturm vollkommen anders vorgestellt hatte – dunkler, älter und aufgrund des mysteriösen Namens einfach etwas altehrwürdiger. Nichtsdestotrotz ist der Mousonturm ein toller Veranstaltungsort, den ich beim Anblick des Schriftzuges in Leuchtbuchstaben über dem Eingangsportal sofort in mein Herz geschlossen habe - „the future will be confusing“ heißt es da, ein Satz, mit dem ich mich auf Anhieb identifizieren konnte und den ich persönlich, wie vielleicht die meisten, auf das gesamte Leben inklusive aller Tempi übertragen kann/muss.


Wie positiv Zufälle und schicksalhafte Begegnungen sein können, hat sich mir an diesem Abend mehrfach gezeigt, unter anderem auch dadurch, dass ich Herrn Gropper vor dem Konzert zufällig vor dem Mousonturm begegnet bin und mich kurz mit ihm unterhalten konnte. Ein sehr höflicher und zurückhaltender Mensch, der mir das Bild, das ich mir durch seine Musik von ihm gezeichnet hatte, aufs Positivste bestätigt hat. Meiner Meinung nach, auch einer dieser besonderen Art von Künstlern, die eine spürbare kreative Aura versprühen, die mir persönlich schon ehrliche und bewundernd gemeinte Ehrfurcht abverlangt. An dieser Stelle muss ich auch unbedingt Konstantins Schwester Verena erwähnen, die auf den ersten Eindruck einfach auch sehr sehr nett und sympathisch war.


Nachdem ich durch diese Begegnung schon über die Maßen euphorisch war, habe ich mich noch mehr darüber gefreut einen der Köpfe hinter dem Konzerttagebuch kennenlernen zu dürfen: Gudrun! Ich hatte sie einfach spontan, nachdem ich einiger ihrer Berichte gelesen hatte und außerdem gelesen hatte, dass sie für Get Well Soon nach Frankfurt kommen würde, angeschrieben und gefragt, ob sie vielleicht Zeit und Lust hätte, sich vor dem Konzert mit mir zu treffen, da ich die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen wollte, mir von einem der Hauptautoren persönlich Tipps holen zu können. Falls sich tatsächlich jemand die Zeit genommen hat, den Bericht bis hierher zu lesen, dann erstmal lieben Dank und falls ihr es ganz furchtbar findet, dann dürft ihr euch bei Gudrun bedanken, denn sie hat mich im Gespräch sehr dazu ermutigt, einfach mal drauf los zu schreiben, ohne irrealistische Perfektionsansprüche, sondern einfach mal machen, was ich hiermit auch gleich am nächsten Nachmittag tue.
Als es gegen 21.00 Uhr dann mit dem Support Act Denis Jones aus Manchester losging, war der große Saal des am heutigen Abend ausverkauften Mousonturms schon gut gefüllt. Denis Jones hatte ich bereits als Vorband von Emanuel and the Fear in der Brotfabrik gesehen und als wirklich interessant empfunden. Seine durch live aufgezeichnete Loops geprägte Musik spiegelt sein leicht kauziges, aber sehr charmantes drahtiges Äußeres mit Vollbart und wuscheligen Haaren und dieser Prise englischen Wahnsinns perfekt wider und was ich besonders sympathisch finde – er steht konsequent strümpfig auf der Bühne. Live absolut sehenswert, alleine schon wegen der geschickten Schichtung der auf der Bühne aufgezeichneten Loops und des interessanten Stimmeinsatzes mit vielen verschiedenen Nuancen, von rau bis klar, von kräftig und stark bis hauchzart. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Songs „Clap Hands“ und „Sometimes“, die auch auf CD überzeugen. 


Nach kurzer Umbaupause war es kurz nach 22 Uhr dann endlich soweit. Get Well Soon betraten fast klammheimlich ohne großes Aufsehen die Bühne und wurden bereits von dem gespannt wartenden Publikum empfangen. Allesamt in feinster Abendgarderobe gekleidet, waren die Herren in schwarzen Anzügen, mit schwarzen Hemden, Weste und Krawatte erschienen. Ein insgesamt stimmige und stimmungsvolle Inszenierung, die mir persönlich wieder genau diese Ehrfurcht vor der Situation eingeflößt hat, wie ich sie bei meiner ersten Begegnung mit Konstantin Gropper verspürte. Elegant ergänzt oder vielmehr perfektioniert wurde dieses Bild durch Verena Gropper, die ein wunderschönes halblanges schwarzes Kleid trug, das mit einer Lage aus transparentem schwarzen Stoff überzogen war, der mit Kristallen unterschiedlichster Größe besetzt war.


Bereits bei den ersten Klängen des „Prologue“ aus dem aktuellen Album „The Scarlet Beast O' Seven Heads“ hat genau diese Atmosphäre den ganzen Raum erfüllt und das gesamte Publikum von Beginn an mitgerissen. Als Konstantins Stimme dann erklang konnte und wollte ich mich überhaupt nicht mehr wehren und bekam unfassbare Gänsehaut, die auch bei der bloßen Erinnerung sofort wiederkehrt. Die Art von Gänsehaut, die den ganzen Körper ergreift, da die Musik einen so umgibt und durchströmt, dass man nichts anderes tun kann, schon fast nichts anderes tun darf, als sich komplett fallen zu lassen. Dieses anfängliche Gefühl der grenzenlosen Begeisterung hat während des gesamten Konzerts nicht eine Sekunde auch nur ein kleines bisschen nachgelassen und wenn ich mich in den wenigen Momenten, in denen ich die Augen von der Bühne abwenden konnte, umgeschaut habe, dann hat man überall Menschen erblicken können, die genauso verzaubert in Richtung Band geblickt haben. Ich kann und möchte Herrn Groppers Stimme nicht wirklich beschreiben, denn sie ist besonders, vor allem die Art und Weise, wie er singt und den Worten damit eine undenkbare Schwere und Emotionalität geben kann, die mich live einfach nur absolut umgehauen hat. Wie gut die Band aufeinander eingespielt ist und wie talentiert jedes einzelne der Mitglieder ist, hat sich direkt im zweiten Lied des Abends, „The last days of Rome“, demonstriert. Besonders beeindruckend das stimmliche Zusammenspiel der Groppers, sowie die ungeheure Kraft der verschiedensten Drums, die einen im Laufe des Liedes beinahe achterbahnartig durch die Gegend schleudern. Ich kam im Laufe des Konzerts gar nicht mehr aus dem Staunen heraus: Geige, Trompete, Xylophon, ein Plattenspieler, verschiedenste Trommeln, Zimbeln, Triangel – und das alles neben Gitarre und Co. Am Schönsten immer wieder das Phänomen, dass die Band sichtlich so bei ihrer Musik ist, dass sie ihre Augen schließen und das Publikum dem Beispiel folgt und sich ganz auf das Gehörte konzentriert. Insgesamt waren die Eindrücke an diesem Abend so wundervoll und vielfältig, dass man ihnen durch bloße Aufzählung nicht gerecht werden kann und das Gesehene und Gehörte fast nur totreden kann, deshalb konzentriere ich mich auf einige Highlights des Sets, auch wenn ich praktisch die gesamte Setlist aufzählen müsste. „5 Steps/ 7 Swords“ war live sehr beeindruckend, „Roland, I feel You“ wurde für einen Get Well Soon-Song schon fast zu euphorisch aufgenommen und alle wippten im Takt mit. Ein weiterer Höhepunkt: „Listen! Those lost at Sea sing a song on Christmas Day“. Den Abschluss des ersten Teils bildete „You cannot cast out the demons (You might as well dance)“, das von Konstantin als Aufforderung zum Tanzen angekündigt wurde und das ich einfach nur als speziell und eigensinnig, aber genau deshalb so großartig beschreiben kann. Als lautstark geforderte Zugabe spielten Get Well Soon unter anderem eine tolle Cover-Version von Elton John's „Tiny Dancer“ mit Denis Jones zusammen. Als letzten Song spielten sie „I sold my hands for food so please feed me“, das als von ihrem Debütalbum stammendes Liebhaberstück einen perfekten Abschluss bot.


Als wäre das nicht alles wundervoll genug gewesen, ließ mir das Leben an diesem Abend – zum Glück! - keine Verschnaufpause, um dieses intensive und emotionale Konzert kurz nachwirken zu lassen, sondern als ich gerade den Saal verlassen wollte, dachte ich plötzlich, dass ich Geister sehen würde. Und nein, das ist kein extrem schlechtes Wortspiel, sondern ich war nur so unfassbar überrascht davon, dass plötzlich einer meiner momentanen Lieblingskünstler wenige Meter vor mir stand: Casper. Wie das meistens so ist, wenn man vollkommen unvorbereitet einem seiner Helden begegnet – denn natürlich ist mir bewusst, dass Konstantin an Caspers neuem Album mitarbeitet, aber das Casper dann ausgerechnet bei dem Konzert auftaucht, das ich besuche, das hätte ich nun wirklich nicht erwartet! - war ich so nervös, wie man nur nervös sein kann und habe versucht absolut ineloquent zum Ausdruck zu bringen, wie toll ich seine Musik und vor allem seine Texte finde und selbstverständlich wie grandios die Liveshows sind. Dank extrem penetranter Securities war die Begegnung relativ kurz und verwirrend (meinerseits), aber sehr nett (seinerseits)!

Abschließend bleibt nur zu sagen, dass dieser erste Konzertabend meines Konzertjahres 2013 wohl nicht verrückter und wundervoller hätte sein können. Das Konzert von Get Well Soon war genauso perfekt und emotional, wie ich es mir ausgemalt hatte und das gesamte Drumherum hat den Abend zu einem Abend gemacht, den, mein durch aufregende Begegnungen und eins der intensivsten und für mich persönlich schönsten und besten Konzerte bisher komplett überstrapaziertes Gehirn, hoffentlich dank dieses Berichts auch in ein paar Jahren wieder in den leuchtendsten Farben malen werden kann. 

Setlist Get Well Soon, Mousonturm, Frankfurt:

01: Prologue 
02: The Last Days of Rome 
03: 5 Steps 7 Swords
04: We are Free
05: Just Like Henry Darger
06: Roland, I Feel You
07: Listen! Those lost at sea sing a song on christmas day
08: Good Friday
09: Disney
10: A Gallows
11: Courage, Tiger!
12: Oh my! Good heart
13: Angry Young Man
14: You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)

15: A Voice in the Louvre (Z)
16: Tiny Dancer (Elton John Cover) (Z)
17: I Sold My Hands For Food So Please Feed Me (Z)

Links: 

- aus unserem Gropper-Verzeichnis:
- Get Well Soon, Esch-sur-Alzette, 14.10.12
- Get Well Soon, Düsseldorf, 04.10.12
- Get Well Soon, Düsseldorf, 04.10.12
- Get Well Soon, Paris, 24.08.12
- Get Well Soon, Dortmund, 28.07.12
- Get Well Soon, Frankfurt, 22.06.12
- Get Well Soon, Mannheim, 21.05.11
- Get Well Soon, Mannheim, 21.05.11
- Get Well Soon, Wien, 23.11.10
- Get Well Soon, Rüsselsheim, 09.07.10
- Get Well Soon, Dortmund, 05.05.10
- Get Well Soon, Paris, 16.03.10
- Get Well Soon, Heerlen, 07.03.10
- Get Well Soon, Frankfurt, 02.03.10
- Get Well Soon, Paris, 26.01.10
- Get Well Soon, Wiesbaden, 22.08.09
- Get Well Soon, Bonn, 04.07.09
- Get Well Soon, Paris, 06.05.09
- Get Well Soon, Nijmegen, 25.04.09
- Get Well Soon, Paris, 14.10.08
- Get Well Soon, Wiesbaden, 30.08.08
- Get Well Soon, Melt!, 20.07.08
- Get Well Soon, Evreux, 28.06.08
- Get Well Soon, Frankfurt, 15.04.08
- Get Well Soon, Köln, 09.04.08
- Get Well Soon, Berlin, 21.09.07
- Get Well Soon, Haldern, 02.08.07

Fotos: Archiv



Dienstag, 11. Dezember 2012

Die Heiterkeit, Frankfurt, 10.12.12

1 Kommentare

Konzert: Die Heiterkeit
Ort: Mousonturm, Frankfurt (Studio)
Datum: 10.12.2012
Zuschauer: 45
Dauer: 50 min



Irgendwo habe ich den bösen Kommentar über Die Heiterkeit gelesen, die Hamburger Frauenband trage Ja, Panik-Lieder auf, quasi als Zweitverwertung oder sogar Nebenprojekt ohne personelle Beteiligung. Auch wenn eine stilistische Nähe zur Austro-Berliner Gruppe um Andreas Spechtl nicht zu verleugnen ist und Die Heiterkeit auf deren Label Nein, Gelassenheit veröffentlichen, ist das natürlich Unsinn. Das Debüt der drei Hamburger Frauen ist eine der Platten, die ich 2012 besonders oft und mit viel Freude gehört habe. Ich mag seit einiger Zeit Bands wahnsinnig gerne, die ein wenig gelangweilt klingen, auf aufregende Art, und Die Heiterkeit passt perfekt in dieses (nur mir bekannte) Genre! Eine zweite sehr naheliegende Referenz zur Heiterkeit sind Bands wie die Lassie Singers, deren Christiane Rösinger ihrerseits wieder Ja, Panik nahesteht.

Vor ein paar Wochen hatte ich das Trio wegen irgendeines anderen Konzerts verpasst, dafür den heutigen Frankfurter Termin gesetzt. Weder das Wetter noch meine Form haben am frühen Abend für einen Ausflug nach Hessen gesprochen, aber ich wollte die Band nun einmal sehen, also war ich um kurz vor neun im Mousonturm und wurde da in den ersten Stock geschickt. Im Studio des Frankfurter Künstlerhauses war ich bisher noch nicht, der kleine Raum des Ladens ist allerdings ähnlich schön wie der große und gefiel mir auf Anhieb.

Die Heiterkeit sind Sängerin und Gitarristin Stella Sommer, Bassistin Rabea Erradi und Schlagzeugerin Stefanie Hochmuth. Der Do It Yourself-Charme der Platte ist live noch einige Portionen ausgeprägter. Stellas tiefer Gesang, der mich an Kate Jackson von den Long Blondes erinnerte, ist mit Abstand das beste Stilelement der Band! Manchmal singt Rabea mit, auch das gefiel mit ausgezeichnet. Daß Schlagzeug und Bass daneben eher einfach gespielt werden, ist nicht wichtig. Man könnte das auch böser ausdrücken: in der Zeit schreibt beispielsweise Jan Freitag: "Mit gelangweilter, unterprononcierter, fast herablassender Nebensächlichkeit singt Stella Sommer von Wegen, die alle zu ihr führten, und Armen, in die man dort kommen könne, oder andernfalls Tränen, die man ihr nicht nachweinen möge. Im Hintergrund jammert dazu ihre unverzerrte Gitarre zu Rabea Erradis, nun ja, minimalistischem Bass, begleitet von Stefanie Hochmuths Trommeln, das mit schlicht noch freundlich beschrieben wäre." 


Der Vergleich hinkt jetzt gewaltig, aber auch die weltbeste Frauenband The Organ war am Anfang live nicht brillant. Bei der Heiterkeit fand ich das verhaltene Trommeln und Bassspiel nicht weiter störend, der Anspruch der Band ist schließlich eine gepflegte Stümperhaftigkeit. Bei den gestylten Long Blondes, die eine wundervolle erste Platte gemacht habe, lagen Anspruch und Live-Wirklichkeit allerdings unfreiwillig weit auseinander. Es gehört hier zum Konzept wäre vermutlich übertrieben, es stört aber zumindest nicht und wird meine Meinung vom Album der Gruppe nicht beschädigen.

Die Heiterkeit spielte die meisten Stücke des Debüts. Nur zwei Stücke fehlten, dagegen gehörten zwei Lieder zum Programm, die ich nicht (er-) kannte.

Ungewöhnlich war die Rollenverteilung auf der Bühne. Sängerin Stella schwieg zwischen den Stücken, für die Ansagen war Rabea zuständig. Währenddessen guckte Schlagzeugerin Stefanie motzig, dachten wir. Da die Trommlerin hinterher strahlte, schien der Gesichtsausdruck ihrer Konzentration auf ihren Part geschuldet zu sein. Einmal schwieg auch Rabea zwischen zwei Titeln. Nach dem Hit Für den nächstbesten Dandy musste Stella ihre Gitarre stimmen, was eine Weile dauerte. Da der Basslauf des nächsten Lieds (das ich nicht erkannte) offenbar kompliziert war, hielt Rabea mit der Hand den ersten Akkord fest - während der langen Pause.

Ich bin heilfroh, dieses Konzert nicht ausgelassen zu haben. Die Platte ist toll, Stellas Gesang ist klasse, und ich hatte Spaß.

Setlist Die Heiterkeit, Mousonturm, Frankfurt:

01: Alle Menschen
02: Alles ist so neu und aufregend
03: Hauptquartier
04: Die Liebe eines Volkes
05: Heiterkeit
06: Alle Wege
07: Für den nächstbesten Dandy
08: ?
09: Komm in meine Arme
10: Solange es euch gut geht
11: Auf dem Gipfel des Erfolges

12: Kleiner Romeo (?) (Z)

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates