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Donnerstag, 31. Juli 2014

Pearl Jam, Amsterdam & Rock Werchter, 16.06. & 05.07.14

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Konzert: Pearl Jam
Ort: Ziggo Dome, Amsterdam & Rock Werchter
Datum: 16.06. & 05.07.2014
Zuschauer: 16.000 (ausv.) & 84.000 (ausv.)



von Dirk aus Mönchengladbach

Amsterdam:

Der Konzerttag in Amsterdam beginnt mit einer Überraschung. Obwohl man sich bereits vor Monaten Tickets über den bandeigenen Fan-Club besorgt hat und rechtzeitig an der neuen, modernen Konzerthalle des Ziggo Doms (direkt neben der Amsterdam-Arena) erscheint, muss man feststellen, dass Pearl Jam und die Niederlande immer noch ein besonderes Verhältnis haben. Tausende (kein Witz) Besitzer von Fan-Club Tickets, angeblich limitiert verlost, stehen Schlange und warten auf den bevorzugten Einlass. 

Ist dieser geschafft, zeigt sich die vor zwei Jahren als reine Konzertarena gebaute Halle von der allerbesten Seite. Fast alle Fehler diverser Mehrzweckhallen wurden bei diesem Neubau vermieden, man fühlt sich trotz der enormen Größe wie in einem Konzertsaal. Licht (dezentes lila), Essen (La Place), Garderoben (Schließfächer) und Toiletten am Innenraum lassen gar keine schlechte Laune zu. Vorgruppen gibt es ebenfalls keine bei dieser Tour und so beginnt Pearl Jam um 20.15 Uhr mit Pendulum. 

Die Band probte vorab 3 Tage in der ebenfalls naheliegenden HMH und spielt in Amsterdam das erste von wenigen Europa-Gigs 2014. Spielfreude und Eddies rotweingeschwängerte Ansagen sind bekannt, die Stimme kraftvoll wie selten. Nur leider macht Ihm eine Knieverletzung schwer zu schaffen. Wie ein alter Mann schleicht er über die Bühne und kann nur schwer die fehlende Energie früherer Shows kaschieren. So scheint es zunächst ein kurzer Abend zu werden. 

Die Bühne kommt ohne große LED Leinwand aus, stattdessen ein fast schon klassischer, hängender Lichtaufbau mit riesigen, schwingenden, glühbirnenartigen Lampen, sowie einem schwebenden Schrottkunstwerk in Form eines Riesenvogels. Ein sehr variables Design das besonders bei Pearl Jams täglich wechselnden Setlists Sinn ergibt. 

Das komplette Set besteht heute aus 32 Songs in fast 3 Stunden, und doch wird man wieder das Gefühl haben, nur die Hälfte zu sehen. Am zweiten Amsterdam Tag wird die Setlist wieder fast komplett ausgetauscht sein. Ein Grund, warum die Band diese Intensität in jedem Konzert erreichen kann. 

Heute gibt viele Raritäten (Evacuation), Cover (Sonic Reducer) sowie einen Song von Eddies Soloplatte (Sleeping by Myself) und natürlich auch Hits (Better Man, Alive, Reviewmirror). Band und Publikum benötigen ca. 30 min bis die Betriebstemperatur stimmt, doch dann gibt es kein Halten mehr. 

Lediglich der erste Zugabenteil, mit einigen langsameren Songs ohne Gitarrenlärm vorgetragen, dient hier als Showstopper bevor mit den letzten Songs bei vollem Saallicht der Abend zu Ende geht. 

Bis auf die fehlende Mobilität des Sängers gibt es da gar nichts zu meckern. Bands, die in Würde und ohne jede Peinlichkeit altern, deren Konzerte immer länger statt kürzer werden und deren neue Platte wirklich gut ist, kann man an einer Hand abzählen. Pearl Jam setzen hier wieder den Standard für Arena-Shows ohne sich beim Publikum anbiedern zu müssen. 

Die Wut und der Hass der frühen Tage mögen verflogen sein, die Dankbarkeit der Band bleibt. Als dann noch Eddies Schweiß am Bühnenrand von seinen Töchtern getrocknet wird, möchte man eine Träne verdrücken. 

 

Rock Werchter: 

Dies war aber nur der erste Streich, denn wenn es eine Band gibt bei der sich ein wiederholter Konzertbesuch lohnt, dann wohl bei Pearl Jam. Besonders wenn die Bedingungen für den zweiten Abend völlig andere sind. 

Das ehrwürdige Werchter Festival in einem Kaff (kleinem Dorf) in Belgien bietet netterweise Tageskarten an und auch wenn meine restlichen Kandidaten (Pixies im Zelt/Moderat auf der 3.Bühne) alle dem Slot von Pearl Jam zum Opfer fielen, es hat sich gelohnt. 

Pearl Jam bekamen auf der Hauptbühne die Zeit von 22:00 bis 01:00 Uhr zugeteilt, selbst für erfahrene Festivalgänger fast unglaublich. Die vorab platzierten Black Keys konnten die Erwartungen leider nicht erfüllen. Zum einen war das Gelände auf Grund des WM Spiels der Belgier zu diesem Zeitpunkt nur schwach gefüllt, zum anderen war der Band wohl selber klar das Pearl Jam den Abend spektakulärer zu Ende bringen würden als die Black Keys im sommerlichen, belgischen Nieselregen. 

Die Hits kamen ohne Druck und Spielfreude, ein Auftritt zum Vergessen… 

Danach versammelte sich vor der Bühne ein Mix aus den besten Pearl Jam Fans der europäischen Gemeinschaft und pünktlich mit dem Ende des Regens kam die Band auf die Bühne. Es folgte eine Lehrstunde für die übrigen „Rock“-Bands dieses Festivals. Vedder, sichtlich genesen und ohne erneute Knieprobleme wieder in Topform, kann es auch nach über 20 Jahren noch mit jedem aktuellen Frontmann als Headliner aufnehmen. 

Man muss Pearl Jam gar nicht mögen, um festzustellen, wie schnell diese Band auch unwissende, junge Festivalbesucher sofort packt und mitreißt. Schon der Opener Reviewmirror würde vielen als letzte Zugabe reichen…weiter geht es ohne Pause: Animal, Corduroy, Lightning Bolt, Do the Evolution…immer weiter treibt die Band sich und die Fans an….Vedder mal auf dem Schlagzeug, mal im Bühnengraben, mal mit belgischem Brief als Vorleser, dann wieder als springender Derwisch vor den Boxen... es gibt so viel zu sehen, obwohl es eigentlich gar keine Bühnenshow gibt. 

Bei All Night kommen zum ersten Mal Midlake mit auf die Bühne, der normale Set endet mit einem begeisternden Better Man in einer Endlosversion. 

Dann noch die Zugaben: Mother von Pink Floyd in voller Version, Black und Daughter mit weiteren Cover-Snippets (Where is my mind - Pixies) und Eddies Hinweis, dass vor den Pixies doch nur englische Bands gute Musik machten. 

Und wer immer noch stehen konnte, für den gab es dann kurz vor 01:00 Uhr noch die üblichen Rausschmeißer Sonic Reducer, Alive,…Free World (nochmal mit Midlake) und Yellow Ledbetter hintereinander. 

Da bleiben keine Fragen offen. Pearl Jam gönnten sich nur wenige Konzerte in Europa, es wird klar warum. Familien und Freunde müssen mit, mehr als 4 Wochen soll die Sause nicht dauern und die Spannung auf der Bühne muss unverändert hoch sein. 

Das Ziel wurde erreicht, die Wiese dampft, und alle sind glücklich. Eine letzte Frikandel und ein belgisches Bier auf dem Weg nach Hause, was für ein Abend. 

Setlist Pearl Jam, Ziggo Dome, Amsterdam:

01. Pendulum 
02. Nothingman 
03. Breakerfall 
04. Corduroy 
05. All Night 
06. Animal 
07. Got Some 
08. Mind Your Manners 
09. Given to Fly 
10. Who You Are 
11. Lightning Bolt 
12. Even Flow 
13. Swallowed Whole 
14. Sirens 
15. Light Years 
16. Evacuation 
17. Wishlist 
18. Porch 

19. Low Light (Z)
20. Thin Air (Z)
21. Sleeping By Myself  (Z)
22. Footsteps (Z)
23. Come Back (Z)
24. Jeremy (Z)
25. Better Man (Z)
26. Rearviewmirror (Z)

27. Go (Z)
28. Why Go (Z)
29. Supersonic (Z)
30. Sonic Reducer (Z)
31. Alive (Z)
32. Indifference (Z)

Setlist Pearl Jam, Rock Werchter:

01. Rearviewmirror 
02. Mind Your Manners 
03. Animal 
04. Corduroy 
05. Lightning Bolt 
06. My Father's Son 
07. Do the Evolution 
08. Given to Fly 
09. All Night 
10. Even Flow 
11. Sirens 
12. Elderly Woman Behind the Counter in a Small Town 
13. Why Go 
14. Spin the Black Circle 
15. Wasted Reprise 
16. Life Wasted 
17. Better Man 

18. Future Days (Z)
19. Mother (Z)
20. Jeremy (Z)
21. State of Love and Trust (Z)
22. Black (Z)
23. Daughter (Z)
24. Porch (Z)

25. Sonic Reducer (Z)
26. Alive (Z)
27. Rockin' in the Free World (Z)
28. Yellow Ledbetter (Z)



Dienstag, 29. Juli 2014

Eels, Eindhoven, 24.06.14

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Konzert: EELS und John Bramwell
Ort: Naked Song Festival  in Eindhoven
Datum: 24.06.2014
Zuschauer: etwa 1200 (ausverkauft)



Bericht und alle Bilder von Dirk - vielen Dank!
 
Die WM, tolles Wetter,  Urlaubs-und Festivalzeit, da bleibt wenig Muße für Konzertberichte. Trotzdem muss hier einer her, denn es war ein toller Abend. Unsere niederländischen Freunde erfreuen uns ja immer wieder mit tollen Konzerten an noch tolleren Orten und so gilt es diesmal vom Naked Song Festival zu berichten. Dies fand allerdings trotz sommerlichen Datums komplett im Muziekgebouw von Eindhoven statt.

Auf sieben zum Teil sehr kleinen Bühnen im Theater verteilt ging es um den „nackten“ Song, also spielten vornehmlich Singer-/Songwriter auf. Aus Zeitgründen musste ich leider auf die frühen Acts verzichten und kann daher nur von John Bramwell, dem Sänger von I am Kloot berichten Er trat alleine mit seiner Gitarre im kleinen Konzertsaal auftrat. Er bot einen Auftritt bei dem er Solonummern mit seinen alten I am Kloot Klassikern mixte, dazu gab es launige Pubgeschichten. Leider klang immer eine etwas depressive Grundstimmung durch, da er wohl einige Rückschläge als Solokünstler in den letzten Jahren hinnehmen musste, was der Stimmung nicht gerade zuträglich war. Insgesamt eine gute aber nicht packende Performance die von seiner immer noch einmaligen Stimme getragen wurde. Für mich also nur ein Vorprogramm für die einmaligen EELS, die in den Niederlanden und Belgien ja immer noch ein vergleichsweise riesiges Stammpublikum anziehen. 


Hier im Blog leider nie ausgiebig gewürdigt ist das Gesamtwerk von Herrn E Fremden kaum noch vermittelbar. Seit der ersten Tour vor fast 20 Jahren !! in ständig veränderter Besetzung und vor allem Liveumsetzung seines Outputs, verbinden mich so viele Erinnerungen und großartige Momente mit dieser Band wie mit kaum einer anderen. Bühnenstürmungen, Weihnachtsmänner und Clowns auf der Bühne, Bestuhlung im Luxor incl. damals noch undenkbarem Rauchverbot, Streichertour, Zugaben nach Bühnenabbau bei Saallicht, aber vor allem seine Songs in immer neuen, dem Setting angepassten Strukturen und die passenden Coverversionen machen E zu einem der letzten großen Künstler des Indierock.



Und so auch an diesem Abend. Diesmal steht mal wieder seit langer Zeit ein klassisches, bestuhltes Theaterkonzert an, doch wer normale, süße Streicher erwartet hatte liegt wieder mal falsch, denn das gab es ja schon einmal. Diesmal umgibt sich der Meister zwar mit den gleichen Musikern wie bei der letzten Tour, aber sowohl Instrumentierung als auch die Outfits und Songs haben sich wieder komplett verändert. Diesmal steht eine in graue Anzüge gewandelte US-Südstaatenband auf der Bühne, komplett mit E am alten wackligen Saloonpiano, einem Stehbass und der von E „Sadmachine“ getauften Pedalsteel. Es wird viel gelacht auf der Bühne, E ist großer Form, obwohl schon ca. 30 Konzerte hinter und weitere 30 vor Ihm liegen und obwohl er hier seine aktuelle, und wohl traurigste Platte seit Jahren präsentiert, aber so ist das halt bei den EELS.

Die heute (für diese Tour) ausgewählten Songs sind herrlich. Die Spielfreude und Perfektion umwerfend und das Publikum begeistert. Gitarre und Trompete spielen auf, die Sadmachine jault und das Glockenspiel gibt den Rest. Songs wie Last Stop: this town, Mistakes of My Youth,  Grace Kelly Blues klingen wie Juwelen, kein Ton verschenkt, auch keiner zuviel… Selten hat mich ein Konzert trotz seiner Perfektion so begeistert. Lebten frühere Touren von mehr Spontanität ist hier der Triangelanschlag die Erfüllung.



Vor den Zugaben läuft E durch den kompletten Saal und lässt sich wahllos von allen drücken, er braucht die „Hugs“ für sein geschundene Seele, sagt er. Dann noch die passenden Cover-Versionen, diesmal trifft es Elvis (kein Witz) und zwei hier unbekanntere Songs von Nilsson und Leigh Harline, die aber natürlich genau wie EELS Songs dargeboten werden. Das Ende ist leider etwas kurz, aber das ist wirklich das einzige was hier zu bemängeln wäre. Ein weiterer Meilenstein in E`s Tourgeschichte. Jedesmal denke ich:  „Was soll als nächstes noch kommen ?“ - und er wird es wieder schaffen alle  zu überraschen…  


Setlist:
01. Where I'm At
02. When You Wish Upon a Star (Leigh Harline cover)
03. The Morning
04. Parallels
05. Mansions of Los Feliz
06. My Timing Is Off
07. A Line in the Dirt
08. Where I'm From
09. It's a Motherfucker
10. Lockdown Hurricane
11. A Daisy Through Concrete
12. Grace Kelly Blues
13. Fresh Feeling
14. I Like Birds
15. My Beloved Monster
16. Gentlemen's Choice
17. Mistakes of My Youth (Wonderful, Glorious outro)
18. Where I'm Going

19. Last Stop: This Town (Z)
20. Can't Help Falling in Love (Elvis Presley cover) (Z)
21. Turn On Your Radio (Nilsson cover)  (Z)


Aus unserem Archiv:
Eels, Heerlen, 04.04.13
Eels, Heerlen, 20.06.11

I Am Kloot, Paris, 23.03.13
I Am Kloot, Dresden, 15.03.13
I Am Kloot, Rüsselsheim, 10.07.10
I Am Kloot, Köln, 28.03.10
I Am Kloot, Köln, 24.10.08
I Am Kloot, Köln, 26.07.08
I Am Kloot, Paris, 27.03.08




Neil Young & Crazy Horse, Mönchengladbach, 25.07.14

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Konzert: Neil Young & Crazy Horse mit Support The Magic Numbers
Ort: Hockeypark – Mönchengladbach
Datum: 25. Juli 2014
Zuschauer: 7000




Bericht und alle Bilder von Dirk - vielen Dank!

Jeder kennt den schlauen Spruch: “Alle sagten, das geht nicht…und dann kam einer, der wusste das nicht und hat´s einfach gemacht.“  So ähnlich muss es gewesen sein, als der Ex-Hockeyprofi M. Hilgers vor ein paar Jahren begann in meiner Heimatstadt größere Konzerte auszurichten. So etwas kann doch in Mönchengladbach nicht funktionieren hieß es von allen Seiten. Aber sind wir ehrlich, weder Düsseldorf noch Köln können mit variablen Open-Air Bühnen Punkten, der Tanzbrunnen und der Kunstrasen in Bonn stellen keine ernsthafte Konkurrenz dar.

Und so müssen eben auch Großstädter mittlerweile nach Mönchengladbach fahren um Ihre Lieblinge zu bestaunen. Der HockeyPark hat Vor-und Nachteile, jeder sollte sich selbst ein Bild machen. Bei einem tollen Sonnenuntergang und einem Künstler wie Neil Young bietet er aber einen annehmbaren Rahmen, zumal die Bühne immer an der Längsseite aufgebaut wird. Somit haben sowohl Steh-als auch Sitzplätze einen geraden Blick zur Bühne.


Kommen wir aber zu den Hauptakteuren des Abends. Freudig überrascht stellte ich  im Vorfeld fest, dass  The Magic Numbers als Vorgruppe angekündigt wurden. Deren tolle erste Platte datiert zwar nun auch schon aus 2005, aber die aus zwei Geschwisterpaaren bestehende Folk-Rockcombo konnte live noch immer überzeugen. Heute spielen Sie mit gewohnt strahlender Laune viele Stücke aus der noch nicht erschienenen neuen Platte Alias. Diese klingen alle ausgesprochenen toll, die Band lässt sich gehen und Sänger/Gitarrist Romeo Stodarts begeistert das Publikum mit Neil Young ähnlichen Soli. Dazu einige wenige alte Hits und fertig ist die perfekte Vorband. 


Gerade bei Neil Young habe ich des Öfteren schon böses Desinteresse für thematisch völlig deplatzierte Vorgruppen erlebt. In dieser Hinsicht ein mehr als gelungener Auftakt und ein neuer Titel auf meiner Amazon-Wunschliste für das neue Album.  Die Sonne versinkt langsam hinter der Bühne und taucht den Hockeypark mit seinen bunten Sitzen in tolle Regenbogenfarben. Die Bühne bietet außer dem unvermeidlichen Holzindianer und der „Hurricane-Orgel“ an Seilen unter dem Bühnendach keine Reizpunkte. Da bleibt gerade noch genug Zeit mit den umstehenden alte Konzerterfahrungen und Setlisten zu besprechen, bevor Neil Young mit seiner in Teilen neuen/alten Band auf die Bühne schluft (so sieht es wirklich aus...).



Den Bassisten wegen Schlaganfall ausgetauscht, zwei neue Damen als Background angeheuert, dazu die üblichen Crazy Horse Verdächtigen und fertig ist eine neue Band, und die klingt wie keine andere zuvor. Nicht so hart wie von Crazy Horse noch im  letzten Jahr gewohnt, nicht zu soft wie manchmal mit Booker T oder der „Allstar“-Band in den letzten Jahren. Ist der Beginn mit Love and only Love noch identisch, verläuft das Set in diesem Jahr trotzdem in der Folge ganz anders. Besonders die Backing Vocals verleihen vielen Songs einen ganz neuen, eher an Gospel erinnernden Touch.


Das soll natürlich nicht das Zusammenspiel der anderen, Schulter an Schulter schmälern, es entsteht nur eine neue, weitere Note im ewigen Fluss von Neils anscheinend unendlichen Möglichkeiten.  Gerade Living with War und Love to Burn werden so großartig veredelt. Im kurzen, akustischen Intermezzo gibt sich der Meister milde. Die Hits Heart of Gold und Dylans Blowin in the wind steigern die Stimmung nochmal und sind Youngs Zugeständnis  an die Zuschauer, die nicht jede Wendung seiner Karriere mitgemacht haben. Und auch der nachfolgende Doppelpack mit Cortez the killer und Rockin‘ in the free world kann voll überzeugen. Auch hier wird nicht ganz so rabiat zugelangt wie früher, aber die Versionen schwingen und brodeln, es ist eine Freude.


Nach knapp 2 Stunden ist Schluss, als Zugabe hält die Band nur noch einen neuen Song für würdig. Der würde im übrigen Set allerdings glatt durchfallen. Egal, so weiß zumindest jeder: das Ende ist erreicht. Ob und wann Neil Young mit jetzt 68 Jahren nochmal vorbeischaut, fast bekommt man ein wenig Angst es könnte bald das letzte Mal sein. Spielfreude und Wille zur Veränderung sind jedenfalls ungebrochen, und daher kann und wird er einfach weitermachen. Die Erde und die Liebe brauchen weiter seine Unterstützung.


Setlist:
01. Love and Only Love
02. Powderfinger
03. Standing in the Light of Love
04. Days That Used to Be 

05. Living With War
06. Love to Burn
07. Name of Love
08. Blowin' in the Wind
09. Heart of Gold
10. Barstool Blues
11. Psychedelic Pill
12. Cortez the Killer
13. Rockin' in the Free World 


14. Who's Gonna Stand Up and Save the Earth (Z)


Aus unserem Archiv:
Neil Young & Crazy Horse, Dresden, 26.07.14 
Neil Young & Crazy Horse, Stuttgart, 22.07.13
Neil Young & Crazy Horse, Köln, 12.07.13 

The Magic Numbers, Haldern, 03.08.07
The Magic Numbers, Paris, 08.07.07
The Magic Numbers, Köln, 26.02.07
The Magic Numbers, Paris, 02.02.07



Donnerstag, 26. Juni 2014

Best Kept Secret Festival, Hilvarenbeek, 20.06.14

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Konzert: Interpol, Pixies u.a. (BKS Tag 1)
Ort: Best Kept Secret Festival, Hilvarenbeek
Datum: 20.06.2014
Zuschauer: 15.000 - 20.000

 

von Dirk aus Mönchengladbach / Fotos: Michael Graef*

Nach dem furiosen Festivalstart im letzten Jahr (siehe hier) war klar, dass auch in diesem Jahr ein Pflichtbesuch in Tilburg folgen würde. Das Festival zeigte sich auch 2014 mit allen schon beschriebenen Schönheiten (Bungalows, See, spezielles Food-LineUp ohne Fastfood, Strand und Zeltbühnen) zusätzlich kamen aber noch ein münzloses Bezahlsystem (Chip am Armband) sowie 2 weitere, kleinere Bühnen hinzu. 

Auch wenn es unglaublich klingt: selbst am dritten Tag sieht das Gelände aus wie geleckt, es liegt nichts auf dem Boden die Bäume sind mit Pee-Trees bestückt und erleichtern zumindest den Herren den Harndrang. 

Da das Booking in Zusammenarbeit mit den Hurricane/Southside Machern läuft und am gleichen Wochenende stattfindet, kann man hier einen Indie-Extrakt dieser Festivals in viel schönerer Atmosphäre ohne die großen Headliner genießen. 

Einige Berichte hat Christoph (der nur am Samstag anwesend war) ja schon online gestellt. Von mir jetzt der Rest. Hier zunächst Tag 1:

Der Freitag beginnt mit To Kill a King deren Debütplatte mir beim Vorhören direkt gut gefallen hatte. Live noch etwas gitarrenlastiger, mit einem tollen Sänger der sogar in der Mittagszeit auf der Hauptbühne überzeugen konnte. Wird sich in den nächsten Monaten zu etwas Größerem entwickeln, zumal die Band in UK zur Zeit in allen Zeitungen auftaucht. 


Ohne Pause weiter zu den Circa Waves, die in bester Two Door Cinema Tradition Ihre Indie-Hymnen ins Zirkuszelt knallen…Jeder Song ein Hit, viele junge Damen himmeln die blutjungen Musiker an, es wird getanzt und am Ende bleiben alle zufrieden zurück, ein starker Auftritt. 

James Blake zeigt danach auf der Hauptbühne, dass er auch bei Tageslicht wenig von seiner Intensität verliert, das ganze kommt beatlastiger aber auch viel professioneller daher als letztes Jahr - bis zum Ende fesseln kann es aber nicht. 

Es gilt die Aufmerksamkeit auf etwas Spezielleres zu richten. Für 20:30 wird kurzfristig eine Signiersession mit dem heutigen Headliner, den Pixies angekündigt. Ein Traum wird wahr. Da sitzen Sie nun, wie immer kein Wort für einander (auch später auf der Bühne wird dies so bleiben) und auch die neue Bassistin darf nicht mitmachen. Drummer Dave Lovering sieht aus wie ein Opa mit seinem Haarkranz und seinem weißen Jacket. Black lächelt entrückt mit seiner viel zu kleinen Sonnenbrille auf seinem riesigen, kahlen Schädel. 

Mir geht das Herz auf, Besucher aus halb Europa stehen in der Schlange und erzählen einander ihre ganz eigenen Pixies-Geschichten aus den jungen `90ern. Es ist wie beim Klassentreffen, nur mit netteren Leuten. 


Danach zu Interpol, hier im kleineren Zelt vor ca. 4.000 Leuten mit einem (fast) reinen Best-Of Set und (fast) keinem neuen Stück. Auch hier zählt eher der Nostalgiebonus, allerdings erst der der letzten 10 Jahre. Die Band ist nach dem Ausstieg von Bassist Carlos Dengler immer noch am Schneideweg zwischen reiner Jukebox und neuem Album. Sie werden sich entscheiden müssen, die neue CD erscheint im September. Die alten Songs glänzen allerdings immer noch und New York wird immer einer meiner Lieblingssongs bleiben… 

Setlist Interpol, Best Kept Secret Festival, Hilvarenbeek: 

01: Say Hello to the Angels 
02: Evil 
03: C'mere 
04: My Desire 
05: Hands Away 
06: Not Even Jail 
07: Obstacle 1 
08: NYC 
09: Anywhere 
10: Narc 
11: Take You on a Cruise 
12: All the Rage Back Home 
13: PDA 
14: Slow Hands



Den Rausschmeißer machen am ersten Abend die Pixies und sie machen alles richtig. Kein Schnickschnack, 23 Songs, davon 9 von Doolittle, ansonsten ein bunter Mix aller Alben bringen mich in extreme Tanzlaune und nicht wenige junge Besucher werden sich die Augen gerieben haben: Die Wucht und extremen Individuen der Band sind auch für Laien ein Augenschmaus…von der „historischen“ Bedeutung für die Musikgeschichte und den tollen Songs mal ganz abgesehen. Ohne die Pixies würde es vielleicht dieses ganze Festival mit seiner Musikausrichtung nicht geben, mindestens. 

Setlist Pixies, Best Kept Secret Festival, Hilvarenbeek: 

01: Bone Machine 
02: Wave of Mutilation 
03: U-Mass 
04: Hey 
05: Gouge Away 
06: Bagboy 
07: Crackity Jones 
08: Mr. Grieves 
09: Magdalena 318 
10: Caribou 
11: Velouria 
12: Ed Is Dead 
13: Indie Cindy 
14: Nimrod's Son 
15: Here Comes Your Man 
16: La La Love You 
17: Greens and Blues 
18: Where Is My Mind? 
19: Rock Music 
20: Isla de Encanta 
21: Monkey Gone to Heaven 
22: Debaser 
23: Vamos 


* Pixies-Foto oben: Archiv Christoph



Samstag, 8. März 2014

Fanfarlo, Frankfurt, 07.03.14

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Konzert: Fanfarlo
Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 07.03.2014
Dauer: Fanfarlo ca. 80 min, Lilies On Mars ca. 30 min
Zuschauer:  ca. 200



von Dirk von Platten vor Gericht

Zunächst sah es in Das Bett noch so aus, als würde auf der Bühne mehr los sein als davor. Auf der Homepage des Clubs war der Einlass mit 20:00 Uhr angegeben, das Konzert sollte eine halbe Stunde später beginnen. Doch zu diesem Zeitpunkt herrschte noch gähnende Leere und wir wurden ein wenig vom schlechten Gewissen geplagt, da wir über die Gästeliste (auf der noch reichlich andere Namen standen) freien Eintritt erlangt hatten und Clubbetreiber und Bands sicherlich jeden Euro gebrauchen konnten. Zumindest letzteren sicherten wir später am Merchandise-Stand noch ihr Einkommen. 


Den Auftakt sollte das italienische Duo Lilies On Mars bilden, das mit Hilfe eines Kickstarter-Projektes aktuell Geld einsammelt, um die gemeinsame Tour mit Fanfarlo über das europäische Festland, England und später die USA zu finanzieren. Das Wissen um diese Tatsache half dem Gewissen auch nicht besonders. 

Das Geheimwissen, dass der Auftritt von Lisa Masia und Marina Cristofalo erst um 21 Uhr beginnen sollte, hatten wohl die Frankfurter Konzertbesucher exklusiv, und so füllte sich Das Bett bis zu diesem Zeitpunkt doch noch recht ansehnlich. Das Duo betrat pünktlich die Bühne, stellte sich vor, was noch keine Reaktion des Publikums hervorrief, und erst der folgende Hinweis, dass Marina heute Geburtstag habe, sorgte für freundlichen Applaus. 

Lilies On Mars eröffneten ihr Set mit See You Sun und Entre-Temps, der erste Song wurde von Lisa gesungen, das zweite Lied war das einzige des Abends, das von Marina vorgetragen wurden. Die beiden jungen Damen sangen nicht nur, sondern bedienten zudem gleichzeitig Bass, Gitarre, Schellen sowie Vintage-Keyboards und ließen Rhythmen aus einem Drumcomputer hinzu kommen. 


Insgesamt war der Auftritt von Lisa und Marina im Vergleich zum aktuellen, dreampopigen Album Dot To Dot, in dem ständig die Synthies pluckern, etwas rockiger ausgefallen. Aufgrund des gehauchten, oftmals von einer Soundwelle verschluckten Gesangs, der zudem noch mit italienischem Akzent vorgetragen wurde, fiel das Zusammenstellen der Setliste nicht gerade leicht und konnte erst auf Nachfrage bei den beiden Lilies beendet werden. Mit No Way, Sugar Is Gone, SIDE ABCDE und Martians folgten in dem rund 30-minütigen Auftritt noch weitere Songs aus der aktuellen Platte, von der Marina später einen großen Stapel zum Merchandise-Stand (und später hoffentlich deutlich weniger wieder zurück) trug. 

Das Highlight hoben sie sich für den Schluss auf und trugen gemeinsam mit den beiden Damen von Fanfarlo einen tollen, rockigen und neuen Song namens Stealing vor. 

Setlist Lilies On Mars, Das Bett, Frankfurt: 

01: See You Sun 
02: Entre-Temps 
03: No Way 
04: Sugar Is Gone 
05: SIDE ABCDE 
06: Martians 
07: Stealing 

Stopp, „zwei Damen von Fanfarlo“? Bildeten nicht zuletzt vier Männer und Cathy Lucas (Geige, Keyboards, Gesang) die Band? Richtig, doch Ende 2013 verließ Amos Memon das Quintett und wurde am Schlagzeug durch Valentina Magaletti ersetzt. 

Die neu aufgestellten Fanfarlo betraten kurz nach 22:00 Uhr die Bühne und eröffneten ihr Set mit Ghosts und Life In The Sky und ließen recht schnell deutlich werden, wie toll der Abend werden würde, insbesondere die Titel, die Leon Beckenham mit der Trompete begleitete. Sänger Simon Balthazar, der auch Gitarre spielte und gelegentlich zum Saxofon griff, und Bassist Justin Finch, der als einziger im ständig wärmer werdenden Bett zu frieren schien, und daher seinen Wintermantel auch nicht ablegte, vervollständigten die Bühnenbesatzung. Modisch stachen zudem Simon Balthazar und Cathy Lucas heraus, die in ihrem Outfit auch in der Mitte der 80er Jahre auf jeder Bühne eine gute Figur abgegeben hätten. 


Die ausliegende Setliste zeigte im Vergleich zur vorherigen Internetrecherche, dass Fanfarlo ihre Konzerte mit einem bestimmten Repertoire an Songs bestreiten, bei denen nur gelegentlich die Reihenfolge ein wenig variiert wird. Der Hauptteil, der 13 Lieder andauern sollte, setzte sich gerecht aus den drei Alben Reservoir, Rooms Filled With Light und Let’s Go Extinct zusammen, und ließ nun dementsprechend Deconstruction, Cell Song und I’m A Pilot folgen. 


„Szenenapplaus“ erhielten zwischendurch der Trompeten-Einsatz von Leon Beckenham und auch Cathy Lucas an der Geige. Vor allem ihr Gesang kam deutlicher zum Tragen als auf den Studioversionen. Besonders gut gefielen mir an diesem Abend die zwei auf Bones und Luna folgenden Stücke: Das balladeske Vostok, I Know You Are Waiting, so erzählte uns Simon Balthazar, dreht sich inhaltlich um den Wostoksee, einen subglazialen See unter dem Eisschild der Antarktis. Dazu wechselte er an die Keyboards und die Rhythmusgruppe durfte für den Song, der sich nur auf der limitierten Box von Rooms Filled With Light befindet, Kurzarbeit antreten. 

Comets war ein weiteres Highlight, denn Cathy Lucas nahm hierzu auf einem Hocker Platz und begleitete das Lied an der singenden Säge. Live immer toll zu sehen und zu hören! Das folgende, vom Saxofon dominierte Tunguska war sicherlich der ungewöhnlichste Song des Abends und wurde dem Geburtstagskind Marina gewidmet. 

Mit Landlocked und A Distance spielten Fanfarlo, die zwar ihre Freude über die Rückkehr nach Frankfurt äußersten, aber ansonsten wenig mit dem Publikum kommunizierten, noch zwei weitere Titel aus dem aktuellen Album und beschlossen den Hauptteil mit Harold T. Wilkins. Da auch die Setliste mit diesem Lied abschloss, durfte man gespannt sein, ob noch die obligatorischen Let's Go Extinct und The Walls Are Coming Down folgen sollten, oder ob das recht begeisterte Frankfurter Publikum noch mehr erklatschen konnten. Um es kurz zu machen: Ja, sollten sie und nein, konnte es nicht. 

Wenn ich mir zuvor eine Setliste hätte wünschen dürfen, hätte sie nicht viel anders ausgesehen. Jedoch definitiv ein wenig länger, auf jeden Fall mit Replicate sowie den schnelleren Songs Drowning Men und Fire Escape. 

Am Merchandise-Stand wurden wir schließlich noch 60,- € und unser schlechtes Gewissen los. Die Band verkaufte und unterschrieb selbst ihre Platten, war überaus freundlich und Justin Finch sorgte später höchstpersönlich dafür, dass die noch fehlenden Unterschriften von Cathy und Simon auch auf meine Platte kamen. Dazu suchte und verfolgte er die beiden auf der Bühne und im Backstagebereich, was ihn wohl so ins Schwitzen brachte, dass er sich dann doch noch seines Mantels entledigte. 

Setlist Fanfarlo, Das Bett, Frankfurt: 

01: Ghosts 
02: Life In The Sky 
03: Deconstruction 
04: Cell Song 
05: I'm A Pilot 
06: Bones 
07: Luna 
08: Vostok, I Know You Are Waiting 
09: Comets 
10: Tunguska 
11: Landlocked 
12: A Distance 
13: Harold T. Wilkins, Or How To Wait For A Very Long Time 
14: Let's Go Extinct 
15: The Walls Are Coming Down 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Fanfarlo, Paris, 13.09.12
- Fanfarlo, Wien, 18.08.10
- Fanfarlo, Paris, 14.05.10
- Fanfarlo, Paris, 08.03.10
- Fanfarlo, Köln, 24.01.10
- Fanfarlo, Paris, 21.01.10
- Fanfarlo, Paris, 13.06.08



Dienstag, 26. November 2013

Sigur Rós, Düsseldorf, 25.11.13

7 Kommentare

Konzert: Sigur Rós
Ort: Mitsubishi Electric Halle
Datum: 25.11.2013

Zuschauer: ca. 3.500

 

von Dirk aus Mönchengladbach

Ein weiterer Konzertbericht über Sigur Ros erscheint zunächst sinnlos. Anwesenden braucht man das Geschehene nicht noch mal schildern, Abwesenden ist das ganze sowieso nicht vermittelbar. Doch diesmal muss es noch einmal sein, denn Sigur Ros verbringen an diesem Abend wieder eines ihrer stetigen Wunder. Sie bescheren mir einen fantastischen Konzertabend, und dies ausgerechnet in der von mir verhassten alten Philipshalle. 

Das Konzert beginnt, die Band spielt, wie in den letzten Jahren fast immer, hinter einem halbtransparenten Riesenvorhang. Und vom ersten Ton an spürt man die Magie, die ich zwischen den Tourneen der Isländer immer wieder vergesse. Die Halle klingt so gut, wie ich es dort noch NIE erlebt habe, jedes Knarzen, jedes Atmen, Bläser, Streicher alles ist in einer Klarheit zu hören, die man von einem Konzert nicht erwarten kann. Und doch ist alles live. Während Portishead es schaffen, elektronische Musik manuell zu reproduzieren, wird bei Sigur Ros akustische Musik aus ihren Einzelteilen zu einem völlig neuen, großartigen Ganzen. 


Alles ist gewollt, notwendig und macht in seiner puren Spielfreude Sinn. Trotz der Perfektion wird hier munter von Abend zu Abend die Setlist verändert, sie als Best-Of zu bezeichnen wäre ein Witz. Gespielt wird, was die Band möchte und das spürt und hört man in jeder Sekunde. Das klassische Bandgefüge ist aufgehoben. Die drei Gründungsmitglieder stehen in einer Reihe von Bass, Gesang/Gitarre und Schlagzeug vorne am Bühnenrand. 

Der Bass ist wuchtig und wichtig in diesem Ensemble, denn er muss sich gegen den wechselweise als böser Wolf oder scheues Lamm aufspielenden Drummer stellen. Jonsi präsentiert sich diesmal wechselweise rot von unten angestrahlt als schreiender Dämon oder als Zirkusdirektor im Fantasie-Frack vor seiner vielköpfigen Band. 

Das Bühnenbild ist ein Traum, die Musik ein Rausch, es scheint für Sigur Ros auch nach über 10 Jahren nur einen Weg zu geben. Noch besser zu werden. 

Zu viele meiner Lieblingsbands scheiterten in dieser Halle, konnten den Sprung vom „kleinen“ Saal in die große Welt nicht stemmen. Die Isländer schaffen dies mit der schwersten Bürde (-getragene Songs, ohne echte Hits, gesungen in einer Phantasiesprache) in unglaublicher Leichtigkeit. 

Wie gut muss man sein, um diese Intensität auf jahrelangen Touren immer auf höchstem Niveau präsentieren zu können? 

Und so endet es wie immer, beseelt und pfeifend taucht man in die kalte Nacht ein, ohne Sorgen über gestern und morgen. 

“Kannst du vor deinen Augen 
Die Explosionen sehen? 
Ein Feuerwerk in der Nacht. 
Alles gehört dir 
Alles explodiert 
Kein Wille triumphiert” 
Tocotronic 

Setlist Sigur Rós, Mitsubishi Electric Halle, Düsseldorf:

01. Yfirborð 
02. Vaka 
03. Brennisteinn 
04. Glósóli 
05. Stormur 
06. Hrafntinna 
07. Sæglópur 
08. Varúð 
09. Hoppípolla 
10. Rafstraumur 
11. Kveikur 
12. Festival 
13. Popplagið 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Sigur Rós, Esch-sur-Alzette, 23.11.13
- Sigur Rós, Rom, 28.07.13
- Sigur Rós, Best Kept Secret Festival, 23.06.13
- Sigur Rós, Wien, 04.09.12
- Sigur Rós, Paris, 15.11.08
- Sigur Rós, Köln, 11.08.08



Freitag, 1. November 2013

Erdmöbel, Frankfurt, 30.10.13

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Konzert: Erdmöbel
Ort: Mousonturm, Frankfurt
Datum: 30.10.2013
Dauer: 120 min
Zuschauer: ca. 150



von Dirk von Platten vor Gericht

Bin ich also der Versuchung doch erlegen! Eigentlich wollte ich keinen weiteren Auftritt der Band Erdmöbel mehr besuchen, damit meine eigentliche Lieblingsband Oasis, von denen ich in näherer Zukunft keine weiteren Konzerte erwarte, nicht in meiner persönlichen Konzertstatistik von diesen überholt wird. Mein Hilferuf bei der Vorstellung von Kung Fu Fighting von Platten vor Gericht wurde nicht erhört, niemand lud mich gestern zu sich nach Hause oder auf ein alternatives Konzert ein, so dass ich der Dreifachverlockung (keine Champions League im Fernsehen, Erdmöbel im 100-km-Umkreis und ein Platz auf der Gästeliste) nicht widerstehen konnte. 


Über Facebook hatten Erdmöbel noch am gleichen Tag mit den Worten „Kommt alle und bringt alle mit!“ zum Besuch ihres Konzertes aufgefordert. Also habe ich mein Bestes gegeben, um mein kleines Auto bis unters Dach mit Konzertwilligen zu füllen. Die Ausreden lauteten jedoch: Grippe, aufs Kind aufpassen (gleich zweimal) und zu viele Erdmöbel-Konzerte in den letzten Jahren. Bis auf letztere konnte ich alle Argumente akzeptieren, aber meine Freundin steht aktuell bei 3 besuchten Erdmöbel-Konzerten und ist von meinen 14 noch so weit entfernt, wie der Kölner Dom vom Frankfurter Messeturm. 

Beim Betreten des im letzten Jahr neu gestalteten Mousonturms hatte ich große Bedenken, dass es den anderen Besuchern bei der Begleitungsakquise ähnlich ergangen war wie mir, denn 20 Minuten vor dem eigentlichen Konzertbeginn versammelten sich gerade einmal 10 Personen in der Konzerthalle. Doch die Besucher des Künstlerhauses Mousonturm scheinen an die Abläufe der Theaterproduktionen dieses Hauses gewöhnt, strömten erst kurz vor 21 Uhr in den Konzertsaal und füllten ihn noch angemessen. 


Nahezu pünktlich betraten die Musiker die Bühne, deren Hintergrund ein Ausschnitt aus dem aktuellen Plattencover zierte. Passend dazu waren alle Bandmitglieder (größtenteils) rosa gewandet. Diesen Dresscode trieb Wolfgang Proppe (Keyboards) mit seinen rosa Stricksocken auf die Spitze – dachte ich, bis ich seinen pinken Glitzerring sah, der ihm auch prompt den Beinamen „Liberace“ einbrachte. Aber auch Markus Berges (Gesang, Gitarre) Plektrum sowie Ekki Maas’ (Bass) Button waren in dieser Farbe gehalten - eine Liebe zum Detail, die sich auch in der Musik der Band widerspiegelt. 

Das Konzert wurde mit Peng eröffnet, was wirklich kein Knaller-Auftakt war. Danach (oder zumindest nach dem bald folgenden Cardiff) „ging es“ - gegensätzlich zu einem Erdmöbel-Text - „immer bergauf“. Den Großteil des Sets bestritten Erdmöbel mit Songs aus den letzten beiden Alben: Kung Fu Fighting wurde bis auf Zollstockbad komplett dargeboten, Krokus mit immerhin sechs Titeln bedacht. 


Von den neuen Titeln gefielen mir in ihren Live-Versionen vor allem Gefäße, das mit einem langen instrumentalen und sehr rhythmischen Intro zelebriert wurde, so dass Markus das Publikum zum Ausdruckstanz aufforderte, und Henning Beckmann und Christa Becker, die erstmals mit Erdmöbel auf Tour ist, ausreichend Raum für Solos an Posaune bzw. Querflöte gab, sowie Club der senkrecht Begrabenen, das die Besucher zum Mitklatschen und –singen animierte (was weniger fürchterlich war als es hier klingt). 

Bei Kung Fu Fighting wurde das Publikum in Anlehnung an das dazugehörige Video zum Knutsch-Contest aufgefordert, den auf der aktuellen Tournee Münster, die Heimatstadt der Band, mit einer Rate von 70-80% anführte. Da konnte Frankfurt nicht mithalten - vielleicht aber bei der Reaktion des Publikums auf der nach oben offenen Entzückungsäußerungsskala, wenn die Wahl-Kölner ältere Titel wie Dawai Dawai oder In den Schuhen von Audrey Hepburn ankündigten. 


Bei Jede Nacht übernahm Christian Wübben (Schlagzeug) - zumindest im Refrain - den Gesangspart der in Los Angeles weilenden Gastsängerin Désirée Nosbusch. Vielleicht hätte man hier Christa Becker fragen können, ob sie singen und die Flöte einmal zur Seite legen kann. Auch das ursprünglich sehr gitarrige Wurzelseliger war mit diesem Instrument doch etwas gewöhnungsbedürftig. 

Bewegliche Ferien wurde den – wenn auch nicht so titulierten – Assi-Punks von Eisenpimmel gewidmet. Über einen Artikel („Currywurst mit Vollidioten“) in der Intro über die Band musste ich vor Jahren Tränen lachen – hier lohnt sich die Internetrecherche. Die Liedtitel der Duisburger wollte Ekki bei der Ansage nicht preisgeben, so dass ein Zuschauer mit Komma lecka bei mich unten bei aushelfen musste. Ich hätte noch Bier zu mir hinzufügen können. Bier ist ein gutes Stichwort, denn Erdmöbel wollten nach dem Konzert noch alle im „Moseleck“ treffen und fragten sich und uns, ob es in Frankfurt auch ein Oktoberfest gebe und ob dort Äppelwoi getrunken werde. 


Doch zuvor sollten noch Blinker, dessen „blinkt, blinkt, blinkt...“-Textpassagen, die noch deutlich länger ausfielen als auf Platte und die Vorstellungsrunde der Bandmitglieder sehr gelungen integrierte, von Stroboskop-Flackern untermalt wurden, sowie Das Leben ist schön das Hauptset beschließen. 

Auf der Setliste standen zunächst 17 nummerierte Titel und danach noch acht weitere in loser Reihenfolge. Erster Erster wurde noch in den Hauptteil integriert, und man durfte gespannt sein, welche der noch ausstehenden, vermutlich zur Auswahl gedachten Titel, noch gespielt würden. Bis auf Arbeiten alle! Mit gleich zwei Blocks zu je drei Songs belohnten Erdmöbel die lauthals nach Zugabe rufenden Frankfurter. Wobei mir persönlich der erste mit Anfangs Schwester heißt Ende, Vergnügungslokal mit Weinzwang und Dreierbahn besonders gut gefiel. 



Den Abschluss eines schönen Konzertabends bildete die unvermeidliche Coverversion Nah bei dir, die sicherlich allen Anwesenden auch noch auf dem Nachhauseweg im Kopf herumgegeistert ist. 

Am 18. Dezember geben Erdmöbel ein Konzert in der Kulturkirche in Nippes, das liegt auch innerhalb der 100-km-Grenze und Fußball wird dann vermutlich auch nicht gespielt. Selbst wenn ich nicht auf der Gästeliste stehen sollte (gestern habe ich dies zumindest mit dem Kauf von zwei Schallplatten ausgeglichen), so war ich doch noch nie auf einem Weihnachtskonzert von Erdmöbel.... 


Setlist Erdmöbel, Mousonturm, Frankfurt:

01. Peng 
02. Ausstellung über das Glück 
03. 77ste Liebe 
04. Cardiff 
05. Bewegliche Ferien 
06. Jetzt 
07. Kung Fu Fighting 
08. Vivian Maier 
09. Wurzelseliger 
10. Dawai Dawai 
11. Wort ist das falsche Wort 
12. Gefäße 
13. Jede Nacht 
14. Club der senkrecht Begrabenen 
15. In den Schuhen von Audrey Hepburn 
16. Erster Erster 
17. Blinker 
18. Das Leben ist schön

19. Anfangs Schwester heißt Ende 
20. Vergnügungslokal mit Weinzwang 
21. Dreierbahn

22. Die Devise der Sterne 
23. Snoopy T-Shirt 
24. Nah bei dir 



Weitere Erdmöbel-Konzerte: 

01.11.13: Tübingen, Sudhaus Tübingen 
02.11.13: Karlsruhe Durlach, Festhalle Durlach 
07.11.13: Hannover, Musikzentrum Hannover 
08.11.13: Krefeld, Kulturfabrik Krefeld 
18.12.13: Köln, Kulturkirche Köln 
15.02.14: Lage, Evangelische Dorfkirche Heiden


Samstag, 7. September 2013

Roger Waters, Düsseldorf, 06.09.13

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Konzert: The Wall (Roger Waters)
Ort: Esprit Arena, Düsseldorf
Datum: 06.09.2013
Zuschauer: ca. 30.000 (bestuhlt)




von Dirk aus Mönchengladbach

Roger Waters hat heute Geburtstag. Er wird 70 Jahre alt. Hätte eine Wahrsagerin ihm vor 30 Jahren erzählt, er würde an diesem Tag seine Wall Show in einem Fußballstadion in Düsseldorf präsentieren, wäre er wohl lachend vom Stuhl gefallen. Roger Waters mag keine Geburtstage, dies hat er in Interviews immer wieder betont. Und daher wird auch an diesem Abend nur das Erwartete geboten. Die zurzeit größte Show der Welt. 


Die Bühne ist 50 m hoch, je nach Arena bis zu 150 m breit und die Mauer besteht aus mehr als 1.000 Steinen. The Wall ist aber auch minimalistisch: keine Vorgruppe, kein Best of und keine echten Zugaben. 

Auf die Frage warum Waters die Tour noch mal mit noch mehr Aufwand und als reine Stadiontour verlängert, obwohl er das Werk vorher Jahrzehnte nicht aufführte, lautete seine Antwort: “Weil ich es jetzt kann.“ In dieser Aussage zeigt sich das immer noch verletzte Ego eines Superstars wider Willen, der bis heute den Erfolg seiner „Begleitband“ unter dem Namen Pink Floyd nicht verkraftet hat. Während Gilmour und Co. schon damals nach dem offiziellen Ausstieg von Waters die Stadien füllten, begann Waters seine Solokarriere in kleinen Hallen. 

Jetzt hat sich das Blatt endlich gewandelt. Gilmour sitzt müde auf seinem Hausboot und geht seit langem dem offen ausgetragenen Konflikt aus dem Weg. Und da Waters sein Wall-Epos für sich neu entdeckt hat, und die Technik ein Riesenspektakel in jeder Stadt der Welt möglich macht, ist der Wanderzirkus seit mehr als 3 Jahren unterwegs. Zunächst als Hallentour. Seit letztem Jahr dann zunächst in den USA und jetzt Europa nur noch in Stadien. 

Der Aufbau der Bühne ist selbst für erfahrene Konzertgänger immer wieder einmalig. Der Pink Floyd Ring incl. Leinwand wurde von fast jeder Stadionband der letzten 20 Jahre kopiert. Das Konzept der sich erhebenden, dann als Projektionswand genutzten und schließlich einfallenden Mauer bleibt einzigartig. Die Technik und der Sound sind an diesem Abend natürlich perfekt, keiner würde etwas anderes erwarten. Die Größe der Bühne ist kaum fassbar. 

Und auch thematisch wirkt das Werk aus der Sicht des Musikers Pink, der sich langsam aus seiner Welt entfremdet, erstaunlich frisch. Dies liegt vor allem an den neuen Video- und Cartoonsequenzen, die sich toll mit den ebenfalls erhalten gebliebenen Originalfilmen von G. Scarfe verbinden. 


Die Show beginnt (natürlich) mit einer der größten Materialschlachten der Bühnengeschichte. In the flesh zeigt schon fast alle Aspekte der Show und knallt den Zuschauern mit einer Wucht ins Gesicht, dass viele in Deckung gehen. Doch gleich hier zu Beginn zeigt sich auch der Schwachpunkt des Abends. Immer wieder versucht Waters mit seinen plumpen Anti-Kriegsthesen die eigentliche Geschichte zu verdrängen. Das ist schade, denn die persönlicheren, emotionaleren Stücke um den „privaten“ Pink wirken viel interessanter als die Ledermantel Führerimitation. 

So sind sowohl Mother (Roger singt mit seinem 30-Jahre jüngeren Ich aus einer damaligen Wall-Show ein Duett über die Leinwand) als auch Young Lust zum Weinen schön. Das Telefon des nicht erwiderten R-Calls knackt so laut und klar durch das Stadion, dass man erschaudert. Diese Momente machen die Show zu einem Ereignis und man vergisst rasch die schwächeren Stellen, ohne die aber auch normale Konzerte meistens nicht auskommen. 

In der Pause bestaunen die Zuschauer das errichtete Werk der geschlossenen Bühne und so mancher der älteren Herren mit Bauch fragt sich wohl, wo die fast 35 Jahre geblieben sind seit The Wall 1979 veröffentlicht wurde. Waters dagegen wirkt unglaublich fit und schlank. Auch seine gute Laune ist ansteckend und will oft nicht zur Schwere des Werkes passen. 

Weiter geht es mit der wohl besten Projektion bei Bring the boys back home über die gesamte Breite der Wand welche dann nahtlos in den von allen erwarteten Klassiker Comfortably Numb übergeht. Kein Musikfan, der dieses Gitarrensolo nicht verehrt und bewundert. Heute wird es von Waters Backingband präsentiert, die ist ebenso wie die Show perfekt aber das coole Understatement von Gilmours Präsenz wird natürlich nicht erreicht. 


Das Ende ist klar. Die Mauer fällt. Ob es für den Hauptdarsteller die gewünschte Erlösung ist, wurde auf dem Album damals nicht wirklich deutlich. Heute nutzt Waters wie bei den damaligen Live-Shows von The Wall die Trümmer zu einer kleinen, akustischen Zugabe. Mit dem Song Outside the Wall entlässt er die Fans dann doch mit etwas Zuversicht in den Abend. 

Die Frage, ob man mit 70 Jahren ein für viele Menschen so wichtiges Werk in einem Fußballstation zu Ticketpreisen von bis zu 170 EUR aufführen muss, stellt sich zum Glück erst wieder in de Bahn nach Hause. Für 2 Stunden war man in Waters damaligem Gehirn zu Gast und die Themen von Krieg, Entfremdung und psychischer Erkrankung sind heute fast dringlicher als damals. 

Plakativ, kitschig, peinlich… all das könnte man Waters an seinem Geburtstag vorwerfen, aber einem Künstler Emotionalität und Schwäche vorzuwerfen, ist sinnlos. Gerade diese Gefühle sind absolut subjektiv und für Fans der Grund lebenslanger Treue. Worüber singen eigentlich die großen Bands unserer Zeit?

Fotos: Dirk (vom Konzert 2011)




Donnerstag, 22. August 2013

Lowlands-Festival, Biddinghuizen, 16. & 17.08.13

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Konzert: Lowlands Festival, Biddinhuizen
Ort: [hier]
Datum: 16. & 17.08.2013
Zuschauer: 55.000 (ausverkauft)




von Dirk aus Mönchengladbach

Das Lowlands Festival in den Niederlanden ist vielleicht das größte, unbekannte Festival in Europa. Da die Tickets grundsätzlich innerhalb von 2 Stunden ausverkauft sind, hat es leider nicht die europäische Reputation wie Roskilde, Werchter oder Sidget. Der Run auf die Tickets hat aber natürlich seinen Grund. Ein tolleres Gelände, bessere Organisation und ein breiteres Line-Up wird man kaum finden. Und dies bereits seit fast 20 Jahren. Für mich ist es seit ca. 15 Jahren ein Pflichttermin und neben dem Haldern Pop auch das einzige Festival bei dem ich mich grundsätzlich wohlfühle. 


Die unzähligen Schönheiten und Bauten, sowie das fast unüberschaubare Programm können hier nicht im einzelnen besprochen werden. Nur soviel : Alle 11 Bühnen sind in echten Zirkuszelten untergebracht von denen die Hauptbühne, das ALPHA als größtes portables Zelt ca. 15.000 Menschen incl. Riesenbühne aufnehmen kann. Das Lowlands ist immer schon als vollständige Stadt konzipiert und somit gibt es jeden Morgen eine kostenlose eigene Zeitung, Jogakurse, Sauna, Lesungen, Theater, politische Diskussionen, ganze Opernaufführungen u.s.w. 

Beschränken wir uns hier auf das Konzerttagebuch-Klientel der klassischen Bands…..die üblichen Hauptbühnen-Verdächtigen wie Franz Ferdinand, NIN, Hurts und Editors gibt es hier natürlich auch, konnten in meinem Zeitplan aber schon gar nicht berücksichtigt werden. Viel schöner finde ich auch die kleineren Zelte, die oft spontanere und unperfektere Momente zulassen. 

Veränderung ist einer der ständigen Begleiter dieses Festivals, alles wird jedes Jahr erneut hinterfragt und wenn nötig verbessert. Ein Prozess der mir dieses Jahr auch extrem bei einigen Band auffiel. 

Beginnen wir mit Daughter, deren Haldern Pop Auftritt mich im letzten Jahr gar nicht überzeugen konnte. Zu eintönig, zu schüchtern agierte die Band damals noch. Dies ist bei Ihrem jetzigen Auftritt schnell verflogen. Trotz Beginn um 11:30 Uhr (morgens !!) und schwerem Kater nach dem Transfer vom Pukkelpop am Vortag, bearbeitet Gittarist Igor Haefeli schon im 2. Song sein Instrument mit einem Geigenbogen im Jonsi Stil und erzeugt herrliche Noise-Attacken. Der Auftritt verläuft sehr abwechslungsreich, die ganz leisen Töne gibt es immer noch, doch die Band kann einfach mittlerweile das Publikum bis zum Ende fesseln. Der Auftritt ist trotz der frühen Stunde sehr gut besucht (ca. 4000) und wird mehr gefeiert als vieles andere zu späterer Stunde. Ein schöner Auftakt. 

Half Moon Run und Little Green Cars müssen aus Zeitgründen leider ausfallen. Dafür wollte ich mir den Mittagsauftritt der deutschen SEEED-Vertretung in Holland nicht entgehen lassen. Wegen des kompletten Showaufbaus der Deutschland – Tour muss die Band wohl als erste im Grolsch-Zelt ran. Eine CD der Band wird aber auch erst im Herbst in den Benelux-Ländern veröffentlicht. Somit ist es zunächst noch recht leer im Zelt, als aber dann der Dancehall Donnerhall der Truppe einheizt, strömen tausende dazu und bald gibt es kein halten mehr. SEEED spielen eine absolut perfekte Best of. Show, spielen dazu Songs in anderen Versionen (z.B. Augenbling in eng. Sprache). Peter Fox hält den Laden mit launigen Ansprachen zusammen. Diese Band könnte jeden FDP Parteitag zu einer Raserei werden lassen. Ich sage dies als vehementer Reggaeverweigerer. Trotz der Perfektion ist fast alles Live und kann spontan angepasst werden. Bläser und Cold Steel Drummer sind auch dabei und müssen am Ende spontan den Set kürzen. Auch das gelingt ohne Probleme. Mr. Fox ist als Profi natürlich sauer, hier mal von der Bühne gejagt zu werden. Sein Blick beim 2minutes-Zeichen des Managers von der Seite war vernichtend…aber so ist das eben, wenn man in neue Länder aufbricht…Am Ende müssen sowohl auf der Bühne als auch im kompletten Publikum die verschwitzten Hemden getauscht werden. Alle glücklich. Schön die Band mal gesehen zu haben, hätte ich als Einzelkonzert wohl nie gemacht. 


Nach einer Grolschpause geht es weiter, diesmal in ein kleineres Zelt zu den Chvrches. Keine Seltenheit neuerdings: die Band hat noch nicht einmal eine CD veröffentlicht, trotzdem singen alle mit. Geboten wird melodiöser Elektropop von Sängerin Laureen Mayberry (schöner Name) und Iain Cook (Ex-Twilight Sad). Das ist schön anzusehen, klingt auch gut, ist aber bis auf den Überhit Recover auf Dauer etwas langatmig. Vor allem die Bühnenshow mit 2 Keyboards und der einsamen, zierlichen Sängerin in der Mitte bietet nicht viel Abwechslung. Trotzdem eine Band die sicher bald größere Hallen füllen wird. 

Die große Kirmesshow von Majo Lazer und die schon zu oft gesehenen Editors lasse ich links und rechts auf dem Gelände liegen und entscheide mich zunächst für Moderat im großen Bravo-Zelt. Wer noch nie in den Niederlanden auf Festivals war, wird nicht glauben wie groß die Bewunderung unserer Nachbarn für hiesige DJ`s und Danceacts ist. Und so werden die eher ruhigen Songs von Moderat hier genauso begeistert aufgenommen wie das eher poppige Set von Modeselektor letztes Jahr. Dazu kommen wirklich tolle Visuals auf einer Art durchsichtigen Prismenleinwand. Die gesungenen Tracks wirken live manchmal etwas spröde, sobald der Beat übernimmt ist dieses Manko schnell vergessen. 

Ohne kurze Überschneidung geht es nicht, da ich unbedingt noch Polica sehen will. Wirkt die CD durch den groben Einsatz von Autotune  etwas befremdlich, ist man beim Konzert sofort von der klaren Stimme und Präsenz der Sängerin Channy Leaneagh überzeugt. Alles wirkt plötzlich stimmig und sogar sehr tanzbar. 

Die nachfolgenden DJ Sets bis 5:00 Uhr morgens mit u.a. Richie Hawtin und DJ Koze fallen leider wegen spontaner Müdigkeit aus. 

Zwei Schwachpunkte dieses Tages seien noch erwähnt: 1. Austra: vielleicht einfach nicht meine Band, ich fand den Auftritt langweilig und 2. Judah Friedlander (der Comedian mit den verrückten Truckermützen aus 30 Rock) lieferte einen schwachen Altherren Witzeabend ab, schade. 

Tag 2

Der nächste Tag beginnt wieder früh, zunächst wie immer mit der festivaleigenen Zeitung die überall auf den Campingplätzen verteilt wird. Hier erfährt man nicht nur, welche Highlights man gestern auf den jeweils anderen zehn Bühnen verpasst hat, sondern wird auch über aktuelle Programmänderungen bestens informiert. Heute trifft es den Rapper London Grammar, der aus stimmlichen Gründen sein Konzert am Vormittag absagen muss. Ersatz hat der Veranstalter sofort parat: S O H N treten auf, und somit wird sofortiger Aufbruch fällig, da der Künstler bisher ausnahmslos gelobt wurde. 

S O H N stehen dann auch um 11:00 Uhr morgens auf der Bühne, im Publikum natürlich auch Menschen, die die Zeitung noch nicht gelesen haben und Hip-Hop erwarten. Den gibt es zum Glück nicht, dafür sehr melodischen Indie-Pop von einer dreiköpfigen Band. S O H N haben bisher nur über diverse Video-Portale auf sich aufmerksam gemacht, eine CD ist noch gar nicht geplant. Trotzdem spielen sie hier 45 min fast ohne Schwächen auf. Die Stimme ist von hohem Wiedererkennungswert und wird bestimmt noch viele Fans gewinnen. Die Band ist mittlerweile bei 4 AD unter Vertrag und hat 2 EPs veröffentlicht. Ein erster, ungeplanter Höhepunkt des noch frühen Tages. 


Danach kann mich der holländische Syd Barratt (Jacco Gardner) leider gar nicht überzeugen, ein Hit macht eben noch keinen Sommer. Die holländischen Nachbarn sehen das natürlich anders, und die jungen Mädchen tanzen mit Blumen in den Haaren. Ist doch auch schön anzusehen. 

Danach fällt die Entscheidung zwischen Haim und Jake Bugg leicht. Haim hatte ich bereits vor ein paar Wochen auf ihrem Nachholkonzert in Köln gesehen, dort spielten Sie aber auch nur gefühlte 45 Minuten. Da die CD immer noch nicht erschienen ist, konnte ich vom nun gleichlangen Festivalset keine Neuerungen erwarten. Daher lieber nochmal zu Herr Bugg, der mich damals als völliger Frischling beim Support von Noel Gallagher in Düsseldorf noch gar nicht überzeugen konnte. Interessant zu sehen, wie er dem blutjungen Publikum eine Lektion in britischem Retropop erteilt. Emotionslos und an der Grenze zur Arroganz, so wie man es gewohnt ist. Die Bühnenshow tendiert natürlich gegen null, Schlagzeuger und Bassist sind nur Beiwerk. Jake Bugg wirkt verloren auf der großen Bühne, sein Sound ist monoton, die Versionen als solche nicht einen Millimeter anders als auf CD. Trotzdem sind die Songs einfach gut, und das spürt man bei jedem Track. Er spielt neue Songs, sein Album, sowie ein unerwartetes Cover von Neil Young (Hey Hey, My My) und am Ende natürlich Lightning Bolt. Der Rahmen des Auftritts war für eine tolle Atmosphäre zu groß, an den Songs lag es nicht. 

Bat for Lashes, MS MR, Noah and the Whale, Alambama Shakes und auch James Blake fallen einem spontanen Gang über das Gelände zum Opfer, bei dem mich freundliche Einheimische in die Geheimnisse des Grolsch Witt Bier einweihen. Doch schon bald muss ich weiter, denn zwei Highlights warten noch: Foals und The Knife. 

Nachdem Foals-Sänger Yannis Philippakis unlängst noch klagte, die Headliner bei Festivals wären immer nur alte Säcke, die nichts mehr zu sagen hätten, kann seine Band schon bald das Gegenteil beweisen. Hier reicht es nur zur zweitletzten Band des Abends, aber auch den Part muss man sich ohne große Radiohits erstmal erspielen. 

Immerhin haben die Foals drei gute Alben in Folge veröffentlicht und konnten in den Live-Shows immer überzeugen. Dies ist auch heute nicht anders. Die Band spielt in bestechender Form. Allerdings sehr auf Perfektion bedacht, auch wenn dies nicht immer so klingt. Der Auftritt ist wohl am ehesten mit dem Begriff „breitbeinig“ umschrieben. Vom fiebrigen, feinen Gitarrensound der ersten Tour ist das weit entfernt. Hier brummt der Bass und knüppelt das Schlagzeug die Songs nach vorne. Trotzdem ist der eigene Stil der Foals immer noch da. Der Sänger ist ständig auf Tour über die Bühne und ins Publikum, es gibt viel zu sehen und die Songs sind spitze. Höhepunkte wie immer: Spanish Sahara und Publikumsliebling My Number. Mit noch einem weiteren guten Album und Hits wird es die Band schon bald auf die Headliner Position schaffen, und das völlig zurecht.

Danach steht die letzte Entscheidung des Festivals an: Klassiker Nick Cave oder volles Risiko bei The Knife. Wie meistens entscheide ich mich für das noch nicht gesehene und begebe mich nach einer Frikandelstärkung zur Knife Show. So ist der korrekte Begriff. Wurden die ersten Gigs dieses Jahr noch mit „The Knife – Live“ als normale Konzerte beworben, ist der Name mittlerweile auf „Shaking the Habitual Show“ geändert. Dies hat gute Gründe. Nicht wenige Zuschauer sollen genervt die Hallen verlassen haben, als sie das Ergebnis der jahrelangen Knife Pause auf der Bühne sahen. Die Kritiken waren gespalten wie selten, ich war gespannt. 


The Knife und auch der von mir geliebte Ableger Fever Ray waren immer auch Kunstprodukte, die als Gesamtkunstwerk funktionierten. So verwundert mich auch nicht der völlig überdrehte Anheizer der Show, der das Publikum schonmal auf die Eigenarten des Abends vorbereitet. Dann beginnt das Konzert mit 20 Minuten Droiden-Doom-Pop, indem die Band vermummt auf diversen Fantasieinstrumenten einen irren Sound erzeugt. Ein Sog von Beat und Drums, Lichtorgeln und 4 Meter langen Keyboards geben einen ungefähren Eindruck. 

Danach wird es richtig verrückt. Die Truppe erscheint in einer Art Trainingsanzügen und bietet eine moderne Riverdance Version. Die nächsten und letzten 40 Minuten wird es keinen Live-Sound mehr geben, nur gelegentlich wird live gesungen. Klingt dämlich, ist aber in keiner Sekunde langweilig, weil die Qualität des Gebotenen einfach toll ist. Die Tänze sind atemberaubend, das Licht unglaublich gut und perfekt auf die Show abgestimmt. 

Das eigentliche Konzept eines Konzertes wird hier im Rahmen der künstlerischen Freiheit völlig auf den Kopf gestellt. Alle Grenzen verschwimmen: Live und Playback, männlich – weiblich, Sänger und Tänzer, Star und Statist. Als verwöhnter und abgebrühter Konzertgänger fühlt man sich wie in einem Lars von Trier Film. Es muss nachgedacht werden, obwohl die Schönheit der Darstellung einen nur träumen oder tanzen lassen will. Am Ende des unfassbar kurzweiligen Sets explodiert die Bühne fast vor Farben, die Tänzer sind nur noch schemenhaft im Nebel tanzend zu erkennen und Karin Dreijer Andersson singt dazu doch noch selber ein Mantra in den Wall of Sound. 

Den Kopf voller neuer Eindrücke und wie immer in dem Gefühl viel zu viel verpasst zu haben wanke ich zum Klappcaravan und freue mich schon auf das nächste Jahr beim Lowlands Festival. 


Fotos: Dirk; Musikerfotos: Archiv



 

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