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Mittwoch, 5. März 2014

Casper, Bielefeld, 24.10.2013

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Konzert: Casper
Support: Ahzumjot
Ort: Forum, Bielefeld
Datum: 24.10.2013
Dauer: 100min (Casper), 35min (Ahzumjot)
Zuschauer: ca. 450 - ausverkauft.

Aus der Reihe „Leben im Augenblick und fangen den Blitz in 'nem Glas ein“ - weil das Leben zumeist viel zu schnell vorbeizieht und es sich lohnt zu welchem Zeitpunkt auch immer rückblickend zu verweilen, den Moment festzuhalten und wieder heraufzubeschwören.



Es ist Mitte Juli. Viel zu heiß zum Denken und die letzten Tage des Semesters wollen einfach nicht vergehen. Fast jeden Tag Klausuren und natürlich auch an diesem Morgen. Der einzige Gedanke der meinen Verstand an jenem Tag jedoch beherrscht ist folgender: „Ich brauche verdammt nochmal Karten für die Clubtour von Casper im Herbst.“
So schnell es menschenmöglich zu bewerkstelligen war, schrieb ich die Klausur, klatschte sie der Dozentin auf den Tisch und suchte das Weite. 45 Minuten Blut, Schweiß und Tränen in der Warteschleife von Krasserstoff später, hatte ich es tatsächlich geschafft. Fangirl-Problematik schlechthin.

Fast forward zum 27.09.2013: „Hinterland“ erscheint. 10 Tage voller Radiokonzerte von Berlin, über Magdeburg nach München. Weiter nach Mannheim. Wieder weiter nach Frankfurt. Und Saarbrücken. Dann kurz Videos drehen in New Orleans und dann noch eben Promo in Österreich. Der wohlverdiente Lohn des Irrsinns: die Nummer 1 in den Charts, Goldstatus für „Hinterland“ in kürzester Zeit und ganz nebenbei auch noch Platin für das Vorgängerwerk „XOXO“. Promo extrem à la Casper und man scheint wieder im Jahr 2011 angekommen zu sein, „Hinterland“ polarisiert fast noch stärker und gekonnter als „XOXO“. Zu festgefahren und auf Genre-Schubladen bestehend, scheint die Mehrheit der Musikliebhaber in Deutschland zu sein, die sich so gar nicht damit anfreunden können, wenn sich ein Künstler nicht brav in eine Schublade stopfen lässt – und zwar auch dieses mal nicht. 2011 versuchte man verzweifelt Casper und „XOXO“ greifbar zu machen, erschuf neue Genres wie „Post Hop“ um seine Interpretation von Rap auf Indie-Beats erklären zu können; die Massen und die Mehrheit der Kritiker feierten ihn schlussendlich (vollkommen zurecht!), während andere scheinbar all das, was in ihren eigenen Leben nicht stimmt, auf ihn zu projizieren versuchten.

Der übertriebene Hype und die Hasstiraden in gleichem Maße sind auch etwas mehr als 2 Jahre später nicht abgeklungen und positive, wie negative treibende Kraft hinter „Hinterland“. Als bekannt wurde, dass Caspers neues Werk von Konstantin Gropper, dem Mastermind hinter Get Well Soon und Markus Ganter, der u.a. das Debüt „Psycho Boy Happy“ von Sizarr zu verantworten hat, produziert werden würde, so war es nicht abwegig Großes zu erwarten. Das Resultat vermag jedoch für so manchen die kühnsten Fanträume zu übertreffen: Tom Smith von Editors als Feature auf der selben Platte, auf der ein viel offensichtlicheres, aber nicht minder gelungenes Feature mit Kraftklub stattfindet. Für so manchen schlichtweg nicht nachvollziehbar, für viele andere zum Glück eher ein kleines musikalisches Wunder. Was sich allerdings mit Bestimmtheit sagen lässt, ist das „Hinterland“ Toleranz und Offenheit von Caspers Fans erfordert, die scheinbar nicht jeder aufbringen kann oder möchte.

Der erste Eindruck von „Hinterland“ live bei einem der Radiokonzerte in Mannheim. Tested and approved. Es fühlte sich an wie ein Festivalset mit überwiegend neuen Songs, vorgetragen in einer Kirche. Sehr bizarr. Nach eigener Aussage betrieben Casper und seine Band auf der Radiokonzerttour „Proben vor Publikum“, nahmen sich selbst, wie immer, sympathischerweise nicht allzu ernst und meisterten den Spagat zwischen Ernsthaftigkeit den neuen Songs gegenüber und der Leichtigkeit und Souveränität, die man von der Casper Gang gewohnt ist.


Weiter zu einem kalten Tag Ende Oktober, genauer gesagt dem 24.10.2013. Tourauftakt der Hinterland Clubtour in Bielefeld. Und ich nach 4h Zugfahrt in mir komplett unbekannten Gefilden mittendrin. Tatsächlich ließ ich mich in meiner Meinung etwas von Caspers Worten selbst beeinflussen und befürchtete, dass mich humorlose Menschen erwarten würden, die mit fremdem Menschen aus Prinzip nicht reden würden und überwiegend sollte er leider irgendwie Recht behalten – an dieser Stelle Grüße an den Menschen, der mir dann freundlicherweise doch noch den Weg zum Forum gezeigt hat, nachdem mehrere Menschen einfach keine Lust hatten mir weiterzuhelfen – es lebe das nicht-funktionierende GPS auf dem Smartphone. Dennoch tat das der Stimmung keinerlei Abbruch: weit nach Einlass reihten sich die Fans, die sich ihrer exklusiven Situation mehr als bewusst waren und teils leider mehr als den doppelten Originalpreis auf einschlägigen Auktionsseiten gezahlt hatten, gefühlt mehrfach um das Forum herum und ließen mich persönlich das Unvermeidliche bereits vorausahnen: viel zu viele Menschen für diesen kleinen Laden, der idealerweise auch noch mitten im Club eine Trennwand aufweist, wodurch einige Menschen wohl wirklich wenig bis nichts sehen konnten.

In überfüllten Locations wird jede Minute zur Qual und pure Vorfreude reicht auch nur bis zu einem gewissen Grad aus, um betrunkene und drängelnde Menschen auf Dauer tolerieren zu können – zum Glück dauerte es nicht lang und es war Zeit für den Support in Gestalt von Ahzumjot. Während mir Ahzumjot letztes Jahr in Wien noch vor Kraftklub und Casper in Kombination einfach ein unnötiger Störfaktor vor einem grandiosen Abend war, so schaffte er es dieses Mal auch mich wirklich zu begeistern, denn er machte genau das, wofür Supportacts eigentlich gedacht sind: gute Laune, spitzen Stimmung und richtig Lust auf den Hauptact. Und man könnte deutlich hören, dass sich einige Ahzumjot-Fans im Hause befanden, da das Publikum wirklich Spaß hatte und mitmachte. Um es mit Caspers Worten zu sagen: Bock.

Dann endlich das seit dem Sommer bekannte und nun gänzlich einzuordnende Intro zu Im Ascheregen. Applaus. Vom ersten Moment „Kopfüber nach vorn“ auf der Bühne. Vollgas. Abriss. „Schönen guten Abend Bielefeld!“ - „Könnt ihr springen?“ - „Geht's euch gut?“. Das darauffolgende ohrenbetäubende Kreischen und der tosende Applaus sprechen für sich. Während man wenige Tage nach Veröffentlichung von „Hinterland“ in Mannheim noch merkte, dass Casper ausnahmsweise der Textsicherste unter den Anwesenden ist, hat er knapp einen Monat später bereits gegen seine treue Anhängerschaft keine Chance mehr – kleine Texthänger seinerseits fallen kaum auf, da das Publikum mit Textsicherheit auf ganzer Linie brilliert und „Alles endet, aber nie die Musik“ lauter aus dem Publikum, als von der Bühne schallt.

Nach bereits zwei Songs merkt man, dass die Setlist wie gewohnt eine durchdachte Dramaturgie transportieren soll und mit Auf und Davon bewegt man sich kollektiv in Richtung gemeinsames Klatschen und vorprogrammiertes Ausrasten – die meisten Anwesenden machen das hier wohl nicht zum ersten Mal. Sanft ans Thema „Ausrasten“ herangeführt folgt Casper Bumayé! und sofortiges mehr oder weniger glückseeliges Chaos – immerhin mal keine Wall of Death. „Alle Arme hoch und ich will den ganzen scheiß Laden springen sehen“ - ein Klassiker unter den Bühnenansagen und funktioniert natürlich. Das dieser Abend ein Heimspiel ist macht sich spätestens durch das versierte „Ööööh“ an der richtigen Stelle bemerkbar und man kann nur feststellen: jeder einzelne der Anwesenden hat derbe Bock. Mindestens genauso viel Bock wie Casper und „seine Kapelle“ eben auch. Perfekte Voraussetzungen für ein herausragendes Konzert. „Ihr seid doch verrückt.“ Recht hat er.

Und weiter: Die letzte Gang der Stadt. „Und alle springen jetzt“. Und wie wir das tun. Das live etwas dumpfere Ganz schön Okay als Sinnbild purer Lebensfreude. „Hallooo-ooh-oh“ in ohrenbetäubender Lautstärke bringt wahnsinnig viel Spaß und Felix Brummer von Kraftklub fehlt nur ein kleines bisschen – das wäre vermutlich auch zu viel des Guten für die meisten Fangirl-Herzen. „Ganz schön Okay“ beweist auf jeden Fall, dass das mit dem Schreiben von eingängigen Hooks auf „Hinterland“ definitiv auch geklappt hat.

Besonders verstörend für jemanden der nicht aus Bielefeld kommt und genau deshalb umso erwähnenswerter: plötzliche „BIE-LE-FELD, BIE-LE-FEEEELD“-Fangesänge und – und das weiß ich nur weil ich Casper-spezifisches Wissen besitze – unweigerlich das „Wen lieben wiiiiiir? DSC!“. Ich muss es nicht verstehen, aber ich kannte dank der Festivalblogs immerhin die richtige Antwort. Schöner und ultimativ nachvollziehbarer für mich der Moment mit dem „Ultra-Fan“, persönlich von Benjamin mit Wasser versorgt, ganz charakteristisch für Casper Konzerte – zum Glück! - ein Fan der anscheinend überall am Start ist und „nur für Spritgeld und Eintrittskarten arbeitet“. Und laut Casper ist das auch verdammt nochmal richtig so! Finde ich auch. Es folgen Bühnenansagen aus der Hölle, ein Geburtstagsständchen für Daniel aus der Casper Gang und dann Coldplay-Potential bei 20QM, trotz minimaler Textschwierigkeiten, die die Sympathie seitens des Publikums vermutlich ins Unmessbare steigern.

Sobald der Mikrofonständer in die Bühnenmitte gerückt wird ist es noch nicht Zeit für Michael X, sondern, wie man an der Resonanz seitens des Publikums nach wenigen Sekunden merkt, Zeit für einen neuen Publikumsliebling: Lux Lisbon. Natürlich beehrt uns Tom Smith, der das Feature im Original zur absoluten Perfektion treibt, an diesem Abend nicht mit seiner Anwesenheit und Stimmgewalt – was vermutlich ganz sinnvoll ist, da ich persönlich sonst einen mittelschweren Nervenzusammenbruch erlitten hätte – dennoch ein toller, emotional intensiver Moment zwischen all dem Durchdrehen und Springen während des Konzerts. Während ich noch meinen Gedanken hinterher hänge erfolgt der wohl massivste Stimmungswechsel des Abends: Blut Sehen. Dramaturgisch wunderbar, auf und ab: „WER IST WEGEN HIP HOP HIER? HIPPI HOPPI ABFEIERMODUS?“ (Ja, dies ist ein direktes Zitat!) Und sowohl Band, als auch Publikum sind sofort komplett dabei: mit beiden Armen in der Luft! Nahtloser (komplett krasser, mind you) Übergang zu Halbe Mille, leider nur halb, aber es folgt Double-Time auf den Beat von „N*ggas in Paris“ - in dem Mix ist wirklich für jeden was dabei. Komplettes Durchdrehen und kollektives Schwingen des imaginären Handtuchs beim Drunken Masters Remix von So Perfekt. Und als wäre das noch nicht genug, walzt das wohlbekannte Intro von Mittelfinger Hoch das Publikum platt. Nicht einmal übertrieben gesagt: minutenlang ein kompletter Raum in Ekstase. Oh und wir hatten übrigens ein Unentschieden! Ich glaube das gab's wirklich noch NIE. WAHN-SINN.


Man könnte ja meinen, dass das Konzert schon fast vorbei wäre, aber nein: Lilablau und Ariel in perfektem Zusammenspiel. Der erste Teil des Abends endet mit Nach der Demo gings bergab und Hinterland, wobei wir übereifrigen Deutschen abermals eindrucksvoll beweisen, dass wir trotz oder gerade wegen all der Begeisterung nicht richtig im Takt mitklatschen können. Ich bin bei rhythmischem Mitklatschen sowieso raus, nehme aber amüsiert das verzweifelte Kopfschütteln und vehement am Takt festhalten des Drummers Timur zur Kenntnis und bin erleichtert, dass sich die Casper Bande trotz katastrophalem Klatschen all around nicht aus dem Konzept bringen lässt.

Leider wieder viel zu schnell Zeit für das Finale mit Endlich angekommen: alles zerberstender Beat von Herrn Gropper persönlich – ich habe unter Einsatz meines Lebens persönlich nachgefragt – und dafür Applaus. Der eigentlich bessere „Coldplay-Moment“ an diesem Abend. Letzter Song, nochmal „alles geben, alles zerlegen“ mit Jambalaya. Die Boom Boom Band reißt ab, mit zusätzlichem echten Trompetenspiel von „Hinterland“-Produzent Markus Ganter himself. Und bis zum letzten Song des Abends zeigt sich das Publikum auch als Cheerleader-Kinderchor perfekt textsicher.

Ein ganzer Raum euphorisiert. „Der schönste Willkommensgruß überhaupt, einfach wunderschön.“
„Hinterland“ funktioniert live bedingungslos. Was manchem auf Platte unmöglich, zu weich, zu Pop, zu was auch immer erscheint, ist live immer noch Casper. Und zwar sowas von. Es sei dahingestellt, ob die Art von spezieller energetischer Show nächstes Jahr auch in den großen Hallen genauso exzellent funktionieren wird, aber das ändert nichts daran, dass dieser Abend in Bielefeld wirklich großartig war und ich ihn Monate später noch unmittelbar in meinem Herzen trage.

Wer sich den Artikel wirklich bis hierher durchgelesen hat: Chapeau und danke! Solche Reviews in Romanlänge sind eben oft das Resultat überbordender Begeisterung und wirklich guter Abende, nach denen sich die Gedanken und Ideen in meinen Kopf förmlich überschlagen. My apologies, aber zumindest ein Teil davon musste endlich niedergeschrieben werden.

Setlist: Casper, Forum Bielefeld, 24.10.2013

01 Im Ascheregen
02 Alles endet (aber nie die Musik)
03 Auf und Davon
04 Casper! Bumayé
05 Die letzte Gang der Stadt
06 Ganz schön okay
07 20 QM
08 Lux Lisbon
09 Blut Sehen
10 Halbe Mille/NIP/So Perfekt/Mittelfinger Hoch
11 Lilablau
12 Ariel
13 Das Grizzly-Lied
14 XOXO
15 Nach der Demo gings bergab
16 Hinterland

17 Der Druck steigt (Z)
18 Michael X (Z)
19 Endlich angekommen (Z)
20 Jambalaya (Z)




Sonntag, 2. Februar 2014

Glasvegas, Köln, 26.01.2014

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Konzert: Glasvegas
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 26.01.2014
Dauer:Glasvegas 105min, Charter 35min
Zuschauer: max. 400, nicht ausverkauft



Glasvegas. Einer der wohlklingendsten Bandnamen überhaupt. Banalerweise nur die Mischung aus dem Tribut an die bodenständige schottische Heimat und dem klassischen Hauch Amerika mit seinen glitzernden verheißungsvollen Metropolen. Wenn der Name im negativen Sinne zum Programm wird...

Ich persönlich ließ mich von meiner Liebe zum schweren schottischen Akzent, dem stark von Van Gogh inspirierten Plattencover ihres Debütalbums und der schmerzhaften Melancholie des Nachfolgewerks EUPHORIC///HEARTBREAK\\\ sehr schnell um den Finger wickeln. Ende 2013 folgte dann Album Nummer drei der Alternative-Rock-Band aus Glasgow namens Later...When The TV Turns To Static, das wohl in etwa dem Mittelweg zwischen Stadionatmosphäre von Album Nummer eins und alles überlagerndem vor Pathos triefendem Herzschmerz von Album Nummer zwei entspricht.

Als freudige Überraschung an einem sonst mäßig euphoriebeladenen Abend fand meine erste Live-Begegnung mit Glasvegas im letzten Herbst im Vorprogramm von Hurts statt. Wenige schrammelnde Songs, kaum verständliche Vocals, Stroboskoplichtgewitter und ein Frontmann der wahlweise mit Lederjacke oder knappgeschnittenem Oberteil wortkarg aber doch irgendwie sympathisch den Rockstar markiert. Weite Teile der Hurts-Fanmeute zeigten sich schockiert, doch für mich war es seltsamerweise haargenau das, was ich mir ausgemalt hatte. Also einige Monate später dann mit einer gefährlichen Mischung aus Skepsis und Neugier trotz Kälte, Dunkelheit, Regenwetter und ausgeprägter Sonntagslethargie ab zum Tourauftakt ins Kölner Gebäude 9 – perfekte Voraussetzungen also für einen Abend, der hinter den Erwartungen zurückbleiben wird.

Während der Vorgruppe Charter ist das recht kleine Gebäude 9 maximal halb gefüllt. Interessanterweise, aber trotzdem sehr unangenehmerweise, fast schon verärgerte Stille seitens des Publikums, als bei der Vorstellung der Band erwähnt wird, dass sie aus Berlin kommen. Tja, dafür gibt’s wohl mittlerweile aus Prinzip keinen Applaus mehr. Viel mehr Worte kann ich leider über die Vorband auch nicht verlieren, um keine schlechten Worte verlieren zu müssen. Zu unausgegoren und zugleich deutlich repetitiv gestaltet sich das dargebotene Set. Über weite Strecken leider nur höflicher Applaus, statt ehrlicher Begeisterung.

So sehr es mir das Herz bricht, wird die mittelmäßige Stimmung, die sich während der Vorgruppe bereits angekündigt hatte, den Abend maßgeblich bestimmen und vielleicht wären die Menschen, die sich während der Vorgruppe noch einfanden, besser wahlweise auf ihrer Couch oder gleich im warmen Bett liegen geblieben. Das Set beginnt mit dem Titelsong des aktuellen Albums, der leider nicht besonders zu überzeugen weiß. Zu leiernd, zu wenig Inhalt. Man könnte die mangelnde Stimmung natürlich auf den Sonntagabend schieben, man könnte anmerken, dass es sich um den ersten Abend der Tour handelt, dennoch wären das alles nur Ausflüchte, da eine wirklich gute Band genau diese Stimmung zu vertreiben weiß bzw. sich davon bestenfalls nicht beeinträchtigen lässt. 

Vor allem bei Songs von EUPHORIC///HEARTBREAK\\\ jedoch macht sich bemerkbar, dass Glasvegas auch anders können. Euphoria, Take My Hand, The World Is Yours und auch Lots Sometimes, das den Abend überzeugend beschließt, retten in Ergänzung mit It Is My Own Cheating Heart That Makes Me Cry und Geraldine des Debütalbums den Abend halbwegs.


Diesen zu wenigen Glanzpunkten sind aber zu viele Schwachpunkte gegenübergesetzt, die sich vor allem in den ruhigen Momenten bemerkbar machen, in denen die Stimme des Sängers James Allan nicht alleine zu tragen vermag. Irgendwo zwischen verschiedenen Stilen, großen Gefühlen und Fußballgesängen scheinen Glasvegas sich verloren zu haben. Die Songs des neuen Albums wissen halbwegs zu überzeugen; das zutiefst dunkle I'd Rather Be Dead (Than Be With You) beispielsweise sehr schön mit mehrstimmigem und mehrhändigem Klavierspiel in Szene gesetzt. Auch das Zusammenspiel mit dem Publikum spiegelt den Abend adäquat wider – höflich, charmant und in manchen Momenten sichtlich bemüht, aber irgendwie fehlt im großen Ganzen das gewisse Etwas.

Objektiv betrachtet eine solide Leistung, mehr aber, trotz aller Sympathie für die nette Band von Nebenan, leider nicht. Definitiv lässt sich hier keine bedingungslose Empfehlung aussprechen, aber für Freunde heiserer Krächzvocals und breiter von schwerem schottischen Dialekt plattgewalzter Lyrics trotzdem mal ganz nett. In den Momenten in denen sich Glasvegas merklich in ihrer Musik fallen lassen können blitzt glücklicherweise aber durch, was an diesem Abend wohl noch möglich gewesen wäre. Schade, maybe next time.


Setlist: Glasvegas. 26.01.2014. Gebäude 9 Köln


01 Later... When The TV Turns To Static
02 Youngblood
03 It Is My Own Cheating Heart That Makes Me Cry
04 Euphoria, Take My Hand
05 I Feel Wrong (Homosexuality, Part One)
06 If
07 Secret Truth
08 The World Is Yours
09 Dream Dream Dreaming
10 Geraldine
11 Ice Cream Van
12 Go Square Go

13 Flowers & Football Tops (Z)
14 I'd Rather Be Dead (Than Be With You) (Z)
15 Daddy's Gone (Z)
16 Lots Sometimes (Z)


Aus dem Archiv:




Mittwoch, 26. Juni 2013

Queens of the Stone Age, Southside Festival, Neuhausen ob Eck, 21.06.2013

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Konzert: Queens of the Stone Age
Ort: Southside Festival 2013, Neuhausen ob Eck, Green Stage
Datum: 21.06.2013
Dauer: 70min


Bilder aus dem unschlagbaren Archiv von Christoph

Nachdem ich 2010 beim Area 4 Festival während des Auftritts von Queens of the Stone Age von einem unverschämten, agressiven Typen und seinen Ellenbogen blaue Flecken und beinahe einen Rippenbruch zugefügt bekommen hätte, entschied ich mich dieses Mal einfach im im zweiten Wellenbrecher zu bleiben. Dafür, dass sie mindestens einen minderbemittelten Fan haben, können QOTSA nichts, doch leider gibt es dadurch dieses Mal keine wirklich brauchbaren Bilder.

Bereits damals regelrecht überrollt von dem gewaltigen Auftritt, den die Band um Legende Josh Homme hingelegt hatte, hatte ich mich sehr über die Bestätigung der QOTSA als einer der Headliner beim diesjährigen Southside Festival gefreut. Zugegebenermaßen beeindruckte mich die erste Singleauskopplung My God Is The Sun aus dem Ende Mai erschienenen „...Like Clockwork“ zunächst nicht über die Maßen, dennoch ist das Album insgesamt ungewohnt vielseitig und für meine Begriffe sehr gut gelungen.


 
Imposanter Beginn des ersten Headliner-Sets des Southside 2013: in ohrenbetäubender Lautstärke zerbersten virtuelle Glasscheiben auf den Leinwänden. Mehrfaches gespanntes Zusammenzucken. Und dann betreten sie die Bühne. Josh Homme selbstverständlich zuletzt seine Position ganz vorne am Bühnenrand beziehend und los geht es mit einem Klassiker des 2000er Albums „R“: Feel Good Hit Of The Summer. Man kann es gar nicht anders beschreiben als imposant. Einfach imposant. QOTSA verkörpern musikalisch genau das, was Josh Homme in Person darstellt. Fast schon beängstigende Coolness. Musik, die so bad-ass ist, dass es schon fast lächerlich ist. Krachende und trotzdem elaborierte Gitarrenriffs, ein alles überlagernder Sound, der einem keine Wahl lässt, als mit dem Kopf zu wackeln und sich dem Druck zu ergeben. Kurz gesagt: geil. Seit Tagen geht mir vor allem das „C-C-C-C-C-Cocaaaaaaaaaaine“ nicht mehr aus dem Kopf. Und die bretternden Gitarren. Wahnsinn. So abrupt wie das Set beginnt endet der erste Song auf den Punkt. Erstaunen all around. Vermutlich ging es den meisten ähnlich wie mir und sie waren von der schieren Mächtigkeit des Sounds der QOTSA fasziniert und gebannt.


Das Josh Homme kein Mann des unnötigen Geplauders ist, rechne ich ihm hoch an, denn so sind doch für mich immer noch die besten Musiker die, die ihre Musik für sich sprechen lassen. Noch berauscht vom Opener des Sets gaben die Queens dem Publikum nicht auch nur die leiseste Chance des Entkommens, da sie direkt einen weiteren ihrer bekanntestens Songs nachlegten: No One Knows. Und auch wenn ich mir selbst auf die Finger hauen möchte, während ich diesen Satz schreibe und meine eigene Wortwahl monieren möchte: das war einfach fett. Abartig genial. Keine Widerrede gestattet. QOTSA haben dem Publikum sofort gezeigt, was sie drauf haben und in den ersten 10 Minuten mehr als gerechtfertigt, warum sie eine der massivsten Rockbands der Gegenwart sind.



Nachdem das Publikum bereits mit zwei Klassikern platt gewalzt worden war und sich in einem Zustand der mittelprächtigen Ekstase befand, Zeit für neues Material mit My God Is The Sun. Wiederum mächtig und live gewaltiger, als man auf dem Album erahnen kann. Ein Kurzes „Vielen Dank“ von Josh Homme höchstpersönlich. Und schon rollt das markante Riff von Burn The Witch ganz langsam, ganz cool und ganz bestimmt auf uns zu. Keine Chance, die Show schlecht zu finden. Da da da da, da da da da.
 

Interessant zu beobachten: immer wieder frenetischer Zwischenapplaus. Und auch sehr häufig vermeintlicher Abschlussapplaus, der dann peinlich berührt verstummt oder eher im Dröhnen der Queens untergeht, die noch eins drauflegen. Das muss schon manchmal frustrierend sein, Josh Homme zu sein, der wohl immer wieder feststellen muss, dass sein elaboriertes Gitarrenspiel von den meisten Menschen doch nur bedingt gewürdigt werden kann, weil man einfach vor lauter Staunen nicht mehr weiß, ob da noch mehr kommt, oder ob es das war. Wieder ein kurzer Dank und dann Sick, Sick, Sick. Wieder die Feststellung, es gibt kein Entkommen. Begeisterte Schreie um mich herum, Pogo, Ekstase. So muss das sein. Bevor First It Giveth das Gelände erfüllt, bittet Josh Homme darum, die Scheinwerfer einen Moment lang auf die Menschenmenge zu richten, um sich den Moment einprägen zu können. Dieser alte Softie. Spaß beiseite – ich habe selten einen Frontmann gesehen, der mit so wenigen Worten, so viel zum Ausdruck bringen konnte und das Publikum so perfekt im Griff hatte.


Es folgte ein Stück des neuen Albums namens The Vampyre Of Time And Memory. Josh Homme am Piano, fast schon mit sanfter Stimme, gefühlvollem Vortrag. Wenn nicht in all dem überwältigenden Gitarrenkrach der beeindruckenste, da unerwarteste Moment. Natürlich muss danach wieder ein Hit kommen, der richtig knallt: Little Sister. Erneuter Wow-Moment. Das muss man auch einfach einmal live erlebt haben. Nicht minder großartig I Sat By The Ocean, ein weiteres neues Stück. Mir fällt tatsächlich nicht ein einziges Stück ein, ob neu oder alt, dass mich nicht begeistert hätte.

In den Zugaben noch einmal die volle Breitseite mit Go With The Flow und Song For The Dead. Wiederum kollektives Kopfnicken. Alle vollkommen umgehauen. Das ist der Queens of the Stone Age-Effekt. Fantastischer Auftritt einer durchweg beeindruckenden Band um einen außergewöhnlichen Frontmann. Sollte man mal gesehen haben.

Einziger Kritikpunkt, dass man vielleicht bei angekündigten 90 Minuten nicht nur 70 Minuten spielen sollte – allerdings wüsste ich nicht, was bei dieser perfekten Setlist noch kommen sollte.


Eine Bildergalerie des Auftritts findet sich z.B. hier:

http://www.dasding.de/#!http://www.dasding.de/southside/Bandfotos-vom-Southside-2013/-/id=106962/vv=content/nid=106962/did=711456/78jmny/index.html

Im Herbst in Deutschland auf Tour:

04/11 Stuttgart – Schleyerhalle
05/11 München – Zenith
08/11 Düsseldorf – Mitsubishi Electric Hall
28/11 Hamburg – O2 World

Setlist Queens of the Stone Age, Southside Festival 2013:

01 Feel Good Hit Of The Summer
02 You Think I Ain't Worth A Dollar But I Feel Like A Millionaire
03 No One Knows
04 My God Is The Sun
05 Burn The Witch
06 Sick, Sick, Sick
07 First It Giveth
08 The Vampyre Of Time And Memory
09 Little Sister
10 Monsters In The Parasol
11 I Sat By The Ocean
12 Make It Wit Chu
13 I Appear Missing

14 Go With The Flow (Z)
15 Song For The Dead (Z)  


Dienstag, 25. Juni 2013

Get Well Soon, Southside Festival, Neuhausen ob Eck, 21.06.2013

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Konzert: Get Well Soon 
Ort: Southside Festival
Datum: 21.06.2013 
Zuschauer: gut besucht
Dauer: 45min




Total abgehetzt und schon nach nicht einmal einer Stunde auf dem Festivalgelände total genervt, warteten wir sehnlichst darauf, dass sich Konstantin Gropper und seine Band Get Well Soon unserer geplagten Seelen annehmen und wie gewohnt verzaubern.

Im Vorfeld hatte ich mich gefragt, ob Get Well Soon auf dem mittlerweile kommerzialisierten „Indie“-Festival wohl funktionieren würde. Immerhin hat sich der Anteil an Leuten, die einfach nur für drei Tage Vollsuff und normalerweise von der Gesellschaft nicht toleriertes Verhalten gekommen sind, erschreckend und drastisch gesteigert. Dadurch, dass nach Get Well Soon auch noch Alt-J, eine der im Frühjahr von der Musikpresse gehyptesten Bands überhaupt, spielen sollte und direkt danach auch noch eine „Gute-Laune-lass-uns-Tanzen“-Band, Two Door Cinema Club, hatte sich ein demensprechend gemischtes Publikum versammelt. Einerseits Leute, die sich sehr auf die Band freuten und anscheinend auch wussten, was sie zu erwarten hatten und andererseits bereits am Vorabend überlustige Betrunkene, bei denen man nur auf den ersten dummen Kommentar warten konnte.


Wie gewohnt bestens gekleidet betraten Get Well Soon kollektiv die Bühne und legten direkt mit The Last Days Of Rome los. Toll. Immer sehr toll. Auch immer wunderbar und bei Get Well Soon Konzerten glücklicherweise fast immer zu hören: Angry Young Man. Bei Roland wippten wie gewohnt so ziemlich alle mit und ich freute mich darüber, dass sich Get Well Soon kein bisschen verbiegen ließen, auch wenn sie bei genauerer Betrachtung etwas deplatziert wirkten – und zwar im positivsten Sinne! Selbst von Konstantin als „die untätowierteste Band des Tages“ bezeichnet, zeigte sich die gesamte Band von einer lockeren und sympathischen Seite, die „trotz“ hoher musikalischer Qualität, von der so mancher Act an diesem Tag nur träumen konnte, kaum schnöselig wirkte – für diejenigen, die Get Well Soon kennen schon gar nicht, denn dieser besondere, etwas eigensinnige Charme von Herrn Gropper ist elementarer Bestandteil des Liveauftritts. Beispielsweise der Kommentar zur Tatsache, dass er sehr froh ist, dass er sich vor 15 Jahren nicht tätowieren hat lassen, da er sich vermutlich ein Smashing-Pumpkins-Tattoo hätte stechen lassen und er sich jetzt darüber geärgert hätte, da die dafür verantwortlich sind, dass Get Well Soon sich auf nur 2 Quadratmetern nun gegenseitig auf den Füßen stehen. Genauso intelligent-witzig der Kommentar, dass das Publikum beim Southside so gut drauf sei, dass es sogar bei Oh My! Good Heart mitklatschen würde – die hinter mir, die mehrfach lautstark darüber diskutierten, wie „mega“ doch Alt-J seien, haben diese Ansage nicht verstanden. Um sie ungefähr zu zitieren „Ey, was für ne komische Ansage. Die dissen sich ja voll selbst.“ Wow. Da prallen Welten aufeinander!



Hierbei musste ich wieder an Konstantins Aussage bei dem Konzert in Frankfurt denken, wo er nur nur meinte, dass ein Bekannter zu ihm gesagt hätte: „Konstantin, Du hast ein Problem. Dein Publikum ist einfach zu intelligent.“ Auf Festivals besteht dieses Problem wohl nur teilweise. Das Get Well Soon aber nicht vermeintlich nur für elitäre Intellektuelle mit Rotweinglas geeignet ist, bewiesen sie mit den letzten beiden Stücken: If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting und You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance). Beide sehr toll, Letzteres wie immer live noch eine Dimension großartiger als auf dem Album. Da If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting alleine schon wegen des absurd-fantastischen Titels für immer einen Platz in meinem Herzen haben wird, war ich umso begeisterter den Track endlich einmal live erleben zu dürfen und ich sollte nicht enttäuscht werden. Ganz im Gegenteil: die Geschwister Gropper beide vollkommen ekstatisch im grandiosen Refrain und ich sowieso.




Fazit: Get Well Soon sind wirklich immer besonders. Sogar beim Southside Festival.

Setlist Get Well Soon, Southside Festival 2013:

01 The Last Days Of Rome
02 Angry Young Man
03 Roland, I Feel You
04 A Voice In The Louvre
05 We Are Ghosts
06 Listen! Those Lost At Sea Sing A Song At Christmas Day 

07 Oh My! Good Heart
08 If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting
09 You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance) 


Montag, 20. Mai 2013

The Pigeon Detectives, Frankfurt, 17.05.2013

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Konzert: The Pigeon Detectives
Support: The Blackberries
Ort: Nachtleben, Frankfurt am Main
Datum: 17.05.2013
Zuschauer: ca. 200
Dauer: Blackberries (ca. 30min), The Pigeon Detectives (ca. 70min)



The Pigeon Detectives. Noch so ein großartiger Bandname – und vor allem ein Bandname, der mir seit Jahren immer mal wieder vermutlich aufgrund der Großartigkeit aufgefallen ist. Nachdem ich in das nunmehr vierte Album der fünf Engländer, „We Met At Sea“, reingehört hatte, beschloss ich mir die „Tauben-Detektive“ mal live anzusehen, um festzustellen, ob sie der Kreativität ihres Bandnamens auch wirklich gerecht werden.

Da sich der Einlass aus unbekannten Gründen etwas verzögerte, nahmen meine Begleitung und ich erstmal oben in der Bar des Nachtlebens Platz – und wurden dann erst durch den plötzlichen Beginn der Supportband und die daraus resultierenden lauten Geräusche aus dem Untergeschoss hektisch aufgescheucht – schade, dass es keine Ansage mehr gab, aber nach wenigen Songs der Support-Band „The Blackberries“ musste ich für mich feststellen, dass ich auch nicht viel verpasst hätte. Die ambitionierten Jungs aus Solingen boten eine Mischung aus Indie, Rock und Pop – nicht nur äußerlich mit zwei Frontmännern stark an Mando Diao angelehnt, ein bisschen von den Hives, ein bisschen Franz Ferdinand – irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich das alles schon einmal gehört hatte und insgesamt zerbrach mein Interesse dann daran, dass mir zwischen all diesen mehr oder weniger klar heraus hörbaren Einflüssen einfach der eigene Stil fehlte. Böse gesagt, wenn auch nicht so böse gemeint – eher „stets bemüht“, als große Überraschung. Aber bei so jungen Bands, wie den Blackberries darf man darauf hoffen, dass sie in den nächsten Jahren hoffentlich ihren eigenen Stil klarer ausprägen werden.



So mittelmäßig wie der Abend bereits begonnen hatte, ging es dann auch über weite Strecken weiter. Souverän stylish in der Mehrzahl in Lederjacken gehüllt, eröffneten die Pigeon Detectives ihr Set mit einem soliden Ohrwurm-Garanten: „I Won't Come Back“ - funktionierte super, alle tanzen, Mini-Pogo vor der Bühne, alles soweit gut.

Die Tatsache, dass Frontmann Matt Bowman eine Rampensau par excellence ist, kann man kaum als Kritikpunkt anführen, allerdings war es nach einigen Songs einfach anstrengend, da die Grenze zwischen unterhaltsamen Ansagen, kleinen Scherzen und nerviger Selbstdarstellung einfach häufig nicht mehr erkennbar war. So kann es ja ganz nett sein, wenn man ein Mädchen zum Tanzen auf die Bühne bittet, aber dann selbst etwas überfordert ist, wenn diese junge Dame tatsächlich mit einem tanzt und nicht nur Bilder schießt – bei Matt aber wirkte der Umgang mit dem Publikum seltsam hölzern, vermutlich weil er so krampfhaft versuchte machohaft-souverän zu wirken. Auch anstrengend, dass ständige krampfhafte Hin-und-Her-Gespringe um des Gespringes willen, sowie Wasser für den reinen – sagen wir mal mangelhaften – Showeffekt über sich selbst und das Publikum schütten. Das das Publikum zu großen Teilen damit auf Dauer überfordert war, zeigte sich am Sicherheitsabstand, der zur Bühne eingehalten wurde, auch wenn Matt mehrfach in feinstem Northern Accent darum bat doch ein wenig näher zu kommen.

Viel ist mir vom Set leider nicht als herausragend in Erinnerung geblieben, was vermutlich auch daran liegen mag, dass sich viele Songs sehr ähneln und vom Aufbau her sehr klassisch Rock'n'Roll oder eben auch einfach relativ simpel sind. Trotzdem okay bis gut waren vor allem die Lieder des aktuellen Albums, wie z.b. „Animal“ und „I Don't Mind“ - penetrante Ohrwürmer, bestimmt total super, wenn man einen im Tee hat – für mich persönlich auf Dauer trotzdem nicht der Bringer und das trotz des charmanten britischen Englischs. Das es einigen anderen Anwesenden ähnlich zu gehen schien, zeigte sich daran, dass zwar während des Konzerts vereinzelt von offensichtlich angeheiterten Menschen wild getanzt wurde, dann aber doch nur eher aus Anstand und höflich zurückhaltend eine Zugabe erbeten wurde und nicht unbedingt, weil man wirklich noch mehr hören wollte.

Meine Begleitung und ich wurden an diesem Freitagabend sehr früh wieder in die Frankfurter Nacht entlassen. Es blieben einerseits diese simplen und sehr penetranten Ohrwürmer („I Won't Come Back“ vor allem!), die auf Dauer nur bedingt gute Laune machen und andererseits auch das Gefühl, dass etwas fehlte – nämlich das gewisse Etwas. Vermutlich wäre ich begeisterter gewesen, wenn ich mir klischeehaft britisch vor dem Auftritt ein paar Pints reingezogen hätte, da ich aber im Besitz meiner vollen Sinne war, rissen mich die Pigeon Detectives leider nicht vom Hocker. Um es theatralisch-neumodisch auf den Punkt zu bringen: eine Performance, die mir im wahrsten Sinne des Wortes nicht einmal ein Facebook-Like wert gewesen wäre/ist. Schade, denn den Bandnamen finde ich immer noch super.


Setlist, The Pigeon Detectives, Nachtleben Frankfurt, 17.05.2013:

01: I Won't Come Back
02: I Found Out
03: What Can I Say
04: Emergency
05: I Don't Mind
06: Romantic Type
07: Done In Secret
08: Day & Month
09: Say It Like You Mean It
10: Animal
11: Go At It Completely
12: Everybody Wants Me
13: Take Her Back

14: Hold Your Gaze (Z)
15: I'm Not Sorry (Z) 


Sonntag, 5. Mai 2013

Wintersleep, Frankfurt, 03.05.2013

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Konzert: Wintersleep
Support: Giantree
Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 03.05.2013
Zuschauer: ca. 200
Dauer: Giantree (ca. 30min), Wintersleep (ca. 75min)



Wintersleep. Toller Name für eine Band, wie ich finde. Zum Glück stellte sich dann heraus, dass die 5 Kanadier ihrem einfallsreichen Bandnamen gerecht werden oder wortwörtlich eben gerade nicht, was mich auch überrascht hätte, da Wintersleep immerhin schon mit Pearl Jam und den Editors auf Tour waren. 



Den Anfang des relativ ruhigen Freitagabends machten Giantree aus Österreich. In etwa 30 Minuten unternahmen sie einen wilden Ritt durch die verschiedensten Musikstile, doch leider ohne mich großartig mitzureißen. Für mich zu inkonsequent, stimmlich zu insignifikant und im Großen und Ganzen hat mich die Tatsache, dass es überhaupt keine ersichtliche musikalische Richtung oder Linie gab so aus dem Konzept gebracht, dass ich froh war, als es nach einer langen halben Stunde wieder vorbei war. Fairerweise muss ich aber sagen, dass es im Publikum einigen zu gefallen schien und die Idee, das Publikum als Percussionisten einzusetzen, indem man sie mit Überraschungsei-Rasseln ausstattet, war schon ganz nett.

Kurz nach 22 Uhr – und selbstverständlich mag es für mich schwer nachvollziehbare Gründe geben, warum man erst so spät anfängt, aber ich bin schon so an die gängigen Uhrzeiten gewöhnt, dass die „späte Stunde“ drohte, meine gute Laune anzugreifen – fanden sich nun endlich Wintersleep auf der Bühne ein und es wurde laut, zu laut. Panisch Taschentücher in meine Ohren stopfend fiel es mir zunächst schwer mich auf die Show zu konzentrieren. Beim zweiten Song, „Resuscitate“, jedoch stellten Wintersleep für mich bereits unter Beweis, dass sie es simpel gesagt kollektiv „echt drauf“ haben. Kontinuierlich super Timing, gelungenes Zusammenspiel und Musiker, die gewillt waren, aus ihren Instrumenten Alles herauszuholen. Nach wenigen Songs waren alle Mitglieder schweiß durchtränkt, aber lange nicht bereit, einen Gang zurückzuschalten – ganz besonders auffällig Bassist Mike, der seinen Bass bis zum Gehtnichtmehr malträtierte und Drummer Loel, der zeitweise solche Grimassen schnitt, dass man hätte Angst bekommen können. Positiv klischeehaft, soll hier auch erwähnt werden, wie ausgesprochen nett und höflich, und somit meiner Erfahrung nach typisch kanadisch, sich die Band präsentierte und Sänger Paul mit äußerst sympathischen Zwischenansagen wie „So, Applewine, what is that all about, huh?“ und „You guys are truly great, P.S.“ punkten konnte. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich stimmlich rein von der CD aus urteilend etwas anderes erwartete hätte, sodass der Gesang teils doch etwas schriller ausfiel, als erwartet.

 

Nichtsdestotrotz wussten ganz besonders die vier letzten Stücke zu überzeugen, vor allem das epische 8-Minuten-Stück „Miasmal Smoke & The Yellow Bellied Freaks“, das im positivsten Sinne zunächst an Explosions in the Sky erinnert. Gegensätzlich dazu, doch genauso gelungen, das vergleichsweise schnelle „Oblivion“ und als Abschluss „Nerves Normal, Breath Normal“, das mit einem unglaublichen instrumentalen Outro gekonnt maximal in die Länge gezogen wurde und das Publikum nachhaltig beeindruckt zurückließ.

Zusammenfassend gesagt, haben Wintersleep mich nicht vollkommen umgehauen, über weite Strecken des Konzerts aber ein tolle Show geliefert. Ein unterhaltsamer Abend mit fünf netten und vor allem talentierten Musikern, der sich aber aufgrund des organisatorischen Ablaufs anstrengenderweise und auch unnötigerweise in die Länge gezogen hat.

Setlist, Wintersleep, Das Bett Frankfurt, 03.05.2013:

01 In Came The Flood
02 Resuscitate
03 Archaelogists
04 Dead Letter & The Infinite Yes
05 Astronaut
06 Weighty Ghost
07 Nothing Is Anything (Without You)
08 Caliber
09 Jaws Of Life
10 Smoke
11 Baltic
12 Laser Beams
13 Miasmal Smoke & The Yellow Bellied Freaks

14 Search Party (Z)
15 Oblivion (Z)
16 Nerves Normal, Breath Normal (Z)


Weitere Tourdates:

05/05 – Luxor, Köln
06/05 – Indra, Hamburg
07/05 – PrivatClub, Berlin
09/05 – Strom, München  

Montag, 29. April 2013

Sizarr, Wiesbaden, 19.04.13

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Konzert: Sizarr
Support: Julius Gale
Ort: Kulturpalast Wiesbaden
Datum: 19.04.2013
Zuschauer: maximal 200-250 (ausverkauft)
Dauer: Sizarr (ca. 75min), Julius Gale (30min




Mit mir befreundet zu sein, ist manchmal vermutlich überdurchschnittlich anstrengend. Im letzten halben Jahr vor allem aufgrund einer bestimmten Aussage: „Kennst du Sizarr? Die sind so gut! Hör dir die unbedingt mal an!“ Da ich letzten Herbst vollkommen im Kraftklub-Wahn war, bin ich zum Glück kurz nach Weihnachten auch nach Chemnitz zum „Willkommen Zuhause Festival“ gefahren – zum Glück! Kraftklub hätten mir an sich schon genügt, aber das Line-Up sollte eine meiner persönlichen Neuentdeckungen des letzten Jahres für mich bereithalten: Sizarr. Dieser mysteriöse Name in Kombination mit dem noch ominöseren Albumtitel „Psycho Boy Happy“ machte mich bereits im Vorfeld neugierig und die Empfehlung durch die wandelnde Musikenzyklopädie Mr. Griffey aka. Casper tat dann ihr Übriges. Seit letztem Herbst läuft das Album bei mir ununterbrochen und selbstverständlich konnte ich mir deshalb den Auftritt im Wiesbadener Kulturpalast nicht entgehen lassen. Da ich mein Ticket bereits seit Anfang Januar erwartungsvoll bereithalte, hatte ich nur am Rande zur Kenntnis genommen, dass das Konzert mittlerweile ausverkauft war – zurecht! In Deutschland immer noch erstaunlicherweise relativ unbekannt, bekommen Sizarr immerhin international die Anerkennung in der Indie-Welt, die ihnen gebührt – so spielten sie beispielsweise Showcases beim diesjährigen SXWS-Festival in Texas, was nicht jede deutsche Band von sich behaupten kann. Und ja, tatsächlich handelt es sich bei Sizarr um drei junge Herren aus Landau in der Pfalz, die aber ganz im Gegensatz zu ihrer Heimatstadt nach großer weiter Welt klingen.

Für mich war das der allererste Ausflug in den Kulturpalast in Wiesbaden und ich muss sagen, dass das Schlachthof-Team wirklich einen adäquaten Ersatz für die noch nicht wiedereröffnete Räucherkammer aufgetrieben hat. Beim Kulturpalast handelt es sich um eine winzige Venue, die Konzertbegeisterten das Herz höher schlagen lässt – kniehohe kleine Bühne, insgesamt ein etwas geräumigeres Wohnzimmer eben und großartig geeignet für besondere Konzertmomente mit Bands, die glücklicherweise noch in kleinen Clubs spielen – noch.
Der sympathische junge Herr, der sich als Julius Gale vorstellte und den Abend eröffnen sollte, präsentierte eine interessante experimentelle Electro-Pop-Symbiose, deren alles übertönender Bass Mark und Bein erschütterte und mir persönlich nach einigen Songs etwas zu viel wurde. Nichtsdestotrotz zeigte sich Julius Gale als extrem höflicher Opening-Act, der sich mehrfach fürs Zuhören bedankte und tapfer gegen mitunter ziemlich lautes Gerede in den hinteren Reihen – vielleicht war der Bass deshalb auch so ohrenbetäubend – anspielte. Definitiv hörenswert für Freunde von M83, MGMT und Konsorten und wie ich finde auch passend zur klanglichen Vielfalt von Sizarr. Vom Schlachhof als „Indie-Afrobeat-Post-Dubstep“-Konzert angekündigt, spiegelt dies bereits wider, wie schwierig es ist, Sizarr aufgrund ihrer ganz eigenen Mischung aus Einflüssen aller Art irgendwo einzuordnen – aber vielleicht sollte man dies auch einfach nicht versuchen und sich darauf einlassen.

Nach Sizarrs Performance beim Willkommen Zuhause Festival war mir bereits klar, dass ich diesen Abend lieben würde und als dann „Mushin“ als Intro ertönte und in feinster Albummanier in „Word Up“ überging, war es bereits vollkommen um mich geschehen. Das gleichmäßige Wummern der Bässe im Wechsel mit nicht-enden-wollenden Chorgesängen und selbstverständlich die außergewöhnliche Stimme von Sänger Fabian aka. „Deaf Sty“ - all dies erfüllte den winzigen Raum und zwang die Anwesenden unweigerlich sich im Rhythmus mitzubewegen. Während ich im Laufe des Sets selbst damit beschäftigt war, nicht allzu seltsam zu tanzen – bei völliger Überforderung orientiert man sich am besten an Frontmann Fabian – war es extrem interessant das Verhalten der Umstehenden zu beobachten, was von wildesten Gogo-Tanzbewegungen (schräg!), vollkommen entfesseltem Schal-durch-die-Luft-Schwingen (Tatsache!) und einigermaßen koordinierten Bewegungen bis hin zu hilflosem Zucken, aber dann doch lieber cool an der Wand lehnen, reichte. Da es für mich eines dieser Konzerte war bzw. vielmehr eine dieser Bands ist, bei dem/denen mir jeder einzelner Song wahnsinnig gut gefällt, würde ich am liebsten jeden einzelnen endlos lobpreisen, da sie dies auch verdient hätten, werde mich aber auf im Folgenden auf einige Highlights der Highlights konzentrieren. Nach „Pocket Walt“ und den sich kontinuierlich voranwalzenden Beats von „PBEW“ war nun einer dieser Herzinfarkt-Momente für mich persönlich gekommen: „Run Dry“. Gänsehaut. Jedes. Einzelne. Mal. Ich kann es wirklich nicht ansatzweise adäquat in Worte fassen, aber es ist einer dieser Songs, der mich in seiner Schönheit überfordert und nach geschätzten 500 Mal Anhören immer noch jedes Mal wieder die selbe überwältigende Wirkung auf mich hat. „You're on the run, from yourself, from all that hurts. Leave behind, broken parts, of your old world.“

Zeilen, die so tief gehen, mit dieser besonderen Stimme vorgetragen und in sphärische Klänge eingebettet, dann genau diese abstrakte Weite darstellen, in die man sich manchmal flüchtet. Live großartig umgesetzt, definitiv mein Highlight an diesem Abend. Das Sizarr auch weitaus ruhigere Töne anschlagen können, zeigte sich bei „Icy Martini“, das live noch größeres Potential entfaltete, als sich mir auf Platte bisher offenbart hatte. Weitere Höhepunkte für mich „Blade“ und „Purple Fried“, das den ersten Teil des Sets beschloss. Ich muss Sizarr hier auch ausdrücklich noch einmal dafür Respekt aussprechen, dass sie so konsequent immer wieder versucht haben, das teilweise sehr zurückhaltende Publikum immer wieder zu (re)animieren – manch andere Band hätte sicherlich längst aufgegeben. Die erste Zugabe des Abends war ein toller neuer Song namens „Arsnll“, der es hoffentlich bald auf ein nächstes Album schaffen wird. Der letzte Song des Abends provozierte dann tatsächlich noch ein klein wenig Publikumsbeteiligung in Form von Mitsingen, „Boarding Time“, das schon im Vorfeld von „Psycho Boy Happy“ 2012 auf der „Boarding Time EP“ veröffentlicht worden war und als letzter Song unheimlich Lust auf mehr machte.

Ich weiß nicht, was genau Sizarr da live tun. Ich weiß nur, dass ich es großartig finde und sie mir genau das bieten, was mir musikalisch noch in meiner Welt gefehlt hatte. Bring it on, Maifeld Derby, bring it on!


Setlist, Sizarr, Kulturpalast Wiesbaden, 19.04.2013:

01 Mushin
02 Word Up
03 Pocket Walt
04 PBEW
05: Run Dry
06: Fake Foxes
07: Cat Mountaineer
08: Blade
09: Icy Martini
10: Mulo
11: Tagedieb
12: Purple Fried

13: Arsnll (Z)
14: Boarding Time (Z)


Tourdaten Sizarr für den Festivalsommer 2013 – bisher!:

18.05. – Food For Your Senses Festival (Luxembourg)
23.05. - Europavox (Clermond-Ferrand)
01.06. - Maifeld Derby (Mannheim)
21.06. - c/o Pop (Millowitsch Theater Köln)
28.06. - Festival bête de scènes (Mulhouse)
20.07. - Melt! (Gräfenhainichen)
02.08. - Horst Festival (Mönchengladbach)
03.08. - Prima Leben und Stereo (Freising)
16.08. - Frequency Festival (St. Pölten)
18.08. - Dockville Festival (Hamburg)
24.08. - Folklore Festival (Wiesbaden)


Links:

https://www.facebook.com/juliusgalemusic
https://soundcloud.com/juliusgale

http://www.sizarr.com/
https://www.facebook.com/SizarrOfficial 

Samstag, 27. April 2013

Johnossi, Wiesbaden, 23.04.2013

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Konzert: Johnossi
Support: Amanda Jenssen 
Ort: Schlachthof Wiesbaden 
Datum: 23.04.2013 
Zuschauer: ca. 1000 
Dauer: Amanda Jenssen (ca. 25min), Johnossi (ca. 90min) 



 „Wo bleibt das Schlachterfeeling?“ - dieser wahnsinnig fesche Stempelabdruck zierte nach zweitägigem erfolglosen Versuch ihn abzuschrubben immer noch mein Handgelenk und ungefähr diese Frage hat sich anscheinend auch Johnossi-Frontmann John Engelbert im Laufe des Konzerts manchmal gestellt zu haben – doch dazu kommen wir gleich. Da ich dieses Jahr bereits mit Biffy Clyro und Sizarr direkt auf der anderen Seite des Rheins verwöhnt wurde, hat der Schlachthof inklusive seines Bookers schon längst einen festen Platz in meinem Herzen, und somit war klar, dass ich mir auch Johnossi, da ich sie bisher noch nicht live gesehen hatte, nicht entgehen lassen wollte. 

Zum Support-Act, der Schwedin Amanda Jenssen, waren bereits genug Menschen versammelt, damit es nicht allzu sehr auffiel, dass die Halle recht leer war - an den Seiten und im hinteren Teil der Halle war jedenfalls noch überraschend viel Platz. Amanda Jenssen ist eine schwedische Pop-Sängerin, die auf ihrer Facebook-Seite erstaunlich hochgegriffene Referenzen bzw. Einflüsse von Edith Piaf, Nina Simone und Nick Cave bis hin zu Ella Fitzgerald auflistet. Auf der Bühne erschien dann eine blonde junge Frau, die stimmlich nicht nur nach Adele, sondern wie Adele klingt, gemischt mit ein bisschen Amy Winehouse. Outfitmäßig hatte ich sie leider nach wenigen Sekunden bereits gnadenlos abgestempelt, da ich die glitzernden Schmetterlingsapplikationen (oder was auch immer das eigentlich sein sollte) über ihren lady parts einfach vollkommen unnötig fand – dementsprechend sah ich trotz beachtlicher stimmlicher Darbietung leider nur einen Abklatsch von Lady Gaga & Co. vor mir bzw. viel mehr einen perfekt konzipierten Pop-Hybrid à la „wir nehmen mal ein bisschen Gaga, performen musst du dann ähnlich ausgeflippt wie Florence Welch, vielleicht noch ein wenig Katy Perry und Marina & the Diamonds und voilà: dein Image steht.“ Um es auf den Punkt zu bringen: handwerklich, vor allem stimmlich, möchte ich Amanda Jenssen kein Unrecht zufügen, aber ihre Show habe ich ihr einfach nicht abgekauft. Für den Großteil des Publikums schien es aber zu funktionieren, da es nach dem sehr kurzen 25-minütigen Set deutlichen Zuspruch gab und ich immerhin ehrlich für die extrem coole Gitarristin und den Keyboarder von Amanda Jenssen applaudieren konnte, da die beiden eine solide und weitaus weniger aufgesetzte Show abgeliefert hatten. 

Johnossi hatte es an diesem Abend zum ersten Mal nach Wiesbaden verschlagen, wie Frontmann John eingangs bemerkte. Die beiden Schweden waren gekommen um ihr Ende März erschienenes viertes Studioalbum „Transitions“ zu präsentieren und eröffneten ihr Set vielversprechend laut und kraftvoll mit „Into the Wild“. Vielleicht nicht die kreativste Wahl, da „Into the Wild“ das erste Lied auf dem neuen Album ist, aber definitiv eine sehr gute Wahl. Johns Stimme ist haargenau so kratzig-markant, wie man es auf den Alben erahnen kann und wie meine Begleitung es so schön auf den Punkt brachte, klingt das schon „ziemlich geil“. Der 6-minütige Opener ist einer dieser Songs, die sich langsam an einen heranschleichen und dann nach etwa 3 Minuten in ein klangliches Feuerwerk übergehen, das in Stadionrockmanier mit wenigen großangelegten, aber sehr effektvollen Bühnenscheinwerfern in Szene gesetzt wurde, sodass es sowohl akustisch, als auch optisch kein Entkommen gab. Den Fokus zunächst auf das neueste Album legend, ging es genauso überzeugend mit „Gone Forever“ weiter. Charmanterweise moderierte John ein weiteres sehr eingängiges Stück des neuen Albums namens „Everywhere (with you man)“ an, indem er es seinem Bandkollegen Oskar „Ossi“ Bonde widmete und die Dynamik innerhalb des Duos, wie sie sich dem Publikum an diesem Abend darstellte, treffend auf den Punkt brachte. Johnossi sind ein gut eingespieltes Team, das live durch einen dritten Mann an Keyboards und Percussion ergänzt wird. Obwohl ich das Gesicht des Drummers erst ganz am Ende sehen konnte, da er die ganze Zeit hinter einem seiner, wie ich vermute Crash-Becken (man korrigiere mich bitte, falls nötig!) versteckt war, war er deutlich die treibende Kraft hinter den Songs. Für mich persönlich funktionierten vor allem die Stücke von „Transitions“ live sehr gut und wenn ich mich so umblickte bzw. umhörte, dann schienen die zahlreichen Fanboys, die lautstark mitsangen, mitsprangen und sich gegenseitig begeistert in den Armen lagen, auch ihren Spaß zu haben. Genau deshalb hat es mich auch verwundert, dass Mr. Engelbert häufiger monierte, dass das Publikum doch so ruhig sei.

Nachdem einige „Come on!“s und „Hey!“s für ihn anscheinend nicht die gewünschte Wirkung zeigten – und ich muss ganz klar sagen, dass ich schon Konzerte mit weitaus schlechterer Stimmung erlebt habe, aber vielleicht sehen wir uns hier tatsächlich mit einer kulturellen Kluft konfrontiert – gipfelte sein Lamentieren diesbezüglich dann in einer versierten, jedoch etwas fragwürdigen Aussage: „I feel like I am in the matrix, it's like nobody is ever fucking waking up!“. Ich dachte erst, dass ich mich verhört habe und wenn ich auch meine Hand nicht ins Feuer legen würde, was den genauen Wortlaut angeht, so war die Botschaft so oder so meiner Meinung nach nicht besonders lustig, sondern eher unangemessen aggressiv. Bis zu diesem Zeitpunkt fand ich die Show gut gelungen, eine solide Performance und alle Anwesenden schienen ihren Spaß zu haben, doch ich lege besonderen Wert darauf, dass Fans immer noch selbst entscheiden dürfen, ob sie jetzt lautstark ekstatisch Ausrasten oder lieber stillschweigend genießen und ich bin kein Fan von Frontmännern, die dann Animation mit Aggression verwechseln.

Bis auf diese seltsame Aussage ein gelungenes Konzert. Leider wurden die Fans so schnell vor die Tür gesetzt, dass niemand eine Setlist ergattern konnte – schade und unnötig, wie ich finde, da die 5 Minuten dann auch nicht den großen Unterschied machen. Dank setlist.fm gibt es nun immerhin die Setlist des Konzerts in Karlsruhe vom Vortag, die meiner Meinung nach unverändert übernommen wurde.


Setlist, Johnossi, Schlachthof Wiesbaden, 23.04.2013:

01: Into the wild
02: Gone forever
03: Bobby
04: Everywhere (with you man)
05: Party with my pain
06: Execution song
07: For a little while
08: Worried ground
09: Roscoe
10: Alone now
11: E.M.
12: Dead end
13: Glory days to come

14: 18 karat gold (Z)
15: Seventeen (Z)
16: What's the point (Z)

Donnerstag, 25. April 2013

Balthazar, Frankfurt, 22.04.13

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Konzert: Balthazar
Support: Love like Birds
Ort:Nachtleben, Frankfurt
Datum: 22.04.2013
Zuschauer: ca. 150
Dauer: Balthazar ca. 75 min, Love like Birds 30 min




Das Team des Maifeld Derby Festivals ist schon ziemlich großartig. Sie haben nicht nur für mich persönlich eines der besten, tollsten, grandiosesten Line-Ups des Festivalsommers 2013 zusammengestellt, sondern sie sind immer im Namen der guten Musik unterwegs sind und schafften es, mich am Montag Abend aus dem Haus zu locken, um einer ihrer Bandempfehlungen nachzugehen: Balthazar aus Belgien. Frankfurt zeigte sich an diesem Montag Abend als ausgestorbene Zombiestadt und so hatten sich kurz nach geplantem Veranstaltungsbeginn nur knapp 30 Leute im winzigen Nachtleben eingefunden, das an diesem lauen Sommerabend erschreckend nach wochenaltem, schalem Bier oder wahlweise Marihuana roch – aber hey, das ist ja Teil des Charmes.
 
Den Anfang machten „Love like Birds“, das Projekt der belgischen Sängerin Elke de Mey, die sehr sympathisch und zurückhaltend zuerst alleine nur mit Akustikgitarre bewaffnet auf der Bühne erschien. Bereits nach dem ersten Song, „Drink Up“ war ich von ihrer Stimme und ihrer Art sie ganz zart und vorsichtig in die Welt zu hauchen fasziniert – sehr Lana Del Rey nur in nicht nervig und ohne zu viel zu wollen, einfach sehr schön. Das 30 minütige Set verging für mich etwas zu schnell, da ich diese Art von melancholischer Musik sehr schätze – die Art von Musik, die in einem Bilder von Sommerregen heraufbeschwören und einem dieses besondere Gefühl von seltsamerweise positiver Melancholie bescheren. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir „Sailorboy“ und das letzte Lied des Sets „Heavy Heart“, beide von der 2011er „Love like Birds EP“ entnommen. Da „Love like Birds“ in ihrem Tourblog den „yellow dancer“ erwähnt, will ich es mir auch nicht nehmen lassen, dem kuriosen Herren in buntgestreiften Hosen und gelbem Shirt eine Zeile zu widmen: selten habe ich jemanden so bedingungslos abtanzen sehen, wie diesen Gentleman – mutig bis verstörend, allerdings zur Vorband weniger passend, durchaus aber amüsant (vor allem die gekonnten Drehungen!). Trotzdem sehr lustig zu beobachten, wie die Protagonisten auf der Bühne mit solchen extravaganten Besuchern umgehen – die Reaktionen reichten von kurzem Kichern seitens Elke de Mey, trotz dem Versuch sich zu beherrschen und bitterbösen, aber sehr amüsanten Blicken des einen Leadsängers von Balthazar, Maarten Devoldere, der die Darbietung eher verstörend zu finden schien.


Zu Beginn des Hauptacts hatte sich das Nachtleben glücklicherweise gut gefüllt und jetzt gestaltet sich der Bericht etwas schwieriger, da ich gar nicht weiß, womit ich am Besten anfange, um klar zu machen, wie gut die Show war. Wie gewohnt sehr reduziert inszeniert, ganz klar Indie-Rock und doch musikalisch so vielfältig und mächtig. Bereits der Opener „Later“ begeisterte mich vollkommen – die beiden Leadsänger der Band ergänzen sich perfekt: Maarten, der im absolut positivsten Sinne Wahnsinnige, in seiner Art Tom Smith-esque Mann an Keyboards und Gitarre und sein Gegenpart Jinte, mit elektrischer Gitarre und Violine ausgestattet, gaben beide vollste Energie. Als würde das nicht schon ausreichen, gäbe es da neben einer weiteren Violinistin und dem Schlagzeuger, der unter anderem mit Schellenkranz und Holzplatten kunstvoll auf seine Drums einschlug, noch den outfitmäßig coolsten Menschen auf Erden: Bassist Simon.


Beim Soundcheck schon durch seinen Will Smith-Pulli aufgefallen, stand er dann tatsächlich mit einem T-Shirt auf der Bühne, das ebenfalls Will Smith zeigte – wer kann, der kann. Im Laufe des Abends sollte er demonstrieren, dass der Bass bei Balthazar nicht nur im Hintergrund eine Rolle spielt, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Songs ist und einem keine Möglichkeit zum Entkommen gibt – man muss Tanzen und man will sich auch eigentlich nicht wehren. Das gesamte Konzert war so, wie man es sich wünscht: intimer Rahmen, eine Band, die alles gibt, die Art von Musik, die vollkommen für sich selbst spricht und man einfach abschaltet und sich an der Bassline entlanghangelt. Weitere Höhepunkte für mich persönlich „The Boatman“, „I'll Stay Here“, das herrausragende „Fifteen Floors“, „Morning“ (diese Bassline!), „Blues for Rosann“ (!) und „Blood Like Wine“ - ach und ganz ehrlich, einfach alles.


Kurzum: ich habe selten so viele Menschen auf einem Konzert ehrlich begeistert tanzen sehen! Die Band hat eine großartige Show abgeliefert und wer sich das entgehen lässt ist leider selbst Schuld.

Setlist, Balthazar, Nachtleben Frankfurt: 

01: Later 
02: The Boatman 
03: I'll Stay Here 
04: Blues for Rosann 
05: The Man who owns the place 
06: The Oldest of sisters 
07: Sinking Ship 
08: Sides 
09: Lion's Mouth (Daniel) 
10: Listen Up 
11: Fifteen Floors 
12: Morning 
13: Do not claim them anymore

14: Any Suggestion (Z) 
15: Blood like Wine (Z) 

Tourdaten, Balthazar:

25.04.: Scheune, Dresden
26.04.: Kellerclub, Stuttgart
27.04.: Rosenhof, Osnabrück
30.04. La Botanique, Brüssel

mehr Termine unter http://balthazarband.be

Links:

http://www.maifeld-derby.de/
http://lovelikebirds.wordpress.com/
http://lovelikebirds.bandcamp.com/
https://www.facebook.com/LoveLikeBirds
https://www.facebook.com/balthazarband/info
 

 

Konzerttagebuch © 2010

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