Sonntag, 21. April 2013

Sophie Hunger, Stuttgart, 20.04.2013


Konzert: Sophie Hunger 
Ort: Theaterhaus, Stuttgart  
Datum:20.04.2013  
Zuschauer: um die 1000 (vermutlich ausverkauft)  
Dauer: 100 Minuten

 
Es ist ein unangenehmer Apriltag, die sommerlichen Temperaturen sind einstelligen Graden und Regenwetter gewichen. Läuft man durch den Stuttgarter Nieselregen fallen neben unzähligen Trachtenträgern überproportional viele Plastiktüten der einschlägigen Stuttgarter Plattenläden auf. Das Canstatter Frühlingsfest beginnt, Grünen-Oberbürgermeister Fritz Kuhn darf das Bierfass anstechen, während vorm Neuen Schloss über hundert Bürger wegen früherer Aussagen bezüglich kindlicher Sexualität gegen die Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Kuhns Parteikollegen Daniel Cohn-Bendit protestieren. In den Plattenläden ist von Protestkultur heute nichts zu spüren, vielmehr feiert man sich selbst mit exklusiven Veröffentlichungen am internationalen „Record Store Day“. Bei einer Tasse Kaffee in netter Gesellschaft im „Ratzer Plattencafé“ wird mir bewusst, dass man sich kaum besser auf ein Konzert vorbereiten kann. 
Sophie Hunger habe ich in der Vergangenheit wiederholt verpasst – ob Tübingen, Karlsruhe oder Frankfurt, es kam immer etwas dazwischen. Trotz des zeitgleich stattfindenden Gastpiels von Sarah Blasko im BIX Jazzclub, fiel die Entscheidung also leicht. Ohne Vorband beginnt die talentierte schweizerische Künstlerin das Konzert mit „Rererevolution“, dem eröffnenden Stück ihres aktuellen Albums „The Danger of Light“. Es ist der glänzende Gegenpol zu den volkstümlichen Schlager grölenden Volksfestgängern, die einem kurz vorher noch am Hauptbahnhof über den Weg liefen. Sophie Hunger im dezenten schwarzen Kleid sitzt hinter ihrem Flügel, ein einziger Scheinwerfer fokussiert in diesem Moment die Bühne und lässt die große Chansonette der schweizerischen Gegenwart in hellem Licht erstrahlen. „Where is my revolution, revolution?“, singt sie in ihrer ganz eigenen weltentrückten Art

Im Vorfeld hielt ich sie bereits für eine charismatische Sängerin, mit einer fraglos außergewöhnlichen, wenn auch nicht besonders guten Stimme im klassischen Sinne. Wie bei Bob Dylan, dachte ich damals, wären ihre Texte wichtiger, ihre schüchterne Selbstinszenierung von so viel größerer Bedeutung als ihr bloßer Gesang. Im Theaterhaus dauert es nicht lange bis ich mich eines Besseren belehren lasse. Spätestens beim Refrain von „Can you see me?“ muss ich offen zugeben, mich verkalkuliert zu haben. Mir stehen die Nackenhaare zu Berge, während ihre fantastische Band Meisterleistungen vollbringt. Wie Björk oder Tori Amos hat sich die 29-jährige Diplomatentochter zu einer der großen „chicks with attitude“ entwickelt, wie es ein Freund bezeichnen würde. Dass sie als erste Künstlerin aus der Schweiz 2010 beim Glastonbury Festival spielen durfte, dürfte niemanden überraschen. Die Bühne ist in rotem Dämmerlicht gehalten, Alexis Anerilles steuert am Mini-Moog wirkungsvolle Effekte ein, während Sara Oswald am Cello Maßarbeit leistet.

Hunger reißt den Mund weit auf, singt laut ohne unangenehm zu schreien. Szeneapplaus. Meine Freundin ist seit vielen Jahren glühender Fan, wollte mich seit wir zusammen sind, mit auf ein Konzert ihres großen Idols, das sie das erste Mal im Berliner Lido sah, nehmen. Endlich sind wir hier und ich bin ihr sehr dankbar, mich auf Hungers Musik aufmerksam gemacht zu haben. „Shape“, Katjas Lieblingssong, gibt es schon an dritter Stelle im Theaterhaus zu hören, Trockennebel steigt auf, Hunger spielt akustische Gitarre. Ohnehin ist „Monday's Ghost“ von 2009 ein klassisches Meisterwerk moderner Popmusik zwischen Jazz und Folk. 
 

Erst jetzt richtet die gebürtige Bernerin das Wort an das begeisterte Stuttgarter Kulturpublikum. „Guten Abend, es ist schön in einer Stadt zu spielen, die so weit weg liegt.“ Gelächter begleitet von Applaus erfüllt das Theaterhaus. Kunstpause. „Vom Mars entfernt, wo wir herkommen.“ Es soll nicht die einzige merkwürdige Aussage heute Abend bleiben, aber so unberechenbar die Kommunikation mit dem Publikum ausfällt, so wunderschön ist die Musik. „Weil wir so einen weiten Weg hinter uns haben, spielen wir heute fünf Stunden. Schön, dass ihr eure Zeit dafür opfert, zwei Stunden Lebenszeit. Wir sind alle dabei zu sterben. Es ist Samstag, es ist Frühling, auch wenn es nicht so aussieht.“ 


Die Referenz auf Leonard Cohen, die Hunger in „First We Leave Manhattan“ erweist, fällt keinesfalls übertrieben aus. Langeweile kommt in den 100 Konzertminuten sowieso nie auf. Auf dem Cover ihres jüngsten Album zeigt sich Hunger mit kritischer Miene mit umgehängter Lichterkette, die Aura dieses Fotos trifft die Atmosphäre des Konzerts ziemlich gut. Alles ist ungewöhnlich, vor allem ungewöhnlich gut. In seiner Dynamik ist „Holy Hells“ ein weiterer Beleg ihrer im deutschsprachigen Raum einmaligen Klasse. Überhaupt ist Sophie Hunger die einzige Künstlerin, die mir einfällt, der es mühelos gelingt Songs in vier Sprachen aufzunehmen, ohne auch nur ansatzweise Gefahr zu laufen, sich übernehmen zu können. Diesmal schreit sie markerschütternd ins Mikrophon, ihre Mitmusiker toben sich an verschiedenen Instrumenten aus. Flügelhorn und Bass tun ihr Übriges. Musikalisch ist das schon hochklassiger zeitgenössischer Jazz, hohe Aufmerksamkeit erfordernd, das Risiko, dass diese abnehmen könnte, besteht allerdings zu keiner Zeit. Auf schweizerdeutsch folgt „Spiegelbild“, ein hauchzarter Folksong, der mich in seiner Fragilität gefangen nimmt. Konsequent ist es einen Song in ihrer Muttersprache deutlich vor einem Lied auf deutsch zu spielen. Das Album „1983“ gefiel mir in seiner gesamten Klangästhetik wohl am Besten, „Le Vent Nous Portera“ ist ein vortrefflich arrangiertes Chanson und das erste französische Lied heute Abend. Die Kosmopolität der Schweiz an sich und die kosmopolitische Kindheit in verschiedenen Ländern im Besonderen formten aus der geborenen Emilie Jeanne-Sophie Welti eines der imposantesten musikalischen Gesamtkunstwerke der alternativen Musikwelt. Zu leugnen, dass Hunger der Traum eines jeden Feuilletonisten sein dürfte, fällt mehr als schwer. Ist nahezu unmöglich. Die kongeniale Melange verschiedenster Musikrichtungen, die ihr gelingt, sichert der Schweizerin eine Ausnahmestellung. Was ist sie nun? Jazzerin, Popsängerin, Chansonette? All das vereinigt sie in sich und kreiert mit Sara Oswald (Cello, Gesang, Klavier, Piano, Minimoog, Glockenspiel) aus Fribourg, Alexis Anerilles (Rhodes, Minimoog, Gesang, Trompete, Flügelhorn, Bass) aus Paris, dem spanisch stämmigen Schweizer Alberto Mallo (Schlagzeug, Gesang, Beats, Glockenspiel) aus Lausanne und Simon Gerber (Bass, Gitarre, Klarinette, Gesang) einen perfekten Sound.

Einige Minuten nimmt die ausführliche, sympathische Bandvorstellung ein und jedes Wort ist verdient. Ich wurde mal gefragt, ob man Sophie Hunger als riot girl bezeichnen könnte, die Antwort fiel nicht leicht, aber Songs wie „Das Neue“ lassen das Ganze nahe liegend erscheinen. Die Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus und Zeitgeist fällt subtil aus, Gerber spielt verträumt auf der Klarinette. „Zuckerberg ist der neue Columbus“, haucht Hunger unvergleichlich. 

Ihr schweizerischer Akzent ist immer gegenwärtig, aber herrlich unterschwellig. „Wenn du bald nachhause kommst, dann bin ich nicht mehr hier / Ich kann nicht bleiben, wie ich bin, trotz dir hier“.

Guten Morgen 1983, wo sind deine Kinder?“ Der Titeltrack des vorletzten Albums schlägt ein. Zuckersüß und bitterböse raunt sie gekonnt verstörende Zeilen. „Meine Augen sind aus Glas und ich sehe immer schärfer / Aus meinem Mund strömt Gas und ich werde immer wärmer.“ Es läuft einem kalt den Rücken herunter, die Kraft der Performance fasziniert, die Band harmoniert besser den je. „Dann singe ich dir ein Volkslied / Dann singe ich dir ein Volkslied / Weil das alles ist, was ich hab'“, die unnahbare Sängerin steigert sich in den packenden Refrain, großer Beifall quittiert die Klasse. „Your Personal Religion“ ist fast ein klassischer Folkrocksong, der auch aus der Glanzzeit der New Yorker Singer-Songwriterin Suzanne Vega stammen könnte, „Citylights Forever“ folgt mit betörenden Klängen. Die drei aufeinanderfolgenden Songs von „1983“ sind einer von vielen Glanzpunkten eines erstklassigen Konzerts. 
 

Z'Lied vor Freiheitsstatue“ von 2012 stellt schon den Schlusspunkt des regulären Sets dar. Auf schweizerdeutsch gesungen, verstehe ich kein Wort, trotzdem steigen mir Tränen in die Augen. Wenn Musik derartige Emotionen freisetzt, ist sie über jeden Zweifel erhaben. 
 

Dass die Zugaben ausgerechnet mit meinem Lieblingssong der Schweizerin, „Walzer für Niemand“ beginnen, beglückt mich restlos. Es kann nichts mehr schief laufen; ich erlebe ein perfektes Konzert, eines der besten des Jahres, das steht bereits jetzt fest. Letzten Oktober fühlte ich mich bei Wilco an gleicher Stelle ähnlich, es wurde mein Konzert des Jahres. Als Song besitzt „Walzer für Niemand“ mindestens die gleiche Klasse wie „Via Chicago“. So charismatisch wie Jeff Tweedy ist Sophie Hunger allemal. „Niemand, siehst du's, ich wachse nicht mehr / Meine Hände sind Füße, Niemand schau her / Bald bin ich nichts und, was dann bleibt / Ist deine Wenigkeit“. 


Mit „Souldier“ und „Like Like Like“ ist der erste Zugabenblock der großen Musikerin, die auch auf dem aktuellen Album des Stuttgarter Rappers Max Herre zu hören ist, hochkarätig besetzt. 
 
Der Applaus wird immer frenetischer. Bei „Like Like Like“ hüllt gleißendes gelbes Licht das Publikum ein, während Hunger passende Zeilen singt („I like to see you“).
Wir haben einfach ohne zu fragen ein Foto von euch gemacht. Natürlich ist das ohne Charakter, aber so ist das heute. Man fragt nicht mehr. Ihr könnt das Bild dann im Internet sehen und euch beschweren, dass ihr nicht gut ausseht. Überhaupt ist es besser nicht gut auszusehen als gut auszusehen. Gut aussehende Menschen sind so langweilig.“ Der ein oder andere scheint irritiert ob der Direktheit der Ansage, doch keimt rasch Beifall auf, als das Quintett zum zweiten Mal auf die Bühne zurückkehrt. „Leave Me With The Monkeys“, das mich stellenweise an ein schönes Gospel erinnert, steigert sich zu einem formidablen Crescendo. „The Fallen“ und „Train People“ folgen, ein Zuschauer überreicht Hunger ein selbst gebasteltes riesiges Papierflugzeug. 


Für „Speech“ kehrt die Band ein letztes Mal auf die Bühne zurück. Hunger fordert die Zuschauer auf aufzustehen, sich bis an den Bühnenrand zu bewegen. „Speech“ wird hart kredenzt. Hunger spielt E-Gitarre, Begeisterung macht sich breit. „Ihr seid wunderschön“, ruft eine sichtlich glückliche Sophie Hunger ins Auditorium und entlässt tausend Stuttgarter nach einem traumhaften Abend in die kühle Nacht und U-Bahnen voller betrunkener Wasen-Heimkehrer. Ich bin ja ein großer Freund überschwänglichen Lobs, sofern es denn berechtigt ist. Heute ist es mehr als das. Eine charismatische Schweizerin spielt nicht nur „Walzer für Niemand“, sondern auch ein perfektes Konzert.



Setlist, Sophie Hunger, Stuttgart:
 
01: Rererevolution
02: Can You See Me?
03: Shape
04: First We Leave Manhattan
05: Holy Hells
06: Heharun
07: Spiegelbild
08: Le Vent Nous Portera
09: Das Neue
10: 1983
11: Your Personal Religion
12: Citylights Forever
13: Z'Lied vor Freiheitsstatue

14: Walzer für Niemand (Z)
15: Souldier (Z)
16: Like Like Like (Z)

17: Leave Me With The Monkeys (Z)
18: The Fallen (Z)
19: Train People (Z)

20: Speech (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Sophie Hunger, Karlsruhe, 01.03.2013
- Sophie Hunger, Berlin, 19.02.2013
- Sophie Hunger, Paris, 29.01.2013 
- Sophie Hunger, Berlin, 19.11.2012 
- Sophie Hunger, Paris, 10.11.2012 (französisch)
- Sophie Hunger, Paris, 10.11.2012 (deutsch) 
- Sophie Hunger, Paris, 09.03.2012 
- Sophie Hunger, Paris, 06.12.2010
- Sophie Hunger, Haldern Festival, 14.08.2010
- Sophie Hunger, Paris, 02.06.2010 
- Sophie Hunger, Köln, 29.09.2009 
- Sophie Hunger, Köln, 09.05.2009 
- Sophie Hunger, Paris, 23.03.2009 
  

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