Mittwoch, 17. März 2010

Musée Mécanique & Get Well Soon, Paris, 16.03.10


Konzert: Musée Mécanique & Get Well Soon
Ort: La Cigale Paris
Datum: 16.03.2010
Zuschauer: fast ausverkauft
Konzertdauer: wird demnächst mitgeteilt


Live report en français ci dessous!

"Man kann nicht alles haben." Schon als Kind habe ich diesen Satz gehasst. Und heute hat Glück, Schicksal, oder was auch immer dafür gesorgt, daß dieser Spruch ad absurdum geführt wurde. Ich habe nämlich wirklich alles bekommen, was ich mir gewünscht hatte. In Demut danke ich dem lieben Gott.

Ein sehr emotionaler Abend für mich geht zu Ende. Sean und Micah von Musée Mécanique wollte ich bei ihrem Support-Konzert für Get Well Soon auf keinen Fall verpassen, denn die Jungs hatten am 12. Dezember zusammen mit Laura Gibson eine wundervolle Oliver Peel Session bei uns gespielt. Laura hat absolut netterweise persönlich dafür gesorgt, daß ich auf die Gästeliste kam. Sean ist nämlich ihr Lover. Zusammen mit Micah und einem dritten Musiker spielten sie ein traumhaftes schönes Konzert, das mir sehr naheging. Das erste Lied hatte ich verpasst und amüsanterweise war es ausgerechnet Konstantin Gropper, der mich darüber informierte. Ich traf ihn zufällig im Publikum und fragte aufgeregt, bei dem wievielten Lied die Amis sind. Als ich hörte, daß sie gerade erst ihren zweiten Song spielen, war ich beruhigt. Ich sollte also in den Genuß des fast vollständigen Sets kommen. Der Stil von Musée Mécanique gefiel mir ganz ausgezeichnet. Eigentlich fast eher Dream Pop als erdiger Folk, aber dermaßen einschmeichelnd und tröstlich, daß ich mit der Zunge schnalzte. Mal sang der hochaufgeschossene Sean, mal der eher stämmige Micah. Sean klang stimmlich ungefähr nach Sufjan Stevens (vor allem beim wundervollen Nothing Glorious, während Micahs Gesang eher an Guy Garvey von Elbow erinnerte (Beispiel Things That I Know). Abgerundet wurde das Ganze durch sphärische, ja fast esoterisch zu nennende Keyboardklänge. Das erinnerte mich an die Franzosen Syd Matters, die mich mit einer ähnlichen Rezeptur regelmäßig dahinschmelzen lassen. Die Stücke stammten fast ausschließlich vom hochgelobten Album Hold This Ghost, aber mein Lieblingsstück des Abends war ein Non-Album Track. Wie Sean erklärte, sei es bei einer letztjährigen Tour durch den südlichen Teil Amerikas entstanden, als sie mit Laura Gibson und Damien Jurado auf Achse waren. Das Lied traf mich mit voller emotionaler Wucht, denn ich mußte natürlich auch an unsere Session mit Laura Gibson denken und daran welch gutherziger und liebenswürdiger Mensch sie ist. Mir ging besonders ein Moment jenes wunderbaren 12. Dezember nicht aus dem Kopf: Laura hatte mich um einen Tee gebeten und ich hatte das kochende Wasser fast eine Stunde lang auf der Herdplatte vergessen. Traurig schaute Laura auf den letzten kleinen Rest Wasser und wirkte ganz verloren. Natürlich habe ich ihr einen neuen Tee gemacht, aber dieses Bild der traurig dreinblickenden Laura vergaß ich nicht mehr und es wurde durch den Song von Musée Mécanique wieder wachgerufen. Innerlich schluchzte ich und das wegen einer Tasse Tee! Natürlich nicht nur deshalb. Vielmehr wurde mir deutlich, welch großes Glück ich hatte, formidable Künstler wie Laura Gibson und Micah und Sean in unserem Wohnzimmer gehabt zu haben. Ich konnte es irgendwie nicht fassen! Und nun standen die beiden Portlander in der Cigale auf der Bühne. Wahnsinn!

Im Anschluß dann Get Well Soon und Gropper und seine Band sorgten für eine fulminante Fortsetzung des aufregenden Abends. Gut 45 Minuten habe ich von ihrem Konzert gesehen und dabei jede menge starker neuer Lieder und tolle Videos geboten bekommen. Die gespielten Songs und die projezierten Bilder waren perfekt aufeinander abgestimmt. so daß man sich fast wie im Kino fühlte.

Schon die ersten Videos waren von verstörender Schönheit. Ein junges Mädchen mit rotem Bonnet, Mäntelchen und niedlichen Zöpfchen, das zu Seneca's Silence in einer Waldlichtung spielt. Kaum zu entscheiden, ob dies eher heiter (die einfallenden hellen Lichtstrahlen), oder bedrohlich (ein kleines Mädchen alleine im Wald, da wittert man Gefahren) wirkte. Dann wurde es deutlich lustiger, denn die Bandmitglieder bekamen einer nach dem anderen eine Sahnetorte ins Gesicht gepfeffert. Natürlich nur auf der Leinwand, im Publikum wagte sich niemand mit süßen Lebensmitteln Richtung Bühne zu werfen. Und wer bringt schon eine Sahnetorte mit in die Cigale? Vielleicht mal eine Anregung für das letzte Konzert der Vexations Tour: Tortenschlacht mit allen Bandmitgliedern und dem Publikum!

Der Bilderreigen ging munter weiter, man sah in der Folge Astronauten, eine geballte Faust (war Boris Becker da?), eine herrliche Nadelwald-Landschaft, aber auch den krassen Gegensatz, nämlich abgestorbene Bäume, deren dürre blattlose Äste in den Himmel ragten. Eine Metapher für Traurigkeit, Melancholie und Trostlosigkeit. Auch Groppers Lieder enthalten diese Elemente, aber seine Songs schaffen es immer wieder, sich von den Fesseln der Depression zu lösen, gegen die Tristesse aufzubegehren und in einem exstatischen, euphorischen Finale zu enden. Manisch depressiv würde der Mediziner sagen und gerade diese Bipolarität macht einen Großteil der Faszination von Get Well Soon aus. Das Pariser Publikum war begeistert und spendete nach jedem vollendeten Stück frenetischen Beifall. Sichtlich gerührt bekannte Konstantin dann auch: "Nous sommes très nerveuses" (eigentlich richtigerweise nerveux, aber egal) de jouer ici. C'est quand même La Cigale!" - Wir sind sehr nervös heute, denn wir spielen ja schließlich in der (legendären ) Cigale. Die angesprochene Nervosität merkte man der vielköpfigen Band aber kaum an. Alles flutschte und Dirigent Gropper hielt auf geniale Weise die Fäden zusammen. Eine perfekt eigespielte Truppe, die auch die neuen Songs schon wie im Schlaf exekutierte. Einer dieser neuen Songs war We Are Free - "Nous sommes libres", wie Konstantin richtig übersetzte. Ein Stück wie aus einem französischen Spielfilm der 70 er Jahre. Sanft melancholisch, aber für Get Well Soon-Verhältnisse fast heiter und von einem "bambambam" Singalong durchzogen. "It's time to lose it all, cause then we are free" so der Text. Wenn man alles verloren hat, lebt es sich freier, stimmt schon irgendwie...

Zwei weitere Neulinge ließen mich besonders aufhorchen. A Voice In The Louvre passt natürlich nirgens besser als in Paris und Werner Herzog Gets Shot war schon allein des Titels wegen ein Aufhorcher.

Zu A Voice In the Louvre sah man wieder das junge Mädchen mit den Zöpfen auf der Leinwand, daß uns schon ganz am Anfang begegnet war. Die Bilder schauten das Mädchen an nicht umgekehrt, erfuhr man da. Hmm, interessant! Ich hingegen schaute Verena Gropper an, die abwechselnd bunte Glöckchen erklingen ließ, um dann auf die Geige umzusatteln. Das schleppend begonnene Lied nahm immer mehr Fahrt auf, ruderte dann aber wieder zum Ausgangstehema zurück und Verena wechselte nun wieder von der Geige zu den Glöcken. Dieses Spielchen wiederholte sich ein paar Mal, bevor beim Finale alle Zügel gelockter wurden und Konstantin und Maxi wild abrockten.

Bei Werner Herzog Get Shot dominierten die schwermütigen Geigen und das Lied hatte sanfte, dreampoppige Züge. Eines der scönsten Lieder im Set mit der markanten Songzeile "There's no excuse, let's try and fail and be winning still" und einer operettenhaft singenden Verena. That Love und der alte Klassiker If That Hat's Missing I've Gone Hunting folgten, aber die Zeit drängte immer mehr. Ich wollte nun die Cigale verlassen, um zu Mohna zu eilen, die im Scopitone als Headliner angesetzt war. Auf dem Weg nach draußen traf ich zufälligerweise Micah von Musée Mécanique, der mich herzlich begrüßte und mich in den Backstagebereich führte, wo Sean abhing. Backstage in der Cigale, das war für mich eine ganz neue, spannende Erfahrung! Micah hat mir sogar noch die feine CD geschenkt und gerne wäre ich noch bei ihnen verweilt, aber ich musste ja jetzt zu Mohna. Ich hastete wie ein Irrer und kam tatsächlich in dem etliche U-Bahnstationen und einen langen Fußweg entfernten Club pünktlich an, um noch das gesamte Konzert der deutschen Pianistin zu genießen. Viele bekannte Gesichter im Publikum und ein unglaublich berührendes, fragiles Konzert. Hinterher hieß es Abschied von Mohna, ihrer Schwester Marina und dem dritten Begleitmusiker Sebastian (und der lieben Freudin Cora) zu nehmen. Innerlich schluchzte ich, weil mir die Hamburger ganz schnell sehr ans Herz gewachsen sind. Wahnsinnig liebenswürdige, natürliche Menschen!

Mein Feuereifer trieb mich dann noch ins Baron, wo die Kanadierin Caroline Keating aufspielte.
Ebenfalls Pianistin und auch sie sehr talentiert. Schönes Konzert einer feurigen jungen Dame, die sich völlig zu Recht darüber beklagte, daß das Publikum zu laut schnatterte. Auch sie schenkte mir ihre CD, weil sie sagte, daß dies ihr letzter Auftritt der Tour gewesen sei und sie nicht mit Tonträgern zurückkehren wolle. Dennoch zückte ich mein Portemonnaie und bezahlte ihr 10 Euro, was angemessen war. "Geben und nehmen" besagt das Sprichwort und ich hatte an diesem irren Dienstagabend so viel bekommen, daß ich auch mal etwas zurückgeben musste. Glück, Zufall oder der liebe Gott waren sehr gnädig zu mir. Ich bin dankbar und hoffe, daß ich es verdient hatte...


Setlist Get Well Soon, La Cigale, Paris: (merci à Marguerite!)

01: Seneca's Silence
02: People Magazine Front Cover
03: We Are Free
04: 5 Steps/7 Swords
05: A Voice In The Louvre
06: Listen! Those Lost At Sea Sing A Song On Christmas Day
07: Werner Herzog Gets Shot
08: That Love
09: If This Hat's Missing I've Gone Hunting
10: We Are Ghosts
11: A Burial At Sea
12: Tick Tack! Goes My Automatic Heart
13: Angry Young Man
14: Roman Empire

15: Jesus.etc (Wilco), zusammen mit Musée Mécanique
16: Help To Prevent Forest Fires
17: I Sold My Hands For Food So Please Feed Me

18: Christmas In Adventure Parks

Pour nos lectuers francais:

Concert époustoufflant de l'allemand Konstantin Gropper alias Get Well Soon et ses musiciens même si je n'ai vu que la moitié du concert (j'étais très occupé ce soir là!) Dans une Cigale presque complète le jeune prodige de Berlin a parfaitement bien mené son groupe, d'envolées lyriques en mélodies planantes vers le septième ciel musical. Un style dramatique, épique et rêveur avec une grandiloquence bien maitrisée. Les belles videos projetées sur l'écran au fond de la scène accompagnaient bien les morceaux du nouvel album vexations qui, bien que données pour la première fois, firent immédiatement mouche. Des chansons comme Werner Herzog Gets Shot ou A voice in the Louvre nous embelliront tout le reste de l'année 2010. Gropper a su melanger à merveille les influences comme Beirut, Arcade Fire, Radiohead et Nick Cave pour créer quelque chose de nouveau et passionnant. En outre, le groupe joue de mieux en mieux. C'est parfaitement bien rodé et carré sans devenir trop lisse. A part Konstantin, c'est sa soeur Verena au violon (très sexy ce soir dans une robe fleurie avec des bottes noire) et Maxi le guitarriste-trompetiste qui m'ont le plus impressionné. Lors du rappel les excellents Musée Mécanique qui avaient assuré la première partie montèrent sur scène pour participer à une reprise de Wilco. Le concert s'achève par un deuxième rappel et l'assurance que Get well soon à définitivement franchi les limites de la notoriété germanique, pour s'ancer sur la scène internationale.

- Photos de Get Well Soon @ La Cigale ici



1 Kommentare :

meg hat gesagt…

ein schoenes Konzert, bestaetige!

 

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