Freitag, 11. Mai 2007

Interpol, Paris, 10.05.07

Konzert: Interpol u.a.
Datum: 10.05.2007
Ort: Le Cabaret Sauvage
Zuschauer: ausverkauft? nicht ganz sicher...

Die Kulturzeitschrift "Les Inrockuptibles" kam auf die gute Idee, neben dem etablierten "Festival des Inrocks", welches alljährlich im November stattfindet, eine kleinere Ausgabe im Frühjahr auf die Beine zu stellen. "Le printemps des Inrocks" nennt sich das Ganze und findet am 10. und 11. Mai im wunderbaren Spiegelzelt des Cabaret Sauvage statt.

Heute also der erste Tag dieses Minifestivals und die Veranstalter haben gleich einen ganz dicken Brocken an Land gezogen: Interpol!!

Über die anderen Bands, die vor den New Yorkern gespielt haben, als da wären Second Sex, Adam Kesher, Malajube, werde ich in Kürze berichten, zunächst gilt mein Augenmerk jedoch ausschliesslich Interpol.

Meine Armbanduhr zeigte schon fast 23 Uhr an, als sich Paul Banks und seine Musiker unmittelbar vor meinen Augen den Weg Richtung Bühne bahnten. Sie schienen von draussen in das Zelt gelangt zu sein. Das war schon einmal spektakulär, noch nie zuvor zog eine Band direkt vor mir in die "Arena" ein. Ich hätte quasi vorher um ein Autogramm bitten können, so dicht war ich dran (ich stand seitlich links). Die fünfköpfige Band nahm kurz ihre Stellung ein und schon konnte das melancholisch-schöne Vergnügen starten. Gleich der erste Song war neu, es handelte sich um ein Lied, das langsam startete, dann aber schneller wurde und insgesamt ziemlich komplex war. Ich konnte die Songzeile "The Soul Can Break" heraushören, vielleicht ist das ja auch der Titel des Stücks. Es gefiel mir auf Anhieb, obwohl ich glaube, dass man auf dem neuen Album noch mit größeren Knüllern rechnen kann. Warten wir es einfach ab...

Lied Nummer zwei erkannte das Publikum dann sofort an dem markanten Gitarrenriff zu Beginn: "Obstacle 1", vom Debütalbum "Turn On The Bright Lights". Der Spiegelsaal des Cabarte Sauvage verwandelte sich unverzüglich in ein Tollhaus. Die ersten Crowdsurfer liessen sich auf den Händen tragen, darunter auch einige Mädchen. Die bulligen Ordner hatten ihre liebe Mühe und Not die Massen in den ersten Reihen zurückzudrängen. Kein Wunder bei diesem unfassbaren Hit! Die melodischen Gitarren, verbunden mit der gebrechlichen Nörgelstimme von Paul Banks jagten mir kalte Schauer über den Rücken. Da half nur rhythmisches Mitwippen... Mit dem anschließenden "Narc" vom Album "Antics" konnte dieses hohe Anfangsniveau spielerisch gehalten werden. Wieder genügten ein paar Gitarrenriffs, um ein Jauchzen der Freude bei den Fans zu erzeugen. Ich tanzte wie im Rausch, konnte mein Glück kaum fassen, ob dieser dramatisch erzeugten Klanglandschaften. Hier saß jeder Handgriff perfekt, das Zusammenspiel von Gitarre, Bass und Schlagzeug funktionierte wie ein Uhrwerk. Mit "Say Hello to Angels" ging es thematisch zurück zum Debütalbum. Hier imponierte besonders das wuchtige Schlagzeugspiel von Drummer Sam Fogarino. Eines der schnellsten, wenn nicht das schnellste Lied von Interpol überhaupt. Treibend von Anfang bis Ende, meine Füße bekamen keine Pause geboten, weitertanzen war angesagt. Die Stimmung war fabelhaft, selbst der ansonsten ziemlich phlegmatische Top-Fotograf Robert Gil wackelte energisch mit seinem Lockenköpfchen. Danach war kurzes Verschnaufen Pflicht. Dankenswerterweise kam dann auch genau zum richtigen Zeitpunkt ein nagelneues Lied. Eine Textzeile konnte ich leider nicht aufschnappen, aber es war zweifelsohne hochkarätig. Ich denke um die Qualität des neuen Interpol-Albums sollte sich kein Fan zu sehr sorgen, es wird einschlagen wie eine Bombe, da bin ich mir sicher! Es folgte die vielleicht beste Phase des Sets, denn mit "Slow Hands" und "Leif Erikson" wurden gleich zwei Indie-Hits abgefeuert. Das schnelle "Slow hands" zieht live eh immer, aber mir hatte es "Leif Erikson" heute noch mehr angetan. In Musikzeitschriften liest man immer von "Liedern, die Dein Leben verändern." Sowas habe ich immer als Quatsch abgetan. Heute weiss ich: das ist kein Quatsch! "Leif Erikson" verändert mein Leben und wenn ihr Eure Ohren aufmacht auch Eures! Wie heißt es so schön darin: "It's like learning a new language." Ich war auf Wolke sieben, bekifft vor Glück, obwohl ich stocknüchtern war...

Im Anschluß daran dann wieder ein Appetithappen von dem neuen Album. Dieses Stück schien mir das Stärkste der neuen Sachen zu sein. Heraushören konnte ich im Refrain "West Coast", möglicherweise heisst dieser relativ schnelle Song auch so. Lied neun und zehn dann "Evil" und "Not even jail". "Evil" mag fast jeder, wurde ja auch als Single ausgekoppelt, aber "Not even jail" ist in meinen Augen sogar noch besser, weil komplexer.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. "Not even jail" ist das beste Lied von Interpol überhaupt. Ich bin süchtig danach, habe es hundertfach gehört und immer wieder neue Facetten entdeckt, einen Basslauf, den ich vorher noch nicht beachtet hatte, ein Gitarrenriff, das ich vorher überhört hatte, etc. Auch der Text ist anrührend: "I promise to commit no acts of violents neither physical nor otherwise." Jetzt im Moment, da ich dies Linien schreibe, läuft es wieder auf meinen Kopfhörern und ich habe mich immer noch nicht daran sattgehört. Wenn dieses Lied ein Bild wäre, es wäre ein Picasso. Irgendwann war die Schmachtnummer, die trotz der innewohnenden Melancholie soviel Hoffnung beinhaltet, aber leider zu Ende und die Band verließ unter lautem Jubel die Bühne. Ein Jubel, der sich in Buhrufe umwandelte, als unvermittelt das Licht anging. Was war los? Sollte das schon alles gewesen sein? Ein kleiner Aprilscherz im Mai? Leider nicht, denn ein Offizieller trat ans Mikro und verkündete eine bedauerliche Botschaft. "Leider wird es keine Zugabe geben, der Sänger hat leider Probleme mit seiner Stimme." Beim Konzert war mir das mitnichten aufgefallen, die Stimme war präzise und markerschütternd wie eh und jeh. Schade, schade!! Trotzdem war es ein unvergleichliches Konzert, kurz aber extrem intensiv. Ich hoffe sehr, das es sich nur um eine Vorsichtsmaßnahme handelte und das keine Konzertabsagen folgen werden!

Setlist Interpol:

01: Pioneers To The Falls (neu)
02: Obstacle 1
03: Narc
04: Say Hello To Angels
05: Mammoth (neu)
06: Slow Hands
07: Leif Erikson
08: The Heinrich Maneuver (neu)
09: Evil
10: Not Even Jail

Konzertermine Interpol:

11.05.07: Köln (Kulturkirche)
14.05.07: Amsterdam (Paradiso)
21.06.07: Düsseldorf
23.06.07: Hurricane Festival
24.06.07: Southside Festival
25.06.07: Dresden (alter Schlachthof)

von Oliver



12 Kommentare :

Christoph hat gesagt…

Habe mal die Namen der neuen Lieder in die Setlist eingefügt.

E. hat gesagt…

wollte Euch noch zur überschreitung der 10.000er grenze gratulieren. habt Ihr mit diesem tollen blog mehr als verdient. auf die nächsten und nächsten und nächsten 10.000 besucher!!

Christoph hat gesagt…

Vielen Dank! Das ist sehr sehr nett.

oliver r. hat gesagt…

Oh, da schliesse ich mich an, vielen herzlichen Dank Eike!

Christina hat gesagt…

Beim Interpolkonzert in Köln ist mir auch nicht aufgefallen, dass der Sänger Stimmprobleme hatte. Im Übrigen hat mir das Konzert sehr gut gefallen. Habe aber nachher nur Leute getroffen, die es total scheiße fanden. Tut also gut, mal was Nettes über die Band zu lesen, auch wenn es eine andere Stadt betrifft. Ich fühlte mich so unverstanden, in den letzten Tagen ;)

oliver r. hat gesagt…

Hier mal zur Ergänzung, was der NME zum Auftritt von Interpol beim Coachella Festival in der kalifornischen Wüste geschrieben hat (29.04.07):

"Mammoth" is the first new song out of the bag: an urgent, pumping monster as monolithic as its title suggests.
"Slow hands" is as heart-wrenching as ever.
"C'mere": jerkier than before and as spasmodic as the marionette in the video.
"Not even jail": epic!

Fazit: Whatever, one thing is for sure, when they return to the UK, Interpol will be making mass arrests once again.

Dem NME hat der Auftritt von Interpol bei Coachella also wohl sehr gut gefallen!

Christina hat gesagt…

Über das Kölner Konzert konnte man dagegen beispielweise im Netz lesen:

My fifth concert was the bitterest. After almost two years waiting, I was shocked.
I cannont put into words my feelings of horror. Awful sound. Awful is not even near to the shear SHITTINESS of the Church's acoustics. Great place, but I'm never putting my feet in there for a concert again. Why did it have to be THAT LOUD? I was standing in the middle of the 10th row and I'm deaf now... a shame for a 600 people capacity venue.

If Paul is supposed to be having throat problems, I can believe it, his voice was not 100% (the litte voice you could distinguish blasting out at insane volume). I saw him repeatedly touch his neck and look not comfortable with it. He did miss some notes, not forcing his voice, like if he had a swollen larynx. It did affect in my opinion his performance. The "swiiiings" in HM for instance, were weird. That would have been the lesser of problems, again, if his voice was not drowened in the mix. Carlos' bass was WAY to high, Sam's cymbals inaudible and noisy and daniel's guitar was there only half of the time. The keyboard guy might as well stayed home, becouse apart from the very quiet moments, we couldn't here a single note.
I have 5 friends who had a horrible night, including my sister first time seeing the band, and she says she'll never see them again (and that's probably what haunts me the most, coz she loves the cds)

VOLLKOMMEN unverständlich, finde ich, ich muss dringend an meiner Gegendarstellung arbeiten ;)

oliver r. hat gesagt…

Wenn es Dir Recht ist, Christina, die Gegendarstellung ruhig auch auf unserem Blog, weil mir mein MySpace Freund Buzz einen Konzertbericht aus Köln angeboten hat, in dem er sich auch enttäuscht äußert...

Christina hat gesagt…

So, ich hab mal meine Gedanken zu den überzogenen Erwartungen anderer Leute zusammengeschrieben:
internationalpopjetset.wordpress.com/2007/05/11/interpol-kulturkirche-in-koln

Bin aber auch gespannt auf den enttäuschten Bericht!

kaddi hat gesagt…

Kinners,
es kann doch auch nicht immer allen gefallen. Ich ärgere mich gerade grün und blau, das der Interpol nicht annähernd in die Nähe von München kommt. Kacke, Pisse, Kotze, Eiter!!
Finde Interpol- grand! Echt super.
Olli- Hase, total erschütternd fand ich den einen eingebauten Link mit dem total besoffenen David Hasselhoff. Ganz im Ernst, das ist echt hardcore. Der Held meiner Kindertage. Ich wußte ja, dass er alkabhängig ist, aber so ein Video ist doch was anderes. Krass.

Christoph hat gesagt…

Entschuldigung, Kaddi, meine Schuld! Das Hasselhoff-Video ist aber bestimmt auch ein Fake!

muell hat gesagt…

zwei interpolkonzerte dieses jahr: dresden und berlin; berlin war wesentlich ausgefeilter, guter sound, viele neue lieder, in dresden war der teufel los, eine unglaublich dynamische stimmung: vielen dank für die behauptung, not even jail sei ihr bestes lied!
ich hatte vom kopfschütteln den nächsten tag höllenqualen aber ich bin bei not even jail weggeflogen zum mond und zurück und es hat mich so glücklich gemacht. stella was a diver u.a. als zugabe. ich liebe diese band! schade, dass das curiosa-festival nur in den staaten stattfand...

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates